{"id":4972,"date":"2026-01-26T15:51:39","date_gmt":"2026-01-26T14:51:39","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=4972"},"modified":"2026-01-26T15:51:40","modified_gmt":"2026-01-26T14:51:40","slug":"die-traumbuche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-traumbuche\/","title":{"rendered":"Die Traumbuche"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die Traumbuche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Richard von Volkmann-Leander<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Hundert Jahre oder mehr ist&#8217;s wohl her, dass der Blitz in sie einschlug und sie von oben bis unten auseinanderspellte, und ebenso lange schon geht der Pflug \u00fcber die St\u00e4tte; fr\u00fcher aber stand einige hundert Schritte vor dem ersten Hause des Dorfes auf dem gr\u00fcnen Rasenh\u00fcgel eine alte m\u00e4chtige Buche; so ein Baum, wie jetzt gar keine mehr wachsen, weil Tiere und Menschen, Pflanzen und B\u00e4ume immer kleiner und erb\u00e4rmlicher werden. Die Bauern sagten, sie stamme noch aus der Heidenzeit und ein heiliger Apostel sei unter ihr von den falschen Heiden erschlagen worden. Da h\u00e4tten die Wurzeln des Baumes Apostelblut getrunken, und wie es ihm in den Stamm und in die \u00c4ste gefahren, sei er davon so gro\u00df und kr\u00e4ftig geworden. Wer wei\u00df, ob&#8217;s wahr ist? Eine eigene Bewandtnis aber hatte es mit dem Baum; das wusste jeder, klein und gross&nbsp;im Dorf. Wer unter ihm einschlief und tr\u00e4umte, des Traum ging unabweislich in Erf\u00fcllung. Deshalb hie\u00df er schon seit undenklichen Zeiten die Traumbuche, und niemand nannte ihn anders. Eine besondere Bedingung war jedoch dabei: wer sich zum Schlaf legte unter die Traumbuche, durfte nicht daran denken, was er wohl tr\u00e4umen w\u00fcrde. Tat er es doch, so tr\u00e4umte er nichts wie Krimskrams und verworrenes Zeug, aus dem kein vern\u00fcnftiger Mensch klug werden konnte. Das war nun allerdings eine sehr schwere Bedingung, weil die meisten Menschen viel zu neugierig sind, und so misslang es denn auch den allermeisten, die es versuchten; und zu der Zeit, wo die folgende Geschichte sich zutrug, war im Dorf wohl kein einziger, weder Mann noch Weib, dem&#8217;s auch nur ein einziges Mal gelungen w\u00e4re. Aber seine Richtigkeit hatte es mit der Traumbuche, das war sicher. \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Eines hei\u00dfen Sommertages also, da kein L\u00fcftchen sich regte, kam auch einmal ein armer Handwerksbursche die Stra\u00dfe daher gewandert, dem war es in der Fremde viele Jahre hindurch weh und \u00fcbel gegangen. Als er vor dem Dorfe anlangte, drehte er zum \u00dcberfluss noch einmal alle seine Taschen um, doch sie waren s\u00e4mtlich leer. Was f\u00e4ngst du an? dachte er bei sich. Todm\u00fcde bist du; umsonst nimmt dich kein Wirt auf, und das Fechten ist ein beschwerliches Handwerk. Da erblickte er die herrliche Buche mit dem gr\u00fcnen Rasenh\u00fcgel davor; und da sie nur wenige Schritte abseits vom Wege stand, legte er sich unter sie ins Gras, um etwas auszuruhen. Doch der Baum hatte ein seltsames Rauschen, und wie er seine Zweige leise bewegte, lie\u00df er bald hier, bald da einen feinen glitzernden Sonnenstrahl durchfallen und bald hier, bald da ein St\u00fcckchen blauen Himmel durchscheinen: da fielen ihm die Augen zu, und er schlief ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er eingeschlafen war, warf die Buche einen Zweig mit drei Bl\u00e4ttern herab, der fiel ihm gerade auf die Brust. Da tr\u00e4umte er, er s\u00e4\u00dfe in einer gar heimlichen Stube am Tisch, und der Tisch w\u00e4re sein, und die Stube auch, und ebenso das Haus. Und vor dem Tisch st\u00e4nde eine junge Frau, st\u00fctzte sich mit beiden H\u00e4nden auf den Tisch und s\u00e4he ihn gar freundlich an, und das w\u00e4re seine Frau. Und auf seinen Knien s\u00e4\u00dfe ein Kind, dem f\u00fctterte er seinen Brei, und weil er zu hei\u00df w\u00e4re, bliese er immer auf den L\u00f6ffel. Und da sagte die Frau: \u00bbWas du doch f\u00fcr eine gute Kindermuhme bist, Schatz!\u00ab und lachte dar\u00fcber. In der Stube aber spr\u00e4nge noch ein anderes Kind herum, ein dicker, pausb\u00e4ckiger Junge, und er h\u00e4tte an eine gro\u00dfe Mohrr\u00fcbe einen Bindfaden gebunden und z\u00f6ge sie hinter sich her und riefe immer h\u00fc und hott, als w\u00e4r&#8217;s der beste Fuchs. Und alle beide Kinder w\u00e4ren ebenfalls sein. So tr\u00e4umte er; und der Traum musste ihm wohl sehr gefallen, denn er lachte im Schlaf \u00fcbers ganze Gesicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er aufwachte, war es schon fast Abend geworden, und vor ihm stand der Sch\u00e4fer mit seinen Schafen und strickte. Da sprang er erquickt auf, dehnte und reckte sich und sagte: \u00bbLieber Himmel, wem&#8217;s so w\u00fcchse! Es ist aber doch h\u00fcbsch, dass man nun wenigstens wei\u00df, wie&#8217;s ist.\u00ab Da trat der Sch\u00e4fer an ihn heran und fragte ihn, woher er k\u00e4me und wohin er wollte und ob er schon etwas von dem Baume geh\u00f6rt habe. Nachdem er sich \u00fcberzeugt, dass er so unschuldig war wie ein neugeborenes Kind, rief er aus: \u00bbIhr seid ein Gl\u00fcckspilz! Denn dass Ihr etwas Gutes getr\u00e4umt habt, war ja doch auf Euerem Gesicht zu lesen; habe ich Euch doch schon lange betrachtet, wie Ihr so dalagt!\u00ab Darauf erz\u00e4hlte er ihm, was es f\u00fcr eine Bewandtnis mit dem Baume habe: \u00bbWas Ihr getr\u00e4umt habt, geht in Erf\u00fcllung; das ist so sicher als wie, dass das hier ein Schaf und das dort ein Bock ist. Fragt nur die Leute im Dorf, ob ich nicht Recht habe! Nun sagt aber auch einmal, was Ihr getr\u00e4umt habt!\u00ab \u00bbAlterchen\u00ab, erwiderte der Handwerksbursche schmunzelnd, \u00bbso fragt man die Bauern aus. Meinen sch\u00f6nen Traum behalte ich f\u00fcr mich; das k\u00f6nnt Ihr mir nun schon gar nicht verdenken. Aber daraus werden tut doch nichts!\u00ab Und das sagte er nicht blo\u00df so, sondern es war sein Ernst; denn als er nun auf das Dorf zuging, sprach er vor sich hin: \u00bbPapperlapapp, Sch\u00e4ferschnack! M\u00f6chte wohl wissen, wo der Baum die Wissenschaft herhaben sollte.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Als er in das Dorf kam, ragte am dritten Haus vom Giebel eine lange Stange heraus, an der hing eine goldene Krone, und unten vor der Haust\u00fcre stand der Kronenwirt. Der war gerade sehr guter Laune, denn er hatte schon zur Nacht gegessen und war rundherum satt, und das war seine beste Stunde. Da zog er h\u00f6flich den Hut und fragte, ob er ihn nicht um einen Gotteslohn zur Nacht behalten wolle. Der Kronenwirt besah sich den schmucken Burschen in seinen staubigen, abgerissenen Kleidern von oben bis unten. Dann nickte er freundlich und sagte: \u00bbSetz dich nur gleich hier in die Laube neben die T\u00fcr; es wird wohl noch ein St\u00fcck Brot und ein Krug Wein \u00fcbriggeblieben sein. Unterdessen k\u00f6nnen sie dir eine Streu machen.\u00ab Darauf ging er hinein und schickte seine Tochter, die brachte Brot und Wein, setzte sich zu ihm und lie\u00df sich erz\u00e4hlen, wie es in der Fremde auss\u00e4he. Dann erz\u00e4hlte sie ihm auch wieder alles, was sie wusste, aus dem Dorf: wie der Weizen st\u00e4nde, und dass des Nachbars Frau Zwillinge bekommen h\u00e4tte, und wann das n\u00e4chste Mal in der Krone zu Tanz gespielt w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einmal aber stand sie auf, bog sich zu dem Handwerksburschen \u00fcber den Tisch hin\u00fcber und sagte: \u00bbWas hast du denn da f\u00fcr drei Bl\u00e4tter am Latz?\u00ab Da sah der Handwerksbursche hin und fand den Zweig mit den drei Bl\u00e4ttern, der w\u00e4hrend des Schlafes auf ihn herabgefallen war. Er stak ihm gerade im Latz. \u00bbDie m\u00fcssen von der gro\u00dfen Buche dicht vorm Dorfe sein\u00ab, erwiderte er, \u00bbunter der ich einen kleinen Nick gemacht habe.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da horchte das M\u00e4dchen neugierig auf und wartete, was er wohl weiter sagen w\u00fcrde. Als er schwieg, begann sie ihn gar vorsichtig auszukundschaften, bis sie sicher war, dass er wirklich unter der Traumbuche geschlafen; und dann ging sie so lange wie die Katze um den hei\u00dfen Brei, bis sie sich \u00fcberzeugt zu haben glaubte, dass er nichts von der sonderbaren Kraft und Eigenschaft der Traumbuche wisse; denn er war ein Schalk und tat so, als w\u00fcsste er gar nichts. Als sie auch damit fertig war, holte sie noch einen Krug Wein, sprach ihm freundlich zu, dass er noch trinken m\u00f6ge, und erz\u00e4hlte ihm alles M\u00f6gliche, was sie getr\u00e4umt h\u00e4tte und wie es doch gar schade w\u00e4re, dass nie etwas in Erf\u00fcllung ginge.<\/p>\n\n\n\n<p>Indem kam der Sch\u00e4fer vom Felde zur\u00fcck und trieb die Schafe durch die Dorfstra\u00dfe. Als er an der Krone vorbeikam und das M\u00e4dchen mit dem Handwerksburschen in eifrigem Gespr\u00e4ch in der Laube sitzen sah, blieb er einen Augenblick stehen und sagte: \u00bbJa, ja, Euch wird er schon den h\u00fcbschen Traum erz\u00e4hlen; mir will er nichts sagen!\u00ab Darauf trieb er seine Schafe weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ward das M\u00e4dchen noch neugieriger, und wie er immer noch nichts von seinem Traume sagte, konnte sie es nicht mehr verwinden und fragte ihn ganz offen, was er denn, w\u00e4hrend er unter der Buche geschlafen, getr\u00e4umt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Da machte der Handwerksbursche, der ein arger Schalk und durch den sch\u00f6nen Traum \u00fcberm\u00fctig fr\u00f6hlich gestimmte war, ein schlaues Gesicht, zwinkerte mit den Augen und sagte: \u00bbEinen herrlichen Traum habe ich gehabt, das muss wahr sein; aber ich getraue mich nicht zu sagen, wie er war.\u00ab Aber sie drang immer weiter in ihn und qu\u00e4lte, er m\u00f6chte es doch sagen. Da r\u00fcckte er ganz nahe an sie heran und sagte ernsthaft: \u00bbDenkt nur, mir hat getr\u00e4umt, ich w\u00fcrde noch einmal des Kronenwirts T\u00f6chterlein heiraten und sp\u00e4ter selbst Kronenwirt werden!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da wurde das M\u00e4dchen erst kreidewei\u00df und dann purpurrot und ging ins Haus. Nach einer Weile kam sie wieder und fragte, ob er das wirklich getr\u00e4umt habe und es sein Ernst sei.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGewiss, gewiss\u00ab, sagte er, \u00bbgerade wie Ihr sah die aus, die mir im Traum erschienen ist!\u00ab Da ging das M\u00e4dchen abermals ins Haus und kam nicht wieder. Sie ging in ihre Kammer, und die Gedanken liefen ihr \u00fcbers Herz wie Wasser \u00fcbers Wehr: immer neue und immer andere, und immer wieder dieselben, so, dass es gar kein Ende hatte. \u00bbEr wei\u00df nichts von dem Baume\u00ab, sagte sie. \u00bbEr hat&#8217;s getr\u00e4umt. Ich mag wollen oder nicht, es wird schon so kommen. Es ist nichts daran zu \u00e4ndern.\u00ab Darauf legte sie sich zu Bett, und die ganze Nacht tr\u00e4umte sie von dem Handwerksburschen. Als sie am anderen Morgen aufwachte, kannte sie sein Gesicht ganz auswendig, so oft hatte sie es \u00fcber Nacht im Traum gesehen \u2013 und ein schmucker Bursche war&#8217;s, das ist wahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Handwerksbursche aber hatte auf seiner Streu wundervoll geschlafen; Traumbuche, Traum und was er am Abend zu der Wirtstochter gesagt, l\u00e4ngst vergessen. Er stand in der Wirtsstube an der T\u00fcr und wollte eben dem Kronenwirt die Hand reichen zum Abschied. Da trat sie herein, und wie sie ihn reisefertig dastehen sah, \u00fcberfiel sie eine sonderbare Angst, als d\u00fcrfe sie ihn nicht fortlassen. \u00bbVater\u00ab, sagte sie, \u00bbder Wein ist immer noch nicht gezapft, und der junge Bursch hat nichts zu tun; k\u00f6nnte er einen Tag hierbleiben, so m\u00f6chte er sich seine Zeche verdienen und ein St\u00fcckchen Reisegeld obendrein.\u00ab Und der Kronenwirt hatte nichts dagegen, denn er hatte schon seinen Morgentrunk gemacht und gefr\u00fchst\u00fcckt und war so satt, so dass es seine beste Stunde war.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch das Zapfen ging sehr langsam, und das M\u00e4dchen hatte immer dies oder jenes, weshalb der Handwerksbursche einmal aus dem Keller heraufgeholt werden musste. Als das Fass endlich leer und die Flaschen gef\u00fcllt waren, meinte sie, es w\u00e4re doch ganz gut, wenn er erst noch etwas im Feld h\u00fclfe; und als er damit auch fertig war, fand sich noch mancherlei im Garten zu tun, woran vorher niemand gedacht hatte. So verging Woche um Woche, und jedwede Nacht tr\u00e4umte sie von ihm. Am Abend aber sa\u00df sie mit ihm in der Laube vor dem Haus, und wenn er erz\u00e4hlte, wie es ihm weh und \u00fcbel unter den fremden Leuten ergangen sei, kam ihr immer eine Schnake ins Auge oder ein Haar, so dass sie sich die Augen mit der Sch\u00fcrze reiben musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nach einem Jahr war der Handwerksbursche immer noch im Hause; und alles war gescheuert, wei\u00dfer Sand in allen Zimmern gestreut und darauf kleine gr\u00fcne Tannenzweige, und das ganze Dorf hielt Feiertag. Denn der junge Handwerksbursch hielt Hochzeit mit dem Kronenwirtskind, und alle Leute freuten sich; und wer sich nicht freute, weil er ein Neidhammel war, der tat wenigstens so.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald darauf hatte der Kronenwirt auch wieder einmal seine beste Stunde, weil er n\u00e4mlich rundherum satt war, und sa\u00df, die Tabaksdose auf dem Scho\u00df, im Lehnstuhl und schlief. Als er gar nicht wieder erwachte, wollten sie ihn wecken; da war er tot \u2013 mausetot. Da war nun der junge Handwerksbursch wirklich Kronenwirt, wie er es im Scherze gesagt, und sonst traf alles ein, wie er es unter der Buche getr\u00e4umt. Denn sehr bald hatte er auch zwei Kinder, und wahrscheinlich nahm er auch einmal das eine von ihnen auf den Scho\u00df und f\u00fctterte es und blies dabei auf den L\u00f6ffel, und sicher fuhr gleichzeitig der andere Knabe mit der Mohrr\u00fcbe im Zimmer umher, obwohl der, von dem ich diese Geschichte wei\u00df, mir es nicht gesagt hat und ich es selbst vergessen habe, ihn express danach zu fragen. Aber es wird schon so gewesen sein, weil das, was man unter der Traumbuche tr\u00e4umte, stets aufs Haar eintraf.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages nun, es mochten wohl an die vier Jahre seit der Hochzeit verflossen sein, sa\u00df der junge Kronenwirt \u2013 denn das war er ja jetzt \u2013 auch einmal in der Wirtsstube. Da kam seine Frau herein, stellte sich vor ihn hin und sagte: \u00bbDenke dir, gestern unter Mittag ist einer von unsern M\u00e4hern unter der Traumbuche eingeschlafen und hat nicht daran gedacht. Wei\u00dft du, was er getr\u00e4umt hat? Er hat getr\u00e4umt, er w\u00e4re steinreich. Und wer ist&#8217;s? Der alte Kaspar, der so dumm ist, dass er einen dauert, und den wir nur aus Mitleid behalten. Was der wohl mit dem vielen Gelde anfangen wird?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da lachte der Mann und sagte: \u00bbWie kannst du nur an das dumme Zeug glauben und bist sonst eine so kluge Frau? \u00dcberlege dir doch selbst, ob ein Baum, und wenn er noch so sch\u00f6n und alt ist, die Zukunft wissen kann.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da sah die Frau ihren Mann mit gro\u00dfen Augen an, sch\u00fcttelte den Kopf und sprach ernsthaft: \u00bbMann, vers\u00fcndige dich nicht! \u00dcber solche Dinge soll man nicht scherzen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch scherze nicht, Frau!\u00ab erwiderte der Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf schwieg die Frau wieder eine Weile, als wenn sie ihn nicht recht verst\u00fcnde, und sagte dann: \u00bbWozu das nur alles ist! Ich d\u00e4chte, du h\u00e4ttest alle Ursache, dem alten heiligen Baume dankbar zu sein. Ist nicht alles so eingetroffen, wie du es getr\u00e4umt?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie dies gesagt, machte der Mann das freundlichste Gesicht der Welt und entgegnete: \u00bbGott wei\u00df es, dass ich dankbar bin, Gott und dir. Ja, ein sch\u00f6ner Traum war&#8217;s! Ist mir&#8217;s doch, als wenn es erst gestern gewesen w\u00e4re, so genau erinnere ich mich noch daran. Und doch ist alles noch tausendmal sch\u00f6ner geworden, als ich es getr\u00e4umt; und du bist auch noch tausendmal lieber und h\u00fcbscher als die junge Frau, die mir damals im Traume erschienen war.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Frau sah ihn wieder mit gro\u00dfen Augen an; darauf fuhr er fort: \u00bbWas nun aber den Baum anbelangt und den Traum, Herzensschatz, so denke ich: wer gern tanzt, dem ist leicht gepfiffen; und: wie man in den Wald schreit, so schallt es wieder heraus. War es mir die vielen Jahre weh und \u00fcbel gegangen, so war&#8217;s wohl kein Wunder, wenn ich auch einmal von was Liebem tr\u00e4umte.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDass du aber gerade getr\u00e4umt hast, du w\u00fcrdest mich heiraten!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas hab&#8216; ich nie getr\u00e4umt! Blo\u00df eine junge Frau sah ich mit zwei Kindern, und sie war lange nicht so h\u00fcbsch wie du und die Kinder auch nicht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbPfui\u00ab, erwiderte die Frau. \u00bbWillst du mich verleugnen oder den Baum? Hast du mir nicht am ersten Tag, wo wir uns sahen \u2013 es war schon Abend und drau\u00dfen in der Laube \u2013, hast du mir da nicht gleich gesagt, du h\u00e4ttest getr\u00e4umt, du w\u00fcrdest mich heiraten und Kronenwirt werden?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da fiel dem Manne zum ersten Male wieder der Schmerz ein, den er sich damals mit seiner jetzigen Frau erlaubt hatte, und er sagte: \u00bbEs kann nichts helfen, liebe Frau! Ich habe wirklich damals nicht von dir getr\u00e4umt; und wenn ich es gesagt, so war es nur ein Scherz. Du warst so neugierig; da wollte ich dich necken!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da brach die Frau in heftiges Weinen aus und ging hinaus. Nach einer Weile ging er ihr nach. Sie stand im Hof am Brunnen und weinte immer noch. Er versuchte sie zu tr\u00f6sten, doch vergeblich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu hast mir meine Liebe gestohlen und mich um mein Herz betrogen!\u00ab sagte sie. \u00bbIch werde nie wieder froh werden!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da fragte er sie, ob sie ihn denn nicht liebh\u00e4tte, so lieb wie keinen andern Menschen auf der Welt, und ob sie nicht zufrieden und gl\u00fccklich miteinander gelebt h\u00e4tten wie niemand weiter im Dorf. Sie musste alles zugeben, aber sie blieb traurig wie zuvor, trotz allem Zureden.<\/p>\n\n\n\n<p>Da dachte er: Lass sie ausweinen! \u00dcber Nacht kommen andere Gedanken; morgen ist sie die alte. Doch er t\u00e4uschte sich; denn am andern Morgen weinte die Frau zwar nicht mehr, aber sie war ernst und traurig und ging ihrem Mann aus dem Wege. Jeder Versuch, sie zu tr\u00f6sten, scheiterte wie am Abend zuvor. Den gr\u00f6\u00dften Teil des Tages sa\u00df sie in einer Ecke und gr\u00fcbelte, und wenn ihr Mann hereintrat, schrak sie zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als dies mehrere Tage gedauert, ohne dass eine \u00c4nderung eintrat, befiel auch ihn eine gro\u00dfe Traurigkeit; denn er f\u00fcrchtete, er h\u00e4tte die Liebe seiner Frau auf immer verloren. Er ging still im Hause umher und sann auf Abhilfe, doch es wollte ihm nichts einfallen. Da ging er eines Mittags zum Dorfe hinaus und schlenderte durchs Feld. Es war ein hei\u00dfer Julitag; keine Wolke am Himmel. Die reife Saat wogte wie ein goldner See, und die V\u00f6gel sangen; doch sein Herz war voller Bek\u00fcmmernis. Da sah er von fern die alte Traumbuche stehen: wie eine K\u00f6nigin der B\u00e4ume ragte sie hoch in den Himmel hinein. Es kam ihm vor, als wenn sie ihm mit ihren gr\u00fcnen Zweigen zuwinkte und wie eine alte Freundin zu sich riefe. Er ging hin und setzte sich unter sie und dachte an die vergangene Zeit. F\u00fcnf Jahre waren ziemlich genau verflossen, seit er als ein armer Teufel zum ersten Male unter ihr geruht und so sch\u00f6n getr\u00e4umt hatte. Ach so wundersch\u00f6n! Und der Traum hatte f\u00fcnf Jahre gedauert. \u2013 Und nun? Alles vorbei! Alles vorbei? Auf immer? \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Da fing die Buche wieder zu rauschen an, wie vor f\u00fcnf Jahren, und bewegte ihre m\u00e4chtigen Zweige. Und wie sie dieselben bewegte, lie\u00df sie wie damals bald hier, bald dort einen feinen glitzernden Sonnenstrahl durchfallen und bald hier, bald da ein St\u00fcckchen blauen Himmel durchscheinen. Da wurde sein Herz stiller, und er schlief ein; denn er hatte vor Sorge die vorhergehenden N\u00e4chte nicht geschlafen. Und nicht lange, so tr\u00e4umte er denselben Traum wie vor f\u00fcnf Jahren, und die Frau am Tisch und die spielenden Kinder hatten die alten, lieben Gesichter von seiner Frau und von seinen Kindern. Und die Frau sah ihn so freundlich an \u2013 ach, so freundlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Da wachte er auf, und als er sah, dass es nur ein Traum war, ward er noch trauriger. Er brach sich einen gr\u00fcnen Zweig ab von der Buche, ging nach Haus und legte ihn ins Gesangbuch. Als die Frau am n\u00e4chsten Tage \u2013 es war gerade Sonntag \u2013 in die Kirche gehen wollte, fiel der Zweig heraus. Da wurde der Mann, der danebenstand, rot, b\u00fcckte sich und wollte ihn in die Tasche stecken. Doch die Frau sah es und fragte, was es f\u00fcr ein Blatt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs ist von der Traumbuche; sie meint es besser mit mir wie du!\u00ab erwiderte der Mann. \u00bbDenn als ich gestern drau\u00dfen war und unter ihr sa\u00df, schlief ich ein. Da wollte sie mich wohl tr\u00f6sten; denn mir tr\u00e4umte, du w\u00e4rest wieder gut und h\u00e4ttest alle vergessen. Aber es ist nicht wahr! Es ist nichts mit der alten guten Buche. Ein sch\u00f6ner herrlicher Baum ist sie schon, aber von der Zukunft wei\u00df sie nichts.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da starrte ihn die Frau an, und dann ging es wie ein Sonnenschein \u00fcber ihr Gesicht: \u00bbMann, hast du das wirklich getr\u00e4umt?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa!\u00ab entgegnete er fest, und sie merkte, dass es die Wahrheit war; denn er zuckte mit dem Gesicht, weil er nicht weinen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbUnd ich war wirklich deine Frau?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Als er auch dies bejahte, fiel ihm die Frau um den Hals und k\u00fcsste ihn so oft, dass er sich ihrer gar nicht erwehren konnte. \u00bbGelobt sei Gott\u00ab, sagte sie, \u00bbnun ist alles wieder gut! Ich habe dich ja so lieb \u2013so lieb, wie du es gar nicht wei\u00dft! Und ich habe die Tage solche Angst gehabt, ob ich dich denn auch wirklich liebhaben d\u00fcrfte, und ob mir nicht Gott eigentlich einen anderen Mann bestimmt hatte. Denn mein Herz gestohlen hast du mir doch, du b\u00f6ser Mann, und ein bisschen Betrug war doch dabei! &#8211; Ja, gestohlen hast du mir&#8217;s; aber nun wei\u00df ich doch, dass es dir nichts geholfen hat und dass es auch ohnedem so gekommen w\u00e4re.\u00ab Darauf schwieg sie eine Weile und fuhr dann fort:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNicht wahr, du sprichst nie wieder schlecht von der Traumbuche?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNein, niemals; denn ich glaube an sie; vielleicht etwas anders wie du, aber darum doch nicht weniger fest. Verlass dich darauf! Und den Zweig wollen wir vorn ins Gesangbuch heften, damit er nicht verlorengeht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Traumbuche Richard von Volkmann-Leander Hundert Jahre oder mehr ist&#8217;s wohl her, dass der Blitz in sie einschlug und sie von oben bis unten auseinanderspellte, und ebenso lange schon geht der Pflug \u00fcber die St\u00e4tte; fr\u00fcher aber stand einige hundert Schritte vor dem ersten Hause des Dorfes auf dem gr\u00fcnen Rasenh\u00fcgel eine alte m\u00e4chtige Buche; [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,99],"tags":[],"class_list":["post-4972","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-richard-von-volkmann-leander"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4972","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4972"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4972\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4973,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4972\/revisions\/4973"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4972"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4972"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4972"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}