{"id":5097,"date":"2026-01-27T02:34:14","date_gmt":"2026-01-27T01:34:14","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5097"},"modified":"2026-01-27T02:38:46","modified_gmt":"2026-01-27T01:38:46","slug":"5097-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/5097-2\/","title":{"rendered":"Die Skelettfrau"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die Skelettfrau<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jahre vergingen, bis sich niemand mehr daran erinnern konnte, gegen welches Gesetz das arme M\u00e4dchen versto\u00dfen hatte. Die Leute wussten nur noch, dass ihr Vater sie zur Strafe von einem Felsvorsprung ins Eismeerhinabgesto\u00dfen hatte und dass sie ertrunken war. So lag sie f\u00fcr eine lange Zeit am Meeresboden. Die Fische nagten ihr Fleisch bis auf die Knochen ab und fra\u00dfen ihre kohlschwarzen Augen. Blicklos und fleischlos schwebte sie unter den Eisschollen, und ihr Gerippe wurde von der Str\u00f6mung um- und um- und umgedreht. Die Fischer und J\u00e4ger der Gegend hielten sich fern von der Bucht, denn es hie\u00df, dass der Geist der Skelettfrau dort umginge. Doch eines Tages kam ein junger Fischer aus einer fernen Gegend hergezogen, der nichts davon wusste. Er ruderte seinen Kajak in die Bucht, warf seine Angel aus und wartete. Er ahnte ja nicht, dass der Haken seiner Angel sich sogleich in den Rippen des Skeletts verfing! Schon f\u00fchlte er den Zug des Gewichts und dachte voll Freude bei sich: &#8222;Oh, welch ein Gl\u00fcck! Jetzt habe ich einen Riesenfisch an der Angel, von dem ich mich f\u00fcr lange Zeit ern\u00e4hren kann. Nun muss ich nicht mehr jeden Tag auf die Jagd gehen.&#8220; Das Skelett b\u00e4umte sich wie wild unter dem Wasser auf und versuchte freizukommen, aber je mehr es sich aufb\u00e4umte und wehrte, desto unentrinnbarer verstrickte es sich in der langen Angelleine des ahnungslosen Fischers. Das Boot schwankte bedrohlich im aufgew\u00fchlten Meer, fast w\u00e4re der Fischer \u00fcber Bord gegangen, aber er zog mit aller Kraft an seiner Angel, er zog und lie\u00df nicht los und hievte das Skelett aus dem Meer empor . &#8222;Iii, aiii&#8220;, schrie der Mann, und sein Herz rutschte ihm in die Hose hinunter, als er sah, was dort zappelnden seiner Leine hing. &#8222;Aiii&#8220;, und &#8222;igitt&#8220;, schrie er beim Anblick der klappernden, mit Muscheln und allerlei Getier bewachsenen Skelettgestalt. Er versetzte dem Scheusal einen Hieb mit seinem Paddel und ruderte, so schnell er es im wilden Gew\u00e4sser vermochte, an das Meeresufer. Aber das Skelett hing weiterhin an seiner Angelleine, und da der Fischer seine kostbare Angel nicht loslassen wollte, folgte ihm das Skelett, wohin er auch rannte. \u00dcber das Eis und den Schnee; \u00fcber Erhebungen und durch Vertiefungen folgte ihm die Skelettfrau mit ihrem entsetzlich klappernden Totengebein. &#8222;Weg mit dir&#8220;, schrie der Fischer und rannte in seiner Angst geradewegs \u00fcber einige frische Fische, die jemand dort zum Trocknen in die Sonne gelegt hatte. Die Skelettfrau packte ein paar dieser Fische, w\u00e4hrend sie hinter dem Mann hergeschleift wurde, und steckte sie sich in den Mund, denn sie hatte lange keine Menschenspeisen mehr zu sich genommen. Und dann war der Fischer bei seinem Iglu angekommen. In Windeseile kroch er in sein Schneehaus hinein und sank auf das Nachtlager, wo er sich keuchend und st\u00f6hnend von dem Schrecken erholte und den G\u00f6ttern dankte, dass er dem Verderben noch einmal entronnen war. Im Iglu herrschte vollkommene Finsternis, und so kann man sich vorstellen, was der Fischer empfand, als er seine \u00d6llampe anz\u00fcndete und nicht weit von sich, in einer Ecke der H\u00fctte, einen v\u00f6llig durcheinander geratenen Knochenhaufen liegen sah. Ein Knie der Skelettfrau steckte in den Rippen ihres Brustkorbs, das andere Bein war um ihre Schultern verdreht, und so lag sie da, in seine Angelleine verstrickt. Was dann \u00fcber ihn kam und ihn veranlasste, die Knochen zu entwirren und alles vorsichtig an die rechte Stelle zu r\u00fccken, wusste der Fischer selbst nicht. Vielleicht lag es an der Einsamkeit seiner langen N\u00e4chte, und vielleicht war es auch nur das warme Licht seiner \u00d6llampe, in dem der Totenkopf nicht mehr ganz so gr\u00e4sslich aussah -aber der Fischer empfand pl\u00f6tzlich Mitleid mit dem Gerippe. &#8222;Na, na, na&#8220;, murmelte er leise vor sich hin und verbrachte die halbe Nacht damit, alle Knochen der Skelettfrau behutsam zu entwirren, sie ordentlich zurechtzur\u00fccken und sie schlie\u00dflich sogar in warme Felle zu kleiden, damit sie nicht fror. Danach schlief der Gute ersch\u00f6pft ein, und w\u00e4hrend er dalag und tr\u00e4umte, rann eine helle Tr\u00e4ne \u00fcber seine Wange. Dies aber sah die Skelettfrau und kroch heimlich an seine Seite, brachte ihren Mund an die Wange des Mannes und trank die eine Tr\u00e4ne, die f\u00fcr sie wie ein Strom war, dessen Wasser den Durst eines ganzen Lebens l\u00f6scht. Sie trank und trank. bis ihr Durst gestillt war, und dann ergriff sie das Herz des Mannes. das ebenm\u00e4\u00dfig und ruhig in seiner Brust klopfte. Sie ergriff das Herz, trommelte mit ihren kalten Knochenh\u00e4nden darauf und sang ein Lied dazu. \u201eOh, Fleisch, Fleisch. Fleisch\u201c, sang die Skelettfrau. \u201eOh, Haut, Haut, Haut.\u201c Und je l\u00e4nger sie sang, desto mehr Fleisch und Haut legte sich auf ihre Knochen. Sie sang f\u00fcr alles, was ihr K\u00f6rper brauchte. f\u00fcr einen dichten Haarschopf und kohlschwarze Augen. eine gute Nase und feine Ohren, f\u00fcr breite H\u00fcften, starke H\u00e4nde, viele Fettpolster \u00fcberall und warme. gro\u00dfe Br\u00fcste. Und als sie damit fertig war, sang sie die Kleider des Mannes von seinem Leib und kroch zu ihm unter die Decke. Sie gab ihm die m\u00e4chtige Trommel seines Herzens zur\u00fcck und schmiegte sich an ihn, Haut an lebendige Haut. So erwachten die beiden, eng umschlungen. Fest aneinander geklammert. Die Leute sagen, dass die beiden von diesem Tag an nie Mangel leiden mussten, weil sie von den Freunden der Frau im Wasser, den Gesch\u00f6pfen des Meeres. ern\u00e4hrt und besch\u00fctzt wurden. So sagt man bei uns. und viele unserer Leute glauben es heute noch.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Die Skelettfrau ist eine Originalerz\u00e4hlung von Clarissa Pinkola Estes.<br>Alle Rechte vorbehalten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Dieses M\u00e4rchen ist das Lieblingsm\u00e4rchen von Patricia Jung (<a href=\"mailto:Pattyfanten@aol.com\">Pattyfanten@aol.com<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jahre vergingen, bis sich niemand mehr daran erinnern konnte, gegen welches Gesetz das arme M\u00e4dchen versto\u00dfen hatte. 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