{"id":447,"date":"2015-10-07T21:13:50","date_gmt":"2015-10-07T19:13:50","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=447"},"modified":"2026-01-24T15:56:41","modified_gmt":"2026-01-24T14:56:41","slug":"die-gaensehirtin-am-brunnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-gaensehirtin-am-brunnen\/","title":{"rendered":"Die G\u00e4nsehirtin am Brunnen"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die G\u00e4nsehirtin am Brunnen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gebr. Grimm<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Es war einmal ein steinaltes M\u00fctterchen, das lebte mit seiner Herde G\u00e4nse in einer Ein\u00f6de zwischen Bergen und hatte da ein kleines Haus. Die Ein\u00f6de war von einem gro\u00dfen Wald umgeben, und jeden Morgen nahm die Alte ihre Kr\u00fccke und wackelte in den Wald. Da war aber das M\u00fctterchen ganz gesch\u00e4ftig, mehr als man ihm bei seinen hohen Jahren zugetraut h\u00e4tte, sammelte Gras f\u00fcr seine G\u00e4nse, brach sich das wilde Obst ab, soweit es mit den H\u00e4nden reichen konnte, und trug alles auf seinem R\u00fccken heim. Man h\u00e4tte meinen sollen die schwere Last m\u00fcsste sie zu Boden dr\u00fccken, aber sie brachte sie immer gl\u00fccklich nach Hause. Wenn ihr jemand begegnete, so gr\u00fc\u00dfte sie ganz freundlich: &#8222;Guten Tag, lieber Landsmann, heute ist sch\u00f6nes Wetter. Ja, Ihr wundert Euch, dass ich das Gras schleppe, aber jeder muss seine Last auf den R\u00fccken nehmen.&#8220; Doch die Leute begegneten ihr nicht gern und nahmen lieber einen Umweg, und wenn ein Vater mit seinem Knaben an ihr vor\u00fcberging, so sagte er leise zu ihm: &#8222;Nimm dich in acht vor der Alten, die hat&#8217;s faustdick hinter den Ohren! Es ist eine Hexe.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Eines Morgens ging ein h\u00fcbscher junger Mann durch den Wald. Die Sonne schien hell, die V\u00f6gel sangen, und ein k\u00fchles L\u00fcftchen strich durch das Laub, und er war voll Freude und Lust. Noch war ihm kein Mensch begegnet, als er pl\u00f6tzlich die alte Hexe erblickte, die am Boden auf den Knien sa\u00df und Gras mit einer Sichel abschnitt. Eine ganze Last hatte sie schon in ihr Tragtuch geschoben, und daneben standen zwei K\u00f6rbe, die mit wilden Birnen und \u00c4pfeln angef\u00fcllt waren. &#8222;Aber M\u00fctterchen&#8220;, sprach er, &#8222;wie kannst du das alles fortschaffen?&#8220; &#8211; &#8222;Ich muss die Last tragen, lieber Herr&#8220;, antwortete sie, &#8222;reicher Leute Kinder brauchen&#8217;s nicht, aber beim Bauer hei\u00dft&#8217;s:<br>\n<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Schau&#8216; dich nicht um, <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Dein Buckel ist krumm.&#8220;<br>\n<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">&#8222;Wollt Ihr mir helfen?&#8220; sprach sie dann weiter, als er bei ihr stehenblieb, &#8222;Ihr habt noch einen geraden R\u00fccken und junge Beine, es wird Euch ein leichtes sein. Auch ist mein Haus nicht soweit von hier; hinter dem Berge dort steht es auf einer Heide. Wie bald seid Ihr da hinaufgesprungen!&#8220; Der junge Mann empfand Mitleiden mit der Alten und antwortete: &#8222;Zwar ist mein Vater kein Bauer, sondern ein reicher Graf, aber damit Ihr seht, dass die Bauern nicht allein tragen k\u00f6nnen, will ich Euer B\u00fcndel aufnehmen.&#8220; &#8211; &#8222;Wollt Ihr&#8217;s versuchen&#8220;, sprach sie, &#8222;so soll mir&#8217;s lieb sein. Eine Stunde weit werdet Ihr freilich gehen m\u00fcssen, aber was macht Euch das aus! Dort die \u00c4pfel und Birnen m\u00fcsst Ihr auch tragen.&#8220; Es kam dem jungen Grafen doch ein wenig bedenklich vor, als er von einer Stunde Wegs h\u00f6rte, aber die Alte lie\u00df ihn nicht wieder los, packte ihm das Tragtuch auf den R\u00fccken und h\u00e4ngte ihm die beiden K\u00f6rbe an den Arm. &#8222;Seht Ihr, es geht ganz leicht&#8220;, sagte sie. &#8222;Nein, es geht nicht leicht&#8220;, antwortete der Graf und machte ein schmerzliches Gesicht, &#8222;das B\u00fcndel dr\u00fcckt ja so schwer, als w\u00e4ren lauter Kieselsteine darin, und die \u00c4pfel und Birnen haben ein Gewicht, als w\u00e4ren sie von Blei; ich kann kaum atmen.&#8220; Er hatte Lust, alles wieder abzulegen, aber die Alte lie\u00df es nicht zu. &#8222;Seht einmal&#8220;, sprach sie sp\u00f6ttisch, &#8222;der junge Herr will nicht tragen, was ich alte Frau schon so oft fortgeschleppt habe! Mit sch\u00f6nen Worten sind sie bei der Hand, aber wenn&#8217;s Ernst wird, wollen sie sich aus dem Staube machen. Was steht Ihr da&#8220;, fuhr sie fort, &#8222;und zaudert? Hebt die Beine auf, es nimmt Euch niemand das B\u00fcndel wieder ab.&#8220; Solange er auf ebener Erde ging, war&#8217;s noch auszuhalten, aber als sie an den Berg kamen und steigen mussten, und die Steine hinter seinen F\u00fc\u00dfen hinabrollten, als w\u00e4ren sie lebendig, da ging&#8217;s \u00fcber seine Kr\u00e4fte. Die Schwei\u00dftropfen standen ihm auf der Stirn und liefen ihm bald hei\u00df, bald kalt \u00fcber den R\u00fccken hinab. &#8222;M\u00fctterchen&#8220;, sagte er, &#8222;ich kann nicht weiter, ich will ein wenig ruhen.&#8220; &#8211; &#8222;Nichts da&#8220;, antwortete die Alte. &#8222;Wenn wir angelangt sind, k\u00f6nnt Ihr ausruhen, aber jetzt m\u00fcsst Ihr vorw\u00e4rts. Wer wei\u00df, wozu Euch das gut ist.&#8220; &#8211; &#8222;Alte, du wirst unversch\u00e4mt!&#8220; sagte der Graf und wollte das Tragtuch abwerfen, aber er bem\u00fchte sich vergeblich: es hing so fest an seinem R\u00fccken, als wenn es angewachsen w\u00e4re. Er drehte und wendete sich, aber er konnte es nicht wieder loswerden. Die Alte lachte dazu und sprang ganz vergn\u00fcgt auf ihrer Kr\u00fccke herum. &#8222;Erz\u00fcrnt Euch nicht, lieber Herr&#8220;, sprach sie, &#8222;Ihr werdet ja so rot im Gesicht wie ein Zinshahn. Tragt Euer B\u00fcndel mit Geduld; wenn wir zu Hause angelangt sind, will ich Euch schon ein gutes Trinkgeld geben.&#8220; Was wollte er machen? Er musste sich in sein Schicksal f\u00fcgen und geduldig hinter der Alten herschleichen. Sie schien immer flinker zu werden und ihm seine Last immer schwerer. Auf einmal tat sie einen Satz, sprang auf das Tragtuch und setzte sich oben darauf; wie zaund\u00fcrre sie war, so hatte sie doch mehr Gewicht als die dickste Bauerndirne. Dem .J\u00fcngling zitterten die Knie, aber wenn er nicht fortging, schlug ihn die Alte mit einer Gerte und mit Brennnesseln auf die Beine. Unter best\u00e4ndigem \u00c4chzen stieg er den Berg hinauf und langte endlich bei dem Hause der Alten an, als er eben niedersinken wollte. Als die G\u00e4nse die Alte erblickten, streckten sie die Fl\u00fcgel in die H\u00f6he und die H\u00e4lse voraus, liefen ihr entgegen und schrien ihr &#8222;Wulle, wulle!&#8220; Hinter der Herde, mit einer Rute in der Hand, ging eine bejahrte Trulle, stark und gro\u00df, aber h\u00e4sslich wie die Nacht. &#8222;Frau Mutter&#8220;, sprach sie zur Alten, &#8222;ist Euch etwas begegnet? Ihr seid so lange ausgeblieben.&#8220; &#8211; &#8222;Bewahre, mein T\u00f6chterchen&#8220;, erwiderte sie, &#8222;mir ist nichts B\u00f6ses begegnet; im Gegenteil, der liebe Herr da hat mir meine Last getragen. Denk&#8216; dir, als ich m\u00fcde war, hat er mich selbst noch auf den R\u00fccken genommen. Der Weg ist uns auch gar nicht lang geworden, wir sind lustig gewesen und haben immer Spa\u00df miteinander gemacht.&#8220; Endlich rutschte die Alte herab, nahm dem jungen Mann das B\u00fcndel vom R\u00fccken und die K\u00f6rbe vom Arm, sah ihn ganz freundlich an und sprach: &#8222;Nun setzt Euch auf die Bank vor die T\u00fcr und ruht Euch aus. Ihr habt Euern Lohn redlich verdient, der soll auch nicht ausbleiben.&#8220; Dann sprach sie zu der G\u00e4nsehirtin: &#8222;Geh&#8216; du ins Haus hinein, mein T\u00f6chterchen, es schickt sich nicht, dass du mit einem jungen Herrn allein bist, man muss nicht \u00d6l ins Feuer gie\u00dfen; er k\u00f6nnte sich in dich vergaffen.&#8220; Der Graf wusste nicht, ob er weinen oder lachen sollte. &#8222;Solch ein Sch\u00e4tzchen&#8220;, dachte er, &#8222;und wenn es drei\u00dfig Jahre j\u00fcnger w\u00e4re, k\u00f6nnte doch mein Herz nicht r\u00fchren.&#8220; Indessen h\u00e4tschelte und streichelte die Alte ihre G\u00e4nse wie Kinder und ging dann mit ihrer Tochter ins Haus. Der J\u00fcngling streckte sich auf die Bank unter einem wilden Apfelbaum. Die Luft war lau und mild; ringsumher breitete sich eine gr\u00fcne Wiese aus, die mit Himmelschl\u00fcsseln, wildem Thymian und tausend andern Blumen \u00fcbers\u00e4t war; mittendurch rauschte ein klarer Bach, auf dem die Sonne glitzerte, und die wei\u00dfen G\u00e4nse gingen auf und ab spazieren oder badeten sich im Wasser. &#8222;Es ist recht lieblich hier&#8220;, sagte er, &#8222;aber ich bin so m\u00fcde, dass ich die Augen nicht aufbehalten mag; ich will ein wenig schlafen. Wenn nur kein Windsto\u00df kommt und bl\u00e4st mir meine Beine vom Leibe weg, denn sie sind m\u00fcrb wie Zunder.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Als er ein Weilchen geschlafen hatte, kam die Alte und sch\u00fcttelte ihn wach &#8222;Steh&#8216; auf&#8220;, sagte sie, &#8222;hier kannst du nicht bleiben. Freilich habe ich dir&#8217;s sauer genug gemacht, aber das Leben hat&#8217;s doch nicht gekostet. Jetzt will ich dir deinen Lohn geben, Geld und Gut brauchst du nicht, da hast du etwas anderes.&#8220; Damit steckte sie ihm ein B\u00fcchslein in die Hand, das aus einem einzigen Smaragd geschnitten war. &#8222;Bewahr&#8217;s wohl&#8220;, setzte sie hinzu, &#8222;es wird dir Gl\u00fcck bringen.&#8220; Der Graf sprang auf, und da er f\u00fchlte, dass er ganz frisch und wieder bei Kr\u00e4ften war, so dankte er der Alten f\u00fcr ihr Geschenk und machte sich auf den Weg, ohne nach dem sch\u00f6nen T\u00f6chterchen auch nur einmal umzublicken. Als er schon eine Strecke weg war, h\u00f6rte er noch aus der Ferne das lustige Geschrei der G\u00e4nse. Der Graf musste drei Tage in der Wildnis herumirren, ehe er sich hinausfinden konnte. Da kam er in eine gro\u00dfe Stadt, und weil ihn niemand kannte, ward er in das k\u00f6nigliche Schloss gef\u00fchrt, wo der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin auf dem Throne sa\u00dfen. Der Graf lie\u00df sich auf ein Knie nieder, zog das smaragdene Gef\u00e4\u00df aus der Tasche und legte es der K\u00f6nigin zu F\u00fc\u00dfen. Sie hie\u00df ihn aufstehen, und er musste ihr das B\u00fcchslein hinaufreichen. Kaum aber hatte sie es ge\u00f6ffnet und hinein geblickt, so fiel sie wie tot zur Erde. Der Graf ward von den Dienern festgehalten und sollte ins Gef\u00e4ngnis gef\u00fchrt werden; da schlug die K\u00f6nigin die Augen auf und rief, sie sollten ihn freilassen und jedermann sollte hinausgehen, sie wollte insgeheim mit ihm reden. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Als die K\u00f6nigin allein war, fing sie bitterlich an zu weinen und sprach: &#8222;Was hilft mir Glanz und Ehre, die mich umgeben, jeden Morgen erwache ich mit Sorgen und Kummer. Ich habe drei T\u00f6chter gehabt, davon war die j\u00fcngste so sch\u00f6n, dass sie alle Welt f\u00fcr ein Wunder hielt. Sie war so wei\u00df wie Schnee, so rot wie Apfelbl\u00fcte, und ihr Haar so gl\u00e4nzend wie Sonnenstrahlen. Wenn sie weinte, fielen nicht Tr\u00e4nen aus ihren Augen, sondern lauter Perlen und Edelsteine. Als sie f\u00fcnfzehn Jahre alt war, lie\u00df der K\u00f6nig alle drei Schwestern vor seinen Thron kommen. Da h\u00e4ttet Ihr sehen sollen, was die Leute f\u00fcr Augen machten, als die j\u00fcngste eintrat; es war, als wenn die Sonne aufging! Der K\u00f6nig sprach: ,Meine T\u00f6chter, ich wei\u00df nicht, wann mein letzter Tag kommt, ich will heute bestimmen, was eine jede nach meinem Tode erhalten soll. Ihr alle habt mich lieb, aber die mich von euch am liebsten hat, die soll das Beste haben.&#8216; Jede sagte, sie h\u00e4tte ihn am liebsten. ,K\u00f6nnt ihr mir&#8217;s nicht ausdr\u00fccken&#8216;, erwiderte der K\u00f6nig, ,wie lieb ihr mich habt? Daran werde ich&#8217;s ersehen, wie ihr&#8217;s meint.&#8216; Die \u00e4lteste sprach: &#8222;Ich habe den Vater so lieb wie den s\u00fc\u00dfesten Zucker.&#8220; Die zweite: &#8222;Ich habe den Vater so lieb wie mein sch\u00f6nstes Kleid.&#8220; Die j\u00fcngste aber schwieg. Da fragte der Vater: &#8222;Und du, mein liebstes Kind, wie lieb hast du mich?&#8220; &#8211; &#8222;Ich wei\u00df es nicht&#8220;, antwortete sie, &#8222;und kann meine Liebe mit nichts vergleichen.&#8220; Aber der Vater bestand darauf, sie m\u00fcsste etwas nennen. Da sagte sie endlich: &#8222;Die beste Speise schmeckt mir nicht ohne Salz, darum habe ich den Vater so lieb wie Salz.&#8220; Als der K\u00f6nig das h\u00f6rte, geriet er in Zorn und sprach: &#8222;Wenn du mich so liebst wie Salz, soll deine Liebe auch mit Salz belohnt werden.&#8220; Da teilte er das Reich zwischen den beiden \u00e4ltesten, der j\u00fcngsten aber lie\u00df er einen Sack mit Salz auf den R\u00fccken binden, und zwei Knechte mussten sie hinaus in den wilden Wald f\u00fchren. Wir haben alle f\u00fcr sie gefleht und gebeten&#8220;, sagte die K\u00f6nigin, &#8222;aber der Zorn des K\u00f6nigs war nicht zu erweichen. Wie hat sie geweint, als sie uns verlassen musste! Der ganze Weg ist mit Perlen bes\u00e4t worden, die ihr aus den Augen geflossen sind. Den K\u00f6nig hat bald hernach seine gro\u00dfe H\u00e4rte gereut, und er hat das arme Kind in dem ganzen Wald suchen lassen, aber niemand konnte es finden. Wenn ich denke, dass es die wilden Tiere gefressen haben, so wei\u00df ich mich vor Traurigkeit nicht zu fassen; manchmal tr\u00f6ste ich mich mit der Hoffnung, es sei noch am Leben und habe sich in einer H\u00f6hle versteckt oder bei mitleidigen Menschen Schutz gefunden. Aber stellt Euch vor, als ich Euer Smaragdb\u00fcchslein aufmachte, lag eine Perle darin, gerade der Art, wie sie meiner Tochter aus den Augen geflossen sind, und da k\u00f6nnt Ihr Euch vorstellen, wie mir der Anblick das Herz bewegt hat. Ihr sollt mir sagen, wie Ihr zu der Perle gekommen seid.&#8220; Der Graf erz\u00e4hlte ihr, dass er sie von der Alten im Walde erhalten h\u00e4tte, die ihm nicht geheuer vorgekommen w\u00e4re und eine Hexe sein m\u00fcsste; von ihrem Kinde aber hatte er nichts geh\u00f6rt und gesehen. Der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin fassten den Entschluss, die Alte aufzusuchen; sie dachten, wo die Perle gewesen w\u00e4re, da m\u00fcssten sie auch Nachricht von ihrer Tochter finden. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Die Alte sa\u00df drau\u00dfen in der Ein\u00f6de bei ihrem Spinnrad und spann. Es war schon dunkel geworden, und ein Span, der unten am Herd brannte, gab ein sparsames Licht. Auf einmal ward&#8217;s drau\u00dfen laut, die G\u00e4nse kamen heim von der Weide und lie\u00dfen ihr heiseres Gekreisch h\u00f6ren. Bald hernach trat auch die Tochter herein. Aber die Alte dankte ihr kaum und sch\u00fcttelte nur ein wenig mit dem Kopfe. Die Tochter setzte sich nieder, nahm ihr Spinnrad und drehte den Faden so flink wie ein junges M\u00e4dchen. So sa\u00dfen beide zwei Stunden und sprachen kein Wort miteinander. Endlich raschelte etwas am Feuer, und zwei feurige Augen glotzten herein. Es war eine alte Nachteule, die dreimal &#8222;uhu&#8220; schrie. Die Alte schaute nur ein wenig in die H\u00f6he, dann sprach sie: &#8222;Jetzt ist&#8217;s Zeit, T\u00f6chterchen, dass du hinausgehst, tu deine Arbeit.&#8220; Sie stand auf und ging hinaus. Wo ist sie denn hingegangen? \u00dcber die Wiesen immer weiter bis in das Tal. Endlich kam sie zu einem Brunnen, bei dem drei alte Eichb\u00e4ume standen. Der Mond war indessen rund und gro\u00df \u00fcber dem Berge aufgestiegen, und es war so hell, dass man eine Stecknadel h\u00e4tte finden k\u00f6nnen. Sie zog eine Haut ab, die auf ihrem Gesichte lag, b\u00fcckte sich dann zu dem Brunnen und fing an, sich zu waschen. Als sie fertig war, tauchte sie auch die Haut in das Wasser und legte sie dann auf die Wiese, damit sie wieder im Mondschein bleichen und trocknen sollte. Aber wie war das M\u00e4dchen verwandelt! So was habt ihr nie gesehen! Als der graue Zopf abfiel, da quollen die goldenen Haare wie Sonnenstrahlen hervor und breiteten sich, als w\u00e4r&#8217;s ein Mantel, \u00fcber ihre ganze Gestalt. Nur die Augen blitzten heraus, so gl\u00e4nzend wie die Sterne am Himmel, und die Wangen schimmerten in sanfter R\u00f6te wie die Apfelbl\u00fcte. Aber das sch\u00f6ne M\u00e4dchen war traurig. Es setzte sich nieder und weinte bitterlich. Eine Tr\u00e4ne nach der andern drang aus seinen Augen und rollte zwischen den langen Haaren auf den Boden. So sa\u00df es da und w\u00e4re lange sitzengeblieben, wenn es nicht in den \u00c4sten des nahestehenden Baumes geknittert und gerauscht h\u00e4tte. Sie sprang auf wie ein Reh, das den Schuss des J\u00e4gers vernimmt. Der Mond war gerade von einer schwarzen Wolke bedeckt, und im Augenblick war das M\u00e4dchen wieder in die alte Haut geschl\u00fcpft und verschwand wie ein Licht, das der Wind ausbl\u00e4st. Zitternd wie Espenlaub lief sie zu dem Hause zur\u00fcck. Die Alte stand vor der T\u00fcr, und das M\u00e4dchen wollte ihr erz\u00e4hlen, was ihm begegnet war, aber die Alte lachte freundlich und sagte: &#8222;Ich wei\u00df schon alles.&#8220; Sie f\u00fchrte es in die Stube und z\u00fcndete einen neuen Span an. Aber sie setzte sich nicht wieder zum Spinnrad, sondern holte einen Besen und fing an zu kehren und zu scheuern. &#8222;Es muss alles rein und sauber sein&#8220;, sagte sie zu dem M\u00e4dchen. &#8222;Aber Mutter&#8220;, sprach das M\u00e4dchen, &#8222;warum fangt Ihr in so sp\u00e4ter Stunde die Arbeit an? Was habt Ihr vor?&#8220; &#8211; &#8222;Wei\u00dft du denn, welche Stunde es ist?&#8220; fragte die Alte. &#8222;Noch nicht Mitternacht&#8220;, antwortete das M\u00e4dchen, &#8222;aber schon elf Uhr vorbei.&#8220; &#8211; &#8222;Denkst du nicht daran&#8220;, fuhr die Alte fort, &#8222;dass du heute vor drei Jahren zu rnir gekommen bist? Deine Zeit ist aus, wir k\u00f6nnen nicht l\u00e4nger beisammen bleiben.&#8220; Das M\u00e4dchen erschrak und sagte: &#8222;Ach, liebe Mutter, wollt Ihr mich versto\u00dfen? Wo soll ich hin? Ich habe keine Freunde und keine Heimat, wohin ich mich wenden kann. Ich habe alles getan, was Ihr verlangt habt, und Ihr seid immer zufrieden mit mir gewesen; schickt mich nicht fort.&#8220; Die Alte wollte dem M\u00e4dchen nicht sagen, was ihm bevorstand. &#8222;Meines Bleibens ist nicht l\u00e4nger hier&#8220;, sprach sie zu ihm, &#8222;wenn ich aber ausziehe, muss Haus und Stube sauber sein; darum halt&#8216; mich nicht auf in meiner Arbeit. Deinetwegen sei ohne Sorge, du sollst ein Dach finden, unter dem du wohnen kannst, und mit dem Lohn, den ich dir geben will, wirst du auch zufrieden sein.&#8220; &#8211; &#8222;Aber sagt mir nur, was geht vor?&#8220; fragte das M\u00e4dchen weiter. &#8222;Ich sage dir nochmals, st\u00f6re mich nicht in meiner Arbeit. Rede kein Wort weiter, geh&#8216; in deine Kammer, nimm die Haut vom Gesicht und zieh&#8216; das seidene Kleid an, das du trugst, als du zu mir kamst, und dann harre in deiner Kammer, bis ich dich rufe.&#8220; Aber ich muss wieder von dem K\u00f6nig und der K\u00f6nigin erz\u00e4hlen, die mit dem Grafen ausgezogen waren und die Alte in der Ein\u00f6de aufsuchen wollten. Der Graf war nachts in dem Walde von ihnen abgekommen und musste allein weiter gehen. Am andern Tag kam es ihm vor, als bef\u00e4nde er sich auf dem rechten Wege. Er ging immer fort, bis die Dunkelheit einbrach, da stieg er auf einen Baum und wollte da \u00fcbernachten, denn er war besorgt, er m\u00f6chte sich verirren. Als der Mond die Gegend erhellte, da erblickte er eine Gestalt, die den Berg herabwandelte. Sie hatte keine Rute in der Hand, aber er konnte doch sehen, dass es die G\u00e4nsehirtin war, die er fr\u00fcher bei dem Haus der Alten gesehen hatte. &#8222;Oho&#8220;, rief er, &#8222;da kommt sie, und habe ich erst die eine Hexe, so soll mir die andere auch nicht entgehen.&#8220; Wie erstaunte er aber, als sie zu dem Brunnen trat, die Haut ablegte und sich wusch, als die goldenen Haare \u00fcber sie herabfielen, und sie so sch\u00f6n war, wie er noch niemand auf der Welt gesehen hatte! Kaum dass er zu atmen wagte, aber er streckte den Hals zwischen dem Laub so weit vor, als er nur konnte, und schaute sie mit unverwandten Blicken an. Ob er sich zu weit \u00fcberbog, oder was sonst schuld war, pl\u00f6tzlich krachte der Ast, und in demselben Augenblicke schl\u00fcpfte das M\u00e4dchen in die Haut, sprang wie ein Reh davon, und da der Mond sich zugleich bedeckte, war sie seinen Blicken entzogen. Kaum war sie verschwunden, so stieg der Graf von dein Baume herab und eilte ihr mit behenden Schritten nach. Er war noch nicht lange gegangen, so sah er in der D\u00e4mmerung zwei Gestalten \u00fcber die Wiese wandeln. Es war der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin, die hatten aus der Ferne das Licht in dem H\u00e4uschen der Alten erblickt und waren drauf zugegangen. Der Graf erz\u00e4hlte ihnen, was er f\u00fcr Wunderdinge bei dem Brunnen gesehen h\u00e4tte, und sie zweifelten nicht, dass das ihre verlorene Tochter gewesen w\u00e4re. Voll Freude gingen sie weiter und kamen bald bei dem H\u00e4uschen an; die G\u00e4nse sa\u00dfen ringsherum, hatten den Kopf in die Fl\u00fcgel gesteckt und schliefen, und keine regte sich. Sie schauten zum Fenster hinein, da sa\u00df die Alte ganz still und spann, nickte mit dem Kopfe und sah sich nicht um. Es war ganz sauber in der Stube, als wenn da die kleinen Nebelm\u00e4nnlein wohnten, die keinen Staub auf den F\u00fc\u00dfen tragen. Ihre Tochter aber sahen sie nicht. Sie schauten das alles eine Zeitlang an, endlich fassten sie sich ein Herz und klopften leise ans Fenster. Die Alte schien sie erwartet zu haben, sie stand auf und rief ganz freundlich: &#8222;Nur herein, ich kenne euch schon.&#8220; Als sie in die Stube eingetreten waren, sprach die Alte: &#8222;Den weiten Weg h\u00e4ttet ihr euch sparen k\u00f6nnen, wenn ihr euer Kind, das so gut und lieblich ist, nicht vor drei Jahren ungerechterweise versto\u00dfen h\u00e4ttet. Ihr hat&#8217;s nichts geschadet, sie hat drei Jahre lang die G\u00e4nse h\u00fcten m\u00fcssen; sie hat nichts B\u00f6ses dabei gelernt, sondern ihr reines Herz behalten. Ihr aber seid durch die Angst, in der ihr gelebt habt, hinl\u00e4nglich gestraft.&#8220; Dann ging sie an die Kammer und rief: &#8222;Komm&#8216; heraus, mein T\u00f6chterchen!&#8220; Da ging die T\u00fcr auf, und die K\u00f6nigstochter trat heraus in ihrem seidenen Gewand mit ihren goldenen Haaren und den leuchtenden Augen, und es war, als ob ein Engel vom Himmel k\u00e4me. Sie ging auf ihren Vater und ihre Mutter zu, fiel ihnen um den Hals und k\u00fcsste sie; es war nicht anders, sie mussten alle vor Freude weinen. Der junge Graf stand neben ihnen und als sie ihn erblickte, ward sie so rot im Gesicht wie eine Moosrose; sie wusste selbst nicht warum. Der K\u00f6nig sprach: &#8222;Liebes Kind, mein K\u00f6nigreich habe ich verschenkt, was soll ich dir geben?&#8220; &#8211; &#8222;Sie braucht nichts&#8220;, sagte die Alte, &#8222;ich schenke ihr die Tr\u00e4nen, die sie um Euch geweint hat, das sind lauter Perlen, sch\u00f6ner als sie im Meer gefunden werden, und sind mehr wert als Euer ganzes K\u00f6nigreich. Und zum Lohn f\u00fcr ihre Dienste gebe ich ihr mein H\u00e4uschen.&#8220; Als die Alte das gesagt hatte, verschwand sie vor ihren Augen. Es knatterte ein wenig in den W\u00e4nden, und als sie sich umsahen, war das H\u00e4uschen in einen pr\u00e4chtigen Palast verwandelt, und eine k\u00f6nigliche Tafel war gedeckt, und die Bedienten liefen hin und her. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Die Geschichte geht noch weiter, aber meiner Gro\u00dfmutter, die sie mir erz\u00e4hlt hat, war das Ged\u00e4chtnis schwach geworden; sie hatte das \u00fcbrige vergessen. Ich glaube immer, die sch\u00f6ne K\u00f6nigstochter ist mit dem Grafen verm\u00e4hlt worden, und sie sind zusammen in dem Schlosse geblieben und haben da in aller Gl\u00fcckseligkeit gelebt, solange Gott wollte. Ob die schneewei\u00dfen G\u00e4nse, die bei dem H\u00e4uschen geh\u00fctet wurden, lauter M\u00e4dchen waren (es braucht&#8217;s niemand \u00fcbel zunehmen), die die Alte zu sich genommen hatte, und ob sie jetzt ihre menschliche Gestalt wieder erhielten und als Dienerinnen bei der jungen K\u00f6nigin blieben, das wei\u00df ich nicht genau, aber ich vermute es doch. So viel ist gewiss, dass die Alte keine Hexe war, wie die Leute glaubten, sondern eine weise Frau, die es gut meinte. Wahrscheinlich ist sie es auch gewesen, die der K\u00f6nigstochter schon bei der Geburt die Gabe verliehen hat, Perlen zu weinen statt der Tr\u00e4nen. Heutzutage kommt das nicht mehr vor, sonst k\u00f6nnten die Armen bald reich werden.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[87,85],"tags":[],"class_list":["post-447","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gebr-grimm","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/447","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=447"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/447\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4297,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/447\/revisions\/4297"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=447"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=447"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=447"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}