{"id":430,"date":"2015-10-07T20:57:34","date_gmt":"2015-10-07T18:57:34","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=430"},"modified":"2026-01-15T03:21:41","modified_gmt":"2026-01-15T02:21:41","slug":"die-fruechte-des-birnbaums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-fruechte-des-birnbaums\/","title":{"rendered":"Die Fr\u00fcchte des Birnbaums"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die Fr\u00fcchte des Birnbaums<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Marion Wolf<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Marktplatz einer Kleinstadt stand ein alter Birnbaum, der trug sehr seltene und k\u00f6stliche Fr\u00fcchte. Da sein Wipfel schon den Rathausfirst \u00fcberragte, kraxelten nur noch die Mutigsten an seinem Stamme hoch, um die Birnen zu ernten. Damit machten sie ein gutes Gesch\u00e4ft. Der Baum war ungeheuer stolz, dass nur die Wagemutigsten ihn erklommen und nur die Reichsten seine Fr\u00fcchte genossen. Hochm\u00fctig streckte er sich immer h\u00f6her, lie\u00df seine niederen \u00c4ste verdorren und ward schier unerreichbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ihn keiner mehr zu erklimmen wagte, versammelten sich die Menschen zur Reifezeit unter seinem glatten Stamme und beteten ihn an, doch einige seiner saftigen Birnen fallen zu lassen.<br>\nDer Birnbaum war jedoch zu eingebildet, seine K\u00f6stlichkeiten preiszugeben. So blieben die reifen Fr\u00fcchte an den \u00c4sten h\u00e4ngen, verschrumpelten und verfaulten. Als es winterte, jagte der Nordwind mit eisiger Sense vorbei und schnitt die leblosen Fr\u00fcchte ab. Als die Fr\u00fchlingssonne den Schnee schmolz, kamen Fuhrwerke die Stra\u00dfe entlang und die Pferde lie\u00dfen ihre Bollen neben die vergammelten Birnen fallen. An Walpurgis fegten die Anrainer die modrigen Birnen dann mitsamt den Pferde\u00e4pfeln vom Pflaster und vergruben sie als Dung unter die Rosen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Birnbaum verging fast vor Schmach und beschloss, in diesem Jahr seine Birnen abzuwerfen, wenn die Menschen wieder k\u00e4men und ihn anbeteten. Doch diese Einsicht kam zu sp\u00e4t: In selbiger Nacht zogen Burschen voll des Starkbieres vom Wirtshaus heim und wussten vor \u00dcbermut nicht, was sie tun sollten: \u201eSeht Euch den stolzen Birnbaum an\u201c, rief einer, \u201esein Stamm ist glatt wie ein Aal und seine Krone streckt er hoch wie die Kirchturmspitz. Der braucht mal einen Denkzettel!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eStimmt\u201c, rief ein andrer, \u201eseine Fr\u00fcchte wirft er nicht mal ab, wenn sie \u00fcberreif sind!\u201c Einer der Kumpane torkelte hinzu, sah am Stamme hoch und rief: \u201eDann lasst ihn uns doch einkerben! Ist Birnenholz nicht leicht zu schnitzen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHurra\u201c, schrieen sie im Chore, zogen ihre Messer und hieben dem Baum so viele Kerben in den Stamm, dass man bis zur Krone hochsteigen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Birnbaum \u00e4chzte gewaltig \u2013 doch was half es ihm? Die rohen Gesellen verstanden seine feine Sprache nicht und er musste die Marter ertragen. Als sich das Volk zum Maitanz traf, sah jeder, dass der Baum seine Unversehrtheit eingeb\u00fc\u00dft hatte. Die Leute lachten \u00fcber den Schelmenstreich, zeigten mit Fingern auf ihn und meinten, das gesch\u00e4he ihm recht. Da lie\u00df der Birnbaum seine Zweige h\u00e4ngen und verga\u00df das Bl\u00fchen. Abends schien die Sonne schr\u00e4g auf den Stamm und warf lange Schatten. Die Kerben erschienen nun riesengro\u00df und der Birnbaum glaubte, er sei f\u00fcr sein Lebtag gepr\u00e4gt. Verzweifelt weinte er all sein Harz in die klaffenden Wunden \u2013 doch nun kam es noch schlimmer: Ein Kr\u00e4mer kratzte das Harz heraus und kochte Lack davon. Dann kraxelten Buben die Baumtreppe hoch. So ging das Tag f\u00fcr Tag. In seiner Not zog der Baum allen Lebenssaft aus den Kerben, denn auf dem trockenen Holze sp\u00fcrte er die Tritte nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur goldenen Herbsteszeit begegneten die Leute dem Birnbaum wieder mit mehr Respekt, denn sie hofften auf eine gute Ernte und diesmal konnte ja jeder die Krone erreichen. Es dauerte jedoch nicht lang, bis sie merkten, dass es in diesem Jahr keine Birnen gab. Da gingen sie ihm entt\u00e4uscht aus dem Weg und manche munkelten, man solle ihn doch gleich zu Brennholz zerhacken.<\/p>\n\n\n\n<p>Im kommenden Winter schlichen die Katzen im Dunkeln an den Kerben hoch und fra\u00dfen schlafende V\u00f6gel, die sich in der Krone sicher w\u00e4hnten. Der Baum sch\u00e4mte sich, den kleinen gefiederten Freunden keinen Schutz mehr bieten zu k\u00f6nnen. Bald hatte der Schnee die Welt in ein wei\u00dfes Kleid geh\u00fcllt. Die besinnliche Zeit begann. M\u00e4dchen schritten mit Lichterkronen auf dem Haupt \u00fcber den Marktplatz und steckten Kerzen in die \u00c4ste der B\u00e4ume. An dem gesch\u00e4ndeten Birnbaum aber gingen sie achtlos vorbei. Nur das kleinste M\u00e4dchen blieb an seinem Stamm stehen, sah in die hohe Krone hinauf und sagte: \u201eLieber Birnbaum, wenn ich Deinen Kerben ein Licht aufsetze, brennst Du wom\u00f6glich ab und das w\u00e4re schade. Vielleicht k\u00f6nntest Du hier unten ein Zweiglein treiben, damit ich Dir n\u00e4chstes Jahr ein Licht aufstecken kann?\u201c Dann k\u00fcsste sie den Birnbaum in die untersten Kerben und lief weiter. Den Baum durchstr\u00f6mte dabei ein so warmes Gef\u00fchl, dass in seinem Inneren ein Wunder geschah&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fr\u00fchling tanzten die Menschen wieder in den Mai. Da kam das kleine M\u00e4dchen, um den Birnbaum zu begr\u00fc\u00dfen. Und siehe, dort wo sie ihn winters gek\u00fcsst hatte, trieben kleine Zweige mit winzigen Bl\u00e4ttchen. \u201eOh wie sch\u00f6n!\u201c rief die Kleine und k\u00fcsste ihn in die n\u00e4chst h\u00f6heren Kerben. Dann tanzte sie vergn\u00fcgt um den Baum herum und strahlte zur Krone hinauf. Da platzten 1000 Knospen und 1000 wei\u00dfe Bl\u00fcten luden die Bienen zum Hochzeitsmahle. Alles Volk str\u00f6mte herbei, um den Bl\u00fctentraum zu bestaunen und der B\u00fcrgermeister lie\u00df sogleich einen Zaun um den Birnbaum ziehen, damit die viel versprechende Bl\u00fctenpracht nicht<\/p>\n\n\n\n<p>besch\u00e4digt w\u00fcrde \u2013 schlie\u00dflich wollte man im Herbst wieder die k\u00f6stlichen Fr\u00fcchte ernten&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Oktober die Bl\u00e4tter rotgold f\u00e4rbte, kam die Feuerwehr und pfl\u00fcckte 990 Birnen. Die Kinder str\u00f6mten herbei, jedes bekam eine Birne und weil die so s\u00fc\u00df schmeckten, tanzten sie vor Freude um den Baum herum. Welch fr\u00f6hlicher Erntedank! Nie war der Birnbaum so froh gewesen&#8230;<br>\nEs winterte und zum Lichtfest zogen erneut die Luciabr\u00e4ute durch die Stra\u00dfen. Das M\u00e4dchen war gewachsen, k\u00fcsste den Baum in die n\u00e4chst h\u00f6heren Kerben und steckte ihm ein Licht in die neuen Zweiglein. Dies geschah jedes Jahr aufs Neue. Die Kleine wuchs zur Jungfrau, die unteren Zweige erstarkten zu dicken \u00c4sten. Auf denen stieg sie nun empor, um den Baum auch in die h\u00f6heren Kerben zu k\u00fcssen \u2013 bis sie zur Krone hinauf langte.<br>\nEines Tages kam ein junger K\u00f6nig des Wegs, bewunderte diesen seltsam gewachsenen Baum, und als er von den k\u00f6stlichen Birnen erfuhr, kaufte er ihn der Stadt f\u00fcr ein S\u00e4ckel Gold ab. Ein riesiges Loch wurde ausgehoben und der Birnbaum mitsamt Wurzelwerk \u00fcber sieben aneinander geh\u00e4ngte Karren gelegt, die von vierzehn Ochsen gezogen wurden. Dann fuhr man ihn mit Pauken und Trompeten zum Tor hinaus. Am Ende des Zuges folgte eine kleine Kutsche mit dem liebevollen M\u00e4dchen, das zur k\u00f6niglichen Hofg\u00e4rtnerin bestellt worden war.<br>\nDie St\u00e4dter winkten ihrem Wunderbaum mit stolzgeschwellter Brust hinterher, dann gingen sie frohgemut in ihre G\u00e4rten \u2013 denn in den Rosenbeeten bl\u00fchten schon die jungen Birnb\u00e4ume&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Schlosspark bekam der alte Birnbaum einen Ehrenplatz und \u00fcbers Jahr heiratete der K\u00f6nig seine G\u00e4rtnerin. Warum er das tat? Nun, sie hat ihm all seine Sorgen einfach weggek\u00fcsst&#8230;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Dieses und weitere M\u00e4rchen von Marion Wolf im neuen Buch, erschienen bei ShakerMedia: M\u00e4rchen im Spiegel der Zeit &#8211; 51 Fabeln, Parabeln, Allegorien, Mythen, Utopien siehe: <a href=\"http:\/\/bit.ly\/dkbFHH\"> http:\/\/bit.ly\/dkbFHH<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Dieses M\u00e4rchen wurde mir von Marion Wolf zur Verf\u00fcgung gestellt.<br>\nDas Copyright dieses M\u00e4rchens liegt bei der Autorin: <a href=\"http:\/\/dichterseele.beepworld.de\"> http:\/\/dichterseele.beepworld.de<\/a><br>\nDas Kopieren in andre Webseiten oder Foren ist nicht gestattet.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Marktplatz einer Kleinstadt stand ein alter Birnbaum, der trug sehr seltene und k\u00f6stliche Fr\u00fcchte. 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