{"id":4934,"date":"2026-01-26T15:28:20","date_gmt":"2026-01-26T14:28:20","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=4934"},"modified":"2026-01-26T15:28:52","modified_gmt":"2026-01-26T14:28:52","slug":"die-teufelsleiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-teufelsleiter\/","title":{"rendered":"Die Teufelsleiter"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die Teufelsleiter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei Lorch, an der Grenze des Rheingaus, sieht man noch die wenigen \u00dcberreste der alten Ritterburg Nollich. Hier wohnte vormals der Ritter von Lorch, ein wackerer Degen, aber von unfreundlicher Gem\u00fctsart. An seiner Pforte klopfte einst, in st\u00fcrmischer Nacht, ein kleines, altes M\u00e4nnlein und bat um Herberge. Der Ritter wies den seltsamen Fremdling ab mit unsanften Worten. \u00bbDas will ich dir gedenken\u00ab, brummte das M\u00e4nnlein in seinen grauen Bart und zog von dannen. Der Ritter dachte an den Vorgang nicht weiter, als aber des andern Tags zu Tisch gel\u00e4utet wurde, da war seine Tochter, ein sch\u00f6n aufbl\u00fchendes M\u00e4gdlein von zw\u00f6lf Jahren, nirgends zu finden. Man schickte Boten aus, und zuletzt ging der Vater selbst, sie aufzusuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Hirtenknabe, bei dem er Kunde einzog, erz\u00e4hlte: Er habe in der Fr\u00fche ein M\u00e4gdlein gesehen, das dr\u00fcben, am Fu\u00dfe des j\u00e4hen, unzug\u00e4nglichen Kedrichs, Blumen gebrochen. Da seien pl\u00f6tzlich einige kleine, graue M\u00e4nnlein auf sie zugekommen, h\u00e4tten sie bei den Armen ergriffen und w\u00e4ren mit ihr den steilen Berg so behende hinaufgesprungen wie auf ebenem Boden. \u00bbAch\u00ab, setzte der Knabe hinzu, und seufzte, \u00bbdas sind gewiss die schlimmen Berggeister, die in dem Kedrich hausen und so leicht erz\u00fcrnt werden.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ritter sah mit Schrecken nach der Bergspitze und erblickte jetzt wirklich seine Gerlinde, die oben stand, und es kam ihm vor, als streckte sie ihre H\u00e4nde nach ihm aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Er versammelte alsbald seine Leute, ob vielleicht einer darunter die H\u00f6he erklimmen m\u00f6chte, aber jeder Versuch misslang. jetzt befahl er ihnen, Werkzeuge herbeizuholen und einen Weg in den Berg zu machen. Sie gehorchten mit gr\u00f6\u00dfter Bereitwilligkeit; allein die Arbeiter hatten kaum ihr Werk begonnen, als von dem Gipfel ein Steinregen herabflog, der alles zur Flucht n\u00f6tigte. Zugleich rief eine Stimme, die aus dem Berg zu kommen schien: \u00bbSo vergelten wir die Gastfreundschaft auf Lorch.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ritter wendete alles an, um seine Tochter aus den H\u00e4nden der Unholde zu befreien. Er tat mancherlei Gel\u00fcbde und spendete reichliche Almosen den Kl\u00f6stern und den Armen, doch nirgendwo zeigte sich Rat und Hilfe. &#8211; Tage, Wochen und Monate verstrichen, und des armen Vaters einziger Trost war die Gewissheit, dass seine Tochter noch lebte, denn sein erster Blick am Morgen und sein letzter am Abend war nach dem Kedrich gerichtet, und da sah er sie jedes Mal auf der Kuppe stehen und herabschauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wirklich lie\u00dfen es auch die Gnomen dem M\u00e4dchen an nichts fehlen; sie bauten ihr eine kleine Wohnung und verzierten die W\u00e4nde mit Muscheln und Kristallen und farbigen Steinen. Die Bergweiblein verfertigten ihr Kleider, Halsb\u00e4nder von Korallen und andern Schmuck, suchten sie durch Gesang und die Erz\u00e4hlung wunderbarer M\u00e4rchen aufzumuntern. Ihr Tisch war t\u00e4glich mit Milch und schmackhaften Baumfr\u00fcchten gedeckt. Zumal bewies ein altes M\u00fctterchen sich freundlich gegen sie und raunte ihr oft ins Ohr: \u00bb Getrost, Goldkind, ich sammle dir einen Brautschatz, wie ihn keine K\u00f6nigstochter bekommt. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Vier Jahre waren bereits verflossen, seit dem Tag, an dem die. arme Gerlinde entf\u00fchrt worden war, und ihr Vater gab fast alle Hoffnung auf, sie je wieder zu sehen. Da kam Ruthelm, ein junger, tapferer Rittersmann, aus dem Ungerland zur\u00fcck&#8220; wo er mit gro\u00dfem Ruhm gegen die Fremden gefochten. Seine Burg war nur eine halbe Stunde von Lorch entfernt, und als er vernahm, welches Schicksal die Tochter seines Nachbarn getroffen, da entstand augenblicklich in seiner Seele der Gedanke, sie zu befreien. Er ging zu dem bek\u00fcmmerten Vater und&#8220; meldete diesem sein Vorhaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ritter von Lorch dr\u00fcckte ihm die Hand und sagte: \u00bbIch bin reich und habe nur dieses einzige Kind. Wirst du sie mir wiederbringen, so magst du sie als Gattin heimf\u00fchren. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ruthelm ging alsbald an den Fu\u00df des Kedrichs, um die Gelegenheit des Bergs auszusp\u00e4hen. Aber er sah keine M\u00f6glichkeit, die j\u00e4he Wand zu ersteigen. So stand er, in sich gekehrt und nachsinnend, bis die D\u00e4mmerung hereinbrach. Eben wollte er den Weg nach seiner Burg zur\u00fccknehmen, als ein kleines, altes M\u00e4nnlein auf ihn zukam, und ihn anredete: \u00bbNicht wahr, Herr Ritter, ihr habt auch von der sch\u00f6nen Gerlinde geh\u00f6rt, die da dr\u00fcben auf dem Berge wohnt? Sie ist meine Pflegetochter, und wenn ihr sie zur Braut haben wollt, so d\u00fcrft ihr sie nur abholen. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEin Mann, ein Wort\u00ab, entgegnete Ruthelm und reichte dem M\u00e4nnlein die Hand. \u00bbIch bin gegen Euch nur ein Zwerg\u00ab, erwiderte dieser, \u00bbaber mein Wort ist ein Riese. Die Jungfrau \u00fcberlass ich Euch, wohlgemerkt, wenn der Weg dahin Euch nicht zu sauer wird. Aber wahrlich, der Preis lohnt der M\u00fche, denn schwerlich mag sich im Rheingau ein M\u00e4dchen dieser da vergleichen an Sch\u00f6nheit und Verstand und z\u00fcchtigem Wesen.\u00ab Mit diesen Worten verlor sich der Alte lachend ins Geb\u00fcsch, und Ruthelm mochte wohl denken, dass er ihn zum besten gehabt. Er betrachtete nochmals den Berg und murmelte dann, halblaut, vor sich hin: \u00bbja, wer nur Fl\u00fcgel h\u00e4tte, die First zu erschweben! \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs geht wohl auch ohne Fl\u00fcgel\u00ab, sagte jetzt eine Stimme. Der Ritter sah sich betroffen um und erblickte ein kleines, altes M\u00fctterchen, das ihm freundlich auf die Schulter klopfte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch habe mit angeh\u00f6rt, was mein Bruder eben jetzt zu Euch gesprochen. Gerlindes Vater hat ihn beleidigt, aber er b\u00fc\u00dft nun seit vier Jahren daf\u00fcr, und das M\u00e4dchen hat keinen Teil an der H\u00e4rte ihres Vaters. Sie ist sch\u00f6n und mitleidig und versagt gewiss keinem M\u00fcden ein Obdach. Ich habe sie liebgewonnen wie eine Tochter und mag ihr wohl g\u00f6nnen, dass ein wackerer Ritter sie zur Frau nimmt. Mein Bruder hat Euch sein Wort gegeben, und ein Wort brechen wir nie. Nehmt dieses silberne Gl\u00f6cklein und geht damit hin\u00fcber ins Wispertal. Dort findet ihr einen abgebauten Schacht, an dessen Eingang eine Buche und eine Tanne stehen, die ineinander verwachsen sind. Tretet ohne Furcht in die \u00d6ffnung und l\u00e4utet dreimal mit dem Gl\u00f6cklein. In dem Schacht wohnt mein j\u00fcngster Bruder, und sobald er das Gl\u00f6cklein h\u00f6rt, kommt er herauf. Auch dient es zum Wahrzeichen, dass ich euch schicke. Bittet ihn, euch eine Leiter zu verfertigen, so hoch wie der Kedrich, und so k\u00f6nnt ihr dann den Gipfel ohne Gefahr ersteigen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ruthelm tat, wie ihm die Alte gesagt hatte. Er eilte auf der Stelle ins Wispertal, fand den verlassenen Schacht und gab das Zeichen mit dem Gl\u00f6cklein. Kaum hatte er zum dritten Mal gel\u00e4utet, als ein graues M\u00e4nnlein, mit einem Grubenlicht in der Hand, aus der Tiefe kam und nach seinem Begehr fragte. Der Ritter brachte seine Bitte vor, und der Alte hie\u00df ihn guten Mutes sein, er m\u00f6ge sich mit Tages Anbruch am Fu\u00dfe des Kedrichs einfinden. Zugleich nahm er ein Pfeiflein aus einer Quertasche und pfiff dreimal, und im Nu wimmelte das Tal von Bergm\u00e4nnlein, die Beile und S\u00e4gen und H\u00e4mmer trugen. Der Ritter h\u00f6rte noch auf seinem Heimweg das Ger\u00e4usch der fallenden B\u00e4ume und die Schl\u00e4ge der Beile, und in sein Herz kamen Hoffnung und Freude.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon beim ersten Hahnenschrei eilte er zum Kedrich und fand bereits die Leiter aufgestellt und wohl befestigt. Ein kleines Grauen kam ihn an, da er die ersten Sprossen bestieg, aber sein Mut wuchs mit jedem Schritt. Gl\u00fccklich erreichte er den Gipfel, als eben die Morgenr\u00f6te \u00fcber dem Hochgebirge flammte. Das erste, was sein Auge oben erblickte, war Gerlinde. Auf einer Moosbank, zwischen wilden Rosen und w\u00fcrzigen Kr\u00e4utern, lag sie hingegossen im s\u00fc\u00dfen Schlummer. Unbeweglich stand der Ritter vor ihr, und sein Auge sog ihre Reife ein wie die Waldbienen umher einsogen die Kelche der Blumen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber als sie nun erwachte und der Himmel ihrer blauen Augen sich vor ihm auf tat, da versank er im \u00fcberstr\u00f6menden Gef\u00fchl; er lie\u00df sich vor der Jungfrau auf ein Knie nieder und sagte, dass er gekommen sei, sie zu ihrem Vater zur\u00fcckzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerlinde wusste nicht, wie ihr geschah. Sie err\u00f6tete und fing zu weinen an und l\u00e4chelte dann unter den Tr\u00e4nen, wie die Sonne l\u00e4chelt unter dem Mai Regen.<\/p>\n\n\n\n<p>jetzt erschien das alte M\u00e4nnlein, welches die Jungfrau entf\u00fchrt hatte, und hinter ihm drein trippelte das graue M\u00fctterchen. &#8211; Beim Anblick des Ritters runzelte das M\u00e4nnlein die Stirne ein wenig, als es aber die Leiter erblickte und den Zusammenhang ahnte, lachte es laut auf und sagte: \u00bbDas wurde gewiss im weichen Herzen der Alten da abgesponnen. Aber Wort ist Wort und bleibt Wort. Nimm sie, die du suchst, und sei gastfreundlicher als ihr Vater. Doch allzu wohlfeil sollst du die sch\u00f6ne Jungfrau auch nicht haben, darum gehst du den Weg zur\u00fcck, welchen du gekommen bist; unserer Pflegetochter wollen wir&#8217;s bequemer machen, wie es sich geh\u00f6rt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ruthelm lie\u00df es sich gern gefallen, die Leiter wieder hinabzusteigen, Gerlinde aber wurde von dem M\u00e4nnlein und seiner Schwester durch die H\u00f6hlung des Berges bis unten an den Fu\u00df gef\u00fchrt, wo ein verborgener Ausgang war. Beim Abschied reichte das M\u00fctterchen der Jungfrau ein sch\u00f6nes K\u00e4stchen von versteintem Palmenholz, mit kostbaren Edelsteinen angef\u00fcllt, und sagte: \u00bbNimm, mein Kind! Das ist der Wahlschatz, den ich f\u00fcr dich gesammelt.\u00ab Gerlinde dankte mit Tr\u00e4nen im Auge.<\/p>\n\n\n\n<p>Ruthelm geleitete nun die Jungfrau auf die Burg ihres Vaters.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Freude des alten Ritters, als er sein Kind wiedersah, l\u00e4sst sich nicht beschreiben. Er gab sogleich Befehl, jeden Wanderer, der auf Lorch kommen w\u00fcrde, freundlich aufzunehmen und acht Tage lang zu bewirten. Ruthelm aber erhielt zur Belohnung Gerlindes Hand. Beide lebten gl\u00fccklich bis ins hohe Alter, und sooft Gerlinde ein Kind gebar, kam das graue M\u00fctterchen aus dem Kedrich und brachte ein Patengeschenk.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leiter stand noch viele Jahre hindurch am Berg, die Umwohner hielten sie f\u00fcr das Werk eines b\u00f6sen Geistes und gaben darum dem Kedrich den Namen \u00bbTeufelsleiter\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Teufelsleiter Bei Lorch, an der Grenze des Rheingaus, sieht man noch die wenigen \u00dcberreste der alten Ritterburg Nollich. Hier wohnte vormals der Ritter von Lorch, ein wackerer Degen, aber von unfreundlicher Gem\u00fctsart. An seiner Pforte klopfte einst, in st\u00fcrmischer Nacht, ein kleines, altes M\u00e4nnlein und bat um Herberge. 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