{"id":466,"date":"2015-10-07T23:55:59","date_gmt":"2015-10-07T21:55:59","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=466"},"modified":"2026-01-24T18:23:11","modified_gmt":"2026-01-24T17:23:11","slug":"die-geister-des-gelben-flusses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-geister-des-gelben-flusses\/","title":{"rendered":"Die Geister des gelben Flusses"},"content":{"rendered":"<p>M\u00e4rchen aus China<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDie G\u00f6tter des gelben Flusses hei\u00dfen Daiwang (Gro\u00dfk\u00f6nig). Seit vielen hundert Jahren n\u00e4mlich berichten die Flussaufseher fortw\u00e4hrend, dass in den Wellen des Flusses sich allerlei Unget\u00fcme zeigten, zuweilen in der Gestalt von Drachen, zuweilen in der Form von Rindern und Pferden, und immer wenn solch ein Wesen sich zeigt, folgt eine gro\u00dfe \u00dcberschwemmung. So baute man denn dem Fluss entlang Tempel. Die h\u00f6chsten der Flussgeister werden als K\u00f6nige verehrt, die niederen als Feldherrn, und es vergeht fast kein Tag, wo nicht Opfer oder Schauspiele ihnen zu Ehren dargebracht werden.<br \/>\nJedes Mal, wenn nach einem Dammbruch es gelingt, die \u00d6ffnung zu schlie\u00dfen, so entsendet der Kaiser Beamte mit Opfern und zehn Stangen gro\u00dfen tibetanischen Weihrauchs. Dieser Weihrauch wird in einem sehr gro\u00dfen Opferkessel im Tempelhof verbrannt, und die Flussaufseher und ihre Untergebenen gehen alle in den Tempel, um den G\u00f6ttern f\u00fcr ihre Hilfe zu danken. Diese Flussg\u00f6tter, hei\u00dft es, sind treue und gerechte Diener fr\u00fcherer Herrscher, die bei ihren M\u00fchen um Eind\u00e4mmung des Flusses gestorben sind. Nach ihrem Tode wurden ihre Geister Flussk\u00f6nige; ihre leibliche Gestalt aber gleicht Eidechsen, Schlangen und Fr\u00f6schen.<\/p>\n<p>Der m\u00e4chtigste unter diesen Flussk\u00f6nigen ist der goldene Drachenk\u00f6nig. Er erscheint h\u00e4ufig in der Gestalt einer kleinen goldenen Schlange mit viereckigem Kopfe, niedriger Stirn und roten Punkten \u00fcber den Augen. Er kann sich nach Belieben gross und klein machen und kann das Wasser steigen und fallen lassen. Unversehens erscheint und verschwindet er. Er lebt an den M\u00fcndungen des gelben Flusses und des Kaiserkanals. Au\u00dfer ihm gibt es aber noch Dutzende von Flussk\u00f6nigen und Feldherrn, von denen jeder seinen bestimmten Platz hat. Die Schiffer auf dem gelben Flusse haben alle ausf\u00fchrlichen Listen, in denen das Leben und die Taten dieser Flussgeister einzeln aufgef\u00fchrt sind.<\/p>\n<p>Einer dieser Flussk\u00f6nige hei\u00dft der Stauer. Vor zweihundert Jahren hatte der gelbe Fluss ein Loch in den Damm gerissen, und immer wenn es gerade daran war, dass man die \u00d6ffnung zuf\u00fcllte, brach das Wasser wieder durch. Der Flussaufseher ging in den Tempel zu beten. Da hatte er bei Nacht einen Traum.<\/p>\n<p>Er h\u00f6rte eine Stimme, die sprach: \u00bbDer Stauer muss kommen, dann erst wird es gehen. Der ist ein Knabe aus dem Volk und heuer dreizehn Jahr alt.\u00ab<\/p>\n<p>Als der Aufseher erwachte, da wunderte er sich \u00fcber den Traum.<\/p>\n<p>Eines Tages ging er wieder hinaus, um die Arbeit an den D\u00e4mmen zu beaufsichtigen. Abends kam er zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Da h\u00f6rte er pl\u00f6tzlich eine Frau rufen: \u00bbStauer, komm!\u00ab<\/p>\n<p>Sofort hie\u00df er nachfragen, und es stellte sich heraus, dass das der Name eines armen Knaben war, den seine Mutter zum Abendessen gerufen hatte. Er kaufte ihn seinen Eltern ab f\u00fcr drei\u00dfig Lot Silber, und am andern Tag wurde Stauer mit hinausgenommen an den Fluss. Man warf ihn in das Wasser, und Tausende von Arbeitern mussten sofort Erde dar\u00fcber sch\u00fctten. Im Augenblick hatte sich die \u00d6ffnung im Damm geschlossen und die Strudel beruhigt. Dann aber sah man mitten im Fluss eine ungeheure Hand hervortauchen, die war wohl ein paar Klafter lang. Die Menge der Arbeiter schrie vor Entsetzen auf. Der Flussaufseher aber und seine Beamten warfen sich auf die Knie und beteten an. Daraufhin wurde der Knabe zum Flussgott ernannt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Am-gelben-Flu%C3%9F\/dp\/B002TVZGES\/ref=as_sl_pd_wdgt_ex?&amp;linkCode=wpc&amp;tag=marcheniminte-21\">Am gelben Flu\u00df<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Das-Erbe-Schlange-Historischer-Roman\/dp\/3404165454\/ref=as_sl_pd_wdgt_ex?&amp;linkCode=wpc&amp;tag=marcheniminte-21\">Das Erbe der Schlang\u2026<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Der-Gelbe-Fluss-Jahre-China\/dp\/3828931464\/ref=as_sl_pd_wdgt_ex?&amp;linkCode=wpc&amp;tag=marcheniminte-21\">Der Gelbe Fluss : 50\u2026<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Der-gelbe-Flu%C3%9F-Agnes-Sanford\/dp\/3767314940\/ref=as_sl_pd_wdgt_ex?&amp;linkCode=wpc&amp;tag=marcheniminte-21\">Der gelbe Flu\u00df<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Der-gelbe-Flu%C3%9F-Seele-Chinas\/dp\/3865682685\/ref=as_sl_pd_wdgt_ex?&amp;linkCode=wpc&amp;tag=marcheniminte-21\">Der gelbe Flu\u00df: Die \u2026<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Die-steinerne-Schlange-Iny-Lorentz\/dp\/3426653516\/ref=as_sl_pd_wdgt_ex?&amp;linkCode=wpc&amp;tag=marcheniminte-21\">Die steinerne Schlan\u2026<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Flusskreuzfahrten-auf-Yangzi-Yang-Tse-Trescher-Reihe\/dp\/3897940698\/ref=as_sl_pd_wdgt_ex?&amp;linkCode=wpc&amp;tag=marcheniminte-21\">Flusskreuzfahrten au\u2026<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Geburtstagskalender-Kerstin-Hess-Immerw%C3%A4hrender-Kalender\/dp\/3731811243\/ref=as_sl_pd_wdgt_ex?&amp;linkCode=wpc&amp;tag=marcheniminte-21\">Geburtstagskalender \u2026<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Geburtstagskalender-Monatsmonster-Katharina-Hullmann\/dp\/3782785312\/ref=as_sl_pd_wdgt_ex?&amp;linkCode=wpc&amp;tag=marcheniminte-21\">Geburtstagskalender \u2026<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/National-Geographic-KiDS-Lesespa%C3%9F-selbstst%C3%A4ndige\/dp\/3833228520\/ref=as_sl_pd_wdgt_ex?&amp;linkCode=wpc&amp;tag=marcheniminte-21\">National Geographic \u2026<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Schlange-Jenseits-Erwecken-Erd-Kundalini-weiblichen\/dp\/3867280649\/ref=as_sl_pd_wdgt_ex?&amp;linkCode=wpc&amp;tag=marcheniminte-21\">Schlange des Lichts.\u2026<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Was-ist-was-Bd-121\/dp\/3788620498\/ref=as_sl_pd_wdgt_ex?&amp;linkCode=wpc&amp;tag=marcheniminte-21\">Was ist was Bd. 121:\u2026<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Weisse-Bl%C3%BCten-im-gelben-Fluss\/dp\/3800051044\/ref=as_sl_pd_wdgt_ex?&amp;linkCode=wpc&amp;tag=marcheniminte-21\">Weisse Bl\u00fcten im gel\u2026<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/rcm-eu.amazon-adsystem.com\/e\/cm\/privacy-policy.html\/ref=as_sl_pd_wdgt_ex?o=3&amp;linkCode=wpc&amp;tag=marcheniminte-21\">Information<\/a><\/p>\n<p>Vor etwa hundert Jahren riss der gelbe Fluss abermals ein Loch in die D\u00e4mme. Dem Flussaufseher wurde zur Strafe sein Rangknopf genommen, und er ward verurteilt, den Damm wieder auszubessern. Aber die \u00d6ffnung Schloss und Schloss sich nicht. Der Mann war treu und ehrlich und beaufsichtigte Tag und Nacht die Arbeit. Immer, wenn man gerade dabei war, die letzte \u00d6ffnung zuzusch\u00fctten, da sank der Damm wieder zusammen, und das Wasser brach aufs Neue durch. Starr stand der Beamte daneben, ohne sich zu regen. Seine Diener mussten ihn beim Arme nehmen und nach Hause f\u00fchren.<\/p>\n<p>Es war Abend geworden, und die Flussarbeiter hatten sich zerstreut. Da schlich er sich heimlich aus dem Hause und st\u00fcrzte sich in den Fluss. Seine Diener eilten ihm nach, erreichten ihn jedoch nicht mehr. Am Tag darauf Schloss sich der Dammbruch. Die Tat ward sp\u00e4ter bei Hofe bekannt, und der Beamte ward zum Feldherrn des gelben Flusses ernannt.<\/p>\n<p>Die Flussgeister lieben es, Schauspielen zuzusehen. Jedem Tempel gegen\u00fcber ist eine Schaub\u00fchne errichtet. In der Halle steht das Geistert\u00e4felchen des Flussk\u00f6nigs, auf dem Altar davor eine kleine Goldlackschale mit reinem Sand gef\u00fcllt. Wenn man darin ein Schl\u00e4nglein erblickt, so ist der Flussk\u00f6nig da. Die Priester schlagen dann die Glocke und r\u00fchren die Pauke und lesen aus den heiligen B\u00fcchern vor. Sofort wird dem Beamten Nachricht \u00fcberbracht, und er bestellt eine Schauspielertruppe. Vor Beginn des Spiels steigen die Schauspieler zum Tempel empor, beugen ein Knie und bitten den K\u00f6nig, ein Spiel zu bezeichnen; dann sucht der Gott eines aus und deutet mit dem Kopf darauf. Sonst schreibt er wohl auch mit dem Schw\u00e4nze Zeichen in den Sand. Die Schauspieler beginnen dann sofort mit dem gew\u00fcnschten St\u00fcck.<\/p>\n<p>Er fragt nicht nach Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck der Menschen. Pl\u00f6tzlich kommt er, pl\u00f6tzlich geht er, wie es ihm gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Es war einmal ein Bauer, der ging mit seinem Schubkarren auf den Markt. Pl\u00f6tzlich erschien der Flussk\u00f6nig auf dem Strohhut des Bauern, ohne dass dieser es merkte. Die Leute, die ihm auf der Stra\u00dfe begegneten, riefen ihm zu und verneigten sich vor dem Gott. Darauf wurde der Strohhut in den Tempel gebracht und ein Schauspiel gegeben.<\/p>\n<p>Zwischen dem \u00e4u\u00dferen und dem inneren Damm des gelben Flusses sind viele Ansiedlungen. Oft kommt es nun vor, dass das gelbe Wasser bis an den Rand der inneren W\u00e4lle geht. Senkrecht aufgerichtet wie eine Mauer, so r\u00fcckt es allm\u00e4hlich vor. Wenn die Leute es sehen, so verbrennen sie schleunigst Weihrauch und verneigen sich betend gegen das Wasser und versprechen dem Flussgott ein Schauspiel. Dann zieht das Wasser sich zur\u00fcck, und es geht die Rede: \u00bbDer Flussgott hat wieder ein Schauspiel verlangt.\u00ab<\/p>\n<p>In jener Gegend steht ein Dorf. Da wohnte einst ein reicher Mann. Der baute rings um das Dorf eine steinerne Mauer, zwanzig Fu\u00df hoch, um das Wasser abzuhalten. Er glaubte nicht an die Flussgeister, sondern verlie\u00df sich auf die feste Mauer und war ganz unbesorgt.<\/p>\n<p>Eines Abends kam pl\u00f6tzlich das gelbe Wasser heran und stand senkrecht vor dem Dorfe. Der Reiche lie\u00df mit Kanonen darnach schie\u00dfen. Da wuchs das Wasser wild und umgab rings die Mauern so hoch, dass es bis an die \u00d6ffnungen der Zinnen reichte. Das Wasser brauste und zischte und war nahe daran, sich \u00fcber die Mauern zu ergie\u00dfen. Da geriet das ganze Dorf in gro\u00dfen Schrecken. Man schleppte den reichen Mann herbei; er musste niederknien und um Verzeihung bitten. Man versprach ein Schauspiel, es half nichts; man versprach dem Flussgott einen Tempel zu bauen mitten im Dorfe und regelm\u00e4\u00dfig Schauspiele aufzuf\u00fchren, da sank das Wasser nach und nach und wich zur\u00fcck. Das Getreide vor dem Dorf hatte keinen Schaden erlitten; sondern, es gab ged\u00fcngt von dem gelben Schlamme, eine doppelte Ernte.<\/p>\n<p>Ein Gelehrter ging einst mit einem Freunde \u00fcber Feld, um seine Verwandten zu besuchen. Da kamen sie an einem Flussgott-Tempel vorbei, wo gerade ein neues Schauspiel gegeben wurde. Der Freund forderte ihn auf, mit hinzugehen und sich die Sache anzusehen. Sie traten in den Tempelhof, da sahen sie oben an den beiden Vorders\u00e4ulen zwei gr\u00fcne Schlangen, die sich um die S\u00e4ulen gewickelt hatten und den Kopf hervor streckten, als s\u00e4hen sie dem Schauspiel zu. In der Tempelhalle stand der Altar mit der Sandschale. Darin lag ein Schl\u00e4nglein mit goldenem Leib, gr\u00fcnem Kopfe und roten Punkten auf der Stirn. Es hatte den Hals emporgereckt, und seine blitzenden \u00c4uglein waren unverwandt nach der Schaub\u00fchne gerichtet. Der Freund verneigte sich, und der Gelehrte tat es ihm nach.<\/p>\n<p>Leise fragte er dann seinen Freund: \u00bbWie hei\u00dfen denn die drei Flussg\u00f6tter?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDer im Tempel\u00ab, war die Antwort, \u00bbist der goldene Drachenk\u00f6nig. Die beiden auf den S\u00e4ulen sind zwei Feldherren. Sie wagen es nicht, mit dem K\u00f6nig zusammen im Tempel zu sitzen.\u00ab<\/p>\n<p>Der Gelehrte verwunderte sich darob und dachte in seinem Herzen: \u00bbSolch ein kleines Schl\u00e4nglein! Wie kann das G\u00f6tterkraft besitzen! Es m\u00fcsste erst seine Macht beweisen, ehe ich es verehre.\u00ab<\/p>\n<p>Noch hatte er diese geheimen Gedanken nicht ausgesprochen, da sah er pl\u00f6tzlich, wie das Schl\u00e4nglein in der Schale den Kopf \u00fcber den Altar herausstreckte. Vor dem Altar brannten zwei riesige Kerzen. Sie waren \u00fcber zehn Pfund schwer und dick wie kleine B\u00e4ume. Ihr Feuer brannte wie Fackelschein. Die Schlange streckte nun den Kopf mitten in die Kerzenflamme hinein. Die Flamme war wohl einen Zoll breit und brannte rot. Pl\u00f6tzlich wurde ihr Schein blau und teilte sich in zwei Zungen. So riesig war die Kerze und so hei\u00df das Feuer, dass auch Kupfer und Eisen darin geschmolzen w\u00e4ren; aber der Schlange tat es nichts.<\/p>\n<p>Dann kroch sie in den Weihrauchkessel. Der Weihrauchkessel war von Eisen, so gro\u00df, dass man ihn mit beiden Armen eben umfassen konnte. Der Deckel zeigte in durchbrochener Arbeit ein Drachenornament. Die Schlange kroch durch die L\u00f6cher dieses Deckels hin und her und wand sich durch alle durch, so dass es aussah wie eine Stickerei von Goldf\u00e4den. Schlie\u00dflich waren alle \u00d6ffnungen des Deckels, gross und klein, von der Schlange durchzogen. Sie musste sich dazu wohl mehrere Dutzend Fu\u00df lang gemacht haben. Dann streckte sie den Kopf oben heraus und sah dem Schauspiel weiter zu.<\/p>\n<p>Da erschrak der Gelehrte, verneigte sich zweimal und betete: \u00bbGro\u00dfer K\u00f6nig, du hast dich meinethalb bem\u00fcht. Ich ehre dich von Herzen.\u00ab<\/p>\n<p>Kaum hatte er diese Worte gesprochen, da war im Augenblick das Schl\u00e4nglein wieder in der Schale und war so klein als wie zuvor.<\/p>\n<p>In Dsiningdschou wurde im Tempel des Flussgottes Geburtstag gefeiert. Man brachte dem Gott als Geburtstagsgeschenk ein Schauspiel dar. Die Zuschauer standen dicht gedr\u00e4ngt wie eine Mauer. Da kam ein einf\u00e4ltiger Bauer vom Lande vor\u00fcber, der sprach mit lauter Stimme: \u00bbDas ist doch nur ein ganz kleiner Wurm. Es ist eine gro\u00dfe Dummheit, den als K\u00f6nig zu verehren!\u00ab<\/p>\n<p>Aber ehe er fertig gesprochen hatte, da flog die Schlange aus dem Tempel heraus. Sie wuchs und wuchs und wickelte sich dreimal um die Schaub\u00fchne. Sie ward dick wie ein gro\u00dfer Eimer, und ihr Haupt glich einem Drachen. Die Augen spr\u00fchten wie goldene Lampen, und mit der Zunge spie sie rote Flammen aus. Sie streckte sich und zog sich wieder zusammen, da zitterte die Schaub\u00fchne, und es sah aus, als wollte sie einst\u00fcrzen. Die Schauspieler unterbrachen die Musik und fielen auf der B\u00fchne anbetend nieder. Die ganze Menge ward von Entsetzen gepackt und verneigte sich zur Erde. Dann kamen einige \u00c4lteste, die warfen den Bauer zu Boden und peitschten und pufften ihn halbtot. Da warf er sich vor der Schlange nieder und betete zu ihr. Es entstand ein Ger\u00e4usch, wie wenn heftiges Feuerwerk abgebrannt w\u00fcrde. Das dauerte eine geraume Zeit, dann war die Schlange verschwunden.<\/p>\n<p>Im Osten von Schantung liegt die Stadt D\u00f6ngdschoufu. Dort ist ein Aussichtsturm mit gro\u00dfem Tempel. Zu seinen F\u00fc\u00dfen liegt die Wasserstadt, die hat im Norden ein Meertor, zu dem die Flut bis in die Stadt hereinkommt. Ein Lager der Strandwache liegt an diesem Tore.<\/p>\n<p>Es war einmal ein Offizier, der war als Hauptmann hierher versetzt worden. Er geh\u00f6rte fr\u00fcher zum Landheer und war noch nicht lange auf diesem neuen Posten. Er gab einigen Freunden ein Gastmahl. Vor dem Pavillon lag ein gro\u00dfer Stein, der hatte die Form eines Tisches. Pl\u00f6tzlich sah man auf diesem Stein ein Schl\u00e4nglein sich ringeln, das war gr\u00fcn gefleckt und hatte auf dem viereckigen Kopfe rote Punkte. Die Soldaten wollten das Tierchen t\u00f6ten. Der Hauptmann ging hinaus, um nach der Sache zu sehen.<\/p>\n<p>Dann sprach er lachend: \u00bbIhr d\u00fcrft ihm nichts tun! Das ist der Flussk\u00f6nig von Dsiningdschou. Als ich in Dsiningdschou stand, hat er mich manchmal besucht, und ich habe ihm zu Ehren dann immer Opfer und Schauspiele dargebracht. Nun kommt er eigens her, um mir Gl\u00fcck zu w\u00fcnschen und nach seinem alten Freunde zu sehen.\u00ab<\/p>\n<p>In dem Lager war eine Musikkapelle; die Leute konnten singen und tanzen wie eine richtige Schauspielertruppe. Der Hauptmann lie\u00df schleunigst ein Schauspiel beginnen und richtete ein anderes Festmahl mit Wein und k\u00f6stlichen Speisen her und bat den Flussgott, Platz zu nehmen.<\/p>\n<p>Es ward allm\u00e4hlich Abend, und der Flussgott machte noch keine Miene, zu gehen.<\/p>\n<p>Da trat der Hauptmann mit einer Verbeugung zu ihm und sprach: \u00bbWir sind hier weit vom gelben Fluss entfernt, und die Leute haben noch nie Euren Namen nennen h\u00f6ren. Es war mir eine gro\u00dfe Ehre, dass Ihr mich besucht habt. Aber die Weiber und Toren, die sich da gaffend versammelt haben, f\u00fcrchten sich, von Euch zu h\u00f6ren. Ihr habt nun Euren alten Freund ja besucht und m\u00f6gt nun wieder zur\u00fcckkehren.\u00ab<\/p>\n<p>Mit diesen Worten lie\u00df er eine S\u00e4nfte kommen; man schlug die Pauken und verbrannte Feuerwerk, schlie\u00dflich schoss man noch neun Kanonensch\u00fcsse ab, um ihm das Geleite zu geben. Da stieg das Schl\u00e4nglein in die S\u00e4nfte, und der Hauptmann folgte hinten nach. So kam man an den Hafen, und als man eben Abschied nehmen wollte, da schwamm die Schlange schon im Wasser. Sie war viel gr\u00f6\u00dfer geworden als vorher, nickte dem Hauptmann mit dem Kopfe zu und verschwand.<\/p>\n<p>Da gab&#8217;s ein Zweifeln und Fragen: \u00bbDer Flussgott wohnt doch tausend Meilen weit von hier, wie kommt er denn hierher?\u00ab<\/p>\n<p>Der Hauptmann aber sprach: \u00bbDer ist so m\u00e4chtig, dass er \u00fcberallhin kann, und au\u00dferdem f\u00fchrt ja von dort ein Wasserweg ins Meer. Diesen Weg herunterzukommen und durchs Meer zu schwimmen, das bringt der im Augenblick fertig.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00e4rchen aus China<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,192,133],"tags":[],"class_list":["post-466","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-maerchen-aus-china","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/466","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=466"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/466\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":467,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/466\/revisions\/467"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=466"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=466"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=466"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}