{"id":457,"date":"2015-10-07T21:23:08","date_gmt":"2015-10-07T19:23:08","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=457"},"modified":"2026-01-24T18:18:26","modified_gmt":"2026-01-24T17:18:26","slug":"der-geduldstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-geduldstein\/","title":{"rendered":"Der Geduldstein"},"content":{"rendered":"<p>M\u00e4rchen aus der T\u00fcrkei<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDie \u00dcberlieferer der Erz\u00e4hlungen und die Berichterstatter der Geschichten erz\u00e4hlen folgendes: In alter Zeit hatte eine alte Frau eine sehr liebenswerte Tochter, die an Sch\u00f6nheit nicht ihresgleichen in der Welt hatte. Dieses M\u00e4dchen sa\u00df in einem Zimmer und strickte. Eines Tages gegen Abend kam ein Vogel durch das Fenster herein und redete sie in wohlgesetzten Worten an: \u00bbMeine Sultanin, du wirst vierzig Tage lang einen Toten bewachen und dann deinen Wunsch erreichen.\u00ab Darauf flog er fort.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen legte sich an jenem Abend nieder und schlief ein. Am n\u00e4chsten Tag gegen Abend kommt der Vogel in gleicher Weise wieder und spricht nochmals und fliegt fort. Das arme M\u00e4dchen erz\u00e4hlt seiner Mutter die Worte des Vogels. Die Mutter fragt: \u00bbAch, meine Tochter! Wann kommt der Vogel?\u00ab Da antwortete das M\u00e4dchen: \u00bbHeute abend wird er wiederkommen.\u00ab<\/p>\n<p>Als es endlich Abend wurde, versteckte sich die Mutter in einem Schrank. Der Vogel kam wiederum und sprach zu dem M\u00e4dchen: \u00bbMeine Sultanin! Du wirst vierzig Tage lang einen Toten bewachen und dann deinen Wunsch erreichen!\u00ab Nach diesen Worten flog er wieder fort.<\/p>\n<p>Als die Mutter dies geh\u00f6rt hatte, sagte sie: \u00bbAch, meine Tochter! Komm, wir wollen uns vor diesem Vogel retten und fl\u00fcchten.\u00ab Das M\u00e4dchen entgegnete: \u00bbWie es auch kommen mag, so soll es sein! Mutter, wir wollen fliehen!\u00ab<\/p>\n<p>Darauf packten sie ihre Sachen zusammen, die an Gewicht leicht, aber an Wert schwer waren, und machten sich auf den Weg. Nachdem einige Tage vergangen waren, gelangten sie zu einem Palast. Sie lie\u00dfen sich an einer Seite au\u00dferhalb des Palastes nieder und ruhten aus. Als es Nacht wurde, legten sie sich hin und schliefen ein. Da kam der Vogel wieder, ergriff das M\u00e4dchen leise und brachte es in ein Zimmer des Palastes. Danach flog der Vogel fort. Als das M\u00e4dchen seine Augen \u00f6ffnete und umherschaute, sah es sich selbst im Palast. Mitten im Zimmer lag in einem Bett ein Toter. Als das M\u00e4dchen das sah, w\u00e4re es beinahe ohnm\u00e4chtig geworden und dachte: \u00bbO weh, was der Vogel gesagt hat, war doch keine L\u00fcge! Das kommt von Gott. Ich muss das, was mir bestimmt ist, ertragen. So Gott will, wird das Ende gut.\u00ab<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen soll also hier verweilen. Wir wollen uns zu seiner Mutter wenden. Als es Morgen wurde, wachte sie aus dem Schlaf auf und sah auf einmal, dass das M\u00e4dchen nicht mehr da war. Da rief sie: \u00bbO weh, indem ich meiner Tochter geraten habe, vor dem Vogel zu fliehen, habe ich sie mit eigener Hand ins Verderben gest\u00fcrzt.\u00ab So klagte und jammerte sie. Geradewegs kehrte sie nach Hause zur\u00fcck und litt in Verzweiflung und Trauer um das M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>Wir wollen nun zum M\u00e4dchen kommen! Tag und Nacht schlief es nicht und klagte. Schlie\u00dflich kam der neununddrei\u00dfigste Tag. Das M\u00e4dchen sa\u00df am Fenster und schaute traurig auf das Meer. Da wurde ein Schiff sichtbar, das von Persien her kam. Als es gerade am Palast vor\u00fcberfuhr, machte das M\u00e4dchen dem Kapit\u00e4n mit der Hand ein Zeichen und rief: \u00bbNimm diese zehntausend Piaster und gib mir eine Sklavin.\u00ab Dann lie\u00df sie einen Strick hinab und zog die Sklavin herauf. Sie legte ihr eine goldene Kette um den Hals und freute sich, weil sie eine Gef\u00e4hrtin gefunden hatte.<\/p>\n<p>Genau am vierzigsten Tag sprach sie zu der Sklavin: \u00bbDu bleibe hier! Ich werde mir die Zimmer ein wenig ansehen und wiederkommen.\u00ab Das M\u00e4dchen ging weg, und die Sklavin blieb allein. W\u00e4hrend das M\u00e4dchen alle Winkel des Palastes besichtigte, stand der in dem Zimmer liegende Tote auf, wobei er nieste. Als er wieder lebendig geworden war und seine Augen \u00f6ffnete, erblickte er die Sklavin und sagte: \u00bbAdi du, M\u00e4dchen, du hast mich bewacht?\u00ab Die Sklavin erwiderte: \u00bbJa, ich habe dich bewacht!\u00ab<\/p>\n<p>Nun aber war der Tote, der dort gelegen hatte, ein K\u00f6nigssohn, der fr\u00fcher geschworen hatte: \u00bbWer mich vierzig Tage lang bewacht, den werde ich heiraten, sobald ich ihn, wenn ich aufstehe, sehe.\u00ab<\/p>\n<p>So hatte er beschlossen. Als er die Sklavin sah, nahm er sie zur Frau und fragte sie, ob au\u00dfer ihr noch sonst jemand hier w\u00e4re. Da sagte sie: \u00bb]a, in jenem Zimmer ist noch eine Sklavin von mir. Ich habe sie um Geld gekauft, und die Goldst\u00fccke, die sie am Hals tr\u00e4gt, habe ich ihr auch gegeben.\u00ab<\/p>\n<p>Dann rief sie ihre Herrin: \u00bbM\u00e4dchen, komm! Der Herr verlangt nach dir.\u00ab Da kommt das M\u00e4dchen herein und sieht, dass alles ganz anders geworden ist. Auch das kommt von Gott, dachte sie. Man muss es mit Geduld ertragen. Das M\u00e4dchen zog nun selbst die Kleider einer Sklavin an und versah oben und unten im Hause ihren Dienst.<\/p>\n<p>Eines Tages sagte der Prinz zur Herrin: \u00bbIch werde auf Reisen gehen. Was soll ich dir mitbringen?\u00ab Die Herrin antwortete: \u00bbIch m\u00f6chte eine Anzahl Diamanten und T\u00fcrkise haben.\u201c Als er die Sklavin fragte, was sie haben m\u00f6chte, da sagte sie: \u00bbIch w\u00fcnsche mir den Geduldstein. Wenn du ihn vergisst, soll bei deiner R\u00fcckkehr das Vorderteil des Schiffes in pechschwarzem Rauch, aber das Hinterteil klar sein.\u00ab<\/p>\n<p>Danach brach der K\u00f6nigssohn auf und fuhr nach Jemen. Nach einigen Monaten gelangte er dorthin, erledigte dort seine Gesch\u00e4fte und kaufte, was ihm die Herrin aufgetragen hatte. Aber den Auftrag der Sklavin hatte er vergessen. So machte er sich auf den Heimweg. Auf einmal sieht er, dass das Vorderteil des Schiffes in pechschwarze Dunkelheit geh\u00fcllt ist, w\u00e4hrend das Hinterteil ganz hell ist. Sein Schiff konnte nicht abfahren. Der Kapit\u00e4n rief den Soldaten zu: \u00bbWenn unter euch ein Mensch ist, der einen Fluch auf sich hat, soll er aussteigen!\u201c<\/p>\n<p>Als der K\u00f6nigssohn das h\u00f6rte, kam ihm der Auftrag der Sklavin in den Sinn. In der Tat war eingetreten, was sie gesagt hatte. Das Schiff kehrte um, der K\u00f6nigssohn stieg aus, kaufte den Geduldstein, wie ihm aufgetragen war, und kam zum Schiff zur\u00fcck. Da war das Vorderteil des Schiffes hell, w\u00e4hrend der hintere Teil im Nebel lag. Durch die Gnade Gottes fuhr das Schiff rasch wie ein Vogel dahin. Nach Verlauf von einigen Tagen gelangte es zu der Stadt. Der K\u00f6nigssohn verlie\u00df das Schiff und begab sich in seinen Palast.<\/p>\n<p>Die Herrin und die Sklavin stiegen die Treppe hinunter, bewillkommneten ihn und f\u00fchrten ihn hinauf. Der Herrin \u00fcbergab er das Geschenk, das sie sich gew\u00fcnscht hatte, und der Dienerin gab er den Geduldstein. Beide waren zufrieden.<\/p>\n<p>Am Abend ging das M\u00e4dchen in sein Zimmer und blieb dort. Der K\u00f6nigssohn und die Herrin legten sich nieder. Als sie schlief, kam dem K\u00f6nigssohn in den Sinn, was wohl die<br \/>\nDienerin mit dem Geduldstein machen w\u00fcrde. Das machte ihn neugierig. Da die Herrin schlief, stand er aus seinem Bett auf, ging leise an das Zimmer, in dem die Dienerin war, und beobachtete das M\u00e4dchen durch das Schl\u00fcsselloch.<\/p>\n<p>Wir wollen zu dem M\u00e4dchen kommen. Das, was man Geduldstein nannte, war ein Stein von der Gr\u00f6\u00dfe einer Linse. Das M\u00e4dchen warf den Stein auf den Boden und sagte: \u00bbAch, Geduldstein! Einst war ich das teure Kind meiner Mutter. Als ich eines Tages strickte, kam ein Vogel ans Fenster und sprach mit wohlgesetzten Worten zu mir: -Vierzig Tage wirst du bei einem Toten wachen und darauf deinen Wunsch erreichen.&lt; Dann kam ich irgendwie in diesen Palast und bewachte neununddrei\u00dfig Tage lang diesen J\u00fcngling. Wenn das alles mit dir geschehen w\u00e4re, wie w\u00fcrdest du es ertragen, O Geduldstein?\u00ab<\/p>\n<p>Da machte der Geduldstein \u00bbpuh, puh- und schwoll an.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen fuhr fort: \u00bbAls an jenem Tag ein Schiff vorbeifuhr, kaufte ich mir f\u00fcr Geld eine Sklavin. Am vierzigsten Tag lie\u00df ich die Sklavin im Zimmer zur\u00fcck und ging ein wenig hinaus. Da wachte der J\u00fcngling auf, und als er die Sklavin sah, heiratete er sie und wohnte mit ihr zusammen. Wenn das mit dir geschehen w\u00e4re, wie w\u00fcrdest du es ertragen?\u00ab<\/p>\n<p>Da machte der Geduldstein \u00bbpuh\u00ab und schwoll noch weiter an. \u00bbIch bin zu ihrer Sklavin geworden, O Geduldstein. Wie w\u00fcrdest du es erdulden?\u00ab<\/p>\n<p>Da machte der Geduldstein \u00bbpuh\u00ab und platzte.<\/p>\n<p>\u00bbO Geduldstein, du hast es nicht erdulden k\u00f6nnen und bist geplatzt. Wie soll ich es erdulden? Ich will mich nun an der Decke erh\u00e4ngen.\u00ab Sie stellte einen Schemel unter ihre F\u00fc\u00dfe. Gerade als sie sich aufh\u00e4ngen wollte, brach der K\u00f6nigssohn die T\u00fcr auf, trat ein, umarmte das M\u00e4dchen und setzte sie auf die Erde mit den Worten: \u00bbWehe, meine Sultanin! Da du mich doch bewacht hast, warum hast du es mir so lange nicht gesagt?\u00ab<\/p>\n<p>Darauf ging er in das Zimmer jenes M\u00e4dchens, verpr\u00fcgelte sie, lie\u00df sie aufstehen und fragte sie: \u00bbWillst du mit vierzig Maultieren oder mit vierzig Messern bestraft werden?\u00ab Da antwortete sie: \u00bbAch, die vierzig Messer m\u00f6gen auf das Haupt meines Feindes kommen. Ich m\u00f6chte vierzig Maultiere haben, damit ich in meine Heimat gehen kann.\u00ab Darauf band er das M\u00e4dchen an die Schw\u00e4nze von vierzig Maultieren und lie\u00df<br \/>\nsie los. Auf jedem Berg blieb ein St\u00fcck von ihr liegen.<\/p>\n<p>Dann nahm der K\u00f6nigssohn die Herrin und heiratete sie.<\/p>\n<p>Vierzig Tage und vierzig N\u00e4chte dauerten die Hochzeitsfeierlichkeiten. Beide haben nun ihren Wunsch erreicht. Und damit Schluss!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00e4rchen aus der T\u00fcrkei<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,140,133],"tags":[],"class_list":["post-457","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-tuerkei","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/457","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=457"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/457\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":458,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/457\/revisions\/458"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=457"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=457"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=457"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}