{"id":479,"date":"2015-10-08T00:06:27","date_gmt":"2015-10-07T22:06:27","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=479"},"modified":"2026-01-24T18:28:21","modified_gmt":"2026-01-24T17:28:21","slug":"der-gerechte-richter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-gerechte-richter\/","title":{"rendered":"Der gerechte Richter"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es waren einmal zwei Br\u00fcder: der eine war reich und der andere arm. Der arme wollte bei seinem Bruder leben und sagte daher zu ihm: \u00bbWo du fremde Menschen zu Knechten hast, nimm doch mich, dass ich bei dir lebe!\u00ab Der nahm ihn als Knecht und schickte ihn am Weihnachtstage aus zum Pfl\u00fcgen. Sein Bruder sagte: \u00bbHeute soll ich pfl\u00fcgen, wo Weihnachten ist?\u00ab &#8211; \u00bbGeh nur heute\u00ab, antwortete jener, \u00bbwo ein sch\u00f6ner Tag ist; morgen, wenn es regnet, brauchst du nicht zu gehen!\u00ab Da nahm der Mann die Ochsen und ging aufs Feld pfl\u00fcgen. Als er schon eine Furche gezogen hatte, krepierte der eine Ochse. Er wollte nun den andern antreiben, da fiel auch der um und krepierte. Da ging der Ungl\u00fcckliche mit tr\u00e4nenden Augen und bek\u00fcmmertem Herzen und sagte es seinem Bruder, dass die Ochsen krepiert seien. \u00bb0 weh\u00ab, sagte der, \u00bbdu hast sie get\u00f6tet\u00ab, und er nahm ihn mit vor Gericht. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Auf dem Wege, den sie zogen, stie\u00dfen sie auf ein Haus. Der Reiche ging hinauf, um diese Nacht als Gast da zu bleiben; auch der ungl\u00fcckliche Arme blieb da, unter der Treppe, um da schlecht und recht zu \u00fcbernachten. Als nun die oben Wein tranken, ging die Frau vom Hause hinunter, um neuen Wein einzuf\u00fcllen. Als sie unter der Treppe einen Menschen sah, erschrak sie, stie\u00df einen Schrei aus und &#8211; sie war schwanger &#8211; tat eine Fehlgeburt. Ihr Mann wollte den Armen verklagen. \u00bbKomm mit mir\u00ab, sagte sein Bruder, \u00bbdenn auch ich gehe seinetwegen vor Gericht. \u00ab Er nahm also auch diesen Mann mit, und sie zogen weiter, um jenen zu verklagen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Arme f\u00fcrchtete, dass er geh\u00e4ngt werden w\u00fcrde, und ging, sich von einem hohen Felsen herabzust\u00fcrzen. Unter dem Felsen sa\u00dfen vierzig M\u00f6nche. Als der vom Felsen herabst\u00fcrzte, fiel er gerade auf ihren Abt und t\u00f6tete ihn. Da packten ihn die M\u00f6nche, um ihn vor den Kadi zu f\u00fchren und zu verklagen. Die beiden andern riefen: \u00bbAuch wir gehen seinetwegen. Mir hat er meine Ochsen get\u00f6tet.\u00ab &#8211; \u00bbMeine Frau verdankt ihm eine Fehlgeburt.\u00ab Sie nahmen also auch die M\u00f6nche mit vor Gericht. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Auf dem Wege trafen sie einen Mann, der versuchte seinen Esel vom Boden aufzurichten. Sie kamen heran; der Mann wieder, den sie vor den Kadi f\u00fchrten, beeilte sich, den Esel am Schwanz aufzurichten; da blieb der Schwanz in seinen H\u00e4nden. Nun nahmen sie auch den gewaltsam mit, damit er jenen verklage. Der war schon der Oberzeugung, dass er sich nicht mehr retten k\u00f6nne. Aber Gott verl\u00e4sst den Braven nicht. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Kadi, vor dessen Gericht sie den Mann f\u00fchrten, war ein geraddenkender Mensch. Als sie vor ihn traten, um sich Recht sprechen zu lassen, fragte er zuerst den Reichen: \u00bbWas hast du mit diesem Manne gehabt?\u00ab &#8211; \u00bbIch schickte ihn zum Pfl\u00fcgen aus, und er hat mir meine Ochsen get\u00f6tet\u00ab, antwortete der. \u00bbAn welchem Tage\u00ab, fragte der Kadi, \u00bbhast du ihn geschickt?\u00ab &#8211; \u00bbZu Weihnachten.\u00ab &#8211; \u00bbZu Weihnachten?\u00ab sagte der Kadi. \u00bbWas f\u00fcr Christen seid ihr? Pfl\u00fcgen die jemals an einem solchen Tage? Gleich zahlst du dem Manne dreitausend Piaster!\u00ab Was sollte der Reiche machen? Er nimmt sein Geld heraus und z\u00e4hlt dreitausend Piaster hin, t\u00fcrmt sie auf und geht hinaus. Es kam der andere an die Reihe, dessen Frau eine Fehlgeburt getan hatte. \u00bbWas hast du mit diesem Manne gehabt?\u00ab fragte der Kadi. \u00bbEr hat die Fehlgeburt meiner Frau verschuldet.\u00ab &#8211; \u00bbAber habt ihr denn nicht gewusst\u00ab, sagte der Kadi, \u00bbdass ihr noch einen andern Gast hattet, den ihr auch nach oben nehmen musstet? Gleich gibst du ihm tausend Piaster!\u00ab Es kamen die neununddrei\u00dfig M\u00f6nche; er fragte sie: \u00bbWas habt ihr wieder mit diesem Manne gehabt?\u00ab &#8211; \u00bbEr hat unsern Abt get\u00f6tet\u00ab, sagten die M\u00f6nche. \u00bbIhr habt recht\u00ab, sagte der Kadi, \u00bbund ihr m\u00fcsst ihn t\u00f6ten. Geht an dieselbe Stelle, &#8211; wo sich der Abt befand, und bringt diesen Mann in dieselbe Stellung. Dann steigt auf den Felsen und st\u00fcrzt einer nach dem andern auf ihn herab, bis ihr ihn t\u00f6tet!\u00ab &#8211; \u00bbWir gehen nicht, wir gehen nicht\u00ab, sagten die M\u00f6nche, \u00bbwir f\u00fcrchten uns.\u00ab &#8211; \u00bbDann\u00ab, sagte der Kadi, \u00bbwenn ihr <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">euch f\u00fcrchtet, gebt diesem Manne zehntausend Piaster! \u00ab Sie f\u00fchrten noch den letzten hinein. Der sagte: \u00bbMich haben sie gewaltsam mitgenommen.\u00ab <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Mann nahm also alle diese Piaster und wurde reich, und sein Bruder wurde arm.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,133],"tags":[],"class_list":["post-479","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/479","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=479"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/479\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":480,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/479\/revisions\/480"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=479"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=479"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=479"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}