{"id":463,"date":"2015-10-07T21:26:34","date_gmt":"2015-10-07T19:26:34","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=463"},"modified":"2025-12-28T03:11:59","modified_gmt":"2025-12-28T02:11:59","slug":"der-geist-im-glas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-geist-im-glas\/","title":{"rendered":"Der Geist im Glas"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Es war einmal ein armer Holzhacker, der arbeitete vom Morgen bis in die sp\u00e4te Nacht. Als er endlich etwas Geld zusammengespart hatte, sprach er zu seinem Jungen: &#8222;Du bist mein einziges Kind, ich will das Geld, das ich mit saurem Schwei\u00df erworben habe, zu deinem Unterricht anwenden; lernst du etwas Rechtschaffenes, so kannst du mich im Alter ern\u00e4hren, wenn meine Glieder steif geworden sind und ich daheim sitzen muss.&#8220; Da ging der Junge auf eine hohe Schule und lernte flei\u00dfig, so dass ihn seine Lehrer r\u00fchmten, und blieb eine Zeitlang dort. Als er ein paar Schulen durchgelemt hatte, doch aber noch nicht in allem vollkommen war, da war auch das bisschen Armut, das der Vater erworben hatte, draufgegangen, und er musste wieder zu ihm heimkehren. &#8222;Ach&#8220;, sprach der Vater betr\u00fcbt, &#8222;ich kann dir nichts mehr geben und kann in der teuren Zeit auch keinen Heller mehr verdienen, als das t\u00e4gliche Brot.&#8220; &#8211; &#8222;Lieber Vater&#8220;, antwortete der Sohn, &#8222;macht Euch dar\u00fcber keine Gedanken, wenn&#8217;s Gottes Wille also ist, so wird&#8217;s zu meinem Besten ausschlagen; ich will mich schon drein schicken.&#8220; Als der Vater hinaus in den Wald wollte, um etwas am Holzschlagen zu verdienen, da sprach der Sohn: &#8222;Ich will mit Euch gehen und Euch helfen.&#8220; -&#8222;Ja, mein Sohn&#8220;, sagte der Vater, &#8222;das sollte dir beschwerlich ankommen, du bist an harte Arbeit nicht gew\u00f6hnt, du h\u00e4ltst das nicht aus; ich habe auch nur eine Axt und kein Geld \u00fcbrig, noch eine zu kaufen.&#8220; &#8211; &#8222;Geht nur zum Nachbar&#8220;, antwortete der Sohn, &#8222;der leiht Euch seine Axt so lange, bis ich selbst eine verdient habe.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Da borgte der Vater beim Nachbar eine Axt, und am andern Morgen, beim Anbruch des Tages, gingen sie zusammen hinaus in den Wald. Der Sohn half dem Vater und war ganz munter und frisch dabei. Als nun die Sonne \u00fcber ihnen stand, sprach der Vater: &#8222;Wir wollen rasten und Mittag halten, hernach geht&#8217;s noch einmal so gut.&#8220; Der Sohn nahm sein Brot in die Hand und sprach: &#8222;Ruht Euch nur aus, Vater, ich bin nicht m\u00fcde, ich will ein wenig im Wald auf und ab gehen und Vogelnester suchen.&#8220; &#8211; &#8222;0 du Geck&#8220;, sprach der Vater, &#8222;was willst du jetzt laufen, hernach bist du m\u00fcde und kannst den Arm nicht mehr aufheben; bleib&#8216; hier und setze dich zu mir.&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Der Sohn aber ging in den Wald, a\u00df sein Brot, war ganz fr\u00f6hlich und sah in die gr\u00fcnen Zweige hinein, ob er etwa ein Nest entdeckte. So ging er hin und her, bis er endlich zu einer gro\u00dfen, gef\u00e4hrlichen Eiche kam, die gewiss schon viele hundert Jahre alt war, und die keine f\u00fcnf Menschen umspannt h\u00e4tten. Er blieb stehen, sah sie an und dachte: &#8222;Es muss doch mancher Vogel sein Nest hineingebaut haben .&#8220; Da deuchte ihn auf einmal, als h\u00f6rte er eine Stimme. Er horchte und vernahm, wie es mit so einem recht dumpfen Tone rief: &#8222;Lass&#8216; mich heraus, lass&#8216; mich heraus!&#8220; Er sah sich rings um, konnte aber nichts entdecken, doch es war ihm, als ob die Stimme unten aus der Erde hervork\u00e4me. Da rief er: &#8222;Wo bist du?&#8220; Die Stimme antwortete: &#8222;Ich stecke da unten bei den Eichwurzeln. Lass&#8216; mich heraus, lass&#8216; mich heraus !&#8220; Der Sch\u00fcler fing an, unter dem Baum aufzur\u00e4umen und bei den Wurzeln zu suchen, bis er endlich in einer kleinen H\u00f6hlung eine Glasflasche entdeckte. Er hob sie in die H\u00f6he und hielt sie gegen das Licht; da sah er ein Ding, gleich einem Frosch gestaltet, das sprang darin auf und nieder. &#8222;Lass&#8216; mich heraus, lass&#8216; mich heraus!&#8220; rief&#8217;s von neuem, und der Sch\u00fcler, der an nichts B\u00f6ses dachte, nahm den Pfropfen von der Flasche ab. Alsbald stieg ein Geist heraus und fing an zu wachsen und wuchs so schnell, dass er in wenigen Augenblicken als ein entsetzlicher Kerl, so gro\u00df wie der halbe Baum, vor dem Sch\u00fcler stand. &#8222;Wei\u00dft du&#8220;, rief er mit einer f\u00fcrchterlichen Stimme, &#8222;was dein Lohn daf\u00fcr ist, dass du mich herausgelassen hast?&#8220; &#8211; &#8222;Nein&#8220;, antwortete der Sch\u00fcler ohne Furcht, &#8222;wie soll ich das wissen?&#8220; &#8211; &#8222;So will ich dirs sagen&#8220;, rief der Geist, &#8222;den Hals muss ich dir daf\u00fcr brechen!&#8220; &#8211; &#8222;Das h\u00e4ttest du mir fr\u00fcher sagen sollen&#8220;, antwortete der Sch\u00fcler, &#8222;so h\u00e4tte ich dich stecken lassen; mein Kopf aber soll vor dir wohl feststehen, da m\u00fcssen mehr Leute gefragt werden.&#8220; -&#8222;Mehr Leute hin, mehr Leute her&#8220; rief der Geist, &#8222;deinen verdienten Lohn, den sollst du haben. Denkst du, ich w\u00e4re aus Gnade da so lange Zeit eingeschlossen worden? Nein, es war zu meiner Strafe; ich bin der gro\u00dfm\u00e4chtige Merkurius, wer mich losl\u00e4sst, dem muss ich den Hals brechen!&#8220; &#8222;Sachte&#8220;, antwortete der Sch\u00fcler, &#8222;so geschwind geht das nicht, erst muss ich auch wissen, dass du wirklich in der kleinen Flasche gesessen hast und dass du der rechte Geist bist: kann&#8217;st du auch wieder hinein, so will ich&#8217;s glauben, und dann magst du mit mir anfangen, was du willst.&#8220; Der Geist sprach voll Hochmut: &#8222;Das ist eine geringe Kunst&#8220;, zog sich zusammen und machte sich so d\u00fcnn und klein, wie er anfangs gewesen war, also dass er durch dieselbe \u00d6ffnung und durch den Hals der Flasche wieder hineinkroch. Kaum aber war er darin, so dr\u00fcckte der Sch\u00fcler den abgezogenen Pfropfen wieder auf und warf die Flasche unter die Eichenwurzeln an ihren alten Platz, und der Geist war betrugen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Nun wollte der Sch\u00fcler zu seinem Vater zur\u00fcckgehen, aber der Geist rief ganz kl\u00e4glich: &#8222;Ach, lass&#8216; mich doch heraus, lass&#8216; mich doch heraus!&#8220; &#8211; &#8222;Nein&#8220;, antwortete der Sch\u00fcler, &#8222;zum zweitenmal nicht; wer mir einmal nach dem Leben getrachtet hat, den lass&#8216; ich nicht los, wenn ich ihn wieder eingefangen habe.&#8220; -&#8222;Wenn du mich freimachst&#8220;, rief der Geist, &#8222;so will ich dir so viel geben, dass du dein Lebtag genug hast!&#8220; &#8211; &#8222;Nein&#8220;, antwortete der Sch\u00fcler, &#8222;du w\u00fcrdest mich betr\u00fcgen wie das erstemal.&#8220; &#8211; &#8222;Du verscherzest dein Gl\u00fcck&#8220;, sprach der Geist, &#8222;ich will dir nichts tun, sondern dich reichlich belohnen.&#8220; Der Sch\u00fcler dachte: &#8222;Ich will&#8217;s wagen, vielleicht h\u00e4lt er Wort, und anhaben soll er mir doch nichts.&#8220; Da nahm er den Pfropfen ab, und der Geist stieg wie das vorige Mal heraus, dehnte sich auseinander und ward gro\u00df wie ein Riese. &#8222;Nun sollst du deinen Lohn haben&#8220;, sprach er und reichte dem Sch\u00fcler einen kleinen Lappen, ganz wie ein Pflaster, und sagte: &#8222;Wenn du mit dem einen Ende eine Wunde bestreichst, so heilt sie; und wenn du mit dem andern Ende Stahl und Eisen bestreichst, so wird es in Silber verwandelt.&#8220; &#8211; &#8222;Das muss ich erst verrsuchen&#8220;, sprach der Sch\u00fcler, ging an einen Baum, ritzte die Rinde mit seiner Axt und bestrich sie mit dem Ende des Pflasters; alsbald schloss sie sich wieder zusammen und war geheilt. &#8222;Nun, es hat seine Richtigkeit&#8220;, sprach der Geist, &#8222;jetzt k\u00f6nnen wir uns trennen.&#8220; Der Geist dankte ihm f\u00fcr seine Erl\u00f6sung und der Sch\u00fcler dankte dem Geist f\u00fcr sein Geschenk und ging zur\u00fcck zu seinem Vater. &#8222;Wo bist du herumgelaufen?&#8220; sprach der Vater, &#8222;warum hast du die Arbeit vergessen? Ich habe es ja gleich gesagt, dass du nichts zustande bringen w\u00fcrdest.&#8220; &#8211; &#8222;Gebt Euch zufrieden, Vater, ich will&#8217;s nachholen.&#8220; &#8211; &#8222;Ja nachholen&#8220;, sprach der Vater zornig; &#8222;das hat keine Art.&#8220; &#8211; &#8222;Habt acht, Vater, den Baum da will ich gleich umhauen, dass er krachen soll.&#8220; Da nahm er sein Pflaster, bestrich die Axt damit und tat einen gewaltigen Hieb; aber weil das Eisen in Silber verwandelt war, legte sich die Schneide um. &#8222;Ei, Vater, seht einmal, was habt Ihr mir f\u00fcr eine schlechte Axt gegeben, die ist ganz schief geworden!&#8220; Da erschrak der Vater: &#8222;Ach, was hast du gemacht! Nun muss ich die Axt bezahlen und wei\u00df nicht womit; das ist der Nutzen, den ich von deiner Arbeit habe.&#8220; &#8211; &#8222;Werdet nicht b\u00f6s&#8220;, antwortete der Sohn, &#8222;die Axt will ich schon bezahlen.&#8220; &#8211; &#8222;0 du Dummbart!&#8220; rief der Vater, &#8222;wovon willst du sie bezahlen? Du hast nichts, als was ich dir gebe; das sind Studentenkniffe, die dir im Kopfe stecken, aber vom Holzhacken hast du keinen Verstand.&#8220;<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">\u00dcber ein Weilchen sprach der Sch\u00fcler: &#8222;Vater, ich kann doch nichts arbeiten, wir wollen lieber Feierabend machen.&#8220; &#8211; &#8222;Ei, was&#8220;, antwortete er, &#8222;meinst du, ich wollte die H\u00e4nde in den Scho\u00df legen wie du? Ich muss noch schaffen, du kannst dich aber heimpacken.&#8220; &#8211; &#8222;Vater, ich bin zum erstenmal hier in dem Wald, ich wei\u00df den Weg nicht allein, geht doch mit mir.&#8220; Weil sich der Zorn gelegt hatte, lie\u00df sich der Vater endlich bereden und ging mit ihm heim. Da sprach er zum Sohn:&#8220; Geh&#8216; und verkauf&#8216; die versch\u00e4ndete Axt und sieh&#8216; zu, was du daf\u00fcr kriegst; das \u00fcbrige muss ich verdienen, um sie dem Nachbar zu bezahlen.&#8220; Der Sohn nahm die Axt und trug sie in die Stadt zu einem Goldschmied, der probierte sie, legte sie auf die Waage und sprach: &#8222;Sie ist vierhundert Taler wert, so viel habe ich nicht in bar.&#8220; Der Sch\u00fcler sprach: &#8222;Gebt mir, was Ihr habt, das \u00fcbrige will ich Euch borgen.&#8220; Der Goldschmied gab ihm dreihundert Taler und blieb ihm einhundert schuldig. Darauf ging der Sch\u00fcler heim und sprach: &#8222;Vater, ich habe Geld, geht und fragt, was der Nachbar f\u00fcr die Axt haben will.&#8220; &#8211; &#8222;Das wei\u00df ich schon&#8220;, antwortete der Alte, &#8222;einen Taler, sechs Groschen.&#8220; &#8211; &#8222;So gebt ihm zwei Taler zw\u00f6lf Groschen, das ist das Doppelte und ist genug; seht Ihr, ich habe Geld im \u00dcberfluss&#8220;, und gab seinem Vater einhundert Taler und sprach: &#8222;Es soll Euch niemals fehlen, lebt nach Eurer Bequemlichkeit.&#8220; &#8211; &#8222;Mein Gott&#8220;, sprach der Alte, &#8222;wie bist du zu dem Reichtum gekommen?&#8220; Da erz\u00e4hlte er ihm, wie alles zugegangen w\u00e4re, und wie er im Vertrauen auf sein Gl\u00fcck einen so reichen Fang gemacht h\u00e4tte. Mit dem \u00fcbrigen Geld aber zog er wieder hin auf die hohe Schule und lernte weiter, und weil er mit seinem Pflaster alle Wunden heilen konnte, ward er der ber\u00fchmteste Doktor auf der ganzen Welt. <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[87,85],"tags":[],"class_list":["post-463","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gebr-grimm","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/463","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=463"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/463\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":465,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/463\/revisions\/465"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=463"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=463"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=463"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}