{"id":4915,"date":"2026-01-26T13:14:14","date_gmt":"2026-01-26T12:14:14","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=4915"},"modified":"2026-01-26T13:14:14","modified_gmt":"2026-01-26T12:14:14","slug":"die-teekanne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-teekanne\/","title":{"rendered":"Die Teekanne"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die Teekanne <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einmal eine stolze Teekanne, stolz auf ihr Porzellan, stolz auf ihre lange T\u00fclle, stolz auf ihren breiten Henkel; sie hatte etwas vorne an und hinten an, den Henkel hinten, die T\u00fclle vorn, und davon sprach sie; aber sie sprach nicht von ihrem Deckel, der war zerbrochen, der war gekittet, der hatte einen Fehler, und von seinen Fehlern spricht man nicht gerne, das tun die andern genug. Tassen, Sahnek\u00e4nnchen und Zuckerdose, das ganze Teegeschirr w\u00fcrden wohl mehr an die Gebrechlichkeit des Deckels denken und von der sprechen als von dem guten Henkel und der ausgezeichneten T\u00fclle, das wusste die Teekanne.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich kenne sie!&#8220; sagte sie zu sich selber. &#8222;Ich kenne auch wohl meine M\u00e4ngel, und ich erkenne sie, darin liegt meine Demut, meine Bescheidenheit, M\u00e4ngel haben wir alle, aber man hat doch auch Begabung. Die Tassen erhielten einen Henkel, die Zuckerdose einen Deckel, und ich erhielt noch ein Ding voraus, das sie niemals erhalten, ich erhielt eine T\u00fclle, die Macht mich zur K\u00f6nigin auf dem Teetisch. Der Zuckerschale und dem Sahnek\u00e4nnchen ward es verg\u00f6nnt, die Dienerinnen des Wohlgeschmacks zu sein, aber ich bin die Gebende, die Herrschende, ich verbreite den Segen unter der durstenden Menschheit; in meinem Innern werden die chinesischen Bl\u00e4tter mit dem kochenden geschmacklosen Wasser verbunden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>All dies sagte die Teekanne in ihrer unternehmenden Jugendzeit. Sie stand auf dem gedeckten Tisch, sie wurde von der feinsten Hand erhoben: aber die feinste Hand war ungeschickt, die Teekanne fiel, die T\u00fclle brach ab, der Henkel brach ab, der Deckel ist nicht wert, dar\u00fcber zu reden; es ist genug von ihm geredet. Die Teekanne lag ohnm\u00e4chtig auf dem Fu\u00dfboden; das kochende Wasser lief heraus. Es war ein schwerer Schlag, den sie erhielt, und das Schwerste war, dass sie lachten; sie lachten \u00fcber sie und nicht \u00fcber die ungeschickte Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Die Erinnerung kann ich nicht loswerden!&#8220; sagte die Teekanne, wenn sie sich sp\u00e4ter ihren Lebenslauf erz\u00e4hlte. &#8222;Ich wurde Invalide genannt, in eine Ecke gestellt und tags darauf an eine Frau fortgeschenkt, die um K\u00fcchenabfall bettelte; ich sank in Armut hinab, stand zwecklos, innerlich wie \u00e4u\u00dferlich; aber da, wie ich so stand, begann mein besseres Leben; man ist das eine und wird ein ganz anderes. Es wurde Erde in mich gelegt; das hei\u00dft f\u00fcr eine Teekanne, begraben zu werden; aber in die Erde wurde eine Blumenzwiebel gelegt; wer sie hineinlegte, wer sie gab, das wei\u00df ich nicht; gegeben wurde sie, ein Ersatz f\u00fcr die chinesischen Bl\u00e4tter und das kochende Wasser, ein Ersatz f\u00fcr den abgebrochenen Henkel und die T\u00fclle. Und die Zwiebel lag in der Erde, die Zwiebel lag in mir; sie wurde mein Herz, mein lebendes Herz; ein solches hatte ich fr\u00fcher nie gehabt. Es war Leben in mir, es war Kraft, viel Kraft; der Puls schlug, die Zwiebel trieb Keime; es war, wie um zersprengt zu werden von Gedanken und Gef\u00fchlen; sie brachen auf in einer Bl\u00fcte; ich sah sie, ich trug sie, ich verga\u00df mich selber in ihrer Herrlichkeit; gesegnet ist es, sich selber in anderen zu vergessen! Sie sagte mir nicht Dank; sie dachte nicht an mich &#8211; sie wurde bewundert und gepriesen. Ich war froh dar\u00fcber, wie musste sie es da sein! Eines Tages h\u00f6rte ich, dass gesagt wurde, sie verdiene einen besseren Topf. Man schlug mich mitten entzwei; das tat gewaltig weh, aber die Blume kam in einen besseren Topf &#8211; und ich wurde in den Hof hinausgeworfen &#8211; liege da als ein alter Scherben &#8211; aber ich habe die Erinnerung, die kann ich nicht verlieren.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einmal eine stolze Teekanne, stolz auf ihr Porzellan, stolz auf ihre lange T\u00fclle, stolz auf ihren breiten Henkel; sie hatte etwas vorne an und hinten an, den Henkel hinten, die T\u00fclle vorn, und davon sprach sie; aber sie sprach nicht von ihrem Deckel, der war zerbrochen, der war gekittet, der hatte einen Fehler, und von seinen Fehlern spricht man nicht gerne, das tun die andern genug. 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