{"id":5022,"date":"2026-01-26T17:00:43","date_gmt":"2026-01-26T16:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5022"},"modified":"2026-01-26T17:00:44","modified_gmt":"2026-01-26T16:00:44","slug":"der-verrostete-ritter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-verrostete-ritter\/","title":{"rendered":"Der verrostete Ritter"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der verrostete Ritter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Richard von Volkmann-Leander<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Ein sehr reicher und vornehmer Ritter lebte in Saus und Braus und war stolz und hart gegen die Armen. Deshalb lie\u00df ihn Gott zur Strafe auf der einen Seite verrosten. Der linke Arm verrostete und das linke Bein; ebenso der Leib bis zur Mitte. Nur das Gesicht blieb frei. Da zog der Ritter an die linke Hand einen Handschuh, lie\u00df ihn sich am Handgelenk fest zun\u00e4hen und legte ihn Tag und Nacht nicht ab, damit niemand s\u00e4he, wie sehr er verrostet sei. Darauf ging er in sich und versuchte einen neuen Lebenswandel anzufangen. Er entlie\u00df seine alten Freunde und Zechgenossen und nahm sich eine sch\u00f6ne und fromme Frau. Dieselbe hatte wohl manches Schlimme von dem Ritter geh\u00f6rt, aber weil sein Gesicht gut geblieben war, glaubte sie es, wenn sie allein war und dar\u00fcber nachdachte, nur halb, und wenn er bei ihr war und freundlich mit ihr sprach, gar nicht. Darum nahm sie ihn doch. Nach der Hochzeit aber, in der ersten Nacht, merkte sie es, warum er niemals den Handschuh von der linken Hand abzog, und erschrak heftig. Sie lie\u00df sich jedoch nichts merken, sondern sagte am andern Morgen zu ihrem Manne, sie wolle in den Wald gehen, um in einer kleinen Kapelle, die dort stand, zu beten. Neben der Kapelle aber befand sich eine Klause, in der lebte ein alter Eremit, der hatte fr\u00fcher lange in Jerusalem gelebt und war so heilig, dass die Leute von weit und breit zu ihm Wallfahrteten. Den gedachte sie um Rat zu fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie nun dem Eremiten alles erz\u00e4hlt hatte, ging er in die Kapelle, betete dort lange zur Jungfrau Maria und sagte dann, als er wieder herauskam: \u00bbDu kannst deinen Mann noch erl\u00f6sen, aber es ist schwer. F\u00e4ngst du es an und bringst es nicht zu Ende, so musst du selbst auch verrosten. Viel Unrecht hat dein Mann sein Lebtag getan, und stolz und hart gegen die Armen ist er gewesen: willst du f\u00fcr ihn betteln gehen, barfuss und in Lumpen wie das aller\u00e4rmste Bettlerweib, so lange, bis du hundert Goldgulden erbettelt hast, so ist dein Mann erl\u00f6st. Dann nimm ihn an der Hand, gehe mit ihm in die Kirche und lege die hundert Goldgulden in das Kirchbecken f\u00fcr die Armen. Wenn du das tust, so wird Gott deinem Manne seine S\u00fcnden vergeben, der Rost wird abgehen, und er wird wieder so wei\u00df werden wie zuvor. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas will ich tun\u00ab, sagte die Ritterfrau, \u00bbund wenn es mir noch so schwer werden wird und es noch so lange dauert. Ich will meinen Mann erl\u00f6sen, denn er ist nur auswendig verrostet, das glaube ich ganz sicher! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf ging sie fort, tief in den Wald hinein, und nicht lange, so begegnete ihr ein altes M\u00fctterchen, welches Reisig suchte. Es hatte einen zerlumpten, schmutzigen Rock an und dar\u00fcber einen Mantel, der war aus ebenso vielen Flecken zusammengesetzt wie weiland das Heilige R\u00f6mische Reich; was aber die Flicken fr\u00fcher f\u00fcr eine Farbe gehabt, das konnte man kaum mehr sehen, denn Regen und Sonnenschein hatten schon viel Arbeit mit dem Mantel gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWillst du mir deinen Rock und deinen Mantel geben, alte Mutter\u00ab, sagte die Ritterfrau, \u00bbso schenk ich dir alles Geld, was ich in der Tasche habe, und meine seidnen Kleider noch dazu; denn ich m\u00f6chte gern arm sein. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da sah die alte Frau sie verwundert an und sprach: \u00bbWill&#8217;s schon tun, will&#8217;s schon tun, mein blankes T\u00f6chterchen, wenn&#8217;s dein Ernst ist. Hab&#8216; schon viel gesehen auf der Welt, auch viele Leute gefunden, die gern reich werden wollten, dass aber jemand gern arm werden will, das ist mir noch nicht vorgekommen. Wird dir schlecht schmecken mit deinen seidenen H\u00e4ndchen und deinem s\u00fc\u00dfen Fr\u00e4tzchen! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Ritterfrau hatte schon begonnen sich auszuziehen und sah dabei so ernst und so traurig aus, dass die Alte wohl merkte, dass sie keinen Scherz treibe. Sie reichte ihr also Rock und Mantel hin, half ihr sie anlegen und fragte dann:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas willst du nun tun, mein blankes T\u00f6chterchen? \u00ab<br>\u00bbBetteln, Mutter! \u00ab antwortete die Ritterfrau.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBetteln? Nun, gr\u00e4me dich nicht darum, das ist keine Schande. An der Himmelst\u00fcr wird&#8217;s auch mancher tun m\u00fcssen, der&#8217;s hier unten nicht gelernt hat. \u2013 Aber das Bettellied will ich dich erst noch lehren:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Betteln und lungern,<br>Dursten und hungern<br>Immerdar, allezeit<br>M\u00fcssen wir Bettelleut&#8216;!<br>Habt ihr was, schenkt mir was,<br>Ach, nur ein H\u00e4ppchen!<br>Brot in den Bettelsack,<br>Suppe ins N\u00e4pfchen! \u2013<br>Lederne Ranzen,<br>R\u00f6cke mit Fransen<br>Tragen wir Bettelleut&#8216;!<br>Was man erbettelt hat,<br>Wird verjuchheit!<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht wahr, ein h\u00fcbsches Lied? \u00ab sagte die Alte. Damit warf sie sich die seidnen Kleider um, sprang in den Busch und war bald verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ritterfrau aber wanderte durch den Wald, und nach einiger Zeit begegnete ihr ein Bauer, der war ausgegangen, eine Magd zu suchen, denn es war um die Ernte und Leutenot. Da blieb die Ritterfrau stehen, hielt die Hand hin und sagte: \u00bbHabt ihr was, schenkt mir was, ach, nur ein H\u00e4ppchen! \u00ab Aber die anderen Verse sagte sie nicht, weil sie ihr nicht gefielen. Der Bauer sah sich die Frau an, und da er fand, dass sie trotz ihrer Lumpen schmuck und gesund war, fragte er sie, ob sie nicht bei ihm Magd werden wolle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch schenke dir zu Ostern einen Kuchen, zu Martini eine Gans und zu Weihnachten einen Taler und ein neues Kleid. Bist du damit zufrieden? \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNein\u00ab, erwiderte die Ritterfrau, \u00bbich muss betteln gehen, der liebe Gott will es so haben. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber wurde der Bauer zornig, schimpfte und schm\u00e4hte und sagte h\u00f6hnisch:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer liebe Gott will&#8217;s so haben? He? Du hast wohl mit ihm zu Mittag gegessen? Was? Linsen mit Bratw\u00fcrsten, nicht wahr? Oder bist du vielleicht seine Muhme, dass du so genau wei\u00dft, was er will? Eine faule Haut bist du. Gut f\u00fcr den Kn\u00fcttel, zu schlecht f\u00fcr den B\u00fcttel!\u00ab Darauf ging er seiner Wege, lie\u00df sie stehen und gab ihr nichts. Da merkte die Ritterfrau wohl, dass das Betteln schwer sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ging jedoch weiter, und nach abermals einiger Zeit kam sie an eine Stelle, wo die Stra\u00dfe sich teilte und zwei Steine standen. Auf dem einen sa\u00df ein Bettler mit einer Kr\u00fccke. Da sie nun m\u00fcde geworden war, gedachte sie sich eine kurze Zeit auf den leeren Stein zu setzen, um auszuruhen. Kaum hatte sie jedoch dies getan, als der Bettler mit der Kr\u00fccke nach ihr schlug und ihr zurief:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMach, dass du fortkommst, du liederliche Liese! Willst du mir mit deinen Lumpen und deinem zuckers\u00fc\u00dfen Gesicht die Kundschaft abzwicken? Die Ecke hier habe ich gepachtet. Mach flink, sonst sollst du sehen, was mein Kr\u00fcckholz f\u00fcr ein sch\u00f6ner Fiedebogen ist und dein R\u00fccken f\u00fcr eine n\u00e4rrische Geige! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da seufzte die Ritterfrau, stand auf und ging so weit, als sie die F\u00fc\u00dfe tragen wollten. Endlich kam sie in eine gro\u00dfe fremde Stadt. Hier blieb sie, setzte sich an den Kirchweg und bettelte; und nachts schlief sie auf den Kirchenstufen. So lebte sie tagaus, tagein, und es schenkte ihr der eine einen Pfennig und der andere einen Heller; manche aber auch gaben ihr nichts oder schimpften gar, wie es der Bauer getan hatte. Es ging aber sehr langsam mit den hundert Goldgulden. Denn als sie drei Vierteljahre gebettelt hatte, hatte sie erst einen Gulden erspart. Und genau wie der erste Gulden voll war, gebar sie einen wundersch\u00f6nen Knaben, den nannte sie \u00bbDocherl\u00f6st\u00ab, weil sie hoffte, dass sie ihren Mann doch noch erl\u00f6sen w\u00fcrde. Sie riss sich von ihrem Mantel unten einen Streifen ab, eine gute Elle breit, so dass der Mantel nur noch bis an die Knie reichte, wickelte das Kind hinein, nahm es auf den Scho\u00df und bettelte weiter. Und wenn das Kind nicht schlafen wollte, wiegte sie es und sang:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSchlaf ein auf meinem Scho\u00dfe,<br>Du armes Bettelkind,<br>Dein Vater wohnt im Schlosse<br>Und drau\u00dfen weht der Wind.<br>Er geht in Samt und Seide,<br>Trinkt Wein, isst wei\u00dfes Brot,<br>Und s\u00e4h er so uns beide,<br>So h\u00e4rmt er sich zu Tod.<br>Er braucht sich nicht zu h\u00e4rmen,<br>Du liegst ja weich und warm;<br>Er ist ja noch viel \u00e4rmer,<br>Dass Gott sich sein erbarm! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da blieben oft die Leute stehen und besahen sich die arme junge Bettelfrau mit dem wunder-sch\u00f6nen Kinde und schenkten ihr mehr als fr\u00fcher. Sie aber war getrost und weinte nicht mehr, denn sie wusste, dass sie ihren Mann gewiss erl\u00f6sen w\u00fcrde, wenn sie nur ausharrte. \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Als aber die Frau nicht wieder zur\u00fcckkehrte, ward der Ritter auf seinem Schlosse tief betr\u00fcbt, denn er sagte sich: Sie hat alles gemerkt und dich deshalb verlassen. Er ging zuerst in den Wald zu dem Eremiten, um zu h\u00f6ren, ob sie in der Kapelle gewesen sei und dort gebetet habe. Aber der Eremit war sehr kurz angebunden und streng gegen ihn und sagte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHast du nicht in Saus und Braus gelebt? Bist du nicht stolz und hart gegen die Armen gewesen? Hat dich nicht der liebe Gott zur Strafe verrosten lassen? Deine Frau hat ganz recht getan, wenn sie dich verlie\u00df. Man muss nicht einen guten und einen faulen Apfel in einen Kasten legen, sonst wird der gute auch faul! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da setzte sich der Ritter auf die Erde, nahm den Helm ab und weinte bitterlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Eremit dies gewahr wurde, ward er freundlicher und sprach: \u00bbDa ich sehe, dass dein Herz noch nicht mitverrostet ist, so will ich dir raten: tue Gutes und gehe in alle Kirchen, so wirst du deine Frau wiederfinden. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da verlie\u00df der Ritter sein Schloss und ritt in alle Welt. Wo er Arme fand, schenkte er ihnen etwas, und wenn er eine Kirche sah, ging er hinein und betete. Aber seine Frau fand er nicht. So war fast ein Jahr vergangen, da kam er auch in die Stadt, wo seine Frau am Kirchweg sa\u00df und bettelte, und sein erster Weg war in die Kirche. Schon von weitem erkannte ihn die Frau, denn er war gro\u00df und stattlich und trug einen goldnen Helm mit einer Geierklaue auf dem Knauf, der weithin leuchtete. Da erschrak sie, denn sie hatte erst zwei Goldgulden zusammen, so dass sie ihn noch nicht erl\u00f6sen konnte. Sie zog sich den Mantel tief \u00fcber den Kopf, damit er sie nicht erkennen sollte, und kauerte sich so eng zusammen, als sie irgend konnte, damit er nicht ihre schneewei\u00dfen F\u00fc\u00dfe s\u00e4he; denn der Mantel ging ihr nur bis an die Knie, seit sie den Streifen f\u00fcr das Kind abgerissen hatte. Als aber der Ritter an ihr vorbeischritt, h\u00f6rte er sie leise schluchzen, und als er ihren zerlumpten und geflickten Mantel sah und das wundersch\u00f6ne Kind auf ihrem Scho\u00df, welches ebenfalls nur in Lumpen gewickelt war, tat es ihm in der Seele weh. Er trat an sie heran und fragte sie, was ihr fehle. Doch die Frau antwortete nicht und schluchzte nur noch mehr, so sehr sie sich auch M\u00fche gab, es zu verbei\u00dfen. Da zog der Ritter seine Geldtasche hervor, in der viel mehr waren als hundert Goldgulden, legte sie ihr auf den Scho\u00df und sagte: \u00bbIch gebe dir alles, was ich noch habe, und sollte ich mich nach Hause betteln. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da fiel der Frau, ohne dass sie es wollte, der Mantel vom Kopf herunter, und der Ritter sah, dass es sein eigenes, angetrautes Eheweib war, der er das Geld geschenkt hatte. Trotz der Lumpen fiel er ihr um den Hals und k\u00fcsste sie, und als er vernahm, dass das Kind sein Sohn war, herzte und k\u00fcsste er es auch. Doch die Frau nahm ihren Mann, den Ritter, an der Hand, f\u00fchrte ihn in die Kirche und legte das Geld auf das Kirchbecken. Dann sagte sie: \u00bbIch wollte dich erl\u00f6sen, aber du hast dich selbst erl\u00f6st. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und so war es auch; denn als der Ritter aus der Kirche trat, war der Fluch gehoben und der Rost, der seine ganze linke Seite bedeckte, verschwunden. Er hob seine Frau mit dem Kinde auf sein Pferd, ging selbst zu Fu\u00df daneben und zog mit ihr zur\u00fcck in sein Schloss, wo er lange Jahre gl\u00fccklich mit ihr lebte und so viel Gutes tat, dass ihn alle Leute lobten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bettlerlumpen aber, die seine Frau getragen hatte, hing er in einen kostbaren Schrein, und jeden Morgen, wenn er aufgestanden war, ging er an den Schrein, besah sich die Lumpen und sagte: \u00bbDas ist meine Morgenandacht, die nimmt mir der liebe Gott nicht \u00fcbel, denn er wei\u00df, wie ich&#8217;s meine, und ich gehe nachher doch noch in die Kirche.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der verrostete Ritter Richard von Volkmann-Leander Ein sehr reicher und vornehmer Ritter lebte in Saus und Braus und war stolz und hart gegen die Armen. Deshalb lie\u00df ihn Gott zur Strafe auf der einen Seite verrosten. Der linke Arm verrostete und das linke Bein; ebenso der Leib bis zur Mitte. Nur das Gesicht blieb frei. 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