{"id":4890,"date":"2026-01-26T12:23:33","date_gmt":"2026-01-26T11:23:33","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=4890"},"modified":"2026-01-26T12:23:34","modified_gmt":"2026-01-26T11:23:34","slug":"sylphidia-und-der-meergott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/sylphidia-und-der-meergott\/","title":{"rendered":"Sylphidia und der Meergott"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Sylphidia und der Meergott<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gab eine Zeit da glaubten die Menschen die Erde sei eine runde Scheibe, unter der die Sonne an einem Ende abends verschwindet und des Morgens am gegen\u00fcberliegenden Ende wieder auftaucht. Vom Meer dachten die Menschen es sei unendlich gro\u00df und weit und es dehne sich aus bis an die R\u00e4nder der Erdenscheibe, da wo die Sonne auf und untergeht. \u00dcber diese R\u00e4nder tropften die Wasser des riesigen Meeres in den unendlichen Himmelsraum. Auch von Inseln hatten manche Menschen eine eigenartige Vorstellung. So glaubten viele Inseln seien schwimmende W\u00e4lder, Berge oder Sandb\u00e4nke, die, riesigen Schiffen gleich auf dem Wasser dahin treiben. Dass Inseln in Wirklichkeit Unterwasserberge sind, die sich aus dem Meeresgrund erheben und von denen nur die Spitze aus dem Wasser ragt, das wussten damals nur die Menschen, die auf einer Inseln lebten. Und von einer solchen Insel in grauer Vorzeit (von grau spricht man immer, wenn man nichts genaues wei\u00df und es hat vielleicht auch ein wenig mit Grauen zu tun), erz\u00e4hlt unsere Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine wundersch\u00f6ne Insel mit einem hohen Berg in der Mitte. An seinen S\u00fcdh\u00e4ngen waren riesige Weinberge und Obstplantagen angelegt. Im Norden dehnte sich ein lichter Kiefernwald bis hinunter zur K\u00fcste. Diese K\u00fcste war an manchen Stellen schroff und felsig, anderswo wiederum reichten bl\u00fchende Wiesen oder flache Buchten mit goldgelbem Sand bis ans Meer. Am Fu\u00df des hohen Berges, dort, wo am Morgen die ersten Sonnenstrahlen auftrafen, lag die Hauptstadt der Insel mit ihrer pr\u00e4chtigen Kirche. Die Kirche war wei\u00df und ihre hohen vom Boden bis zur Decke reichenden Bogenfenster bestanden aus bunten Glasbildern. Wenn die Sonne auf die Kirchenfenster fiel, entstand auf dem hellen Marmorpflaster um die Kirche ein schillerndes Farbenspiel. Vor dem Kirchenportal standen zwei gro\u00dfe B\u00e4ume mit glatten grauen St\u00e4mmen. Mit ihren weit ausladenden immergr\u00fcnen Baumkronen beschatteten sie den Platz vor der Glut der Mittagssonne. Steinb\u00e4nke waren ringsum aufgestellt; dort sa\u00dfen die alten M\u00e4nner der Stadt und plauderten miteinander. Dazwischen spielten die Kinder mit Steinen und Baumzapfen und ihr Lachen und Geschrei drang durch die engen Gassen. Die H\u00e4user, die den Kirchplatz umstanden hatten blaue oder gr\u00fcne Fensterl\u00e4den und auf den zierlichen Balkonen standen in den Abendstunden die sch\u00f6nen dunkelhaarigen Frauen und schauten dem munteren Treiben zu. Wenn man vom Kirchplatz weiter abw\u00e4rts schritt kam man zum Markt auf dem die Fischer und Gem\u00fcseh\u00e4ndler, die Handwerker und Gew\u00fcrzh\u00e4ndler ihre Waren feilboten. Und noch weiter unten am Meer lag der Hafen, wo die Schiffe, auch solche die von weit her kamen anlegten und Waren und G\u00fcter ein- und ausluden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rande der Stadt, hinter den Weinbergen und Obstplantagen, lag der Palast des F\u00fcrsten. Es war ein prunkvolles Geb\u00e4ude mit vielen Fenstern, die alle nach S\u00fcden zum Meer hin ausgerichtet waren. Eine breite Treppe f\u00fchrte vom Palast aus in einen wahren Zaubergarten. Links und rechts der wei\u00dfen Wege bl\u00fchten Rosen in allen Farben, Springbrunnen pl\u00e4tscherten dazwischen und hinter dichten Hecken, in lauschigen Nischen standen B\u00e4nke zum ausruhen. In den hohen Palmen, die majest\u00e4tisch in den Himmel ragten, rauschte der Wind. Am Ende des Gartens, wo die K\u00fcste steil zum Meer hin abfiel, f\u00fchrte ein schmaler Treppenpfad hinunter zu einer kleinen Sandbucht. In diesem Paradies lebte Hero der F\u00fcrst der Insel mit Agaeta seiner sch\u00f6nen jungen Frau. Hero und Agaeta liebten sich z\u00e4rtlich, aber es lag ein Schatten auf dieser Liebe, denn ihr sehnlichster Wunsch blieb unerf\u00fcllt. Kein Kindergeplauder war in den R\u00e4umen des Plastes zu h\u00f6ren und kein Kinderlachen drang durch den Zaubergarten. Die F\u00fcrstin war \u00fcber ihre Kinderlosigkeit sehr traurig. Oft ging sie hinunter zum Meer und klagte dem Wind und den Wellen ihren Kummer. So sa\u00df sie auch an jenem lauen Sommerabend weinend am Strand, als etwas Seltsames geschah. Die Wellen h\u00f6rten pl\u00f6tzlich auf in gleicht\u00f6nendem Ger\u00e4usch gegen das Ufer zu rollen und es wurde ganz still, so still, als hielte das Meer den Atem an. Die F\u00fcrstin sah, wie unter dem gro\u00dfen \u00fcberh\u00e4ngenden Felsen neben der Bucht die Wasser zur\u00fcckwichen und ein gewaltiger schwarzer Abgrund sich auftat. Dort in der Tiefe waren riesige Felsenhallen zu sehen, die von einem geisterhaften Licht erhellt wurden. Die F\u00fcrstin wagte kaum zu atmen und blickte wie gebannt auf die unterirdische \u00d6ffnung. Merkw\u00fcrdige Ger\u00e4usche waren von unten zu h\u00f6ren und pl\u00f6tzlich sprudelte aus dem abgrundtiefen Loch ein hoher wei\u00dfsch\u00e4umender Gischtberg empor. Agaeta erschrak und wollte fliehen, aber sie konnte ihre Beine nicht bewegen. Es war wie in einem schlimmen Traum. Aber was war das? Aus dem hochaufspritzenden Schaum tauchte die Gestalt eines gigantischen J\u00fcnglings auf. In seinen blauschwarzen Haaren hatten sich Muscheln und Seesterne verfangen und dazwischen zappelten bunte, leuchtende Fische. Sein K\u00f6rper und seine Glieder waren gr\u00fcn und gl\u00e4nzten wie die bemoosten Steine am Ufer. Statt H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen hatte er Schwimmflossen mit langen gebogenen Krallen. Mit verschleierten Fischaugen starrte er die F\u00fcrstin an, die vergeblich versuchte diesem unheimlichen Blick auszuweichen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu musst keine Angst haben, Agaeta, ich bin Gomeron, der F\u00fcrst der Tiefe\u201c begann der Meermann jetzt zu sprechen. Er l\u00e4chelte dabei und in seinem fischmaul\u00e4hnlichen Mund zeigten sich schimmernde Perlenz\u00e4hne. \u201eIch beobachte dich schon lange und wei\u00df von deinem Kummer. Schau hier\u201c und dabei zeigte er ihr eine schimmernde Muschel \u201ehabe ich all deine Tr\u00e4nen gesammelt.\u201c \u201eWas? Du hast \u2013 du hast meine Tr\u00e4nen gesammelt?\u201c \u201eJa, und aus jeder Tr\u00e4ne soll eine Perle werden und die Kette aus diesen Perlen werde ich deiner Tochter an ihrem 18. Geburtstag um den zarten M\u00e4dchenhals legen und sie zur Herrin der Insel machen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine Tochter? Aber ich habe keine Tochter\u201c rief die F\u00fcrstin und erschrak \u00fcber ihre eigene Stimme.<br>\u201eSei unbesorgt, noch ehe das Jahr um ist, wirst du einer Tochter das Leben schenken. Du sollst ihr den Namen Sylphidia geben und damit du wei\u00dft, dass ich wahr gesprochen habe, gib Acht: \u00dcber der rechten Schl\u00e4fe wird sich eine gr\u00fcnsilberne Str\u00e4hne durch das Blondhaar deiner Tochter ziehen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ehe Agaeta antworten konnte, schoss aus dem Mund des Meergottes eine silbrige Wasserfont\u00e4ne und ergoss sich \u00fcber die F\u00fcrstin. Sie erschauerte, denn ihr Haar, ihr Gesicht, ihr Kleid und ihre nackten Armen waren benetzt mit unz\u00e4hligen winzigen Wassertropfen, die in der Sonne glitzerten wie Diamanten. Als sie aufschaute war der gr\u00fcne Meermann verschwunden. Die \u00d6ffnung unter dem vorspringenden Felsen hatte sich geschlossen und die Wellen platschten und prallten wie eh und je an das Ufer. Agaeta stieg langsam und nachdenklich die Stufen zum Palast hinauf. Sie beschloss mit keinem Menschen, auch nicht mit ihrem Mann dem F\u00fcrsten, \u00fcber das soeben Erlebte zu sprechen, warten wollte sie, ob sich die Prophezeiung des Wassergottes tats\u00e4chlich erf\u00fcllen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Und siehe da, sie erf\u00fcllte sich, denn noch ehe ein Jahr vergangen war schenkte die F\u00fcrstin einer Tochter das Leben. Ein Freudenfest wurde anberaumt, denn alle Inselbewohner sollten sich mit dem F\u00fcrstenpaar \u00fcber die Geburt des kleinen M\u00e4dchens freuen. Nachdem ihr sehnlichster Wunsch in Erf\u00fcllung gegangen war, erinnerte sich die F\u00fcrstin an das Gebot des Meergottes und so erhielt die F\u00fcrstentochter den Namen Sylphidia. Schon sehr fr\u00fch zeigte sich, dass die Kleine besondere Gaben besa\u00df. Mit zwei Jahren konnte sie bereits schwimmen und noch ehe sie zur Schule ging kannte sie die Namen vieler Fische, wusste wie sich Muscheln und Quallen unter Wasser fortbewegen und oft erz\u00e4hlte sie von unglaublichen Vorkommnissen in den Tiefen des Ozeans. Bei diesen Schilderungen wurde Agaeta immer ganz bang ums Herz, denn all das erinnerte sie an die Stunde unten am Strand, wo ihr der Meergott Gomeron begegnet war. Ist die gr\u00fcne Str\u00e4hne im Haar ihrer Tochter nicht ein Beweis seiner Prophezeiung? Was w\u00fcrde noch alles eintreten, was ihr Gomeron damals vorausgesagt hatte? Sylphidia war jetzt acht Jahre alt, was wird in zehn Jahren, an ihrem 18. Geburtstag geschehen? Sollte das bedeuten, dass ihr geliebter Mann, der F\u00fcrst dann nicht mehr am Leben ist und dass dann die Tochter die Herrin der Insel sein w\u00fcrde, wie es Gomeron angek\u00fcndigt hatte? Alle diese Fragen gingen der F\u00fcrstin wieder und wieder durch den Kopf und lie\u00dfen ihr keine Ruhe, aber sie schwieg, trug alles allein mit sich und verbarg es in ihrem Herzen.<\/p>\n\n\n\n<p>So vergingen einige Jahre. Eines Tages, ohne dass der F\u00fcrst und die F\u00fcrstin noch daran dachten, wurde die F\u00fcrstin wieder schwanger und auf dem Schloss erblickte ein gesunder Knabe das Licht der Welt. Fortunas, Gl\u00fccksbringer, nannten die Eltern den Sohn, denn er schien die Vollendung ihres Gl\u00fcckes zu sein. Mit der Geburt dieses Kindes verschwanden auch die d\u00fcsteren Gedanken der F\u00fcrstin, denn nun konnte die Prophezeiung des Wassergottes nicht mehr eintreten. Fortunas wird, wie es Brauch und Sitte ist, eines Tages der k\u00fcnftige F\u00fcrst und Herr der Insel werden. Am meisten freute sich Sylphidia \u00fcber den kleinen Bruder, den sie vom ersten Tag an in ihr Herz schloss. Das Gl\u00fcck der F\u00fcrstenfamilie schien ungetr\u00fcbt, bis sich wieder etwas Ungew\u00f6hnliches ereignete.<\/p>\n\n\n\n<p>Sylphidia und ihr kleiner Bruder weilten an einem sch\u00f6nen Sommertag zusammen mit der Kinderfrau unten am Strand. Die beiden Kinder spielten voller Freude im goldgelben Sand, als sich pl\u00f6tzlich eine riesige Welle ans Ufer w\u00e4lzte, den kleinen Fortunas erfasste und ihn hinaus aufs Meer trug. Schreiend rannte die Kinderfrau mit Kleid und Schuhen ins Wasser und sah zu ihrem Entsetzen wie das wei\u00df gischtende Gewoge den Kleinen verschlang. Und Sylphidia? Die verst\u00f6rte Kinderfrau war kreidebleich. Sylphidia stand am Ufer und rief den Wellen in einer fremden Sprache etwas zu. Dabei machte sie merkw\u00fcrdige beschw\u00f6rende Bewegungen mit den Armen. Pl\u00f6tzlich erhob sich aus den Wellen der gl\u00e4nzende Fischleib eines Delphins. Auf seinem R\u00fccken sa\u00df der kleine Fortunas und hielt sich wie ein Reitersmann an der R\u00fcckenflosse des Delphins fest. Die Kinderfrau traute ihren Augen nicht. Der Delphin schwamm ganz nahe an das Ufer heran, lie\u00df mit einem sanften Schubs den Knaben von seinem glitschigen R\u00fccken in den Sand gleiten und verschwand wieder in den Fluten des Ozeans. Gl\u00fccklich schloss Sylphidia den kleinen Bruder in die Arme und die Geschwister spielten weiter im Sand als w\u00e4re nichts geschehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend erz\u00e4hlte die Kinderfrau das merkw\u00fcrdige Erlebnis der F\u00fcrstin. F\u00fcr Agaeta wurde durch diesen Vorfall wieder alles lebendig, was sie verdr\u00e4ngt hatte und vergessen wollte.<br>\u201eJosita, du sagst, Sylphidia h\u00e4tte den Wellen etwas zugerufen?\u201c<br>\u201eJa, gn\u00e4dige Frau und dabei hat sie so seltsame Bewegungen gemacht und dann ist pl\u00f6tzlich der Delphin aufgetaucht. Bitte, gn\u00e4dige Frau, verlangen sie nie mehr von mir, dass ich mit den Kindern hinunter zum Strand gehen soll\u201c, flehte die Kinderfrau unter Tr\u00e4nen. \u201eIch habe solche Angst, nach allem was geschehen ist\u201c.<br>\u201eSei unbesorgt, Josita, ich werde in Zukunft selbst mit Fortunas ans Meer hinunter gehen\u201c.<br>Als die Dienerin gegangen war \u00fcberlegte die F\u00fcrstin, ob sie nicht mit Sylphidia \u00fcber diesen Vorfall sprechen sollte. Aber dann m\u00fcsste sie der Tochter auch das Geheimnis ihrer Geburt verraten und ihr von den Prophezeiungen des Meergottes berichten. Agaeta sch\u00fcttelte den Kopf. Nein, das war unm\u00f6glich, sie musste weiterhin schweigen, wenn sie ihre Familie nicht beunruhigen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die seltsame Begebenheit, von der die Kinderfrau ihr erz\u00e4hlt hatte, ging Agaeta nicht aus dem Sinn. So oft sie jetzt mit ihrem S\u00f6hnchen unten am Strand weilte war sie unruhig und besorgt. Sie lie\u00df den Kleinen keine Sekunde aus den Augen und immer, wenn er \u00fcberm\u00fctig ins Wasser stapfen wollte, holte sie ihn zur\u00fcck. St\u00e4ndig beobachtete sie das Meer und wenn sich weit drau\u00dfen der wei\u00dfe Gischtkamm einer gro\u00dfen Welle zeigte, schloss sie Fortunas \u00e4ngstlich in die Arme.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re es m\u00f6glich, dass der gr\u00fcne Wassermann ihrem Sohn nach dem Leben trachtete? Hatte Gomeron nicht prophezeit, dass Sylphidia die Herrin der Insel werden sollte. Aber warum hat der Delphin dann Fortunas gerettet?<br>Je l\u00e4nger die F\u00fcrstin \u00fcber all das nachgr\u00fcbelte, desto mehr reifte in ihr der Entschluss, den Wassergott auf die Probe zu stellen. Sollte er ihr dabei den Sohn entrei\u00dfen, so w\u00fcrde sie sich in der selben Sekunde hinterher st\u00fcrzen, um mit dem geliebten Kind in den Fluten zu versinken. Von da an lie\u00df sie also den Buben ungest\u00f6rt am Ufer spielen und plantschen und sie freute sich, wenn er sich \u00fcberm\u00fctig im Sand w\u00e4lzte, um sich anschlie\u00dfend im seichten Wasser wieder abzusp\u00fclen. So ging der Sommer hin und nichts Ungew\u00f6hnliches geschah.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber eines abends, die Sonne war bereits unter gegangen und \u00fcber dem stillen Meer lag ein rosiger Schein. Agaeta sa\u00df am Ufer. Sie hielt den Knaben im Arm, denn er war m\u00fcde vom Spielen &#8211; und da h\u00f6rte sie es wieder, dieses Schl\u00fcrfen und Gurgeln unter dem Felsvorsprung. Und wieder war es, als w\u00fcrde ein m\u00e4chtiger unterirdischer Strudel alles Wasser in die Tiefe saugen. Agaeta umklammerte das Kind noch fester und wartete voll Bangen. Sie war sicher, dass Gomeron auftauchen w\u00fcrde und dann wollte sie ihn zur Rede stellen. Mit Zischen und Brausen schoss pl\u00f6tzlich eine gigantische Fontaine aus der Tiefe empor, riss den Knaben aus den Armen der Mutter und sp\u00fclte ihn auf blaugr\u00fcnen Schaumwogen hinaus ins Meer. Agaeta wurde ans Land geschleudert und sah noch, wie ihr Kind im Taumel der Wellen versank. Sie sprang auf und rannte wie eine Wahnsinnige auf die tobenden Wasser zu. V\u00f6llig verzweifelt schrie sie immer wieder den Namen ihres Sohnes. Aber was war das? Fortunas &#8211; weit drau\u00dfen sah sie pl\u00f6tzlich den Knaben. Es sah aus, als w\u00fcrde er auf den wei\u00dfen Schaumkronen der Wellen reiten. Jetzt kam er n\u00e4her und Agaeta erkannte, dass ein riesiger Fisch auf seinem R\u00fccken ihren Sohn durch die Wellen trug. Der Delphin, ja, das war der Delphin! Staunend beobachte Agaeta wie der Fisch zum Land schwamm und dann mit einem kr\u00e4ftigen Schlag seiner Schwanzflosse den Kleinen wieder ans trockene Ufer schubste. \u00dcbergl\u00fccklich schloss die F\u00fcrstin ihr Kind in die Arme, dr\u00fcckte und herzte es immer wieder, stammelte Worte der Dankbarkeit und weinte vor Gl\u00fcck. \u201eWarum weinst du?\u201c h\u00f6rte sie eine Stimme hinter sich. Sie drehte sich um und erschrak. \u201eSylphidia, du?\u201c \u201eEs ist doch alles gut\u201c, sagte das M\u00e4dchen und streichelte liebevoll den kleinen Bruder. Agaeta starrte die Tochter an. War dieses r\u00e4tselhafte Gesch\u00f6pf, das nach Tang und Algen roch und an dessen rechter Schl\u00e4fe eine gr\u00fcne Haarstr\u00e4hne schimmerte, war das wirklich ihre Tochter? War das \u00fcberhaupt ein Wesen aus Fleisch und Blut?<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Abend brach die F\u00fcrstin ihr Schweigen. Sie sa\u00df mit ihrem Mann an einem der gro\u00dfen Fenster. Tief unten lag das stille Meer im weichen Licht des Mondes. Agaeta erz\u00e4hlte dem F\u00fcrsten von ihrer unheimlichen Begegnung mit dem Wassergott und von seiner Prophezeiung, dass Sylphidia an ihrem 18. Geburtstag, die Herrin der Insel werden sollte.<br>\u201eWarum hast du mir nie etwas davon erz\u00e4hlt\u201c, sagte der F\u00fcrst \u201ediese Prophezeiung k\u00f6nnte sich doch auch so erf\u00fcllen, indem ich selbst Sylphidia an ihrem 18. Geburtstag zur Herrin der Insel mache. Ist dir das nie in den Sinn gekommen?\u201c<br>Die F\u00fcrstin sch\u00fcttelte den Kopf.<br>\u201eWarum hast du dich all die Jahre so gequ\u00e4lt?\u201c sagte der F\u00fcrst und nahm seine Frau in die Arme.<br>Erst als Fortunas geboren wurde sei sie nicht mehr beunruhigt gewesen, erz\u00e4hlte die F\u00fcrstin. Von da an h\u00e4tte sie gewusst, dass der Sohn der zuk\u00fcnftige Herrscher der Insel sein werde und dass das Orakel sich nicht erf\u00fcllen werde. Und dann schilderte sie ihr Erlebnis unten am Strand, wie ihr die Wellen das Kind aus den Armen gerissen h\u00e4tten und wie der Delphin auf seinem R\u00fccken den Kleinen zur\u00fcck ans Ufer brachte. Auch von Sylphidia erz\u00e4hlte sie, Sylphidia die pl\u00f6tzlich hinter ihr gestanden w\u00e4re, wie ein Gesch\u00f6pf aus einer anderen Welt.<br>\u201eAlles ist so r\u00e4tselhaft und ich habe Angst\u201c, sagte sie und ihre Stimme zitterte. Der F\u00fcrst stand auf und ging ans Fenster. Nachdenklich schaute er aufs Meer hinaus. \u201eNach allem was du mir berichtet hast, bin ich sicher, dass das Geheimnis um die Geburt unserer Tochter mit einem Ereignis zu tun hat, das sich vor langer Zeit hier zugetragen haben muss Er setzte sich wieder neben die F\u00fcrstin und begann:<\/p>\n\n\n\n<p>Vor vielen hundert Jahren war unserer Insel ein unbewohntes Eiland mitten im weiten Ozean. Eines Tages strandete nach einem schweren Sturm ein Schiff an der K\u00fcste der Insel. An Bord des Schiffes befand sich auch ein vornehmer K\u00f6nigssohn mit seinem Gefolge. Wie froh waren die ersch\u00f6pften Reisenden und die Mannschaft des Schiffes hier auf der Insel endlich frisches Wasser zu finden. Zudem gab es herrliche Fr\u00fcchte und N\u00fcsse und am Strand fanden sie reichlich Muscheln und Krebse. Alles war da, und man bereitete ein k\u00f6stliches Mahl. W\u00e4hrend die Gestrandeten sich st\u00e4rkten und im Schatten der Palmen ausruhten, begab sich der junge Prinz auf einen Erkundungsgang entlang der K\u00fcste. Genau an jener Stelle unten am Strand, wo du heute das schreckliche Erlebnis hattest, setzte er sich hin und schaute aufs Meer hinaus, voll banger Sorge, ob er wohl je wieder zur\u00fcck in seine Heimat kommen w\u00fcrde. Da sah er wie weit drau\u00dfen auf dem Wasser sich eine riesige Welle auft\u00fcrmte und in rasendem Tempo geradewegs auf ihn zueilte. Beim N\u00e4herkommen erblickte er einen blauen Delphin auf dessen R\u00fccken eine zauberhafte Nymphe sa\u00df. Das blonde Haar, durchzogen von goldgr\u00fcnen Str\u00e4hnen, fiel ihr in Wellen auf die Schultern. Ihre Augen schimmerten gr\u00fcn wie das Meer und ihre Lippen waren zart wie die Bl\u00e4tter der Seerosen. Sanft lie\u00df der Fisch die Meermaid neben dem \u00fcberraschten K\u00f6nigssohn ans Ufer gleiten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWillkommen Fremdling auf unserer Insel Canarsis\u201c, sagte die Nymphe \u201eIch bin die Tochter des Meergottes Gomeron, dessen Reich sich hier unter der Insel befindet. Mein Name ist Sylphidia\u201c.<br>\u201cSylphidia? das ist der Name unserer Tochter\u201c, rief die F\u00fcrstin.<br>\u201eJa, meine Liebe und du wirst gleich verstehen, warum mit diesem Namen auch das Schicksal unserer Insel verbunden ist. Der fremde K\u00f6nigssohn war von der holden Meermaid ganz bezaubert und kehrte erst als es dunkel war wieder zur\u00fcck zu den Anderen. Dort er\u00f6ffnete er ihnen, dass er auf der Insel bleiben wolle. Wie erstaunt war er, als er auch von den anderen Schiffbr\u00fcchigen h\u00f6rte, dass sie seinem Beispiel folgen wollten. So begannen sie also die Insel zu besiedeln. Sie bauten H\u00fctten und H\u00e4user, legten Wege, G\u00e4rten und Felder an und pflanzten Wein an den sonnigen H\u00e4ngen. Der junge K\u00f6nigssohn hatte sich inzwischen mit der Tochter des Meergottes verm\u00e4hlt und lie\u00df sich unten am Strand einen herrlichen Palast bauen. Als dem jungen Paar \u2013 unseren Urahnen, wie du wei\u00dft &#8211; dann noch ein Sohn geboren wurde, schien ihr Gl\u00fcck vollkommen. Aber der Schein war tr\u00fcgerisch, denn der Meergott Gomeron hatte die Heirat seiner Tochter mit einem Irdischen nie gebilligt und versuchte sich nun zu r\u00e4chen. Immer wieder lie\u00df er gewaltige Wellenberge auf den Palast des F\u00fcrstenpaares niederst\u00fcrzen oder w\u00e4lzte Salz und Sand vor die Fenster und Portale. In einer st\u00fcrmischen Nacht tauchte er w\u00fctend aus der Tiefe auf und verfluchte seine Tochter. Nie mehr d\u00fcrfe sie zur\u00fcck kehren schwor er, um unsterblich mit den Ihren auf dem Grund des Meeres zu leben; sterben werde sie wie alle Menschen und die Insel, die werde er sich zur\u00fcck holen, irgendwann. Dann versank er und riss in einem sch\u00e4umenden Wasserstrudel einen Teil der Mauern des Palastes mit sich in die Tiefe. An jenem Tag beschloss mein Urahn sich oben am Berg ein Haus zu bauen, weit weg vom tobenden Meer, um sich und seine Familie zu sch\u00fctzen, genau da, wo wir uns jetzt befinden\u201c, schloss der F\u00fcrst seine Geschichte.<br>Die F\u00fcrstin fr\u00f6stelte. \u201cEr kann also jederzeit wieder auftauchen und seine Drohung wahrmachen?\u201c fragte sie besorgt.<br>\u201cEr hat in all den zur\u00fcck liegenden Jahrhunderten der Insel nie mehr Schaden zugef\u00fcgt, warum sollte er es jetzt tun? Vielleicht ist seine Bitte, unserer Tochter den Namen Sylphidia zu geben, auch ein Beweis, dass er sich mit uns vers\u00f6hnen will?<\/p>\n\n\n\n<p>Und k\u00f6nnte es nicht sein, dass der Wassergott mit Fortunas spielen wollte, als er den Kleinen auf dem Delphin hat reiten lassen? Du solltest dir nicht so viele Gedanken machen.\u201c<br>Trotz der Zuversicht des F\u00fcrsten, blieben in Agaetas Herzen Zweifel und Sorgen zur\u00fcck.<br>Nachdem sich aber in den folgenden Jahren nichts mehr ereignete, was die F\u00fcrstin h\u00e4tte \u00e4ngstigen k\u00f6nnen, wurde sie allm\u00e4hlich wieder ruhiger und ihre heitere Wesensart, die alle so an ihr liebten, kam wieder zum Vorschein. Sie sah ihre Kinder heranwachsen und freute sich \u00fcber die Liebe und das innige Verst\u00e4ndnis der Geschwister zu einander. So gingen die Jahre ins Land und der 18. Geburtstag der F\u00fcrstentochter stand unmittelbar bevor. Ein wundersch\u00f6nes Fest sollte es werden zu dem Sylphidia alle ihre Freunde einladen wollte. Mit Musik und Tanz, mit lustigen Spielen, Essen und Trinken und zum Abschluss mit einem gro\u00dfen Feuerwerk wollte der F\u00fcrst das Geburtstagsfest seiner Tochter feiern. So wurde also schon Wochen vorher mit den Vorbereitungen begonnen. Aber je n\u00e4her das Fest r\u00fcckte, desto unruhiger wurde die F\u00fcrstin. In einer Mischung aus Mitfreude und Angst beobachtete sie das eifrige Tun um sich herum. W\u00e4hrend die Tochter, schlank von Gestalt, mit rosigen Wangen und dem Goldhaar mit der gr\u00fcnen Str\u00e4hne von Tag zu Tag mehr erbl\u00fchte, wurde Agaeta immer bleicher und stiller. Viele Stunden verbrachte sie allein in ihren Gem\u00e4chern und wenn der F\u00fcrst sie dort aufsuchte war sie oft bedr\u00fcckt und schwerm\u00fctig. \u201cWas ist mit Dir? Warum bist du so betr\u00fcbt? Hast du nicht eine wundersch\u00f6ne Tochter und einen pr\u00e4chtigen Sohn? Du solltest dich mit uns freuen.\u201c<br>\u201eJa, das werde ich tun\u201c, sagte die F\u00fcrstin, \u201ewenn das Fest vorbei ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So kam also der gro\u00dfe Tag. Schon am Morgen hallten B\u00f6llersch\u00fcsse \u00fcber die Insel, um allen Bewohnern das Freudenfest anzuk\u00fcndigen. Auf dem Dach des Palastes wehte die Fahne in den Farben der Insel, blau und gr\u00fcn. Die Fenster und Portale waren mit Rosengirlanden geschm\u00fcckt, in den B\u00e4umen und Hecken baumelten Luftballons und bunte Schleifen zierten das Gel\u00e4nder der gro\u00dfen Freitreppe, die in den Garten f\u00fchrte. Sobald die Sonne aufgegangen war, fand sich auf der Terrasse eine Musikkapelle ein, um das Geburtstagskind mit einem St\u00e4ndchen zu begr\u00fc\u00dfen. Sylphidia trat auf dem Balkon und lauschte den Musikanten. Wie wundersch\u00f6n sie war in ihrem Kleid aus schimmernder meergr\u00fcner Seide und der Seerose im blonden Haar. Sylphidia bedankte sich bei den Musikanten, denn jetzt hielt eine prunkvolle Kutsche vor der Freitreppe, um die F\u00fcrstenfamilie zur Kirche zu bringen. Bei der Fahrt durch die Stadt winkten und jubelten die Menschen von Fenstern und Balkonen herab und streuten Rosen und Levkojen auf die vorbeifahrende Kutsche. Entlang der Stra\u00dfe winkten die Kinder mit blaugr\u00fcnen F\u00e4hnchen, die M\u00e4nner schwenkten ihre H\u00fcte und eine Schar Jugendlicher rannte mit Hurra-Geschrei hinter der Kutsche her. Nachdem die Familie aus der Kirche zur\u00fcck gekehrt war, fand auf der Terrasse der gro\u00dfe Empfang f\u00fcr die Geburtstagsg\u00e4ste statt. Alle Freundinnen und Freunde, Verwandte und Bekannte und die Bediensteten des Schlosses hatten sich eingefunden. Eine Gruppe kleiner M\u00e4dchen in duftigen wei\u00dfen Kleidern f\u00fchrte einen Tanz auf und ein zehnj\u00e4hriger Junge trug ein Gedicht vor. Nachdem Sylphidia von ihren G\u00e4sten mit Gl\u00fcckw\u00fcnschen und Geschenken reich bedacht worden war, pr\u00e4sentierten als Letzte der F\u00fcrst und die F\u00fcrstin ihr Geschenk. F\u00fcrst Hero f\u00fchrte seine Tochter an die Br\u00fcstung und zeigte hinunter zum Meer. In der Bucht lag, von leichten Wellen hin und her geschaukelt, ein kleines Segelboot vor Anker. Sylphidia stie\u00df einen Freudenschrei aus und fiel ihrem Vater um den Hals, ihr sehnlichster Wunsch war in Erf\u00fcllung gegangen. Sogleich eilte sie mit ihren Freunden hinunter zum Strand, um das herrliche Geschenk n\u00e4her zu betrachten. Mit Sorge beobachtete Agaeta die \u00fcbersch\u00e4umende Freude der Tochter. Musste sich durch das Boot die geheimnisvolle Beziehung, die Sylphidia mit dem Meer verband, nicht noch mehr vertiefen?<br>Zum Mittagessen fand sich die illustre Gesellschaft unter den gro\u00dfen schattigen B\u00e4umen ein, wo eine reich gedeckte Tafel aufgebaut war. Unter fr\u00f6hlichem Geplauder lie\u00dfen sich die G\u00e4ste k\u00f6stliches Wildbret, zartes Gefl\u00fcgel, und die leckersten Salate schmecken. Nur Fisch suchte man vergeblich unter den Schlemmereien, denn Fisch durfte, auf Sylphidias Wunsch hin, nicht gereicht werden. Immer wieder hoben die gutgelaunten G\u00e4ste ihre Gl\u00e4ser, um das Geburtstagskind mit einem Trinkspruch zu ehren. Nach dem \u00fcppigen Mahl zerstreuten sich die Besucher im Park um zu flanieren. Andere lie\u00dfen sich auf einer hinter Buchshecken versteckten Bank nieder, um ein wenig auszuruhen. Sylphidia und ihre jungen G\u00e4ste begaben sich auf die Terrasse, wo jetzt eine Kapelle heitere Melodien spielte und schon bald waren von weitem die fliegenden R\u00f6cke der tanzenden M\u00e4dchen zu sehen. So gingen die Stunden hin wie im Fluge und der Abend nahte. Nachdem die Sonne untergegangen war, warteten alle gespannt auf das gro\u00dfe Feuerwerk, das erst, wenn es ganz dunkel war stattfinden sollte. Sylphidia sa\u00df fr\u00f6hlich plaudernd im Kreise ihrer Freunde und das Kichern, Scherzen und Lachen der jungen Leute drang bis in den Pavillon am Rande des Gartens, in das sich das F\u00fcrstenpaar zusammen mit dem kleinen Fortunas zur\u00fcckgezogen hatte. Noch drei Stunden bis Mitternacht ging es der F\u00fcrstin durch den Kopf, dann ist alles \u00fcberstanden, dann kann ich aufatmen und mich auch von Herzen freuen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas f\u00fcr ein herrliches Fest, schau nur, wie fr\u00f6hlich unsere G\u00e4ste sind\u201c, sagte der F\u00fcrst zu seiner Frau, \u201enur du bist so ernst, meine Liebe und das verstehe ich nicht. Hast du bemerkt wie umschw\u00e4rmt unsere sch\u00f6ne Tochter ist, \u00fcberall ist sie der Mittelpunkt. Ja, heute ist Sylphidias Ehrentag, heute ist sie wirklich die Herrin der Insel.\u201c Die F\u00fcrstin erbleichte. Kaum hatte der F\u00fcrst diese Worte ausgesprochen, war es Agaeta, als ginge ein Zittern durch die Insel, so fein und schwach wie ein fernes Donnerrollen. Die F\u00fcrstin griff nach der Hand ihres Mannes und hielt den Atem an. Jetzt &#8211; da war es wieder! Was war das? Bebte die Insel? Von den G\u00e4sten hatte es bisher niemand bemerkt. Aber pl\u00f6tzlich fuhr ein ungeheuer Ruck durch die Insel. Die Teller wackelten auf den Tischen und Gl\u00e4ser fielen klirrend zu Boden. Die Tanzenden hielten erschreckt inne, auch die Musik hatte aufgeh\u00f6rt zu spielen. Vom Kirchturm klang ein langer dumpfer Glockenton her\u00fcber. Kein Lufthauch war zu sp\u00fcren und dennoch war von ferne das gewaltige Rauschen eines herannahenden Sturmes zu h\u00f6ren. Das fr\u00f6hliche Lachen der Geburtstagsg\u00e4ste war verstummt und alle standen wie erstarrt und horchten gespannt auf die unheimlichen Ger\u00e4usche. \u201eKommt, kommt alle mit, folgt mir nach&#8230;!\u201c Was f\u00fcr eine merkw\u00fcrdige Stimme? Woher kamen diese gurgelnden, glucksende Laute? Von dort? Auf der obersten Treppenstufe, die zur Terrasse des Palastes f\u00fchrte stand Sylphidia. Aber war das die sch\u00f6ne F\u00fcrstentochter, die eben noch so fr\u00f6hlich mit ihren Freunden gescherzt und gelacht hatte? Die schlanke Gestalt war in ein seltsam blaugr\u00fcnes Licht getaucht und Wasser, ja Wasser tropfte aus den Falten ihres Kleides. Jetzt streckte sie beschw\u00f6rend die H\u00e4nde aus und da konnte man es sehen: Sie hatte Schwimmh\u00e4ute zwischen den Fingern!<br>\u201cKommt, folgt mir, kommt alle mit\u201c, wieder lockte diese eigenartig verz\u00fcckte Stimme. \u201e Kommt mit! Wir feiern ein gro\u00dfartiges Wasserfest; wir tauchen, tauchen in die blaugr\u00fcnen Gr\u00fcnde des Ozeans. Wir schwimmen, schwimmen durch G\u00e4rten mit Wasserrosen und durch einen Urwald von Tang. Wir schwimmen zwischen Fischen, die leuchten wie Edelsteine, wir schwimmen zwischen Quallen in zarten Schleierkleidern&#8230;wir schwimmen, schwimmen&#8230;\u201c. Sie bewegte die Arme als w\u00fcrde sie schwimmen und wies dabei in die Richtung der Stadtmauer. Pl\u00f6tzlich ein gellender Schrei: \u201eDie Stadt, die Stadt&#8230;Ein grauenvoller Anblick bot sich den entsetzten Geburtstagsg\u00e4sten: Die Stadt war von der restlichen Insel abgebrochen und in den abgrundtiefen Spalt zwischen der Stadt und der Insel zw\u00e4ngte sich das Meer mit sturzflutartigen Wassermassen. Aus der Tiefe war die Stimme Gomerons zu h\u00f6ren:<br>\u201cIch will sie ganz, die stolze Stadt, kein Stein darf vom anderen fallen, kein Dach darf einst\u00fcrzen, ich will sie ganz und unversehrt auf dem Grunde des Meeres haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Entlang der Stadtummauerung waren jetzt riesige Flossenarme zu sehen, die sich festkrallten und zerrten und zogen. Ein Krake von unvorstellbarem Ausma\u00df hatte seine Fangarme um die Stadt geschlungen und versuchte sie in die Tiefe zu ziehen. An den Felsvorspr\u00fcngen hingen gigantische Meerschlangen, um mit ihrem Gewicht die Mauern nach unten zu zwingen. Monstr\u00f6se Wasserm\u00e4nner mit gr\u00fcngl\u00e4nzenden K\u00f6rpern zerrten und rissen mit ihren muskul\u00f6sen Armen die Stadt immer weiter in die tosenden Wellenberge hinein. Die Stadt, die bereits zur H\u00e4lfte versunken war trieb wie ein Schiff in Seenot im aufgepeitschten Meer.<br>Das F\u00fcrstenpaar sa\u00df totenbleich, den kleinen Sohn zwischen sich und starrte wie gel\u00e4hmt auf das ungeheuerliche Geschehen. Sie hatten l\u00e4ngst keine Worte mehr, sie wussten, dass sie diesem Grauen nicht entrinnen konnten. Agaeta zuckte zusammen wie unter einem Peitschenschlag, denn wieder war Gomerons Stimme zu vernehmen: \u201cSylphidia komm, komm meine Geliebte, auf die ich so lange gewartet habe, heute noch werde ich dich zur Herrin der Insel machen.\u201c<br>Dann ergoss sich ein gigantischer Wellenberg mit todbringender Wucht \u00fcber die Insel und riss alles Leben in den tosenden Abgrund. Bevor Agaeta das Bewusstsein verlor, sah sie noch, wie inmitten des w\u00fctenden Gewoges der blausilberne Leib des Delphins auftauchte, blitzschnell Fortunas auf seinen R\u00fccken hob und ihn durch die tobenden Wellenberge davon trug.<br>Eine Stunde vor Mitternacht war die Stadt so weit untergegangen, dass nur noch der Kirchturm mit den drei Glocken aus dem Wasser ragte. Das schauerliche Gel\u00e4ute der Glocken, die durch die Wucht der Wellen bewegt wurden, war das letzte was von der Insel Canarsis zu h\u00f6ren war. Zur Geisterstunde stieg ein bleicher Mond auf und beschien einen gro\u00dfen brodelnden Fleck auf der dunklen Wasserfl\u00e4che. Canarsis, die herrliche Insel war auf den Grund des Meeres gesunken.<\/p>\n\n\n\n<p>Tief unten in den blaugr\u00fcnen Wassern blies Gomeron auf seinem Muschelhorn, um alle Wassergeister, alle Nymphen und Nixen, alle Fische, Quallen, Kraken, Seeschlangen, Muscheln, Schnecken und Seesterne zu seinem Hochzeitsfest einzuladen. Morgen sollte die F\u00fcrstentochter Sylphidia seine K\u00f6nigin werden. Eine Schar Meerjungfrauen in flutenden Tangkleidern hatte Sylphidia am Eingang der Unterwasserh\u00f6hle in Empfang genommen. Jetzt l\u00f6sten sie ihr das Haar und salbten ihre Haut mit einer Paste aus Seetang und Schneckenschleim. Sylphidia f\u00fchlte sich pl\u00f6tzlich leicht und schwerelos, ihre Bewegungen wurden weich und flie\u00dfend und zugleich ruhelos. Dann h\u00fcllten die Meerjungfrauen sie in ein Gewand aus gr\u00fcnsilbernem Gespinst und schm\u00fcckten sie mit einem Kranz aus wei\u00dfen Seerosen. \u201eNun bist du auch eine Wasserg\u00f6ttin\u201c sagte die \u00c4lteste der Meerfrauen \u201eund jetzt komm, wir werden dich zu unserem F\u00fcrsten bringen.\u201c<br>Gomeron, der Wasserf\u00fcrst sa\u00df auf einem Thron, der aus einer riesigen goldgl\u00e4nzenden Muschel bestand. Der gleiche Thron stand auch f\u00fcr Sylphidia bereit. \u201cKomm meine Sch\u00f6ne\u201c, sagte Gomeron und nahm sie bei der Hand. \u201cWei\u00dft du, dass ich dich schon liebte, ehe du geboren warst? Nun sollst du f\u00fcr alle Zeiten meine K\u00f6nigin und die Herrin der Insel sein.\u201c<br>Sylphidia konnte den Blick von dem seltsam sch\u00f6nen und doch unheimlichen Mann nicht wenden, dessen Stimme wie Meeresrauschen klang. Gomeron nahm jetzt aus einer kleinen Muschelschale eine Perlenkette und legte sie Sylphidia um den Hals. In dem Augenblick aber, als Sylphidia die Perlen auf ihrer Haut sp\u00fcrte, zuckte sie zusammen und schrie auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cWas ist das? Wo bin ich hier? Meine Eltern, mein kleiner Bruder Fortunas, wo sind sie? Wo ist die Insel auf der ich lebte? Wo sind die Stadt und der Palast meiner Eltern? Wo sind meine Freunde? Was habt ihr mit mir gemacht?\u201c<br>\u201cHabe ich dich nicht gewarnt, Gomeron, die Tr\u00e4nen ihrer Mutter zu sammeln. In diesen Tr\u00e4nen liegt die Wahrheit und nach dieser Wahrheit wird sie nun verlangen.\u201c Es war eine alte spinnwebhaarige Meerfrau, die das sagte.<br>\u201cDann nimm ihr die Kette ab\u201c, befahl Gomeron der Alten.<br>Aber Sylphidia hielt die Kette an sich gepresst und nun war ihr, als w\u00e4re pl\u00f6tzlich die Schwebeleichtigkeit verschwunden und als h\u00e4tte sie keinen Atem mehr.<br>\u201cJa, die Wahrheit\u201c, keuchte sie, \u201eich will die Wahrheit wissen.\u201c<br>Mit einer Stimme, die jetzt auf einmal so fein und z\u00e4rtlich klang wie das Wellenspiel am Ufer sagte Gomeron: \u201cKomm Sylphidia setz dich wieder neben mich. Wei\u00dft du, vor vielen Jahrhunderten hat mir ein Menschenmann mein Liebstes weggenommen, meine Tochter Sylphidia. Seitdem lebe ich einsam hier unten in der Tiefe. Ich sehnte mich immer nach Liebe, aber ich konnte sie nicht finden, nicht hier in meinem Reich und auch nicht oben auf der Erde, bis ich eines Tages von deinen Eltern h\u00f6rte.\u201c<br>\u201cVon meinen Eltern?\u201c fragte Sylphidia erstaunt.<br>\u201cJa, denn sie liebten sich so innig, wie ich mir die Liebe immer gew\u00fcnscht habe. Ich beneidete sie, aber eigentlich waren sie gar nicht zu beneiden, denn sie bekamen keine Kinder und das warf einen gro\u00dfen Schatten auf ihre Liebe. Wie oft habe ich deine Mutter unten am Meer sitzen sehen, weinend und ungl\u00fccklich. In jener Zeit habe ich angefangen ihre Tr\u00e4nen zu sammeln und die alte Nymphia musste mir daraus Perlen machen, jene Perlen, die du jetzt um den Hals tr\u00e4gst. Nymphia war es auch, die mir jenen Zaubersud bereitet hat mit dem ich deine Mutter bespr\u00fchte, damit sie endlich ein Kind bekommen konnte und dieses Kind bist du, Sylphidia. Ich liebte dich schon vor du geboren warst und sp\u00e4ter habe ich mich in deine Tr\u00e4ume geschlichen, denn ich wollte dich vorbereiten auf die herrliche Unterwasserwelt, in die ich dich eines Tages f\u00fchren wollte.\u201c \u201c<br>\u201cAber warum hast du die Stadt mitgerissen in die Tiefe?\u201c<br>\u201cWeil du nichts vermissen sollst. Alles, was dir dort oben lieb und wichtig war, das wirst du auch hier unten besitzen. Du kannst weiter in deinem Palast wohnen und darfst dich auch hier an den sch\u00f6nen G\u00e4rten freuen. Sie sind hier unten zu wiegenden Tangw\u00e4ldern geworden und die Blumen haben wir in traumbunte Fische verwandelt. Auch deine sch\u00f6nen Kleider sollst du weiterhin tragen, gewoben aus hauchfeinem Algengespinst und deinen Schmuck&#8230;.<br>\u201c&#8230; aus den Tr\u00e4nen meiner Mutter, die Ihr in Perlen verwandelt habt.\u201c<br>Sylphidia wollte weinen, aber sie sp\u00fcrte, dass sie keine Tr\u00e4nen mehr hatte.<br>\u201cWas ist mit meinen Eltern, mit meinem Bruder und mit all den lieben Freunden?\u201c fragte sie voller Traurigkeit.<br>\u201cDu wirst sie vergessen.\u201c<br>\u201cAber warum soll ich sie vergessen, sie, die ich doch so sehr liebe\u201c.<br>\u201cDu wirst sie vergessen, weil sie sterblich sind, du aber wirst mit mir sein ewig in den Tiefen des Meeres. Du wirst unsterblich sein. Sobald Du die Kette von Deinem Hals nimmst, wirst Du nichts mehr wissen, was vorher war. &#8211; Gib mir jetzt die Kette zur\u00fcck\u201c, sagte Gomeron eindringlich und mit einer z\u00e4rtlichen Bewegung griff nach der Kette, aber Sylphidia hielt sie noch immer fest.<br>\u201cWenn Du mich so liebst, wie du sagst, dann gew\u00e4hre mir eine Bitte. Einmal im Jahr, f\u00fcr einen Tag und f\u00fcr eine Nacht, da lass mich die Kette mit den Tr\u00e4nen meiner Mutter umlegen, damit ich mich erinnern kann an mein fr\u00fcheres Leben. Und dann soll auch die Stadt auftauchen und auf der Spiegelfl\u00e4che des Meeres schwimmen im Licht der Sonne und im Schein der Sterne.\u201c<br>Gomeron z\u00f6gerte, doch dann sagte er: \u201cIch werde Dir Deinen Wunsch erf\u00fcllen, einmal in jedem Jahr an Deinem Geburtstag soll die Stadt auftauchen und Du sollst Dich an Dein fr\u00fcheres Leben erinnern.\u201c<br>Behutsam nahm er Sylphidia die Kette vom Hals und legte sie zur\u00fcck in die Muschelschale.<\/p>\n\n\n\n<p>II. Teil<br>Es d\u00e4mmerte, aber die Sonne war noch nicht aus dem Meer gestiegen. Fernando, der Fischer, ging an diesem Morgen wie immer aus seiner H\u00fctte und schritt \u00fcber die runden Steine hinunter zum Ufer. Er band seinen Kahn los und wollte gerade hinaus aufs Meer fahren, als er den Knaben erblickte. Traurig und frierend sa\u00df der Kleine auf einem Stein, ein Bild des Jammers. Der Junge mochte etwa 10 Jahre alt sein. Das dunkle Lockenhaar war nass, genau so nass wie seine Kleider und Schuhe.<br>\u201cWer bist du denn und wie kommst du hierher?\u201c fragte Fernando teilnehmend, bemerkte aber sogleich, dass der Junge ihn nicht verstand. \u201ePapa, Mama\u201c sagte der Junge und dicke Tr\u00e4nen liefen ihm \u00fcber das Gesicht. Fernando f\u00fchrte den Jungen zu seiner H\u00fctte. Die Fischerfrau zog dem Findelkind trockene Kleider an und setzte ihn an den Tisch zu ihren eigenen drei Kindern. Neugierig beobachteten sich die Kinder und fanden bald einen Grund ihre anf\u00e4ngliche Sch\u00fcchternheit zu \u00fcberwinden. Es war der Hund der Fischerfamilie, der unentwegt in lustigen Spr\u00fcngen nach einer Fliege schnappte und sie nicht erwischte. Da lachten die Kinder miteinander und der Bann der Fremdheit war gebrochen.<br>\u201cIch bin Pedro\u201c sagte der \u00c4lteste \u201eund das ist Giovanni, mein Bruder und Donata, meine kleine Schwester und wie hei\u00dft du?\u201c<br>\u201cFortunas\u201c, sagte der Junge.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau des Fischers hatte in der Zwischenzeit die Kleider des Knaben zum Trocknen aufgeh\u00e4ngt. Alles war aus Samt und feinster Seide gefertigt und die Kn\u00f6pfe an der kleinen Weste funkelten im Sonnenlicht. Beim genauen Hinsehen erkannte sie, dass es lauter Edelsteine waren. Wo mag er wohl hergekommen sein und welches schlimme Schicksal hat ihn in unsere Bucht gesp\u00fclt? fragte sie sich.<br>Es vergingen einige Monate und Fortunas lernte immer besser sich mit den Fischerkindern zu verst\u00e4ndigen. Eines Tages begann er, etwas stockend zuerst, von seinem Erlebnis mit dem blauen Delphin zu erz\u00e4hlen. Die drei Kinder h\u00f6rten ihm aufmerksam zu und berichteten dann ihren Eltern davon. Der Fischer und seine Frau, die schon lange \u00fcber die unbekannte Herkunft des Findelkindes gegr\u00fcbelt hatten, forderten nun den Kleinen auf, weiter von sich zu erz\u00e4hlen. Und so erfuhren sie von Fortunas Eltern, die ein reiches F\u00fcrstenpaar waren und von seiner sch\u00f6nen Schwester Sylphidia. Fortunas schilderte der Fischerfamilie in allen Farben seine Insel mit der herrlichen Stadt. Pl\u00f6tzlich brach er in Tr\u00e4nen aus und erz\u00e4hlte wie die Insel am Geburtstag seiner Schwester auseinander gebrochen ist und dann von gewaltigen Wassermassen in die Tiefe gerissen worden ist. Zuletzt schilderte er seine abenteuerliche Rettung durch den blauen Delphin, der ihn schlie\u00dflich hierher an diese K\u00fcste gebracht hat. So wundersam war diese Geschichte, dass schon bald auch die Leute aus der Nachbarschaft in die Fischerh\u00fctte kamen, um sich das unglaubliche Erlebnis vom Untergang der sch\u00f6nen Insel Canarsis und von der Rettung des Knaben durch den blauen Delphin erz\u00e4hlen zu lassen.<br>Nach allem, was die Fischerleute nun \u00fcber ihr Findelkind erfahren hatten und was ja durch die feinen Kleider des Jungen best\u00e4tigt wurde, fiel es ihnen schwer, ihn genau so zu behandeln wie die eigenen Kinder. Er war doch wirklich etwas Besseres. Sollte er nicht in der Stadt in eine Schule gehen und studieren. Aber Fortunas wollte, wie die beiden Buben der Fischerleute, das Handwerk der Fischer lernen. Er war geschickt, hatte keine Scheu vor dem Wasser und brachte schon bald reichen Fang nach Hause. T\u00e4glich fuhr er nun mit seinen neuen Br\u00fcdern hinaus aufs Meer und da kam es des \u00f6fteren vor, dass er zu ihnen sagte:<br>\u201cSeht, da ist er wieder\u201c und damit meinte er den Delphin, der ihn also noch immer begleitete. Jedes Mal, wenn sie dem gro\u00dfen Fisch folgten, kamen sie zu so reichen Fischgr\u00fcnden, dass ihr kleines Boot anschlie\u00dfend die Fracht kaum tragen konnte. So kehrte bald ein bescheidener Wohlstand in die Fischerh\u00fctte ein. Die Fischerleute kamen immer mehr zu der Erkenntnis, dass ihnen ein g\u00fctiger Gott das fremde Kind geschickt hatte und waren von Herzen dankbar.<br>Wieder waren einige Jahre ins Land gegangen und eines Tages erz\u00e4hlte Fortunas seiner Familie, dass er seine Stadt gesehen habe. Weit drau\u00dfen auf der funkelnden Wasserfl\u00e4che sei sie im Sonnenlicht dahin geschwommen. Er habe sie zu erreichen versucht, aber immer, wenn glaubte ihr ganz nahe zu sein, sei sie wieder in die Ferne ger\u00fcckt. Schlie\u00dflich h\u00e4tte er es aufgegeben, aber er werde weiter nach ihr forschen. Fernando, der alte Fischer, wollte nicht, dass sich seine Jungen zu weit hinaus wagten. Das Meer war t\u00fcckisch und den jungen Burschen fehlte noch die Erfahrung. Aber Fortunas wollte sich von seinem Vorhaben nicht abbringen lassen und so kam es, dass er oft heimlich mit dem Boot hinausfuhr. Die Suche nach seiner Stadt war zu einer fixen Idee geworden und so wagte er sich immer weiter hinaus. Aber all sein Suchen und Forschen war vergeblich, die Stadt blieb verschwunden. Doch an einem sch\u00f6nen Sommertag, es war der 29. Juni, lag die Stadt pl\u00f6tzlich wieder weit drau\u00dfen auf dem glitzernden Wasser. Jetzt erinnerte sich Fortunas, dass der 29. Juni der Geburtstag seiner Schwester Sylphidia war und dass an diesem Tag seine Insel im Meer verschwunden war. Wieder bem\u00fchte er sich vergebens der schwimmenden Stadt n\u00e4her zu kommen. Gegen\u00fcber der Fischerfamilie hatte er von der Suche nach seiner Stadt nichts mehr berichtet. Er wollte die einfachen Leutchen nicht unn\u00f6tig beunruhigen und vielleicht h\u00e4tten sie ihn am Ende sogar f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt. Nur seiner Stiefschwester Donata erz\u00e4hlte er davon. Je \u00e4lter das M\u00e4dchen wurde, desto mehr war in ihr eine tiefe Zuneigung zu dem angenommenen Bruder gewachsen. Genauso war es Fortunas ergangen und so gestanden die beiden sich eines Tages ihre Liebe. Den Eltern und den Br\u00fcdern wollten sie vorerst noch nichts von ihrer Neigung erz\u00e4hlen. So blieben sie weiterhin innig Vertraute und h\u00fcteten das Geheimnis ihrer Liebe. Als nun Donata von der schwimmenden Stadt h\u00f6rte, bat sie Fortunas sie mit hinaus aufs Meer zu nehmen, um mit ihm zusammen das Wunder zu erleben.<br>\u201cDa musst du aber noch ein Jahr warten, denn bis jetzt habe ich die Stadt immer nur am 29. Juni gesehen, sonst nie.\u201c<br>\u201cGut dann warten wir eben, aber n\u00e4chstes Jahr nimmst du mich mit, versprich mir das.\u201c<br>Fortunas versprach es. So verging das Jahr, ohne dass sich etwas Ungew\u00f6hnliches ereignet h\u00e4tte. Fortunas suchte nun auch nicht weiter nach der schwimmenden Stadt, denn er war sicher, dass sie nur an diesem einen Tag zu sehen war. Endlich kam der langersehnte Tag. Es war ein herrlicher Morgen als Donata zu Fortunas ins Boot stieg und weil Sonntag war, hatte das M\u00e4dchen ihr sch\u00f6nstes Kleid angezogen.<br>\u201cDu siehst aus wie eine Braut\u201c sagte Fortunas und k\u00fcsste sie \u201eund so wie jetzt stelle ich mir meinen Hochzeitstag vor.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gl\u00fccklich l\u00e4chelnd lie\u00df sich Donata von ihrem Liebsten hinaus aufs glitzernde Meer rudern. Die Beiden fieberten vor Erwartung, denn heute wollten sie ja die schwimmende Stadt erreichen. Immer weiter entfernte sich das Boot vom Ufer, bis es am Ende nur noch als ein kleiner Punkt zu sehen war. Als der Abend heraufd\u00e4mmerte waren die beiden jungen Leute noch immer nicht zur\u00fcck. Mehrmals ging Fernando mit seinen S\u00f6hnen hinunter zum Strand. Das Meer lag ruhig und friedlich, aber von dem Boot war weit und breit nichts zu sehen. Inzwischen war es Nacht geworden und mit jeder Stunde wuchs die Sorge der Fischerfamilie. Als die Vermissten am darauf folgenden Morgen noch immer nicht aufgetaucht waren, begann das ganze Dorf fieberhaft mit Booten drau\u00dfen auf dem Meer nach den Beiden zu suchen. Vergebens. Fortunas und Donata blieben verschwunden und bis zum heutigen Tag wei\u00df niemand, was ihnen drau\u00dfen auf dem weiten Ozean zugesto\u00dfen ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gab eine Zeit da glaubten die Menschen die Erde sei eine runde Scheibe, unter der die Sonne an einem Ende abends verschwindet und des Morgens am gegen\u00fcberliegenden Ende wieder auftaucht. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4891,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,204,133],"tags":[],"class_list":["post-4890","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-maerchen","category-unbekannt","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4890","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4890"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4890\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4892,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4890\/revisions\/4892"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4891"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4890"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4890"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4890"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}