{"id":4389,"date":"2026-01-25T00:32:04","date_gmt":"2026-01-24T23:32:04","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=4389"},"modified":"2026-01-25T00:32:04","modified_gmt":"2026-01-24T23:32:04","slug":"die-jagd-des-lebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-jagd-des-lebens\/","title":{"rendered":"Die Jagd des Lebens"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die Jagd des Lebens<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ludwig Bechstein<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein J\u00e4ger, der ging zu Wald in eine \u00f6de Wildnis, dort zu jagen. Da kam er einem Tiere auf die F\u00e4hrte, als er dieses aber endlich entdeckte, w\u00fcnschte er es nimmermehr gesehen zu haben, denn es war ein m\u00e4chtiges Einhorn, welches sich gegen ihn stellte. Eilig wandte er sich zur Flucht, und stets verfolgte ihn das Einhorn, bis er auf eine steile Felswand kam, deren schroffen Abhang tief unten die Wellen eines dunklen Sees besp\u00fclten. In dem See schwamm ein ungeheurer Drache, der den Rachen g\u00e4hnend aufriss, und pl\u00f6tzlich glitt der J\u00e4ger aus und w\u00e4re gerade hinab in den See und in des Drachen Schlund gest\u00fcrzt, wenn er nicht an einem einer Felsritze entsprossten Strauch sich festgehalten h\u00e4tte. Da war nun des J\u00e4gers Lage eine tod\u00e4ngstliche. Droben stand, wie ein W\u00e4chter, das schreckliche Einhorn, drunten lauerte auf seinen Hinabsturz der gr\u00e4uliche Seedrache. In dieser Not ward seine Angst und Qual aber noch vermehrt, denn mit einem Male erblickte er zwei M\u00e4use, eine wei\u00dfe Maus und eine schwarze Maus; die begannen an den Wurzeln der Staude zu nagen, und der J\u00e4ger vermochte nicht, sie hinwegzuscheuchen, weil er sich mit beiden H\u00e4nden anhalten musste. So musste er jeden Augenblick gew\u00e4rtig sein, dass die Wurzeln des Strauchs diesen nicht mehr halten w\u00fcrden. \u00dcber ihm stand ein Baum, von dem tr\u00e4ufelte s\u00fc\u00dfer Honig nieder, und gar zu gern h\u00e4tte der J\u00e4ger diesen Baum erlangt, denn damit meinte er aller Qual erledigt zu sein, und \u00fcber den Baum verga\u00df er aller ihm drohenden Gefahr. Wir wissen nicht, ob es ihm gelungen, aus seiner dreifachen Qual erl\u00f6st zu werden, oder ob die M\u00e4use des Strauches Wurzeln ganz abgenagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte Dichter dieser M\u00e4re gibt ihr eine allegorische Deutung, indem er sagt: Der J\u00e4ger, das ist der Mensch, und das Einhorn, das ist der Tod, der ihm begegnet, ehe er es vermeint, und ihn immerdar verfolgt. Die steile Felswand ist die Erde, und der Strauch ist das Lehen, daran der Mensch nur mit schwachen Banden h\u00e4ngt. Die wei\u00dfe und die schwarze Maus, welche das Leben an der Wurzel benagen, sind Tag und Nacht oder die rastlose Zeit, die an unserm Leben zehrt. Der dunkle See ist die H\u00f6lle, und sein Drache der Teufel, die darauf lauern, dass der Mensch falle und in ihren Rachen st\u00fcrze. Der Honigbaum aber ist die Liebe, die das Leben vers\u00fc\u00dfende, welcher der Mensch zustrebt und sie zu erlangen hofft zwischen Not und Tod, zwischen Qual und Pein, keiner Gefahr achtend, und mit deren Erringung er seine irdische Seligkeit findet. Doch soll der Mensch sich t\u00e4glich h\u00fcten, da die M\u00e4use ihm an der Lebenswurzel zehren, dass er nicht in den See des Verderbens falle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Jagd des Lebens Ludwig Bechstein Es war einmal ein J\u00e4ger, der ging zu Wald in eine \u00f6de Wildnis, dort zu jagen. 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