{"id":473,"date":"2015-10-08T00:01:57","date_gmt":"2015-10-07T22:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=473"},"modified":"2025-12-28T03:10:10","modified_gmt":"2025-12-28T02:10:10","slug":"das-geldschwein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-geldschwein\/","title":{"rendered":"Das Geldschwein"},"content":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">In der Kinderstube lag eine Menge Spielzeug umher; ganz oben auf dem Schrank stand die Sparb\u00fcchse, die war aus Ton und hatte die Gestalt eines Schweines, das nat\u00fcrlich einen Spalt im R\u00fccken hatte, und mit einem Messer war dieser Spalt so erweitert worden, dass auch Silbertaler hineingingen, und es waren auch schon au\u00dfer vielen Schillingen zwei hineingegangen. Das Geldschwein war so vollgestopft, dass es nicht mehr klappern konnte, und das ist das H\u00f6chste, wozu es ein Geldschwein bringen kann. Da stand es nun oben auf dem Schrank und blickte auf alles in der Stube herab; es wusste wohl, dass es mit dem, was es im Magen hatte, das Ganze kaufen k\u00f6nnte, und das nennt man ein gutes Bewusstsein haben.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Daran dachten auch die andern Dinge, wenn sie es auch nicht aussprachen; es gab ja manches andere zu besprechen. Der Kommodenkasten war halb aufgezogen, und darin erhob sich eine gro\u00dfe Puppe, die schon alt und am Hals genietet war; sie schaute heraus und sagte: \u201eJetzt wollen wir Menschen spielen, das ist doch immer etwas! \u201e Und nun geriet alles in Aufruhr, selbst die Bilder an der Wand drehten sich um und zeigten, dass sie auch eine Kehrseite hatten, und dagegen lie\u00df sich nichts sagen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war mitten in der Nacht, der Mond schien durch das Fenster und gab freie Beleuchtung. Nun sollte das Spiel beginnen, und alle wurden eingeladen, selbst der Kinderwagen, der doch zu dem gr\u00f6beren Spielzeug z\u00e4hlte. \u201eJeder hat seinen besonderen Wert! \u201e sagte er, \u201ewir k\u00f6nnen nicht alle von Adel sein! Einer muss Nutzen bringen, wie man sagt. \u201e Das Geldschwein war das einzige, das eine schriftliche Einladung bekam, es stand zu hoch, als dass man glauben konnte, es w\u00fcrde die m\u00fcndliche Einladung h\u00f6ren, es gab auch keine Antwort, ob es k\u00e4me, und es kam auch nicht; wenn es mit dabei sein solle, m\u00fcsse es das Spiel vom Hause aus genie\u00dfen, danach k\u00f6nnten sie sich richten, und das taten sie denn.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Das kleine Puppentheater wurde nun schnell so aufgestellt, dass das Geldschwein gerade hineinschauen konnte; sie wollten mit Theater anfangen, und nachher sollte es Teegesellschaft und Verstandes\u00fcbung geben, und sie begannen gleich damit; das Schaukelpferd sprach von Training und Vollblut, der Kinderwagen von Eisenbahnen und Dampfkraft \u2013 das war doch alles etwas, was in ihr Fach geh\u00f6rte und wor\u00fcber sie sprechen konnten. Die Stubenuhr sprach von Politik \u2013 tik \u2013tik! Sie wusste, was die Glocke geschlagen hatte, aber man sagte, sie ginge nicht richtig; der Rohrstock stand da und war stolz auf seine Messingzwinge und auf seinen silbernen Knopf, er war doch oben und unten beschlagen; auf dem Sofa lagen zwei gestickte Kissen, niedlich und dumm \u2013 und so konnte die Kom\u00f6die beginnen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Alle sa\u00dfen da und schauten zu, und es wurde gebeten, man m\u00f6ge knallen, klatschen und l\u00e4rmen, wenn man daran Vergn\u00fcgen finde. Aber die Reitpeitsche sagte, sie knalle nie f\u00fcr die Alten, immer nur f\u00fcr die Unverlobten. \u201eIch knalle f\u00fcr alles\u201c, sagte die Knallerbse. \u201eIrgendwo muss man doch sein! \u201e meinte der Spucknapf. Das waren so die Gedanken, die jeder hegte, w\u00e4hrend er der Kom\u00f6die zuschaute. Das St\u00fcck taugte nichts, aber es wurde gut gespielt; s\u00e4mtliche Spieler kehrten die bemalte Seite nach au\u00dfen, sie waren so gemacht, dass man sie nur von dieser Seite und nicht von der Kehrseite sehen durfte; und sie spielten alle ausgezeichnet, sogar vor der Rampe, der Draht war ein wenig zu lang, aber so konnte man sie besser sehen. Die genietete Puppe war so ger\u00fchrt, dass sich der Niet l\u00f6ste, und das Geldschwein war auf seine Weise so ger\u00fchrt, dass es beschloss, etwas f\u00fcr einen der K\u00fcnstler zu tun und ihn in seinem Testament zu bedenken als denjenigen, der mit ihm zusammen in der Familiengruft beigesetzt werden sollte, wenn die Zeit gekommen war.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war ein solcher Genuss, dass man auf den Tee verzichtete und es bei der Verstandes\u00fcbung bewenden lie\u00df; das nannte man Menschen spielen, und darin lag durchaus keine Bosheit, denn sie spielten nur \u2013 und jeder dachte an sich und daran, was wohl das Geldschwein d\u00e4chte, und das Geldschwein dachte am l\u00e4ngsten, es dachte ja an Testament und Begr\u00e4bnis und wann es wohl so weit w\u00e4re \u2013 immerhin viel eher, als man es erwartete. \u2013 Knack! Da fiel es vom Schrank herunter, fiel auf den Fu\u00dfboden und zersprang in Scherben, und die Schillinge tanzten und h\u00fcpften, die kleinsten schnurrten, die gro\u00dfen rollten umher, besonders der eine Silbertaler wollte richtig in die Welt hinaus. Und das kam er auch, und das kamen sie alle, und die Scherben des Geldschweins kamen in das Kehrichtfass, aber auf dem Schrank stand am n\u00e4chsten Tag wieder ein neues Geldschwein aus Ton; es hatte noch nicht einen Schilling in seinem Innern, weshalb es auch nicht klappern konnte, und hierin glich es dem anderen, das war immerhin ein Anfang \u2013 und mit dem wollen wir ein Ende machen.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-473","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/473","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=473"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/473\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":474,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/473\/revisions\/474"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=473"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=473"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=473"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}