{"id":5064,"date":"2026-01-26T18:26:54","date_gmt":"2026-01-26T17:26:54","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5064"},"modified":"2026-01-26T18:53:52","modified_gmt":"2026-01-26T17:53:52","slug":"die-kleine-seejungfrau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-kleine-seejungfrau\/","title":{"rendered":"Die kleine Seejungfrau"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die kleine Seejungfrau<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hans-Chr. Andersen<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Weit drau\u00dfen im Meer ist das Wasser so blau wie die Bl\u00e4tter der sch\u00f6nsten Kornblume, und so klar wie das reinste Glas. Aber es ist sehr tief, tiefer als irgend ein Ankertau reicht; viele Kircht\u00fcrme m\u00fcssten aufeinandergestellt werden, um vom Boden bis \u00fcber das Wasser zu reichen. Dort unten wohnt das Meervolk.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun muss man aber nicht glauben, dass da nur der nackte, wei\u00dfe Sandboden sei; nein, da wachsen die sonderbarsten B\u00e4ume und Pflanzen, die so geschmeidig im Stiel und in den Bl\u00e4ttern sind, dass sie sich bei der geringsten Bewegung des Wassers r\u00fchren, als ob sie lebten. Alle kleinen und gro\u00dfen Fische schl\u00fcpfen zwischen den Zweigen hindurch wie hier oben die V\u00f6gel durch die B\u00e4ume. An der tiefsten Stelle liegt das Meerk\u00f6nigs Schloss; die Mauern sind von Korallen, und die langen Spitzbogenfenster von klarstem Bemstein; aber das Dach bilden Muschelschalen, die sich \u00f6ffnen und schlie\u00dfen, je nachdem das Wasser str\u00f6mt. Es sieht herrlich aus, denn in jeder liegen strahlende Perlen. Eine einzige davon w\u00fcrde gro\u00dfen Wert in der Krone einer K\u00f6nigin haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Meerk\u00f6nig dort unten war seit vielen Jahren Witwer, w\u00e4hrend seine alte Mutter bei ihm wirtschaftete. Sie war eine kluge Frau, aber stolz auf ihren Adel, deshalb trug sie zw\u00f6lf Austern auf dem Schwanz, die andern Vornehmen aber durften nur sechs tragen. &#8211; Sonst verdiente sie gro\u00dfes Lob, besonders weil sie viel auf die kleinen Meerprinzessinnen, ihre Enkelinnen, hielt. Es waren sechs sch\u00f6ne Kinder, aber die j\u00fcngste war die sch\u00f6nste von allen, ihre Haut so klar und so fein wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie die tiefste See; aber ebenso wie die andern hatte sie keine F\u00fc\u00dfe, der K\u00f6rper endete in einen Fischschwanz.<\/p>\n\n\n\n<p>Den ganzen Tag konnten sie unten im Schlosse, in den gro\u00dfen S\u00e4len, wo lebendige Blumen aus den W\u00e4nden hervorwuchsen, spielen. Die gro\u00dfen Bemsteinfenster wurden aufgemacht, und dann schwammen die Fische zu ihnen herein, wie bei uns die Schwalben hereinfliegen, wenn wir die Fenster aufmachen; doch die Fische schwammen zu den Prinzessinnen hin, fra\u00dfen aus ihren H\u00e4nden und lie\u00dfen sich streicheln.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen vor dem Schlosse war ein gro\u00dfer Garten mit feuerroten und dunkelblauen Blumen; die Fr\u00fcchte strahlten wie Gold und die Blumen wie brennendes Feuer, indem sie fortw\u00e4hrend Stengel und Bl\u00e4tter bewegten. Die Erde selbst war der feinste Sand, aber blau wie Schwefelflamme. \u00dcber dem Ganzen lag ein eigent\u00fcmlich blauer Schein; man h\u00e4tte eher glauben m\u00f6gen, dass man hoch in der Luft stehe, und nur Himmel \u00fcber und unter sich habe, als dass man auf dem Grunde des Meeres sei. W\u00e4hrend der Windstille konnte man die Sonne erblicken; sie erschien wie eine Purpurblume, aus deren Kelche alles Licht str\u00f6mte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine jede der kleinen Prinzessinnen hatte ihren kleinen Platz im Garten wo sie graben und pflanzen konnte, wie es ihr gefiel. Die eine gab ihrem Blumenbeet die Gestalt eines Walfisches, einer andern gefiel es besser, dass das ihrige einem kleinen Meerweib gleiche, aber die j\u00fcngste machte das \u00fcbrige rund, der Sonne gleich, und hatte Blumen, die rot wie diese schienen. Sie war ein sonderbares Kind, still und nachdenklich, und wenn die anderen Schwestern mit den merkw\u00fcrdigsten Sachen, welche sie von gestrandeten Schiffen erhalten hatten, prunkten, wollte sie au\u00dfer den rosenroten Blumen, die der Sonne dort oben glichen, nur eine h\u00fcbsche Marmorstatue haben. Dies war ein herrlicher Knabe, aus wei\u00dfem, klarem Stein gehauen, der beim Stranden auf den Meeresgrund gekommen war. Sie pflanzte bei der Statue eine rosenrote Trauerweide, die wuchs herrlich und hing mit ihren frischen Zweigen \u00fcber derselben, gegen den blauen Sandboden herunter, wo der Schatten sich violett zeigte und gleich den Zweigen in Bewegung war. Es sah aus, als ob die Spitze und die Wurzeln miteinander spielten, als wollten sie sich k\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab keine gr\u00f6\u00dfere Freude f\u00fcr sie, als von der Menschenwelt zu h\u00f6ren. Die Gro\u00dfmutter musste alles, was sie von St\u00e4dten, Menschen und Tieren wusste, erz\u00e4hlen. Haupts\u00e4chlich erschien ihr besonders sch\u00f6n, dass oben auf der Erde die Blumen dufteten, denn das taten sie auf dem Grunde des Meeres nicht, und dass die W\u00e4lder gr\u00fcn w\u00e4ren, und dass die Fische, die man dort zwischen den B\u00e4umen erblickte, laut und herrlich singen k\u00f6nnten, dass es eine Lust sei. Es waren die kleinen V\u00f6gel, welche die Gro\u00dfmutter Fische nannte, denn sonst konnten sie sie nicht verstehen, da sie noch keinen Vogel gesehen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wenn ihr euer f\u00fcnfzehntes Jahr erreicht habt&#8220;, sagte die Gro\u00dfmutter, &#8222;dann sollt ihr die Erlaubnis erhalten, aus dem Meer emporzutauchen, im Mondschein auf die Klippe zu sitzen und die gro\u00dfen Schiffe vorbeisegeln zu sehen. W\u00e4lder und St\u00e4dte werdet ihr dann erblicken.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>In dem kommenden Jahr war die eine der Schwestern f\u00fcnfzehn Jahre alt, aber von den andern war die eine immer ein Jahr j\u00fcnger als die andere; die j\u00fcngste von ihnen hatte demnach noch volle f\u00fcnf Jahre zu warten, bevor sie vom Grund des Meeres hinaufkommen und sehen konnte, wie es bei uns aussehe. Aber die eine versprach der andern zu erz\u00e4hlen, was sie erblickt und was sie am ersten Tage am sch\u00f6nsten gefunden habe, denn ihre Gro\u00dfmutter erz\u00e4hlte ihnen nicht genug; da war so vieles, wor\u00fcber sie Auskunft haben wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine war sehns\u00fcchtiger als die J\u00fcngste, gerade sie, die noch die l\u00e4ngste Zeit zu warten hatte, und die stets still und gedankenvoll war. Manche Nacht stand sie am offenen Fenster und sah durch das dunkelblaue Wasser empor, wie die Fische mit ihren Flossen und Schw\u00e4nzen pl\u00e4tscherten. Mond und Sterne konnte sie sehen; freilich schienen diese ganz bleich, aber durch das Wasser sahen sie gr\u00f6\u00dfer aus als vor unsern Augen. Zog dann etwas, einer schwarzen Wolke gleich, unter ihnen hin, so wusste sie, dass es entweder ein Walfisch war, der \u00fcber ihr schwamm, oder ein Schiff mit vielen Menschen; die dachten sicher nicht daran, dass eine liebliche, kleine Seejungfrau unten stehe und ihre wei\u00dfen H\u00e4nde gegen den Kiel emporstrecke.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war die \u00e4lteste Prinzessin f\u00fcnfzehn Jahre alt und durfte \u00fcber die Meeresfl\u00e4che emporsteigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie zur\u00fcckkam, hatte sie hunderterlei zu erz\u00e4hlen, aber das Sch\u00f6nste, sagte sie, sei, im Mondscheine auf einer Sandbank in der ruhigen See zu liegen und die nahgelegene K\u00fcste mit der gro\u00dfen Stadt zu betrachten, wo die Lichter gleich hundert Sternen blinken, die Musik, das L\u00e4rmen und Toben von Wagen und Menschen zu h\u00f6ren, die vielen Kircht\u00fcrme zu sehen und das L\u00e4uten der Glocken zu vernehmen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Oh, wie horchte die j\u00fcngste Schwester auf! Und wenn sie sp\u00e4ter abends am offenen Fenster stand und durch das dunkelblaue Wasser emporblickte, gedachte sie der gro\u00dfen Stadt mit dem L\u00e4rmen und Toben; dann glaubte sie die Kirchenglocken bis zu sich herunter l\u00e4uten h\u00f6ren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im folgenden Jahre erhielt die zweite Schwester die Erlaubnis, aus dem Wasser emporzusteigen und zu schwimmen, wohin sie wolle. Sie tauchte auf, als die Sonne unterging, und dieser Anblick, fand sie, sei das Sch\u00f6nste. Der ganz Himmel habe wie Gold ausgesehen, und die Sch\u00f6nheit der Wolken konnte sie nicht genug beschreiben. Rot und violett waren sie \u00fcber ihr dahingesegelt, aber weit schneller als diese flog, einem langen, wei\u00dfen Schleier gleich, ein Schwarm wilder Schw\u00e4ne \u00fcber das Wasser hin, wo die Sonne stand. Sie schwammen derselben entgegen, aber die Sonne sank, und der Rosenschein erlosch auf der Meeresfl\u00e4che und in den Wolken.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Jahr darauf kam die dritte Schwester hinauf. Sie war die dreisteste von allen, deshalb schwamm sie einen breiten Fluss, der in das Meer m\u00fcndete, aufw\u00e4rts. Herrliche, gr\u00fcne H\u00fcgel mit Weinranken erblickte sie; Schl\u00f6sser und Burgen schimmerten aus pr\u00e4chtigen W\u00e4ldern hervor; sie h\u00f6rte, wie alle V\u00f6gel sangen, und die Sonne schien so warm, dass sie oft unter das Wasser tauchen musste, um ihr brennendes Anlitz abzuk\u00fchlen. In einer kleinen Bucht traf sie einen Schwarm kleiner Menschenkinder. Diese waren v\u00f6llig nackt und pl\u00e4tscherten im Wasser; sie wollte mit ihnen spielen, aber die flohen erschrocken davon, und es kam ein kleines, schwarzes Tier, ein Hund &#8211; aber sie hatte nie einen Hund gesehen &#8211; der bellte sie so schrecklich an, dass sie \u00e4ngstlich die offene See zu erreichen suchte. Doch nie konnte sie die pr\u00e4chtigen W\u00e4lder, die gr\u00fcnen H\u00fcgel und niedlichen Kinder vergessen, die im Wasser schwimmen konnten, obgleich sie keinen Fischschwanz hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vierte Schwester war nicht so dreist; sie blieb drau\u00dfen im wilden Meer und erz\u00e4hlte, dass es dort am sch\u00f6nsten sei. Man sehe ringsumher viele Meilen weit, und der Himmel stehe wie eine Glasglocke dar\u00fcber. Schiffe hatte sie gesehen, aber nur aus weiter Ferne, die sahen wie M\u00f6wen aus. Die possierlichen Delphine hatten Purzelb\u00e4ume geschlagen und die gro\u00dfen Walfische Wasser emporgespritzt, dass es ausgesehen hatte wie Hunderte von Springbrunnen ringsumher.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kam die Reihe an die f\u00fcnfte Schwester. Ihr Geburtstag war im Winter, und deshalb erblickte sie, was die andern das erste Mal nicht gesehen hatten. Die See sah ganz gr\u00fcn aus, und ringsumher schwammen gro\u00dfe Eisberge; ein jeder erschien wie eine Perle, sagte sie, und war doch weit gr\u00f6\u00dfer als die Kircht\u00fcrme, welche die Menschen bauen. Sie zeigten sich in den sonderbarsten Gestalten und gl\u00e4nzten wie Diamanten. Sie hatte sich auf einen der gr\u00f6\u00dften gesetzt, und alle Segler kreuzten erschrocken drau\u00dfen herum, wo sie sa\u00df und den Wind mit ihrem langen Haar spielen lie\u00df. Aber gegen Abend wurde der Himmel mit Wolken \u00fcberzogen; es blitzte und donnerte, w\u00e4hrend die schwarze See die gro\u00dfen Eisbl\u00f6cke hoch emporhob und sie im roten Blitze ergl\u00e4nzen lie\u00df. Auf allen Schiffen reffte man die Segel ein, da war eine Angst und ein Grauen. Aber sie sa\u00df ruhig auf ihrem schwimmenden Eisberg und sah die blauen Blitzstrahlen im Zickzack in die schimmernde See fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Mal, wenn eine der Schwestern \u00fcber das Wasser emporkam, war eine jede entz\u00fcckt \u00fcber das Neue und Sch\u00f6ne, was sie erblickte; aber da sie nun als erwachsene M\u00e4dchen die Erlaubnis hatten hinaufzusteigen, wann sie wollten, wurde es ihnen gleichg\u00fcltig. Sie sehnten sich wieder zur\u00fcck, und nach Verlauf eines Monats sagte sie, dass es unten bei ihnen am sch\u00f6nsten sei, da sei man so h\u00fcbsch zu Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>In mancher Abendstunde fassten die f\u00fcnf Schwestern einander an den Armen und stiegen in einer Reihe \u00fcber das Wasser auf. Herrliche Stimmen hatten sie, sch\u00f6ner als irgendein Mensch; und wenn dann ein Sturm im Anzug war, so dass sie vermuten konnten, es w\u00fcrden Schiffe untergehen, schwammen sie vor den Schiffen her und sangen so lieblich, wie sch\u00f6n es auf dem Grunde des Meeres sei, und baten die Seeleute, sich nicht zu f\u00fcrchten hinunterzukommen. Aber die konnten die Worte nicht verstehen und glaubten, es sei der Sturm; sie bekamen auch die Herrlichkeit dort unten nicht zu sehen, denn wenn das Schiff sank, ertranken die Menschen und kamen als Leichen zu des Meerk\u00f6nigs Schlosse.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Schwestern so des Abends Arm in Arm hoch durch das Wasser hinaufstiegen, dann stand die kleinste Schwester allein und sah ihnen nach, und es war ihr, als ob sie weinen m\u00fcsste; aber die Seejungfrau hat keine Tr\u00e4nen, und darum leidet sie weit mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, w\u00e4re ich doch f\u00fcnfzehn Jahre alt!&#8220; sagte sie. &#8222;Ich wei\u00df, dass ich die Welt dort oben und die Menschen, die darauf wohnen und hausen, recht lieben werde.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich war sie denn f\u00fcnfzehn Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sieh, nun bist du erwachsen!&#8220; sagte die Gro\u00dfmutter, die alte K\u00f6nigswitwe. &#8222;Komm nun, lass mich dich schm\u00fccken gleich deinen andern Schwestern!&#8220; Sie setzte ihr einen Kranz wei\u00dfer Lilien auf das Haar, aber jedes Blatt in der Blume war die H\u00e4lfte einer Perle; und die Alte lie\u00df acht gro\u00dfe Austern im Schweife der Prinzessin sich festklemmen, um ihren hohen Rang zu zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das tut so weh&#8220;, sagte die kleine Seejungfrau.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, Hoffart muss leiden&#8220;, sagte die Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>Oh, sie h\u00e4tte so gern alle diese Pracht absch\u00fctteln und den schweren Kranz ablegen m\u00f6gen, ihre roten Blumen im Garten kleideten sie besser, aber sie konnte es nun nicht \u00e4ndern. &#8222;Lebt wohl!&#8220; sprach sie und stieg dann leicht und klar gleich einer Blase aus dem Wasser auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne war eben untergegangen, als sie den Kopf \u00fcber das Wasser erhob, aber alle Wolken gl\u00e4nzten noch wie Rosen und Gold, und inmitten der bleichroten Luft strahlte der Abendstern hell und sch\u00f6n, die Luft war mild und frisch und das Meer ruhig. Da lag ein gro\u00dfes Schiff mit drei Masten; nur ein einziges Segel war aufgezogen, denn es regte sich kein L\u00fcftchen, und ringsumher im Tauwerk und auf den Rahen sa\u00dfen die Matrosen. Da war Musik und Gesang, und als es dunkelte, wurden Hunderte von bunten Laternen angez\u00fcndet, die sahen aus, als ob aller Nationen Flaggen in die Luft wehten. Die kleine Seejungfrau schwamm bis zum Kaj\u00fctenfenster, und jedes Mal, wenn das Wasser sie emporhob, konnte sie durch die spiegelhellen Fensterscheiben hineinblicken, wo viele geputzte Menschen standen. Aber der Sch\u00f6nste war doch der junge Prinz mit den gro\u00dfen, schwarzen Augen. Er war sicher nicht viel \u00fcber sechzehn Jahre alt. Es war sein Geburtstag, und deshalb herrschte all diese Pracht. Die Matrosen tanzten auf dem Verdeck, und als der junge Prinz hinaustrat, stiegen \u00fcber hundert Raketen in die Luft, die leuchteten wie der helle Tag, so dass die kleine Seejungfrau sehr erschrak und unter das Wasser tauchte; aber sie streckte bald den Kopf wieder hervor, und da war es, als ob alle Sterne des Himmels zu ihr herunterfielen. Nie hatte sie solche Feuerk\u00fcnste gesehen. Gro\u00dfe Sonnen spr\u00fchten umher, pr\u00e4chtige Feuerfische flogen in die blaue Luft, und alles spiegelte sich in der klaren, stillen See. Auf dem Schiffe selbst war es so hell, dass man jedes kleine Tau, wie viel mehr also die Menschen sehen konnte. Oh, wie sch\u00f6n war doch der junge Prinz! Er dr\u00fcckte den Leuten die Hand und l\u00e4chelte, w\u00e4hrend die Musik in der herrlichen Nacht erklang.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde sp\u00e4t, aber die kleine Seejungfrau konnte ihre Augen nicht von dem Schiff und vom sch\u00f6nen Prinzen wenden. Die bunten Laternen wurden gel\u00f6scht, Raketen stiegen nicht mehr in die H\u00f6he, es ert\u00f6nten auch keine Kanonensch\u00fcsse mehr, aber tief unten im Meere summte und brummte es; inzwischen sa\u00df sie auf dem Wasser und schaukelte auf und nieder, so dass sie in die Kaj\u00fcte hineinblicken konnte. Aber das Schiff bekam mehr Fahrt, ein Segel nach dem andern breitete sich aus; nun gingen die Wogen st\u00e4rker, gro\u00dfe Wolken zogen auf, es blitzte in der Ferne. Oh, es wird ein b\u00f6ses Wetter werden! Deshalb zogen die Matrosen die Segel ein. Das gro\u00dfe Schiff schaukelte in fliegender Fahrt auf der wilden See; das Wasser erhob sich wie gro\u00dfe, schwarze Berge, die \u00fcber die Masten rollen wollten, aber das Schiff tauchte wie ein Schwan zwischen den hohen Wogen nieder und lie\u00df sich wieder auf die hochget\u00fcrmten Wasser heben. Der kleinen Seejungfrau d\u00fcnkte es eine recht lustige Fahrt zu sein, aber so erschien es den Seeleuten nicht. Das Schiff knackte und krachte, die dicken Planken bogen sich bei den starken St\u00f6\u00dfen, die See st\u00fcrzte in das Schiff hinein, der Mast brach mitten durch, als ob er ein Rohr w\u00e4re, und das Schiff legte sich auf die Seite, w\u00e4hrend das Wasser in den Raum eindrang. Nun sah die Seejungfrau, dass sie in Gefahr waren; sie musste sich selbst vor den Balken und St\u00fckken vom Schiff, die auf dem Wasser trieben, in acht nehmen. Einen Augenblick war es so finster, dass sie nicht das mindeste sah, aber wenn es dann blitzte, wurde es wieder so hell, dass sie alle auf dem Schiffe erkennen konnte. Besonders suchte sie den jungen Prinzen, und sie sah ihn, als das Schiff zerbrach, in das tiefe Meer versinken. Sogleich wurde sie ganz vergn\u00fcgt, denn nun kam er zu ihr hinunter. Aber da gedachte sie, dass die Menschen nicht im Wasser leben k\u00f6nnen, und dass er nicht anders als tot zum Schlosse ihres Vaters hinunter gelangen k\u00f6nnte. Nein, sterben durfte er nicht; deshalb schwamm sie hin zwischen Balken und Planken, die auf der See trieben, und verga\u00df v\u00f6llig, dass diese sie h\u00e4tten zerquetschen k\u00f6nnen. Sie tauchte tief unter das Wasser und stieg wieder hoch zwischen den Wogen empor und gelangte am Ende so zu dem Prinzen hin, der nicht l\u00e4nger in der st\u00fcrmischen See schwimmen konnte. Seine Arme und Beine begannen zu ermatten; die sch\u00f6nen Augen schlossen sich, und er h\u00e4tte sterben m\u00fcssen, w\u00e4re die kleine Seejungfrau nicht herzugekommen. Sie hielt seinen Kopf \u00fcber das Wasser empor und lie\u00df sich dann mit ihm von den Wogen treiben, wohin sie wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen war das b\u00f6se Wetter vor\u00fcber; vom Schiff war kein Span zu erblicken; die Sonne stieg rot und gl\u00e4nzend aus dem Wasser empor. Es war, als ob des Prinzen Wangen Leben dadurch erhielten, aber die Augen blieben geschlossen. Die Seejungfrau k\u00fcsste seine hohe, sch\u00f6ne Stirn und strich sein nasses Haar zur\u00fcck. Er kam ihr vor wie die Marmorstatue in ihrem kleinen Garten; sie k\u00fcsste ihn wieder und w\u00fcnschte, dass er lebte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun erblickte sie vor sich das feste Land, hohe, blaue Berge, auf deren Gipfeln der wei\u00dfe Schnee gl\u00e4nzte, als w\u00e4ren es Schw\u00e4ne, die dort l\u00e4gen. Unten an der K\u00fcste waren herrliche, gr\u00fcne W\u00e4lder, und vorn lag eine Kirche oder ein Kloster, das wusste sie nicht recht, aber ein Geb\u00e4ude war es. Zitronen- und Apfelsinenb\u00e4ume wuchsen im Garten, und vor dem Tor standen hohe Palmen. Die See bildete hier eine kleine Bucht; da war sie still, aber sehr tief. Gerade auf die Klippe zu, wo der wei\u00dfe, feine Sand aufgesp\u00fclt war, schwamm sie mit dem sch\u00f6nen Prinzen, legte ihn in den Sand, sorgte aber besonders daf\u00fcr, dass der Kopf hoch im warmen Sonnenschein lag.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun l\u00e4uteten alle Glocken in dem gro\u00dfen, wei\u00dfen Geb\u00e4ude, und es kamen viele junge M\u00e4dchen durch den Garten. Da schwamm die kleine Seejungfrau weiter hinaus hinter einige gro\u00dfe Steine, die aus dem Wasser hervorragten, legte Seeschaum auf ihr Haar und Brust, so dass niemand ihr kleines Gesicht sehen konnte, und dann passte sie auf, wer zu dem armen Prinzen kommen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4hrte nicht lange, da kam ein junges M\u00e4dchen dorthin. Sie schien sehr zu erschrecken, aber nur einen Augenblick, dann holte sie mehrere Menschen, und die Seejungfrau sah, dass der Prinz zum Leben zur\u00fcckkam, und dass er alle anl\u00e4chelte. Aber ihr l\u00e4chelte er nicht zu, er wusste ja auch nicht, dass sie ihn gerettet hatte. Sie war sehr betr\u00fcbt, und als er in das gro\u00dfe Geb\u00e4ude hineingef\u00fchrt wurde, tauchte sie traurig unter das Wasser und kehrte zum Schlosse ihres Vaters zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer war sie still und nachdenklich gewesen, aber nun wurde sie es noch weit mehr. Die Schwestern fragten sie, was sie das erste Mal dort oben gesehen habe, aber sie erz\u00e4hlte nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchen Abend und Morgen stieg sie hinauf, wo sie den Prinzen verlassen hatte. Sie sah, wie die Fr\u00fcchte des Gartens reiften und abgepfl\u00fcckt wurden; sie sah, wie der Schnee auf den hohen Bergen schmolz, aber den Prinzen erblickte sie nicht, und deshalb kehrte sie immer betr\u00fcbter heim. Da war es ihr einziger Trost, in ihrem kleinen Garten zu sitzen und die Arme um die sch\u00f6ne Marmorstatue zu schlingen, die dem Prinzen glich; aber ihre Blumen pflegte sie nicht, die wuchsen wie in einer Wildnis \u00fcber die G\u00e4nge hinaus und flochten ihre langen Stiele und Bl\u00e4tter in die Zweige der B\u00e4ume hinein, so dass es dort dunkel war. Zuletzt konnte sie es nicht l\u00e4nger aushalten, sondern sagte es einer ihrer Schwestern; und gleich erfuhren es die andern, aber niemand weiter als diese und einige andere Seejungfrauen, die es nur ihren n\u00e4chsten Freundinnen weiter sagten. Eine von ihnen wusste, wer der Prinz war; sie hatte auch das Fest auf dem Schiff gesehen und gab an, woher er war, und wo sein K\u00f6nigreich lag. &#8222;Komm, kleine Schwester&#8220;, sagten die andern Prinzessinnen, und sich umschlungen haltend, stiegen sie in einer langen Reihe aus dem Wasser empor, wo sie wussten, dass des Prinzen Schloss lag.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses war aus einer hellgelben, gl\u00e4nzenden Steinart aufgef\u00fchrt, mit gro\u00dfen Marmortreppen, deren eine in das Meer hinunterreichte. Pr\u00e4chtig vergoldete Kuppeln erhoben sich \u00fcber das Dach, und zwischen den S\u00e4ulen, um das ganze Geb\u00e4ude herum, standen Marmorbilder, die aussahen, als lebten sie. Durch das klare Glas in den hohen Fenstern blickte man in die pr\u00e4chtigen S\u00e4le hinein, wo k\u00f6stliche Seidengardinen und Teppiche aufgeh\u00e4ngt und alle W\u00e4nde mit gro\u00dfen Gem\u00e4lden verziert waren, so dass es ein wahres Vergn\u00fcgen war, es zu betrachten. Mitten in dem gr\u00f6\u00dften Saale pl\u00e4tscherte ein gro\u00dfer Springbrunnen; seine Strahlen reichten hoch hinauf gegen die Glaskuppel in der Decke, durch welche die Sonne auf das Wasser und die sch\u00f6nen Pflanzen schien, die im gro\u00dfen Bassin wuchsen. Nun wusste sie, wo er wohnte, und dort war sie manchen Abend und manche Nacht auf dem Wasser. Sie schwamm dem Land weit n\u00e4her, als eine der andern es gewagt h\u00e4tte; ja sie ging den schmalen Kanal hinauf, unter den pr\u00e4chtigen Marmoraltar, welcher einen gro\u00dfen Schatten \u00fcber das Wasser warf. Hier sa\u00df sie und betrachtete den junge Prinzen, der glaubte, er sei ganz allein in dem hellen Mondschein.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sah ihn manchen Abend mit Musik in seinem pr\u00e4chtigen Boot segeln, auf dem Flaggen wehten; sie lauschte durch das gr\u00fcne Schilf hervor, und ergriff der Wind ihren langen, silberwei\u00dfen Schleier und jemand sah ihn, so glaubte er, es sei ein Schwan, der die Fl\u00fcgel ausbreite.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie h\u00f6rte in mancher Nacht, wenn die Fischer mit Fackeln auf der See waren, viel Gutes von dem jungen Prinzen erz\u00e4hlen, und es freute sie, dass sie sein Leben gerettet hatte, als er halbtot auf den Wogen umhertrieb. Sie dachte daran, wie fest sein Haupt an ihrem Busen geruht und wie herzlich sie ihn da gek\u00fcsst hatte; er aber wusste nichts davon und konnte nicht einmal von ihr tr\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr und mehr fing sie an die Menschen zu lieben; mehr und mehr w\u00fcnschte sie, unter ihnen umherwandeln zu k\u00f6nnen, deren Welt ihr weit gr\u00f6\u00dfer zu sein schien als die ihrige. Sie konnten ja auf Schiffen \u00fcber das Meer fliegen, auf den hohen Bergen \u00fcber die Wolken emporsteigen; und die L\u00e4nder, die sie besa\u00dfen, erstreckten sich mit W\u00e4ldern und Feldern weiter, als ihre Blicke reichten. Da war so vieles, was sie zu wissen w\u00fcnschte, aber die Schwestern wussten ihr nicht alles zu beantworten, deshalb fragte sie die Gro\u00dfmutter; diese kannte die h\u00f6here Welt recht gut, die sie sehr richtig die L\u00e4nder \u00fcber dem Meere nannte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wenn die Menschen nicht ertrinken&#8220;, fragte die kleine Seejungfrau, &#8222;k\u00f6nnten sie dann ewig leben? Sterben sie nicht, wie wir hier unten im Meere?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja&#8220;, sagte die Alte, &#8222;sie m\u00fcssen auch sterben, und ihre Lebenszeit ist sogar noch k\u00fcrzer als die unsere. Wir k\u00f6nnen dreihundert Jahre alt werden, aber wenn wir dann aufh\u00f6ren hier zu sein, so werden wir nur in Schaum auf dem Wasser verwandelt, haben nicht einmal ein Grab hier unten unter unsern Lieben. Wir haben keine unsterbliche Seele, wir erhalten nie wieder Leben; wir sind gleich dem gr\u00fcnen Schilf: Ist das einmal durchgeschnitten, so kann es nicht wieder gr\u00fcnen. Die Menschen hingegen haben eine Seele, die ewig lebt, die noch lebt, nachdem der K\u00f6rper zu Erde geworden ist; sie steigt durch die klare Luft empor, hinauf zu den gl\u00e4nzenden Sternen. So wie wir aus dem Wasser auftauchen und die L\u00e4nder der Welt erblicken, so steigen sie zu unbekannten herrlichen Orten auf, die wir nie zu sehen bekommen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Weshalb bekommen wir keine unsterbliche Seele?&#8220; fragte die kleine Seejungfrau betr\u00fcbt. &#8222;Ich m\u00f6chte meine Hunderte von Jahren, die ich zu leben habe, daf\u00fcr geben, um nur einen Tag Mensch zu sein und dann hoffen zu k\u00f6nnen, Anteil an der himmlischen Welt zu haben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Daran darfst du nicht denken&#8220;, sagte die Alte. &#8222;Wir f\u00fchlen uns weit gl\u00fccklicher und besser als die Menschen dort oben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich werde also sterben und als Schaum auf dem Meere treiben, nicht die Musik der Wogen h\u00f6ren, die sch\u00f6nen Blumen und die rote Sonne sehen? Kann ich denn gar nichts tun, um eine unsterbliche Seele zu gewinnen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nein&#8220;, sagte die Alte. &#8222;Nur wenn ein Mensch dich so lieben w\u00fcrde, dass du ihm mehr als Vater und Mutter w\u00e4rest; wenn er mit all seinem Denken und all seiner Liebe an dir hinge und den Prediger seine rechte Hand in die deinige, mit dem Versprechen der Treue hier und in alle Ewigkeit, legen lie\u00dfe, dann fl\u00f6sse seine Seele in deinen K\u00f6rper \u00fcber, und auch du erhieltest Anteil an der Gl\u00fcckseligkeit der Menschen. Er g\u00e4be dir Seele und behielte doch seine eigene. Aber das kann nie geschehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Was hier im Meere sch\u00f6n ist, dein Fischschwanz, finden sie dort auf der Erde h\u00e4sslich. Sie verstehen es eben nicht besser, man muss dort zwei plumpe St\u00fctzen haben, die sie Beine nennen, um sch\u00f6n zu sein!&#8220; Da seufzte die kleine Seejungfrau und sah betr\u00fcbt auf ihren Fischschwanz.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Lass uns froh sein&#8220;, sagte die Alte, &#8222;h\u00fcpfen und springen wollen wir in den dreihundert Jahren, die wir zu leben haben; das ist wahrlich lange genug, sp\u00e4ter kann man sich umso besser ausruhen. Heute abend werden wir Hofball haben!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das war auch eine Pracht, wie man sie nie auf Erden erblickt. Die W\u00e4nde und die Decke des gro\u00dfen Tanzsaals waren von dickem, aber durchsichtigem Glase. Mehrere hundert kolossale Muschelschalen, rosenrote und grasgr\u00fcne, standen zu jeder Seite in Reihen mit einem blau brennenden Feuer, welches den ganzen Saal erleuchtete und durch die W\u00e4nde hindurchschien, so dass die See drau\u00dfen erleuchtet war. Man konnte die unz\u00e4hligen Fische sehen, gro\u00dfe und kleine, die gegen die Glasmauern schwammen; auf einigen gl\u00e4nzten die Schuppen purpurrot, auf andern erschienen sie wie Silber und Gold. Mitten durch den Saal floss ein breiter Strom, und auf diesem tanzten die Meerm\u00e4nner und Meerweibchen zu ihrem eigenen, lieblichen Gesang. So sch\u00f6ne Stimmen haben die Menschen auf der Erde nicht. Die kleine Seejungfrau sang am sch\u00f6nsten von allen, und der ganze Hof applaudierte mit H\u00e4nden und Schw\u00e4nzen, und einen Augenblick f\u00fchlte sie eine Freude in ihrem Herzen, denn sie wusste, dass sie die sch\u00f6nste Stimme von allen auf der Erde und im Meer hatte. Aber bald gedachte sie wieder der Welt \u00fcber sich; sie konnte den h\u00fcbschen Prinzen und ihren Kummer, dass sie keine unsterbliche Seele wie er besitze, nicht vergessen. Deshalb schlich sie sich aus ihres Vaters Schlosse hinaus, und w\u00e4hrend alles drinnen Gesang und Frohsinn war, sa\u00df sie betr\u00fcbt in ihrem kleinen Garten. Da h\u00f6rte sie das Waldhorn durch das Wasser ert\u00f6nen und dachte: &#8222;Nun segelt er sicher dort oben, an dem seine Sinne h\u00e4ngen und in dessen Hand ich meines Lebens Gl\u00fcck legen m\u00f6chte. Alles will ich wagen, um ihn und eine unsterbliche Seele zu gewinnen. W\u00e4hrend meine Schwestern dort in meines Vaters Schlosse tanzen, will ich zur Meerhexe gehen, vor der mir immer so bange gewesen ist, aber sie kann vielleicht raten und helfen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ging die kleine Seejungfrau aus ihrem Garten hinaus nach den brausenden Strudeln, hinter denen die Hexe wohnte. Den Weg hatte sie fr\u00fcher nie zur\u00fcckgelegt; da wuchsen keine Blumen, kein Seegras, nur der nackte, graue Sandboden erstreckte sich gegen den Strudel hin, wo das Wasser gleich brausenden M\u00fchlr\u00e4dern herumwirbelte und alles, was es erfasste, mit sich in die Tiefe riss. Mitten zwischen diesen zermalmenden Wirbeln musste sie hindurch, um in den Bereich der Meerhexe zu gelangen, und hier war eine lange Strecke kein anderer Weg als \u00fcber warmen, sprudelnden Schlamm; diesen nannte die Hexe ihr Torfmoor. Dahinter lag ihr Haus mitten in einem seltsamen Wald: Alle B\u00e4ume und B\u00fcsche waren Polypen, halb Tier und halb Pflanze; sie sahen aus wie hundertk\u00f6pfige Schlangen, die aus der Erde hervorwuchsen. Alle Zweige waren lange, schleimige Arme mit Fingern wie geschmeidige W\u00fcrmer, und Glied um Glied bewegte sich, von der Wurzel bis zur \u00e4u\u00dfersten Spitze. Alles, was sie im Meer erfassen konnten, umschlangen sie fest und lie\u00dfen es nie wieder fahren. Die kleine Seejungfrau blieb vor dem Wald ganz erschrocken stehen, ihr Herz pochte vor Furcht; fast w\u00e4re sie umgekehrt, aber da dachte sie an den Prinzen und an die Seele der Menschen, und nun bekam sie Mut. Ihr langes, fliegendes Haar band sie fest um das Haupt, damit die Polypen sie nicht daran ergreifen m\u00f6chten; beide H\u00e4nde legte sie \u00fcber ihre Brust zusammen und schoss so dahin, wie ein Fisch durch das Wasser schie\u00dfen kann, immer zwischen den h\u00e4sslichen Polypen hindurch, die ihre geschmeidigen Arme und Finger hinter ihr her streckten. Sie sah, wie jeder von ihnen etwas, was er ergriffen hatte, mit Hunderten von kleinen Armen hielt. Menschen, die auf der See umgekommen und tief hinuntergesunken waren, sahen wie wei\u00dfe Gerippe aus der Polypen Armen hervor. Schiffsruder und Kisten hielten sie fest, auch Skelette von Landtieren und ein kleines Meerweib, welches sie gefangen und erstickt hatten; das war ihr das Schrecklichste.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kam sie zu einem gro\u00dfen, sumpfigen Platz im Wald, wo gro\u00dfe, fette Wasserschlangen sich w\u00e4lzten und ihren h\u00e4sslichen, wei\u00dfgelben Bauch zeigten. Mitten auf dem Platz war ein Haus, aus wei\u00dfen Knochen ertrunkener Menschen errichtet, da sa\u00df die Meerhexe und lie\u00df eine Kr\u00f6te aus ihrem Munde fressen, wie die Menschen einem kleinen Kanarienvogel Zucker zu essen geben. Die h\u00e4sslichen, fetten Wasserschlangen nannte sie ihre kleinen K\u00fcchlein und lie\u00df sie sich auf ihrer gro\u00dfen, schwammigen Brust w\u00e4lzen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich wei\u00df schon, was du willst&#8220;, sagte die Meerhexe. &#8222;Es ist zwar dumm von dir, doch sollst du deinen Willen haben, denn er wird dich ins Ungl\u00fcck st\u00fcrzen, meine sch\u00f6ne Prinzessin. Du willst gern deinen Fischschwanz los sein und statt dessen zwei St\u00fctzen, wie die Menschen zum Gehen haben, damit der junge Prinz sich in dich verliebt und du ihn und eine unsterbliche Seele erhalten kannst!&#8220; Dabei lachte die Hexe laut und widerlich, so dass die Kr\u00f6te und die Schlangen auf die Erde fielen, wo sie sich w\u00e4lzten. &#8222;Du kommst gerade zur rechten Zeit&#8220;, sagte die Hexe; &#8222;morgen, wenn die Sonne aufgeht, k\u00f6nnte ich dir nicht helfen, bis wieder ein Jahr um w\u00e4re. Ich werde dir einen Trank bereiten, mit dem musst du, bevor die Sonne aufgeht, nach dem Lande schwimmen, dich dort an das Ufer setzen und ihn trinken. Dann verschwindet dein Schwanz und schrumpft zu dem, was die Menschen niedliche Beine nennen, zusammen, aber es tut weh; es ist, als ob ein scharfes Schwert dich durchdr\u00e4nge. Alle, die dich sehen, werden sagen, du seiest das sch\u00f6nste Menschenkind, dass sie gesehen h\u00e4tten. Du beh\u00e4ltst deinen schwebenden Gang; keine T\u00e4nzerin kann sich so leicht bewegen sie du, aber jeder Schritt, den du machst, ist als ob du auf scharfe Messer tr\u00e4test, als ob dein Blut flie\u00dfen m\u00fcsste. Willst du alles dieses leiden, so werde ich dir helfen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja&#8220;, sagte die kleine Seejungfer mit bebender Simme und gedachte des Prinzen und der unsterblichen Seele.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber bedenke&#8220;, sagte die Hexe, &#8222;hast du erst menschliche Gestalt bekommen, so kannst du nie wieder eine Seejungfrau werden. Du kannst nie durch das Wasser zu deinen Schwestern und zum Schlosse deines Vaters zur\u00fcck, und gewinnst du des Prinzen Liebe nicht so, dass er um deinetwillen Vater und Mutter vergisst, an dir mit Leib und Seele h\u00e4ngt und den Priester eure H\u00e4nde ineinander legen l\u00e4sst, dass ihr Mann und Frau werdet, so bekommst du keine unsterbliche Seele. Am ersten Morgen, nachdem er mit einer andern verheiratet ist, wird dein Herz brechen, und du wirst zu Schaum auf dem Wasser.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich will es&#8220;, sagte die kleine Seejungfrau und war bleich wie der Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber mich musst du auch bezahlen&#8220;, sagte die Hexe, &#8222;und es ist nicht wenig, was ich verlange. Du hast die sch\u00f6nste Stimme von allen hier auf dem Grunde des Meeres; damit glaubst du wohl, ihn bezaubern zu k\u00f6nnen, aber die Stimme musst du mir geben. Das Beste. was du besitzest, will ich f\u00fcr meinen k\u00f6stlichen Trank haben! Mein eigen Blut muss ich dir ja geben, damit der Trank scharf wird wie ein zweischneidig Schwert.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber wenn du meine Stimme nimmst&#8220;, sagte die kleine Seejungfrau, &#8222;was bleibt mir dann \u00fcbrig?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Deine sch\u00f6ne Gestalt&#8220;, sagte die Hexe, &#8222;dein schwebender Gang und deine sprechenden Augen, damit kannst du schon ein Menschenherz bet\u00f6ren. Nun, hast du den Mut verloren? Strecke deine Zunge hervor, dann schneide ich sie an Zahlungsstatt ab, und du erh\u00e4llst den kr\u00e4ftigen Trank.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es geschehe!&#8220; sagte die kleine Seejungfrau; und die Hexe setzte ihren Kessel auf, um den Zaubertrank zu kochen. &#8222;Reinlichkeit ist eine sch\u00f6ne Sache&#8220;, sagte sie und scheuerte den Kessel mit den Schlangen ab, die sie zu einem langen Knoten band. Dann ritzte sie sich selbst die Brust und lie\u00df ihr schwarzes Blut hineintr\u00f6pfeln. Der Dampf bildete die sonderbarsten Gestalten, so dass einem angst und bange werden musste. Jeden Augenblick warf die Hexe neue Sachen in den Kessel, und als er kochte, war es, als ob ein Krokodil weinte. Endlich war der Trank fertig, er sah wie das klarste Wasser aus.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Da hast du ihn!&#8220; sagte die Hexe und schnitt der kleinen Seejungfrau die Zunge ab, die nun stumm war und weder singen noch sprechen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sollten die Polypen dich ergreifen, wenn du durch meinen Wald zur\u00fcckgehst&#8220;, sagte die Hexe, &#8222;so wirf nur einen einzigen Tropfen dieses Getr\u00e4nks auf sie; davon zerspringen ihre Arme und Finger in tausend St\u00fccke!&#8220; Aber das brauchte die kleine Seejungfrau nicht zu tun; die Polypen zogen sich zur\u00fcck, als sie den gl\u00e4nzenden Trank erblickten, der in ihrer Hand leuchtete, als sei er ein funkelnder Stern. So kam sie schnell durch den Wald, das Moor und die brausenden Strudel.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie konnte ihres Vaters Schloss sehen. Die Fackeln waren im gro\u00dfen Tanzsaal erloschen. Sie schliefen sicher alle drinnen, aber sie wagte doch nicht, sie aufzusuchen, jetzt da sie stumm war und sie auf immer verlassen wollte. Es war, als ob ihr Herz vor Trauer zerspringen sollte. Sie schlich in den Garten, nahm eine Blume von jedem Blumenbeet ihrer Schwestern, warf Tausende von Kussh\u00e4ndchen dem Schlosse zu und stieg durch die dunkelblaue See hinauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonne war noch nicht untergegangen, als sie des Prinzen Schloss erblickte und die breite Marmortreppe hinaufstieg. Der Mond schien herrlich klar. Die kleine Seejungfrau trank den brennenden, scharfen Trank, und es war, als ginge ein zweischneidiges Schwert durch ihren feinen K\u00f6rper; sie fiel dabei in Ohnmacht und lag wie tot da. Als die Sonne \u00fcber die See schien, erwachte sie und f\u00fchlte einen schneidenden Schmerz; aber gerade vor ihr stand der sch\u00f6ne, junge Prinz. Er heftete seine schwarzen Augen auf sie, so dass sie die ihrigen niederschlug und wahrnahm, dass ihr Fischschwanz fort war und sie die niedlichsten wei\u00dfen Beine hatte, die nur ein M\u00e4dchen haben kann. Aber sie war nackt, deshalb h\u00fcllte sie sich in ihr langes Haar ein. Der Prinz fragte, wer sie sei und wie sie hierher gekommen w\u00e4re, und sie sah ihn mild und doch gar betr\u00fcbt mit ihren dunkelblauen Augen an, sprechen konnte sie ja nicht. Da nahm er sie bei der Hand und f\u00fchrte sie in das Schloss hinein. Jeder Schritt, den sie tat, war, wie die Hexe im voraus gesagt hatte, als trete sie auf spitze Nadeln und Messer, aber das ertrug sie gern. An des Prinzen Hand schritt sie so leicht einher wie eine Seifenblase, und er sowie alle wunderten sich \u00fcber ihren lieblichen, schwebenden Gang.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie bekam nun herrliche Kleider von Seide und Musselin anzuziehen. Im Schloss war sie die Sch\u00f6nste von allen, aber sie war stumm, konnte weder singen noch sprechen. Herrliche Sklavinnen, in Seide und Gold gekleidet, traten auf und sangen vor dem Prinzen und seinen k\u00f6niglichen Eltern; die eine sang sch\u00f6ner als alle andern, und der Prinz klatschte in die H\u00e4nde und l\u00e4chelte sie an. Da wurde die kleine Seejungfrau betr\u00fcbt; sie wusste, dass sie selbst weit sch\u00f6ner gesungen hatte, und dachte: &#8222;Oh, er sollte nur wissen, dass ich, um bei ihm zu sein, meine Stimme f\u00fcr alle Ewigkeit hingegeben habe!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun tanzten die Sklavinnen niedliche, schwebende T\u00e4nze zur herrlichsten Musik; da erhob die kleine Seejungfrau ihre sch\u00f6nen, wei\u00dfen Arme, richtete sich auf den Fu\u00dfspitzen auf und schwebte tanzend \u00fcber den Fu\u00dfboden hin, wie noch keine getanzt hatte. Bei jeder Bewegung wurde ihre Sch\u00f6nheit noch sichtbarer, und ihre Augen sprachen tiefer zum Herzen als der Gesang der Sklavinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle waren entz\u00fcckt davon, besonders der Prinz, der sie sein kleines Findelkind nannte. Und sie tanzte mehr und mehr, obwohl es ihr jedes Mal, wenn ihr Fu\u00df die Erde ber\u00fchrte, war, als ob sie auf scharfe Messer trete. Der Prinz sagte, dass sie immer bei ihm bleiben solle, und sie erhielt die Erlaubnis, vor seiner T\u00fcr auf einem Samtkissen zu schlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er lie\u00df ihr eine M\u00e4nnertracht machen, damit sie ihn zu Pferde begleiten k\u00f6nne. Sie ritten durch die duftenden W\u00e4lder, wo die gr\u00fcnen Zweige ihre Schultern ber\u00fchrten und die V\u00f6gel hinter den frischen Bl\u00e4ttern sangen. Sie kletterte mit dem Prinzen auf die hohen Berge hinauf, und obgleich ihre zarten F\u00fc\u00dfe bluteten, dass selbst die andern es sehen konnten, lachte sie doch dar\u00fcber und folgte ihm, bis sie die Wolken unter sich segeln sahen, als w\u00e4re es ein Schwarm V\u00f6gel, die nach fremden L\u00e4ndern ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daheim in des Prinzen Schlosse, wenn nachts die andern schliefen, ging sie auf die breite Marmortreppe hinaus. Es k\u00fchlte ihre brennenden F\u00fc\u00dfe, im kalten Seewasser zu stehen, und dann gedachte sie derer dort unten in der Tiefe. Einmal des Nachts kamen ihre Schwestern Arm in Arm; traurig sangen sie, indem sie \u00fcber dem Wasser schwammen. Sie winkte ihnen, und sie erkannten sie und erz\u00e4hlten ihr, wie sehr sie alle betr\u00fcbt seien. Darauf besuchten sie sie in jeder Nacht, und einmal erblickte sie weit drau\u00dfen ihre alte Gro\u00dfmutter, die in vielen Jahren nicht \u00fcber der Meeresfl\u00e4che gewesen war, und den Meerk\u00f6nig mit seiner Krone auf dem Haupt; sie streckten die H\u00e4nde nach ihr aus, wagten sich aber nicht so nahe ans Land wie die Schwestern.<\/p>\n\n\n\n<p>Tag f\u00fcr Tag wurde sie dem Prinzen lieber. Er liebte sie, wie man ein<\/p>\n\n\n\n<p>gutes, liebes Kind liebt, aber sie zu seiner K\u00f6nigin zu machen, kam ihm nicht in den Sinn. Und seine Frau musste sie doch werden, sonst erhielt sie keine unsterbliche Seele und musste an seinem Hochzeitsmorgen zu Schaum auf dem Meere werden.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Liebst du mich nicht am meisten von ihnen allen?&#8220; schienen der kleinen Seejungfrau Augen zu fragen, wenn er sie in seine Arme nahm und ihre sch\u00f6ne Stirn k\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, du bist mir die Liebste&#8220;, sagte der Prinz, &#8222;denn du hast das beste Herz von allen. Du bist mir am meisten ergeben und gleichst einem jungen M\u00e4dchen, das ich einmal sah, aber sicher nie wiederfinde. Ich war auf einem Schiffe, welches strandete. Die Wellen warfen mich bei einem heiligen Tempel an das Land, wo mehrere junge M\u00e4dchen den Dienst verrichteten; die J\u00fcngste dort fand mich am Ufer und rettete mein Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sah sie nur zweimal, sie w\u00e4re die einzige, die ich in dieser Welt lieben k\u00f6nnte; aber du gleichst ihr, und du verdr\u00e4ngst fast ihr Bild aus meiner Seele. Sie geh\u00f6rt dem heiligen Tempel an, und deshalb hat mein gutes Gl\u00fcck dich mir gesendet; nie wollen wir uns trennen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, er wei\u00df nicht, dass ich sein Leben gerettet habe&#8220;, dachte die kleine Seejungfrau; &#8222;ich trug ihn \u00fcber das Meer zum Wald hin, wo der Tempel steht; ich sa\u00df hier hinter dem Schaum und sah, ob keine Menschen kommen w\u00fcrden. Ich sah das h\u00fcbsche M\u00e4dchen, das er mehr liebt als mich.&#8220; Sie seufzte tief, weinen konnte sie nicht. &#8222;Das M\u00e4dchen geh\u00f6rt dem heiligen Tempel an, hat er gesagt; sie kommt nie in die Welt hinaus; sie begegnen sich nicht mehr, ich bin bei ihm, sehe ihn jeden Tag; ich will ihn pflegen, lieben, ihm mein Leben opfern.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nun sollte der Prinz sich verheiraten und des Nachbark\u00f6nigs sch\u00f6ne Tochter zur Frau bekommen, erz\u00e4hlte man; deshalb r\u00fcstete er ein pr\u00e4chtiges Schiff aus. Der Prinz reist, um des Nachbark\u00f6nigs Tochter zu sehen. Ein gro\u00dfes Gefolge soll ihn begleiten. Die kleine Seejungfrau sch\u00fcttelte das Haupt und l\u00e4chelte; sie kannte des Prinzen Gedanken weit besser als alle andern. &#8222;Ich muss reisen&#8220;, hatte er zu ihr gesagt; &#8222;ich muss die sch\u00f6ne Prinzessin sehen. Meine Eltern verlangen es, aber sie wollen mich nicht zwingen, sie als meine Braut heimzuf\u00fchren. Ich kann sie nicht lieben! Sie gleicht nicht dem sch\u00f6nen M\u00e4dchen im Tempel, dem du \u00e4hnelst; sollte ich einst eine Braut w\u00e4hlen, so w\u00fcrdest du es eher sein, mein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen.&#8220; Und er k\u00fcsste ihren roten Mund, spielte mit ihrem langen Haar und legte sein Haupt an ihr Herz, so dass dieses von Menschengl\u00fcck und einer unsterblichen Seele tr\u00e4umte. &#8222;Du f\u00fcrchtest doch das Meer nicht, mein stummes Kind?&#8220; sagte er, als sie auf dem pr\u00e4chtigen Schiffe standen, welches ihn nach den L\u00e4ndern des Nachbark\u00f6nigs f\u00fchren sollte. Er erz\u00e4hlte ihr vom Sturm und von der Windstille, von seltsamen Fischen in der Tiefe und von dem, was die Taucher dort gesehen, und sie l\u00e4chelte bei seiner Erz\u00e4hlung; sie wusste ja besser als sonst jemand, was auf dem Grunde des Meeres vorging.<\/p>\n\n\n\n<p>In der mondhellen Nacht, wenn alle schliefen bis auf den Steuermann, der am Steuerruder stand, sa\u00df sie am Bord des Schiffes und starrte durch das klare Wasser hinunter. Sie glaubte ihres Vaters Schloss zu erblicken; hoch oben stand die Gro\u00dfmutter mit der Silberkrone auf dem Haupt und starrte durch die rei\u00dfenden Str\u00f6me zu des Schiffes Kiel empor. Da kamen ihre Schwestern \u00fcber das Wasser hervor und schauten sie traurig an und rangen ihre wei\u00dfen H\u00e4nde. Sie winkte ihnen, l\u00e4chelte und wollte erz\u00e4hlen, dass es ihr gut gehe und sie gl\u00fccklich sei; aber der Schiffsjunge n\u00e4herte sich ihr, und die Schwestern tauchten unter, so dass er glaubte, dass Wei\u00dfe, was er gesehen, sei Schaum auf der See gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen segelte das Schiff in den Hafen von des Nachbark\u00f6nigs pr\u00e4chtiger Stadt. Alle Kirchenglocken l\u00e4uteten, und von den hohen T\u00fcrmen wurden die Posaunen geblasen, w\u00e4hrend die Soldaten mit fliegenden Fahnen und blitzenden Bajonetten dastanden. Jeder Tag f\u00fchrte ein Fest mit sich. B\u00e4lle und Gesellschaften folgten einander, aber die Prinzessin war noch nicht da; sie werde, weit von hier entfernt, in einem heiligen Tempel erzogen, sagten sie; dort lerne sie alle k\u00f6niglichen Tugenden. Endlich traf sie ein. Die kleine Seejungfrau war begierig, ihre Sch\u00f6nheit zu sehen, und sie musste solche anerkennen: Eine lieblichere Erscheinung hatte sie noch nie gesehen. Die Haut war fein und klar, und hinter den langen, dunklen Augenwimpern l\u00e4chelten ein Paar schwarzblaue, treue Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du bist die&#8220;, sagte der Prinz, &#8222;die mich gerettet hat, als ich, einer Leiche gleich, an der K\u00fcste lag.&#8220; Und er dr\u00fcckte seine err\u00f6tende Braut in seine Arme. &#8222;Oh, ich bin allzu gl\u00fccklich!&#8220; sagte er zur kleinen Seejungfrau. &#8222;Das Beste, was ich je hoffen durfte, ist mir in Erf\u00fcllung gegangen. Du wirst dich \u00fcber mein Gl\u00fcck freuen, denn du meinst es am besten mit mir von ihnen allen.&#8220; Und die kleine Seejungfrau k\u00fcsste seine Hand, und es kam ihr schon vor, als f\u00fchle sie ihr Herz brechen. Sein Hochzeitsmorgen w\u00fcrde ihr ja den Tod geben und sie in Schaum auf dem Meer verwandeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Kirchenglocken l\u00e4uteten; die Herolde ritten in den Stra\u00dfen umher und verk\u00fcndeten die Verlobung. Auf allen Alt\u00e4ren brannte duftendes \u00d6l in k\u00f6stlichen Silberlampen. Die Priester schwangen die Rauchf\u00e4sser, und Braut und Br\u00e4utigam reichten einander die Hand und erhielten den Segen des Bischofs. Die kleine Seejungfrau war in Seide und Gold gekleidet und hielt die Schleppe der Braut, aber ihre Ohren h\u00f6rten die festliche Musik nicht, ihr Auge sah die heilige Zeremonie nicht, sie gedachte ihrer Todesnacht und alles dessen, was sie in dieser Welt verloren hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch an demselben Abend gingen die Braut und der Br\u00e4utigam an Bord des Schiffes. Die Kanonen donnerten, alle Flaggen wehten, und mitten auf dem Kissen war ein k\u00f6stliches Zelt von Gold und Purpur und mit den sch\u00f6nsten Kissen errichtet; da sollte das Brautpaar in der k\u00fchlen, stillen Nacht schlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Segel schwellten im Wind, und das Schiff glitt leicht und ohne gro\u00dfe Bewegung \u00fcber die klare See dahin.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es dunkelte, wurden bunte Lampen angez\u00fcndet, und die Seeleute tanzten lustig auf dem Verdeck. Die kleine Seejungfrau musste ihres ersten Auftauchens aus dem Meer gedenken, wo sie dieselbe Pracht und Freude erblickt hatte, und sie wirbelte mit im Tanz, schwebte, wie eine Schwalbe schwebt, wenn sie verfolgt wird, und alle jubelten ihr Bewunderung zu; nie hatte sie so herrlich getanzt. Es schnitt ihr wie scharfe Messer in die zarten F\u00fc\u00dfe, aber sie f\u00fchlte es nicht; es schnitt ihr noch schmerzlicher durch das Herz. Sie wusste, es war der letzte Abend, an dem sie ihn erblickte, f\u00fcr den sie ihre Verwandten und ihre Heimat verlassen, ihre sch\u00f6ne Stimme dahingegeben und t\u00e4glich unendliche Qualen ertragen hatte, ohne dass er es mit einem Gedanken ahnte. Es war die letzte Nacht, dass sie dieselbe Luft mit ihm einatmete, das tiefe Meer und den sternhellen Himmel erblickte; eine ewige Nacht ohne Gedanken und Traum harrte ihrer, die keine Seele hatte, keine Seele gewinnen konnte. Und alles war Freude und Heiterkeit auf dem Schiff bis \u00fcber Mitternacht hinaus; sie lachte und tanzte mit Todesgedanken im Herzen. Der Prinz k\u00fcsste seine sch\u00f6ne Braut, und sie spielte mit seinem schwarzen Haar, und Arm in Arm gingen sie zur Ruhe in das pr\u00e4chtige Zelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde still auf dem Schiff, nur der Steuermann stand am Steuerruder. Die kleine Seejungfrau legte ihre wei\u00dfen Arme auf den Schiffsbord und blickte gegen Osten nach der Morgenr\u00f6te; der erste Sonnenstrahl, wusste sie, w\u00fcrde sie t\u00f6ten. Da sah sie ihre Schwestern der Flut entsteigen, sie waren bleich wie sie; ihr langes, sch\u00f6nes Haar wehte nicht mehr im Wind, es war abgeschnitten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wir haben es der Hexe gegeben, um dir Hilfe bringen zu k\u00f6nnen, damit du diese Nacht nicht stirbst. Sie hat uns ein Messer gegeben, hier ist es. Siehst du, wie scharf? Bevor die Sonne aufgeht, musst du es in das Herz des Prinzen sto\u00dfen, und wenn dann das warme Blut auf deine F\u00fc\u00dfe spritzt, so wachsen diese in einen Fischschwanz zusammen, und du wirst wieder eine Seejungfrau, kannst zu uns herabsteigen und lebst deine dreihundert Jahre, bevor du zu totem, salzigem Seeschaum wirst. Beeile dich! Er oder du musst sterben, bevor die Sonne aufgeht. Unsere Gro\u00dfmutter trauert so, dass ihr wei\u00dfes Haar wie das unsrige unter der Schere der Hexe gefallen ist. T\u00f6te den Prinzen und komm zur\u00fcck! Beeile dich! Siehst du den roten Streifen am Himmel? In wenigen Minuten steigt die Sonne auf, dann musst du sterben!&#8220; und sie stie\u00dfen einen tiefen Seufzer aus und versanken in den Wogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kleine Seejungfrau zog den Purpurteppich vom Zelte und sah die sch\u00f6ne Braut mit ihrem Haupt an des Prinzen Brust ruhen; und sie bog sich nieder, k\u00fcsste ihn auf seine sch\u00f6ne Stirn, blickte gen Himmel, wo die Morgenr\u00f6te mehr und mehr leuchtete, betrachtete das scharfe Messer und heftete die Augen wieder auf den Prinzen, der im Traume seine Braut bei Namen nannte. Nur sie war in seinen Gedanken, und das Messer zitterte in der Hand der Seejungfrau. &#8211; Aber da warf sie es weit hinaus in die Wogen. Sie gl\u00e4nzten rot, wo es hinfiel; es sah aus, als keimten Blutstropfen aus dem Wasser auf. Noch einmal sah sie mit halbgebrochenen Blicken auf den Prinzen, st\u00fcrzte sich vom Schiff in das Meer hinab und f\u00fchlte, wie ihr K\u00f6rper sich in Schaum aufl\u00f6ste.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun stieg die Sonne aus dem Meere auf, die Strahlen fielen so mild und warm auf den kalten Meeresschaum&#8216; und die kleine Seejungfrau f\u00fchlte nichts vom Tode. Sie sah die helle Sonne, und \u00fcber ihr schwebten Hunderte von durchsichtigen, herrlichen Gesch\u00f6pfen; sie konnte durch sie hindurch des Schiffes wei\u00dfe Segel und des Himmels rote Wolken erblicken. Ihre Sprache war melodisch, aber so geisterhaft, dass kein menschliches Ohr sie vernehmen, ebenso wie kein irdisches Auge sie erblicken konnte; ohne Schwingen schwebten sie vermittels ihrer eigenen Leichtigkeit durch die Luft. Die kleine Seejungfrau sah, dass sie einen K\u00f6rper hatte wie diese, der sich mehr und mehr aus dem Schaum erhob.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wo komme ich hin?&#8220; fragte sie, und ihre Stimme klang wie die der andern Wesen, so geisterhaft, dass keine irdische Musik sie wiederzugeben vermag.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Zu den T\u00f6chtern der Luft!&#8220; erwiderten die andern. &#8222;Die Seejungfrau hat keine unsterbliche Seele und kann sie nie erhalten, wenn sie nicht eines Menschen Liebe gewinnt; von einer fremden Macht h\u00e4ngt ihr ewiges Dasein ab. Die T\u00f6chter der Luft haben auch keine unsterbliche Seele, aber sie k\u00f6nnen durch gute Handlungen sich selbst eine schaffen. Wir fliegen nach den warmen L\u00e4ndern, wo die schw\u00fcle Pestluft den Menschen t\u00f6tet; dort f\u00e4cheln wir K\u00fchlung. Wir breiten den Duft der Blumen durch die Luft aus und senden Erquickung und Heilung. Wenn wir dreihundert Jahre lang gestrebt haben, alles Gute, was wir verm\u00f6gen, zu vollbringen, so erhalten wir eine unsterbliche Seele und nehmen teil am ewigen Gl\u00fcck der Menschen. Du arme, kleine Seejungfrau hast mit ganzem Herzen nach demselben wie wir gestrebt; du hast gelitten und geduldet, hast dich zur Luftgeisterwelt erhoben und kannst nun dir selbst durch gute Werke nach drei Jahrhunderten eine unsterbliche Seele schaffen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und die kleine Seejungfrau erhob ihre verkl\u00e4rten Augen gegen Gottes Sonne, und zum ersten Mal f\u00fchlte sie Tr\u00e4nen in ihren Augen. &#8211; Auf dem Schiffe war wieder L\u00e4rm und Leben; sie sah den Prinzen mit seiner sch\u00f6nen Braut nach ihr suchen. Wehm\u00fctig starrten sie den perlenden Schaum an, als ob sie w\u00fcssten, dass sie sich in die Fluten gest\u00fcrzt habe. Unsichtbar k\u00fcsste sie die Stirn der Braut, f\u00e4chelte den Prinzen an und stieg mit den \u00fcbrigen Kindern der Luft auf die rosenrote Wolke hinauf, welche den \u00c4ther durchschiffte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nach dreihundert Jahren schweben wir so in das Reich Gottes hinein.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Auch k\u00f6nnen wir noch fr\u00fcher dahin gelangen&#8220;, fl\u00fcsterte eine Tochter der Luft. &#8222;Unsichtbar schweben wir in die H\u00e4user der Menschen hinein, wo Kinder sind, und f\u00fcr jeden Tag, an dem wir ein gutes Kind finden, welches seinen Eltern Freude bereitet und deren Liebe verdient, verk\u00fcrzt Gott unsere Pr\u00fcfungszeit. Das Kind wei\u00df nicht, wann wir durch die Stube fliegen, und m\u00fcssen wir aus Freude l\u00e4cheln, so wird ein Jahr von den dreihundert Jahren abgerechnet; sehen wir aber ein unartiges und b\u00f6ses Kind, so m\u00fcssen wir Tr\u00e4nen der Trauer vergie\u00dfen, und jede Tr\u00e4ne legt unserer Pr\u00fcfungszeit einen Tag zu.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weit drau\u00dfen im Meer ist das Wasser so blau wie die Bl\u00e4tter der sch\u00f6nsten Kornblume, und so klar wie das reinste Glas. Aber es ist sehr tief, tiefer als irgend ein Ankertau reicht; viele Kircht\u00fcrme m\u00fcssten aufeinandergestellt werden, um vom Boden bis \u00fcber das Wasser zu reichen. 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