{"id":483,"date":"2015-10-08T00:09:02","date_gmt":"2015-10-07T22:09:02","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=483"},"modified":"2025-12-28T03:07:21","modified_gmt":"2025-12-28T02:07:21","slug":"die-geschichte-des-jahres","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-geschichte-des-jahres\/","title":{"rendered":"Die Geschichte des Jahres"},"content":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war in den letzten Tagen des Januar; ein f\u00fcrchterlicher Schneesturm trieb daher. Der Schnee fegte wirbelnd durch die Stra\u00dfen und Gassen. Die Fensterscheiben waren au\u00dfen wie vom Schnee gepolstert, von den D\u00e4chern st\u00fcrzte er in ganzen Haufen und die Leute hasteten vorw\u00e4rts; sie liefen, sie flogen und st\u00fcrzten einander in die Arme, hielten sich aneinander einen Augenblick fest und hatten wenigstens solange einen Halt. Wagen und Pferde waren gleichsam \u00fcberpudert, die Diener standen mit dem R\u00fccken gegen den Wagen gelehnt, um sich vor dem Winde zu sch\u00fctzen, und die Fu\u00dfg\u00e4nger suchten best\u00e4ndig Deckung hinter den Wagen, die nur langsam in dem tiefen Schnee von der Stelle kamen. Als sich endlich der Sturm legte, und ein schmaler Fu\u00dfsteig l\u00e4ngs den H\u00e4usern ausgeworfen wurde, standen die Leute doch noch stille, wenn sie sich begegneten. Keiner von ihren hatte Lust, den ersten Schritt in den tiefen Schnee an den Seiten zu tun, damit der andere vor\u00fcber k\u00f6nne. Schweigend standen sie still, bis endlich, fast wie in einer stummen \u00dcbereinkunft, jeder von ihnen ein Bein preisgab und es in dem Schneehaufen versinken lie\u00df.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Gegen Abend wurde es windstill. Der Himmel sah aus wie gefegt und h\u00f6her und durchsichtiger als zuvor; die Sterne waren funkelnagelneu und gl\u00e4nzten blau und klar. Dabei fror es, dass der Schnee krachte. Bei dem Wetter konnte wohl die oberste Schneeschicht so fest werden, dass sie am Morgen die Spatzen trug; die h\u00fcpften bald oben herum bald unten, wo geschaufelt war; viel Nahrung war jedoch nicht zu finden und sie froren bitterlich.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbPiep\u00ab sagte der eine zum anderen, \u00bbdas nennt man nun das neue Jahr. Es ist ja schlimmer als das alte. Dann h\u00e4tten wir es ebenso gut behalten k\u00f6nnen. Ich bin schlechter Laune, und dazu habe ich guten Grund.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbJa, da liefen nun die Menschen umher und schossen das neue Jahr ein,\u00ab sagte ein kleiner verfrorener Spatz. \u00bbSie warfen T\u00f6pfe gegen die T\u00fcren und waren rein au\u00dfer sich vor Freude, dass nun das alte Jahr vergangen war. Und ich war auch froh dar\u00fcber, denn ich erwartete, dass wir nun warme Tage bekommen w\u00fcrden, aber daraus ist nichts geworden! Es friert noch viel st\u00e4rker als zuvor; die Menschen haben sich in der Zeitrechnung geirrt!\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDas haben sie\u00ab sagte ein Dritter, der schon alt und wei\u00dfk\u00f6pfig war. \u00bbSie haben da etwas, das sie den Kalender nennen. Das ist ihre eigene Erfindung, und deshalb soll sich alles danach richten, aber das tut es nicht. Wenn der Fr\u00fchling kommt, beginnt das Jahr. Das ist der Lauf der Natur und danach rechne ich.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbAber wann kommt der Fr\u00fchling?\u00ab fragten die anderen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDer kommt, wenn der Storch kommt; aber damit ist es ziemlich unbestimmt. Hier in der Stadt ist keiner, der etwas davon versteht. Auf dem Lande drau\u00dfen wissen sie es besser. Wollen wir hinaus fliegen und warten? Dort ist man doch dem Fr\u00fchling n\u00e4her.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbJa, das ist ein guter Gedanke!\u00ab sagte einer von denen, die lange auf und ab geh\u00fcpft waren und gepiept hatten, ohne eigentlich etwas zu sagen. \u00bbIch habe hier in der Stadt allerdings einige Bequemlichkeiten, die ich f\u00fcrchte, drau\u00dfen entbehren zu m\u00fcssen. Hier in der N\u00e4he in einem Hofe wohnt eine Menschenfamilie, die den vern\u00fcnftigen Gedanken gehabt, hat, an der Wand drei bis vier Blument\u00f6pfe mit der gro\u00dfen \u00d6ffnung nach innen und dem Boden nach au\u00dfen anzunageln. Dort ist ein Loch hineingeschnitten, das gerade so gro\u00df ist, dass ich aus und ein fliegen kann. Dort habe ich mit meinem Manne genistet, und von dort sind alle unsere Jungen ausgeflogen. Die Menschenfamilie hat das Ganze nat\u00fcrlich nur eingerichtet, um das Vergn\u00fcgen zu haben, uns zu beobachten, sonst h\u00e4tten sie es wohl kaum getan. Sie streuen Brotkrumen hin, nat\u00fcrlich auch zu ihrem Vergn\u00fcgen, und wir haben dadurch Nahrung. Es ist sozusagen f\u00fcr uns gesorgt, &#8211; und deshalb glaube ich, dass ich bleibe und dass auch mein Mann bleibt, obgleich wir sehr unzufrieden sind, &#8211; aber wir bleiben!\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbUnd wir fliegen hinaus aufs Land, um zu sehen, ob nicht das Fr\u00fchjahr kommt.\u00ab Und dann flogen sie.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber es war eisiger Winter drau\u00dfen auf dem Lande; es fror noch ein paar Grade mehr als in der Stadt drinnen. Der scharfe Wind blies \u00fcber die schneebedeckten Felder. Der Bauer, mit gro\u00dfen Fausthandschuhen an den H\u00e4nden, sa\u00df auf dem Schlitten und schlug die Arme \u00fcbereinander, um die K\u00e4lte auszuhalten. Die Peitsche lag in seinem Scho\u00dfe, die mageren Pferde liefen, dass sie dampften, der Schnee knirschte und die Spatzen h\u00fcpften in den Kufenspuren und froren. \u00bbPiep! wann kommt der Fr\u00fchling? Es dauert so lange!\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbSolange!\u00ab erklang es \u00fcber die Felder von dem schneebedeckten H\u00fcgel her. Es konnte das Echo sein, was man h\u00f6rte, aber es konnte auch die Rede des wunderlichen alten Mannes sein, der oben auf der Schneewehe in Wind und Wetter sa\u00df. Er war ganz wei\u00df, gerade wie ein Bauer im wei\u00dfen Flauschmantel, mit langem wei\u00dfen Haar, wei\u00dfem Barte, ganz bleich und mit gro\u00dfen, klaren Augen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbWer ist der Alte dort?\u00ab fragten die Spatzen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDas wei\u00df ich!\u00ab sagte ein alter Rabe, der auf einem Zaunpfahle sa\u00df und herablassend genug war, anzuerkennen, dass wir alle vor Gott nur kleine V\u00f6gel sind, und sich deshalb auch mit den Spatzen einlie\u00df und eine Erkl\u00e4rung abgab. \u00bbIch wei\u00df, wer der Alte ist. Das ist der Winter, der alte Mann vom vorigen Jahr; er ist nicht tot, wie der Kalender sagt, nein, er ist sozusagen der Vormund des kleinen Prinzen Fr\u00fchling, der nun kommt. Ja, der Winter f\u00fchrt das Regiment. Hu! Ihr klappert ja ordentlich, Ihr Kleinen!\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbNa, was habe ich immer gesagt?\u00ab sagte der kleinste. \u00bbDer Kalender ist eine Menschenerfindung! die sich nicht in die Natur einf\u00fcgen will. Das sollten sie lieber uns \u00fcberlassen, uns, die wir mit viel feineren Sinnen begabt sind.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und es verging eine Woche, es vergingen fast zwei; der Wald war schwarz, der gefrorene See lag schwer und sah aus wie erstarrtes Blei. Die Wolken, ja, das waren keine Wolken, das war nasser, eiskalter Nebel, der \u00fcber der Erde hing. Die gro\u00dfen, schwarzen Kr\u00e4hen flogen in Scharen ohne jeden Schrei; es war, als schliefe alles. &#8211; Da glitt ein Sonnenstrahl \u00fcber den See, und er gl\u00e4nzte wie geschmolzenes Zinn. Die Schneedecke \u00fcber den Feldern und oben auf der Anh\u00f6he schimmerte nicht mehr wie zuvor, aber die wei\u00dfe Gestalt, der Winter selbst, sa\u00df dort noch immer, den Blick stets gen S\u00fcden gerichtet. Er bemerkte es gar nicht, dass der Schneeteppich gleichsam in die Erde versank und dass hie und da ein kleiner grasgr\u00fcner Fleck zum Vorschein kam; da wimmelte es dann von Spatzen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbQuivit, Quivit, kommt nun der Fr\u00fchling?\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDer Fr\u00fchling\u00ab klang es \u00fcber Feld und Wiese und durch die schwarzbraunen W\u00e4lder, in denen das Moos frischgr\u00fcn auf den Baumst\u00e4mmen leuchtete. Und durch die Luft kamen von S\u00fcden her die ersten zwei St\u00f6rche gezogen. Auf dem R\u00fccken jedes von ihnen sa\u00df ein kleines sch\u00f6nes Kind, ein Knabe und ein M\u00e4dchen. Sie k\u00fcssten die Erde zum Willkomm, und wohin sie ihren Fu\u00df setzten, wuchsen wei\u00dfe Blumen unter dem Schnee hervor. Hand in Hand gingen sie hinauf zu dem alten Eismanne, dem Winter, und legten sich zu neuem Gru\u00dfe an seine Brust, und in demselben Augenblick waren sie alle drei verschwunden, und die ganze Landschaft war verschwunden. Ein dicker, nasser Nebel, dicht und schwer, umh\u00fcllte alles. &#8211; Ein wenig sp\u00e4ter blies ein L\u00fcftlein, dann fuhr der Wind daher mit starken St\u00f6\u00dfen und jagte den Nebel fort, und die Sonne schien warm. Der Winter selbst war verschwunden und des Fr\u00fchlings sch\u00f6ne Kinder sa\u00dfen auf dem Throne des Jahres.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDas nenne ich Neujahr\u00ab sagten die Spatzen \u00bbNun werden wir wohl wieder in unsere Rechte eingesetzt und bekommen Ersatz f\u00fcr den strengen Winter.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wohin die beiden Kinder sich wandten, sprossten gr\u00fcne Knospen an B\u00fcschen und B\u00e4umen hervor, wurde das Gras h\u00f6her und die Saatfelder gr\u00fcner und sch\u00f6ner. Und ringsum streute das kleine M\u00e4dchen Blumen. Sie hatte einen ganzen \u00dcberfluss davon in ihrem Sch\u00fcrzchen, sie schienen daraus hervorzuquellen, stets war es gef\u00fcllt, wie eifrig sie auch streute. In ihrer Eilfertigkeit sch\u00fcttelte sie einen wahren Bl\u00fctenschnee \u00fcber die \u00c4pfel- und Pfirsichb\u00e4ume, so dass sie in voller Pracht dastanden, noch bevor sie gr\u00fcne Bl\u00e4tter hatten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und sie klatschte in die H\u00e4nde und der Knabe klatschte ebenfalls. Da kamen alle V\u00f6gel hervor, man wusste nicht woher, und alle zwitscherten und sangen: \u00bbDer Fr\u00fchling ist gekommen!\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war herrlich anzuschauen. Und manches alte M\u00fctterchen kam aus seiner T\u00fcr in den Sonnenschein hinaus, sah sich ringsum und erblickte die vielen gelben Blumen, die die ganze Wiese bedeckten gerade wie in ihren jungen Jahren. Die Welt wurde wieder einmal jung. \u00bbEs ist ein gesegneter Tag heute\u00ab sagte sie.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Wald war noch braungr\u00fcn und Knospe stand an Knospe, aber der Waldmeister war schon da, frisch und duftend. Die Veilchen standen in Mengen, und es gab Anemonen und gelbe Kuhblumen, ja, in jedem Grashalm war Saft und Kraft; es war wirklich ein Prachtteppich, der f\u00f6rmlich zum Sitzen aufforderte, und dort sa\u00df das junge Fr\u00fchlingspaar, hielt sich an des H\u00e4nden und sang und l\u00e4chelte und wuchs und wuchs.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ein milder Regen fiel vom Himmel auf sie herab; sie merkten es nicht. Regentropfen und Freudentr\u00e4nen vereinigten sich zu einem einzigen Tropfen. Braut und Br\u00e4utigam k\u00fcssten einander, und im Nu schlug der ganze Wald aus. &#8211; Als die Sonne aufging, waren alle W\u00e4lder gr\u00fcn.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und Hand in Hand ging das Brautpaar unter dem frischen, h\u00e4ngenden Laubdach, wo nur des Sonnenlichts Strahlen und die Schlagschatten einen Farbenwechsel in all dem Gr\u00fcn hervorzauberten. Eine jungfr\u00e4uliche Reinheit und ein erfrischender Duft lag \u00fcber den feinen Bl\u00e4ttern. Klar und lebhaft rieselten B\u00e4chlein und Quellen zwischen dem samtgr\u00fcnen Schilfe und \u00fcber die glitzernden Steine dahin. \u00bbUnd so ist es und bleibt es ewiglich\u00ab sagte die ganze Natur. Und der Kuckuck rief und die Lerche trillerte, und der sch\u00f6ne Fr\u00fchling war da. Nur die Weiden trugen noch Wollhandschuhe \u00fcber ihren Bl\u00fcten, sie waren eben so \u00fcbervorsichtig, und das ist langweilig!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und so vergingen Tage und Wochen, die W\u00e4rme str\u00f6mte zur Erde nieder; hei\u00dfe Luftwellen gingen durch das Korn, das sich mehr und mehr gelb f\u00e4rbte. Des Nordens wei\u00dfe Lotosblume breitete auf den Waldseen ihre gro\u00dfen, gr\u00fcnen Bl\u00e4tter \u00fcber dem Wasserspiegel aus, und die Fische suchten den Schatten darunter. Auf der windgesch\u00fctzten Seite des Waldes, wo die Sonne auf die W\u00e4nde des Bauernhauses hinab brannte und die aufgebl\u00fchten Rosen t\u00fcchtig durchw\u00e4rmte und wo die Kirschenb\u00e4ume voller saftiger, schwarzer, fast sonnenhei\u00dfer Kirschen hingen, sa\u00df des Sommers herrliches Weib, sie, die wir schon als Kind und Braut sahen. Sie sah in die aufsteigenden dunklen Wolken, die wogenf\u00f6rmig, den Bergen gleich, sich schwarzblau und schwer h\u00f6her und h\u00f6her erhoben. Von drei Seiten kamen sie; mehr und mehr senkten sie sich wie ein versteinertes Meer gegen den Wald hinab, wo alles wie verzaubert stille schwieg. Jedes L\u00fcftchen hatte sich gelegt, jeder Vogel schwieg, Ernst und Erwartung lagen \u00fcber der ganzen Natur. Aber auf den Wegen und Steigen eilten Fahrende, Reitende und Gehende vorw\u00e4rts, um unter Dach zu kommen. &#8211; Da leuchtete es mit einem Male auf, als breche die Sonne hervor, blinkend, blendend, verbrennend, und unter rollendem Krachen versank wieder alles im Dunkel. Das Wasser st\u00fcrzte in Str\u00f6men vom Himmel; es wurde Nacht und wieder Licht, es ward totenstille, und dann donnerte es wieder. Die jungen braungefiederten Rohrstengel im Sumpfe bewegten sich wogend auf und nieder, die Zweige des Waldes verbargen sich unter einer Regenh\u00fclle; Dunkel und Licht, Stille und Donner wechselten unaufh\u00f6rlich. Gras und Korn lagen wie niedergeschlagen, wie zur Erde gesp\u00fclt, als k\u00f6nnten sie sich nie wieder erheben. &#8211; Pl\u00f6tzlich wurden aus dem Regen einzelne Tropfen, die Sonne schien und von Gr\u00e4sern und Bl\u00e4ttern blinkten die Wassertropfen wie Perlen, die V\u00f6gel sangen wieder, die Fische sprangen im Wasser des Baches, die M\u00fccken tanzten, und drau\u00dfen auf den Steinen im salzigen, gepeitschten Meereswasser sa\u00df der Sommer selbst, der kr\u00e4ftige Mann mit den f\u00fclligen Gliedern, dem triefenden Haar &#8211; verj\u00fcngt vom frischen Bade sa\u00df er im warmen Sonnenschein. Die ganze Natur ringsum war verj\u00fcngt. Alles stand reich und kr\u00e4ftig und sch\u00f6n; es war Sommer, warmer, herrlicher Sommer.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Lieblich und s\u00fc\u00df war der Duft, der von dem \u00fcppigen Kleefelde her\u00fcberwehte, die Bienen summten um das uralte Thing, die Bromheerranken wanden sich um den Opferaltar, der vom Regen gewaschen im Sonnenlichte gl\u00e4nzte. Dorthin flog die Bienenk\u00f6nigin mit ihrem Schwarm und setzte dort Wachs und Honig an. Niemand sah es au\u00dfer dem Sommer und seinem kr\u00e4ftigen Weibe; f\u00fcr sie allein stand der Altartisch gedeckt mit den Opfergaben der Natur.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Abendhimmel erstrahlte wie Gold, keine Kirchenkuppel war so reich, und der Mond leuchtete zwischen Abend- und Morgenrot. Es war Sommerszeit. Und es vergingen Wochen und Tage. &#8211; Der Schnitter blanke Sensen blinkten in den Kornfeldern. Die Zweige der Apfelb\u00e4ume beugten sich unter der Last ihrer gelben und roten Fr\u00fcchte; der Hopfen duftete k\u00f6stlich und hing in gro\u00dfen Knospen, und unter dem Haselbusch, an dem die N\u00fcsse in schweren B\u00fcscheln hingen, ruhten Mann und Frau, der Sommer und sein tiefernstes Weib.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbWelcher Reichtum\u00ab sagte sie. \u00bbRundum ruht Segen, heimlich und gut, \u00fcber allem, und doch, ich wei\u00df selbst nicht, ich sehne mich nach Ruhe &#8211; Stille. Ich finde nicht das rechte Wort daf\u00fcr. Nun pfl\u00fcgen sie schon wieder auf den Feldern! Mehr und immer mehr wollen die Menschen gewinnen! &#8211; Sieh, die St\u00f6rche kommen schon in Scharen und gehen hinter dem Pfluge her, \u00c4gyptens V\u00f6gel, die uns durch die L\u00fcfte trugen. Erinnerst Du Dich, wie wir beide als Kinder hierher nach den L\u00e4ndern des Nordens kamen? &#8211; Blumen brachten wir her, herrlichen Sonnenschein und gr\u00fcne W\u00e4lder, nun hat sie der Wind schon t\u00fcchtig zerzaust, sie werden braun und dunkel wie des S\u00fcdens B\u00e4ume, aber sie tragen nicht, wie diese, goldene Fr\u00fcchte.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDanach sehnst Du Dich?\u00ab fragte der Sommer. \u00bbNun so freue Dich.\u00ab Er hob den Arm und die Bl\u00e4tter f\u00e4rbten sich mit Rot und mit Gold und die W\u00e4lder erstrahlten in herrlichster Farbenpracht; an den Rosenhecken leuchteten feuerrote Hagebutten, die Fliederb\u00fcsche hingen schwer zur Erde unter der Last ihrer gro\u00dfen schwarzbraunen Beeren, die wilden Kastanien fielen reif aus ihren dunkelgr\u00fcnen Schalen und im Walde drinnen bl\u00fchten die Veilchen zum zweiten Male.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber des Jahres K\u00f6nigin wurde immer stiller und bleicher. \u00bbEs weht kalt\u00ab sagte sie, \u00bbdie Nacht hat nasse Nebel. &#8211; Ich sehne mich nach dem Lande der Kindheit.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie sah die St\u00f6rche fortfliegen, jeden einzigen! Und sie streckte die H\u00e4nde nach ihnen aus. Sie sah zu den Nestern empor, die leer standen; in einem wuchs eine langstielige Kornblume und in einem anderen der gelbe L\u00f6wenzahn, als sei das Nest nur zu ihrem Schutz und Schirm da. Und die Spatzen setzten sich hinein.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbPiep. Wo sind denn die Herrschaften geblieben! Sie k\u00f6nnen wohl nicht vertragen, dass ihnen ein bisschen Luft um die Nase weht, da sind sie gleich ins Ausland gegangen. Gl\u00fcck auf die Reise.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und gelber und gelber f\u00e4rbten sich die W\u00e4lder, Blatt nach Blatt fiel, die Herbstst\u00fcrme sausten; die Erntezeit ging zu Ende. Auf dem gelben Laubteppich lag die K\u00f6nigin des Jahres und sah mit sanften Augen zu den blinkenden Sternen empor, ihr Gemahl stand bei ihr. Ein Windsto\u00df wirbelte das Laub auf &#8211; es fiel wieder zur Erde, aber sie war verschwunden; nur ein Schmetterling, des Jahres letzter, flog durch die kalte Luft.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und die nassen Nebel kamen, die eisigen Winde und die dunklen, langen N\u00e4chte. Des Jahres Beherrscher stand mit schneewei\u00dfem Haar. Er selbst wusste nichts davon, er glaubte, es seien Schneeflocken, die aus den Wolken niederfielen; eine d\u00fcnne .Schneedecke legte sich \u00fcber die gr\u00fcnen Felder.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Kirchenglocken l\u00e4uteten die Weihnachtszeit ein.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDie Glocken der Geburt klingen!\u00ab sagte des Jahres Beherrscher. \u00bbBald wird das neue Herrscherpaar geboren, und ich gehe zur Ruhe wie sie. Zur Ruhe bei den blinkenden Sternen.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und in dem frischen, gr\u00fcnen Tannenwald, \u00fcber dem der Schnee lag, stand der Weihnachtsengel und weihte die jungen B\u00e4ume, die zum Fest kommen sollten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbFreude in den Stuben und unter den gr\u00fcnen Zweigen\u00ab sagte des Jahres greiser Beherrscher; diese Wochen hatten ihn schneewei\u00df und uralt gemacht. \u00bbJetzt naht die Stunde der Ruhe; des Jahres, junges Paar empf\u00e4ngt nun Zepter und Krone.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDie Macht ist noch Dein\u00ab sagte der Weihnachtsengel, \u00bbdie Macht und nicht die Ruhe! La\u00df den Schnee w\u00e4rmend \u00fcber den jungen Saaten liegen. Lerne ertragen, dass einem anderen gehuldigt wird, w\u00e4hrend Du noch Herrscher bist, lerne, vergessen zu sein und doch zu leben. Die Stunde Deiner Freiheit naht, wenn der Fr\u00fchling kommt.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbWann kommt der Fr\u00fchling?\u00ab fragte der Winter. \u00bbEr kommt, wenn der Storch kommt.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und mit wei\u00dfen Locken und schneewei\u00dfem Barte sa\u00df der Winter eiskalt, alt und gebeugt, aber stark wie der Wintersturm und des Eises Macht hoch oben auf der Schneewehe des H\u00fcgels und blickte gen S\u00fcden, wie der vorige Winter gesessen und geschaut hatte. &#8211; Das Eis krachte, der Schnee knirschte, die Schlittschuhl\u00e4ufer schwangen sich auf den blanken Seen, und Raben und Kr\u00e4hen gefielen sich auf dem wei\u00dfen Grunde, kein Wind r\u00fchrte sich. Und in der stillen Luft faltete der Winter die H\u00e4nde und das Eis legte sich stark als Br\u00fccke zwischen die L\u00e4nder.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Da kamen wieder die Spatzen aus der Stadt und fragten: \u00bbWer ist der alte Mann dort oben?\u00ab Und der Rabe sa\u00df wieder dort, oder war es ein Sohn von ihm? aber das ist ja gleich &#8211; und er sagte zu ihnen: \u00bbDas ist der Winter. Der alte Mann vom vorigen Jahr. Er ist nicht tot, wie der Kalender sagt, sondern der Vormund des kommenden Fr\u00fchlings.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbWann kommt der Fr\u00fchling?\u00ab fragten die Spatzen, \u00bbdann bekommen wir bessere Zeiten und ein mildes Regiment. Das alte taugte nichts!\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und in stillen Gedanken nickte der Winter zum bl\u00e4tterlosen, schwarzen Walde hin\u00fcber, wo jeder Baum seiner Zweige herrliche Form und Biegung zeigte, und \u00fcber ihren Winterschlaf legten sich der Wolken eiskalte Nebel. Der Herrscher tr\u00e4umte von seinen Jugend- und Mannesjahren und als es tagte, stand der ganze Wald mit glitzerndem Raureif \u00fcbersch\u00fcttet; das war der Sommertraum des Winters. Der Sonnenschein aber nahm den Raureif wieder von den Zweigen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbWann kommt der Fr\u00fchling?\u00ab fragten die Spatzen. \u00bbDer Fr\u00fchling? erklang es wie Echo von den H\u00fcgeln, auf denen der Schnee noch lag. Und die Sonne schien w\u00e4rmer und w\u00e4rmer, der Schnee schmolz und die V\u00f6gel zwitscherten: \u00bbDer Fr\u00fchling kommt.\u00ab<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und hoch durch die L\u00fcfte kam der erste Storch, der zweite folgte; ein sch\u00f6nes Kind sa\u00df auf dem R\u00fccken jedes von ihnen und sie schwebten auf das offene Feld nieder und k\u00fcssten die Erde und k\u00fcssten den alten stillen Mann, der, wie Moses auf dem Berge, von einer Nebelwolke getragen, verschwand.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Geschichte des Jahres war zu Ende.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDas ist sehr richtig!\u00ab sagten die Spatzen, \u00bbund es ist auch sehr sch\u00f6n, aber es stimmt nach dem Kalender nicht und deshalb ist es doch verkehrt!\u00ab<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-483","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/483","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=483"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/483\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":484,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/483\/revisions\/484"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=483"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=483"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=483"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}