{"id":5014,"date":"2026-01-26T16:52:06","date_gmt":"2026-01-26T15:52:06","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=5014"},"modified":"2026-01-26T16:52:07","modified_gmt":"2026-01-26T15:52:07","slug":"unter-dem-weidenbaum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/unter-dem-weidenbaum\/","title":{"rendered":"Unter dem Weidenbaum"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Unter dem Weidenbaum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hans-Christian Andersen<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die Gegend um Kj\u00f6ge ist sehr kahl. Das St\u00e4dtchen liegt zwar am Meeresstrand, und da ist es immer sch\u00f6n, aber es k\u00f6nnte noch sch\u00f6ner sein, als es ist. Ringsherum liegen flache Felder, und bis zum Walde ist es weit. Wenn man aber irgendwo richtig zu Hause ist, dann findet man dennoch immer etwas Sch\u00f6nes, nach dem man sich sp\u00e4ter am sch\u00f6nsten Ort der Welt sehnen kann. Und das m\u00fcssen wir auch sagen: Am Rande von Kj\u00f6ge, wo ein paar armselige G\u00e4rten sich bis zu einem Fl\u00fcsschen hinunter erstrecken, das dort ins Meer m\u00fcndet, kann es zur Sommerzeit ganz entz\u00fcckend sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das fanden besonders die beiden kleinen Nachbarskinder, Knud und Johanne, die hier spielten und unter den Stachelbeerstr\u00e4uchern hindurchkrochen, um sich zu besuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem einen Garten stand ein Holunderstrauch, in dem anderen eine alte Weide, und gerade unter dieser spielten die Kinder so gern. Und das durften sie, obwohl der Baum ganz dicht am Bach stand, wo sie leicht ins Wasser fallen konnten. Aber der Herrgott hat ein Auge auf die Kleinen, sonst s\u00e4he es b\u00f6se aus. Sie waren aber auch sehr vorsichtig; ja, der Junge war so wasserscheu, dass man ihn im Sommer nicht an den Strand locken konnte, wo doch die anderen Kinder so gerne herumplanschten. Er wurde deswegen auch ausgelacht, und das musste er sich gefallen lassen. Aber einmal tr\u00e4umte des Nachbarn kleine Johanne, sie segle in einem Boot in der Bucht von Kj\u00f6ge und Knud wate zu ihr hinaus, so dass das Wasser ihm zuerst bis an den Hals und dann bis \u00fcber den Kopf stieg. Und von dem Augenblick an, da Knut diesen Traum erz\u00e4hlt bekam, duldete er nicht l\u00e4nger, dass man ihn wasserscheu nannte, sondern wies nur auf Johannes Traum hin. Dieser war sein ganzer Stolz, aber ins Wasser ging er trotzdem nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die armen Eltern kamen oft zusammen, und Knud und Johanne spielten in den G\u00e4rten und auf den Landwegen, an deren Gr\u00e4ben entlang eine ganze Reihe von Weidenb\u00e4umen stand. Sch\u00f6n waren sie nicht, denn ihre Kronen waren gestutzt. Aber sie standen ja auch nicht zur Zierde hier, sondern um Nutzen zu bringen. Viel sch\u00f6ner war die alte Weide im Garten, und unter dieser sa\u00dfen sie so manches liebe Mal, wie man sagt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kj\u00f6ge selbst liegt ein gro\u00dfer Marktplatz, und wenn Jahrmarkt war, dann standen hier ganze Stra\u00dfen von Zelten mit seidenen B\u00e4ndern, Stiefeln und allem M\u00f6glichen. Es war ein Gedr\u00e4nge und f\u00fcr gew\u00f6hnlich Regenwetter, und dann roch man den Dunst der Bauernjacken, aber auch den sch\u00f6nsten Duft von Honigkuchen. Davon gab es eine ganze Bude voll. Was aber das herrlichste war: Der Mann, der sie verkaufte, wohnte in der Jahrmarktszeit immer bei den Eltern des kleinen Knud, und dann gab es nat\u00fcrlich einen kleinen Honigkuchen, von dem Johanne auch die H\u00e4lfte bekam. Was aber fast noch sch\u00f6ner war: Der Honigkuchenh\u00e4ndler konnte Geschichten erz\u00e4hlen von fast allen Dingen, sogar von seinen Honigkuchen. Von diesen erz\u00e4hlte er eines Abends eine Geschichte, die einen so tiefen Eindruck auf die beiden Kinder machte, dass sie sie sp\u00e4ter nie mehr verga\u00dfen. Und darum ist es wohl am besten, dass wir sie uns auch anh\u00f6ren, da sie nur kurz ist.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;&#8218;Auf dem Ladentisch lagen zwei Honigkuchen&#8220;&#8218;, sagte er, &#8222;&#8218;der eine sah aus wie ein Mann mit Hut, der andere wie eine Frau ohne Hut, aber mit einem Klecks Rauschgold auf dem Kopf. Sie hatten das Gesicht auf der Seite, die nach oben gekehrt war, und von der sollte man sie auch ansehen, nicht von der R\u00fcckseite, denn da soll man einen Menschen niemals ansehen. Der Mann hatte eine bittere Mandel auf der linken Seite. Das war sein Herz. Die Frau dagegen war lauter Honigkuchen. Beide lagen als Proben auf dem Ladentisch. Sie lagen dort lange, und dann verliebten sie sich ineinander, aber keiner sagte es dem anderen, und das muss man tun, wenn etwas daraus werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8218;Er ist ein Mannsbild, er muss das erste Wort sagen&#8216;, dachte sie, w\u00e4re aber dennoch froh gewesen, wenn sie gewusst h\u00e4tte, ob ihre Liebe erwidert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war allerdings in Gedanken viel raubgieriger, und das sind die Mannsleute immer. Er tr\u00e4umte, er w\u00e4re ein lebendiger Gassenjunge und bes\u00e4\u00dfe vier Groschen. Dann w\u00fcrde er die Frau kaufen und aufessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie lagen Tage und Wochen auf dem Ladentisch und wurden trocken, und die Gedanken des Honigkuchenfr\u00e4uleins wurden feiner und weiblicher: &#8218;Es gen\u00fcgt mir, dass ich auf demselben Tisch mit ihm gelegen habe!&#8216;, dachte sie, und dann brach sie in der Mitte durch.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8218;H\u00e4tte sie von meiner Liebe gewusst, dann h\u00e4tte sie sicher l\u00e4nger gehalten!&#8216; dachte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist die Geschichte, und hier sind die beiden!&#8220;&#8218;, sagte der Honigkuchenh\u00e4ndler. &#8222;&#8218;Sie sind bemerkenswert durch ihren Lebenslauf und die stumme Liebe, die nie zu etwas f\u00fchrt. Seht, da habt ihr sie!&#8220;&#8218; und damit gab er Johanne den Mann, der heil war, und Knud bekam das zerbrochene Fr\u00e4ulein. Aber sie waren von der Geschichte so ergriffen, dass sie es nicht \u00fcbers Herz brachten, das Liebespaar aufzuessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am folgenden Tag gingen sie mit ihnen auf den Friedhof, wo die Kirchenmauer mit dem herrlichsten Efeu \u00fcberwachsen ist, der Winter und Sommer wie ein reicher Teppich \u00fcber die Mauer h\u00e4ngt. Und sie stellten die Honigkuchen zwischen die gr\u00fcnen Ranken ins Sonnenlicht und erz\u00e4hlten einem Schwarm anderer Kinder die Geschichte von der stummen Liebe, die nichts wert sei, das hei\u00dft die Liebe, denn die Geschichte war s\u00fc\u00df, das fanden sie alle. Und als sie wieder auf das Honigkuchenpaar sahen, ja, da hatte ein gro\u00dfer Junge das zerbrochene Fr\u00e4ulein gegessen. Das hatte er aus lauter Bosheit getan. Die Kinder weinten dar\u00fcber, und nachher &#8211; sie taten das sicherlich nur, damit der arme Mann nicht allein in der Welt sein sollte &#8211; a\u00dfen sie auch ihn auf. Aber die Geschichte verga\u00dfen sie niemals.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer waren die Kinder zusammen, unterm Holunderbaum und unter dem Weidenbaum, und das kleine M\u00e4dchen sang mit silberglockenheller Stimme die entz\u00fcckendsten Lieder. Knud hatte gar keine Stimme, aber er wusste die Worte, und das ist immerhin etwas. Die Leute im St\u00e4dtchen, sogar die Frau vom Kr\u00e4merladen, standen still und h\u00f6rten Johanne zu. &#8222;&#8218;Das kleine Ding hat eine s\u00fc\u00dfe Stimme!&#8220;&#8218; sagten sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Es waren herrliche Tage, aber sie dauerten nicht ewig. Die Nachbarn mussten sich trennen. Die Mutter des kleinen M\u00e4dchens starb, der Vater wollte in Kopenhagen wieder heiraten, denn dort konnte er Arbeit finden. Er sollte irgendwo Botendienste tun, das w\u00fcrde eine sehr eintr\u00e4gliche Stellung sein. Und die Nachbarn nahmen Abschied unter Tr\u00e4nen, und vor allem die Kinder weinten. Aber die Eltern versprachen, sich wenigstens einmal im Jahr zu schreiben. Und Knud kam in die Schusterlehre, denn sie konnten den gro\u00dfen Jungen nicht l\u00e4nger faulenzen lassen. Und dann wurde er auch konfirmiert. Ach, wie gerne w\u00e4re er an diesem hohen Festtag in Kopenhagen gewesen und h\u00e4tte die kleine Johanne gesehen, aber er kam nicht dorthin. Niemals war er in der gro\u00dfen Stadt gewesen, obwohl sie nur f\u00fcnf Meilen von Kj\u00f6ge entfernt ist. Aber die T\u00fcrme hatte Knud bei klarem Wetter \u00fcber die Bucht hinweg sehen k\u00f6nnen, und am Konfirmationstage sah er deutlich das goldene Kreuz an der Frauenkirche leuchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach, wie oft dachte er an Johanne! Ob sie sich auch noch an ihn erinnerte? Bestimmt!<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Weihnachtszeit kam ein Brief von ihrem Vater an Knuds Eltern, es ginge ihnen sehr gut in Kopenhagen, und Johanne w\u00fcrde ein gro\u00dfes Gl\u00fcck zuteil werden durch ihre sch\u00f6ne Stimme. Sie w\u00e4re am Theater angekommen, in dem gesungen werde. Und ein wenig Geld erhielt sie auch daf\u00fcr. Davon schicke sie den lieben Nachbarsleuten in Kj\u00f6ge einen ganzen Taler, um ihnen am Heiligen Abend eine Freude zu machen. Sie sollten auf ihr Wohl trinken, das hatte sie selbst eigenh\u00e4ndig in einer Nachschrift hinzugef\u00fcgt, und in dieser stand: &#8222;&#8218;Freundlichen Gru\u00df an Knud!&#8220;&#8218;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie weinten alle miteinander, und dabei war das Ganze doch so erfreulich, aber sie weinten eben aus Freude. T\u00e4glich hatte er an Johanne gedacht, und nun sah er, dass sie auch an ihn dachte. Und je n\u00e4her der Tag kam, an dem er Geselle werden sollte, desto klarer wurde es ihm, dass er Johanne sehr lieb hatte, und dass sie seine Frau werden sollte. Dann spielte ein L\u00e4cheln um seinen Mund, und er zog noch geschwinder den Pechdraht durch, w\u00e4hrend das Bein sich gegen den Spannriemen stemmte. Er stach sich mit dem Pfriem tief in die Finger, aber das machte nichts. Er w\u00fcrde bestimmt nicht stumm bleiben, wie die beiden Honigkuchen, denn die Geschichte war ihm eine gute Lehre.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann wurde er Geselle, und der Ranzen wurde geschn\u00fcrt. Nun kam er doch endlich, zum ersten Mal in seinem Leben, nach Kopenhagen, und er hatte dort schon einen Meister. Wie w\u00fcrde Johanne \u00fcberrascht und erfreut sein! Sie war jetzt siebzehn Jahre alt und er neunzehn.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon in Kj\u00f6ge wollte er einen goldenen Ring f\u00fcr sie kaufen, aber dann lie\u00df er es. Er bekam sicher einen viel sch\u00f6neren in Kopenhagen. Und nun wurde von den Eltern Abschied genommen, und an einem Herbsttage machte er sich zu Fu\u00df bei Regen und Wind auf den Weg. Die Bl\u00e4tter fielen von den B\u00e4umen, und bis auf die Haut durchn\u00e4sst kam er im gro\u00dfen Kopenhagen und bei seinem neuen Meister an.<\/p>\n\n\n\n<p>Am ersten Sonntag wollte er Johannes Vater besuchen. Die neuen Gesellenkleider wurden angezogen und der neue Hut aus Kj\u00f6ge aufgesetzt, der ihm so gut stand. Bis dahin hatte er immer eine M\u00fctze getragen. Und er fand das Haus, das er suchte, und stieg die vielen Treppen hinauf. Es konnte einem ganz schwindlig werden, weil die Menschen in der gesch\u00e4ftigen Stadt so \u00fcbereinander gestapelt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Recht wohlhabend sah es drinnen in der Stube aus, und Johannes Vater empfing ihn freundlich. Der Frau war er fremd, aber sie reichte ihm die Hand und goss ihm Kaffee ein.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;&#8218;Johanne wird sich freuen, dich zu sehen!&#8220;&#8218; sagte der Vater &#8222;&#8218;Du bist ja ein ganz h\u00fcbscher Bursche geworden! Ja, nun sollst du sie mal sehen! Sie ist ein M\u00e4dchen, an der ich meine Freude habe und k\u00fcnftig noch mehr haben werde &#8211; mit Gottes Beistand! Sie hat ihre eigene Stube, und daf\u00fcr zahlt sie uns Miete!&#8220;&#8218; Und der Vater klopfte selber h\u00f6flich an die T\u00fcr, als ob er ein fremder Mann w\u00e4re. Und dann traten sie ein. Wie war es hier h\u00fcbsch!<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab bestimmt in ganz Kj\u00f6ge keine solche Stube. Selbst die K\u00f6nigin konnte keine sch\u00f6nere haben! Da lag ein Teppich, da hingen Gardinen bis auf die Erde, da stand ein richtiger Pl\u00fcschsessel, und \u00fcberall waren Blumen und Bilder. Auch ein Spiegel war da, in den man beinahe reingelaufen w\u00e4re, denn er war so gro\u00df wie eine T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Knud sah das alles auf einmal und sah dennoch nur Johanne. Sie war ein erwachsenes M\u00e4dchen geworden, ganz anders als Knud sie sich vorgestellt hatte, aber viel sch\u00f6ner. Es gab nicht ein einziges M\u00e4dchen in Kj\u00f6ge wie sie, und wie war sie fein! Aber wie seltsam fremd sah sie Knud an, wenn auch nur einen Augenblick; denn dann flog sie auf ihn zu, fast als wollte sie ihm einen Kuss geben. Sie tat es nicht, aber sie war nahe daran. O ja, sie freute sich tats\u00e4chlich, ihren Kindergespielen wieder zu sehen! Standen ihr doch die Tr\u00e4nen in den Augen. Und dann hatte sie soviel zu fragen und zu erz\u00e4hlen, angefangen bei Knuds Eltern bis zum Holunderstrauch und Weidenbaum. Sie nannte sie Holunderweibchen und Weidenvater, als w\u00e4ren es Menschen. Aber daf\u00fcr konnte man sie doch auch halten, so wie die Honigkuchen. Von diesen sprachen sie auch, von ihrer stummen Liebe, wie sie auf dem Verkaufstisch gelegen hatten und entzweigingen, und dann lachte sie herzlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber in Knuds Wangen brannte das Blut, und sein Herz schlug rascher als sonst! &#8211; Nein, sie war \u00fcberhaupt nicht gro\u00dfspurig geworden! Ihr war es auch zu danken, das merkte er wohl, dass ihre Eltern ihn aufforderten, den ganzen Abend dazubleiben. Sie schenkte ihm Tee ein und reichte ihm selbst eine Tasse. Dann nahm sie ein Buch und las ihnen laut vor. Knud war es, als ob gerade das, was sie las, von seiner Liebe handelte. Es passte so ganz und gar zu allen seinen Gedanken. Und dann sang sie ein einfaches Lied, aber durch sie wurde eine ganze Geschichte daraus. Es war, als str\u00f6mte ihr eigenes Herz davon \u00fcber. O ja, sie liebte Knud ganz bestimmt. Die Tr\u00e4nen liefen ihm \u00fcber die Backen, er konnte nichts daf\u00fcr. Nicht ein einziges Wort vermochte er zu sprechen, er fand sich selber sehr dumm, und dennoch dr\u00fcckte sie ihm die Hand und sagte: &#8222;&#8218;Du hast ein gutes Herz, Knud! Bleibe immer, wie du bist!&#8220;&#8218;<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein unvergleichlich sch\u00f6ner Abend. Danach konnte man \u00fcberhaupt nicht einschlafen, und Knud schlief dann auch nicht. Beim Abschied hatte Johannes Vater gesagt: &#8222;&#8218;Ja, nun wirst du uns doch wenigstens nicht ganz vergessen! Lass nicht den ganzen Winter vergehen, ehe du uns wieder besuchst!&#8220;&#8218; So konnte er ja ruhig am n\u00e4chsten Sonntag wiederkommen, und das wollte er auch tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jeden Abend, wenn die Arbeit getan war, und es wurde noch bei Licht gearbeitet, ging Knud in die Stadt. Er ging durch die Stra\u00dfe, wo Johanne wohnte, sah zu ihrem Fenster hinauf, wo fast immer Licht brannte. Eines Abends sah er ganz deutlich den Schatten ihres Gesichts auf dem Vorhang &#8211; das war ein sch\u00f6ner Abend!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Frau seines Meisters gefiel es nicht, dass er immer des Abends auf der Walze war, wie sie es nannte, und sie sch\u00fcttelte den Kopf. Aber der Meister lachte nur. Er ist ein junger Mensch!&#8220;&#8218; sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;&#8218;Am Sonntag sehe ich sie wieder, und ich sage es ihr, wie sehr ich an sie denke, und dass sie meine kleine Frau werden muss!&#8220;&#8218; dachte Knud. &#8222;&#8218;Ich bin freilich nur ein armer Schustergeselle, aber ich kann Meister werden; ich werde arbeiten und streben! Ja, ich sage es ihr. Die stumme Liebe f\u00fchrt zu nichts, das habe ich von den Honigkuchen gelernt!&#8220;&#8218; Und der Sonntag kam, und Knud kam, aber wie traf es sich ungl\u00fccklich! Sie wollten alle ausgehen, sie mussten es ihm sagen. Johanne dr\u00fcckte seine Hand und fragte: &#8222;&#8218;Bist du im Theater gewesen? Du musst einmal hingehen! Ich singe Mittwoch, und wenn du da Zeit hast, dann schicke ich dir eine Eintrittskarte. Mein Vater wei\u00df, wo dein Meister wohnt.&#8220;&#8218;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie liebevoll war das von ihr! Und am Mittwoch mittag kam ein versiegeltes Papier ohne Worte; nur die Eintrittskarte lag darin. Am Abend ging Knud zum ersten Mal in seinem Leben ins Theater, und was sah er? &#8211; Ja, er sah Johanne, so sch\u00f6n, so anmutig. Sie heiratete allerdings einen fremden Menschen, aber das war nur Kom\u00f6die, etwas, was sie spielten, das wusste Knud. Sonst h\u00e4tte sie es wohl auch nicht \u00fcber sich gebracht, ihm eine Eintrittskarte zu senden, damit er das mit ansehen sollte. Und die Leute klatschten und riefen laut, und Knud rief &#8222;&#8218;Hurra!&#8220;&#8218;<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst der K\u00f6nig l\u00e4chelte Johanne zu, als wenn er seine Freude an ihr h\u00e4tte. Gott, wie f\u00fchlte Knud sich so klein! Aber er liebte sie recht innig, und sie hatte ihn doch auch lieb, und der Mann muss das erste Wort sagen, so dachte ja die Honigkuchenfrau. In der kleinen Geschichte steckte wirklich viel.<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald der Sonntag kam, ging Knud wieder hin. Seine Gedanken waren so feierlich gestimmt wie beim Abendmahl. Johanne war allein und empfing ihn, es konnte nicht passender sein. &#8222;&#8218;Gut, dass du kommst!&#8220;&#8218; sagte sie. &#8222;&#8218;Ich h\u00e4tte beinahe Vater zu dir geschickt, aber dann hatte ich das Gef\u00fchl, dass du heute abend kommen w\u00fcrdest. Denn ich muss dir sagen, ich reise am Freitag nach Frankreich. Das muss ich tun, damit etwas wirklich T\u00fcchtiges aus mir wird!&#8220;&#8218;<\/p>\n\n\n\n<p>Es war Knud, als drehte sich die ganze Stube, als wolle sein Herz zerspringen. Aber es traten keine Tr\u00e4nen in seine Augen, wenn es auch deutlich zu erkennen war, wie traurig er wurde. Johanne sah es, und sie war nahe daran zu weinen. &#8222;&#8218;Du ehrliche, treue Seele!&#8220;&#8218; sagte sie, und das l\u00f6ste Knud die Zunge. Er sagte ihr, wie innig lieb er sie habe, und dass sie seine kleine Frau werden m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber als er das ausgesprochen hatte, sah er, dass Johanne leichenblass wurde. Sie lie\u00df seine Hand los und sagte ernst und traurig: &#8222;&#8218;Mach dich selbst und mich nicht ungl\u00fccklich, Knud! Ich werde dir immer eine gute Schwester sein, auf die du z\u00e4hlen kannst, aber mehr auch nicht!&#8220;&#8218; Und sie strich ihm mit ihrer weichen Hand \u00fcber die hei\u00dfe Stirn. &#8222;&#8218;Gott gibt uns Kraft zu vielem, wenn man es nur selber will!&#8220;&#8218; In diesem Augenblick trat ihre Stiefmutter ein.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;&#8218;Knud ist ganz au\u00dfer sich, weil ich fortgehe!&#8220;&#8218; sagte sie. &#8222;&#8218;Aber jetzt sei ein Mann!&#8220;&#8218; Und dann klopfte sie ihm auf die Schulter. Es war, als h\u00e4tten sie nur von der Reise gesprochen und von nichts anderem. &#8222;&#8218;Nun musst du lieb und vern\u00fcnftig sein, wie unterm Weidenbaum&#8220;&#8218;, sagte sie, &#8222;&#8218;als wir beide noch Kinder waren!&#8220;&#8218;<\/p>\n\n\n\n<p>Es war Knud so, als w\u00e4re ein St\u00fcck der Welt zerbrochen. Seine Gedanken waren wie ein loser Faden, der willenlos im Winde flattert. Er blieb, er wusste nicht, ob sie ihn darum gebeten hatten; aber freundlich und g\u00fctig waren sie. Johanne schenkte ihm Tee ein, und sie sang. Es war nicht mehr der haltvertraute Klang, und dennoch so unvergleichlich sch\u00f6n, so recht zum Herzzerrei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann trennten sie sich. Knud reichte ihr nicht die Hand, aber sie ergriff die seine und sagte: &#8222;&#8218;Du wirst doch deiner Schwester die Hand zum Abschied geben, mein alter Spielgef\u00e4hrte!&#8220;&#8218; Und sie lachte unter Tr\u00e4nen, die ihr \u00fcber die Wangen liefen, und sie wiederholte: &#8222;&#8218;Spielgef\u00e4hrte &#8211; Bruder!&#8220;&#8218; Als ob das noch helfen konnte! &#8211; So war der Abschied.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fuhr mit dem Schiff nach Frankreich, Knud lief in den schmutzigen Stra\u00dfen Kopenhagens umher. Die anderen Gesellen in der Werkstatt fragten ihn, warum er so herumrenne und wor\u00fcber er nachgr\u00fcbele. Er solle doch mit ihnen ausgehen, er sei doch ein junges Blut.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie gingen zusammen auf den Tanzboden. Hier gab es viele h\u00fcbsche M\u00e4dchen, aber freilich kein solches wie Johanne. Und immer, wenn er meinte, er werde sie vergessen, dann stand sie gerade leibhaftig vor seinem inneren Auge. &#8222;&#8218;Gott gibt uns Kraft zu vielem, wenn man nur selber will!&#8220;&#8218; hatte sie gesagt. Und eine Andacht erf\u00fcllte sein Gem\u00fct; er faltete die H\u00e4nde &#8211; und die Violinen spielten, und die M\u00e4dchen tanzten im Kreis. Er erschrak richtig. Er fand, er war an einem Ort, an den er Johanne nicht f\u00fchren durfte, und sie war mit ihm in seinem Herzen. Dann ging er nach drau\u00dfen, lief durch die Stra\u00dfen, ging an dem Haus vorbei, wo sie gewohnt hatte, aber dort war es dunkel. Es war \u00fcberall dunkel, leer und einsam. Die Welt ging ihren Weg und Knud den seinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wurde es Winter, und die Gew\u00e4sser froren zu. Es war, als r\u00fcstete sich alles zu einem Begr\u00e4bnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber als das Fr\u00fchjahr kam und das erste Dampfschiff ging, da befiel ihn eine solche Sehnsucht, in die Weite hinauszuwandern, aber nicht zu sehr in die N\u00e4he von Frankreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schn\u00fcrte den Ranzen und wanderte weit nach Deutschland hinein, von Stadt zu Stadt, ohne Rast und Ruh. Erst als er in die alte, prachtvolle Stadt N\u00fcrnberg kam, war es, als fiele die Ruhelosigkeit ein wenig von ihm ab. Hier konnte er bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine wunderbare alte Stadt, wie aus einer Bilderchronik ausgeschnitten. Die Stra\u00dfen laufen, wie sie selber wollen, die H\u00e4user lieben es nicht, in Reih und Glied zu stehen. Erker mit kleinen T\u00fcrmen, Schn\u00f6rkeln und Bilds\u00e4ulen h\u00e4ngen \u00fcber den B\u00fcrgersteig vor, und hoch oben unter den seltsam ineinander geschachtelten D\u00e4chern ragen bis mitten \u00fcber die Stra\u00dfen Dachrinnen hinaus, die wie Drachen und Hunde mit langen Leibern geformt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Marktplatz stand Knud mit dem Ranzen auf dem R\u00fccken. Er stand an einem der alten Springbrunnen, wo herrlich erzene Figuren, biblische und historische, zwischen den sprudelnden Wasserstrahlen stehen. Ein h\u00fcbsches Dienstm\u00e4dchen holte gerade Wasser. Sie gab Knud einen Labtrunk. Und da sie eine ganze Handvoll Rosen hatte, schenkte sie ihm auch eine Rose, und das schien ihm ein gutes Vorzeichen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der nahen Kirche brausten Orgelt\u00f6ne zu ihm hin; sie klangen so heimatlich, als k\u00e4men sie aus der Kirche in Kj\u00f6ge. Und er betrat den gro\u00dfen Dom. Die Sonne fiel durch die gemalten Scheiben zwischen die hohen, schlanken S\u00e4ulen. Seine Gedanken waren voller Andacht, und stiller Friede kam in seinen Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Er suchte und fand einen guten Meister in N\u00fcrnberg, und bei diesem blieb er und lernte die Sprache des Landes.<\/p>\n\n\n\n<p>Die alten Gr\u00e4ben rund um die Stadt sind in kleine Gem\u00fcseg\u00e4rten verwandelt, aber die hohen Mauern mit ihren dicken T\u00fcrmen stehen noch. Der Seiler dreht seine Seile am h\u00f6lzernen Umgang an der Innenseite der Mauer. Hier wachsen ringsum aus Rissen und L\u00f6chern Holunderstr\u00e4ucher, die ihre Zweige \u00fcber die kleinen, niedrigen H\u00e4user h\u00e4ngen lassen, und in einem davon lebte der Meister, bei dem Knud arbeitete. \u00fcber das kleine Dachfenster, hinter dem er schlief, neigte der Holunder seine Zweige.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wohnte er einen Sommer und einen Winter. Aber als der Fr\u00fchling kam, konnte er es nicht l\u00e4nger mehr aushalten. Der Holunder stand in Bl\u00fcte, und es duftete so heimatlich. Es war, als w\u00e4re er im Garten von Kj\u00f6ge &#8211; und da zog Knud von seinem Meister fort zu einem anderen, weiter in die Stadt hinein, wo es keine Holunderstr\u00e4ucher gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Werkstatt, in die er kam, lag dicht an einer alten, steinernen Br\u00fccke \u00fcber einer immer brausenden, niedrigen Wasserm\u00fchle. Drau\u00dfen floss nur ein rei\u00dfender Fluss, eingezw\u00e4ngt zwischen H\u00e4usern, die mit alten, morschen Balkons behangen waren. Es sah aus, als wollten sie diese ins Wasser hinuntersch\u00fctteln. Hier wuchs kein Holunder, hier gab es nicht einmal einen Blumentopf mit ein bisschen Gr\u00fcn darin.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber gerade gegen\u00fcber stand ein gro\u00dfer, alter Weidenbaum, der aussah, als hielte er sich an dem Haus dort fest, um nicht von der Str\u00f6mung mitgerissen zu werden. Er streckte seine Zweige \u00fcber den Fluss, genauso wie die Weide im Garten am Kj\u00f6gebach.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, er war nun freilich vom Holunderweibchen zum Weidenvater gezogen. Der Baum hier hatte besonders an Mondscheinabenden etwas, dass er sich so recht d\u00e4nisch f\u00fchlte. Aber der Mondenschein war es gar nicht, der das bewirkte, es war der alte Weidenbaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Er konnte es nicht aushalten, und weshalb nicht? Frage die Weide, frage den bl\u00fchenden Holunder! &#8211; Und da sagte er dem Meister und N\u00fcrnberg Lebewohl und zog weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu niemandem sprach er von Johanne. In sein Innerstes verschloss er seinen Kummer, und der Geschichte vom Honigkuchen legte er seine seltsame Bedeutung bei. Jetzt verstand er, weshalb der Mann eine bittere Mandel an der linken Seite hatte. Er hatte selber einen bitteren Geschmack davon bekommen. Und Johanne, die immer so mild und freundlich gewesen war, sie war nur Honigkuchen. Es war, als schn\u00fcre ihn der Riemen seines Ranzens so ein, dass er kaum noch atmen konnte. Er lockerte ihn, aber es n\u00fctzte nichts. Die Welt um ihn war nur halb, die andere trug er in sich; so stand es mit ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst als er die hohen Berge sah, wurde die Welt f\u00fcr ihn gr\u00f6\u00dfer. Seine Gedanken wandten sich seiner Umgebung zu, Tr\u00e4nen traten ihm in die Augen. Die Alpen kamen ihm vor wie die zusammengefalteten Fl\u00fcgel der Erde. Wie, wenn sie sich nun entfalteten, die gro\u00dfen Schwingen ausbreiteten mit ihren bunten Bildern von schwarzen W\u00e4ldern, brausenden Wassern, Wolken und Schneemassen? &#8211; &#8222;&#8218;Am J\u00fcngsten Tage wird die Erde die gro\u00dfen Fl\u00fcgel erheben, zu Gott fliegen und wie eine Seifenblase in seinen hellen Strahlen zerplatzen. Oh w\u00e4re nur der J\u00fcngste Tag schon da!&#8220;&#8218; seufzte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Still wanderte er durch das Land, das ihm wie ein grasbewachsener Obstgarten vorkam. Von den h\u00f6lzernen Altanen der H\u00e4user nickten ihm die kl\u00f6ppelnden M\u00e4dchen zu. Die Berggipfel gl\u00fchten in der roten Abendsonne, und als er die gr\u00fcnen Seen zwischen den dunklen B\u00e4umen erblickte, da dachte er an den Strand der Kj\u00f6gebucht. Und in der Brust f\u00fchlte er Wehmut, aber keinen Schmerz.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort wo der Rhein wie eine einzige lange Woge heranrollt, niederst\u00fcrzt, zerspr\u00fcht und in schneewei\u00dfe Wolkenmassen verwandelt wird, so als w\u00fcrden hier die Wolken erschaffen &#8211; der Regenbogen flattert wie ein loses Band dahin -, da dachte er an die Wasserm\u00fchle bei Kj\u00f6ge, wo das Wasser rauschte und zerspr\u00fchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gern w\u00e4re er in der stillen Rheinstadt geblieben, aber es gab hier gar zu viele Holunder- und Weidenb\u00e4ume. Und so zog er weiter \u00fcber die hohen, m\u00e4chtigen Berge, durch Felsschr\u00fcnde und auf Stra\u00dfen dahin, die wie Schwalbennester an den Bergw\u00e4nden klebten. Das Wasser brauste in der Tiefe, die Wolken lagen unter ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00fcber blanke Disteln, Alpenrosen und Schnee ging er in der warmen Sommersonne dahin. Und dann sagte er den L\u00e4ndern des Nordens Lebewohl und stieg hinunter zu Kastanienb\u00e4umen, Weing\u00e4rten und Maisfeldern. Die Berge waren eine Mauer zwischen ihm und allen Erinnerungen, und so sollte es sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor ihm lag eine gro\u00dfe, pr\u00e4chtige Stadt. Mailand hie\u00df sie, und hier fand er einen deutschen Meister, der ihm Arbeit gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein altes, rechtschaffenes Ehepaar, in dessen Werkstatt er gekommen war. Und sie gewannen den jungen Gesellen lieb, der wenig sprach, um so mehr arbeitete und fromm und christlich war. Es war auch, als h\u00e4tte Gott die schwere Last von seinem Herzen genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine gr\u00f6\u00dfte Freude war es, dann und wann einmal auf die gewaltige Marmorkirche hinaufzusteigen. Sie schien ihm wie aus dem Schnee der Heimat geschaffen und zu Bildern, spitzen T\u00fcrmen und buntgeschm\u00fcckten offenen Hallen geformt zu sein. Aus jedem Winkel, von jeder Spitze und jedem Bogen l\u00e4chelten die wei\u00dfen Bilds\u00e4ulen zu ihm nieder. Dar\u00fcber sah er den blauen Himmel, unter sich die Stadt und die weithin sich dehnende lombardische Tiefebene und nach Norden zu die hohen Berge mit dem ewigen Schnee. Da dachte er an die Kirche von Kj\u00f6ge mit den Efeuranken an den roten Mauern; aber er sehnte sich nicht dorthin. Hier hinter den Bergen wollte er begraben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Jahr lang hatte er hier gelebt. Es war drei Jahre her, seit er die Heimat verlassen hatte. Da f\u00fchrte sein Meister ihn eines Tages in die Stadt, nicht zur Arena, um die Kunstreiter zu sehen, nein, in die gro\u00dfe Oper, und diesen Saal zu sehen lohnt sich ebenfalls. Auf sieben R\u00e4ngen hingen hier seidene Vorh\u00e4nge, und vom Parkett bis zur Decke in schwindelnder H\u00f6he sa\u00dfen die feinen Damen mit Blumenstr\u00e4u\u00dfen in den H\u00e4nden, als wollten sie auf einen Ball gehen. Und die Herren waren im feinsten Anzug und viele mit Silber und Gold geschm\u00fcckt. Es war so hell wie im hellsten Sonnenschein. Und dann brauste die Musik so stark und wunderbar; es war alles noch prachtvoller als im Theater in Kopenhagen, aber dort war Johanne gewesen, und hier &#8211; ja, es war wie ein Zauber: Der Vorhang ging auf, und auch hier stand Johanne in Gold und Seide, mit einer Goldkrone auf dem Haupte. Sie sang, wie nur ein Engel Gottes singen kann. Sie trat so weit nach vorn, wie sie konnte, sie l\u00e4chelte, wie nur Johanne l\u00e4cheln konnte. Sie sah genau zu Knud hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Der arme Knud ergriff des Meisters Hand und rief laut: &#8222;&#8218;Johanne!&#8220;&#8218; Aber man konnte es nicht h\u00f6ren, die Musik \u00fcbert\u00f6nte alles, und der Meister nickte mit dem Kopf dazu. &#8222;&#8218;Ja, gewiss, sie hei\u00dft Johanne!&#8220;&#8218; Und dann nahm er ein gedrucktes Blatt und zeigte Knud ihren Namen, ihren vollen Namen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, es war kein Traum! Alle Menschen jubelten ihr zu und warfen Blumen und Kr\u00e4nze hinauf, und immer wenn sie ging, riefen sie von neuem nach ihr. Sie kam und ging und kam abermals.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe scharten sich die Menschen um ihren Wagen und zogen ihn. Und Knud war am allerweitesten vorn und am allerfr\u00f6hlichsten. Als sie zu ihrem pr\u00e4chtig erleuchteten Hause kamen, stand Knud dicht am Wagenschlag. Er ging auf, und sie trat heraus. Das Licht schien auf ihr liebliches Antlitz, und sie l\u00e4chelte und dankte so freundlich, und sie war ger\u00fchrt. Knud blickte ihr mitten ins Gesicht, aber sie erkannte ihn nicht. Ein Herr mit einem Stern auf der Brust reichte ihr den Arm. Sie seien verlobt, sagte man.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da ging Knud nach Hause und schn\u00fcrte seinen Ranzen. Er wollte, er musste heim zum Holunder und zur Weide &#8211; ach, unter dem Weidenbaum! In einer Stunde kann man ein ganzes Menschenleben durchleben! Sie baten ihn zu bleiben, aber keine Worte vermochten ihn zur\u00fcckzuhalten. Sie sagten ihm, es ginge auf den Winter zu und in den Bergen liege Schnee. Aber in der Spur des langsam fahrenden Wagens &#8211; diesem musste ja der Weg gebahnt werden &#8211; konnte er gehen, mit dem Ranzen auf dem R\u00fccken, auf seinen Stock gest\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und er ging auf das Gebirge zu, stieg es hinauf und wieder hinunter. Er war ersch\u00f6pft und konnte noch keinen Ort, kein Haus sehen. Er wanderte gen Norden. Die Sterne \u00fcber ihm wurden angez\u00fcndet, seine F\u00fc\u00dfe wankten, sein Kopf schwindelte ihm. Tief unten im Tale wurden auch Sterne angez\u00fcndet. Es war, als dehne sich der Himmel auch unter ihm weit aus. Er f\u00fchlte sich krank. Die Sterne dort unten wurden mehr und mehr. Sie wurden immer heller, sie bewegten sich hierhin und dorthin. Es war ein kleiner Ort, dessen Lichter glitzerten. Als er das erkannt hatte, raffte er seine letzten Kr\u00e4fte zusammen und erreichte dort eine \u00e4rmliche Herberge.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine ganze Nacht und einen Tag blieb er hier, denn sein K\u00f6rper brauchte Ruhe und Pflege. Im Tale herrschte Tauwetter und N\u00e4sse. Eines Morgens in der Fr\u00fche kam ein Leiermann, der spielte eine Melodie aus D\u00e4nemark, und da konnte es Knud nicht l\u00e4nger aushalten. Er ging tagelang, viele Tage lang, mit einer Eile, als g\u00e4lte es heimzukommen, ehe sie dort alle gestorben waren. Aber zu niemandem sprach er von seiner Sehnsucht. Niemand h\u00e4tte geglaubt, dass er ein Herzleid hatte, das tiefste, welches man haben kann. Das ist nichts f\u00fcr die Welt, nicht einmal f\u00fcr die Freunde, und er hatte keine Freunde. Fremd ging er durch fremdes Land heim nach Norden.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem einzigen Brief von zu Hause, den die Eltern vor Jahr und Tag geschrieben hatten, stand: &#8222;&#8218;Du bist nicht richtig d\u00e4nisch wie wir anderen daheim. Wir sind es so \u00fcber alle Ma\u00dfen. Du liebst nur die Fremde!&#8220;&#8218; Die Eltern mochten es schreiben &#8211; ja, wie wenig kannten sie ihn!<\/p>\n\n\n\n<p>Es war abend. Er ging auf der offenen Landstra\u00dfe dahin; es begann zu frieren. Das Land selbst wurde immer flacher mit Feldern und Wiesen. Da stand am Wege ein gro\u00dfer Weidenbaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles sah so heimatlich, so d\u00e4nisch aus. Er setzte sich unter den Baum, er f\u00fchlte sich so m\u00fcde. Sein Kopf neigte sich, seine Augen schlossen sich zum Schlaf. Aber er f\u00fchlte und sp\u00fcrte, wie die Weide ihre \u00c4ste zu ihm niedersenkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Baum schien ein alter gewaltiger Mann zu sein. Es war der Weidenvater selbst, der ihn in seine Arme nahm und ihn, den m\u00fcden Sohn, ins d\u00e4nische Land heimtrug, an den freien, hellen Strand, in die Stadt Kj\u00f6ge selber, der in die Welt hinausgezogen war, um ihn zu suchen und zu finden. Und nun hatte er ihn gefunden und in den kleinen Garten am Bach gebracht. Hier stand Johanne in all ihrer Pracht, mit der goldenen Krone auf dem Kopf, so wie er sie zuletzt gesehen hatte, und rief: &#8222;&#8218;Willkommen!&#8220;&#8218;<\/p>\n\n\n\n<p>Und dicht vor ihnen standen zwei seltsame Gestalten, aber sie sahen viel menschlicher aus als in der Kindheit. Es waren die beiden Honigkuchen, der Mann und die Frau. Sie kehrten ihm die Vorderseite zu und sahen fr\u00f6hlich aus.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;&#8218;Danke!&#8220;&#8218; sagten sie beide zu Knud. &#8222;&#8218;Du hast uns die Zunge gel\u00f6st! Du hast uns gelehrt, dass man offen seine Gedanken aussprechen soll, sonst f\u00fchrt es zu nichts. Und nun hat es zu etwas gef\u00fchrt &#8211; wir sind verlobt!&#8220;&#8218;<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann gingen sie Hand in Hand durch Kj\u00f6ge, und sie sahen auch auf der R\u00fcckseite sehr anst\u00e4ndig aus; man konnte ihnen nichts nachsagen! Sie gingen geradewegs auf die Kirche zu, und Knud und Johanne folgten hinterdrein. Sie gingen ebenfalls Hand in Hand, und die Kirche stand wie zuvor mit roten Mauern und sch\u00f6nem Efeugr\u00fcn da.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gro\u00dfe Portal der Kirche \u00f6ffnete sich auf beiden Seite, und die Orgel brauste, und die M\u00e4nner und Frauen gingen zusammen durch das Kirchenschiff. &#8222;&#8218;Die Herrschaften zuerst!&#8220;&#8218; sagten sie. Und dann traten alle auf die Seite, um Knud und Johanne Platz zu machen. Die knieten am Altar nieder, und sie neigte ihren Kopf \u00fcber sein Gesicht, und aus ihren Augen rollten eiskalte Tr\u00e4nen. Es war das Eis um ihr Herz, das durch seine starke Liebe schmolz. Und die Tr\u00e4nen fielen auf seine gl\u00fchenden Wangen &#8211; und er erwachte davon und sa\u00df unter dem alten Weidenbaum im fremden Land an einem winterlich kalten Abend. Aus den Wolken fielen eisige Hagelk\u00f6rner herab, die gegen sein Gesicht peitschten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;&#8218;Es war der sch\u00f6nste Traum meines Lebens!&#8220;&#8218; sagte er. &#8222;&#8218;Gott, Lass mich ihn noch einmal tr\u00e4umen!&#8220;&#8218; Und er Schloss die Augen, er schlief ein, er tr\u00e4umte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Morgen fiel Schnee. Er wirbelte \u00fcber seine F\u00fc\u00dfe hinweg; er schlief. Die Dorfleute gingen in die Kirche. Dort sa\u00df ein Handwerksbursche. Er war tot, erfroren &#8211; unter dem Weidenbaum.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Weidenbaum Hans-Christian Andersen Die Gegend um Kj\u00f6ge ist sehr kahl. Das St\u00e4dtchen liegt zwar am Meeresstrand, und da ist es immer sch\u00f6n, aber es k\u00f6nnte noch sch\u00f6ner sein, als es ist. Ringsherum liegen flache Felder, und bis zum Walde ist es weit. 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