{"id":445,"date":"2015-10-07T21:10:12","date_gmt":"2015-10-07T19:10:12","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=445"},"modified":"2025-12-28T03:13:27","modified_gmt":"2025-12-28T02:13:27","slug":"das-gaensebluemchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-gaensebluemchen\/","title":{"rendered":"Das G\u00e4nsebl\u00fcmchen"},"content":{"rendered":"\n<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Nun h\u00f6r einmal zu!<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Drau\u00dfen auf dem Lande, dicht am Weg, lag ein Landhaus; du hast es gewiss selbst einmal gesehen. Davor ist ein kleiner Garten mit Blumen und einem Staketenzaun, der gestrichen ist. Dicht dabei am Graben, mitten in dem sch\u00f6nsten gr\u00fcnen Gras, wuchs ein G\u00e4nsebl\u00fcmchen; die Sonne beschien es ebenso warm und sch\u00f6n wie die gro\u00dfen herrlichen Prachtblumen im Garten, und deshalb wuchs es von Stunde zu Stunde. Eines Morgens stand es mit seinen kleinen, leuchtendwei\u00dfen Bl\u00e4ttern, die wie Strahlen rings um die kleine gelbe Sonne in der Mitte sitzen, ganz entfaltet da. Es dachte gar nicht daran, dass es kein Mensch dort im Gras s\u00e4he und dass es ein armes, verachtetes Bl\u00fcmchen sei; nein, es war so vergn\u00fcgt, es wandte sich der warmen Sonne gerade entgegen, sah zu ihr auf und horchte auf die Lerche, die in der Luft sang.<\/span><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Die sch\u00f6nsten M\u00e4rchen von Hans Christian Andersen | langes H\u00f6rbuch zum Einschlafen (deutsch)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/sVf0J3uaXMc?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Das G\u00e4nsebl\u00fcmchen war so gl\u00fccklich, als ob es ein gro\u00dfer Festtag w\u00e4re, und es war doch nur ein Montag. Alle Kinder waren in der Schule; w\u00e4hrend sie auf ihren B\u00e4nken sa\u00dfen und etwas lernten, sa\u00df es auf seinem kleinen gr\u00fcnen Stiel und lernte auch von der warmen Sonne und allem ringsumher, wie gut Gott ist; und es gefiel ihm recht, dass die kleine Lerche alles, was es in der Stille f\u00fchlte, so deutlich und sch\u00f6n sang. Und das G\u00e4nsebl\u00fcmchen sah mit einer Art Ehrfurcht zu dem gl\u00fccklichen Vogel auf, der singen und fliegen konnte, aber es war gar nicht betr\u00fcbt, dass es das selbst nicht konnte. \u201eIch sehe und h\u00f6re ja! \u201e dachte es, \u201edie Sonne bescheint mich, und der Wind k\u00fcsst mich! Oh, wie reich bin ich doch beschenkt worden! \u201e<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Innerhalb des Staketenzaunes standen so viele steife, vornehme Blumen, je weniger Duft sie hatten, umso mehr prunkten sie. Die P\u00e4onien bliesen sich auf, um gr\u00f6\u00dfer als eine Rose zu sein; aber die Gr\u00f6\u00dfe allein macht es nicht! Die Tulpen hatten die allersch\u00f6nsten Farben, und das wussten sie wohl und hielten sich kerzengerade, damit man sie besser sehen m\u00f6chte. Sie beachteten das G\u00e4nsebl\u00fcmchen da drau\u00dfen gar nicht, aber das sah desto mehr nach ihnen und dachte: \u201eWie sind sie reich und sch\u00f6n! Ja, zu ihnen fliegt gewiss der pr\u00e4chtige Vogel und besucht sie! Gott sei Dank, dass ich so nahe dabeistehe, so kann ich doch die Pracht auch sehen! \u201e Und gerade als es das dachte, quivit! da kam die Lerche geflogen, aber nicht zu den P\u00e4onien und Tulpen \u2013 nein, ins Gras zu dem armen G\u00e4nsebl\u00fcmchen. Es erschrak vor lauter Freude, dass es gar nicht wusste, was es denken sollte.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Der kleine Vogel tanzte rings um das G\u00e4nsebl\u00fcmchen herum und sang: \u201eNein, wie weich ist doch das Gras! Und sieh, welch ein s\u00fc\u00dfes Bl\u00fcmchen mit Gold im Herzen und Silber auf dem Kleid! \u201e Der gelbe Punkt im G\u00e4nsebl\u00fcmchen sah ja auch aus wie Gold, und die kleinen Bl\u00e4tter ringsherum waren gl\u00e4nzend wei\u00df.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Wie gl\u00fccklich das G\u00e4nsebl\u00fcmchen war \u2013 nein, das kann niemand begreifen! Der Vogel k\u00fcsste es mit seinem Schnabel, sang ihm vor und flog dann wieder in die blaue Luft hinauf. Es dauerte sicher eine ganze Viertelstunde, bevor das Bl\u00fcmchen sich erholen konnte. Halb versch\u00e4mt und doch innig erfreut sah es nach den anderen Blumen im Garten. Sie hatten ja die Ehre und Gl\u00fcckseligkeit gesehen, die ihm widerfahren war, sie mussten ja begreifen, welche Freude es war. Aber die Tulpen standen noch einmal so steif wie vorher, und dann waren sie so spitz im Gesicht und so rot, denn sie hatten sich ge\u00e4rgert. Die P\u00e4onien waren ganz dickk\u00f6pfig, buh! es war gut, dass sie nicht sprechen konnten, sonst h\u00e4tte das G\u00e4nsebl\u00fcmchen eine ordentliche Zurechtweisung bekommen. Das arme Bl\u00fcmchen konnte wohl sehen, dass sie nicht bei guter Laune waren, und das tat ihm herzlich leid. Zur selben Zeit kam ein M\u00e4dchen mit einem gro\u00dfen scharfen und gl\u00e4nzenden Messer in den Garten; es ging gerade zu den Tulpen und schnitt eine nach der andern ab. \u201eUh! \u201e seufzte das G\u00e4nsebl\u00fcmchen, \u201edas ist ja schrecklich; nun ist es vorbei mit ihnen! \u201e Dann ging das M\u00e4dchen mit den Tulpen fort. Das G\u00e4nsebl\u00fcmchen war froh dar\u00fcber, dass es drau\u00dfen im Gras stand und ein kleines, armes Bl\u00fcmchen war. Es f\u00fchlte sich so dankbar, und als die Sonne unterging, faltete es seine Bl\u00e4tter, schlief ein und tr\u00e4umte die ganze Nacht von der Sonne und dem kleinen Vogel.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Am n\u00e4chsten Morgen, als das Bl\u00fcmchen wieder gl\u00fccklich all seine wei\u00dfen Bl\u00e4tter wie kleine Arme gegen Luft und Licht ausstreckte, erkannte es die Stimme des Vogels, aber es war so traurig, was er sang. Ja, die arme Lerche hatte guten Grund dazu, sie war gefangen worden und sa\u00df nun in einem Bauer, dicht am offenen Fenster. Sie sang davon, frei und gl\u00fccklich umherzufliegen, sang von dem jungen, gr\u00fcnen Korn auf dem Feld und von der herrlichen Reise, die sie mit ihren Fl\u00fcgeln hoch in die Luft hinauf machen konnte. Der arme Vogel war nicht bei guter Laune, gefangen sa\u00df er da im Bauer.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Das G\u00e4nsebl\u00fcmchen wollte so gern helfen, aber wie sollte es das anfangen? Ja, das war schwer zu finden. Es verga\u00df ganz und gar, wie sch\u00f6n alles ringsumher stand, wie warm die Sonne schien und wie pr\u00e4chtig wei\u00df seine Bl\u00e4tter aussahen. Ach, es konnte nur an den gefangenen Vogel denken, f\u00fcr den es gar nichts tun konnte.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Dar kamen zwei kleine Knaben aus dem Garten, der eine trug ein Messer in der Hand, gro\u00df und scharf wie das, welches das M\u00e4dchen hatte, um die Tulpen abzuschneiden. Sie gingen gerade auf das G\u00e4nsebl\u00fcmchen zu, dass gar nicht begreifen konnte, was sie wollten.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eHier k\u00f6nnen wir ein herrliches Rasenst\u00fcck f\u00fcr die Lerche ausschneiden! \u201e sagte der eine Knabe und begann ein Viereck einzuschneiden, so dass das G\u00e4nsebl\u00fcmchen mitten in dem Rasenst\u00fcck stand.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eRei\u00df das Bl\u00fcmchen ab! \u201e sagte der andere Knabe, und das G\u00e4nsebl\u00fcmchen zitterte vor Angst, denn abgerissen zu werden hie\u00dfe ja das Leben verlieren; und nun wollte es so gern leben, weil es mit dem Rasenst\u00fcck zu der gefangenen Lerche in das Bauer sollte. \u201eNein, lass es stehen! \u201e sagte der andere Knabe, \u201ees schm\u00fcckt so h\u00fcbsch! \u201e Und so blieb es stehen und kam mit in das Bauer zur Lerche.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber der arme Vogel klagte laut \u00fcber seine verlorene Freiheit und schlug mit den Fl\u00fcgeln gegen den Eisendraht im Bauer. Das G\u00e4nsebl\u00fcmchen konnte nicht sprechen, kein tr\u00f6stendes Wort sagen, so gern es auch wollte.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">So verging der ganze Vormittag.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eHier ist kein Wasser! \u201e sagte die gefangene Lerche. \u201eSie sind alle ausgegangen und haben vergessen, mir einen Tropfen zu trinken zu geben. Mein Hals ist trocken und brennt! Es ist wie Feuer und Frost in mir, und die Luft ist so schwer! Ach, ich muss sterben, scheiden vom warmen Sonnenschein, vom frischen Gr\u00fcn, von all der Herrlichkeit, die Gott geschaffen hat! \u201e Und dann bohrte sie ihren kleinen Schnabel in das k\u00fchle Rasenst\u00fcck, um sich daran ein wenig zu erfrischen. Da fiel ihr Blick auf das G\u00e4nsebl\u00fcmchen, und der Vogel nickte ihm zu, k\u00fcsste es mit dem Schnabel und sagte: \u201eDu musst hier drinnen auch vertrocknen, du armes Bl\u00fcmchen! Dich und den kleinen Flecken mit gr\u00fcnem Gras hat man mir f\u00fcr die ganze Welt gegeben, die ich drau\u00dfen hatte! Jeder kleine Grashalm soll mir ein gr\u00fcner Baum, jedes deiner wei\u00dfen Bl\u00e4tter eine duftende Blume sein! Ach, ihr erz\u00e4hlt mir nur, wie viel ich verloren habe! \u201e<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWer sie doch tr\u00f6sten k\u00f6nnte!\u201c dachte das G\u00e4nsebl\u00fcmchen, aber es konnte kein Blatt bewegen; doch der Duft, der den feinen Bl\u00e4ttern entstr\u00f6mte, war viel st\u00e4rker, als man ihn sonst bei diesen Bl\u00fcmchen findet. Das bemerkte der Vogel auch, und obwohl er vor Durst verschmachtete und in seinem Schmerz die gr\u00fcnen Grashalme abriss, r\u00fchrte er doch das Bl\u00fcmchen nicht an.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Es wurde Abend, und noch kam niemand, der dem armen Vogel einen Wassertropfen brachte. Da streckte er seine h\u00fcbschen Fl\u00fcgel aus und sch\u00fcttelte sie krampfhaft, sein Gesang war ein wehm\u00fctiges Piep-piep, der kleine Kopf neigte sich dem Bl\u00fcmchen entgegen, und des Vogels Herz brach aus Mangel und Sehnsucht. Da konnte das Bl\u00fcmchen nicht wie am Abend vorher seine Bl\u00e4tter zusammenfalten und schlafen, es hing krank und traurig zur Erde nieder.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Erst am n\u00e4chsten Morgen kamen die Knaben, und als sie den Vogel tot erblickten, weinten sie, weinten viele Tr\u00e4nen und gruben ihm ein niedliches Grab, das mit Blumenbl\u00e4ttern geschm\u00fcckt wurde. Die Leiche des Vogels kam in eine sch\u00f6ne rote Schachtel; k\u00f6niglich sollte er bestattet werden, der arme Vogel! Als er lebte und sang, verga\u00dfen sie ihn, lie\u00dfen ihn im Bauer sitzen und Mangel leiden; nun bekam er Schmuck und viele Tr\u00e4nen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber das Rasenst\u00fcck mit dem G\u00e4nsebl\u00fcmchen wurde in den Staub der Landstra\u00dfe hinausgeworfen. Keiner dachte an das G\u00e4nsebl\u00fcmchen, das doch am meisten f\u00fcr den kleinen Vogel gef\u00fchlt hatte und das ihn so gern tr\u00f6sten wollte.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen Nun h\u00f6r einmal zu! Drau\u00dfen auf dem Lande, dicht am Weg, lag ein Landhaus; du hast es gewiss selbst einmal gesehen. Davor ist ein kleiner Garten mit Blumen und einem Staketenzaun, der gestrichen ist. 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