{"id":4895,"date":"2026-01-26T12:37:20","date_gmt":"2026-01-26T11:37:20","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=4895"},"modified":"2026-01-26T12:37:21","modified_gmt":"2026-01-26T11:37:21","slug":"tante-zahnweh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/tante-zahnweh\/","title":{"rendered":"Tante Zahnweh"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Tante Zahnweh<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Woher haben wir die Geschichte? Willst du es wissen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben sie aus der Tonne, aus der mit dem alten Papier.<\/p>\n\n\n\n<p>Manch ein gutes und seltenes Buch ist zum Fettwarenh\u00e4ndler und zum Gew\u00fcrzkr\u00e4mer gewandert, nicht als Lekt\u00fcre, sondern als Gebrauchsartikel. Die m\u00fcssen Papier gebrauchen zu T\u00fcten f\u00fcr St\u00e4rke und Kaffeebohnen, Papier f\u00fcr gesalzene Heringe, Butter und K\u00e4se. Geschriebene Sachen sind auch brauchbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft wandert in die B\u00fctte, was nicht in die B\u00fctte wandern sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kenne einen Kr\u00e4merlehrling, den Sohn eines Fettwarenh\u00e4ndlers; er ist vom Keller in das Erdgescho\u00df aufgestiegen, ein Mensch, der viel gelesen hat, T\u00fctenlekt\u00fcre, die gedruckte und die geschriebene. Er hat eine interessante Sammlung, und darin sind mehrere wichtige Aktenst\u00fccke aus dem Papierk\u00f6rben dieses und jenes \u00fcberarbeiteten, zerstreuten Beamten; manch ein vertraulicher Brief von einer Freundin an die Freundin: Skandalmitteilungen, die nicht weitergehen d\u00fcrften, von niemand erw\u00e4hnt werden sollten. Er ist eine lebende Rettungsanstalt f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der Literatur, er hat den Laden der Eltern und des Prinzipals und hat da manch ein Buch oder Bl\u00e4tter von einem Buch gerettet, die wohl verdienen k\u00f6nnten, zweimal gelesen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat mir seine Sammlung von gedruckten und geschriebenen Sachen aus der B\u00fctte gezeigt, am reichsten war die Sammlung aus der B\u00fctte des Fettwarenh\u00e4ndlers. Da lagen ein paar Bl\u00e4tter aus einem gr\u00f6\u00dferen Schreibheft; die au\u00dferordentlich sch\u00f6ne und deutliche Handschrift zog gleich meine Aufmerksamkeit auf sich.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das hat der Student geschrieben&#8220;, sagte er, &#8222;der Student, der hier gerade gegen\u00fcber wohnte und vor einem Monat starb. Er hat an schrecklichen Zahnschmerzen gelitten, das sieht man aus seinen Aufzeichnungen. Das ist ganz am\u00fcsant zu lesen. Es ist nur noch wenig von dem Geschriebenen da, es war ein ganzes Buch und noch ein bisschen mehr; meine Eltern gaben der Wirtin des Studenten ein halbes Pfund gr\u00fcne Seife daf\u00fcr. Dies ist alles, was ich gerettet habe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lieh es, ich las es und jetzt erz\u00e4hle ich es.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00dcberschrift lautete:<\/p>\n\n\n\n<p>Tante Zahnweh I<\/p>\n\n\n\n<p>Tante gab mir s\u00fc\u00dfe N\u00e4schereien, als ich klein war. Meine Z\u00e4hne hielten es aus, wurden nicht schlecht dadurch; jetzt bin ich \u00e4lter geworden, bin Student; sie verh\u00e4tschelt mich noch immer mit S\u00fc\u00dfigkeiten, sagt, dass ich ein Dichter bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe etwas vom Poeten in mir, aber nicht genug. Oft, wenn ich in den Stra\u00dfen der Stadt gehe, ist es mir, als ginge ich in einer gro\u00dfen Bibliothek; die H\u00e4user sind B\u00fccherregale, jedes Stockwerk ist ein Brett mit B\u00fcchern. Dort steht eine gute, alte Kom\u00f6die, dort stehen wissenschaftliche Werke aus allen F\u00e4chern, hier Schnitzliteratur und gute Lekt\u00fcre. Ich kann \u00fcber alle die B\u00fccher phantasieren und philosophieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist etwas vom Poeten in mir, aber nicht genug. Manche Menschen haben gewiss ebenso viel davon in sich und tragen doch kein Schild oder Halsband mit dem Namen Poet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihnen wie mir ist eine Gabe Gottes gegeben, ein Segen, gro\u00df genug an sich, aber zu klein, um ausgest\u00fcckt und an andre gegeben zu werden. Es kommt ganz pl\u00f6tzlich, wie ein Sonnenstrahl, f\u00fcllt die Seele und den Gedanken, es kommt wie ein Blumenduft, wie eine Melodie, die man kennt, ohne doch zu wissen, woher sie kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Neulich abends sa\u00df ich in meinem Zimmer, hatte Verlangen, etwas zu lesen, hatte kein Buch, kein Blatt, da fiel ein gr\u00fcnes Blatt vom Lindenbaum. Der Wind trug es zum Fenster, zu mir herein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich betrachtete die vielen verzweigten Adern; ein kleiner Wurm bewegte sich dar\u00fcber hin, als wollte er ein gr\u00fcndliches Studium des Blattes unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da musste ich an Menschenweisheit denken, wir krabbeln auch auf dem Blatt umher, kennen nur das, aber halten sofort einen Vortrag \u00fcber den ganzen gro\u00dfen Baum, die Wurzeln, den Stamm und die Krone; \u00fcber den gro\u00dfen Baum: Gott, die Welt und die Unsterblichkeit, und kennen von dem ganzen Baum nur ein kleines Blatt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ich so dasa\u00df, bekam ich Besuch von Tante Mille.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich zeigte ihr das Blatt mit dem Wurm, sagte ihr meine Gedanken dabei, und ihre Augen leuchteten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du bist ein Dichter&#8220;, sagte sie, &#8222;vielleicht der gr\u00f6\u00dfte, den wir haben! Wenn ich das erleben sollte, dann gehe ich gern in mein Grab. Du hast mich seit Brauer Rasmussens Begr\u00e4bnis immer durch deine m\u00e4chtige Phantasie in Erstaunen versetzt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das sagte Tante Mille, und dann k\u00fcsste sie mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer war Tante Mille, und wer war Brauer Rasmussen?<\/p>\n\n\n\n<p>Tante Zahnweh II<\/p>\n\n\n\n<p>Muters Tante wurde von uns Kindern Tante genannt, wir hatten keinen anderen Namen f\u00fcr sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gab uns Eingemachtes und Zucker, obwohl das sehr schlecht f\u00fcr unsere Z\u00e4hne war, aber sie war den s\u00fc\u00dfen Kindern gegen\u00fcber schwach, das sagte sie selber. Es sei ja grausam, ihnen das bisschen S\u00fc\u00dfe vorzuenthalten, das sie doch so sehr liebten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und daher hatten wir Tante so lieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war ein altes Fr\u00e4ulein, solange ich mich erinnern kann, immer alt! Sie stand im Alter still.<\/p>\n\n\n\n<p>In fr\u00fcheren Jahren litt sie sehr an Zahnschmerzen und sprach immer davon, und dann war Ihr Freund, Brauer Rasmussen, witzig und nannte sie Tante Zahnweh.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der letzten Jahre braute er nicht mehr, er lebte von seinen Zinsen, kam oft zu Tante und war \u00e4lter als sie. Er hatte gar keine Z\u00e4hne, nur ein paar schwarze Stummel.<\/p>\n\n\n\n<p>Als kleiner Junge habe er zuviel Zucker gegessen, sagte er zu uns Kindern, und dann w\u00fcrde man so aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tante hatte als Kind gewiss niemals Zucker gegessen, sie hatte die sch\u00f6nsten wei\u00dfen Z\u00e4hne.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gehe auch sparsam damit um, schlafe des Nachts nicht mit ihren Z\u00e4hnen, sagte Brauer Rasmussen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war eine Bosheit, das wussten wir Kinder, er dachte sich aber nichts dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Vormittags, beim Fr\u00fchst\u00fcck, erz\u00e4hlte sie einen schrecklichen Traum; sie hatte in der Nacht getr\u00e4umt, dass einer ihrer Z\u00e4hne ausgefallen war.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das bedeutet&#8220;, sagte sie, &#8222;dass ich einen wahren Freund oder eine Freundin verlieren werde!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;War es ein falscher Zahn&#8220;, sagte der Brauer l\u00e4chelnd, &#8222;dann kann es nur bedeuten, dass Sie einen falschen Freund verlieren!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sie sind ein unh\u00f6flicher alter Herr!&#8220; sagte Tante so erz\u00fcrnt, wie ich sie niemals, weder fr\u00fcher noch sp\u00e4ter, gesehen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter sagte sie, es sei nur eine Neckerei von ihrem alten Freund, er sei der edelste Mensch auf der Welt, und wenn er einmal st\u00fcrbe, w\u00fcrde er ein kleiner Engel Gottes im Himmel werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich dachte viel \u00fcber die Verwandlung nach und ob ich wohl imstande sein w\u00fcrde, ihn in der neuen Gestalt zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Tante jung war und er auch jung war, hielt er um ihre Hand an. Sie besann sich zu lange, blieb sitzen, blieb zu lange sitzen, wurde ein altes Fr\u00e4ulein, blieb aber immer eine treue Freundin.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann starb Brauer Rasmussen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wurde im teuersten Leichenwagen zu Grabe gef\u00fchrt und hatte ein gro\u00dfes Gefolge, Leute mit Orden und in Uniformen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tante stand in Trauerkleidern am Fenster mit uns Kindern allen, den kleinen Bruder ausgenommen, den der Storch vor einer Woche gebracht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun waren der Leichenwagen und das Gefolge vor\u00fcber, die Stra\u00dfe war leer, die Tante wollte gehen, aber das wollte ich nicht, ich wartete auf den Engel, Brauer Rasmussen; er war ja jetzt ein kleines, beschwingtes Kind Gattes geworden und musste nun erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Tante!&#8220; sagte ich. &#8222;Glaubst du nicht, dass er jetzt kommt? Oder dass, wenn der Storch uns wieder einen kleinen Bruder bringt, er uns dann den Engel Rasmussen bringt?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Tante war ganz \u00fcberw\u00e4ltigt von meiner Phantasie und sagte: &#8222;Das Kind wird ein gro\u00dfer Dichter!&#8220; Und das wiederholte sie w\u00e4hrend meiner ganzen Schulzeit, ja nach meiner Konfirmation und auch jetzt noch, wo ich Student bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war und ist meine treueste Freundin, sowohl in Dichterschmerzen als auch in Zahnschmerzen. Ich habe ja Anf\u00e4lle von beiden.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Schreibe nur alle deine Gedanken nieder&#8220;, sagte sie, &#8222;und lege sie in die Tischschublade; das tat Jean Paul: er wurde ein gro\u00dfer Dichter; ich mag ihn freilich nicht, er ist nicht spannend genug! Du musst spannend sein! Und du wirst spannen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht nach dieser Rede lag ich in gro\u00dfer Sehnsucht und Schmerzen, in Drang und Lust, der gro\u00dfe Dichter zu werden, den Tante in mir sah und sp\u00fcrte; ich lag in Dichterschmerzen, aber es gibt noch einen schlimmeren Schmerz: das Zahnweh; das w\u00fchlte und bohrte in mir; ich ward ein sich windender Wurm mit Kr\u00e4uterkissen und spanischer Fliege.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das kenne ich!&#8220; sagte die Tante.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein L\u00e4cheln des Kummers umspielte ihren Mund; ihre Z\u00e4hne schimmerten so wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich muss einen neuen Abschnitt in meiner Geschickte und der Geschichte meiner Tante anfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tante Zahnweh III<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war in eine neue Wohnung gezogen und hatte da w\u00e4hrend eines Monats gewohnt. Hier\u00fcber sprach ich mit Tante.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich wohne bei einer stillen Familie; sie denkt nicht an mich, selbst nicht, wenn ich dreimal klingele. \u00dcbrigens ist es ein wahres Spektakelhaus mit Ger\u00e4uschen und L\u00e4rm von Wetter und Wind und Menschen. Ich wohne gerade \u00fcber dem Torweg, jeder Wagen, der herein- oder hinausf\u00e4hrt, macht die Bilder an den W\u00e4nden erzittern. Die Haust\u00fcr knallt und r\u00fcttelt, so dass das Haus schwankt wie bei einem Erdbeben. Wenn ich im Bett liege, f\u00fchle ich die St\u00f6\u00dfe in allen Gliedern; aber das soll nervenst\u00e4rkend sein. Wenn es weht, und hierzulande weht es ja immer, dann baumeln die langen Fensterhaken drau\u00dfen hin und her und schlagen gegen die Mauer. Die Torglocke des Nachbarn auf dem Hof klingelt bei jedem Windsto\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Hausbewohner kommen tropfenweise nach Hause, sp\u00e4t am Abend, tief in der Nacht; der Mieter gerade \u00fcber mir, der am Tage Stunden in Posaunenblasen gibt, kommt am sp\u00e4testen nach Hause, und er legt sich nicht schlafen, ehe er einen kleinen Mitternachtssparziergang mit schweren Schritten und eisenbeschlagenen Stiefeln gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Doppelte Fenster sind nicht da, aber da ist eine gerissene Fensterscheibe, die hat die Wirtin mit Papier verkleistert, der Wind bl\u00e4st trotzdem durch den Riss hinein und bringt einen Laut hervor wie von einer summenden Bremse. Das ist Schlafmusik. Schlafe ich dann endlich ein, dann werde ich bald vom Hahnengeschrei geweckt. Hahn und Huhn auf dem H\u00fchnerhof bei dem Kellermann melden, dass es bald Morgen ist. Die kleinen Nordlandspferdchen, die keinen Stall haben, sondern im Sandloch unter der Treppe angebunden sind, schlagen gegen die T\u00fcr und das Paneel, um sich Bewegung zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag d\u00e4mmert; der Pf\u00f6rtner, der mit seiner Familie in der Mansarde wohnt, l\u00e4rmt die Treppe hinab; die h\u00f6lzernen Pantoffeln klappern, die Haust\u00fcr knallt, das Haus erbebt, und wenn das \u00fcberstanden ist, f\u00e4ngt der Mieter \u00fcber mir an, sich im Turnen zu \u00fcben: er hebt in jeder Hand eine schwere Eisenkugel empor, die er nicht halten kann; sie f\u00e4llt wieder und wieder herab, w\u00e4hrend gleichzeitig die Jugend des Hauses, die zur Schule gehen soll, schreiend die Treppe hinabst\u00fcrzt. Ich gehe an das Fenster und mache es auf, um frische Luft zu haben, und das ist auch erquickend, wenn ich sie nur bekommen kann und die Mansell im Hinterhaus nicht gerade Handschuhe in Fleckwasser w\u00e4scht; das ist n\u00e4mlich ihr Lebensunterhalt. \u00dcbrigens ist es ein gutes Haus, und ich wohne bei einer stillen Familie.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das war das Referat, das ich Tante \u00fcber meine Wohnung gab; ich erz\u00e4hlte lebhafter, der m\u00fcndliche Vortrag hat frischere Farben als der geschriebene.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du bist ein Dichter!&#8220; rief Tante. &#8222;Schreibe nur deine Rede auf, dann kannst du es dreist mit Dickens aufnehmen! Ja, mich interessierst du viel mehr! Du malst, wenn du redest! Du beschreibst dein Haus, so dass man es sieht! Es schaudert einen! &#8211; Dichte nur weiter! Lege etwas Lebendes hinein, Menschen, nette Menschen, am liebsten ungl\u00fcckliche!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus schrieb ich wirklich nieder, wie es mit allen seinen Ger\u00e4uschen und M\u00e4ngeln dasteht, aber nur mit mir selber, ohne Handlung. Die kam sp\u00e4ter!<\/p>\n\n\n\n<p>Tante Zahnweh IV<\/p>\n\n\n\n<p>Es war zur Winterzeit, sp\u00e4t am Abend, nach dem Theater, ein furchtbares Wetter, Schneesturm, so dass man kaum vorw\u00e4rtskommen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tante war im Theater, und ich war gekommen, um sie nach Hause zu begleiten, aber man hatte M\u00fche, selber zu gehen, geschweige denn andere zu f\u00fchren. Die Mietkutschen waren alle besetzt; die Tante wohnte weit drau\u00dfen in der Vorstadt, meine Wohnung dahingegen lag dicht beim Theater, w\u00e4re das nicht der Fall gewesen, so h\u00e4tten wir bis auf weiteres in einem Schilderhaus stehen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stolperten vorw\u00e4rts im tiefen Schnee, umsaust von den wirbelnden Schneeflocken. Ich hielt sie, stie\u00df sie vorw\u00e4rts. Nur zweimal fielen wir, aber wir fielen weich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erreichten meinen Torweg, wo wir unsere Kleider sch\u00fcttelten; auch an der Treppe sch\u00fcttelten wir uns und hatten doch Schnee genug mitgebracht, um den Fu\u00dfboden auf dem Vorplatz damit anzuf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir zogen die \u00dcberkleider und Stiefel und Str\u00fcmpfe aus, befreiten uns von allem, was wir nur abwerfen konnten. Die Wirtin gab der Tante trockene Str\u00fcmpfe und eine Morgenm\u00fctze, das sei notwendig, sagte die Wirtin und f\u00fcgte hinzu, was auch richtig war, die Tante k\u00f6nne unm\u00f6glich in dieser Nacht nach Hause kommen; sie bat sie, mit ihrer Wohnstube f\u00fcrliebzunehmen; da wollte sie ein Bett auf dem Sofa vor der immer zu meinem Zimmer abgeschlossenen T\u00fcr f\u00fcr sie aufmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das geschah.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Feuer brannte in meinem Ofen, die Teemaschine kam auf den Tisch, es ward gem\u00fctlich in dem kleinen Zimmer, wenn auch nicht so gem\u00fctlich wie bei Tante, wo im Winter dicke Gardinen vor den Fenstern h\u00e4ngen und doppelte Teppiche, mir drei dicken Schichten Papier darunter, auf dem Fu\u00dfboden liegen; man sitzt da wie in einer fest zugekorkten Flasche mit warmer Luft, doch, wie gesagt, es ward auch gem\u00fctlich bei mir; der Wind sauste drau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tante erz\u00e4hlte und erz\u00e4hlte; die Jugendzeit kam wieder, der Brauer kam wieder, alte Erinnerungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erinnerte sich noch, wie ich den ersten Zahn bekam, und an die Freude der Familie dar\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Zahn! Der Zahn der Unschuld, schimmernd wie ein kleiner Milchtropfen, der Milchzahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kam einer, es kamen mehrere, eine ganze Reihe, nebeneinander, oben und unten, die sch\u00f6nsten Kinderz\u00e4hne, und doch nur die Vortraber, nicht die richtigen, die f\u00fcr das ganze Leben dauern sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die kamen und auch die Weisheitsz\u00e4hne, die Fl\u00fcgelm\u00e4nner in der Reihe, unter Schmerzen und gro\u00dfen Beschwerden geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vergehen wieder, jeder einzelne, die vergehen, ehe die Dienstzeit um ist, selbst der letzte Zahn vergeht, und das ist kein Festtag, das ist ein Wehmutstag.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ist man alt, selbst wenn das Gem\u00fct noch jung ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Gedanken und Reden sind nicht immer vergn\u00fcglich, und doch sprachen wir von alldem, wir kehrten zur\u00fcck zu den Jahren der Kindheit, redeten und redeten, die Uhr wurde zw\u00f6lf, ehe Tante sich in die Stube nebenan begab.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gute Nacht, mein s\u00fc\u00dfes Kind!&#8220; rief sie. &#8222;Nun schlafe ich, als l\u00e4ge ich in meiner eigenen Kommode!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie war zur Ruhe gegangen, aber Ruhe war weder im Hause noch drau\u00dfen. Der Sturm r\u00fcttelte an den Fenstern, schlug mit den langen, baumelnden eisernen Haken, klingelte mit der T\u00fcrglocke im Hinterhof. Der Mieter oben war nach Hause gekommen. Er machte noch einen kleinen n\u00e4chtlichen Spaziergang auf und nieder, warf dann die Stiefeln hinaus und legte sich endlich ins Bett zum Schlafen nieder; aber er schnarcht, so dass man es mit guten Ohren durch die Decke hindurch h\u00f6ren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fand nicht Ruhe, ich konnte nicht schlafen; das Wetter ward auch nicht ruhig, es war unmanierlich lebhaft. Der Wind sauste und sang auf seine Weise, meine Z\u00e4hne fingen auch an, lebhaft zu werden, sie sausten und sangen auf ihre Weise. Sie schlugen an zu gro\u00dfen Zahnschmerzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Fenster her zog es. Der Mond schien auf den Fu\u00dfboden hinein. Das Licht kam und ging im Sturm. Es war eine Unruhe in Schatten und Licht, aber schlie\u00dflich sah der Schatten am Fu\u00dfboden aus wie etwas; ich starrte nach diesem beweglichen Etwas hin und sp\u00fcrte einen eiskalten Wind.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Fu\u00dfboden sa\u00df eine Gestalt, d\u00fcnn und lang, wie wenn ein Kind mit einem Griffel etwas auf die Tafel zeichnet, was einem Menschen gleichen soll, ein einziger d\u00fcnner Strich ist der K\u00f6rper, ein Strich und noch einer sind die Arme; die Beine sind auch nur ein Strich, der Kopf ist ein Vieleck.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald wurde die Gestalt deutlicher, sie bekam eine Art Gewand, sehr d\u00fcnn, sehr fein, aber es deutete an, dass sie dem weiblichen Geschlecht angeh\u00f6rte. Ich vernahm ein Summen. War sie es, oder war es der Wind, der wie eine Bremse im Fensterriss surrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, sie war es selber, Frau Zahnweh! Ihre Entsetzlichkeit Satania infernalis, Gott bewahre uns vor ihrem Besuch.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hier ist gut sein!&#8220; summte sie. &#8222;Hier ist ein gutes Quartier, Sumpfgrund, Moorgrund. Hier haben die M\u00fccken mit Gift in den Stacheln gesummt, jetzt habe ich den Stachel. Der muss an Menschenz\u00e4hnen gewetzt werden. Sie schimmern so wei\u00df bei dem, der hier im Bett liegt. Sie haben S\u00fc\u00df und Sauer, Hei\u00df und Kalt, Nusskern und Pflaumenstein getrotzt! Aber ich will sie schon r\u00fctteln und sch\u00fctteln, die Wurzeln mit Zugwind d\u00fcngen, sie fu\u00dfkalt machen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine schreckliche Rede, ein f\u00fcrchterlicher Gast.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du bist also Dichter!&#8220; sagte sie. &#8222;Ja, ich will dich in allen Versma\u00dfen der Pein hinaufdichten! Ich will dir Eisen und Stahl in den K\u00f6rper geben, die F\u00e4den in alle deine Nervenfasern hineinlegen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Es war, als f\u00fchre sie einen gl\u00fchenden Pfriem in den Kinnbacken hinein; ich wand und kr\u00fcmmte mich.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ein famoses Zahnwerk!&#8220; sagte sie! Eine Orgel, auf der man spielen kann. Maulharfen-Konzert, gro\u00dfartig, mit Pauken und Trompeten, Fl\u00f6te piccolo, Posaune im Weisheitszahn. Gro\u00dfer Poet, gro\u00dfe Musik!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, sie spielte auf, und entsetzlich sah sie aus, selbst wenn man nichts weiter von ihr sah als die Hand, diese schattengraue, eiskalte Hand mit den langen, pfriemd\u00fcnnen Fingern; jeder von ihnen war ein Folterger\u00e4t: der Daumen und der Zeigefinger waren Kneifzange und Schrauben, der Langemann endete in einem spitzen Pfriem, der Ringfinger war ein Handbohrer und der kleine Finger eine Spritze mit M\u00fcckengift.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich will dich Versemachen lehren!&#8220; sagte sie. &#8222;Ein gro\u00dfer Dichter soll gro\u00dfe Zahnschmerzen haben, kleine Dichter kleine Zahnschmerzen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, lass mich klein sein!&#8220; bat ich. &#8222;Lass mich gar nicht sein! Und ich bin nicht Poet, ich habe nur Dichteranf\u00e4lle sowie Anf\u00e4lle von Zahnweh. Fahre hin! Fahre hin!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Erkennst du denn, dass ich m\u00e4chtiger bin als die Poesie, die Philosophie, die Mathematik und die ganze Musik!&#8220; sagte sie. &#8222;M\u00e4chtiger als alle diese abgemalten und in Marmor gehauenen Empfindungen. Ich bin die \u00e4lteste von ihnen allen. Ich bin dicht am Garten des Paradieses geboren, drau\u00dfen, wo der Wind sauste und die nassen Pilze wuchsen. Ich veranlasste Eva, sich in dem kalten Wetter zu bekleiden, und Adam auch. Du kannst mir glauben, da war Kraft in dem ersten Zahnweh!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich glaube alles!&#8220; sagte ich. &#8222;Fahre hin! Fahre hin!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, willst du deine Dichterwirksamkeit aufgeben, nimmermehr Verse auf Papier, Tafel oder irgendeine Art von Schreibmaterial niederschreiben, dann will ich dich verlassen, aber ich komme wieder, sobald du dichtest!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich schw\u00f6re!&#8220; sagte ich. &#8222;Lass mich dich nur niemals mehr sehen oder sp\u00fcren!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sehen sollst du mich, aber in einer volleren, lieberen Gestalt wie jetzt! Du sollst mich als Tante Mille sehen; und ich will sagen; dichte, mein s\u00fc\u00dfer Junge! Du bist ein gro\u00dfer Dichter, der gr\u00f6\u00dfte vielleicht, den wir haben, aber sobald du es glaubst und anf\u00e4ngst zu dichten, setze ich deine Verse in Musik, spiele sie auf deiner Mundharfe, du s\u00fc\u00dfes Kind! &#8211; Denke an mich, wenn du Tante Mille siehst!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann verschwand sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschied bekam ich noch einen gl\u00fchenden Pfriemstich in den Kinnbacken hinten, aber das beruhigte sich bald, es war, als fl\u00f6sse ich auf dem weichen Wasser, als s\u00e4he ich die wei\u00dfen Wasserrosen mit den gr\u00fcnen breiten Bl\u00e4ttern sich neigen, sich unter mich senken, verwelken, sich aufl\u00f6sen, und ich sank mit ihnen wurde in Frieden und Ruhe aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sterben, hinschmelzen wie der Schnee!&#8220; sang es und klang es im Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;In der Wolke verdunsten, hinfahren wie die Wolke!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Zu mir hinab durch das Wasser schimmerten gro\u00dfe, strahlende Namen, Inschriften auf wehenden Siegesfahnen, das Patent der Unsterblichkeit &#8211; auf dem Fl\u00fcgel der Eintagsfliege geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schlaf war tief, der Schlaf ohne Traum. Ich h\u00f6rte weder den sausenden Wind, die knallende Haut\u00fcr, die klingelnde Torglocke des Nachbarn noch die schweren Turn\u00fcbungen des Mieters \u00fcber mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Gl\u00fcckseligkeit!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam ein Windsto\u00df, so dass die verschlossene T\u00fcr zu Tante aufsprang. Auch Tante sprang auf, kam in ihre Schuhe, kam in die Kleider, kam zu mir herein.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich habe wie ein Engel Gottes geschlafen&#8220;, sagte sie, sie habe nicht gewagt, mich zu wecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erwachte auch, schloss die Augen auf, hatte ganz vergessen, dass Tante hier im Hause war, aber bald fiel es mir ein, meine Zahnweh &#8211; Erscheinung fiel mir ein. Traum und Wirklichkeit vermischten sich miteinander.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du hast gestern abend, nachdem wir einander Gute Nacht gesagt hatten, wohl nicht mehr geschrieben?&#8220; frage sie. Ach h\u00e4ttest du es doch getan! Du bist mein Dichter, und das bleibst du!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Es war mir, als l\u00e4chle sie hinterlistig. Ich wusste nicht, ob es die gute Tante Mille war, die mich liebte, oder die Entsetzliche, der ich des Nachts das Versprechen gegeben hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hast du gedichtet, s\u00fc\u00dfes Kind?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nein, nein!&#8220; rief ich. &#8222;Du bist doch Tante Mille?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wer sollte ich sonst wohl sein!&#8220; sagte sie. Und es war wirklich Tante Mille. Sie k\u00fcsste mich, kam in eine Droschke und fuhr nach Hause. Ich schrieb nieder, was hier geschrieben steht. Es ist nicht in Versen und soll nie gedruckt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, hier h\u00f6rte das Manuskript auf. Mein junger Freund, der Kr\u00e4mergehilfe, konnte das Fehlende nicht auftreiben, es war in die Welt hinausgegangen, als Papier um gesalzene Heringe, gr\u00fcne Seife und Butter; es hatte seine Bestimmung erf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Brauer ist tot, die Tante ist tot, der Student ist tot, er, dessen Gedankenfunken in die B\u00fctte wanderten: das ist das Ende der Geschichte &#8211; der Geschichte von Tante Zahnweh.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tante Zahnweh Hans Christian Andersen Woher haben wir die Geschichte? Willst du es wissen? Wir haben sie aus der Tonne, aus der mit dem alten Papier. Manch ein gutes und seltenes Buch ist zum Fettwarenh\u00e4ndler und zum Gew\u00fcrzkr\u00e4mer gewandert, nicht als Lekt\u00fcre, sondern als Gebrauchsartikel. 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