{"id":5044,"date":"2026-01-26T17:20:01","date_gmt":"2026-01-26T16:20:01","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5044"},"modified":"2026-01-26T17:20:02","modified_gmt":"2026-01-26T16:20:02","slug":"die-schwarze-rose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-schwarze-rose\/","title":{"rendered":"Die schwarze Rose"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die schwarze Rose<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ludwig Ganghofer<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Am Ufer eines sch\u00f6nen, weit entlegenen Sees, der in wellenweiter Runde vom dunklen Bergwald umzogen war, stand vor vielen Jahren das kleine freundliche Haus eines armen Fischers. Vier Leute hausten miteinander unter dem m\u00fcrben Strohdach, Meister Konrad ,mit seinem Weibe, die alte Hanni, des Fischers greise Mutter, und der junge Dieter, sein zwanzigj\u00e4hriger Sohn. Einige K\u00f6hler, deren H\u00fctten zerstreut im Bergwald standen, waren ihre einzigen Nachbarn, ihr ganzer Umgang.<\/p>\n\n\n\n<p>All jedem Sonntagmorgen wanderten sie einem nahen Berge zu, auf welchem Pater Crispus, der alte Einsiedler, ein Blockhaus bewohnte und ihnen in der aus Baumst\u00e4mmen gef\u00fcgten Kapelle die Messe las.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Mal des Jahres kamen H\u00e4ndler aus der fernen Stadt und brachten dem Meister Konrad zum Tausch f\u00fcr seine ged\u00f6rrten, ger\u00e4ucherten und gesalzenen Fische allen Bedarf seines Hauses. Allj\u00e4hrlich im Herbste kam der Burgherr von seinem entlegenen Schlosse, um hier in den Bergen zu jagen. Das waren Festtage f\u00fcr den Dieter. Vom Morgen bis zum Abend schritt er in pfadloser Wildnis dem ,Tross voran, um den J\u00e4gern die Schlupfwinkel der Raubtiere und die besten Standpl\u00e4tze der Sauen und Hirsche zu zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ritter fand Gefallen an dem flinken und mutigen Burschen, der den Bergwald wie seine Tasche kannte und einem hauenden Schwein mit dem kurzen Fischermesser lachend auf den borstigen Leib r\u00fcckte. Drum h\u00e4tte er den Jungen gern unter die Schar seiner ,Gro\u00dfknechte eingereiht, aber Meister Konrad wollte davon nichts wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihn plagte manchmal das Zipperlein, und da er oft durch lange Wochen den See nicht befahren konnte, wie h\u00e4tte er da seinen Gesellen schwer vermisst! Und dann &#8211; er gestand es nur nicht &#8211; aber der Anblick des Buben tat dem Alten wohl.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieter war anzusehen wie ein junger, lenzgr\u00fcner Eichbaum, so kr\u00e4ftig und schlank gewachsen. Hell leuchteten die blauen Augen aus dem h\u00fcbschen, sonnenverbrannten Gesichte, das die braunen Locken umschlossen hielten gleich einem dunklen Helm.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl erwachte in ihm zuweilen die Sehnsucht nach der Welt da drau\u00dfen im ebenen Lande, und er schmollte mit dem Vater; aber wenn der L\u00e4rm und Rausch der Jagdtage verklungen war, dann kam sein junges, gen\u00fcgsames Herz bald wieder ins Geleise.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann war er gerne wieder daheim, drau\u00dfen auf dem See, wo er mit Netz und Angel, droben im Bergwald, wo er mit der Armbrust zu tun hatte, um sich und den Seinen die Nahrung f\u00fcr alle rilige, das w\u00e4rmende Rauchwerk f\u00fcr den harten Winter zu schaffen. Er war ein guter J\u00e4ger, ein guter Fischer, war beides oft zu gleicher Zeit, denn wenn er bei grauendem Morgen den Einbaum durch das R\u00f6hricht steuerte, um die Stellnetze nachzusehen, hatte er stets die gespannte Armbrust an der Seite, um einen aufsteigenden Reiher oder eine kreischend abstreichende Wildente mit sicher treffendem Holz zu erlegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war es an einem lauen, herrlich sch\u00f6nen Maienabend. Ein goldig roter Schimmer der untergehenden Sonne lag \u00fcber Wald und See gebreitet, und die Gipfel der Berge brannten.<\/p>\n\n\n\n<p>Rings um das Fischerhaus dufteten die jungen Blumen, und ein Schwalbenp\u00e4rchen, das sich eingenistet hatte, zwitscherte auf dem Dache, w\u00e4hrend der nahe Quell ganz leise murmelte in geheimnisvollem Selbstgespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p>Und just, als m\u00f6chte sie diese heimliche Sprache deuten, sa\u00df die alte Hanni, an einem Netze flickend, lauschend auf der steinernen Hausbank und r\u00fchrte manchmal fl\u00fcsternd die Lippen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da kam der Dieter \u00fcber die Wiese vom See herauf. Er machte ein verdrossenes Gesicht, und es war auch leicht zu erraten, weshalb. Man durfte nur die zwei Messer langen Fischlein betrachten, die er an einer d\u00fcnnen Gerte in der Hand trag. Das war die Beute des langen Tages. Meister Konrad trat unter die er, furchte die Brauen und schalt. Er h\u00e4tte tun kommenden Morgen dem Pater Crispus gerne zur Feier des heiligen Pfingsttages einen stattlichen Hecht gebracht. Deshalb war es dem Jungen selber doppel leid, dass er einen so armseligen Fang getan. Finster starrte er vor sich nieder und schlenkerte die Gerte mit den zwei daran h\u00e4ngenden Schw\u00e4nzlein um die Beine. Die Gro\u00dfmutter aber nickte ihm tr\u00f6stend zu:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbLass gut sein, Dieter! Kann der Vater dem Pater Crispus morgen keinen Hecht bringen, so soll er ihm zu Johanni einen sch\u00f6nen Lachs hinauftragen. Und du k\u00fcmmer dich nicht! Wirst auch wieder bessere l\u00e4ge haben. Hast ja noch immer Gl\u00fcck gehabt! Und wer wei\u00df\u00ab, f\u00fcgte sie kichernd bei, \u00bbmorgen ist Pfingsttag, vielleicht findest du die schwarze Rose? Dann freilich, dann h\u00e4ttest du ausgesorgt f\u00fcr deiner Lebtag und k\u00f6nntest im Gl\u00fcck sitzen bis an den Hals!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dieter machte gro\u00dfe Augen, aber er sagte kein Wort, sondern kehrte an das Ufer zur\u00fcck, um die Netze zum Trocknen auszubreiten. Doch als es zu d\u00e4mmern begann, kam er zur Gro\u00dfmutter auf die Hausbank geschlichen und fragte leise: \u00bbMutter Hanni, sag mir\u2026 wie ist das mit der schwarzen Rose?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Schmunzelnd legte sie den Finger auf ihren welken Mund und guckte vorsichtig \u00fcber die Schulter, ob nicht etwa Dieters Vater in der N\u00e4he st\u00fcnde, der die alten Geschichten, die sie zu erz\u00e4hlen wusste, ein &gt;unchristliches Zeug&lt; zu schelten pflegte. Und richtig, da dr\u00fcben stand er und scheuerte an einem Boot. Mutter Hanni erhob sich und humpelte, als h\u00e4tte sie dringend nach irgend etwas zu sehen, ans Ufer hlnunter. Dieter verstand die Alte; er folgte ihr, kettete den Einbaum los, und so fuhren sie hinaus auf den dunklen, spiegelglatten See. Im R\u00f6hricht h\u00f6rte man die wilden Enten schnattern, leise pl\u00e4tscherte das Wasser unter dem Ruder, Nachtfalter schwirrten, allm\u00e4hlich erwachten die Sterne, und doppelt sah man den Himmel mit seinen tausend leuchtenden Augen: hoch in der H\u00f6he und tief im stillen See. Und Mutter Hanni fing zu erz\u00e4hlen an:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs war einmal vor langen, langen Jahren ein junger K\u00f6nigssohn. Der hie\u00df Balden. Er war sch\u00f6n von Gestalt, sein Antlitz leuchtete wie die Sonne, und wie geringelte Lichtstrahlen waren die Goldlocken, die sein Haupt umringen. Und weil er so sch\u00f6n war und dazu von tapferem Herzen, gewann er sich die Liebe einer guten Fee . . . \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMutter Hanni\u2026 was ist das, die Liebe?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWart&#8217;s nur ab, einf\u00e4ltiger Jung, sie kommt schon noch \u00fcber dich, und dann wirst du sehen, dass sie das Beste und Sch\u00f6nste ist, s\u00fc\u00dfer als Honig, w\u00e4rmer als die Sonne \u2026 Aber lass mich erz\u00e4hlen! Die gute Fee also, die hie\u00df Frau Jertha und wohnte in einem wundersamen Rosengarten. Allabendlich verlie\u00df der K\u00f6nigssohn sein goldenes Schloss und ritt durch Bergschluchten und finsteren Wald zu seiner Liebsten und blieb bei ihr bis am Morgen wieder die Sonne stieg.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbUnd sag, Mutter Hanni, was tat er bei ihr?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEinf\u00e4ltiger Bub du! Sie waren eben beieinander\u2026 und hatten sich lieb.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSo, wie du mich lieb hast und ich den Vater?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNat\u00fcrlich, nur ein klein wenig anders!\u00ab kicherte die alte Frau. \u00bbAber lass deine dummen Fragen jetzt, ich will erz\u00e4hlen. Also &#8211; in dem Walde, der den Rosengarten der Frau Jertha umgab, da wohnte ein garstiger Riese. Der hie\u00df H\u00f6cker weil er einen abscheulichen Buckel hatte. Er hasste alle Menschen, aber in Frau Jertha war er verliebt, und weil sie ihn nicht leiden mochte, schwor er blutige Rache. Er lauerte dem K\u00f6nigssohn im Walde auf, stie\u00df ihm von r\u00fcckw\u00e4rts einen Speer ins Herz und verscharrte die Leiche.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer Schuft!\u00ab fuhr Dieter auf. \u00bbH\u00e4tt&#8216; ich ihn nur zwischen meinen F\u00e4usten!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbFrau Jertha aber stand in ihrem Rosengarten und wartete auf ihren Prinzen Goldhaar, und als die Nacht verging und der K\u00f6nigssohn nicht kommen wollte, f\u00fchlte sie gleich in ihrem Herzen, dass ihm ein Leid geschehen w\u00e4re. Sie machte sich auf, ihn zu suchen, und ihr Leid war so tief, dass sie nicht weinen konnte. Nur manchmal fiel eine hei\u00dfe Tr\u00e4ne aus ihren traurigen Augen, und wo das Tr\u00f6pflein zur Erde fiel, da wuchs eine schwarze Rose. Frau Jertha ist vor Sehnsucht gestorben und zu ihrem K\u00f6nigssohn in den Himmel gekommen. Aber die schwarze Rose, die ist noch immer da! Doch bl\u00fcht sie in jedem Jahr nur einen Tag, am heiligen Pfingsttag &#8211; und die Leute sagen, wer die schwarze Rose finden k\u00f6nnte, der w\u00e4re unter allen Menschen der gl\u00fccklichste!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbUnd wo, Mutter Hanni, wo w\u00e4chst die schwarze Rose?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, wer das w\u00fcsste! Aber die Leute sagen, sie bl\u00fche in einem sch\u00f6nen, sonnigen Wald. Und wem bestimmt w\u00e4re, sie zu brechen, der f\u00e4nde von selbst den Weg zu ihr &#8211; ihm begegne in jenem sonnigen Wald ein Greis mit silberwei\u00dfem Bart, und den d\u00fcrfte er nur fragen: Hast du die schwarze Rose nicht gesehen? &#8211; und dann muss ihm der Alte den Weg ansagen, ganz genau . . . \u00ab Mutter Hanni griff \u00e4ngstlich mit beiden H\u00e4nden nach dem Brett, auf dem sie sa\u00df. \u00bbAber! Dieter! Was machst du denn?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Mit j\u00e4hem Ruderschlag hatte Dieter den Einbaum gedreht. \u00bbEs ist sp\u00e4t, Gro\u00dfmutter, wir m\u00fcssen schlafen gehen!\u00ab sagte en Und seltsam erregt klang seine Stimme. Eilig ruderte er dem Ufer zu und suchte nach kurzem Gutenachtgru\u00df seine kleine Kammer auf. Hier lag er mit offenen Augen, und als es im Hause still geworden, als der Mond mit hellem Schein durch das niedere Fenster leuchtete, erhob sich Dieter leis und zog sein bestes Gewand an: die roten Str\u00fcmpfe, die kurzen Beinkleider aus geschw\u00e4rztem Hirschleder und das braune Wams, das gleich einem Herrenrock mit dem zarten goldgelben Pelz verbr\u00e4mt war, den die Edelmarder an der Kehle tragen. \u00dcber die Haare st\u00fclpte er eine Lederkappe mit den zierlichen Reiherfedern, warf die Armbrust hinter die Schulter und steckte sein Fischmesser in den G\u00fcrtel. Da sah er nun in Wahrheit mehr einem ritterlichen Knappen gleich als dem armen Sohn eines Ein\u00f6dfischers. Lautlos verlie\u00df er das Haus und schritt hinaus in die stille, helle Mondnacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ruhigen Ganges wanderte er durch den leise rauschenden Wald, umzittert von den spielenden Lichtern, die der Mondschein durch die sacht sich regenden Zweige warf. Er achtete nicht des Weges, aufs Geratewohl schritt er dahin, versunken in Sinnen und Tr\u00e4umen &#8211; wer auserlesen ist, die schwarze Rose zu brechen, der findet ja von selbst den Weg zu ihr, so hatte Mutter Hanni gesagt. Wie aber d\u00fcrfte er hoffen, dass unter l\u00e4usenden gerade er der Begnadigte w\u00e4re? Aber ist es denn eine S\u00fcnde, sein Gl\u00fcck zu pr\u00fcfen? Und h\u00e4tte er, um diese Probe zu wagen, den n\u00e4chsten Tag vers\u00e4umen sollen, um ein ganzes Jahr lang wieder auf Pfingsten warten zu m\u00fcssen? Das war der kurze Kreislauf seiner Gedanken &#8211; alles andere in ihm war Tr\u00e4umen und Hoffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vier Stunden war er gegen das ebene Land hinaus gewandert, als der Wald ein Ende nahm. Nun sank auch der Mond hinter die Berge, und dunkle Nacht verh\u00fcllte alles Gefild. Dieter wanderte zu und zu. Er kam an Wiesen und jungen Feldern vor\u00fcber im Zwielicht sah er die Zinnen einer Weste ragen, und auf breiter Stra\u00dfe schritt er durch ein Dorf, in dem die Hunde anschlugen. Dann wieder Felder und wieder Wald. Einmal lie\u00df er sich zur Rast vor einem Busche nieder, schloss tr\u00e4umend die Augen &#8211; und sank in Schlummen<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich fand er im Traum die schwarze Rose. Mit einem Jauchzer warf er sich nieder zur Erde, doch als er die Wunderblume brechen wollte, stand der Riese H\u00f6cker vor ihm, schwang den blutigen Speer, und &#8211; da erwachte Dieter Staunend sah er umher. Einen Wald wie diesen hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Er kannte nur den Tannenwald, den dunklen, wilden Forst der Berge. Und hier war alles Laub, lichtgr\u00fcnes Laub, durchgoldet von den Strahlen der Morgensonne. Kugelige B\u00e4ume wechselten mit lieblichen Geb\u00fcschen, hoch stand das Gras, in bunten Farben bl\u00fchten die Blumen, und lichte Schmetterlinge gaukelten von Bl\u00fcte zu Bl\u00fcte. An jedem Grashalm, an jedem Blatt und an der Spitze eines jeden Zweiges hing ein winziges Tr\u00f6pflein, in Farben schimmernd gleich einem Edelstein. Hoch in den Laubkronen sangen die Drosseln, und aus den B\u00fcschen klang der trillernde Finkenschlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Pfingstmorgen!<\/p>\n\n\n\n<p>Dieter rieb sich die Augen; er staunte umher, heftig begann sein Herz zu klopfen &#8211; in einem wunderbaren Walde bl\u00fcht die schwarze Rose, hat Mutter Hanni gesagt &#8211; und welch ein Wald k\u00f6nnte wundervoller sein als dieser? Ja, ja, er ist am Ziel, er hat den rechten Weg gefunden im Schlaf! Nun h\u00f6rt er Schritte n\u00e4her kommen &#8211; zwischen den B\u00fcschen taucht ein alter, graub\u00e4rtiger Bauer auf, der zur Kirche wandert &#8211; und f\u00fcr Dieter ist dieses B\u00e4uerlein &gt;der Greis mit dem Silberbart&lt;! Einen Augenblick stockt dem Burschen der Herzschlag, dann aber fasst er seinen Mut zusammen und fragt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHast du die schwarze Rose nicht gesehen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEi freilich!\u00ab nickt der Alte und deutet mit seinem Stock \u00fcber die Schulter zur\u00fcck. \u00bbGeh nur so fort noch ein Weilchen und dann das erste Weglein links &#8211; dort siehst du sie gleich, wo&#8217;s rechter Hand zu dem kleinen Haus hin\u00fcbergeht am Stra\u00dfenraln.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGott vergelt&#8217;s!\u00ab stammelte Dieter und rannte davon. Jetzt kam das &gt;Weglein links&lt;, mit brennenden Augen \u00fcberflog er die beiden R\u00e4nder des Pfades &#8211; nun eine Biegung &#8211; und da verhielt er pl\u00f6tzlich die Schritte; ein schmerzvoller Laut war an sein Ohr geschlagen. Z\u00f6gernd bog er um einen bl\u00fchenden Busch und sah am Wegrain ein junges M\u00e4del sitzen. Ein \u00e4rmliches Gewand umh\u00fcllte den zarten, knospenden K\u00f6rper, wie eine schwarze Welle floss ihr das gel\u00f6ste Haar \u00fcber den R\u00fccken, sie hielt das Gesicht in die H\u00e4nde vergraben, und unter leisem Schluchzen zitterten die schmalen Schultern, von denen das Linnen ein wenig niedergeglitten war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas hast du, M\u00e4del? Sag? Warum weinst du?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da hob sie das K\u00f6pfchen und zeigte ihm ein liebliches, nur unsagbar trauriges Gesicht, von Tr\u00e4nen \u00fcberstr\u00f6mt, mit kirschroten Lippen, mit Augen, die auch wie Kirschen waren, aber wie schwarze Kirschen. Sie sah ihn an mit einem langen, stummen Blick, dann wieder schlug sie die H\u00e4nde vor das Gesicht und schluchzte: \u00bbMein Vater ist tot. Und gestern haben sie mir die gute Mutter begraben. Und nun hab ich keinen Menschen nimmer -und bin allein -allein\u2026 \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dieters Augen wurden feucht; er warf die Armbrust in das Gras, lie\u00df sich an der Seite der Weinenden nieder, redete ihr tr\u00f6stend zu, sagte, er w\u00fcsste wohl eine Heimat f\u00fcr sie, und erz\u00e4hlte von seinem sch\u00f6nen See, von seinem dunklen, rauschenden Wald und von der freundlichen H\u00fctte seiner Eltern.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatte Vertrauen zu ihm gewonnen gleich beim ersten Blick &#8211; seine Stimme klang so warm und herzlich &#8211; und als sie ihm recht in die guten, treuen Augen sah, begannen ihre Z\u00e4hren zu versiegen. Und w\u00e4hrend sie seinen Worten lauschte, litt sie es gerne, dass er den Arm um ihre Schultern legte und ihre feuchten Wangen streichelte. Als er dann nach ihrer toten Mutter fragte und sie nun doch wieder leise zu weinen begann, zog er sie z\u00e4rtlich an seine Brust, k\u00fcsste ihre Stirne, ihren zuckenden Mund &#8211; und immer wieder &#8211; und das d\u00fcnkte ihm s\u00fc\u00dfer als Honig, und ihm wurde selig warm ums Herz. Da musste er an die Worte der alten Hanni denken, und enger noch zog er das M\u00e4del an sich: \u00bbJetzt kenn ich sie, die Liebe &#8211; und<\/p>\n\n\n\n<p>Mutter Hanni hat recht, sie ist das Sch\u00f6nste und Beste, s\u00fc\u00dfer als Honig, w\u00e4rmer als die Sonne &#8211; und die Lieb ist \u00fcber mich gekommen, derweil ich auszog, die schwarze Rose zu suchen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie schwarze Rose?\u00ab stammelte das M\u00e4del und sah zu ihm auf, err\u00f6tend unter Tr\u00e4nen. \u00bbDas bin ja ich! Meine Mutter rief mich Rose\u2026 und weil mein Haar so schwarz ist, haben mich die Leute die schwarze Rose genannt!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Er guckte sie an mit gro\u00dfen, gl\u00fccklichen Augen. Dann schrie er einen Jauchzer in den Morgen hinaus und umschlang sie mit beiden Armen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKomm nur! Komm, mein schwarzes R\u00f6slein! Komm! Wir wollen heim zu wandern.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und Hand in Hand, so schritten sie dahin durch den bl\u00fchenden Fr\u00fchlingswald &#8211; den blauen Bergen entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Ufer eines sch\u00f6nen, weit entlegenen Sees, der in wellenweiter Runde vom dunklen Bergwald umzogen war, stand vor vielen Jahren das kleine freundliche Haus eines armen Fischers. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5045,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[208,85],"tags":[],"class_list":["post-5044","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ludwig-ganghofer","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5044","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5044"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5044\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5046,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5044\/revisions\/5046"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5045"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5044"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5044"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5044"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}