{"id":502,"date":"2015-10-08T02:32:40","date_gmt":"2015-10-08T00:32:40","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=502"},"modified":"2025-12-28T03:00:46","modified_gmt":"2025-12-28T02:00:46","slug":"der-gevatter-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-gevatter-tod\/","title":{"rendered":"Der Gevatter Tod"},"content":{"rendered":"<p>Gebr\u00fcder Grimm<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Es hatte ein armer Mann zw\u00f6lf Kinder und musste Tag und Nacht arbeiten, damit er ihnen nur Brot geben konnte. Als nun das dreizehnte zur Welt kam, wusste er sich in seiner Not nicht zu helfen, lief hinaus auf die gro\u00dfe Landstra\u00dfe und wollte den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter bitten. Der erste, der ihm begegnete, das war der liebe Gott. Der wusste schon, was er auf dem Herzen hatte, und sprach zu ihm: &#8222;Armer Mann, du dauerst mich, ich will dein Kind aus der Taufe heben, will f\u00fcr es<i> <\/i>sorgen und es gl\u00fccklich machen auf Erden.&#8220; Der Mann sprach: &#8222;Wer bist du?&#8220; &#8211; &#8222;Ich bin der liebe Gott.&#8220; &#8222;So begehr ich dich nicht zu Gevatter,&#8220; sagte der Mann, &#8222;du gibst dem Reichen und lassest den Armen hungern.&#8220; Das sprach der Mann, weil er nicht wusste, wie weislich Gott Reichtum und Armut verteilt. Also wendete er sich von dem Herrn und ging weiter. Da trat der Teufel zu ihm und sprach: &#8222;Was suchst du? Willst du mich zum Paten deines Kindes nehmen, so will ich ihm Gold die H\u00fclle und F\u00fclle und alle Lust der Welt dazu geben.&#8220; &#8211; Der Mann fragte: &#8222;Wer bist du?&#8220; &#8211; &#8222;Ich bin der Teufel.&#8220; &#8211; &#8222;So begehr ich dich nicht zum Gevatter&#8220;, sprach der Mann, &#8222;du betr\u00fcgst und verf\u00fchrst die Menschen.&#8220; Er ging weiter; da kam der d\u00fcrrbeinige Tod auf ihn zugeschritten und sprach: &#8222;Nimm mich zu Gevatter.&#8220; Der Mann fragte: &#8222;Wer bist du?&#8220; &#8211; Ich bin der Tod, der alle gleichmacht.&#8220; Da sprach der Mann: &#8222;Du bist der rechte, du holst den Reichen wie den Armen ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann sein.&#8220; Der Tod antwortete: &#8222;Ich will dein Kind reich und ber\u00fchmt machen; denn wer mich zum Freunde hat, dem kann&#8217;s nicht fehlen.&#8220; Der Mann sprach: &#8222;K\u00fcnftigen Sonntag ist die Taufe, da stelle dich zu rechter Zeit ein.&#8220; Der Tod erschien, wie er versprochen hatte, und stand ganz ordentlich Gevatter.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Als der Knabe zu Jahren gekommen war, trat zu einer Zeit der Pate ein und hie\u00df ihn mitgehen. Er f\u00fchrte ihn hinaus in den Wald, zeigte ihm ein Kraut, das da wuchs, und sprach: &#8222;Jetzt sollst du dein Patengeschenk empfangen. Ich mache dich zu einem ber\u00fchmten Arzt. Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedes Mal erscheinen: steh&#8216; ich zu H\u00e4upten des Kranken, so kannst du keck sprechen, du wolltest ihn wieder gesund machen, und gibst du ihm dann von jenem Kraut ein, so wird er genesen: steh ich aber zu F\u00fc\u00dfen des Kranken, so ist er mein, und du musst sagen, alle Hilfe sei umsonst, und kein Arzt in der Welt k\u00f6nne ihn retten. Aber h\u00fcte dich, dass du das Kraut nicht gegen meinen Willen gebrauchst: es k\u00f6nnte dir schlimm ergehen.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Es dauerte nicht lange, so war der J\u00fcngling der ber\u00fchmteste Arzt auf der ganzen Welt. &#8222;Er braucht nur den Kranken anzusehen, so wei\u00df er schon, wie es steht, ob er wieder gesund wird, oder ob er sterben muss&#8220;, so hie\u00df es von ihm, und weit und breit kamen die Leute herbei, holten ihn zu den Kranken und gaben ihm soviel Gold, dass er bald ein reicher Mann war. Nun trug es sich zu, dass der K\u00f6nig erkrankte. Der Arzt ward berufen und sollte sagen, ob Genesung m\u00f6glich w\u00e4re. Wie er aber zu dem Bette trat, so stand der Tod zu den F\u00fc\u00dfen des Kranken, und da war f\u00fcr ihn kein Kraut mehr gewachsen. &#8222;Wenn ich doch einmal den Tod \u00fcberlisten k\u00f6nnte&#8220;, dachte der Arzt, &#8222;er wird&#8217;s freilich \u00fcbel nehmen, aber da ich sein Pate bin, so dr\u00fcckt er wohl ein Auge zu: ich will&#8217;s wagen.&#8220; Er fasste also den Kranken und legte ihn verkehrt, so dass der Tod zu H\u00e4upten desselben zu stehen kam. Dann gab er ihm von dem Kraute ein, und der K\u00f6nig erholte sich und ward wieder gesund. Der Tod aber kam zu dem Arzte, machte ein b\u00f6ses und finsteres Gesicht, drohte mit dem Finger und sagte: &#8222;Du hast mich hinter das Licht gef\u00fchrt. Diesmal will ich dir&#8217;s nachsehen, weil du mein Pate bist, aber wagst du das noch einmal, so geht dir&#8217;s an den Kragen, und ich nehme dich selbst mit fort.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Bald hernach verfiel die Tochter des K\u00f6nigs in eine schwere Krankheit. Sie war sein einziges Kind, er weinte Tag und Nacht, dass ihm die Augen erblindeten, und lie\u00df bekannt machen, wer sie vom Tode errettete, der sollte ihr Gemahl werden und die Krone erben. Der Arzt, als er zu dem Bette der Kranken kam, erblickte den Tod zu ihren F\u00fc\u00dfen. Er h\u00e4tte sich der Warnung seines Paten erinnern sollen, aber die gro\u00dfe Sch\u00f6nheit der K\u00f6nigstochter und das Gl\u00fcck, ihr Gemahl zu werden, bet\u00f6rten ihn so, dass er alle Gedanken in den Wind schlug. Er sah nicht, dass der Tod ihm zornige Blicke zuwarf, die Hand in die H\u00f6he hob und mit der d\u00fcrren Faust drohte; er Lob die Kranke auf und legte ihr Haupt dahin, wo die F\u00fc\u00dfe gelegen hatten. Dann gab er ihr das Kraut ein, und alsbald r\u00f6teten sich ihre Wangen, und das Leben regte sich von neuem.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Der Tod, als er sich zum zweitenmal um sein Eigentum betrogen sah, ging mit langen Schritten auf den Arzt zu und sprach: &#8222;Es ist aus mit dir, und die Reihe kommt nun an dich&#8220;, packte ihn mit seiner eiskalten Hand so hart, dass er nicht widerstehen konnte, und f\u00fchrte ihn in eine unterirdische H\u00f6hle. Da sah er, wie tausend und tausend Lichter in un\u00fcbersehbaren Reihen brannten, einige gro\u00df, andere halbgro\u00df, andere klein. Jeden Augenblick verloschen einige, und andere brannten wieder auf, also dass die Fl\u00e4mmchen in best\u00e4ndigem Wechsel hin und her zu h\u00fcpfen schienen. &#8222;Siehst du&#8220;, sprach der Tod, &#8222;das sind die Lebenslichter der Menschen. Die gro\u00dfen geh\u00f6ren Kindern, die halbgro\u00dfen Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen geh\u00f6ren Greisen. Doch auch Kinder und junge Leute haben oft nur ein kleines Lichtchen.&#8220; &#8211; &#8222;Zeige mir mein Lebenslicht&#8220;, sagte der Arzt und meinte, es w\u00e4re noch recht gro\u00df. Der Tod deutete auf ein kleines Entchen, das eben auszugehen drohte, und sagte: &#8222;Siehst du, da ist es.&#8220; &#8211; &#8222;Ach, lieber Pate&#8220;, sagte der erschrockene Arzt, &#8222;z\u00fcndet mir ein neues an, tut mir&#8217;s zuliebe, damit ich meines Lebens genie\u00dfen kann, K\u00f6nig werde und Gemahl der sch\u00f6nen K\u00f6nigstochter.&#8220; &#8211; &#8222;Ich kann nicht&#8220;, antwortete der Tod, erst muss eins verl\u00f6schen, eh ein neues anbrennt.&#8220; &#8211; &#8222;So setzt das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt, wenn jenes zu Ende ist&#8220;, bat der Arzt. Der Tod stellte sich, als ob er seinen Wunsch erf\u00fcllen wollte, langte ein frisches gro\u00dfes Licht herbei, aber weil er sich r\u00e4chen wollte, versah er&#8217;s beim Umstecken absichtlich, und das St\u00fcckchen fiel um und verlosch. Alsbald sank der Arzt zu Boden und war nun selbst in die Hand des Todes geraten.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebr\u00fcder Grimm<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[87,85],"tags":[],"class_list":["post-502","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gebr-grimm","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/502","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=502"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/502\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":503,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/502\/revisions\/503"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=502"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=502"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=502"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}