{"id":4371,"date":"2026-01-24T23:54:15","date_gmt":"2026-01-24T22:54:15","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=4371"},"modified":"2026-01-24T23:54:15","modified_gmt":"2026-01-24T22:54:15","slug":"des-hundes-not","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/des-hundes-not\/","title":{"rendered":"Des Hundes Not"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Des Hundes Not<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ludwig Bechstein<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war ein Hund, der lag hungrig und kummervoll auf dem Felde, da sang \u00fcber ihm eine Lerche ihr wonnigliches Lied. Als der Hund das h\u00f6rte, da sprach er: &#8222;O du gl\u00fcckliches V\u00f6gelein, wie froh du bist, wie s\u00fc\u00df du singst, wie hoch du dich aufschwingst! Aber ich &#8211; wie soll ich mich freuen? Mich hat mein Herr versto\u00dfen, seine T\u00fcre hinter mir versperrt, ich bin lahm, bin krank, kann kein Essen erjagen und muss hier Hungers sterben!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie die Lerche den hungrigen Hund so klagen h\u00f6rte, flog sie nahe zu ihm und sprach: &#8222;O du armer Hund! Mich bewegt dein Leiden, wirst du mir auch Dank wissen, wenn ich dir helfe, dass du satt wirst?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Womit, Frau Lerche?&#8220; fragte der Hund mit matter Stimme, und die Lerche antwortete: &#8222;Sieh, dort kommt ein Kind gegangen, das tr\u00e4gt Speise zu jenem Ackersmann; ich will machen, dass es die Speise niederlegt und mir nachl\u00e4uft, indes gehst du hinzu und isst den K\u00e4se und das Brot und stillst deinen Hunger!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hund bedankte sich f\u00fcr dieses freundliche Anerbieten, und die Lerche flog nun dem Kind entgegen und begann es zu \u00e4ffen. Bald lief sie vor ihm, bald flatterte sie auf dieser, bald auf jener Seite, bis das Kind dachte: &#8222;Die Lerche mu\u00df ich fangen.&#8220; Die Lerche stellte sich fl\u00fcgellahm und lie\u00df einen ihrer kleinen Fl\u00fcgel h\u00e4ngen wie gebrochen. Das Kind griff oft nach ihr, aber tat es vergebens mit der einen Hand, und da legte es sein T\u00fcchlein nieder, darin es das Essen trug, und lief der Lerche nach, die immer voran in einen Grund flog; indessen erhob sich der Hund, hinkte nach dem Tuch und schn\u00fcffelte hinein, da lag ein St\u00fcck Brot, ein Quarkk\u00e4se und vier gute Eier, die fra\u00df er ungesotten und ungesch\u00e4lt und danach den K\u00e4se, und das Brot nahm er mit, als er fortkroch und sich im Korn versteckte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lerche, als sie merkte, dass der Hund sein Teil hatte, flug in die L\u00fcfte und sang lustig; das ge\u00e4ffte Kind aber verw\u00fcnschte sie und noch viel mehr, als es sein T\u00fcchlein leer fand. Weinend ging es zur\u00fcck zu seiner Mutter, und ob es Schl\u00e4ge bekommen hat, wei\u00df ich nicht; es wird aber wohl etwas dergleichen abgefallen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lerche flog zum Hund hin und fragte ihn, wie er sich jetzt befinde? Er sagte ihr sch\u00f6nen Dank, und nie sei ihm wohler gewesen. &#8222;Nur eine Bitte, liebe Frau Lerche, habe ich noch auf dem Herzen&#8220;, sprach er, &#8222;wer satt ist, der ist gern froh. O bitte, erz\u00e4hlet mir noch etwas, davon ich ein wenig lachen und lustig werden kann.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wohlan!&#8220; sprach die Lerche. &#8222;Folge mir.&#8220; Und da flog die Lerche voran, und der Hund folgte ihr zu einer Scheuer, auf deren Dachboden man von der Erde leicht gelangen konnte; da hinauf hie\u00df die Lerche den Hund steigen und hinuntergehen, denn der Boden war schadhaft und durchgebrochen. Unten auf der Tenne standen zwei Kahlk\u00f6pfe, die droschen; da setzte sich flugs die Lerche dem einen auf die Glatze, und flugs klapste der andere mit der Hand darauf, vermeinend, die Lerche zu fangen; das kluge V\u00f6glein war aber schneller als er und flog zur Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nun, Geselle, was soll das? Was schl\u00e4gst du mich?&#8220; fragte der erste Kahlkopf den andern. Der entschuldigte sich, dass ein V\u00f6glein sich jenem auf den Kopf gesetzt, dieses habe er fangen wollen; habe der Klaps weh getan, sei es ihm leid. Indem setzte sich die Lerche auf die Glatze dessen, der eben sprach, und da schlug gleich der andere hin, so hart, dass der Kopf gewiss zersprungen, wenn er von Glas gewesen w\u00e4re, wenigstens brummte er dem Geschlagenen t\u00fcchtig. Nun ging gleich das Schelten los, und beide Drescher warfen ihre Flegel hin und wollten einander in die Haare. Weil sie nun keine Haare hatten, so konnte keiner dem anderen welche ausraufen, und so kratzten sie einander und stie\u00dfen sich hart; da ging es Glatz wider Glatz und Kratz wider Kratz, auch zerrten sie sich an den Ohren, und dar\u00fcber musste der Hund so unb\u00e4ndig lachen, dass ihm ganz weh wurde, und er weder liegen noch stehen konnte, und da purzelte er vor Lachen von dem Boden hoch herunter, den Dreschern gerade auf die Kahlk\u00f6pfe, dass sie stutzten, denn der Hund war schwer, und diese Art, Haare auf den Kopf zu bekommen, kam ihnen spanisch vor. Sie wandten ihren Zorn gleich vereint gegen den Hund, und da sie Drescher waren, so droschen sie ihn, so lange, bis er mit Ach und Krach durch ein Loch in der Scheuerwand und durch den Zaun fuhr, wobei ihm nicht nur das Lachen, sondern schier H\u00f6ren und Sehen verging. Ganz m\u00fcrb und krumm legte er sich in das Gras hinter den Zaun, und da kam die Lerche geflogen und fragte: &#8222;Edler Herr, wie befinden Sie sich?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, Frau Lerche&#8220;, \u00e4chzte der Hund, &#8222;ich habe vollauf genug. Ich bin ein ganz geschlagener Mann! Ich glaube, meiner Treu, ich habe gar keinen R\u00fccken mehr, die Drescher haben mir das Fell bei lebendigem Leibe abgeschunden und gegerbt. Ach, soll ich l\u00e4nger leben, so muss ich einen Wundarzt haben!&#8220; &#8222;Wohl und getrost! Ich hole dir auch den, so es irgend m\u00f6glich ist&#8220;, sprach die Lerche und flog von dannen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald fand sie einen Wolf, den redete sie an: &#8222;Herr Wolf? Ihr habt wohl gar keinen Appetit?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, Frau Lerche&#8220;, war die Antwort, &#8222;was das betrifft, so kann ich mit Wolfshunger dienen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nun, wenn Ihr mir es danken wollt&#8220;, sprach die Lerche weiter, &#8222;so wollte ich Euch wohl weisen, wo ein feister Hund liegt, der Euch kaum entrinnen wird!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;O meine edle K\u00f6nigin, wie gn\u00e4dig Ihr seid!&#8220; schmeichelte und schmunzelte der Wolf und leckte sich die Z\u00e4hne. Die Lerche flog vor ihm her, und er folgte ihr, und wie sie zu dem Hund kam, redete sie ihn an: &#8222;Nun, Geselle? Schl\u00e4fst du? Willst du nicht den Arzt sehen? Richte dich auf, dort kommt der Doktor!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wo? Frau Lerche, wo?&#8220; fragte der Hund ganz m\u00fcde; aber als er den Wolf sah, da schrie er: &#8222;Nein, Frau Lerche, nein! Diesen Doktor nicht! Haltet ihn zur\u00fcck! Ich bin gesund!&#8220; Und mit einem Satz war der Hund auf den Beinen und fort &#8211; dass ihm kein Zaun zu hoch und kein Graben zu breit war.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Des Hundes Not Ludwig Bechstein Es war ein Hund, der lag hungrig und kummervoll auf dem Felde, da sang \u00fcber ihm eine Lerche ihr wonnigliches Lied. Als der Hund das h\u00f6rte, da sprach er: &#8222;O du gl\u00fcckliches V\u00f6gelein, wie froh du bist, wie s\u00fc\u00df du singst, wie hoch du dich aufschwingst! 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