{"id":5085,"date":"2026-01-27T02:02:02","date_gmt":"2026-01-27T01:02:02","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5085"},"modified":"2026-02-03T03:09:45","modified_gmt":"2026-02-03T02:09:45","slug":"das-silbergloeckchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-silbergloeckchen\/","title":{"rendered":"Das Silbergl\u00f6ckchen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das Silbergl\u00f6ckchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ernst Moritz Arndt<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Ein Sch\u00e4ferjunge zu Patzig, eine halbe Meile von Bergen, wo es in den H\u00fcgeln auch viele Unterirdische hat, fand eines Morgens ein silbernes Gl\u00f6ckchen auf der gr\u00fcnen Heide zwischen den H\u00fcnengr\u00e4bern und steckte es zu sich. Es war aber das Gl\u00f6ckchen von einer M\u00fctze eines kleinen Braunen, der es da im Tanze verloren und nicht sogleich bemerkt hatte, dass es an dem M\u00fctzchen nicht mehr klingelte. Er war nun ohne das Gl\u00f6ckchen heruntergekommen und war sehr traurig \u00fcber diesen Verlust. Denn das Schlimmste, was den Unterirdischen begegnen kann, ist, wenn sie die M\u00fctze verlieren, dann die Schuhe. Aber auch das Gl\u00f6ckchen an der M\u00fctze und das Sp\u00e4nglein am G\u00fcrtel ist nichts Geringes. Wer das Gl\u00f6ckchen verloren hat, der kann nicht schlafen, bis er es wiedergewinnt, und das ist doch etwas recht Betr\u00fcbtes. Der kleine Unterirdische in dieser gro\u00dfen Not sp\u00e4hte und sp\u00fcrte umher; aber wie sollte er erfahren, wer das Gl\u00f6cklein hatte? Denn nur wenige Tage im Jahr d\u00fcrfen sie an das Tageslicht hinaus, und dann durften sie auch nicht in ihrer wahren Gestalt erscheinen. Er hatte sich schon oft verwandelt in allerlei Gestalten, in V\u00f6gel und Tiere, auch in Menschen, und hatte von seinem Gl\u00f6ckchen gesungen und geklungen und gest\u00f6hnt und gebr\u00fcllt und geklagt und gesprochen; aber keine kleinste Kunde oder nur Spur von einer Kunde war ihm bis jetzt zugekommen. Denn das war das Schlimmste, dass der Sch\u00e4ferjunge gerade den Tag, nachdem er das Gl\u00f6ckchen gefunden, von Patzig weggezogen war und jetzt zu Unrow bei Gingst die Schafe h\u00fctete. Da begab es sich erst nach manchem Tag durch ein Ungef\u00e4hr, dass der arme kleine Unterirdische wieder zu seinem Gl\u00f6ckchen und zu seiner Ruhe kommen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war n\u00e4mlich auf den Einfall gekommen, ob auch ein Rabe oder Dohle oder Kr\u00e4he oder Uglaster das Gl\u00f6ckchen gefunden und etwa bei seiner diebischen Natur, die sich in das Blanke vergafft, in sein Nest getragen habe. Und er hatte sich in einen angenehmen, kleinen bunten Vogel verwandelt und alle Nester auf der ganzen Insel durchflogen und den V\u00f6geln allerlei vorgesungen, ob sie ihm verraten m\u00f6chten, dass sie den Fund getan h\u00e4tten, und er so wieder zu seinem Schlaf k\u00e4me. Aber die V\u00f6gel hatten sich nichts merken lassen. Als er nun des Abends flog \u00fcber das Wasser von Ralow her \u00fcber das Unrower Feld hin, weidete der Sch\u00e4ferjunge, welcher Fritz Schlagenteuffel hie\u00df, dort eben seine Schafe. Mehrere der Schafe trugen Glocken um den Hals und klingelten, wenn der Junge sie durch seinen Hund in den Trab brachte. Das V\u00f6gelein, das \u00fcber sie hinflog, dachte an sein Gl\u00f6cklein und sang in seinem traurigen Mut:<\/p>\n\n\n\n<p>Gl\u00f6ckelein, Gl\u00f6ckelein.<br>B\u00f6ckelein, B\u00f6ckelein,<br>Sch\u00e4flein auch du,<br>Tr\u00e4gst du mein Klingeli,<br>Bist du das reichste Vieh,<br>Tr\u00e4gst meine Ruh.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Junge horchte nach oben auf diesen seltsamen Gesang, der aus den L\u00fcften klang, und sah den bunten Vogel, der ihm noch viel seltsamer vorkam. Er sprach bei sich: &#8222;Potztausend, wer den Vogel h\u00e4tte! Der singt ja, wie unsereiner kaum sprechen kann. Was mag er mit dem wunderlichen Gesange meinen? Am Ende ist es ein bunter Hexenmeister. Meine B\u00f6cke haben nur tonbackene Glocken, und er nennt sie reiches Vieh, aber ich habe ein silbernes Gl\u00f6ckchen, und von mir singt er nichts! &#8220; Und mit den Worten fing er an, in der Tasche zu fummeln, holte sein Gl\u00f6ckchen heraus und lie\u00df es klingen. Der Vogel in der Luft sah sogleich, was es war, und freute sich \u00fcber die Ma\u00dfen; er verschwand aber in der Sekunde, flog hinter den n\u00e4chsten Busch, setze sich, zog sein buntes Federkleid aus und verwandelte sich in ein altes Weib, das mit k\u00fcmmerlichen Kleidern angetan war. Die alte Frau, mit einem ganzen Sack voll Seufzer und \u00c4chzer versehen, st\u00fcmperte sich quer \u00fcber das Feld zu dem Sch\u00e4ferbuben hin, der noch mit seinem Gl\u00f6cklein klingelte und sich wunderte, wo der sch\u00f6ne Vogel geblieben war, r\u00e4usperte sich und tat einige Huster aus hohler Brust und bot ihm dann einen freundlichen guten Abend und fragte nach der Stra\u00dfe zu der Stadt Bergen. Dann tat sie, als ob sie das Gl\u00f6cklein jetzt erst erblickte, und rief: &#8222;Herre je, welch ein niedliches, kleines Gl\u00f6ckchen! Hab&#8216; ich doch in meinem Leben nichts Feineres gesehen! H\u00f6re, mein S\u00f6hnchen, willst du die Glocke verkaufen? Und was soll sie kosten? Ich habe ein kleines Enkelchen, f\u00fcr den w\u00e4re sie mir eben ein bequemes Spielger\u00e4t.&#8220; &#8211; &#8222;Nein, die Glocke wird nicht verkauft!&#8220; antwortete der Sch\u00e4ferknabe kurz abgebissen; &#8222;das ist eine Glocke, so eine Glocke gibt&#8217;s in der Welt nicht mehr: wenn ich nur damit anklingele, so laufen meine Schafe von selbst hin, wohin ich sie haben will; und welchen lieblichen Ton hat sie! H\u00f6rt mal, Mutter&#8220;, (und er klingelte) &#8222;ist eine Langeweile in der Welt, die vor dieser Glocke aushalten kann? Dann kann ich mir die l\u00e4ngste Zeit wegklingeln, dass sie in einem Hui fort ist. &#8220; Das alte Weib dachte: &#8222;Wollen sehen, ob er Blankes aushalten kann? &#8220; und hielt ihm Silber hin, wohl drei Taler; er sprach: &#8222;Ich verkaufe aber die Glocke nicht. &#8220; Sie hielt ihm f\u00fcnf Dukaten hin; er sprach: &#8222;Das Gl\u00f6ckchen bleibt mein. &#8220; Sie hielt ihm die Hand voll Dukaten hin; er sprach zum dritten Mal: &#8222;Gold ist Quark und gibt keinen Klang. &#8220; Da wandte die Alte sich und lenkte das Gespr\u00e4ch anderswohin und lockte ihn mit geheimen K\u00fcnsten und Segenssprechungen, wodurch sein Vieh Gedeihen bekommen k\u00f6nnte, und erz\u00e4hlte ihm allerlei Wunder davon. Da ward er l\u00fcstern und horchte auf. Das Ende vom Liede war, dass sie ihm sagte: &#8222;H\u00f6re, mein Kind, gib mir die Glocke; siehe, hier ist ein wei\u00dfer Stock&#8220; (und sie holte ein wei\u00dfes St\u00e4bchen hervor, worauf Adam und Eva sehr k\u00fcnstlich geschnitten waren, wie sie die paradiesischen Herden weideten, und wie die feistesten B\u00f6cke und L\u00e4mmer vor ihnen hintanzten; auch der Sch\u00e4ferknabe David, wie er ausholt mit der Schleuder gegen den Riesen Goliath), &#8222;diesen Stock will ich dir geben f\u00fcr das Gl\u00f6ckchen, und solange du das Vieh mit diesem St\u00e4bchen treibst, wird es Gedeihen haben, und du wirst ein reicher Sch\u00e4fer werden; deine H\u00e4mmel werden immer vier Wochen fr\u00fcher fett werden als die H\u00e4mmel aller andern Sch\u00e4fer, und jedes deiner Schafe wird zwei Pfund Wolle mehr tragen, ohne dass man ihnen den Segen ansehen kann.&#8220; Die alte Frau reichte ihm den Stock mit einer so geheimnisvollen Geb\u00e4rde und l\u00e4chelte so leidig und zauberisch dazu, dass der Junge gleich in ihrer Gewalt war. Er griff gierig nach dem Stock und gab ihr die Hand und sagte: &#8222;Topp, schlag ein! Die Glocke ist dein f\u00fcr den Stock. &#8220; Und sie schlug ein und nahm die Glocke und fuhr wie ein leichter Wind \u00fcber das Feld und die Heide hin. Und er sah sie verschwinden, und sie deuchte ihm wie ein Nebel hinzuflie\u00dfen und sanft fortzulaufen, und alle seine Haare richteten sich zu Berge.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Unterirdische, der ihm die Glocke in der Verkleidung einer alten Frau abgeschwatzt, hatte ihn nicht betrogen. Denn die Unterirdischen d\u00fcrfen nicht l\u00fcgen, sondern das Wort, das sie von sich geben oder geloben, m\u00fcssen sie halten; denn wenn sie l\u00fcgen, werden sie stracks in die garstigsten Tiere verwandelt, in Kr\u00f6ten, Schlangen, Mistk\u00e4fer, W\u00f6lfe und Luchse und Affen, und m\u00fcssen wohl Jahrtausende in Abscheu und Schmach herumkriechen und herumstreichen, ehe sie erl\u00f6st werden. Darum haben sie ein Grauen davor. Fritz Schlagenteuffel gab genau Acht und versuchte seinen neuen Sch\u00e4ferstab, und er fand bald, dass das alte Weib ihm die Wahrheit gesagt hatte, denn seine Herde und all sein Werk und seiner H\u00e4nde Arbeit geriet ihm wohl und hatte ein wunderbares Gl\u00fcck, so dass alle Schafherren und Obersch\u00e4fermeister diesen Jungen begehrten. Er blieb aber nicht lange Junge, sondern schaffte sich, ehe er noch achtzehn Jahre alt war, seine eigene Sch\u00e4ferei und ward in wenigen Jahren der reichste Sch\u00e4fer auf ganz R\u00fcgen, so dass er sich endlich ein Rittergut hat kaufen k\u00f6nnen: und das ist Grabitz gewesen hier bei Rambin, was jetzt den Herren vom Sunde geh\u00f6rt. Da hat mein Vater ihn noch gekannt, wie aus dem Sch\u00e4ferjungen ein Edelmann geworden war, und hat er sich auch da als ein rechter, kluger und frommer Mann aufgef\u00fchrt, der bei allen Leuten ein gutes Lob hatte, und der hat seine S\u00f6hne wie Junker erziehen lassen und seine T\u00f6chter wie Fr\u00e4ulein, und es leben noch davon und d\u00fcnken sich jetzt vornehme Leute. Und wenn man solche Geschichten h\u00f6rt, m\u00f6chte man w\u00fcnschen, dass man auch mal so etwas erlebte und ein silbernes Gl\u00f6cklein f\u00e4nde, das die Unterirdischen verloren haben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Sch\u00e4ferjunge fand eines Morgens ein silbernes Gl\u00f6ckchen auf der gr\u00fcnen Heide und steckte es zu sich. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5087,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[101,85],"tags":[],"class_list":["post-5085","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ernst-moritz-arndt","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5085","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5085"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5085\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5430,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5085\/revisions\/5430"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5087"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5085"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5085"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5085"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}