{"id":4885,"date":"2026-01-26T12:09:31","date_gmt":"2026-01-26T11:09:31","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=4885"},"modified":"2026-01-26T12:11:22","modified_gmt":"2026-01-26T11:11:22","slug":"das-stumme-buch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-stumme-buch\/","title":{"rendered":"Das stumme Buch"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Das stumme Buch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>An der Landstra\u00dfe im Walde lag ein einsamer Bauernhof. Man musste mitten durch den Hofraum hindurch. Da schien die Sonne, alle Fenster standen offen. Leben und Emsigkeit herrschte innen. Aber im Hofe, in einer Laube aus bl\u00fchendem Flieder, stand ein offener Sarg. Der Tote war hier hinausgesetzt worden, denn am Vormittag sollte er begraben werden. Niemand stand und blickte voll Trauer auf den Toten, niemand weinte um ihn. Sein Gesicht war von einem wei\u00dfen Tuche bedeckt und unter seinem Kopfe lag ein gro\u00dfes dickes Buch, dessen Bl\u00e4tter jedes ein ganzer Bogen aus grauem Papier waren. Und zwischen jedem lagen, verborgen und vergessen, verwelkte Blumen, ein ganzes Herbarium, das an verschiedenen Orten zusammengesucht war. Das sollte mit ins Grab, das hatte er selbst verlangt. An jede Blume kn\u00fcpfte sich ein Kapitel seines Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wer ist der Tote?&#8220; fragten wir, und die Antwort war: &#8222;der alte Student von Upsala! Er soll einst ein t\u00fcchtiger Mann gewesen sein, gelehrte Sprachen verstanden, Lieder singen und schreiben gekonnt haben, sagt man. Aber dann ist ihm etwas in die Quere gekommen, und er ers\u00e4ufte alle seine Gedanken und sich selbst mit im Branntwein. Und als seine Gesundheit zerst\u00f6rt war, kam er hier auf das Land hinaus, wo f\u00fcr ihn ein Kostgeld entrichtet wurde. Er war fromm wie ein Kind, wenn nicht der schwarze Sinn \u00fcber ihn kam, denn dann gewann er seine Kr\u00e4fte wieder und lief im Walde umher wie ein gejagtes Tier. Aber wenn wir ihn wieder zu fassen bekamen und ihn dazu brachten, in dies Buch mit den trocknen Pflanzen hineinzuschauen, konnte er den ganzen Tag sitzen und eine Pflanze nach der anderen anschauen. Und oftmals liefen ihm die Tr\u00e4nen \u00fcber die Wangen dabei nieder. Gott mag wissen, an was er dabei dachte! Aber das Buch bat er mit in seinen Sarg zu legen, und nun liegt es dort, und um eine kurze Stunde soll der Deckel zugeschlagen werden und er wird sanft im Grabe ruhen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Leichentuch wurde gel\u00fcftet; es lag Frieden \u00fcber dem Antlitz des Toten. Ein Sonnenstrahl fiel darauf, eine Schwalbe schoss in ihrem pfeilschnellen Fluge in die Laube und wendete sich im Fluge zwitschernd \u00fcber des Toten Haupt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie wunderlich ist es doch &#8211; wir kennen gewiss alle das Gef\u00fchl &#8211; alte Briefe aus unserer Jugendzeit hervorzunehmen und sie wieder zu lesen. Da taucht gleichsam ein ganzes Leben vor uns auf, mit all seinen Hoffnungen, all seinen Sorgen. Wie viele von den Menschen, mit denen wir in jener Zeit so herzlich vertraut zusammen lebten, sind f\u00fcr uns gestorben, obwohl sie noch leben. Aber wir haben lange Zeit nicht mehr an sie gedacht, von denen wir einstmals glaubten, dass wir stets mit ihnen verbunden bleiben und Freude und Leid mit ihnen teilen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das welke Eichenblatt im Buche hier erinnert an den Freund, an den Freund aus der Schulzeit, den Freund f\u00fcr das ganze Leben. Er heftete dieses Blatt an die Studentenm\u00fctze im gr\u00fcnen Walde, als der Freundschaftspakt f\u00fcrs ganze Leben geschlossen wurde. &#8211; Wo lebt er nun? &#8211; Das Blatt wurde bewahrt, die Freundschaft vergessen! &#8211; Hier ist eine fremdartige Treibhauspflanze, zu fein f\u00fcr die G\u00e4rten des Nordens &#8211; es ist, als sei noch ein Duft \u00fcber diesen Bl\u00e4ttern. Sie gab sie ihm, das Fr\u00e4ulein aus dem adligen Garten. Hier ist die Wasserrose, die er selbst gepfl\u00fcckt und mit salzigen Tr\u00e4nen begossen hat, die Wasserrose aus den s\u00fc\u00dfen Gew\u00e4ssern. Und hier ist eine Nessel. Was sagen ihre Bl\u00e4tter? Woran dachte er, als er sie pfl\u00fcckte, als er sie aufbewahrte? Hier ist das Maigl\u00f6ckchen aus der Waldeinsamkeit; hier ist je L\u00e4nger &#8211; je Lieber aus dem Blumentopf in der Wirtsstube, und hier sind nackte scharfe Grashalme. Der bl\u00fchende Flieder breitet seine frischen, duftenden Dolden \u00fcber des Toten Haupt, die Schwalbe fliegt wieder vor\u00fcber: &#8222;Quivit! Quivit!&#8220; &#8211; Nun kommen die M\u00e4nner mit N\u00e4geln und mit dem Hammer, der Deckel wird \u00fcber den Toten gelegt, der sein Haupt auf dem stummen Buche ausruht. Verwahrt &#8211; vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das stumme Buch Hans Christian Andersen An der Landstra\u00dfe im Walde lag ein einsamer Bauernhof. Man musste mitten durch den Hofraum hindurch. Da schien die Sonne, alle Fenster standen offen. Leben und Emsigkeit herrschte innen. Aber im Hofe, in einer Laube aus bl\u00fchendem Flieder, stand ein offener Sarg. 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