{"id":492,"date":"2015-10-08T00:17:05","date_gmt":"2015-10-07T22:17:05","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=492"},"modified":"2026-01-24T21:17:44","modified_gmt":"2026-01-24T20:17:44","slug":"das-gespenst-von-canterville","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-gespenst-von-canterville\/","title":{"rendered":"Das Gespenst von Canterville"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das Gespenst von Canterville<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Oscar Wilde<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p> <b>Kapitel 1<\/b><\/p>\n\n\n\n<p>Als Mr. Hiram B. Otis, der amerikanische Gesandte, Schloss Canterville kaufte, sagte ihm ein jeder, dass er sehr t\u00f6richt daran t\u00e4te, da dieses Schloss ohne Zweifel verw\u00fcnscht sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Sogar Lord Canterville selbst, ein Mann von peinlichster Ehrlichkeit, hatte es als seine Pflicht betrachtet, diese Tatsache Mr. Otis mitzuteilen, bevor sie den Verkauf abschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWir haben selbst nicht in dem Schloss gewohnt,\u00ab sagte Lord Canterville, \u00bbseit meine Gro\u00dftante, die Herzogin-Mutter von Bolton, einst vor Schreck in Kr\u00e4mpfe verfiel, von denen sie sich nie wieder erholte, weil ein Skelett seine beiden H\u00e4nde ihr auf die Schultern legte, als sie gerade beim Ankleiden war. Ich f\u00fchle mich verpflichtet, es Ihnen zu sagen, Mr. Otis, dass der Geist noch jetzt von verschiedenen Mitgliedern der Familie Canterville gesehen worden ist, sowie auch vom Geistlichen unserer Gemeinde, Hochw\u00fcrden Augustus Dampier, der in King&#8217;s College, Cambridge, den Doktor gemacht hat. Nach dem Malheur mit der Herzogin wollte keiner unserer Dienstboten mehr bei uns bleiben, und Lady Canterville konnte seitdem des Nachts h\u00e4ufig nicht mehr schlafen vor lauter unheimlichen Ger\u00e4uschen, die vom Korridor und von der Bibliothek herkamen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMylord,\u00ab antwortete der Gesandte, \u00bbich will die ganze Einrichtung und den Geist dazu kaufen. Ich komme aus einem modernen Lande, wo wir alles haben, was mit Geld zu bezahlen ist; und ich meine, mit all unsern smarten jungen Leuten, die Ihnen Ihre besten Ten\u00f6re und Primadonnen abspenstig machen, dass, g\u00e4be es wirklich noch so etwas wie ein Gespenst in Europa, wir dieses in allerk\u00fcrzester Zeit dr\u00fcben haben w\u00fcrden, in einem unserer \u00f6ffentlichen Museen oder auf dem Jahrmarkt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch f\u00fcrchte, das Gespenst existiert wirklich,\u00ab sagte Lord Canterville l\u00e4chelnd, \u00bbwenn es auch bis jetzt Ihren Impresarios gegen\u00fcber sich ablehnend verhalten hat. Seit drei Jahrhunderten ist es wohlbekannt, genau gesprochen seit 1584, und es erscheint regelm\u00e4\u00dfig, kurz bevor ein Glied unserer Familie stirbt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNun, was das anbetrifft, das macht der Hausarzt gerade so, Lord Canterville. Aber es gibt ja doch gar keine Gespenster, und ich meine, dass die Gesetze der Natur sich nicht der britischen Aristokratie zuliebe aufheben lassen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie sind jedenfalls sehr aufgekl\u00e4rt in Amerika,\u00ab antwortete Lord Canterville, der Mr. Otis&#8216; letzte Bemerkung nicht ganz verstanden hatte, \u00bbund wenn das Gespenst im Hause Sie nicht weiter st\u00f6rt, so ist ja alles in Ordnung. Sie d\u00fcrfen nur nicht vergessen, dass ich Sie gewarnt habe.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Wenige Wochen sp\u00e4ter war der Kauf abgeschlossen, und gegen Ende der Saison bezog der Gesandte mit seiner Familie Schloss Canterville. Mrs. Otis, die als Mi\u00df Lucretia R. Tappan, W. 53 <sup>ste<\/sup> Stra\u00dfe, New York, f\u00fcr eine gro\u00dfe Sch\u00f6nheit gegolten hatte, war jetzt eine sehr h\u00fcbsche Frau in mittleren Jahren, mit sch\u00f6nen Augen und einem tadellosen Profil. Viele Amerikanerinnen, die ihre Heimat verlassen, nehmen mit der Zeit das Gebaren einer chronischen Kr\u00e4nklichkeit an, da sie dies f\u00fcr ein Zeichen europ\u00e4ischer Kultur ansehen; aber Mrs. Otis war nie in diesen Irrtum verfallen. Sie besa\u00df eine vortreffliche Konstitution und einen hervorragenden Unternehmungsgeist. So war sie wirklich in vieler Hinsicht v\u00f6llig englisch und ein vorz\u00fcgliches Beispiel f\u00fcr die Tatsache, dass wir heutzutage alles mit Amerika gemein haben, ausgenommen nat\u00fcrlich die Sprache. Ihr \u00e4ltester Sohn, den die Eltern in einem heftigen Anfall von Patriotismus Washington genannt hatten, was er zeit seines Lebens beklagte, war ein blonder, h\u00fcbscher junger Mann, der sich dadurch f\u00fcr den diplomatischen Dienst geeignet gezeigt hatte, dass er im Newport Casino w\u00e4hrend dreier Winter die Fran\u00e7aisen kommandierte und sogar in London als vorz\u00fcglicher T\u00e4nzer galt. Gardenien und der Adelskalender waren seine einzigen Schw\u00e4chen. Im \u00fcbrigen war er au\u00dferordentlich vern\u00fcnftig. Mi\u00df Virginia E. Otis war ein kleines Fr\u00e4ulein von f\u00fcnfzehn Jahren, grazi\u00f6s und lieblich wie ein junges Reh und mit sch\u00f6nen, klaren blauen Augen. Sie sa\u00df brillant zu Pferde und hatte einmal auf ihrem Pony mit dem alten Lord Bilton ein Wettrennen um den Park veranstaltet, wobei sie mit anderthalb Pferdel\u00e4ngen Siegerin geblieben war, gerade vor der Achillesstatue, zum ganz besonderen Entz\u00fccken des jungen Herzogs von Cheshire, der sofort um ihre Hand anhielt und noch denselben Abend unter Str\u00f6men von Tr\u00e4nen nach Eton in seine Schule zur\u00fcckgeschickt wurde. Nach Virginia kamen die Zwillinge, entz\u00fcckende Buben, die in der Familie, mit Ausnahme des Herrn vom Hause nat\u00fcrlich, die einzigen wirklichen Republikaner waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Schloss Canterville acht Meilen von der n\u00e4chsten Eisenbahnstation Ascot entfernt liegt, hatte Mr. Otis den Wagen bestellt, sie da abzuholen, und die Familie befand sich in der heitersten Stimmung. Es war ein herrlicher Juliabend, und die Luft war voll vom frischen Duft der nahen Tannenw\u00e4lder. Ab und zu lie\u00df sich die s\u00fc\u00dfe Stimme der Holztaube in der Ferne h\u00f6ren, und ein buntgl\u00e4nzender Fasan raschelte durch die hohen Farnkr\u00e4uter am Wege. Eichh\u00f6rnchen blickten den Amerikanern von den hohen Buchen neugierig nach, als sie vorbeifuhren, und die wilden Kaninchen ergriffen die Flucht und schossen durch das Unterholz und die moosigen H\u00fcgelchen dahin, die wei\u00dfen Schw\u00e4nzchen hoch in der Luft. Als man in den Park von Schloss Canterville einbog, bedeckte sich der Himmel pl\u00f6tzlich mit dunklen Wolken; die Luft schien gleichsam stillzustehen; ein gro\u00dfer Schwarm Kr\u00e4hen flog lautlos \u00fcber ihren H\u00e4uptern dahin, und ehe man noch das Haus erreichte, fiel der Regen in dicken, schweren Tropfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Freitreppe empfing sie eine alte Frau in schwarzer Seide mit wei\u00dfer Haube und Sch\u00fcrze: das war Mrs. Umney, die Wirtschafterin, die Mrs. Otis auf Lady Cantervilles inst\u00e4ndiges Bitten in ihrer bisherigen Stellung behalten wollte. Sie machte jedem einen tiefen Knicks, als sie nacheinander ausstiegen, und sagte in einer eigent\u00fcmlich altmodischen Art: \u00bbIch hei\u00dfe Sie auf Schloss Canterville willkommen.\u00ab Man folgte ihr ins Haus, durch die sch\u00f6ne alte Tudorhalle in die Bibliothek, ein langes, niedriges Zimmer mit T\u00e4felung von schwarzem Eichenholz und einem gro\u00dfen bunten Glasfenster. Hier war der Tee f\u00fcr die Herrschaften gerichtet; und nachdem sie sich ihrer M\u00e4ntel entledigt, setzten sie sich und sahen sich um, w\u00e4hrend Mrs. Umney sie bediente.<\/p>\n\n\n\n<p>Da bemerkte Mrs. Otis pl\u00f6tzlich einen gro\u00dfen roten Fleck auf dem Fu\u00dfboden, gerade vor dem Kamin, und in v\u00f6lliger Unkenntnis von dessen Bedeutung sagte sie zu Mrs. Umney: \u00bbIch f\u00fcrchte, da hat man aus Unvorsichtigkeit etwas versch\u00fcttet.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, gn\u00e4dige Frau,\u00ab erwiderte die alte Haush\u00e4lterin leise, \u00bbauf jenem Fleck ist Blut geflossen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie gr\u00e4sslich!\u00ab rief Mrs. Otis. \u00bbIch liebe durchaus nicht Blutflecke in einem Wohnzimmer. Er muss sofort entfernt werden.\u00ab Die alte Frau l\u00e4chelte und erwiderte mit derselben leisen, geheimnisvollen Stimme: \u00bbEs ist das Blut von Lady Eleanore de Canterville, welche hier auf dieser Stelle von ihrem eigenen Gemahl, Sir Simon de Canterville, im Jahre 1575 ermordet wurde. Sir Simon \u00fcberlebte sie um neun Jahre und verschwand dann pl\u00f6tzlich unter ganz geheimnisvollen Umst\u00e4nden. Sein Leichnam ist nie gefunden worden, aber sein schuldbeladener Geist geht noch jetzt hier im Schlosse um. Der Blutfleck wurde schon oft von Reisenden bewundert und kann durch nichts entfernt werden.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist alles Humbug,\u00ab rief Washington Otis, \u00bbPinkertons Universal-Fleckenreiniger wird ihn im Nu beseitigen\u00ab; und ehe noch die erschrockene Haush\u00e4lterin ihn davon zur\u00fcckhalten konnte, lag er schon auf den Knieen und scheuerte die Stelle am Boden mit einem kleinen Stumpf von etwas, das schwarzer Bartwichse \u00e4hnlich sah. In wenigen Augenblicken war keine Spur mehr von dem Blutfleck zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNa, ich wusste ja, dass Pinkerton das machen w\u00fcrde\u00ab, rief er triumphierend, w\u00e4hrend er sich zu seiner bewundernden Familie wandte; aber kaum hatte er diese Worte gesagt, da erleuchtete ein greller Blitz das d\u00fcstere Zimmer, und ein tosender Donnerschlag lie\u00df sie alle in die H\u00f6he fahren, w\u00e4hrend Mrs. Umney in Ohnmacht fiel. \u00bbWas f\u00fcr ein schauderhaftes Klima!\u00ab sagte der amerikanische Gesandte ruhig, w\u00e4hrend er sich eine neue Zigarette ansteckte. \u00bbWahrscheinlich ist dieses alte Land so \u00fcberv\u00f6lkert, dass sie nicht mehr genug anst\u00e4ndiges Wetter f\u00fcr jeden haben. Meiner Ansicht nach ist Auswanderung das einzig Richtige f\u00fcr England.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMein lieber Hiram,\u00ab sprach Mrs. Otis, \u00bbwas sollen wir blo\u00df mit einer Frau anfangen, die ohnm\u00e4chtig wird?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbRechne es ihr an, als ob sie etwas zerschlagen h\u00e4tte, dann wird es nicht wieder vorkommen\u00ab, sagte der Gesandte; und in der Tat, schon nach wenigen Augenblicken kam Mrs. Umney wieder zu sich. Aber es war kein Zweifel, dass sie sehr aufgeregt war, und sie warnte Mr. Otis, es st\u00e4nde seinem Hause ein Ungl\u00fcck bevor. \u00bbIch habe mit meinen eigenen Augen Dinge gesehen, Herr,\u00ab sagte sie, \u00bbdass jedem Christenmenschen die Haare davon zu Berge stehen w\u00fcrden, und manche Nacht habe ich kein Auge zugetan aus Furcht vor dem Schrecklichen, das hier geschehen ist.\u00ab Jedoch Herr und Frau Otis beruhigten die ehrliche Seele, erkl\u00e4rten, dass sie sich nicht vor Gespenstern f\u00fcrchteten, und nachdem die alte Haush\u00e4lterin noch den Segen der Vorsehung auf ihre neue Herrschaft herabgefleht und um Erh\u00f6hung ihres Gehaltes gebeten hatte, schlich sie zitternd auf ihre Stube.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sturm w\u00fctete die ganze Nacht hindurch, aber sonst ereignete sich nichts von besonderer Bedeutung. Am n\u00e4chsten Morgen jedoch, als die Familie zum Fr\u00fchst\u00fcck herunterkam, fanden sie den f\u00fcrchterlichen Blutfleck wieder unver\u00e4ndert auf dem Fu\u00dfboden. \u00bbIch glaube nicht, dass die Schuld hiervon an Pinkertons Fleckenreiniger liegt,\u00ab erkl\u00e4rte Washington, \u00bbdenn den habe ich immer mit Erfolg angewendet \u2013 es muss also das Gespenst sein.\u00ab Er rieb nun zum zweiten mal den Fleck weg, aber am n\u00e4chsten Morgen war er gleichwohl wieder da. Ebenso am dritten Morgen, trotzdem Mr. Otis selbst die Bibliothek am Abend vorher zugeschlossen und den Schl\u00fcssel in die Tasche gesteckt hatte. Jetzt interessierte sich die ganze Familie f\u00fcr die Sache. Mr. Otis fing an zu glauben, dass es doch allzu skeptisch von ihm gewesen sei, die Existenz aller Gespenster zu leugnen. Mrs. Otis sprach die Absicht aus, der Psychologischen Gesellschaft beizutreten, und Washington schrieb einen langen Brief an die Herren Myers &amp; Podmore \u00fcber die Unvertilgbarkeit blutiger Flecken im Zusammenhang mit Verbrechen. In der darauffolgenden Nacht nun wurde jeder Zweifel an der Existenz von Gespenstern f\u00fcr immer endg\u00fcltig beseitigt. Den Tag \u00fcber war es hei\u00df und sonnig gewesen, und in der K\u00fchle des Abends fuhr die Familie spazieren. Man kehrte erst gegen neun Uhr zur\u00fcck, worauf das Abendessen eingenommen wurde. Die Unterhaltung ber\u00fchrte in keiner Weise Gespenster; es war also nicht einmal die Grundbedingung jener erwartungsvollen Aufnahmef\u00e4higkeit gegeben, welche so oft dem Erscheinen solcher Ph\u00e4nomene vorangeht. Die Gespr\u00e4chsthemata waren, wie mir Mrs. Otis seitdem mitgeteilt hat, lediglich solche, wie sie unter gebildeten Amerikanern der besseren Klasse \u00fcblich sind, wie z. B. die ungeheure \u00dcberlegenheit von Mi\u00df Fanny Davenport \u00fcber Sarah Bernhard als Schauspielerin; die Schwierigkeit, Gr\u00fcnkern- und Buchweizenkuchen selbst in den besten englischen H\u00e4usern zu bekommen; die hohe Bedeutung von Boston in Hinsicht auf die Entwicklung der Weltseele; die Vorz\u00fcge des Freigep\u00e4cksystems beim Eisenbahnfahren; und die angenehme Weichheit des New Yorker Akzents im Gegensatz zum schleppenden Londoner Dialekt. In keiner Weise wurde weder das \u00dcbernat\u00fcrliche ber\u00fchrt noch von Sir Simon de Canterville gesprochen. Um elf Uhr trennte man sich, und eine halbe Stunde darauf war bereits alles dunkel. Da pl\u00f6tzlich wachte Mr. Otis von einem Ger\u00e4usch auf dem Korridor vor seiner T\u00fcre auf. Es klang wie Rasseln von Metall und schien mit jedem Augenblick n\u00e4her zu kommen. Der Gesandte stand sofort auf, z\u00fcndete Licht an und sah nach der Uhr. Es war Punkt eins. Er war ganz ruhig und f\u00fchlte sich den Puls, der nicht im geringsten fieberhaft war. Das sonderbare Ger\u00e4usch dauerte an, und er h\u00f6rte deutlich Schritte. Er zog die Pantoffel an, nahm eine l\u00e4ngliche Phiole von seinem Toilettentisch und \u00f6ffnete die T\u00fcre. Da sah er, sich direkt gegen\u00fcber, im blassen Schein des Mondes, einen alten Mann von ganz gr\u00e4ulichem Aussehen stehen. Des Alten Augen waren rot wie brennende Kohlen; langes graues Haar fiel in wirren Locken \u00fcber seine Schultern; seine Kleidung von altmodischem Schnitt war beschmutzt und zerrissen, und schwere rostige Fesseln hingen ihm an F\u00fc\u00dfen und H\u00e4nden. \u00bbMein lieber Herr,\u00ab sagte Mr. Otis, \u00bbich muss Sie schon bitten, Ihre Ketten etwas zu schmieren, und ich habe Ihnen zu dem Zweck hier eine kleine Flasche von Tammanys Rising Sun Lubricator mitgebracht. Man sagt, dass schon ein einmaliger Gebrauch gen\u00fcgt, und auf der Enveloppe finden Sie die gl\u00e4nzendsten Atteste hier\u00fcber von unsern hervorragendsten einheimischen Geistlichen. Ich werde es Ihnen hier neben das Licht stellen und bin mit Vergn\u00fcgen bereit, Ihnen auf Wunsch mehr davon zu besorgen.\u00ab Mit diesen Worten stellte der Gesandte der Unionstaaten das Fl\u00e4schchen auf einen Marmortisch, schloss die T\u00fcr und legte sich wieder zu Bett.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr einen Augenblick war das Gespenst von Canterville ganz starr vor Entr\u00fcstung; dann schleuderte es die Flasche w\u00fctend auf den Boden und floh den Korridor hinab, indem es ein dumpfes St\u00f6hnen ausstie\u00df und ein gespenstisch gr\u00fcnes Licht um sich verbreitete. Als es gerade die gro\u00dfe eichene Treppe erreichte, \u00f6ffnete sich eine T\u00fcr, zwei kleine wei\u00dfgekleidete Gestalten erschienen, und ein gro\u00dfes Kissen sauste an seinem Kopf vorbei. Da war augenscheinlich keine Zeit zu verlieren; und indem es hastig die vierte Dimension als Mittel zur Flucht benutzte, verschwand es durch die T\u00e4felung, worauf das Haus ruhig wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Als das Gespenst ein kleines geheimes Zimmer im linken Schloss Fl\u00fcgel erreicht hatte, lehnte es sich ersch\u00f6pft gegen einen Mondstrahl, um erst wieder zu Atem zu kommen, und versuchte sich seine Lage klarzumachen. Niemals war es in seiner gl\u00e4nzenden und ununterbrochenen Laufbahn von dreihundert Jahren so gr\u00f6blich beleidigt worden. Es dachte an die Herzogin-Mutter, die bei seinem Anblick Kr\u00e4mpfe bekommen hatte, als sie in ihren Spitzen und Diamanten vor dem Spiegel stand; an die vier Hausm\u00e4dchen, die hysterisch wurden, als es sie blo\u00df durch die Vorh\u00e4nge eines der unbewohnten Schlafzimmer hindurch anl\u00e4chelte; an den Pfarrer der Gemeinde, dessen Licht es eines Nachts ausgeblasen, als derselbe einmal sp\u00e4t aus der Bibliothek kam, und der seitdem best\u00e4ndig bei Sir William Gull, geplagt von Nervenst\u00f6rungen, in Behandlung war; an die alte Madame du Tremouillac, die, als sie eines Morgens fr\u00fch aufwachte und in ihrem Lehnstuhl am Kamine ein Skelett sitzen sah, das ihr Tagebuch las, darauf sechs Wochen fest im Bett lag an der Gehirnentz\u00fcndung und nach ihrer Genesung eine treue Anh\u00e4ngerin der Kirche wurde und jede Verbindung mit dem bekannten Freigeist Monsieur de Voltaire abbrach.<\/p>\n\n\n\n<p>Es erinnerte sich der entsetzlichen Nacht, als der b\u00f6se Lord Canterville in seinem Ankleidezimmer halb erstickt gefunden wurde mit dem Karo-Buben im Halse, und gerade noch, ehe er starb, beichtete, dass er Charles James Fox vermittels dieser Karte bei Crockfords um 50.000 Pfund Sterling betrogen hatte und dass ihm nun das Gespenst die Karte in den Hals gesteckt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle seine gro\u00dfen Taten kamen ihm ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcck, von dem Kammerdiener an, der sich in der Kirche erschoss, weil er eine gr\u00fcne Hand hatte an die Scheiben klopfen sehen, bis zu der sch\u00f6nen Lady Stutfield, die immer ein schwarzes Samtband um den Hals tragen musste, damit die Spur von f\u00fcnf in ihre wei\u00dfe Haut eingebrannten Fingern verdeckt wurde, und die sich schlie\u00dflich in dem Karpfenteich am Ende der K\u00f6nigspromenade ertr\u00e4nkte. Mit dem begeisterten Egoismus des echten K\u00fcnstlers versetzte es sich im Geiste wieder in seine hervorragendsten Rollen und l\u00e4chelte bitter, als es an sein letztes Auftreten als \u203aRoter Ruben oder das erw\u00fcrgte Kind\u2039 dachte, oder sein Deb\u00fct als \u203aRiese Gibeon, der Blutsauger von Bexley Moor\u2039, und das Furore, das es eines sch\u00f6nen Juliabends gemacht hatte, als es ganz einfach auf dem Tennisplatz mit seinen eigenen Knochen Kegel spielte. Und nach alledem kommen solche elenden modernen Amerikaner, bieten ihm Rising-Sun-\u00d6l an und werfen ihm Kissen an den Kopf! Es war nicht auszuhalten. So war noch niemals in der Weltgeschichte ein Gespenst behandelt worden. Es schwur demgem\u00e4\u00df Rache und blieb bis Tagesanbruch in tiefe Gedanken versunken.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><b>Kapitel 2<\/b><\/p>\n\n\n\n<p>Als am n\u00e4chsten Morgen die Familie Otis zum Fr\u00fchst\u00fcck zusammenkam, wurde das Gespenst nat\u00fcrlich des l\u00e4ngeren besprochen. Der Gesandte der Unionstaaten war selbstverst\u00e4ndlich etwas ungehalten, dass sein Geschenk so missachtet worden war. \u00bbIch habe durchaus nicht die Absicht,\u00ab erkl\u00e4rte er, \u00bbdem Geist irgendeine pers\u00f6nliche Beleidigung zuzuf\u00fcgen, und ich muss sagen, dass es aus R\u00fccksicht auf die lange Zeit, die er nun schon hier im Hause wohnt, nicht h\u00f6flich ist, ihn mit Kissen zu bewerfen\u00ab \u2013 eine sehr wohlangebrachte Bemerkung, bei welcher, wie ich leider gestehen muss, die Zwillinge in ein lautes Gel\u00e4chter ausbrachen. \u00bbAndererseits,\u00ab fuhr Mr. Otis fort, \u00bbwenn er wirklich und durchaus den Rising Sun Lubricator nicht benutzen will, so werden wir ihm seine Ketten wegnehmen m\u00fcssen; bei dem L\u00e4rm auf dem Korridor kann man ganz unm\u00f6glich schlafen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schloss Bewohner blieben jedoch die ganze Woche hindurch ungest\u00f6rt, und das einzige, was ihre Aufmerksamkeit erregte, war die best\u00e4ndige Erneuerung des Blutflecks auf dem Boden der Bibliothek. Das war jedenfalls sehr sonderbar, da die T\u00fcre und das Fenster des Nachts immer fest verschlossen und verriegelt waren. Auch die wechselnde Farbe des Fleckes rief die verschiedensten Vermutungen hervor. Denn zuweilen war er ganz mattrot, dann wieder leuchtend, oder auch tiefpurpurn, und als einmal die Familie zur Vesper herunterkam, fand sie ihn hell smaragdgr\u00fcn! Diese koloristischen Metamorphosen am\u00fcsierten nat\u00fcrlich die Gesellschaft sehr, und jeden Abend wurden schon Wetten dar\u00fcber geschlossen. Die einzige, welche nicht auf diesen und keinen andern Scherz einging, war die kleine Virginia, die aus irgendeinem unaufgekl\u00e4rten Grunde immer sehr betr\u00fcbt beim Anblick des Blutflecks war und an dem Morgen, an dem er smaragdgr\u00fcn leuchtete, bitterlich zu weinen anfing.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zweite Auftreten des Gespenstes war am Sonntagabend. Kurz nachdem auch die m\u00e4nnlichen Erwachsenen zu Bett gegangen waren, wurden sie pl\u00f6tzlich durch ein furchtbares Get\u00f6se in der Eingangshalle aufgeschreckt. Alle st\u00fcrzten hinunter und fanden dort, dass eine alte R\u00fcstung von ihrem St\u00e4nder auf den Steinboden gefallen war, w\u00e4hrend das Gespenst von Canterville in einem hochlehnigen Armstuhl sa\u00df und sich seine Knie mit einer Geb\u00e4rde verzweifelten Schmerzes rieb. Die Zwillinge hatten ihre Flitzbogen mitgebracht und schossen zweimal nach ihm mit einer Treffsicherheit, die sie sich durch lange sorgf\u00e4ltige \u00dcbungen nach ihrem Schreiblehrer erworben hatten. Der Gesandte der Unionstaaten richtete unterdessen seinen Revolver auf den Geist und rief ihm nach kalifornischer Etikette zu: \u00bbH\u00e4nde hoch!\u00ab Der Geist fuhr mit einem wilden Wutgeheul in die H\u00f6he und mitten durch die Familie hin wie ein Rauch, indem er noch Washingtons Kerzenlicht ausblies und sie alle in v\u00f6lliger Dunkelheit zur\u00fccklie\u00df. Oben an der Treppe erholte sich das Gespenst wieder und beschloss, in sein ber\u00fchmtes diabolisches Gel\u00e4chter auszubrechen; das hatte sich ihm bei mehr als einer Gelegenheit schon n\u00fctzlich erwiesen. Es soll Lord Rakers Per\u00fccke in einer einzigen Nacht gebleicht haben und hat jedenfalls drei der franz\u00f6sischen Gouvernanten von Lady Canterville so entsetzt, dass sie vor der Zeit und ohne K\u00fcndigung ihre Stellungen aufgaben. So lachte es denn also jetzt dieses sein f\u00fcrchterlichstes Lachen, bis das alte hochgew\u00f6lbte Dach davon gellte; aber kaum war das letzte grausige Echo verhallt, da \u00f6ffnete sich eine T\u00fcr, und Mrs. Otis kam heraus in einem hellblauen Morgenrock. \u00bbIch f\u00fcrchte, Ihnen ist nicht ganz wohl,\u00ab sagte sie, \u00bbund deshalb bringe ich Ihnen hier eine Flasche von Dr. Dobells Tropfen. Wenn es Verdauungsbeschwerden sind, so werden Sie finden, dass sie ein ganz vorz\u00fcgliches Mittel sind.\u00ab Der Geist betrachtete sie zornrot und wollte sich auf der Stelle in einen gro\u00dfen schwarzen Hund verwandeln \u2013 ein Kunstst\u00fcck, wodurch er mit Recht ber\u00fchmt war und dem der Hausarzt die Geistesgest\u00f6rtheit von Lord Cantervilles Onkel, Herrn Thomas Horton, zuschrieb. Da h\u00f6rte er aber Schritte, und das lie\u00df ihn von seinem grausen Vorhaben abstehen; er begn\u00fcgte sich damit, phosphoreszierend zu werden, und verschwand mit einem dumpfen Kirchhofswimmern gerade in dem Moment, als die Zwillinge auf ihn zukamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Geist sein Zimmer erreicht hatte, brach er v\u00f6llig zusammen und verfiel in einen Zustand heftiger Gem\u00fctsbewegung. Die Rohheit der Zwillinge und der krasse Materialismus von Mrs. Otis waren nat\u00fcrlich au\u00dferordentlich verstimmend; aber was ihn am meisten betr\u00fcbte, war doch dass er die alte R\u00fcstung nicht mehr hatte tragen k\u00f6nnen. Er hatte gehofft, dass sogar moderne Amerikaner ersch\u00fcttert sein w\u00fcrden beim Anblick eines Gespenstes in Waffenr\u00fcstung, wenn auch aus keinem andern vern\u00fcnftigen Grunde, so doch aus Achtung vor ihrem Nationalpoeten Longfellow, bei dessen grazi\u00f6ser und anziehender Poesie er selbst so manche Stunde hingebracht hatte, w\u00e4hrend die Cantervilles in London waren. Und dabei war es noch seine eigene R\u00fcstung! Er hatte sie mit gro\u00dfem Erfolg auf dem Turnier in Kenilworth getragen und dar\u00fcber von niemand Geringerem als der jungfr\u00e4ulichen K\u00f6nigin selber viel Schmeichelhaftes gesagt bekommen. Und als er die R\u00fcstung heute anlegen wollte, hatte ihn das Gewicht des alten Panzers und Stahlhelmes so erdr\u00fcckt, dass er darunter zu Boden gest\u00fcrzt war, sich beide Knie heftig zerschlagen und die rechte Hand verstaucht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehrere Tage lang f\u00fchlte er sich nach diesem Vorfall ernstlich krank und verlie\u00df sein Zimmer nur, um den Blutfleck in Ordnung zu halten. Da er sich sonst jedoch sehr schonte, erholte er sich bald wieder und beschloss, noch einen dritten Versuch zu machen, den Gesandten und seine Familie in Schrecken zu jagen. Er w\u00e4hlte zu diesem seinem Auftreten Freitag, den 13. August, und besch\u00e4ftigte sich den ganzen Tag damit, seine Kleidervorr\u00e4te zu pr\u00fcfen, bis er schlie\u00dflich einen gro\u00dfen weichen Hut mit roter Feder, ein Laken mit R\u00fcschen an Hals und Armen und einen rostigen Dolch w\u00e4hlte. Gegen Abend kam ein heftiger Regenschauer, und der Sturm r\u00fcttelte gewaltig an allen T\u00fcren und Fenstern des alten Hauses. Das war gerade das Wetter, wie er es liebte. Sein Plan war folgender: er wollte sich ganz leise nach Washingtons Zimmer schleichen, ihm vom Fu\u00dfende des Bettes aus wirres Zeug vorschwatzen und sich dann beim Klange leiser geisterhafter Musik dreimal den Dolch ins Herz sto\u00dfen. Er war auf Washington ganz besonders b\u00f6se, weil er wusste, dass dieser es war, der immer wieder den Blutfleck mit Pinkertons Fleckenreiniger entfernte. Wenn er dann den frivolen und tollk\u00fchnen J\u00fcngling in den namenlosen Schrecken versetzt hatte, so wollte er sich nach dem Schlafzimmer von Herrn und Frau Otis begeben und dort eine eiskalte Hand Mrs. Otis auf die Stirn legen, w\u00e4hrend er ihrem zitternden Mann die entsetzlichen Geheimnisse des Beinhauses ins Ohr zischelte. Was die kleine Virginia anbetraf, so war er \u00fcber sie noch nicht ganz im reinen. Sie hatte ihn nie in irgendeiner Weise beleidigt und war h\u00fcbsch und sanft. Einige tiefe Seufzer aus dem Kleiderschrank w\u00fcrden mehr als genug f\u00fcr sie sein, dachte er, und wenn sie davon noch nicht aufwachte, so k\u00f6nnte er ja mit zitternden Fingern an ihrem Betttuch zerren. In Bezug auf die Zwillinge war er aber fest entschlossen, ihnen eine ordentliche Lektion zu erteilen. Das erste war nat\u00fcrlich, dass er sich ihnen auf die Brust setzte, um das erstickende Gef\u00fchl eines Alpdr\u00fcckens hervorzurufen. Dann w\u00fcrde er, da ihre Betten dicht nebeneinander standen, in der Gestalt eines gr\u00fcnen, eiskalten Leichnams zwischen ihnen stehen, bis sie vor Schrecken gel\u00e4hmt w\u00e4ren; und zum Schluss wollte er mit wei\u00dfgebleichten Knochen und einem rollenden Augapfel ums Zimmer herumkriechen als \u203aStummer Daniel oder das Skelett des Selbstm\u00f6rders\u2039. Diese Rolle hatte bei mehr als einer Gelegenheit den allergr\u00f6\u00dften Effekt gemacht und schien ihm ebenso gut zu sein wie seine ber\u00fchmte Darstellung des \u203aMartin, des Verr\u00fcckten, oder das verh\u00fcllte Geheimnis\u2039.<\/p>\n\n\n\n<p>Um halb elf Uhr h\u00f6rte er die Familie zu Bette gehen. Er wurde noch einige Zeit durch das Lachgebr\u00fcll der Zwillinge gest\u00f6rt, die mit der leichtfertigen Heiterkeit von Schuljungen sich augenscheinlich herrlich am\u00fcsierten, ehe sie zu <a name=\"page19\"><\/a>Bett gingen; aber um ein Viertel zw\u00f6lf Uhr war alles still und als es Mitternacht schlug, machte er sich auf den Weg. Die Eule schlug mit den Fl\u00fcgeln gegen die Fensterscheiben, der Rabe kr\u00e4chzte von dem alten Eichbaum, und der Wind \u00e4chzte durch das Haus wie eine verlorene Seele; aber die Familie Otis schlief, unbek\u00fcmmert um das nahende Verh\u00e4ngnis, und durch und trotz Regen und Sturm h\u00f6rte man das regelm\u00e4\u00dfige Schnarchen des Gesandten der Union. Da trat der Geist leise aus der Vert\u00e4felung hervor, mit einem b\u00f6sen L\u00e4cheln um den grausamen, faltigen Mund, so dass sogar der Mond sein Gesicht verbarg, als er an dem hohen Fenster vor\u00fcberglitt, auf dem das Wappen des Gespenstes und das seiner ermordeten Frau in Gold und Hellblau gemalt waren. Leise schl\u00fcrfte er weiter, wie ein b\u00f6ser Schatten; die Dunkelheit selber schien sich vor ihm zu grausen, wie er vorbeihuschte. Einmal kam es ihm vor, als h\u00f6rte er jemand rufen; er stand still; aber es war nur das Bellen eines Hundes auf dem nahen Bauernhof, und so schlich er weiter, w\u00e4hrend er wunderliche Fl\u00fcche aus dem sechzehnten Jahrhundert vor sich hin murmelte und dann und wann mit dem rostigen Dolch in der Luft herumstach. Nun hatte er die Ecke des Korridors erreicht, der zu des ungl\u00fccklichen Washington Zimmer f\u00fchrte. Einen Augenblick blieb er da stehen, und der Wind blies ihm seine langen grauen Locken um den Kopf und spielte ein phantastisches und groteskes Spiel mit den unheimlichen Falten des Leichentuchs. Da schlug die Uhr ein Viertel, und er f\u00fchlte, jetzt sei die Zeit gekommen. Er l\u00e4chelte zufrieden vor sich hin und machte einen Schritt um die Ecke; aber kaum tat er das, da fuhr er mit einem jammervollen Schreckenslaut zur\u00fcck und verbarg sein erblasstes Gesicht in den langen knochigen H\u00e4nden: gerade vor ihm stand ein entsetzliches Gespenst bewegungslos wie eine gemei\u00dfelte Statue und f\u00fcrchterlich wie der Traum eines Wahnsinnigen! Der Kopf war kahl und gl\u00e4nzend, das Gesicht rund und fett und wei\u00df, und gr\u00e4ssliches Lachen schien seine Z\u00fcge in ein ewiges Grinsen verzerrt zu haben. Aus den Augen kamen rote Lichtstrahlen, der Mund war eine weite Feuerh\u00f6hle, und ein scheu\u00dfliches Gewand, seinem eigenen \u00e4hnlich, verh\u00fcllte mit seinem schneeigen Wei\u00df die Gestalt des Riesen. Auf seiner Brust war ein Plakat befestigt, mit einer sonderbaren Schrift in alten ungew\u00f6hnlichen Buchstaben \u2013 wohl irgendein Bericht wilder Missetaten, ein schm\u00e4hliches Verzeichnis schauerlicher Verbrechen \u2013, und in seiner rechten Hand hielt das Ungeheuer eine Keule von blitzendem Stahl.<\/p>\n\n\n\n<p>Da der Geist noch nie in seinem Leben ein Gespenst gesehen hatte, so war er nat\u00fcrlich furchtbar erschrocken; und nachdem er noch einen zweiten hastigen Blick auf die entsetzliche Erscheinung geworfen hatte, floh er nach seinem Zimmer zur\u00fcck, stolperte \u00fcber sein langes Laken, als er den Korridor hinunterraste, und lie\u00df schlie\u00dflich noch seinen Dolch in die hohen Jagdstiefel des Gesandten fallen, wo ihn der Kammerdiener am n\u00e4chsten Morgen fand. In seinem Zimmer angekommen, warf er sich auf das schmale Feldbett und verbarg sein Gesicht unter der Decke. Nach einer Weile jedoch r\u00fchrte sich der tapfere alte Cantervillecharakter doch wieder, und der Geist beschloss, sobald der Tag graute, zu dem andern Geist zu gehen und ihn anzureden. Kaum begann es zu d\u00e4mmern, da machte er sich auf und ging zur Stelle, wo seine Augen zuerst das gr\u00e4ssliche Phantom erblickt hatten; denn er f\u00fchlte, es sei doch schlie\u00dflich angenehmer, zwei Gespenster zusammen zu sein als eines allein, und dass er mit Hilfe dieses neuen Freundes erfolgreich gegen die Zwillinge zu Felde ziehen k\u00f6nne. Als er jedoch an die Stelle kam, bot sich ihm ein f\u00fcrchterlicher Anblick. Dem Gespenst war jedenfalls ein Ungl\u00fcck passiert, denn in seinen hohlen Augen war das Licht erloschen, die gl\u00e4nzende Keule war seiner Hand entfallen, und es selber lehnte in einer h\u00f6chst unbequemen gezwungenen Stellung an der Wand. Er st\u00fcrzte vorw\u00e4rts und zog es am Arme, da fiel zu seinem Entsetzen der Kopf ab, rollte auf den Boden, der K\u00f6rper fiel in sich zusammen, und er hielt in seinen H\u00e4nden eine wei\u00dfe Bettgardine mit einem Besenstiel und einem K\u00fcchenbeil, w\u00e4hrend zu seinen F\u00fc\u00dfen ein hohler K\u00fcrbis lag! Unf\u00e4hig, diese wunderbare Ver\u00e4nderung zu begreifen, packte er mit wilder Hast das Plakat, und da las er im grauen Licht des Morgens die f\u00fcrchterlichen Worte:<\/p>\n\n\n\n<p>Das Otis-Gespenst.<br>\nDer einzig wahre und originale Spuk.<br>\nVor Nachahmung wird gewarnt.<br>\nAlle anderen sind unecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt war ihm alles klar. Man hatte ihn zum Besten gehabt, und er war hineingefallen. Der alte wilde Cantervilleblick kam in seine Augen; er kniff den zahnlosen Mund zusammen, und indem er seine knochigen H\u00e4nde hoch in die H\u00f6he warf, schwur er in der pittoresken Phraseologie des alten Stiles: wenn Chanticleer zum zweiten mal in sein lustiges Horn stie\u00dfe, w\u00fcrden entsetzliche Bluttaten geschehen, und Mord w\u00fcrde auf leisen Sohlen durchs Haus schleichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hatte er diesen furchtbaren Schwur zu Ende geschworen, als vom roten Ziegeldach eines Bauernhofes der Hahn kr\u00e4hte. Das Gespenst lachte ein langes, dumpfes, bitteres Lachen und wartete. Stunde auf Stunde verrann, aber der Hahn kr\u00e4hte aus irgendeinem Grunde nicht wieder. Endlich lie\u00df ihn um halb acht das Kommen der Hausm\u00e4dchen seine grausige Nachtwache aufgeben, und er ging nach seinem Zimmer, in tiefen Gedanken \u00fcber seinen vergeblichen Schwur und sein vereiteltes Vorhaben. Er schlug in verschiedenen alten Ritterb\u00fcchern nach, was er au\u00dferordentlich liebte, und fand, dass noch jedes Mal, wo dieser Schwur getan, Chanticleer ein zweites Mal gekr\u00e4ht hatte. \u00bbZum Teufel mit dem faulen Hahn!\u00ab brummte er; \u00bbh\u00e4tte ich doch den Tag erlebt, wo ich mit meinem sicheren Speer ihm durch die Gurgel gefahren w\u00e4re, und da w\u00fcrde er, wenn auch schon im Sterben, f\u00fcr mich zweimal haben kr\u00e4hen m\u00fcssen!\u00ab Hierauf legte er sich in einem bequemen bleiernen Sarg zur Ruhe und blieb da bis zum sp\u00e4ten Abend.<\/p>\n\n\n\n<p>Am folgenden Tage war der Geist sehr schwach und m\u00fcde. Die furchtbaren Aufregungen der letzten vier Wochen fingen an ihn anzugreifen, seine Nerven waren v\u00f6llig kaputt, und beim geringsten Ger\u00e4usch fuhr er erschreckt in die H\u00f6he. F\u00fcnf Tage lang blieb er still auf seinem Zimmer und fand sich darein, die ewige Sorge um den Blutfleck in der Bibliothek aufzugeben. Wenn die Familie Otis den Fleck nicht zu haben w\u00fcnschte, so war sie ihn auch nicht wert. Das waren \u00fcberhaupt augenscheinlich Leute von ganz niederer Bildung und v\u00f6llig unf\u00e4hig, den symbolischen Wert eines Hausgespenstes zu w\u00fcrdigen. Die Frage nach \u00fcberirdischen Erscheinungen und der Entwicklung der Himmelsk\u00f6rper war nat\u00fcrlich eine ganz andere Sache, aber die ging ihn nichts an. Seine heilige Pflicht war es, einmal in der Woche auf dem Korridor zu spuken und jeden ersten und dritten Mittwoch im Monat von dem gro\u00dfen bunten Glasfenster aus in die Halle hinab wirres Zeug zu schwatzen: von diesen beiden Verpflichtungen konnte er sich ehrenhalber nicht freimachen. Gewiss war ja sein Leben ein \u00e4u\u00dferst b\u00f6ses gewesen, aber anderseits musste man zugeben, dass er in allen Dingen, die mit dem \u00dcbernat\u00fcrlichen zusammenhingen, au\u00dferordentlich gewissenhaft war. Mit dieser Gewissenhaftigkeit wanderte er also an den folgenden drei Freitagen wie gew\u00f6hnlich zwischen zw\u00f6lf und drei Uhr die Korridore auf und ab, gab aber schrecklich darauf acht, dass er weder geh\u00f6rt noch gesehen wurde. Er zog die Stiefel aus und trat so leise wie m\u00f6glich auf die alten wurmstichigen B\u00f6den; er trug einen weiten schwarzen Samtmantel und gebrauchte den Rising Sun Lubricator gewissenhaft, um seine Ketten damit zu schmieren. Dies letzte Vorsichtsmittel benutzte er, wie ich zugeben muss, erst nach vielen Schwierigkeiten. Eines Abends jedoch, w\u00e4hrend die Familie gerade beim Essen sa\u00df, schlich er sich in Mr. Otis&#8216; Schlafzimmer und holte sich die Flasche. Zuerst f\u00fchlte er sich wohl ein wenig gedem\u00fctigt, aber schlie\u00dflich war er doch vern\u00fcnftig genug, einzusehen, dass diese Erfindung etwas f\u00fcr sich hatte, und jedenfalls diente sie bis zu einem gewissen Grade seinen Zwecken. Aber trotz alledem lie\u00df man ihn noch immer nicht ganz unbel\u00e4stigt. Best\u00e4ndig waren Stricke \u00fcber den Korridor gespannt, \u00fcber die er im Dunkeln nat\u00fcrlich fiel; und eines Abends, als er gerade als \u203aSchwarzer Isaak oder der J\u00e4ger vom Hogleywald\u2039 angezogen war, st\u00fcrzte er pl\u00f6tzlich heftig zu Boden, weil er auf einer Schleifbahn von Butter, welche die Zwillinge vom Tapetenzimmer bis zur Eichentreppe hergerichtet hatten, ausgeglitten war. Diese letzte Beleidigung brachte ihn so in Wut, dass er beschloss, nur noch eine letzte Anstrengung zu machen, um seine W\u00fcrde und seine gesellschaftliche Stellung zu sichern, und dies sollte damit geschehen, dass er den frechen jungen Etonsch\u00fclern die n\u00e4chste Nacht in seiner ber\u00fchmten Rolle als \u203aK\u00fchner Ruprecht oder der Graf ohne Kopf\u2039 erscheinen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit mehr als siebzig Jahren war er nicht in dieser Rolle aufgetreten, seit er damals die h\u00fcbsche Lady Barbara Modish so damit erschreckt hatte, dass sie pl\u00f6tzlich ihre Verlobung mit dem Gro\u00dfvater des jetzigen Lord Canterville aufl\u00f6ste und statt dessen mit dem sch\u00f6nen Jack Castletown nach Gretna Green floh, indem sie erkl\u00e4rte, um keinen Preis der Welt in eine Familie hineinheiraten zu wollen, die einem abscheulichen Gespenst erlaube, in der D\u00e4mmerung auf der Terrasse spazieren zu gehen. Der arme Jack wurde sp\u00e4ter vom Lord Canterville im Duell am Wandsworthgeh\u00f6lz erschossen, und Lady Barbara starb, noch ehe das Jahr vergangen war, in Tunbridge Wells an gebrochenem Herzen; so war also damals sein Erscheinen von gr\u00f6\u00dftem Erfolge gewesen. Aber es war mit dieser Rolle sehr viel M\u00fche verbunden, wenn ich so sagen darf in Hinsicht auf eines der gr\u00f6\u00dften Geheimnisse des \u00dcbernat\u00fcrlichen, und er brauchte volle drei Stunden zu den Vorbereitungen. Endlich war alles fertig, und er war sehr zufrieden mit seinem Aussehen. Die gro\u00dfen ledernen Reitstiefel, die zum Kost\u00fcme geh\u00f6rten, waren ihm zwar ein bisschen zu weit, und er konnte nur eine der beiden gro\u00dfen Pistolen finden; aber im ganzen genommen war er doch befriedigt von sich, und um ein Viertel nach ein Uhr glitt er aus der Wandt\u00e4felung hervor und schlich den Korridor hinab. Als er das Zimmer der Zwillinge erreicht hatte, das, wie ich erw\u00e4hnen muss, wegen seiner Vorh\u00e4nge auch das blaue Schlafzimmer genannt wurde, fand er die T\u00fcr nur angelehnt. Da er nun einen effektvollen Eintritt w\u00fcnschte, so stie\u00df er sie weit auf \u2013 schwupp! da fiel ein schwerer Wasserkrug gerade auf ihn herunter und durchn\u00e4sste ihn bis auf die Haut. Im gleichen Augenblick h\u00f6rte er unterdr\u00fccktes Gel\u00e4chter vom Bett her kommen. Der Schock, den sein Nervensystem erlitt, war so stark, dass er, so schnell er nur konnte, nach seinem Zimmer lief; den n\u00e4chsten Tag lag er an einer heftigen Erk\u00e4ltung fest im Bett. Sein einziger Trost bei der Sache war, dass er seinen Kopf nicht bei sich gehabt hatte, denn w\u00e4re dies der Fall gewesen, so h\u00e4tten die Folgen doch sehr ernste sein k\u00f6nnen. Jetzt gab er alle Hoffnung auf, diese ordin\u00e4ren Amerikaner \u00fcberhaupt noch zu erschrecken, und begn\u00fcgte sich in der Regel damit, in Pantoffeln \u00fcber den Korridor zu schleichen, mit einem dicken rotwollenen Tuche um den Hals, aus Angst vor Zugluft, und einer kleinen Armbrust, im Fall ihn die Zwillinge angreifen sollten. Aber der Hauptschlag, der gegen ihn gef\u00fchrt wurde, geschah am 19. September. Er war in die gro\u00dfe Eingangshalle hingegangen, da er sich dort noch am unbehelligten wusste, und unterhielt sich damit, sp\u00f6ttische Bemerkungen \u00fcber die lebensgro\u00dfen Platinphotographieen des Gesandten und seiner Frau zu machen, welche jetzt an der Stelle der Canterville-Ahnenbilder hingen. Er war einfach, aber ordentlich gekleidet, und zwar in ein langes Laken, das da und dort br\u00e4unliche Flecken von Kirchhofserde aufwies, hatte seine untere Kinnlade mit einem St\u00fcck gelber Leinwand hochgebunden und trug eine kleine Laterne und den Spaten eines Totengr\u00e4bers. Eigentlich war es das Kost\u00fcm von \u203aJonas dem Grablosen oder der Leichenr\u00e4uber von Chertsey Barn\u2039, eine seiner hervorragendsten Rollen, welche die Cantervilles allen Grund hatten zu kennen, weil durch sie der ewige Streit mit ihrem Nachbarn Lord Rufford verursacht worden war. Es ging so gegen ein Viertel auf drei Uhr morgens, und allem Anschein nach r\u00fchrte sich nichts. Als er jedoch langsam nach der Bibliothek schlenderte, um doch mal wieder nach den etwaigen Spuren des Blutflecks zu sehen, da sprangen aus einer dunklen Ecke pl\u00f6tzlich zwei Gestalten hervor, welche ihre Arme wild emporwarfen und ihm \u00bbBuh!\u00ab in die Ohren br\u00fcllten.<\/p>\n\n\n\n<p>Von panischem Schrecken ergriffen, der unter solchen Umst\u00e4nden nur selbstverst\u00e4ndlich erscheinen muss, raste er nach der Treppe, wo aber schon Washington mit der gro\u00dfen Gartenspritze auf ihn wartete; da er sich nun von seinen Feinden so umzingelt und fast zur Verzweiflung getrieben sah, verschwand er schleunigst in den gro\u00dfen eisernen Ofen, der zu seinem Gl\u00fcck nicht geheizt war, und musste nun auf einem h\u00f6chst beschwerlichen Weg durch Ofenrohre und Kamine nach seinem Zimmer zur\u00fcck, wo er v\u00f6llig ersch\u00f6pft, beschmutzt und verzweifelt ankam. Nach diesem Erlebnis wurde er nie mehr auf einer solchen n\u00e4chtlichen Expedition betroffen. Die Zwillinge warteten bei den verschiedensten Gelegenheiten auf sein Erscheinen und streuten jede Nacht den Korridor ganz voll Nussschalen, zum gro\u00dfen \u00c4rger ihrer Eltern und der Dienerschaft, aber es war alles vergebens. Augenscheinlich waren die Gef\u00fchle des armen Gespenstes derart verletzt, dass es sich nicht wieder zeigen wollte. In der Folge nahm dann Mr. Otis sein gro\u00dfes Werk \u00fcber die Geschichte der demokratischen Partei wieder auf, das ihn schon seit Jahren besch\u00e4ftigte; Mrs. Otis organisierte ein wunderbares Preiskuchenbacken, das die ganze Grafschaft aufregte; die Jungen gaben sich dem Vergn\u00fcgen von Lacrosse, Euchre, Poker und andern amerikanischen Nationalspielen hin, und Virginia ritt auf ihrem h\u00fcbschen Pony im Park spazieren, begleitet von dem jungen Herzog von Cheshire, der die letzten Wochen der gro\u00dfen Ferien auf Schloss Canterville verleben durfte. Man nahm allgemein an, dass der Geist das Schloss verlassen habe, ja Mr. Otis schrieb sogar einen Brief in diesem Sinn an Lord Canterville, der in Erwiderung desselben seine gro\u00dfe Freude \u00fcber diese Nachricht aussprach und sich der werten Frau Gemahlin auf das angelegentlichste empfehlen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Familie Otis hatte sich aber get\u00e4uscht, denn der Geist war noch im Hause, und obgleich fast ein Schwerkranker, so war er doch keinesfalls entschlossen, die Sache ruhen zu lassen, besonders als er h\u00f6rte, dass unter den G\u00e4sten auch der junge Herzog von Cheshire sich befinde, dessen Gro\u00dfonkel Lord Francis Stilton einst um tausend Guineen mit Oberst Carbury gewettet hatte, dass er mit dem Geist W\u00fcrfel spielen wollte, und der am n\u00e4chsten Morgen im Spielzimmer, auf dem Boden liegend, in einem Zustand hilfloser L\u00e4hmung gefunden wurde. Obgleich er noch ein hohes Alter erreichte, so war er niemals wieder imstande gewesen, etwas anderes als \u203aZwei Atout\u2039 zu sagen. Die Geschichte war seinerzeit allgemein bekannt, obgleich nat\u00fcrlich aus R\u00fccksicht auf die beiden vornehmen Familien die gr\u00f6\u00dften Anstrengungen gemacht wurden, sie zu vertuschen; aber der ausf\u00fchrliche Bericht mit allen n\u00e4heren Umst\u00e4nden ist in dem dritten Band von Lord Tattles \u203aErinnerungen an den Prinz-Regenten und seine Freunde\u2039 zu finden. Der Geist war nat\u00fcrlich sehr besorgt, zu zeigen, dass er seine Macht \u00fcber die Stiltons noch nicht verloren h\u00e4tte, mit denen er ja noch dazu entfernt verwandt war, da seine rechte Cousine in zweiter Ehe mit dem Sieur de Bulkeley verm\u00e4hlt war, von dem, wie allgemein bekannt, die Herz\u00f6ge von Cheshire abstammen. Demgem\u00e4\u00df traf er Vorkehrungen, Virginias kleinem Liebhaber in seiner ber\u00fchmten Rolle als \u203aVampirm\u00f6nch oder der blutlose Benediktiner\u2039 zu erscheinen. Dies war eine so f\u00fcrchterliche Pantomime, dass Lady Startup an jenem verh\u00e4ngnisvollen Neujahrsabend 1764 vor Schreck von einem Gehirnschlag getroffen wurde, an dem sie nach drei Tagen starb, nachdem sie noch schnell die Cantervilles, ihre n\u00e4chsten Verwandten, enterbt und ihren ganzen Besitz ihrem Londoner Apotheker vermacht hatte. Im letzten Moment aber verhinderte den Geist die Angst vor den Zwillingen, sein Zimmer zu verlassen, und der kleine Herzog schlief friedlich in seinem hohen Himmelbett im k\u00f6niglichen Schlafzimmer und tr\u00e4umte von Virginia.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><b> Kapitel 3<\/b><\/p>\n\n\n\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter ritten Virginia und ihr goldlockiger junger Ritter \u00fcber die Brockleywiesen spazieren, wo sie beim Springen \u00fcber eine Hecke ihr Reitkleid derart zerriss, dass sie, zu Hause angekommen, vorzog, die Hintertreppe hinaufzugehen, um nicht gesehen zu werden. Als sie an dem alten Gobelinzimmer vor\u00fcberkam, dessen T\u00fcr zuf\u00e4llig halb offen stand, meinte sie jemanden drinnen zu sehen, und da sie ihrer Mama Kammerm\u00e4dchen darin vermutete, das dort zuweilen arbeitete, so ging sie hinein, um gleich ihr Kleid ausbessern zu lassen. Zu ihrer ungeheuren \u00dcberraschung war es jedoch das Gespenst von Canterville selber! Es sa\u00df am Fenster und beobachtete, wie das matte Gold des vergilbten Laubes durch die Luft flog und die roten Bl\u00e4tter einen wilden Reigen in der langen Allee tanzten. Es hatte den Kopf in die Hand gest\u00fctzt, und seine ganze Haltung dr\u00fcckte tiefe Niedergeschlagenheit aus. Ja, so verlassen und verfallen sah es aus, dass die kleine Virginia, deren erster Gedanke gewesen war, zu fliehen und sich in ihr Zimmer einzuschlie\u00dfen, von Mitleid erf\u00fcllt sich entschloss zu bleiben, um das arme Gespenst zu tr\u00f6sten. Ihr Schritt war so leicht und seine Melancholie so tief, dass es ihre Gegenwart erst bemerkte, als sie zu ihm sprach. \u00bbSie tun mir so leid,\u00ab sagte sie, \u00bbaber morgen m\u00fcssen meine Br\u00fcder nach Eton zur\u00fcck, und wenn Sie sich dann wie ein gebildeter Mensch betragen wollen, so wird Sie niemand mehr \u00e4rgern.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist ein einf\u00e4ltiges und ganz unsinniges Verlangen einem Geist gegen\u00fcber\u00ab, antwortete er, indem er erstaunt das h\u00fcbsche kleine M\u00e4dchen ansah, das ihn anzureden wagte. \u00bbIch muss mit meinen Ketten rasseln und durch Schl\u00fcssell\u00f6cher st\u00f6hnen und des Nachts herumwandeln, wenn es das ist, was Sie meinen. Das ist ja mein einziger Lebenszweck.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist \u00fcberhaupt kein Lebenszweck, und Sie wissen sehr gut, dass Sie ein b\u00f6ser, schlechter Mensch gewesen sind. Mrs. Umney hat uns am ersten Tag unseres Hierseins gesagt, dass Sie Ihre Frau get\u00f6tet haben.\u00ab \u2013 \u00bbNun ja, das gebe ich zu,\u00ab sagte das Gespenst ge\u00e4rgert, \u00bbaber das war doch eine reine Familienangelegenheit und ging niemand anderen etwas an.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs ist sehr unrecht, jemand umzubringen\u00ab, sagte Virginia, die zeitweise einen ungemein lieblichen puritanischen Ernst besa\u00df, mit dem sie von irgendeinem Vorfahren aus Neu- England belastet war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbO, wie ich die billige Strenge abstrakter Moral hasse! Meine Frau war sehr h\u00e4sslich, hat mir niemals die Manschetten ordentlich st\u00e4rken lassen und verstand nichts vom Kochen. Denken Sie nur, einst hatte ich einen Kapitalbock im Hogleywald geschossen, und wissen Sie, wie sie ihn auf den Tisch brachte? Aber das ist ja jetzt ganz gleichg\u00fcltig, denn es ist lange her, und ich kann nicht finden, dass es nett von ihren Br\u00fcdern war, mich zu Tode hungern zu lassen, blo\u00df weil ich sie get\u00f6tet hatte.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie zu Tode hungern? O, lieber Herr Geist, ich meine Sir Simon, sind Sie hungrig? Ich habe ein Butterbrot bei mir, m\u00f6chten Sie das haben ?\u00ab \u2013 \u00bbNein, ich danke Ihnen sehr, ich nehme jetzt nie mehr etwas zu mir; aber trotzdem ist es sehr freundlich von Ihnen, und Sie sind \u00fcberhaupt viel netter als alle anderen Ihrer abscheulich groben, gew\u00f6hnlichen, unehrlichen Familie.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSchweigen Sie!\u00ab rief Virginia und stampfte mit dem Fu\u00df; \u00bbSie sind es, der grob, abscheulich und gew\u00f6hnlich ist, und was die Unehrlichkeit betrifft, so wissen Sie sehr wohl, dass Sie mir alle Farben aus meinem Malkasten gestohlen haben, um den l\u00e4cherlichen Blutfleck in der Bibliothek stets frisch zu machen! Erst nahmen Sie alle die roten, sogar Vermillon, und ich konnte gar keine Sonnenunterg\u00e4nge mehr malen, dann nahmen Sie Smaragdgr\u00fcn und Chromgelb, und schlie\u00dflich blieb mir nichts mehr als Indigo und Chinesisch Wei\u00df, da konnte ich nur noch Mondscheinlandschaften malen, die immer solchen melancholischen Eindruck machen und gar nicht leicht zu malen sind. Ich habe Sie nie verraten, obgleich ich sehr \u00e4rgerlich war, und die ganze Sache war ja \u00fcberhaupt l\u00e4cherlich; denn wer hat je im Leben von gr\u00fcnen Blutflecken geh\u00f6rt?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, aber was sollte ich tun?\u00ab sagte der Geist kleinlaut; \u00bbheutzutage ist es schwer, wirkliches Blut zu bekommen, und als Ihr Bruder nun mit seinem Fleckenreiniger anfing, da sah ich wirklich nicht ein, warum ich nicht Ihre Farben nehmen sollte. Was nun die besondere F\u00e4rbung betrifft, so ist das lediglich Geschmackssache; die Cantervilles zum Beispiel haben blaues Blut, das allerblaueste in England: aber ich wei\u00df, Ihr Amerikaner macht Euch aus dergleichen nichts.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDar\u00fcber wissen Sie gar nichts, und das beste w\u00e4re, Sie wanderten aus und vervollkommneten dr\u00fcben Ihre Bildung. Mein Vater wird nur zu gl\u00fccklich sein, Ihnen freie \u00dcberfahrt zu verschaffen, und wenn auch ein hoher Zoll auf Geistiges jeder Art liegt, so wird es doch auf dem Zollamt keine Schwierigkeiten geben, denn die Beamten sind alle Demokraten. Wenn Sie erst mal in New York sind, so garantiere ich Ihnen einen gro\u00dfen Erfolg. Ich kenne eine Menge Leute, die tausend Dollars daf\u00fcr geben w\u00fcrden, einen Gro\u00dfvater zu haben, und noch unendlich viel mehr f\u00fcr ein Familiengespenst.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch glaube, mir w\u00fcrde Amerika nicht gefallen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWahrscheinlich weil wir keine Ruinen und Altert\u00fcmer haben\u00ab, sagte Virginia sp\u00f6ttisch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKeine Ruinen? Keine Altert\u00fcmer?\u00ab erwiderte der Geist, \u00bbSie haben doch Ihre Marine und Ihre Umgangsformen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGuten Abend; ich gehe jetzt und will Papa bitten, den Zwillingen noch extra acht Tage l\u00e4nger Ferien zu geben.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBitte, gehen Sie nicht, Mi\u00df Virginia\u00ab, rief das Gespenst; \u00bbich bin so einsam und ungl\u00fccklich und wei\u00df nicht mehr, was ich tun soll. Ich m\u00f6chte nur schlafen und kann es doch nicht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist t\u00f6richt! Sie brauchen doch nur zu Bett zu gehen und das Licht auszublasen. Manchmal ist es so schwer, wach zu bleiben, besonders in der Kirche; aber beim Einschlafen gibt es doch gar keine Schwierigkeiten. Sogar die kleinen Kinder k\u00f6nnen das und sind doch gar nicht klug.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSeit dreihundert Jahren habe ich nicht mehr geschlafen,\u00ab sagte das Gespenst traurig, und Virginias sch\u00f6ne blaue Augen \u00f6ffneten sich weit in grenzenlosem Erstaunen, \u00bbseit dreihundert Jahren habe ich nicht mehr geschlafen, und ich bin so m\u00fcde.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Virginia wurde auf einmal ganz ernst, und ihre kleinen Lippen zitterten wie Rosenbl\u00e4tter. Sie trat n\u00e4her zu ihm, kniete sich an seine Seite und sah zu seinem alten gefurchten Gesicht auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbArmer, armer Geist,\u00ab sprach sie leise, \u00bbhaben Sie denn kein Fleckchen, wo Sie mal schlafen k\u00f6nnen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWeit hinter jenen W\u00e4ldern liegt ein kleiner Garten\u00ab, sagte der Geist mit vertr\u00e4umter ferner Stimme. \u00bbDa w\u00e4chst langes Gras, da bl\u00fchen die gro\u00dfen wei\u00dfen Sterne des Schierlings, und die Nachtigallen singen die ganze Nacht hindurch. Die ganze lange Nacht singen sie, und der kalte, kristallene Mond schaut nieder, und die Trauerweide breitet ihre Riesenarme \u00fcber die Schl\u00e4fer aus.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Virginias Augen f\u00fcllten sich mit Tr\u00e4nen, und sie verbarg das Gesicht in den H\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie meinen den Garten des Todes\u00ab, fl\u00fcsterte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, Tod. Der Tod muss so sch\u00f6n sein. In der weichen braunen Erde zu liegen, w\u00e4hrend das lange Gras \u00fcber einem hin und her schwankt, und der Stille zu lauschen. Kein Gestern, kein Morgen haben. Die Zeit und das Leben vergessen, im Frieden sein. Sie k\u00f6nnen mir helfen. Sie k\u00f6nnen mir die Tore des Todes \u00f6ffnen, denn auf Ihrer Seite ist stets die Liebe, und die Liebe ist st\u00e4rker als der Tod.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Virginia zitterte, und ein kalter Schauer durchlief sie, und einige Minuten lang war es still. Es schien ihr wie ein angstvoller Traum.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sprach der Geist wieder, und seine Stimme klang wie das Seufzen des Windes.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHaben Sie je die alte Prophezeiung an dem Fenster in der Bibliothek gelesen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbO, wie oft,\u00ab rief das junge M\u00e4dchen aufblickend, \u00bbich kenne sie sehr gut. Sie ist mit verschn\u00f6rkelten schwarzen Buchstaben geschrieben und schwer zu lesen; es sind nur sechs Zeilen:<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"spaced\"> Wenn ein goldenes M\u00e4dchen es dahin bringt, <\/span><br>\n<span class=\"spaced\">dass es s\u00fcndige Lippen zum Beten zwingt, <\/span><br>\n<span class=\"spaced\">Wenn die d\u00fcrre Mandel unter Bl\u00fcten sich senkt, <\/span><br>\n<span class=\"spaced\">ein unschuldiges Kind seine Tr\u00e4nen verschenkt, <\/span><br>\n<span class=\"spaced\">Dann wird dies Haus wieder ruhig und still, <\/span><br>\n<span class=\"spaced\">und Friede kehrt ein auf Schloss Canterville.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich wei\u00df nicht, was das hei\u00dfen soll.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas hei\u00dft: dass Sie f\u00fcr mich \u00fcber meine S\u00fcnden weinen m\u00fcssen, da ich keine Tr\u00e4nen habe, und f\u00fcr mich, f\u00fcr meine Seele beten m\u00fcssen, da ich keinen Glauben habe, und dann, wenn Sie immer gut und sanft gewesen sind, dann wird der Engel des Todes Erbarmen mit mir haben. Sie werden entsetzliche Gestalten im Dunkeln sehen, Schauriges wird Ihr Ohr vernehmen, aber es wird Ihnen kein Leid geschehen, denn gegen die Reinheit eines Kindes sind die Gewalten der H\u00f6lle ohne Macht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Virginia antwortete nicht, und der Geist rang verzweifelt die H\u00e4nde, w\u00e4hrend er auf ihr gesenktes K\u00f6pfchen herab sah. Pl\u00f6tzlich erhob sie sich, ganz blass, aber ihre Augen leuchteten. \u00bbIch f\u00fcrchte mich nicht,\u00ab sagte sie bestimmt, \u00bbich will den Engel bitten, Erbarmen mit Ihnen zu haben.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem leisen Freudenausruf stand der Geist auf, ergriff mit altmodischer Galanterie ihre Hand und k\u00fcsste sie. Seine Finger waren kalt wie Eis, und seine Lippen brannten wie Feuer, aber Virginia zauderte nicht, als er sie durch das d\u00e4mmerdunkle Zimmer f\u00fchrte. In den verblassten gr\u00fcnen Gobelin waren kleine J\u00e4ger gewirkt, die bliesen auf ihren H\u00f6rnern und winkten ihr mit den winzigen H\u00e4nden, umzukehren. \u203aKehre um, kleine Virginia,\u2039 riefen sie, \u203akehre um!\u2039 Aber der Geist fasste ihre Hand fester, und sie schloss die Augen. Gr\u00e4uliche Tiere mit Eidechsenschw\u00e4nzen und feurigen Augen sahen sie vom Kaminsims an und grinsten: \u203aNimm dich in acht, Virginia, nimm dich in acht! Vielleicht sieht man dich nie wieder!\u2039 Aber der Geist ging noch schneller voran, und Virginia h\u00f6rte nicht auf die Stimmen. Am Ende des Zimmers hielt das Gespenst an und murmelte einige Worte, die sie nicht verstand. Sie schlug die Augen auf und sah die Wand vor sich verschwinden wie im Nebel, und eine gro\u00dfe schwarze H\u00f6hle tat sich auf. Es wurde ihr eisig kalt, und sie f\u00fchlte etwas an ihrem Kleide zerren. \u00bbSchnell, schnell,\u00ab rief der Geist, \u00bbsonst ist es zu sp\u00e4t!\u00ab und schon hatte sich die Wand hinter ihnen wieder geschlossen, und das Gobelinzimmer war leer. \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Ungef\u00e4hr zehn Minuten sp\u00e4ter t\u00f6nte der Gong zum Tee, und da Virginia nicht herunterkam, schickte Mrs. Otis einen Diener hinauf, sie zu rufen. Nach kurzer Zeit kam er wieder und sagte, dass er Miss Virginia nirgends habe finden k\u00f6nnen. Da sie um diese Zeit gew\u00f6hnlich in den Garten ging, um Blumen f\u00fcr den Mittagstisch zu pfl\u00fccken, so war Mrs. Otis zuerst gar nicht weiter besorgt; aber als es sechs Uhr schlug und Virginia immer noch nicht da war, wurde sie doch unruhig und schickte die Jungen aus, sie zu suchen, w\u00e4hrend sie und Mr. Otis das ganze Haus abgingen. Um halb sieben kamen die Jungen wieder und berichteten, sie h\u00e4tten nirgends auch nur eine Spur von ihrer Schwester entdecken k\u00f6nnen. Jetzt waren alle auf das \u00e4u\u00dferste beunruhigt und wussten nicht mehr, was sie tun sollten, als Mr. Otis sich pl\u00f6tzlich darauf besann, dass er vor einigen Tagen einer Zigeunerbande erlaubt habe, im Park zu \u00fcbernachten. So machte er sich denn sofort auf nach Blackfell Hollow, wo sich die Bande, wie er wusste, jetzt aufhielt, und sein \u00e4ltester Sohn und zwei Bauernburschen begleiteten ihn. Der kleine Herzog von Cheshire, der vor Angst ganz au\u00dfer sich war, bat inst\u00e4ndigst, sich anschlie\u00dfen zu d\u00fcrfen; aber Mr. Otis wollte es ihm nicht erlauben, da er f\u00fcrchtete, der junge Herr w\u00fcrde in seiner Aufregung nur st\u00f6ren. Als sie jedoch an die gesuchte Stelle kamen, waren die Zigeuner fort, und zwar war ihr Abschied augenscheinlich ein sehr rascher gewesen, wie das noch brennende Feuer und einige auf dem Grase liegende Teller anzeigten. Nachdem er Washington weiter auf die Suche geschickt hatte, eilte Mr. Otis heim und sandte Depeschen an alle Polizeiposten der Grafschaft, in denen er sie ersuchte, nach einem kleinen M\u00e4dchen zu forschen, das von Landstreichern oder Zigeunern entf\u00fchrt worden sei. Dann lie\u00df er sein Pferd satteln, und nachdem er darauf bestanden hatte, dass seine Frau und die beiden Jungen sich zu Tisch setzten, ritt er mit einem Knecht nach Ascot. Aber kaum hatte er ein paar Meilen zur\u00fcckgelegt, als er jemand hinter sich her galoppieren h\u00f6rte; es war der junge Herzog, der auf seinem Pony mit erhitztem Gesichte und ohne Hut hinter ihm herkam. \u00bbIch bitte um Verzeihung, Mr. Otis,\u00ab sagte er atemlos, \u00bbaber ich kann nicht zu Abend essen, solange Virginia nicht gefunden ist. Bitte, seien Sie mir nicht b\u00f6se; wenn Sie voriges Jahr Ihre Einwilligung zu unserer Verlobung gegeben h\u00e4tten, so w\u00fcrde all diese Sorge uns erspart geblieben sein. Sie schicken mich nicht zur\u00fcck, nicht wahr? Ich gehe auf jeden Fall mit Ihnen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gesandte musste l\u00e4cheln \u00fcber den h\u00fcbschen Jungen und war wirklich ger\u00fchrt \u00fcber seine Liebe zu Virginia; so lehnte er sich denn zu ihm hin\u00fcber, klopfte ihm freundlich auf die Schulter und sagte: \u00bbNun gut, Cecil, wenn Sie nicht umkehren wollen, so m\u00fcssen Sie mit mir kommen, aber dann muss ich Ihnen in Ascot erst einen Hut kaufen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAch, zum Teufel mit meinem Hut! Ich will Virginia wiederhaben!\u00ab rief der kleine Herzog lachend, und sie ritten weiter nach der Bahnstation. Dort erkundigte sich Mr. Otis bei dem Stationsvorstand, ob nicht eine junge Dame auf dem Bahnsteig gesehen worden sei, auf welche die Beschreibung von Virginia passe; aber er konnte nichts \u00fcber sie erfahren. Der Stationsvorstand telegraphierte auf der Strecke hinauf und hinunter und versicherte Mr. Otis, dass man auf das gewissenhafteste recherchieren werde; und nachdem Mr. Otis noch bei einem Schnittwarenh\u00e4ndler, der eben seinen Laden schlie\u00dfen wollte, dem jungen Herzog einen Hut gekauft hatte, ritten sie nach Bexley weiter, einem Dorf, das ungef\u00e4hr vier Meilen entfernt lag und bei dem die Zigeuner besonders gern ihr Lager aufschlugen, weil es bei einer gro\u00dfen Wiese lag. Hier weckten sie den Gendarmen, konnten aber nichts von ihm in Erfahrung bringen; und nachdem sie die ganze Gegend abgesucht hatten, mussten sie sich schlie\u00dflich unverrichteter Dinge auf den Heimweg machen und erreichten todm\u00fcde und gebrochenen Herzens um elf Uhr wieder das Schloss. Sie fanden Washington und die Zwillinge am Tor, wo sie mit Laternen gewartet hatten, weil die Allee so dunkel war. Nicht die geringste Spur von Virginia hatte man bisher entdecken k\u00f6nnen. Man hatte die Zigeuner auf den Wiesen von Brockley eingeholt, aber sie war nicht bei ihnen, und die Zigeuner hatten ihre pl\u00f6tzliche Abreise damit erkl\u00e4rt, dass sie eiligst auf den Jahrmarkt von Chorton h\u00e4tten m\u00fcssen, um dort nicht zu sp\u00e4t anzukommen. Es hatte ihnen wirklich herzlich leid getan, von Virginias Verschwinden zu h\u00f6ren, und da sie Mr. Otis dankbar waren, weil er ihnen den Aufenthalt in seinem Park gestattet hatte, so waren vier von der Bande mit zur\u00fcckgekommen, um sich an der Suche zu beteiligen. Man lie\u00df den Karpfenteich ab und durchsuchte jeden Winkel im Schloss \u2013 alles ohne Erfolg. Es war kein Zweifel, Virginia war, wenigstens f\u00fcr diese Nacht, verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>In tiefster Niedergeschlagenheit kehrten Mr. Otis und die Jungen in das Haus zur\u00fcck, w\u00e4hrend der Knecht mit den beiden Pferden und dem Pony folgte. In der Halle standen alle Dienstboten aufgeregt beieinander, und auf einem Sofa in der Bibliothek lag die arme Mrs. Otis, die vor Schrecken und Angst fast den Verstand verloren hatte und der die gute alte Haush\u00e4lterin die Stirn mit Eau de Cologne wusch. Mr. Otis bestand darauf, dass sie etwas esse, und bestellte das Diner f\u00fcr die ganze Familie. Es war eine tr\u00fcbselige Mahlzeit, wo kaum einer ein Wort sprach; sogar die Zwillinge waren vor Schrecken stumm, denn sie liebten ihre Schwester sehr. Als man fertig war, schickte Mr. Otis trotz der dringenden Bitten des jungen Herzogs alle zu Bett, indem er erkl\u00e4rte, dass man jetzt in der Nacht ja doch nichts mehr tun k\u00f6nne, und am n\u00e4chsten Morgen wolle er sofort nach Scotland Yard telegraphieren, dass man ihnen mehrere Detektive schicken solle. Gerade als man den Speisesaal verlie\u00df, schlug die gro\u00dfe Turmuhr Mitternacht, und als der letzte Schlag verklungen war, h\u00f6rte man pl\u00f6tzlich ein furchtbares Gepolter und einen durchdringenden Schrei; ein wilder Donner ersch\u00fctterte das Haus in seinem Grunde, ein Strom von \u00fcberirdischer Musik durchzog die Luft, die Wandt\u00e4felung oben an der Treppe flog mit tosendem L\u00e4rm zur Seite, und in der \u00d6ffnung stand, blass und wei\u00df, mit einer kleinen Schatulle in der Hand \u2013 Virginia! Im Nu waren alle zu ihr hinaufgest\u00fcrmt. Mrs. Otis presste sie leidenschaftlich in ihre Arme, der Herzog erstickte sie fast mit seinen K\u00fcssen, und die Zwillinge vollf\u00fchrten einen wilden Indianertanz um die Gruppe herum.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMein Gott! Kind, wo bist du nur gewesen?\u00ab rief Mr. Otis fast etwas \u00e4rgerlich, da er glaubte, sie habe sich einen t\u00f6richten Scherz mit ihnen erlaubt. \u00bbCecil und ich sind meilenweit \u00fcber Land geritten, dich zu suchen, und deine Mutter hat sich zu Tode ge\u00e4ngstigt. Du musst nie wieder solche dummen Streiche machen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNur das Gespenst darfst du foppen, nur das Gespenst!\u00ab schrien die Zwillinge und sprangen umher wie verr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMein Liebling, Gott sei Dank, dass wir dich wiederhaben, du darfst nie wieder von meiner Seite\u00ab, sagte Mrs. Otis z\u00e4rtlich, w\u00e4hrend sie die zitternde Virginia k\u00fcsste und ihr die langen zerzausten Locken glatt strich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbPapa,\u00ab sagte Virginia ruhig, \u00bbich war bei dem Gespenst. Es ist tot, und du musst kommen, es zu sehen. Es ist in seinem Leben ein schlechter Mensch gewesen, aber es hat alle seine S\u00fcnden bereut, und ehe es starb, gab es mir diese Schatulle mit sehr kostbaren Juwelen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Familie starrte sie lautlos verwundert an, aber sie sprach in vollem Ernst, wandte sich um und f\u00fchrte sie durch die \u00d6ffnung in der Wandt\u00e4felung einen engen geheimen Korridor entlang; Washington folgte mit einem Licht, das er vom Tisch genommen hatte. Endlich gelangten sie zu einer schweren eichenen T\u00fcr, die ganz mit rostigen N\u00e4geln beschlagen war. Als Virginia sie ber\u00fchrte, flog sie in ihren schweren Angeln zur\u00fcck, und man befand sich in einem kleinen niedrigen Zimmer mit gew\u00f6lbter Decke und einem vergitterten Fenster; ein schwerer eiserner Ring war in die Wand eingelassen, und daran angekettet lag ein riesiges Skelett, das der L\u00e4nge nach auf dem steinernen Boden ausgestreckt war und mit seinen langen fleischlosen Fingern nach einem altmodischen Krug und Teller zu greifen versuchte, die man aber gerade so weit gestellt hatte, dass die Hand sie nicht erreichen konnte. Der Krug war wohl einmal mit Wasser gef\u00fcllt gewesen, denn innen war er ganz mit gr\u00fcnem Schimmel \u00fcberzogen. Auf dem Zinnteller lag nur ein H\u00e4ufchen Staub. Virginia kniete neben dem Skelett nieder, faltete ihre kleinen H\u00e4nde und betete still, w\u00e4hrend die \u00fcbrigen mit Staunen die grausige Trag\u00f6die betrachteten, deren Geheimnis ihnen nun enth\u00fcllt war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSchaut doch!\u00ab rief pl\u00f6tzlich einer der Zwillinge, der aus dem Fenster gesehen hatte, um sich \u00fcber die Lage des Zimmers zu orientieren. \u00bbSchaut doch! Der alte verdorrte Mandelbaum bl\u00fcht ja! Ich kann die Bl\u00fcten ganz deutlich im Mondlicht sehn.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGott hat ihm vergeben!\u00ab sagte Virginia ernst, als sie sich erhob, und ihr Gesicht strahlte in unschuldiger Freude.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu bist ein Engel!\u00ab rief der junge Herzog, schloss sie in seine Arme und k\u00fcsste sie.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><b>Kapitel 4<\/b><\/p>\n\n\n\n<p>Vier Tage nach diesen h\u00f6chst wunderbaren Ereignissen verlie\u00df ein Trauerzug nachts um elf Uhr Schloss Canterville. Den Leichenwagen zogen acht schwarze Pferde, von denen jedes einen gro\u00dfen Panach\u00e9 von nickenden Strau\u00dfenfedern auf dem Kopfe trug, und der bleierne Sarg war mit einer kostbaren purpurnen Decke verhangen, auf welcher das Wappen derer von Canterville in Gold gestickt war. Neben dem Wagen her schritten die Diener mit brennenden Fackeln, und der ganze Zug machte einen \u00e4u\u00dferst feierlichen Eindruck. Lord Canterville als der Hauptleidtragende war zu diesem Begr\u00e4bnis extra von Wales gekommen und sa\u00df im ersten Wagen neben der kleinen Virginia. Dann kamen der Gesandte der Vereinigten Staaten und seine Gemahlin, danach Washington und die zwei Jungen, und im letzten Wagen sa\u00df Mrs. Umney, die alte Wirtschafterin, ganz allein. Man hatte die Empfindung gehabt, dass sie, nachdem sie mehr als f\u00fcnfzig Jahre ihres Lebens durch das Gespenst erschreckt worden war, nun auch ein Recht h\u00e4tte, seiner Beerdigung beizuwohnen. In der Ecke des Friedhofes war ein tiefes Grab gegraben gerade unter der Trauerweide, und Hochw\u00fcrden Augustus Dampier hielt eine h\u00f6chst eindrucksvolle Grabrede. Als die Zeremonie vor\u00fcber war, l\u00f6schten die Diener, einer alten Familiensitte der Canterville gem\u00e4\u00df, ihre Fackeln aus, und w\u00e4hrend der Sarg in das Grab hinuntergelassen wurde, trat Virginia vor und legte ein gro\u00dfes Kreuz aus wei\u00dfen und rosafarbenen Mandelbl\u00fcten darauf nieder. Inzwischen kam der Mond hinter einer Wolke hervor und \u00fcbersilberte den kleinen Friedhof, und im Geb\u00fcsch fl\u00f6tete eine Nachtigall. Virginia dachte an des Gespenstes Beschreibung vom Garten des Todes, ihre Augen f\u00fcllten sich mit Tr\u00e4nen, und sie sprach auf der R\u00fcckfahrt nicht ein Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen hatte Mr. Otis mit Lord Canterville vor dessen R\u00fcckkehr nach London eine Unterredung wegen der Juwelen, welche das Gespenst Virginia gegeben hatte. Sie waren von ganz hervorragender Sch\u00f6nheit, besonders ein Halsschmuck von Rubinen in altvenezianischer Fassung, ein Meisterwerk der Kunst des sechzehnten Jahrhunderts, und so wertvoll, dass Mr. Otis z\u00f6gerte, seiner Tochter zu erlauben, sie anzunehmen. \u00bbMylord,\u00ab sagte er, \u00bbich wei\u00df sehr wohl, dass sich in diesem Lande die Erbfolge ebenso wohl auf den Familienschmuck wie auf den Grundbesitz erstreckt, und ich bin dessen ganz sicher, dass diese Juwelen ein Erbst\u00fcck Ihrer Familie sind oder doch sein sollten. Ich muss Sie demgem\u00e4\u00df bitten, die Pretiosen mit nach London zu nehmen und sie lediglich als einen Teil Ihres Eigentums zu betrachten, der unter allerdings h\u00f6chst wunderbaren Umst\u00e4nden wieder in Ihren Besitz zur\u00fcckgelangt ist. Was meine Tochter betrifft, so ist diese ja noch ein Kind und hat, wie ich mich freue sagen zu k\u00f6nnen, nur wenig Interesse an solchen Luxusgegenst\u00e4nden. Mrs. Otis, die, wie man wohl sagen kann, eine Autorit\u00e4t in Kunstsachen ist \u2013 da sie den gro\u00dfen Vorzug genossen hat, als junges M\u00e4dchen mehrere Winter in Boston zu verleben \u2013, Mrs. Otis sagte mir, dass diese Juwelen einen sehr bedeutenden Wert repr\u00e4sentieren und sich ganz vorz\u00fcglich verkaufen w\u00fcrden. Unter diesen Umst\u00e4nden bin ich \u00fcberzeugt, Lord Canterville, dass Sie einsehen werden, wie unm\u00f6glich es f\u00fcr mich ist, einem Mitglied meiner Familie zu erlauben, in dem Besitz der Juwelen zu bleiben, und endlich ist dieser eitle Putz und Tand und dieses gl\u00e4nzende Spielzeug, so passend und notwendig es auch zur W\u00fcrde der britischen Aristokratie zu geh\u00f6ren scheint, doch unter jenen niemals recht am Platze, die in den strengen und, wie ich bestimmt glaube, unsterblichen Grunds\u00e4tzen republikanischer Einfachheit erzogen sind. Vielleicht sollte ich noch erw\u00e4hnen, dass Virginia sehr gern die Schatulle selbst behalten m\u00f6chte, als Erinnerung an Ihren ungl\u00fccklichen, irregeleiteten Vorfahren. Da dieselbe sehr alt und in einem Zustande gro\u00dfer Reparaturbed\u00fcrftigkeit zu sein scheint, so werden Sie es vielleicht angemessen finden, der Bitte meiner Kleinen zu willfahren. Ich f\u00fcr mein Teil muss allerdings gestehen, dass ich au\u00dferordentlich erstaunt bin, eins von meinen Kindern Sympathie mit dem Mittelalter in irgendeiner Gestalt empfinden zu sehen, und ich kann mir das nicht anders als dadurch erkl\u00e4ren, dass Virginia in einer Ihrer Londoner Vorst\u00e4dte geboren wurde, kurz nachdem Mrs. Otis von einer Reise nach Athen zur\u00fcckgekehrt war.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Lord Canterville h\u00f6rte der langen Rede des w\u00fcrdigen Gesandten aufmerksam zu, w\u00e4hrend er sich ab und zu den langen grauen Schnurrbart strich, um ein unwillk\u00fcrliches L\u00e4cheln zu verbergen; und als Mr. Otis schwieg, sch\u00fcttelte er ihm herzlich die Hand und sagte: \u00bbMein lieber Mr. Otis, Ihre entz\u00fcckende kleine Tochter hat meinem ungl\u00fccklichen Vorfahren, Sir Simon, einen h\u00f6chst wichtigen Dienst geleistet, und meine Familie und ich sind ihr f\u00fcr den bewiesenen erstaunlichen Mut zu sehr gro\u00dfem Dank verpflichtet. Ganz zweifellos sind die Juwelen Mi\u00df Virginias Eigentum; und wahrhaftig, ich glaube: w\u00e4re ich herzlos genug, sie ihr wegzunehmen, der b\u00f6se alte Bursche w\u00fcrde noch diese Woche wieder aus seinem Grabe aufstehen und mir das Leben hier zur H\u00f6lle machen. Und was den Begriff Erbst\u00fcck anbelangt, so ist nichts ein Erbst\u00fcck, was nicht mit diesem Ausdruck in einem Testament oder sonst einem rechtskr\u00e4ftigen Schriftst\u00fcck also bezeichnet ist, und von der Existenz dieser Juwelen ist nichts bekannt gewesen. Ich versichere Sie, dass ich nicht mehr Anspruch auf sie habe als Ihr Kammerdiener, und wenn Mi\u00df Virginia erwachsen ist, so wird sie, meine ich, doch ganz gern solche h\u00fcbschen Sachen tragen. Au\u00dferdem vergessen Sie ganz, Mr. Otis, dass Sie ja damals die ganze Einrichtung und das Gespenst mit dazu \u00fcbernommen haben, und alles, was zu dem Besitztum des Gespenstes geh\u00f6rte, wurde damit Ihr Eigentum, und was auch Sir Simon f\u00fcr eine merkw\u00fcrdige T\u00e4tigkeit nachts auf dem Korridor entfaltet haben mag, vom Standpunkt des Gesetzes aus war er absolut tot, und somit erwarben Sie durch Kauf sein Eigentum.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Mr. Otis war anfangs wirklich verstimmt, dass Lord Canterville auf sein Verlangen nicht eingehen wollte, und bat ihn, seine Entscheidung nochmals zu \u00fcberlegen; aber der gutm\u00fctige Lord war fest entschlossen und \u00fcberredete schlie\u00dflich den Gesandten, seiner Tochter doch zu erlauben, das Geschenk des Gespenstes zu behalten; und als im Fr\u00fchjahr 1890 die junge Herzogin von Cheshire bei Gelegenheit ihrer Hochzeit bei Hofe vorgestellt wurde, erregten ihre Juwelen die allgemeine Bewunderung. Denn Virginia bekam wirklich und tats\u00e4chlich eine Krone in ihr Wappen, was die Belohnung f\u00fcr alle braven kleinen Amerikanerinnen ist, und heiratete ihren jugendlichen Bewerber, sobald sie m\u00fcndig geworden war. Sie waren ein so entz\u00fcckendes Paar und liebten einander so sehr, dass jeder sich \u00fcber die Heirat freute, jeder au\u00dfer der Herzogin von Dumbleton \u2013 die den jungen Herzog gern f\u00fcr eine ihrer sieben unverheirateten T\u00f6chter gekapert h\u00e4tte und nicht weniger als drei sehr teure Diners zu dem Zweck gegeben hatte \u2013 und wunderbarerweise auch au\u00dfer Mr. Otis selber. Mr. Otis hatte den jungen Herzog pers\u00f6nlich sehr gern, aber in der Theorie waren ihm alle Titel zuwider, und \u203aer war\u2039, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, \u203anicht ohne Besorgnis, dass inmitten der entnervenden Einfl\u00fcsse der vergn\u00fcgungss\u00fcchtigen englischen Aristokratie die einzig wahren Grunds\u00e4tze republikanischer Einfachheit vergessen werden w\u00fcrden\u2039. Sein Widerstand wurde jedoch v\u00f6llig besiegt, und ich glaube, dass es, als er in St. Georges Hannover Square mit seiner Tochter am Arm durch die Kirche schritt, keinen stolzeren Mann in ganz England gab als ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Herzog und seine junge Frau kamen nach den Flitterwochen auf Schloss Canterville, und am Tage nach ihrer Ankunft gingen sie des Nachmittags zu dem kleinen einsamen Friedhof unter den Tannen. Man hatte erst \u00fcber die Inschrift auf Sir Simons Grabstein nicht schl\u00fcssig werden k\u00f6nnen, und nach vielen Schwierigkeiten war dann entschieden worden, nur die Initialen seines Namens und den Vers vom Fenster der Bibliothek eingravieren zu lassen. Die Herzogin hatte wundervolle Rosen mitgebracht, die sie auf das Grab streute, und nachdem sie eine Zeitlang stillgestanden hatten, schlenderten sie weiter zu der halbverfallenen Kanzel in der alten Abtei. Dort setzte sich Virginia auf eine der umgest\u00fcrzten S\u00e4ulen; ihr Mann legte sich ihr zu F\u00fc\u00dfen in das Gras, rauchte eine Zigarette und blickte ihr verliebt und gl\u00fccklich in die sch\u00f6nen Augen. Pl\u00f6tzlich warf er seine Zigarette weg, ergriff ihre Hand und sagte: \u00bbVirginia, eine Frau sollte keine Geheimnisse vor ihrem Mann haben!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAber lieber Cecil! ich habe doch keine Geheimnisse vor dir.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDoch, das hast du,\u00ab antwortete er l\u00e4chelnd, \u00bbdu hast mir nie gesagt, was dir begegnet ist, als du mit dem Gespenst verschwunden warst.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas habe ich niemandem gesagt\u00ab, erwiderte Virginia ernst.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas wei\u00df ich, aber du k\u00f6nntest es mir jetzt doch sagen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBitte, verlange das nicht von mir, Cecil, denn ich kann es dir nicht sagen &#8230; Der arme Sir Simon! Ich bin ihm zu so gro\u00dfem Danke verpflichtet. Ja, da brauchst du nicht zu lachen, Cecil, es ist wirklich wahr. Er hat mich einsehen gelehrt, was das Leben ist und was der Tod bedeutet und warum die Liebe st\u00e4rker ist als beide zusammen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Herzog stand auf und k\u00fcsste seine junge Frau sehr z\u00e4rtlich. \u00bbDu kannst dein Geheimnis behalten, solange mir nur dein Herz geh\u00f6rt\u00ab, sagte er leise.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas Herz hat dir schon immer geh\u00f6rt, Cecil.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAber unsern Kindern wirst du einst dein Geheimnis sagen, nicht wahr?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Virginia err\u00f6tete &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":3405,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[86,104],"tags":[],"class_list":["post-492","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten","category-oscar-wilde"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/492","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=492"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/492\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3406,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/492\/revisions\/3406"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3405"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=492"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=492"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=492"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}