{"id":5062,"date":"2026-01-26T18:24:13","date_gmt":"2026-01-26T17:24:13","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5062"},"modified":"2026-01-26T18:24:13","modified_gmt":"2026-01-26T17:24:13","slug":"der-schweinehirt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-schweinehirt\/","title":{"rendered":"Der Schweinehirt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der Schweinehirt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein armer Prinz; er hatte nur ein ganz kleines K\u00f6nigreich; aber es war immer gro\u00df genug, um sich darauf zu verheiraten, und verheiraten wollte er sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war es freilich etwas keck von ihm, dass er zur Tochter des Kaisers zu sagen wagte: &#8222;Willst du mich haben?&#8220; Aber er wagte es doch, denn sein Name war weit und breit ber\u00fchmt; es gab hundert Prinzessinnen, die gerne ja gesagt h\u00e4tten; aber ob sie es tat? Nun, wir wollen h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Grabe des Vaters des Prinzen wuchs ein Rosenstrauch, ein herrlicher Rosenstrauch; der bl\u00fchte nur jedes f\u00fcnfte Jahr und trug dann auch nur die einzige Blume; aber das war eine Rose, die duftete so s\u00fc\u00df, dass man alle seine Sorgen und seinen Kummer verga\u00df, wenn man daran roch. Der Prinz hatte auch eine Nachtigall, die konnte singen, als ob alle sch\u00f6nen Melodien in ihrer Kehle s\u00e4\u00dfen. Diese Rose und die Nachtigall sollte die Prinzessin haben, und deshalb wurden sie beide in gro\u00dfe silberne Beh\u00e4lter gesetzt und ihr zugesandt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kaiser lie\u00df sie vor sich her in den gro\u00dfen Saal tragen, wo die Prinzessin war und mit ihren Hofdamen &#8222;Es kommt Besuch&#8220; spielte. Als sie die gro\u00dfen Beh\u00e4lter mit den Geschenken erblickte, klatschte sie vor Freude in die H\u00e4nde. &#8222;Wenn es doch eine kleine Miezekatze w\u00e4re!&#8220; sagte sie, aber da kam der Rosenstrauch mit der herrlichen Rose hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie niedlich sie gemacht ist!&#8220; sagten alle Hofdamen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sie ist mehr als niedlich&#8220;, sagte der Kaiser, &#8222;sie ist sch\u00f6n!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Prinzessin bef\u00fchlte sie, und da war sie nahe daran, zu weinen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Pfui, Papa!&#8220; sagte sie, &#8222;sie ist nicht k\u00fcnstlich, sie ist nat\u00fcrlich!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Pfui,&#8220; sagten alle Hofdamen, &#8222;sie ist nat\u00fcrlich!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Lasst uns nun erst sehen, was in dem andern Beh\u00e4lter ist, ehe wir b\u00f6se werden!&#8220; meinte der Kaiser, und da kam die Nachtigall heraus, die so sch\u00f6n sang, dass man nicht gleich etwas B\u00f6ses gegen sie vorbringen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Superbe! Charmant!&#8220; sagten die Hofdamen; denn sie plauderten alle franz\u00f6sisch, eine immer \u00e4rger als die andere.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie der Vogel mich an die Spieldose der seligen Kaiserin erinnert!&#8220; sagte ein alter Kavalier; &#8222;ach ja, das ist derselbe Ton, derselbe Vortrag!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja!&#8220; sagte der Kaiser, und dann weinte er wie ein kleines Kind.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es wird doch hoffentlich kein nat\u00fcrlicher sein?&#8220; sagte die Prinzessin.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, es ist ein nat\u00fcrlicher Vogel!&#8220; sagten die Boten, die ihn gebracht hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So Lasst den Vogel fliegen&#8220;, sagte die Prinzessin, und sie wollte nicht gestatten, dass der Prinz k\u00e4me.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dieser lie\u00df sich nicht einsch\u00fcchtern. Er bemalte sich das Antlitz mit Braun und Schwarz, dr\u00fcckte die M\u00fctze tief \u00fcber den Kopf und klopfte an.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Guten Tag, Kaiser!&#8220; sagte er. &#8222;K\u00f6nnte ich nicht hier auf dem Schlosse einen Dienst bekommen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jawohl!&#8220; sagte der Kaiser. &#8222;Ich brauche jemand, der die Schweine h\u00fcten kann, denn deren haben wir viele.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So wurde der Prinz angestellt als kaiserlicher Schweinehirt. Er bekam eine j\u00e4mmerlich kleine Kammer unten bei den Schweinen, und da musste er bleiben; aber den ganzen Tag sa\u00df er und arbeitete, und als es Abend war, hatte er einen niedlichen, kleinen Topf gemacht. Rings um ihn waren Schellen, und sobald der Topf kochte, klingelten sie und spielten die sch\u00f6ne Melodie:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, du lieber Augustin, Alles ist hin, hin, hin!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das Allerk\u00fcnstlichste war, dass, wenn man den Finger in den Dampf des Topfes hielt, man sogleich riechen konnte, welche Speisen auf jedem Feuerherd in der Stadt zubereitet wurden. Das war wahrlich etwas ganz anderes als die Rose!<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kam die Prinzessin mit allen ihren Hofdamen daherspaziert, und als sie die Melodie h\u00f6rte, blieb sie stehen und sah ganz erfreut aus, denn sie konnte auch &#8222;Ach, du lieber Augustin&#8220; spielen. Das war das einzige, was sie konnte, aber das spielte sie mit einem Finger.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das ist ja das, was ich kann!&#8220; sagte sie. &#8222;Dann muss es ein gebildeter Schweinehirt sein! H\u00f6re, gehe hinunter und frage ihn, was das Instrument kostet!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da musste eine der Hofdamen hineingehen. Aber sie zog Holzpantoffeln an.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was willst du f\u00fcr den Topf haben?&#8220; fragte die Hofdame.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Zehn K\u00fcsse von der Prinzessin!&#8220; sagte der Schweinehirt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gott bewahre uns!&#8220; sagte die Hofdame.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, anders tue ich es nicht!&#8220; antwortete der Schweinehirt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Er ist unartig!&#8220; sagte die Prinzessin, und dann ging sie; aber als sie ein kleines St\u00fcck gegangen war, erklangen die Schellen so lieblich: &#8222;Ach, du lieber Augustin, Alles ist hin, hin, hin!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;H\u00f6re&#8220;, sagte die Prinzessin, &#8222;frage ihn, ob er zehn K\u00fcsse von meinen Hofdamen will!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich danke sch\u00f6n&#8220;, sagte der Schweinehirt; &#8222;zehn K\u00fcsse von der Prinzessin, oder ich behalte meinen Topf.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was ist das doch f\u00fcr eine langweilige Geschichte!&#8220; sagte die Prinzessin. &#8222;Aber dann m\u00fcsst ihr vor mir stehen, damit es niemand sieht!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hofdamen stellten sich davor und breiteten ihre Kleider aus, und da bekam der Schweinehirt zehn K\u00fcsse, und sie erhielt den Topf.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, das war eine Freude! Den ganzen Abend und den ganzen Tag musste der Topf kochen; es gab nicht einen Feuerherd in der ganzen Stadt, von dem sie nicht wussten, was darauf gekocht wurde, sowohl beim Kammerherrn wie beim Schuhflicker. Die Hofdamen tanzten und klatschten in die H\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wir wissen, wer s\u00fc\u00dfe Suppe und Eierkuchen essen wird, wir wissen, wer Gr\u00fctze und Braten bekommt! Wie sch\u00f6n ist doch das!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, aber haltet reinen Mund, denn ich bin des Kaisers Tochter!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jawohl, jawohl!&#8220; sagten alle.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schweinehirt, das hei\u00dft der Prinz &#8211; aber sie wussten es ja nicht anders, als dass er ein wirklicher Schweinehirt sei -, lie\u00df die Tage nicht verstreichen, ohne etwas zu tun, und da machte er eine Knarre. Wenn man diese herumschwang, erklangen alle die Walzer und Hopser, die man von Erschaffung der Welt an kannte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, das ist superbe&#8220;, sagte die Prinzessin, indem sie vorbeiging. &#8222;Ich habe nie eine sch\u00f6nere Musik geh\u00f6rt! H\u00f6re, gehe hinein und frage ihn, was das Instrument kostet, aber ich k\u00fcsse nicht wieder!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Er will hundert K\u00fcsse von der Prinzessin haben!&#8220; sagte die Hofdame, die hineingegangen war, um zu fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich glaube, er ist verr\u00fcckt!&#8220; sagte die Prinzessin, und dann ging sie; aber als sie ein kleines St\u00fcck gegangen war, blieb sie stehen. &#8222;Man muss die Kunst aufmuntern&#8220;, sagte sie; &#8222;ich bin des Kaisers Tochter! Sage ihm, er soll wie neulich zehn K\u00fcsse haben; den Rest kann er von meinen Hofdamen nehmen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, aber wir tun es ungern!&#8220; sagten die Hofdamen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das ist Geschw\u00e4tz&#8220;, sagte die Prinzessin, wenn ich ihn k\u00fcssen kann, dann k\u00f6nnt ihr es auch; bedenkt, ich gebe euch Kost und Lohn!&#8220; Da mussten die Hofdamen wieder zu ihm hineingehen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hundert K\u00fcsse von der Prinzessin&#8220;, sagte er, &#8222;oder jeder beh\u00e4lt das Seine!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Stellt euch davor!&#8220; sagte sie dann, und da stellten sich alle Hofdamen davor, und nun k\u00fcsste er.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was mag das wohl f\u00fcr ein Auflauf beim Schweinestall sein?&#8220; fragte der Kaiser, der auf den Balkon hinausgetreten war. Er rieb sich die Augen und setzte die Brille auf. &#8222;Das sind ja die Hofdamen, die da ihr Wesen treiben; ich werde wohl zu ihnen hinuntergehen m\u00fcssen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Potztausend, wie er sich sputete!<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald er in den Hof hinunterkam, ging er ganz leise, und die Hofdamen hatten so viel damit zu tun, die K\u00fcsse zu z\u00e4hlen, damit es ehrlich zugehen m\u00f6ge, dass sie den Kaiser gar nicht bemerkten. Er erhob sich hoch auf den Zehen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was ist das?&#8220; sagte er, als er sah, dass sie sich k\u00fcssten; und dann schlug er seine Tochter mit einem Pantoffel auf den Kopf, gerade als der Schweinehirt den sechsundachtzigsten Kuss erhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Fort mit euch!&#8220; sagte der Kaiser, denn er war b\u00f6se, und sowohl die Prinzessin wie der Schweinehirt mussten sein Kaiserreich verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da stand sie nun und weinte, der Schweinehirt schalt, und der Regen str\u00f6mte hernieder.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, ich elendes Gesch\u00f6pf&#8220;, sagte die Prinzessin, &#8222;h\u00e4tte ich doch den sch\u00f6nen Prinzen genommen! Ach, wie ungl\u00fccklich bin ich!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schweinehirt aber ging hinter einen Baum, wischte sich das Schwarze und Braune aus seinem Antlitz, warf die schlechten Kleider von sich und trat nun in seiner Prinzentracht hervor, so sch\u00f6n, dass die Prinzessin sich verneigen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich bin dahin gekommen, dich zu verachten!&#8220; sagte er. &#8222;Du wolltest keinen ehrlichen Prinzen haben! Du verstandest dich nicht auf die Rose und die Nachtigall, aber den Schweinehirten konntest du f\u00fcr eine Spielerei k\u00fcssen. Das hast du nun daf\u00fcr!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann ging er in sein K\u00f6nigreich hinein; da konnte sie drau\u00dfen ihr Lied singen:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, du lieber Augustin, Alles ist hin, hin, hin!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schweinehirt Hans Christian Andersen Es war einmal ein armer Prinz; er hatte nur ein ganz kleines K\u00f6nigreich; aber es war immer gro\u00df genug, um sich darauf zu verheiraten, und verheiraten wollte er sich. 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