{"id":4974,"date":"2026-01-26T15:53:16","date_gmt":"2026-01-26T14:53:16","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=4974"},"modified":"2026-01-26T15:53:16","modified_gmt":"2026-01-26T14:53:16","slug":"der-traum-des-wolfes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-traum-des-wolfes\/","title":{"rendered":"Der Traum des Wolfes"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der Traum des Wolfes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Johann Wilhelm Wolf<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Der Wolf lag in einer Nacht in seinem Loche, da klang es ihm im linken Ohr. \u00bbDas bedeutet eine hochzeitliche Speise\u00ab sprach er, lie\u00df morgens alle Brocken liegen, welche er noch \u00fcbrig hatte und marschierte weg. Da kam er auf eine Wiese, wo zwei Widder weideten; er ging zu ihnen und sprach: \u00bbEinen von euch muss ich fressen. \u00ab \u00bbHerr wie du willst\u00ab, sprach der \u00e4lteste von den Widdern, \u00bbwir k\u00f6nnen gegen dich nichts ausrichten, aber du bist ein guter Landmesser und k\u00f6nntest vorher die Weide abmessen, wie viel jedem von uns geh\u00f6rt, dann gibt es keine Erbstreitigkeiten.\u00ab \u00bbDas soll geschehen\u00ab sprach der Wolf, dem dies schmeichelte, und er lief die Nase an der Erde rund um die Wiese herum und stellte sich dann in die Mitte. \u00bbStellt euch auf die beiden Ecken\u00ab, rief der Wolf, \u00bbdu dahin, du dorthin und laufet auf mich zu, dann werdet ihr finden, dass ich recht gemessen habe. \u00ab Das geschah, die Widder liefen auf ihn zu und stie\u00dfen ihn so unsanft mit den H\u00f6rnern, dass ihm der Appetit nach ihnen verging und er f\u00fcr tot liegen blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er wieder zu sich kam, sprach er: \u00bbDie Schmerzen achte ich nicht, ich traue auf mein Ohr\u00ab, und er ging weiter und kam an eine andere Wiese, da weidete ein Pferd mit einem F\u00fcllen. \u00bbEins von euch muss ich fressen\u00ab rief er. Das Pferd sprach: \u00bbHerr wie du willst, du bist der St\u00e4rkere, aber ich habe mir einen Dorn in den Fu\u00df getreten, frisst du mir mein F\u00fcllen, dann habe ich Niemand, der mir den Dorn aus dem Fu\u00dfe zieht; darum bitte ich dich, tu mir zuvor den Liebesdienst, du bist als ein geschickter Feld Scheerer bekannt.\u00ab \u00bbDas soll geschehen\u00ab, sprach der Wolf, dem der Mund nach dem jungen F\u00fcllen Fleisch w\u00e4sserte, und dem das Lob au\u00dferdem wohl tat. \u00bbHeb nur den Fu\u00df auf und sage mir, wo der Dorn steckt, ich hole ihn eins zwei drei heraus. \u00ab Das Pferd hob einen Hinterhuf, der Wolf trat hinzu; als er aber recht genau zuguckte, schlug ihn das Pferd vor den Kopf, dass ihm gr\u00fcn und gelb vor den Augen wurde und er f\u00fcr tot liegen blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er wieder zur Besinnung kam, sprach er: \u00bbDie Schmerzen achte ich nicht, ich traue meinem Ohr und muss meine hochzeitliche Speise finden. \u00ab Er schritt, Anfangs matt, dann immer r\u00fcstiger weiter und kam an ein Dorf. Vor dem Dorf stand der Backofen und gl\u00fchte und vor dem Backofen stand eine alte Gei\u00df mit sieben jungen Geislein, die meckerten, dass es eine Art hatte. Der Wolf lief auf sie zu und rief: \u00bbEins von euch muss ich fressen. \u00ab \u00bbMuss ist ein bitter Kraut\u00ab, sprach die Gei\u00df, \u00bbaber Herr wie du willst, denn du bist der St\u00e4rkere. Nur k\u00f6nntest du uns zuvor noch einen Gefallen tun. \u00ab \u00bbWas ist das? \u00ab frug der Wolf. \u00bbWir sangen so eben das Lied \u203aEine feste Burg\u2039 aber die Melodie will nicht recht heraus; da du ein so guter S\u00e4nger bist, k\u00f6nntest du sie uns einmal vorsingen, dann magst du sogleich eins von meinen Geiserchen fressen und kannst es dir aussuchen.\u00ab Das schmeichelte dem Wolf nicht wenig, denn er h\u00f6rte sich gar zu gern loben. Er setzte sich auf seine Hinterbeine, fegte mit den Vorderpfoten in der Luft herum als schl\u00fcge er den Takt und hub an zu heulen, dass alle Bauern im Dorfe zusammenliefen und ihm das Fell so zergerbten, dass ihm die Lust nach Geisenfleisch ganz und gar verging.<\/p>\n\n\n\n<p>Da schlich er betr\u00fcbt und hungrig in den Wald, legte sich unter einen Eichbaum und rief: \u00bbAch was bin ich doch f\u00fcr ein dummer Kerl! Ach Gott, wirf dein scharfes Schwert von deinem elfenbeinernen Turm und strafe mich um meiner Dummheit willen, dass ich meinem linken Ohr so viel getraut habe! \u00ab Nun sa\u00df auf der Eiche ein Bauer, der mit seinem Beil im Walde gearbeitet hatte und als er den Wolf kommen sah auf den Baum geklettert war. Als der den Wolf also rufen h\u00f6rte, fasste er das Beil und warf es ihm grade zwischen die Ohren. \u00bbUh\u00ab schrie der Wolf, \u00bbdie St\u00e4tte ist gar zu heilig, da wird jede Bitte allzu bald erh\u00f6rt\u00ab und er schleppte sich schachmatt und halbtot zu seiner H\u00f6hle. Da fand er kein Br\u00f6cklein mehr von seinem Vorrat und er sprach trostlos zu sich selbst: \u00bbMein Vater war kein Landmesser, drum kann ich auch keiner sein; mein Vater war kein Feld Scheerer, drum kann ich auch keiner sein; mein Vater war kein S\u00e4nger, drum kann ich auch keiner sein und kann mir mein Brod nicht verdienen.\u00ab Und dar\u00fcber qu\u00e4lte er sich so, dass er sich hinlegte und starb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Traum des Wolfes Johann Wilhelm Wolf Der Wolf lag in einer Nacht in seinem Loche, da klang es ihm im linken Ohr. \u00bbDas bedeutet eine hochzeitliche Speise\u00ab sprach er, lie\u00df morgens alle Brocken liegen, welche er noch \u00fcbrig hatte und marschierte weg. 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