{"id":443,"date":"2015-10-07T21:08:45","date_gmt":"2015-10-07T19:08:45","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=443"},"modified":"2025-12-28T03:13:45","modified_gmt":"2025-12-28T02:13:45","slug":"die-galoschen-des-gluecks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-galoschen-des-gluecks\/","title":{"rendered":"Die Galoschen des Gl\u00fccks"},"content":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h3><strong>Ein Anfang.<\/strong><\/h3>\n<p>Es war einmal in Kopenhagen in einem der H\u00e4user in der N\u00e4he vom K\u00f6nigsneumarkt eine gro\u00dfe Gesellschaft eingeladen, denn das muss zwischendurch auch einmal sein, dann ist es abgemacht, und man kann auch wieder eingeladen werden. Die eine H\u00e4lfte der Gesellschaft sa\u00df schon an den Spieltischen, und die andere H\u00e4lfte wartete ab, was sich entwickeln w\u00fcrde, denn die Hausfrau hatte gesagt: &#8222;Nun, was tun wir jetzt!&#8220; Soweit war man nun, und die Unterhaltung ging ziemlich lebhaft. Unter anderem kam auch die Rede auf das Mittelalter. Einzelne sahen es f\u00fcr weit sch\u00f6ner an als die Jetztzeit, ja, Justizrat Knap verteidigte diese Meinung so eifrig, dass die Frau des Hauses es sofort mit ihm hielt, und beide eiferten nun gegen Oerstedts Artikel im Almanach \u00fcber alte und neue Zeit, worin unserem Zeitalter im Wesentlichen der Vorrang einger\u00e4umt wird. Justizrat Knap betrachtete die Zeit des d\u00e4nischen K\u00f6nigs Hans als die hervorragendste und gl\u00fccklichste.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieses Wortkampfes f\u00fcr und wider, der kaum einen Augenblick aussetzte, als die Zeitung ankam, aber in der auch weiter nichts Lesenswertes stand, wollen wir in das Vorzimmer hinausgehen, wo M\u00e4ntel, St\u00f6cke, Regenschirme und Galoschen ihren Platz hatten. Hier sa\u00dfen zwei M\u00e4dchen, eine Junge und eine alt. Man glaubte, sie seien gekommen, um ihre Herrschaft heimzugeleiten, irgendein altes Fr\u00e4ulein oder eine Witwe; sah man sie aber genauer an, so bemerkte man bald, dass sie keine gew\u00f6hnlichen Dienstm\u00e4dchen waren; dazu waren ihre H\u00e4nde zu fein, ihre Haltung und die Art, sich zu bewegen, zu k\u00f6niglich, und auch die Kleider hatten einen ganz eigent\u00fcmlich freien Schnitt. Es waren zwei Feen, die j\u00fcngere war wohl nicht das Gl\u00fcck selbst, aber eins der Kammerm\u00e4dchen ihrer Kammerjungfern, die die geringeren Gaben des Gl\u00fcckes verteilen, die \u00e4ltere sah tiefernst aus. Es war die Trauer. Sie besorgt immer in h\u00f6chsteigener Person ihre Angelegenheiten; dann wei\u00df sie, dass sie wohl ausgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Sie erz\u00e4hlten einander, wo sie heute gewesen waren. Das Laufm\u00e4dchen des Gl\u00fcckes hatte nur einige unbedeutende Sachen besorgt, sie hatte, wie sie sagte, einen neuen Hut vor dem Regen bewahrt, einem ehrlichen Manne einen Gru\u00df von einer vornehmen Null verschafft und \u00e4hnliches, aber was nun noch \u00fcbrig war, war etwas ganz Ungew\u00f6hnliches.<\/p>\n<p>&#8222;Ich muss doch erz\u00e4hlen, \u201e sagte sie, &#8222;dass heute mein Geburtstag ist und dem zu Ehren sind mir ein Paar Galoschen anvertraut worden, die ich der Menschheit bringen soll. Diese Galoschen haben die Eigenschaft, dass jeder, der sie anzieht, sogleich an die Stelle oder in die Zeit versetzt wird, wo er am liebsten sein m\u00f6chte. Jeder Wunsch in Hinsicht auf Zeit oder Ort wird augenblicklich erf\u00fcllt, und die Menschheit wird endlich einmal gl\u00fccklich sein hinieden!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, \u201e das glaubst du!&#8220; sagte die Trauer, &#8222;sie wird ungl\u00fccklich werden und den Augenblick segnen, wo sie die Galoschen wieder los wird!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wo denkst du hin!&#8220; sagte die andere. &#8222;Nun stelle ich sie hier an die T\u00fcr, einer irrt sich beim Zugreifen und wird der Gl\u00fcckliche!&#8220;<\/p>\n<p>Sieh, das war ihr Gespr\u00e4ch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>\n<h3><strong>Wie es dem Justizrat erging.<\/strong><\/h3>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Es war sp\u00e4t. Justizrat Knap, noch ganz vertieft in K\u00f6nig Hans Zeit, wollte nach Hause, und nun war es ihm beschieden, dass er an Stelle seiner Galoschen die des Gl\u00fcckes bekam, als er nun auf die Oststra\u00dfe hinaustrat; jedoch durch der Galoschen Zauberkraft war er in die Zeit des K\u00f6nigs Hans zur\u00fcckversetzt, und deshalb setzte er seinen Fu\u00df mitten in Schlamm und Morast auf der Stra\u00dfe, da es in jenen Zeiten noch keine gepflasterten Wege gab.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist ja f\u00fcrchterlich, wie schmutzig es hier ist!&#8220; sagte der Justizrat. Der ganze B\u00fcrgersteig ist weg, und alle Laternen sind aus!&#8220;<\/p>\n<p>Der Mond war noch nicht aufgegangen und die Luft \u00fcberdies ziemlich neblig, so dass alles ringsum im Dunkel verschwamm. An der n\u00e4chsten Ecke hing jedoch eine Laterne vor einem Madonnenbilde, aber diese Beleuchtung war so gut wie keine, er bemerkte sie erst, als er gerade darunter stand und seine Augen auf das gemalte Bild mit Mutter und Kind fielen.<\/p>\n<p>&#8222;Das ist wahrscheinlich, \u201e dachte er, &#8222;eine Kunsthandlung, wo vergessen worden ist, das Schild hereinzunehmen!&#8220;<\/p>\n<p>Ein paar Menschen, in der damaligen Tracht, gingen an ihm vorbei.<\/p>\n<p>&#8222;Wie sahen die denn aus! Sie kamen wahrscheinlich von einem Maskenfest!&#8220;<\/p>\n<p>Da erklangen mit einem Male Trommeln und Pfeifen, und Fackeln leuchteten auf. Der Justizrat blieb stehen und sah nun einen wunderlichen Zug vorbeiziehen. Voran ging ein ganzer Trupp Trommelschl\u00e4ger die ihr Instrument recht artig bearbeiteten, ihnen folgten Trabanten mit Bogen und Armbr\u00fcsten. Der Vornehmste im Zuge war ein geistlicher Herr. Erstaunt fragte der Justizrat, was das zu bedeuten habe und wer jener Mann w\u00e4re.<\/p>\n<p>&#8222;Das ist der Bischof von Seeland!&#8220; antwortete man ihm.<\/p>\n<p>&#8222;Herrgott! was f\u00e4llt denn dem Bischof ein?&#8220; seufzte der Justizrat und sch\u00fcttelte mit dem Kopfe. Der Bischof konnte es doch nicht gut sein. Dar\u00fcber nachgr\u00fcbelnd und nicht rechts, nicht links blickend ging der Justizrat durch die Oststra\u00dfe \u00fcber den Hohenbr\u00fcckenplatz. Die Br\u00fccke zum Schlossplatz war nicht zu finden. Er sah undeutlich ein seichtes Flussufer und stie\u00df hier endlich auf zwei M\u00e4nner, die ein Boot bei sich hatten.<\/p>\n<p>&#8222;Will der Herr nach dem Holm \u00fcbergesetzt werden?&#8220; fragten sie.<\/p>\n<p>&#8222;Nach dem Holm hin\u00fcber?&#8220; sagte der Justizrat, der ja nicht wusste, in welchem Zeitalter er herumwanderte. &#8222;Ich will nach Christianshafen hinaus in die Kleine Torfgasse!&#8220;<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner sahen ihn an.<\/p>\n<p>&#8222;Sagt mir doch, wo die Br\u00fccke ist!&#8220; sagte er. &#8222;Es ist sch\u00e4ndlich, dass hier keine Laternen angez\u00fcndet sind, und dann ist es ein Schmutz hier, als ob man im Sumpf watete!&#8220;<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger er mit den Bootsm\u00e4nnern sprach, umso unverst\u00e4ndlicher wurden sie ihm.<\/p>\n<p>&#8222;Ich kann euer Bornholmisch nicht verstehen!&#8220; sagte er zuletzt w\u00fctend und wandte ihnen den R\u00fccken. Die Br\u00fccke konnte er nicht finden; ein Gel\u00e4nder war auch nicht da! &#8222;Es ist ein Skandal, wie es hier aussieht!&#8220; sagte er. Niemals hatte er sein Zeitalter elender gefunden, als an diesem Abend. &#8222;Ich glaube, ich werde eine Droschke nehmen m\u00fcssen!&#8220; dachte er, aber wo eine hernehmen? Zu sehen war jedenfalls keine. Ich werde zum K\u00f6nigsneumarkt zur\u00fcckgehen m\u00fcssen, dort halten wohl Wagen, sonst komme ich nie nach Christianshafen hinaus!&#8220;<\/p>\n<p>Nun ging er die Oststra\u00dfe zur\u00fcck und war fast an ihrem Ende, als der Mond hervorkam.<\/p>\n<p>&#8222;Herr Gott, was ist denn hier f\u00fcr ein Ger\u00fcst aufgestellt worden!&#8220; sagte er, als er das Osttor sah, das zu jener Zeit die Oststra\u00dfe abschloss.<\/p>\n<p>Endlich fand er doch eine kleine Pforte, und durch diese kam er bei unserem Neumarkt heraus, das war damals ein gro\u00dfer Wiesengrund; einzelnes Gestr\u00e4uch wuchs wild durcheinander, und quer \u00fcber die Wiese ging ein breiter Kanal oder Strom. Einige verwahrloste Holzbuden f\u00fcr die holl\u00e4ndischen Schiffer, nach welchen der Ort den Namen &#8222;Hollandsau&#8220; trug, lagen auf dem gegen\u00fcberliegenden Ufer.<\/p>\n<p>&#8222;Entweder sehe ich eine Fata Morgana, wie man es nennt, oder ich bin betrunken!&#8220; jammerte der Justizrat. &#8222;Was ist das nur! Was ist das nur!&#8220;<\/p>\n<p>Er kehrte wieder zur\u00fcck in dem festen Glauben dass er krank sei; als er in die Stra\u00dfe einbog, sah er sich die H\u00e4user etwas genauer an. Die meisten waren aus Fachwerk, und viele hatten nur ein Strohdach.<\/p>\n<p>&#8222;Nein, es geht mir doch gar nicht gut!&#8220; seufzte er, &#8222;und ich habe doch nur ein Glas Punsch getrunken aber ich kann ihn nicht vertragen! Und es war auch ganz und gar verkehrt, uns Punsch und warmen Lachs zu geben. Das werde ich der Dame auch einmal sagen. Ob ich zur\u00fcckgehen und sie wissen lassen sollte, was das bei mir f\u00fcr Folgen hat. Aber das ist auch peinlich und wer wei\u00df, ob sie \u00fcberhaupt noch auf sind!&#8220; Er suchte nach dem Hause, konnte es aber nirgends finden.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist doch schrecklich! Ich kann die Oststra\u00dfe nicht wiedererkennen! Nicht ein Laden ist da. Alte, elende H\u00fctten sehe ich, als ob ich in Roskilde oder Ringstedt w\u00e4re! Ach, ich bin krank. Es nutzt nichts, sich zu genieren. Aber wo in aller Welt ist doch das Haus, aus dem ich eben fortging. Es ist nicht mehr dasselbe. Aber dort drinnen sind wenigstens noch Leute wach. Ach, ich bin ganz bestimmt krank!&#8220;<\/p>\n<p>Nun stie\u00df er auf eine halboffene T\u00fcre, durch deren Spalt Licht fiel. Es war eine der Herbergen der damaligen Zeit, eine Art Bierhaus. Die Stube hatte das Aussehen einer holsteinischen Diele. Eine ganze Menge guter B\u00fcrger, bestehend aus Schiffern, Kopenhagener Patriziern und ein paar Gelehrten sa\u00dfen hier in Gespr\u00e4che vertieft bei ihren Kr\u00fcgen und gaben nur wenig acht auf den Eintretenden.<\/p>\n<p>&#8222;Verzeihung!&#8220; sagte der Justizrat zu der Wirtin, die ihm entgegenkam, &#8222;mir ist pl\u00f6tzlich unwohl geworden! Wollen Sie mir nicht eine Droschke nach Christianshafen hinaus holen lassen?&#8220;<\/p>\n<p>Die Frau sah ihn an und sch\u00fcttelte den Kopf; darauf sprach sie ihn in deutscher Sprache an. Der Justizrat nahm an, dass sie der d\u00e4nischen Zunge nicht m\u00e4chtig sei und brachte daher seinen Wunsch auf Deutsch vor; dies, wie auch seine Tracht best\u00e4rkten die Frau darin, dass sie einen Ausl\u00e4nder vor sich habe; dass er sich krank f\u00fchle, begriff sie schnell und gab ihm deshalb einen Krug Wasser, das freilich abgestanden schmeckte, obgleich es aus dem Brunnen war.<\/p>\n<p>Der Justizrat st\u00fctzte seinen Kopf in die Hand, holte tief Luft und gr\u00fcbelte \u00fcber all das Seltsame rundum.<\/p>\n<p>&#8222;Ist das &#8222;Der Tag&#8220; von heute Abend?&#8220; fragte er, nur um etwas zu sagen, als er die Frau ein gro\u00dfes St\u00fcck Papier weglegen sah.<\/p>\n<p>Sie verstand nicht, was er meinte, reichte ihm aber das Blatt. Es war ein Holzschnitt, der eine Lufterscheinung, die sich in der Stadt K\u00f6ln gezeigt hatte, darstellte.<\/p>\n<p>Das ist sehr alt!&#8220; sagte der Justizrat und wurde ganz aufger\u00e4umt bei dem Gedanken, dass er ein so altes St\u00fcck entdeckt habe. &#8222;Wie sind Sie zu diesem seltenen Blatte gekommen? Das ist sehr interessant, obgleich es eine Fabel ist. Man erkl\u00e4rt sich dergleichen Lufterscheinungen als Nordlichter. Aber wahrscheinlich werden sie durch Elektrizit\u00e4t hervorgerufen!&#8220;<\/p>\n<p>Diejenigen, die in der N\u00e4he sa\u00dfen und seine Rede geh\u00f6rt hatten, sahen verwundert zu ihm auf, und einer von ihnen erhob sich, l\u00fcftete ehrerbietig den Hut und sagte mit der ernsthaftesten Miene: &#8222;Ihr seid gewiss ein hochgelehrter Herr, Monsieur!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;O nein, \u201e erwiderte der Justizrat, &#8222;ich kann nur von diesem und jenen mitsprechen, wie es ja ein jeder k\u00f6nnen sollte!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Bescheidenheit ist eine sch\u00f6ne Tugend!&#8220; sagte der Mann. &#8222;Im \u00dcbrigen muss ich zu Eurer Rede sagen, dass ich anderer Meinung bin, doch will ich hier gern mein Urteil zur\u00fcckhalten!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Darf ich nicht fragen, mit wem ich das Vergn\u00fcgen habe, zu sprechen?&#8220; fragte der Justizrat.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin Baccalaureus der Heiligen Schrift!&#8220; antwortete der Mann.<\/p>\n<p>Diese Antwort war dem Justizrat genug. Der Titel entsprach hier der Tracht; es ist sicher, so dachte er, ein alter Landschulmeister, so ein sonderlicher Kauz wie man sie noch ab und zu in J\u00fctland da oben antrifft.<\/p>\n<p>&#8222;Hier ist wohl nicht eigentlich der rechte Ort zu Gespr\u00e4chen&#8220;, begann der Mann, &#8222;doch bitte ich euch, euch zum Sprechen zu verstehen. Ihr seid gewiss sehr belesen in den Alten!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;O ja, einigerma\u00dfen!&#8220; antwortete der Justizrat, &#8222;ich lese gern alte, n\u00fctzliche Schriften, aber ich habe auch viel f\u00fcr die neueren \u00fcbrig, nur nicht f\u00fcr die , Alltagsgeschichten, die erleben wir genug in der Wirklichkeit! &#8222;Alltagsgeschichten?&#8220; fragte unser Baccalureus.<\/p>\n<p>&#8222;Ja, ich meine diese neuen Romane, die man jetzt hat.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;O&#8220;, l\u00e4chelte der Mann, &#8222;sie enthalten doch viel Geist und werden auch bei Hofe gelesen; der K\u00f6nig liebt besonders den Roman von Herrn Lvent und Herrn Gaudian, der von K\u00f6nig Artus und den Rittern seiner Tafelrunde handelt. Er hat dar\u00fcber mit seinen hohen Herren gescherzt!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, den habe ich noch nicht gelesen!&#8220; sagte der Justizrat, &#8222;das muss etwas ganz neues sein, das Heiberg herausgegeben hat!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nein&#8220;, antwortete der Mann, &#8222;der ist nicht bei Heiberg herausgekommen. sondern bei Gottfried von Gehmen!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;So ist das der Verfasser?&#8220; fragte der Justizrat. &#8222;Das ist ein sehr alter Name. Das ist ja der erste Buchdrucker, den es in D\u00e4nemark gab.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, das ist unser erster Buchdrucker!&#8220; sagte der Mann. Bis dahin ging alles gut; nun sprach einer der guten B\u00fcrgersleute von der schrecklichen Pestilenz, die vor ein paar Jahren geherrscht habe, und meinte damit die vom Jahre 1484. Der Justizrat nahm an, dass von der Cholera die Rede sei, und so ging der Diskurs recht gut vonstatten. Der Freibeuterkrieg von 1490 lag nahe, dass er ber\u00fchrt werden musste. Die englischen Freibeuter h\u00e4tten die Schiffe von der Reede genommen, meinten sie, und der Justizrat, der sich so recht in die Begebenheiten von 1801 hineingelebt hatte, stimmte vortrefflich gegen die Engl\u00e4nder mit ein. Die \u00fcbrige Unterhaltung dagegen lief nicht so gut ab. Jeden Augenblick schulmeisterten sie sich gegenseitig. Der gute Baccalaureus war doch allzu unwissend, und ihm erschienen des Justizrats einfachste Bemerkungen zu dreist und fantastisch. Sie sahen einander scharf an, und wurde es gar zu arg, so sprach der Baccalaureus Latein, weil er glaubte, so besser verstanden zu werden, aber es half nicht viel.<\/p>\n<p>&#8222;Wie geht es euch!&#8220; fragte die Wirtin und zog den Justizrat am \u00c4rmel; da kehrte seine Besinnung zur\u00fcck, denn beim Gespr\u00e4che hatte er alles vergessen, was vorausgegangen war.<\/p>\n<p>&#8222;Herrgott, wo bin ich?&#8220; fragte er, und es schwindelte ihm, w\u00e4hrend er es bedachte.<\/p>\n<p>&#8222;Klaret wollen wir trinken! Met und Bremer Bier!&#8220; rief einer der G\u00e4ste, &#8222;und Ihr sollt mithalten!&#8220;<\/p>\n<p>Zwei M\u00e4dchen kamen herein. Die eine hatte eine zweifarbene Haube. Sie schenkten ein und neigten sich zu ihm. Dem Justizrat lief es eiskalt \u00fcber den R\u00fccken.<\/p>\n<p>&#8222;Was ist das nur! Was ist das nur!&#8220; sagte er, aber er musste mit ihnen trinken. Sie ergriffen ganz artig Besitz von dem guten Mann, und er war aufs h\u00f6chste verzweifelt. Als dann einer sagte, er sei betrunken, zweifelte er durchaus nicht an des Mannes Wort und bat ihn nur, ihm doch eine Droschke herbeizuschaffen. Da glaubten sie, er rede moskowitisch.<\/p>\n<p>Niemals war er in so roher und beschr\u00e4nkter Gesellschaft gewesen. &#8222;Man k\u00f6nnte fast glauben, das Land sei zum Heidentum zur\u00fcckgekehrt&#8220;, meinte er, &#8222;dies ist der schrecklichste Augenblick meines Lebens!&#8220;<\/p>\n<p>Aber gleichzeitig kam ihm der Gedanke, sich unter den Tisch zu b\u00fccken, zur T\u00fcr hinzukriechen und zu sehen, wie er hinausschl\u00fcpfen k\u00f6nne. Aber als er am Ausgange war, merkten die anderen, was er vorhatte; sie ergriffen ihn bei den Beinen, und da, zu seinem gr\u00f6\u00dften Gl\u00fcck, gingen die Galoschen ab \u2013 und mit diesen der ganze Zauber.<\/p>\n<p>Der Justizrat sah ganz deutlich eine helle Laterne vor sich brennen, und hinter dieser lag ein gro\u00dfes Haus, er erkannte es ebenso wie die Nachbarh\u00e4user. Es war die Oststra\u00dfe, wie wir sie alle kennen. Er selbst lag mit den Beinen gegen eine T\u00fcr, und gerade\u00fcber sa\u00df der W\u00e4chter und schlief.<\/p>\n<p>&#8222;Du mein Sch\u00f6pfer, habe ich hier auf der Stra\u00dfe gelegen und getr\u00e4umt!&#8220; sagte er. &#8222;Ja, das ist die Oststra\u00dfe! Wie pr\u00e4chtig hell und bekannt! Es ist doch schrecklich, wie das Glas Punsch auf mich gewirkt haben muss!&#8220;<\/p>\n<p>Zwei Minuten sp\u00e4ter sa\u00df er in einer Droschke, die mit ihm nach Christianshafen fuhr. Er dachte an all die Angst und Not, die er \u00fcberstanden hatte, und pries aus ganzem Herzen die gl\u00fcckliche Wirklichkeit, unsere Zeit, die mit all ihren M\u00e4ngeln doch weit angenehmer war, als die, in der er sich k\u00fcrzlich befunden hatte. Und es war vern\u00fcnftig von dem Justizrat gedacht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>\n<h3><strong>Des W\u00e4chters Abenteuer.<\/strong><\/h3>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>&#8222;Da liegen wahrhaftig ein Paar Galoschen!&#8220; sagte der W\u00e4chter. &#8222;Die geh\u00f6ren sicher dem Leutnant, der hier oben wohnt. Sie liegen gerade bei der T\u00fcr!&#8220;<\/p>\n<p>Gern h\u00e4tte der ehrliche Mann gel\u00e4utet und sie abgeliefert, denn es war noch Licht, aber er wollte die anderen Leute im Hause nicht werken und deshalb lie\u00df er es sein.<\/p>\n<p>&#8222;Das muss sch\u00f6n warm sein, so ein paar Dinger anzuhaben!&#8220; sagte er. &#8222;Sie sind so weich im Leder!&#8220;<\/p>\n<p>Sie passten gerade an seine F\u00fc\u00dfe. &#8222;Wie merkw\u00fcrdig ist doch die Welt eingerichtet. Nun k\u00f6nnte er sich da oben in sein gutes Bett legen, aber nein, er tut es nicht. Auf und ab trabt er auf dem Fu\u00dfboden! Das ist ein gl\u00fccklicher Mensch! Er hat weder Frau noch Kind. Jeden Abend ist er in Gesellschaft. Ach, w\u00e4re ich doch er, ja, dann w\u00e4re ich ein gl\u00fccklicher Mann!&#8220;<\/p>\n<p>Als er seinen Wunsch aussprach, wirkten die Galoschen, die er angezogen hatte, und der W\u00e4chter ging in des Leutnants ganze Person und Denkweise \u00fcber.<\/p>\n<p>Da stand er oben im Zimmer und hielt ein kleines rosenrotes Papier zwischen den Fingern, worauf ein Gedicht stand, ein Gedicht von dem Herrn Leutnant selbst; denn wer w\u00e4re nicht einmal in seinem Leben in der Stimmung zum Dichten gewesen, und schreibt man dann seine Gedanken nieder, dann hat man die Verse! Hier stand geschrieben:<\/p>\n<p>Ach w\u00e4r&#8216; ich reich! dacht ich manch liebes Mal,<br \/>\nAls ich kaum einen halben Meter gro\u00df.<br \/>\nAch w\u00e4r&#8216; ich reich! So w\u00fcrd&#8216; ich General<br \/>\nBek\u00e4me S\u00e4bel, Uniform und Ross.<br \/>\nBald kommt die Zeit, da werde&#8216; ich General<br \/>\nDoch eh ich reich, bin sicher l\u00e4ngst ich tot \u2013<br \/>\nO Herr, mein Gott!<\/p>\n<p>Jung, lebensfroh, sa\u00df ich zur Abendstunde,<br \/>\nund, da ich reich an M\u00e4rchen und Geschichten,<br \/>\nk\u00fcsst&#8216; mich die Siebenj\u00e4hrige auf den Mund.<br \/>\nAn Geld geh\u00f6rt&#8216; ich zu den armen Wichten.<br \/>\nDie Kleine fragte doch nur nach Geschichten.<br \/>\nDa war ich reich! Doch nicht an Golde rot \u2013<br \/>\nO Herr. mein Gott!<\/p>\n<p>Ach, w\u00e4r&#8216; ich reich! so fleht&#8216; mein ganz Gem\u00fct.<br \/>\nSie, die so sch\u00f6n, so klug, so herzensgut \u2013<br \/>\ndas M\u00e4gdlein ist zur Jungfrau aufgebl\u00fcht.<br \/>\nVerst\u00fcnd&#8216; sie doch das Flehen in meinem Blut!<br \/>\nSie t\u00e4t es sicher, w\u00e4r&#8216; sie mir noch gut.<br \/>\nDoch, da ich arm, verschweig ich meine Not \u2013<br \/>\nO Herr, mein Gott!<\/p>\n<p>Ja, solche Verse schreibt man, wenn man verliebt ist, aber ein besonnener Mann l\u00e4sst sie nicht drucken. Leutnant, Liebe und Armut, das ist ein Dreieck, oder auch, das ist die H\u00e4lfte des zerbrochenen Gl\u00fccksw\u00fcrfels. Das f\u00fchlte der Leutnant auch, und darum legte er sein Haupt gegen den Fensterrahmen und seufzte ganz tief:<\/p>\n<p>&#8222;Der armselige W\u00e4chter auf der Stra\u00dfe drau\u00dfen ist weit besser daran als ich! Er kennt nicht, was ich Mangel nenne. Er hat ein Heim, Frau und Kinder, die mit ihm im Kummer weinen und sich mit seiner Freude freuen! O, ich w\u00e4re gl\u00fccklicher, als ich bin, k\u00f6nnte ich seine Person und Denkweise annehmen, denn er ist gl\u00fccklicher als ich!&#8220;<\/p>\n<p>In demselben Augenblick war der W\u00e4chter wieder W\u00e4chter, denn durch die Galoschen des Gl\u00fcckes war er der Leutnant geworden; aber, wie man sieht, f\u00fchlte er sich noch viel weniger zufrieden und wollte doch lieber das sein, was er eigentlich war. Also der W\u00e4chter war wieder W\u00e4chter.<\/p>\n<p>&#8222;Das war ein h\u00e4sslicher Traum!&#8220; sagte er, &#8222;aber merkw\u00fcrdig genug. Mir war, als sei ich der Leutnant da oben, und das war durchaus kein Vergn\u00fcgen. Ich entbehrte Mutter und die Kleinen, die immer bereit sind, mir die Augen heraus zu k\u00fcssen!&#8220;<\/p>\n<p>Da sa\u00df er nun wieder und nickte. Der Traum wollte ihm nicht recht aus dem Sinn, und die Galoschen sa\u00dfen immer noch an seinen F\u00fc\u00dfen. Eine Sternschnuppe fiel leuchtend vom Himmel.<\/p>\n<p>&#8222;Weg ist sie nun!&#8220; sagte er, &#8222;aber es sind immer noch genug da! Mich gel\u00fcstete es wohl, mir die Dinger ein bisschen n\u00e4her anzusehen, besonders den Mond, denn der verschwindet einem doch nicht unter den H\u00e4nden. Wenn wir sterben, sagte der Student, f\u00fcr den meine Frau w\u00e4scht, fliegen wir von dem einen zum anderen. Das ist zwar eine L\u00fcge, k\u00f6nnte aber ganz h\u00fcbsch sein. Wenn ich den kleinen Sprung da hinauf machen k\u00f6nnte, so k\u00f6nnte meinetwegen der K\u00f6rper gern hier auf der Treppe liegen bleiben!&#8220;<\/p>\n<p>Seht, es gibt nun gewisse Dinge auf Erden, die mit Vorsicht zu genie\u00dfen sind, ganz besonders aber soll man achtgeben, wenn man die Galoschen des Gl\u00fcckes an den F\u00fc\u00dfen hat. . . H\u00f6rt nur, wie es dem W\u00e4chter erging.<\/p>\n<p>Was uns Menschen angeht, so kennen wir ja fast alle die Geschwindigkeit, die durch den Dampf erzeugt werden kann. Wir haben es entweder auf den Eisenbahnen oder mit den Schiffen \u00fcber das Meer erprobt, doch ist dieser Flug wie die Wanderung des Faultieres oder der Gang der Schnecke, gemessen &#8222;an der Schnelligkeit des Lichts. Es fliegt neunzehnmillionenmal schneller als der beste Wettl\u00e4ufer. Und doch ist die Elektrizit\u00e4t noch schneller. Der Tod ist ein elektrischer Sto\u00df in unser Herz; auf den Schwingen der Elektrizit\u00e4t fliegt die befreite Seele. Acht Minuten und wenige Sekunden braucht das Sonnenlicht zu einer Reise von \u00fcber zwanzig Millionen Meilen. Mit der Eilpost der Elektrizit\u00e4t braucht die Seele noch weniger Minuten, um denselben Flug zu machen. Der Raum zwischen den Weltk\u00f6rpern ist f\u00fcr sie nicht gr\u00f6\u00dfer, als f\u00fcr uns der Raum zwischen den H\u00e4usern unserer Freunde in ein und derselben Stadt, selbst wenn diese ziemlich nahe beieinander liegen sollten. Indessen kostet uns dieser elektrische Herz sto\u00df den Gebrauch unserer Glieder hier auf der Erde, falls wir nicht, wie der W\u00e4chter hier, die Galoschen des Gl\u00fccks anhaben.<\/p>\n<p>In wenigen Sekunden war der W\u00e4chter die 52 000 Meilen zum Mond hinauf gefahren, der, wie man wei\u00df, aus einem viel leichteren Stoff geschaffen ist als unsere Erde und weich wie frischgefallener Schnee. Er befand sich auf einem der unz\u00e4hlbar vielen Ringberge, die wir aus Dr. M\u00e4dlers gro\u00dfer Mondkarte kennen. Denn die kennst du doch? Innerhalb fiel der Ringberg steil ab in einen Kessel, der sich eine ganze d\u00e4nische Meile weit hinzog. Dort unten lag eine Stadt, die aussah, wie wenn man Eiwei\u00df in ein Glas Wasser schl\u00e4gt, ebenso weich und mit \u00e4hnlich gekuppelten T\u00fcrmen und segelf\u00f6rmigen Altanen, durchsichtig und flie\u00dfend in der d\u00fcnnen Luft. Unsere Erde schwebte gleich einer gro\u00dfen feuerroten Kugel \u00fcber seinem Haupt.<\/p>\n<p>Da gab es viele Gesch\u00f6pfe, die wir sicher mit &#8222;Menschen&#8220; bezeichnen w\u00fcrden, aber sie sahen ganz anders aus, als wir, sie hatten auch eine Sprache; aber niemand kann ja verlangen, dass des W\u00e4chters Seele sie verstehen konnte. Trotzdem konnte sie es.<\/p>\n<p>Des W\u00e4chters Seele verstand die Sprache der Mondbewohner sehr gut. Sie disputierten \u00fcber unsere Erde und bezweifelten, dass sie bewohnt w\u00e4re, die Luft m\u00fcsse dort viel zu dick sein, als dass irgendein vern\u00fcnftiges Mondgesch\u00f6pf darin leben k\u00f6nnte. Sie glauben dass der Mond allein lebende Wesen beherberge.<\/p>\n<p>Aber wenden wir uns wieder herab in die Oststra\u00dfe und sehen wir, wie es dem K\u00f6rper des W\u00e4chters erging.<\/p>\n<p>Leblos sa\u00df er auf der Treppe, der Spie\u00df war ihm aus der Hand gefallen, und die Augen blickten zum Monde hinauf zu der ehrlichen Seele, die da oben spazierte.<\/p>\n<p>&#8222;Was ist die Uhr, W\u00e4chter?&#8220; fragte ein Vorbeigehender. Aber wer nicht antwortete, war der W\u00e4chter. Da gab ihm der Mann einen sachten Nasenst\u00fcber. Aber nun war es aus mit dem Gleichgewicht. Da lag der K\u00f6rper, so lang er war, der Mensch war tot. Der, der ihm den Nasenst\u00fcber verabreicht hatte, erschrak von Herzen. Der W\u00e4chter war tot, und tot blieb er auch. Es wurde gemeldet und besprochen, und in der Morgenstunde trug man den K\u00f6rper aufs Hospital hinaus.<\/p>\n<p>Das konnte ja ein netter Spa\u00df f\u00fcr die Seele werden, wenn sie zur\u00fcckkehrte und aller Wahrscheinlichkeit nach den K\u00f6rper in der Oststra\u00dfe suchen ging und ihn nicht fand. Zuerst w\u00fcrde sie sicherlich auf die Polizei laufen, damit von dort aus unter den verlorenen Sachen nachgesucht w\u00fcrde, und zuletzt nach dem Hospital hinaus; doch wir k\u00f6nnen uns damit tr\u00f6sten, dass die Seele am kl\u00fcgsten tut, wenn sie auf eigene Faust handelt. Der K\u00f6rper macht sie nur dumm.<\/p>\n<p>Wie gesagt, des W\u00e4chters K\u00f6rper kam aufs Hospital und wurde dort in die Reinigungskammer gebracht. Das erste, was man dort tat, war nat\u00fcrlich, die Galoschen auszuziehen, und da musste die Seele zur\u00fcck. Sie schlug sogleich die Richtung nach dem K\u00f6rper ein, und mit eine mal kam Leben in den Mann. Er versicherte, dass dies die schrecklichste Nacht in seinem gewesen sei, und dies nicht f\u00fcr einen Taler noch einmal durchmachen wolle, aber nun war es ja \u00fcberstanden.<\/p>\n<p>Am selben Tage wurde er wieder entlassen, aber die Galoschen blieben im Hospital.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>\n<h3><strong>Ein Hauptmoment. Eine Deklamationsnummer.<\/strong><\/h3>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Eine h\u00f6chst ungew\u00f6hnliche Reise.<\/p>\n<p>Ein jeder Kopenhagener wei\u00df, wie der Eingang zum Friedrichshospital aussieht, aber da wahrscheinlich auch einige Nicht-Kopenhagener diese Geschichte lesen werden, m\u00fcssen wir eine kurze Beschreibung geben.<\/p>\n<p>Das Hospital ist von der Stra\u00dfe durch ein ziemlich hohes Gitter getrennt, in welchem die dicken Eisenstangen so weit voneinander abstehen, dass, wie erz\u00e4hlt wird, sich sehr d\u00fcnne Leute hindurch geklemmt haben und auf diesem Wege ihre kleinen Visiten abgemacht haben. Der K\u00f6rperteil, der am schwierigsten hinaus zu praktizieren war, war der Kopf. Hier, wie \u00fcberall in der Welt, waren also die kleinen K\u00f6pfe die gl\u00fccklichsten. Das wird als Einleitung gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Einer der Jungen Hilfs\u00e4rzte, von dem man nur in k\u00f6rperlicher Hinsicht behaupten konnte, dass er einen gro\u00dfen Kopf habe, hatte gerade an diesem Abend Wache. Es war str\u00f6mender Regen, doch ungeachtet dieser beiden Hindernisse musste er hinaus, nur auf eine Viertelstunde, aber es war nichts so Wichtiges, dass es dem Pf\u00f6rtner gemeldet werden musste, wenn man durch die Eisenstangen hinausschl\u00fcpfen konnte. Da standen die Galoschen, die der W\u00e4chter vergessen hatte. Es kam ihm nicht in den Sinn, dass es die des Gl\u00fcckes sein k\u00f6nnten. Aber in diesem Wetter waren sie gut zu gebrauchen; er zog sie an. Nun kam es darauf an, ob er sich hindurchklemmen konnte, er hatte es fr\u00fcher nie versucht. Da stand er nun.<\/p>\n<p>&#8222;Gotte gebe, dass ich erst den Kopf drau\u00dfen habe!&#8220;, sagte er und sogleich, obgleich er sehr dick und gro\u00df war, glitt er leicht und gl\u00fccklich hindurch, das mussten die Galoschen verstehen; aber nun sollte der K\u00f6rper auch hinaus, der stand noch drinnen.<\/p>\n<p>&#8222;Ach Gott, ich bin zu dick!&#8220; sagte er, &#8222;ich habe geglaubt, der Kopf sei das schlimmste! Ich komme nicht hindurch.&#8220;<\/p>\n<p>Nun wollte er schnell den Kopf zur\u00fcckziehen, aber das ging nicht. Den Hals konnte er zwar bequem bewegen, aber das war auch alles. Das erste Gef\u00fchl war, dass er sich \u00e4rgerte, das zweite, dass seine Laune unter null fiel. Die Galoschen des Gl\u00fcckes hatten ihn in die unangenehmste Lage gebracht, und ungl\u00fccklicherweise verfiel er nicht auf den Gedanken, sich frei zu w\u00fcnschen, nein, er handelte und kam daher nicht von der Stelle. Der Regen str\u00f6mte nieder, nicht ein Mensch war auf der Stra\u00dfe zu sehen. Die Torglocke konnte er nicht erreichen. Wie sollte er nur loskommen! Er sah voraus, dass er bis zum Morgen hier stehen k\u00f6nne. Dann musste man erst nach einem Schmied senden, damit die Eisenstangen durchgefeilt werden k\u00f6nnten. Aber das ging auch nicht so geschwind. Die ganze Knabenschule gerade gegen\u00fcber w\u00fcrde auf die Beine kommen; alle Krankenhausinsassen w\u00fcrden zusammen laufen, um ihn am Pranger zu sehen. Er w\u00fcrde eine ganz andere Attraktion abgeben, als die Riesenagave im vorigen Jahr. &#8222;Ach je, das Blut steigt mir zu Kopfe rein zum irrsinnig werden! Ja, ich werde verr\u00fcckt! Ach w\u00e4re ich doch erst wieder heraus, dann ginge es wohl vor\u00fcber!&#8220;<\/p>\n<p>Seht, h\u00e4tte er das ein wenig fr\u00fcher gesagt! Augenblicklich, der Gedanke war kaum ausgesprochen, so war sein Kopf auch schon frei, und er st\u00fcrzte nun hinein, ganz verst\u00f6rt \u00fcber den Schreck, den ihm die Galoschen des Gl\u00fcckes gebracht hatten.<\/p>\n<p>Nun brauchen wir nicht etwa zu glauben, dass das Ganze hiermit vor\u00fcber sei, nein, es kommt noch schlimmer.<\/p>\n<p>Die Nacht und der folgende Tag vergingen, und die Galoschen wurden nicht abgeholt.<\/p>\n<p>Am Abend sollte eine Vorstellung in einem kleinen Theater stattfinden. Das Haus war gepfropft voll. Unter anderen Darbietungen wurde auch ein Gedicht vorgetragen; &#8222;Tantes Brille&#8220; hie\u00df es und handelte von einer Brille, durch die gesehen die Menschheit offen wie ein Kartenspiel vor einem lag, so dass man aus dessen Bl\u00e4ttern und Figuren die n\u00e4chste Zukunft mit ihren Geschehnissen voraussehen konnte.<\/p>\n<p>Das Gedicht wurde meisterlich vorgetragen und der Deklamator machte gro\u00dfes Gl\u00fcck damit. Unter den Zuschauern war auch der junge Hilfsarzt vom Hospital, der sein Abenteuer von der letzten Nacht bereits vergessen zu haben schien. Er hatte die Galoschen an, denn sie waren immer noch nicht abgeholt worden, und die Stra\u00dfen waren schmutzig, sodass sie ihm gute Dienste leisten konnten.<\/p>\n<p>Das Gedicht gefiel ihm. Die Idee, solche Brille zu besitzen, besch\u00e4ftigte ihn sehr. Vielleicht konnte man, wenn man sie richtig gebrauchte, den Leuten auch ins Herz hinein schauen. Er h\u00e4tte das interessanter gefunden, als in die n\u00e4chste Zukunft schauen zu k\u00f6nnen; denn das bekommt man ja nach und nach doch zu er fahren. Dagegen, wie es in den Herzen der Anderen aussieht, erf\u00e4hrt man niemals. &#8222;Ich denke mir nun die ganze Reihe von Herren und Damen auf der ersten Bank \u2013 k\u00f6nnte man ihnen gerade ins Herz hineinsehen, ja dann m\u00fcsste doch eine \u00d6ffnung dazu da sein, so eine Art Laden. Ei, wie w\u00fcrden meine Augen im Laden umherschweifen! Bei dieser Dame dort w\u00fcrde ich sicher einen gro\u00dfen Modehandel finden! Bei dieser hier ist wohl der Laden leer, doch k\u00f6nnte eine S\u00e4uberung nichts schaden. Aber es w\u00fcrden wohl auch solide L\u00e4den zu finden sein! &#8222;Ach ja, \u201e seufzte er, &#8222;ich wei\u00df wohl einen solchen Laden, in dem alles solide ist, aber es ist schon ein Gehilfe drinnen, das ist das einzige \u00dcble an dem ganzen Laden! Aus dem einen oder anderen w\u00fcrde wohl auch gerufen: &#8222;Bitte sehr, treten Sie nur ein!&#8220; Ja, ich m\u00f6chte wohl gern hinein, k\u00f6nnte man nur wie ein netter kleiner Gedanke durch die Herzen wandern!&#8220;<\/p>\n<p>Seht, das gen\u00fcgte wieder f\u00fcr die Galoschen. Der ganze Hilfsarzt schrumpfte zusammen, und eine h\u00f6chst ungew\u00f6hnliche Reise begann mitten durch die Herzen der ersten Reihe der Zuschauer. Das erste Herz, durch das er kam, geh\u00f6rte einer Dame; aber augenblicklich glaubte er in ein orthop\u00e4disches Institut gekommen zu sein, wo der Arzt den Menschen Knoten wegmassiert, und Gipsabg\u00fcsse von verwachsenen Gliedern an den W\u00e4nden h\u00e4ngen, doch war der Unterschied der, dass in einem solchen Institut die Abg\u00fcsse genommen werden, wenn die Patienten hinkommen, aber hier im Herzen wurden sie genommen und aufbewahrt, wenn die guten Leute hinausgegangen waren. Es waren Abg\u00fcsse von k\u00f6rperlichen und geistigen Fehlern der Freundinnen, die hier aufbewahrt wurden.<\/p>\n<p>Schnell war er bereits in einem anderen weiblichen Herzen, aber es erschien ihm wie eine gro\u00dfe heilige Kirche. Der Unschuld wei\u00dfe Taube flatterte um den Hochaltar, wie gerne w\u00e4re er in die Knie gesunken, aber fort musste er, ins n\u00e4chste Herz hinein; aber er h\u00f6rte noch die Orgelt\u00f6ne und f\u00fchlte, dass er selbst ein neuer und besserer Mensch geworden und nicht unw\u00fcrdig war, ein neues Heiligtum zu betreten. Das zeigte ihm eine \u00e4rmliche Dachkammer mit einer kranken Mutter darin. Aber durch die offenen Fenster strahlte Gottes warme Sonne, herrliche Rosen nickten aus dem kleinen Blumenkasten auf dem Dache, und zwei himmelblaue V\u00f6gel sangen von kindlichen Freuden, w\u00e4hrend die kranke Mutter Gottes Segen auf die Tochter herabflehte.<\/p>\n<p>Nun kroch er auf H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen durch einen \u00fcberf\u00fcllten Schl\u00e4chter Laden. Da war Fleisch und immer nur Fleisch, worauf er auch stie\u00df; es war das Herz eines reichen, geachteten Mannes, dessen Name allgemein bekannt war. Nun war er im Herzen seiner Gemahlin. Das war ein alter, verfallener Taubenschlag. Das Bild des Mannes wurde nur als Wetterhahn gebraucht, der mit den T\u00fcren in Verbindung stand, und so \u00f6ffneten und schlossen sie sich, je nachdem der Mann sich drehte.<\/p>\n<p>Darauf kam er in ein Spiegelkabinett, wie das, was wir im Rosenborg-Schloss haben. Aber die Spiegel Vergr\u00f6\u00dferten in unglaublichem Ma\u00dfe. Mitten auf dem Fu\u00dfboden sa\u00df, wie ein Dalai-Lama, das unbedeutende Ich dieser Person in erstaunter Bewunderung seiner eigenen Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p>Hierauf glaubte er sich in einer engen Nadelb\u00fcchse eingeschlossen, die voller spitziger Nadeln war. &#8222;Das ist bestimmt das Herz einer alten unverheirateten Jungfrau!&#8220; musste er denken, aber das war nicht der Fall; es war ein ganz junger Milit\u00e4r mit mehreren Orden, ein Mann der, wie man zu sagen pflegt, Geist und Herz just auf dem rechten Fleck hat.<\/p>\n<p>Ganz bet\u00e4ubt kam der arme S\u00fcnder von Hilfsarzt aus dem letzten Herzen in der Reihe. Er vermochte kaum, seine Gedanken zu ordnen und dachte, dass seine allzu feurige Phantasie mit ihm durchgegangen sei.<\/p>\n<p>&#8222;Herr Gott, \u201e seufzte er, &#8222;ich habe bestimmt Anlage dazu, ` den Verstand zu verlieren. Hier drinnen ist es auch unverzeihlich hei\u00df! Das Blut steigt mir zu Kopf!&#8220; Und nun erinnerte er sich pl\u00f6tzlich der gro\u00dfen Begebenheit von gestern Nacht, wie er mit dem Kopfe zwischen den Eisenstangen vor dem Hospital fest gesessen hatte. &#8222;Dabei habe ich mir sicherlich etwas geholt!&#8220; meinte er. &#8222;Ich muss bei Zeiten etwas dagegen tun. Russisches Bad w\u00fcrde vielleicht gut tun. Wenn ich nur erst auf dem obersten Brett l\u00e4ge!&#8220;<\/p>\n<p>Und da lag er auf dem obersten Brett im Dampfbad, aber er lag damit allen Kleidern, mit Stiefeln und Galoschen. Die hei\u00dfen Wassertropfen von der Decke tr\u00f6pfelten ihm ins Gesicht.<\/p>\n<p>&#8222;Hu!&#8220; schrie er und fuhr hinab, um ein Sturzbad zu nehmen. Der Aufw\u00e4rter gab auch einen lauten Schrei von sich, als er den v\u00f6llig bekleideten Menschen hier drinnen entdeckte.<\/p>\n<p>Der Hilfsarzt hatte indessen gerade noch so viel Fassung, um ihm zuzufl\u00fcstern: &#8222;Es war wegen einer Wette!&#8220; Das erste jedoch, was er tat, als er auf sein eigenes Zimmer kam, war, sich ein gro\u00dfes spanisches Zugpflaster auf den Nacken und eins unten auf den R\u00fccken zu legen, damit die Verr\u00fccktheit herausgezogen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen hatte er einen blutigen R\u00fccken, das war alles, was er durch die Galoschen des Gl\u00fcckes gewonnen hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li>\n<h3><strong>Die Verwandlung des Schreibers.<\/strong><\/h3>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Der W\u00e4chter, den wir sicher noch nicht vergessen haben, gedachte mittlerweile der Galoschen, die er gefunden und mit nach dem Hospital hinausgebracht hatte. Er holte sie ab, aber da weder der Leutnant, noch irgendein anderer in der Stra\u00dfe sich zu ihnen bekennen wollte, wurden sie auf der Polizei abgeliefert.<\/p>\n<p>&#8222;Sie sehen genau wie meine Galoschen aus!&#8220;, sagte einer der Herren Schreiber, indem er den Fund betrachtete und sie an die Seite der seinigen stellte. &#8222;Da geh\u00f6rt mehr als ein Schuhmacherauge dazu, um sie auseinander zu halten!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Herr Schreiber!&#8220; rief ein Diener, der mit einigen Papieren hereintrat.<\/p>\n<p>Der Schreiber wandte sich um und sprach mit dem Manne. Aber als das erledigt war, und er auf die Galoschen sah, befand er sich sehr im Ungewissen, ob die zur Linken oder zur Rechten es waren, die ihm geh\u00f6rten. &#8222;Es m\u00fcssen die sein, die Nass sind,&#8220; dachte er, aber das war gerade fehlgeraten, denn es waren die des Gl\u00fcckes; aber warum sollte die Polizei sich nicht auch einmal irrem Er zog sie an, steckte einige Papiere in die Tasche, andere nahm er unter den Arm, denn sie sollten zuhause durchgelesen und abgeschrieben werden; aber da es gerade Sonntagvormittag und das Wetter gut war, dachte er: &#8222;ein Spaziergang nach Friedrichsburg w\u00fcrde mir gut tun!&#8220; und so ging er dorthin.<\/p>\n<p>Niemand konnte ruhiger und flei\u00dfiger sein, als dieser junge Mann. Wir g\u00f6nnen ihm diesen kleinen Spaziergang von Herzen, denn er w\u00fcrde ihm gewiss wohltun nach dem vielen Sitzen. Anfangs ging er dahin, ohne an etwas zu denken; daher hatten die Galoschen keine Gelegenheit, ihre Zauberkraft zu beweisen.<\/p>\n<p>In der Allee traf er einen Bekannten, einen jungen Dichter, der ihm erz\u00e4hlte, dass er am n\u00e4chsten Tage seine Sommerreise beginnen werde.<\/p>\n<p>&#8222;Nun, soll es schon wieder fortgehen&#8220; sagte der Schreiber. &#8222;Sie sind doch ein gl\u00fccklicher, freier Mensch. Sie k\u00f6nnen fliegen, wohin Sie wollen, wir anderen haben eine Kette am Fu\u00dfe!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber sie sitzt am Brotbaum fest!&#8220; antwortete der Dichter. &#8222;Sie brauchen nicht f\u00fcr den kommenden Tag zu sorgen, und wenn Sie alt sind, bekommen Sie Pension!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Sie haben es doch am besten!&#8220; sagte der Schreiber, &#8222;dazusitzen und zu dichten ist doch ein Vergn\u00fcgen! Alle Welt sagt Ihnen Angenehmes, und Sie sind Ihr eigener Herr! ja, Sie sollten es nur einmal probieren, im Gericht zu sitzen bei den langweiligen Sachen!&#8220;<\/p>\n<p>Der Dichter sch\u00fcttelte mit dem Kopfe, und der Schreiber sch\u00fcttelte auch mit dem Kopfe. Jeder blieb bei seiner Meinung und dann schieden sie voneinander.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist doch ein V\u00f6lkchen f\u00fcr sich, diese Dichter!&#8220; sagte der Schreiber. Ich m\u00f6chte wohl einmal versuchen, in solche Natur hineinzuschl\u00fcpfen, selbst ein Dichter zu werden. Ich glaube bestimmt, dass ich nicht solche Klagelieder wie die anderen schreiben w\u00fcrde! \u2013 Das ist so recht ein Fr\u00fchlingstag f\u00fcr einen Dichter! Die Luft ist ungew\u00f6hnlich klar, die Wolken so sch\u00f6n, und es duftet nach all dem Gr\u00fcnen! Ja, viele Jahre lang habe mir das nicht so stark gefehlt, wie in diesem Augenblick.&#8220;<\/p>\n<p>Wir merken schon, dass er ein Dichter geworden war. Es fiel zwar nicht jedem sogleich in die Augen, denn es ist eine t\u00f6richte Vorstellung, sich einen Dichter anders als andere Menschen zu denken, in denen weit mehr poetische Natur stecken kann, als in manchem anerkannten Dichter. Der Unterschied zeigt sich nur in dem besseren geistigen Ged\u00e4chtnis des Dichters, mit dem er die Gedanken und Gef\u00fchle bewahren kann, bis sie klar und deutlich in Worte gefasst dastehen. Das k\u00f6nnen die anderen nicht. Aber von einer Alltagsnatur in eine begabte sich zu wandeln, ist immer ein \u00dcbergang, und den hatte der Kopist nun \u00fcberstanden.<\/p>\n<p>&#8222;Der herrliche Duft!&#8220; sagte er, &#8222;wie erinnert er mich an die Veilchen bei Tante Lene! Ja, damals war ich noch ein kleiner Knabe! Herrgott, wie lange ist das her, dass ich daran gedacht habe! Das gute, alte M\u00e4dchen, sie wohnte da um die B\u00f6rse herum. Immer hatte sie einen Zweig oder ein paar gr\u00fcne Sch\u00f6sslinge im Wasser stehen, der Winter mochte noch so strenge sein. Die Veilchen dufteten, w\u00e4hrend ich die angew\u00e4rmten Kupferschillinge gegen die gefrorenen Scheiben presste und Guckl\u00f6cher machte. Das gab einen h\u00fcbschen Blick. Drau\u00dfen im Kanal lagen die Schiffe eingefroren und von der ganzen Mannschaft verlassen. Eine schreiende Kr\u00e4he war die einzige Besatzung. Aber wenn das Fr\u00fchjahr herangeweht kam, dann wurde es dort lebendig. Unter Gesang und Hurrarufen s\u00e4gte man das Eis entzwei. Die Schiffe wurden geteert und aufgetakelt, und dann fuhren sie nach fremden L\u00e4ndern. Ich bin hier geblieben, und muss hier bleiben, immer in der Polizeistube sitzen und zusehen, wie die Anderen P\u00e4sse ins Ausland nehmen; das ist mein los! Ach, ja!&#8220; seufzte er tief, aber pl\u00f6tzlich blieb er stehen. &#8222;Herrgott, was ist denn nur mit mir los? So etwas habe ich doch niemals fr\u00fcher gedacht oder gef\u00fchlt! Es muss die Fr\u00fchjahrsluft sein. Das ist zugleich bedr\u00fcckend und angenehm!&#8220; Er griff in die Tasche nach seinen Papieren. &#8222;Die werden mich schon auf andere Gedanken bringen!&#8220; sagte er und lie\u00df die Augen \u00fcber das erste Blatt schweifen. &#8222;Frau Sigbrith, Trag\u00f6die in f\u00fcnf Akten\u201c, las er, &#8222;was ist denn das! das ist ja meine eigene Handschrift! Habe ich die Trag\u00f6die geschrieben?&#8220; Die Verschw\u00f6rung auf dem Wall oder der Bu\u00dftag, Singspiel&#8220;. \u2013 Aber wo kommt denn das her? Man muss es mir in die Tasche geschoben haben; hier ist ein Brief?&#8220; Der war von der Theater-Direktion. Die St\u00fccke waren abgelehnt, und der Brief selbst war nicht gerade h\u00f6flich abgefasst. &#8222;Hm, hm&#8220; sagte der Schreiber und setzte sich auf eine Bank nieder. Seine Gedanken waren angeregt und sein Herz weich gestimmt. Unwillk\u00fcrlich pfl\u00fcckte er eine Blume ab. Es war ein einfaches kleines G\u00e4nsebl\u00fcmchen. Was die Botaniker uns erst in vielen Vorlesungen erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, verk\u00fcndete es in einer Minute. Es erz\u00e4hlte das M\u00e4rchen seiner Geburt, von der Kraft des Sonnenlichtes, das die feinen Bl\u00e4ttchen ausbreitete und sie zu duften zwang. Und er dachte an den Lebenskampf, der gleichfalls die Gef\u00fchle in uns erweckt. Luft und Licht buhlten um die Blume, aber das Licht war der Beg\u00fcnstigtere. Nach dem Lichte wendete sie sich und verschwand es, so rollte sie ihre Bl\u00e4tter zusammen und schlummerte in den Armen der Luft ein. &#8222;Es ist das Licht, das mich versch\u00f6nt!&#8220; sagte die Blume. &#8222;Aber die Luft l\u00e4sst dich atmen!&#8220; fl\u00fcsterte des Dichters Stimme.<\/p>\n<p>Dicht daneben stand ein Knabe und schlug mit seinem Stock in einen sumpfigen Graben. Die Wassertropfen spritzten bis in die gr\u00fcnen Zweige hinauf, und der Schreiber dachte an die Millionen unsichtbarer Tiere, die mit den Tropfen in eine H\u00f6he geschleudert wurden, die ihnen im Verh\u00e4ltnis zu ihrer Gr\u00f6\u00dfe ungef\u00e4hr so erscheinen mochte, wie es f\u00fcr uns w\u00e4re, wenn wir hoch \u00fcber die Wolken hinaus gewirbelt w\u00fcrden. W\u00e4hrend der Schreiber hier\u00fcber und \u00fcber die ganze Ver\u00e4nderung, die mit ihm vorgegangen war, nachdachte, l\u00e4chelte er: &#8222;Ich schlafe und tr\u00e4ume! Merkw\u00fcrdig ist es gleichwohl, wie lebenswahr man tr\u00e4umen kann und doch dabei selbst wissen, dass es nur ein Traum ist. Wenn ich ihn mir doch morgen beim Erwachen noch ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcckrufen k\u00f6nnte. Mir scheint n\u00e4mlich, dass ich ganz ungew\u00f6hnlich gut aufgelegt bin. Ich habe einen klaren \u00dcberblick \u00fcber alle Dinge, f\u00fchle mich so empf\u00e4nglich f\u00fcr alles, aber ich bin sicher, wenn ich morgen wirklich etwas davon behalten haben sollte, so ist es verworrenes Zeug. So ist es mir bisher immer ergangen! Es geht mit allem dem Klugen und Pr\u00e4chtigen, das man im Traume h\u00f6rt oder sagt wie mit dem Golde der Unterirdischen: wenn man es bekommt, ist es Pracht und Herrlichkeit, aber bei Lichte besehen sind es nur Steine und trockene Bl\u00e4tter. &#8222;Ach\u201c, seufzte er ganz wehm\u00fctig und sah auf die singenden V\u00f6gel, die so fr\u00f6hlich von Zweig zu Zweig h\u00fcpften, &#8222;sie haben es viel besser als ich! Fliegen, das ist eine herrliche Kunst, gl\u00fccklich der, dem sie angeboren ist! Ja, wenn ich mich in etwas verwandeln k\u00f6nnte, so m\u00f6chte ich so eine kleine Lerche sein!&#8220;<\/p>\n<p>Sogleich entfalteten sich seine Rocksch\u00f6\u00dfe und \u00c4rmel als Fl\u00fcgel, die Kleider wurden zu Federn und die Galoschen zu Krallen. Er merkte es recht gut und lachte innerlich: &#8222;So, nun wei\u00df ich doch wenigstens, dass ich tr\u00e4ume, aber so etwas n\u00e4rrisches ist mir bisher noch nicht vorgekommen!&#8220; Und dann flog er hinauf in die gr\u00fcnen Zweige und sang. Aber das war gar nicht mehr poetisch, denn die Dichternatur war fort. Die Galoschen konnten, wie jeder, der seine Sache gr\u00fcndlich macht, nur ein Ding auf einmal ausf\u00fchren. Er wollte ein Dichter werden. Das war er geworden. Nun wollte er kleiner Vogel sein, aber indem er es wurde, verlor er die vorigen Eigenschaften.<\/p>\n<p>&#8222;Das ist ja recht niedlich!&#8220; sagte er, &#8222;am Tage sitze ich auf der Polizei zwischen den trockensten Abhandlungen, und nachts im Traum kann ich als Lerche im Friedrichsberg-Garten herumfliegen. Daraus lie\u00dfe sich wirklich ein Theaterst\u00fcck machen!&#8220;<\/p>\n<p>Nun flog er in das Gras hinunter, drehte den Kopf nach allen Seiten und pickte mit dem Schnabel in die geschmeidigen Grashalme, die im Verh\u00e4ltnis zu seiner jetzigen Gr\u00f6\u00dfe, ihm lang wie die Palmen Afrikas erschienen.<\/p>\n<p>Das dauerte einen Augenblick, und dann wurde es kohlschwarze Nacht um ihn her. Ein, wie es ihm vorkam, ungeheurer Gegenstand wurde ihm \u00fcber den Kopf geworfen. Es war eine gro\u00dfe M\u00fctze, die ein Knabe \u00fcber den Vogel geworfen hatte. Eine Hand fasste hinein und griff den Schreiber um R\u00fccken und Fl\u00fcgel, dass er vor Schmerz piepte. Im ersten Schrecken schrie er laut: &#8222;Du unversch\u00e4mter Bengel! Ich bin Schreiber bei der Polizei!&#8220; Aber f\u00fcr den Knaben klang es nur wie ein &#8222;Piep Piep&#8220;! Er gab dem Vogel eins auf den Schnabel und wanderte davon.<\/p>\n<p>In der Allee begegnete er zwei Sch\u00fclern aus dem Gymnasium. Die kauften den Vogel f\u00fcr acht Schillinge, und so kam der Schreiber nach Kopenhagen zu einer Familie in der Gotenstra\u00dfe.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist gut, dass ich nur tr\u00e4ume!&#8220; sagte der Schreiber, &#8222;sonst w\u00fcrde mir die Galle \u00fcberlaufen! Erst war ich ein Dichter und jetzt eine Lerche! Es ist sicher die Dichternatur, die mir zu diesem Lerchendasein verholfen hat. Aber das ist ein j\u00e4mmerlich Ding, besonders, wenn man diesen Jungen in die H\u00e4nde f\u00e4llt! Ich m\u00f6chte wissen, wie das noch ablaufen wird?&#8220;<\/p>\n<p>Die Knaben brachten ihn in ein gut ausgestattetes Zimmer. Eine dicke, l\u00e4chelnde Frau kam ihnen entgegen, aber erfreut war sie nicht gerade, dass der gew\u00f6hnliche Feldvogel, wie sie die Lerche nannte, mit hereinkam. Doch f\u00fcr heute wollte sie nichts sagen, und sie durften ihn in das leere Bauer setzen, das beim Fenster stand!<\/p>\n<p>&#8222;Vielleicht macht es Papchen Spa\u00df!&#8220; f\u00fcgte sie hinzu und lachte zu einem gro\u00dfen gr\u00fcnen Papagei hin\u00fcber, der vornehm in seinem Ringe in einem pr\u00e4chtigen Messingbauer schaukelte. &#8222;Es ist Papchens Geburtstag, sagte sie ein wenig kindisch, &#8222;da kommt der kleine Feldvogel gratulieren!&#8220;<\/p>\n<p>Papchen antwortete nicht ein einziges Wort, sondern schaukelte vornehm auf und ab. Dagegen begann ein h\u00fcbscher Kanarienvogel, der im letzten Sommer aus seiner warmen, duftenden Heimat hierher gebracht worden war, laut zu singen.<\/p>\n<p>&#8222;Schreihals!&#8220; sagte die Frau und warf ein wei\u00dfes Taschentuch \u00fcber den Bauern.<\/p>\n<p>&#8222;Piep, piep!&#8220; seufzte er, &#8222;das schreckliche Schneewetter!&#8220; und mit diesem Seufzer verstummte er.<\/p>\n<p>Der Schreiber, oder wie die Frau sagte, der Feldvogel, kam in ein kleines Bauer dicht neben den Kanarienvogel und nicht weit entfernt von dem Papagei. Die einzige Redensart, die Papchen hervorschnattern konnte, und die zuzeiten recht komisch klang, war: &#8222;nein, nun lasst uns Menschen sein!&#8220; Alles \u00dcbrige, was er schnatterte, war ebenso unverst\u00e4ndlich wie des Kanarienvogels Gezwitscher, aber nicht f\u00fcr den Schreiber, der ja selbst ein Vogel war. Er verstand die Kameraden ausgezeichnet.<\/p>\n<p>&#8222;Ich flog unter der gr\u00fcnen Palme und dem bl\u00fchenden Mandelbaum!&#8220; sang der Kanarienvogel, &#8222;ich flog mit meinen Br\u00fcdern und Schwestern hin, \u00fcber die pr\u00e4chtigen Blumen und den glasklaren See, auf dessen Grunde sich Pflanzen wiegten. Ich sah auch viele herrliche Papageien, die die sch\u00f6nsten Geschichten erz\u00e4hlten, lang und viel!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das waren wilde V\u00f6gel\u201c, erwiderte der Papagei, &#8222;sie waren ohne Bildung. Nein, lasst uns nun Menschen sein! \u2013 Warum lachst du nicht? Wenn die Frau und alle die G\u00e4ste dar\u00fcber lachen k\u00f6nnen, so kannst du es auch. Es ist ein gro\u00dfer Mangel, wenn man keinen Sinn f\u00fcr Humor hat. Nein, lasst uns nun Menschen sein!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;O denkst du noch der sch\u00f6nen M\u00e4dchen, die unter dem ausgespannten Zelt bei den bl\u00fchenden B\u00e4umen tanzten!? Gedenkst du der s\u00fc\u00dfen Fr\u00fcchte und des k\u00fchlenden Saftes in den wild wachsenden Kr\u00e4utern?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;O ja, \u201e sagte der Papagei, &#8222;aber hier habe ich es viel besser! Ich habe gutes Essen und individuelle Behandlung. Ich wei\u00df, ich bin ein guter Kopf, und mehr verlange ich nicht. Lasst uns nun Menschen sein! Du bist eine Dichterseele, wie sie es nennen; ich habe gr\u00fcndliche Kenntnisse und Witz. Du hast Genie aber keine Besonnenheit. Du versteigst dich zu den h\u00f6chsten T\u00f6nen und darum decken Sie dich zu. Mir bieten sie das nicht! nein! denn ich habe sie mehr gekostet! Ich halte sie mit meinem Schnabel in Schach und kann einen Witz! Witz! Witz! machen, nein, nun lasst uns Menschen sein!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;O, mein warmes, bl\u00fchendes Vaterland!&#8220; sang der Kanarienvogel. &#8222;Ich will von deinen dunkel gr\u00fcnenden B\u00e4umen singen, von deinen stillen Meeresbuchten, wo die Zweige den klaren Wasserspiegel k\u00fcssen, singen von dem Jubel aller meiner schimmernden Br\u00fcder und Schwestern, wo der W\u00fcste Pflanzenquellen wachsen!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;H\u00f6r doch auf mit den Jammert\u00f6nen!&#8220; sagte der Papagei. Sage doch etwas, wor\u00fcber man lachen kann! Lachen ist das Kennzeichen des erhabensten geistigen Standpunktes. Sieh, ob ein Pferd oder ein Hund lachen kann! Nein, weinen k\u00f6nnen sie, aber das Lachen ist nur den Menschen gegeben. &#8222;Ho ho ho!&#8220; lachte Papchen und f\u00fcgte seinen Witz hinzu: &#8222;Nun lasst uns Menschen sein!&#8220;<\/p>\n<p>Du kleiner grauer Vogel, \u201e sagte der Kanarienvogel, &#8222;Du bist auch ein Gefangener! Es ist sicherlich kalt in deinen W\u00e4ldern, aber dort ist doch Freiheit. Fliege hinaus! \u2013 Sie haben vergessen, dich Einzuschlie\u00dfen; das oberste Fenster steht offen. Fliege! Fliege!&#8220;<\/p>\n<p>Und das tat der Schreiber. Husch! war er aus dem Bauer. In diesem Augenblick knarrte die halboffene T\u00fcr, die ins Nebenzimmer f\u00fchrte und geschmeidig, mit gr\u00fcnen, funkelnden Augen schlich die Hauskatze herein und machte auf ihn Jagd. Der Kanarienvogel flatterte in dem Bauer und der Papagei schlug mit den Fl\u00fcgeln und rief: &#8222;Nun lasst uns Menschen sein!&#8220; Der Schreiber f\u00fchlte den t\u00f6dlichsten Schreck und flog durch das Fenster davon \u00fcber H\u00e4user und Stra\u00dfen. Zuletzt musste er sich ein wenig ausruhen. Das gegen\u00fcberliegende Haus erschien ihm heimisch. Ein Fenster stand offen, er flog hinein, es war sein eigenes Zimmer; er setzte sich auf den Tisch.<\/p>\n<p>&#8222;Nun lasst uns Menschen sein!&#8220; sagte er gedankenlos, wie er es von dem Papagei geh\u00f6rt hatte, und im selben Augenblick war er wieder Schreiber, aber er sa\u00df auf dem Tische.<\/p>\n<p>&#8222;Gott bewahre!&#8220; sagte er, wie bin ich denn hier hinauf gekommen und in Schlaf gefallen! Das war ein recht unruhiger Traum. Nichts wie dummes Zeug war die ganze Geschichte!&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li>\n<h3><strong>Das Beste, was die Galoschen brachten.<\/strong><\/h3>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Zeitig morgens am folgenden Tage, als der Schreiber noch im Bette lag, klopfte es an seine T\u00fcr; es war sein Nachbar aus derselben Etage, ein Student, der Pastor werden wollte. Er trat ein.<\/p>\n<p>Leihe mir deine Galoschen, \u201e sagte er, &#8222;es ist so nass im Garten, aber die Sonne scheint herrlich, ich m\u00f6chte eine Pfeife Tabak da unten rauchen.&#8220;<\/p>\n<p>Er zog die Galoschen an und war bald unten im Garten, der einen Pflaumenbaum und einen Birnenbaum enthielt. Selbst ein so kleiner Garten, wie dieser, gilt in Kopenhagen f\u00fcr eine gro\u00dfe Herrlichkeit.<\/p>\n<p>Der Student wanderte im Gange auf und ab. Es war erst sechs Uhr. Drau\u00dfen von der Stra\u00dfe erklang ein Posthorn.<\/p>\n<p>&#8222;O, reisen! reisen!&#8220; rief er laut, &#8222;das ist doch das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck in der Welt! Das ist meiner W\u00fcnsche h\u00f6chstes Ziel! Das w\u00fcrde die Unruhe, die mich qu\u00e4lt, stillen. Aber weit fort m\u00fcsste es sein! Ich m\u00f6chte die herrliche Schweiz sehen, nach. Italien fahren und \u2013 &#8220; Es war gut, dass die Galoschen sofort wirkten, sonst w\u00fcrde er allzu weit herumgekommen sein sowohl f\u00fcr seinen Geschmack als auch f\u00fcr den unseren. Er reiste; er war mitten in der Schweiz aber mit acht Anderen in einer Postkutsche zusammengepackt. Er hatte Kopfschmerzen, einen steifen Nacken, und das Blut machte seine Beine schwer und geschwollen, so dass ihn die Stiefel zwickten. Er schwebte in einem Zustande zwischen Wachen und Schlafen. In seiner rechten Tasche hatte er einen Kreditbrief, in der linken seinen Pass, und in einem kleinen Lederbeutel auf der Brust waren einige Goldst\u00fccke eingen\u00e4ht. Jeder Traum endete damit, dass eines oder das andere dieser Kostbarkeiten verloren sei. Deshalb fuhr er jeden Augenblick empor, und die erste Bewegung, die seine Hand machte, war ein Dreieck von rechts nach links und zur Brust hinauf, um zu f\u00fchlen, ob sie noch da waren oder nicht. Regenschirme, St\u00f6cke und H\u00fcte schaukelten im Netz \u00fcber seinem Kopfe und verhinderten so ziemlich die Aussicht, die gro\u00dfartig war. Er schielte danach, w\u00e4hrend sein Herz sang, was ein Dichter, den wir kennen, auch schon gesungen hat, als er in der Schweiz war, er hat es aber bis jetzt nicht drucken lassen:<\/p>\n<p>Ja, hier ist es sch\u00f6n und klar und still!<br \/>\nSieh den Montblanc, mein Lieber, und schweige.<br \/>\nWenn nur das Kleingeld ausreichen will,<br \/>\nAber das geht gar bald auf die Neige!<\/p>\n<p>Gro\u00df, ernst und d\u00fcster war die Natur rings um ihn. Die Tannenw\u00e4lder erschienen wie Heidekraut auf den hohen Felsen, deren Spitzen sich im Wolkenschleier verbergen. Nun begann es zu schneien und der kalte Wind blies.<\/p>\n<p>&#8222;Hu!&#8220; seufzte er, &#8222;w\u00e4ren wir nur erst auf der anderen Seite der Alpen, dann w\u00e4re es Sommer und ich bek\u00e4me das Geld auf meinen Kreditbrief. Die Angst, die ich deswegen ausstehe, macht, dass ich die Schweiz nicht genie\u00dfen kann, ach, w\u00e4re ich doch auf der anderen Seite!&#8220;<\/p>\n<p>Und da war er auf der anderen Seite. Weit unten in Italien war er, zwischen Florenz und Rom. Der Trasimener See lag in der Abendbeleuchtung wie flammendes Gold zwischen den blauen Bergen; hier, wo Hannibal den Flaminius schlug, hielten nun Weinranken sich friedlich an den gr\u00fcnen H\u00e4nden. Anmutige halbnackte Kinder bewachten eine Herde kohlschwarzer Schweine; unter einer Gruppe duftender Lorbeerb\u00e4ume am Wege. Verst\u00fcnden wir, dies mit Worten zu malen, so w\u00fcrden alle Jubeln: &#8222;Herrliches Italien!&#8220; Aber weder der Theologe noch auch nur ein einziger von seinen Reisegenossen im Wagen sagte etwas \u00c4hnliches.<\/p>\n<p>Zu Hunderten flogen giftige Fliegen und M\u00fccken zu ihnen hinein, vergebens schlugen sie mit Myrtenzweigen um sich; die Fliegen stachen doch. Kein Mensch im ganzen Wagen, dessen Gesicht nicht geschwollen und blutig von den Stichen war! Die armen Pferde sahen wie Kadaver aus. Die Fliegen sa\u00dfen in gro\u00dfen Klumpen auf ihnen, und es half nur f\u00fcr Augenblicke, wenn der Kutscher herunterstieg und die Tiere abschabte. Nun ging die Sonne unter. Ein kurzer, aber eisiger K\u00e4lteschauer ging durch die ganze Natur. Das war nicht behaglich. Aber ringsum verd\u00e4mmerten die Berge und Wolken in der seltsamsten gr\u00fcnen Farbe, so klar, so schmelzend ja, geht nur selbst hin und schaut; das ist besser, als Beschreibungen dar\u00fcber zu lesen! Es war ein unvergleichliches Schauspiel. Die Reisenden fanden das auch \u2013 aber der Magen war leer, die Glieder matt, alle Sehnsucht des Herzens gipfelte in dem Nachtlager. Aber wie w\u00fcrde das ausfallen? Man hielt viel eifriger danach Ausschau als nach der sch\u00f6nen Natur.<\/p>\n<p>Der Weg f\u00fchrte durch einen Olivenwald, es war, als f\u00fchre man daheim zwischen knotigen Weiden. Hier lag das einsame Wirtshaus. Ein halb Dutzend bettelnder Kr\u00fcppel hatte sich davor gelagert. Der ges\u00fcndeste unter ihnen sah aus wie &#8222;des Hungers \u00e4ltester Sohn, der seine Vollj\u00e4hrigkeit erreicht hat&#8220;, um mit Marryat zu sprechen. Die anderen waren entweder blind, hatten vertrocknete Beine und krochen auf den H\u00e4nden, oder hatten abgezehrte Arme mit fingerlosen H\u00e4nden. Das nackte Elend grinste \u00fcberall aus den Lumpen hervor. &#8222;Erbarmen, gn\u00e4dige Herren, habt Erbarmen!&#8220; seufzten sie und entbl\u00f6\u00dften ihre kranken Glieder. Die Wirtin selbst mit blo\u00dfen F\u00fc\u00dfen, ungek\u00e4mmtem Haar und in einer schmutzigen Bluse empfing die G\u00e4ste. Die T\u00fcren waren mit Bindfaden zusammengebunden. Der Fu\u00dfboden in den Zimmern wies einen halbaufgerissenen Belag von Mauersteinen auf; Flederm\u00e4use flatterten unter der Decke hin, und der Gestank hier drinnen.<\/p>\n<p>&#8222;Machen Sie lieber den Tisch im Stall zurecht!&#8220; sagte einer der Reisenden, &#8222;da unten wei\u00df man wenigstens, was man einatmet!&#8220;<\/p>\n<p>Die Fenster wurden ge\u00f6ffnet, dass ein wenig frische Luft hereinkommen konnte, aber geschwinder als diese drangen die vertrockneten Arme ein und das unaufh\u00f6rliche Gejammer: &#8222;Habt Erbarmen, gn\u00e4dige Herren!&#8220; An den W\u00e4nden standen viele Inschriften, und die H\u00e4lfte davon war gegen das &#8222;Sch\u00f6ne Italien&#8220; gerichtet.<\/p>\n<p>Das Essen wurde aufgetragen; es gab eine Suppe aus Wasser, mit Pfeffer und ranzigem \u00d6l gew\u00fcrzt, das auch in der gleichen G\u00fcte beim Salat wieder erschien; verdorbene Eier und gebratene Hahnenk\u00e4mme bildeten den H\u00f6hepunkt der Mahlzeit; selbst der Wein hatte einen Beigeschmack, es war eine wahre Medizin.<\/p>\n<p>Zur Nacht wurden die Koffer gegen die T\u00fcr gestellt und einer der Reisenden hielt Wacht, w\u00e4hrend die anderen schliefen. Der Theologe war der Wachthabende. O, wie schw\u00fcl war es hier drinnen! Die Hitze dr\u00fcckte, die M\u00fccken summten und stachen, und die Kr\u00fcppel jammerten im Schlaf.<\/p>\n<p>&#8222;Ja, Reisen ist schon recht gut!&#8220; seufzte der Student, &#8222;wenn man nur keinen K\u00f6rper h\u00e4tte. K\u00f6nnte dieser ruhen, und der Geist indessen fliegen! Wohin ich komme, findet sich ein Mangel, der das Herz bedr\u00fcckt. Nach etwas Besserem, als dem Augenblicklichen, sehne ich mich, ja, nach etwas Besserem, dem Besten, aber wo und was ist das? Im Grunde wei\u00df ich wohl, was ich will: ich will zu einem gl\u00fccklichen Ziel, dem gl\u00fccklichsten von allen!&#8220;<\/p>\n<p>Und, wie das Wort ausgesprochen war, war er in seinem Heim. Die langen, wei\u00dfen Gardinen hingen vor den Fenstern herab, und mitten auf dem Fu\u00dfboden stand der schwarze Sarg. In diesem lag er im stillen Todesschlafe. Sein Wunsch war erf\u00fcllt, der K\u00f6rper ruhte, der Geist reiste. &#8222;Preise niemand gl\u00fccklich vor seinem Tode&#8220;, Solons Wort, hier bewies es wieder einmal seine G\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p>Jede Leiche ist der Unsterblichkeit Sphinx; auch die Sphinx hier in dem schwarzen Sarge gab keine Antwort auf das, was der Lebende zwei Tage vorher niedergeschrieben hatte.<\/p>\n<p>Du starker Tod, Dein Schweigen wecket Grauen;<br \/>\nDes Kirchhofs Gr\u00e4ber zeigen Deine Spur.<br \/>\nSoll mein Geist keine Hoffnung blauen?<br \/>\nBl\u00fche ich als Gras im Todesgarten nur?<\/p>\n<p>&#8222;Dein gr\u00f6\u00dftes Leiden hat die Welt doch nie erblickt.<br \/>\nDer, der Du gleich Dir bliebst zum letzten ohne Arg.<br \/>\nIm Leben werde Dein Herz von manchem mehr bedr\u00fcckt,<br \/>\nAls von der Erde, die man wirft auf Deinen Sarg!&#8220;<\/p>\n<p>Zwei Gestalten bewegten sich im Zimmer. Wir kennen sie beide: Es waren die Trauer und die Abgesandte des Gl\u00fcckes. Sie beugten sich \u00fcber den Toten.<\/p>\n<p>&#8222;Siehst du\u201c, sagte die Trauer, &#8222;welches Gl\u00fcck brachten deine Galoschen wohl der Menschheit?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Sie brachten wenigstens dem, der hier schl\u00e4ft, ein dauerndes Gut!&#8220; antwortete die Freude.<\/p>\n<p>&#8222;O nein!&#8220; sagte die Trauer, &#8222;selbst ging er fort, er wurde nicht abgerufen! Seine geistige Kraft hier war nicht stark genug, um die Sch\u00e4tze dort zu heben, die er nach seiner Bestimmung heben soll! Ich will ihm eine Wohltat erweisen!&#8220;<\/p>\n<p>Und sie zog die Galoschen von seinen F\u00fc\u00dfen; da war der Todesschlaf zu Ende und der Wiederbelebte erhob sich. Die Trauer verschwand, mit ihr aber auch die Galoschen; sie hat sie gewiss als ihr Eigentum betrachtet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-443","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/443","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=443"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/443\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":444,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/443\/revisions\/444"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=443"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=443"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=443"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}