{"id":420,"date":"2015-10-07T20:49:52","date_gmt":"2015-10-07T18:49:52","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=420"},"modified":"2025-12-28T01:49:07","modified_gmt":"2025-12-28T00:49:07","slug":"der-freundschaftsbund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-freundschaftsbund\/","title":{"rendered":"Der Freundschaftsbund"},"content":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"CENTER\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wir fliegen fort vom d\u00e4nischen Strand<br \/>\nUnd wandeln auf fremden Pfaden,<br \/>\nDa kommen wir nach Griechenland,<br \/>\nZu kornblauen, sch\u00f6nen Gestaden.<\/span><\/p>\n<p align=\"CENTER\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Gelbgelbe Zitronen wachsen wild,<br \/>\nDer Baum kann die Last kaum tragen;<br \/>\nMan sieht manch sch\u00f6nes Marmorbild<br \/>\nAus Gras und Disteln ragen.<\/span><\/p>\n<p align=\"CENTER\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wo der Hirte sitzt mit seinem Hund,<br \/>\nLasst uns nun ein Lager bereiten<br \/>\nUnd h\u00f6ren die M\u00e4r vom Freundschaftsbund,<br \/>\nDer Brauch war in alten Zeiten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Unser Haus war aus Lehm zusammengeklebt, aber die T\u00fcrpfosten waren geriffelte Marmors\u00e4ulen, dort gefunden, wo man das Haus erbaute. Das Dach reichte fast bis zur Erde herab, jetzt war es schwarzbraun und h\u00e4sslich, aber als es gedeckt wurde, bestand es aus bl\u00fchendem Oleander und frischen Lorbeerzweigen, hinter den Bergen geholt. Um unser Haus war es eng, die Felsw\u00e4nde ragten steil empor und waren nackt und schwarz, ganz oben hingen oft Wolken wie wei\u00dfe lebende Gestalten. Niemals h\u00f6rte ich hier einen Singvogel, nie tanzten die M\u00e4nner hier zu den T\u00f6nen der Sackpfeife, aber der Ort war geheiligt aus alten Zeiten, selbst der Name erinnert daran, er wird ja Delphi genannt! Die dunklen, ernsten Berge lagen alle mit Schnee bedeckt, der h\u00f6chste, der am l\u00e4ngsten in der roten Abendsonne schimmerte, war der Parnass; der Bach nahe an unserem Haus kam von ihm herab und war einst auch heilig, jetzt tr\u00fcbt ihn der Esel mit seinen F\u00fc\u00dfen, doch der Strom flie\u00dft fort und wird wieder klar. Wie entsinne ich mich jedes Flecks und seiner heiligen, tiefen Einsamkeit! Mitten in der H\u00fctte wurde Feuer gemacht, und wenn die hei\u00dfe Asche hoch und gl\u00fchend dalag, das Brot darin gebacken; lag der Schnee um unsere H\u00fctte, so dass sie fast versteckt war, dann schien meine Mutter am fr\u00f6hlichsten zu sein, dann hielt sie meinen Kopf zwischen ihren H\u00e4nden, k\u00fcsste meine Stirn und sang die Lieder, die sie sonst niemals sang; denn die T\u00fcrken, unsere Herren, litten es nicht, und sie sang:<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eAuf dem Gipfel des Olymp, im niedrigen Fichtenwald, sa\u00df ein alter Hirsch, schwer waren seine Augen von Tr\u00e4nen; rote, ja gr\u00fcne und blass-blaue Tr\u00e4nen weinte er, und ein Rehbock kam vor\u00fcber: Was ist dir, dass du so weinst, rote, gr\u00fcne, ja blass-blaue Tr\u00e4nen? \u2013 Der T\u00fcrke ist in unsere Stadt gekommen, hat wilde Hunde zu seiner Jagd, eine m\u00e4chtige Meute! \u2013 Ich jage sie \u00fcber die Inseln, sagte der junge Rehbock, ich jage sie \u00fcber die Inseln ins tiefe Meer! \u2013 Aber ehe der Abend herabsank, war der Rehbock get\u00f6tet, und ehe die Nacht kam, war der Hirsch gejagt und tot!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und wenn meine Mutter so sang, wurden ihre Augen feucht, und in ihren langen Wimpern hing eine Tr\u00e4ne, aber sie verbarg sie und wendete dann unser schwarzes Brot in der Asche. Da ballte ich meine Hand und sagte: \u201cWir wollen die T\u00fcrken totschlagen!\u201c Aber sie wiederholte aus dem Lied: \u201cIch jage sie \u00fcber die Insel ins tiefe Meer! &#8211; Aber ehe der Abend herabsank, war der Rehbock get\u00f6tet, und ehe die Nacht kam, war der Hirsch gejagt und tot! \u201e<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Mehrere Tage und N\u00e4chte waren wir einsam in unserer H\u00fctte, da kam mein Vater; ich wusste, er w\u00fcrde mir aus dem Golf von Lepanto Muschelschalen mitbringen oder gar ein Messer, scharf und blitzend. Diesmal brachte er uns ein Kind, ein kleines nacktes M\u00e4dchen, das er unter seinem Schafpelz hatte; es war in ein Fell gewickelt, und alles, was es besa\u00df, als es entkleidet auf dem Scho\u00df meiner Mutter lag, waren drei Silberm\u00fcnzen, in sein schwarzes Haar gebunden. Der Vater erz\u00e4hlte von den T\u00fcrken, die die Eltern des Kindes get\u00f6tet hatten, er erz\u00e4hlte uns so viel, dass ich die ganze Nacht davon tr\u00e4umte. \u2013 Mein Vater war selbst verwundet, die Mutter verband seinen Arm, die Wunde war tief, der dicke Schafpelz, voll Blut, steif gefroren. Das kleine M\u00e4dchen sollte meine Schwester sein, sie war so strahlend sch\u00f6n! Die Augen meiner Mutter waren nicht sanfter als ihre. Anastasia, wie sie genannt wurde, sollte meine Schwester sein, denn ihr Vater war dem meinen angetraut nach alter Sitte, wie wir sie noch halten. Sie hatten in der Jugend Br\u00fcderschaft geschlossen und das sch\u00f6nste und tugendhafteste M\u00e4dchen der ganzen Gegend erw\u00e4hlt, ihren Freundschaftsbund zu weihen; oft h\u00f6rte ich von dem h\u00fcbschen, seltsamen Brauch.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Nun war die Kleine meine Schwester; sie sa\u00df auf meinem Scho\u00df, ich brachte ihr Blumen und die Federn der Bergv\u00f6gel, wir tranken zusammen aus den Gew\u00e4ssern des Parnass und schliefen Kopf an Kopf unter dem Lorbeerdach der H\u00fctte, w\u00e4hrend meine Mutter noch manchen Winter von den roten, gr\u00fcnen und blass-blauen Tr\u00e4nen sang. Aber noch begriff ich nicht, dass es mein eigenes Volk war, dessen tausendf\u00e4ltige Sorgen sich in diesen Tr\u00e4nen spiegelten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Eines Tages kamen drei fr\u00e4nkische M\u00e4nner, anders als wir gekleidet. Ihre Betten und Zelte hatten sie auf Pferden, und mehr als zwanzig T\u00fcrken, alle mit S\u00e4beln und Gewehren, begleiteten sie, denn sie waren Freunde des Paschas und hatten Geleitbriefe von ihm. Sie kamen nur, um unsere Berge zu sehen, um in Schnee und Wolken den Parnass zu besteigen und die seltsamen schwarzen, steilen Felsen um unsere H\u00fctte zu betrachten. Sie hatten darin nicht Platz, vertrugen auch den Rauch nicht, der unter der Decke durch die niedrige T\u00fcr hinauszog; sie schlugen daher ihre Zelte auf dem engen Platz neben unserer H\u00fctte auf, brieten L\u00e4mmer und V\u00f6gel, schenkten s\u00fc\u00dfe, starke Weine ein, aber die T\u00fcrken durften nicht davon trinken.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Als sie fortreisten, begleitete ich sie eine Strecke Wegs, und meine kleine Schwester Anastasia hing, in ein Ziegenfell gen\u00e4ht, auf meinem R\u00fccken. Einer der fr\u00e4nkischen Herrn stellte mich vor einen Felsen, und zeichnete mich und sie ab, so lebendig, wie wir dort standen, wir sahen aus wie ein einziges Gesch\u00f6pf \u2013 niemals hatte ich dar\u00fcber nachgedacht, aber Anastasia und ich waren ja eins, immer lag sie in meinem Scho\u00df oder hing auf meinem R\u00fccken, und tr\u00e4umte ich, dann war sie in meinen Tr\u00e4umen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Zwei N\u00e4chte sp\u00e4ter kamen andere Leute, mit Messern und Gewehren bewaffnet, in unsere H\u00fctte. Es waren Albaner, k\u00fchne Leute, wie meine Mutter sagte. Sie blieben nur kurze Zeit dort; meine Schwester Anastasia sa\u00df auf dem Scho\u00dfe des einen \u2013 als sie fort waren, hatte sie zwei und nicht drei Silberm\u00fcnzen in ihrem Haar. Sie rollten Tabak in Papierstreifen und rauchten davon; der \u00e4lteste sprach vom Weg, den sie einschlagen sollten, und war dar\u00fcber in Ungewissheit. \u201cSpucke ich nach oben\u201c, sagte er, \u201cso f\u00e4llt es mir ins Gesicht, spucke ich nach unten, so f\u00e4llt es in meinen Bart!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber ein Weg musste gew\u00e4hlt werden; sie gingen, und mein Vater begleitete sie. Bald darauf h\u00f6rten wir Sch\u00fcsse \u2013 es knallte wieder \u2013, Soldaten drangen in unsere H\u00fctte und nahmen meine M\u00fctter, mich und Anastasia mit; die R\u00e4uber h\u00e4tten ihren Aufenthalt bei uns gehabt, mein Vater h\u00e4tte sie begleitet, darum m\u00fcssten wir fort. Ich sah die Leichen der R\u00e4uber, ich sah meines Vaters Leichnam; und ich weinte, bis ich einschlief. Als ich erwachte, waren wir im Gef\u00e4ngnis, aber der Raum war nicht elender als der in unserer H\u00fctte, ich erhielt Zwiebeln und harzigen Wein, den sie aus einem geteerten Sack gossen, besser hatten wir es zu Hause auch nicht. Wie lange wir gefangen waren, wei\u00df ich nicht; aber viele Tage und N\u00e4chte vergingen. Als wir herauskamen, war unser heiliges Osterfest, und ich trug Anastasia auf dem R\u00fccken, denn meine Mutter war krank, nur langsam konnte sie gehen, und es war weit, ehe wir das Meer, den Golf von Lepanto, erreichten. Wir traten in eine Kirche, die von Bildern auf goldenem Grund wiederstrahlte; Engel waren da, oh, so h\u00fcbsch, aber mir schien doch, dass unsere kleine Anastasia ebenso h\u00fcbsch sei. Mitten auf dem Boden stand ein mit Rosen gef\u00fcllter Sarg; es sei der Herr Christus, der da als sch\u00f6ne Blume l\u00e4ge, sagte meine Mutter; und der Priester verk\u00fcndete: \u201cChristus ist auferstanden!\u201c Alle Leute k\u00fcssten sich. Jeder hielt ein brennendes Licht in der Hand, ich selbst bekam eins, die kleine Anastasia auch eins, Sackpfeifen ert\u00f6nten, M\u00e4nner tanzten Hand in Hand aus der Kirche, und drau\u00dfen brieten die Frauen das Osterlamm. Wir wurden eingeladen, ich sa\u00df am Feuer; ein Knabe, \u00e4lter als ich, umschlang meinen Hals, k\u00fcsste mich und sagte: \u201cChristus ist auferstanden!\u201c So begegneten wir uns, Aphtanides und ich, zum ersten Mal.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Meine Mutter konnte Fischernetze kn\u00fcpfen, das gab hier an der Bucht einen guten Verdienst, und wir blieben lange Zeit am Meer \u2013 dem sch\u00f6nen Meer, das wie Tr\u00e4nen schmeckte und durch seine Farben an die Tr\u00e4nen des Hirsches erinnerte, bald war es ja rot, bald gr\u00fcn und dann wieder blau.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aphtanides verstand das Boot zu lenken, und ich sa\u00df mit meiner kleinen Anastasia darin, es glitt \u00fcber das Wasser wie eine Wolke durch die Luft. Wenn dann die Sonne sank, f\u00e4rbten sich die Berge mit tieferem Blau, eine Bergreihe guckte \u00fcber die andere, und am fernsten stand der Parnass mit seinem Schnee; in der Abendsonne schimmerte der Berggipfel wie gl\u00fchendes Eisen, es sah aus, als komme das Licht von innen, denn lange, nachdem die Sonne untergegangen war, schimmerte er noch in der blauen, gl\u00e4nzenden Luft; die wei\u00dfen Seev\u00f6gel schlugen den Wasserspiegel mit ihren Fl\u00fcgeln, sonst war es hier so still wie bei Delphi zwischen den schwarzen Felsen. Ich lag im Boot auf dem R\u00fccken, Anastasia sa\u00df auf meiner Brust, und die Sterne \u00fcber uns schienen heller als die Lampen in unserer Kirche. Es waren dieselben Sterne, und sie standen an derselben Stelle \u00fcber mir, wie in Delphi vor unserer H\u00fctte. Zuletzt schien es mir, als sei ich noch dort! \u2013 Da klatschte es im Wasser, und das Boot schaukelte stark; ich schrie laut auf, denn Anastasia war ins Wasser gefallen, aber ebenso schnell sprang Aphtanides nach, und bald hob er sie zu mir empor. Wir streiften ihr die Kleider ab, dr\u00fcckten das Wasser aus und kleideten sie dann wieder an; das gleiche tat Aphtanides bei sich selbst, und wir blieben drau\u00dfen, bis das Zeug wieder getrocknet war, und niemand erfuhr von unserem Schreck wegen der kleinen Pflegeschwester, an deren Leben ja Aphtanides nun teilhatte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es wurde Sommer. Die Sonne brannte so hei\u00df, dass das Laub der B\u00e4ume verdorrte; ich dachte an unsere k\u00fchlen Berge, an ihr frisches Wasser; auch meine Mutter sehnte sich danach, und eines Abends wanderten wir wieder zur\u00fcck. Wie war es dort still und ruhig! Wir gingen durch den hohen Thymian, der noch duftete, obgleich die Sonne seine Bl\u00e4tter versengt hatte. Nicht einem Hirten begegneten wir, nicht an einer H\u00fctte kamen wir vorbei. Alles war still und einsam, nur eine Sternschnuppe sagte, dort im Himmel sei noch Leben. Ich wei\u00df nicht, ob die klare, blaue Luft selbst leuchtete oder ob es die Strahlen der Sterne waren; wir sahen gut alle Umrisse der Berge. Meine Mutter machte Feuer, briet Zwiebeln, die sie mitgebracht hatte, und die kleine Schwester und ich schliefen im Thymian, ohne uns vor dem h\u00e4sslichen Smidraki zu f\u00fcrchten, dem die Flamme aus dem Hals leckt, noch weniger vor dem Wolf und dem Schakal; meine Mutter sa\u00df ja bei uns, und das, glaubte ich, sei genug.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wir erreichten unsere alte Heimat, aber die H\u00fctte war ein Schutthaufen, eine neue musste gebaut werden. Ein paar Frauen halfen meiner Mutter, und in wenigen Tagen waren Mauern errichtet und ein neues Dach von Oleander dar\u00fcbergedeckt. Meine Mutter flocht aus Fellen und Baumrinden viele Flaschenh\u00fcllen, ich h\u00fctete die kleine Herde der Priester; Anastasia und die kleinen Schildkr\u00f6ten waren meine Spielkameraden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Eines Tages bekamen wir Besuch von dem geliebten Aphtanides; er sehne sich so sehr, uns zu sehen, sagte er und blieb zwei volle Tage bei uns.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Nach einem Monat kam er wieder und erz\u00e4hlte, er wolle mit einem Schiff nach Patras und Korfu fahren; vorher m\u00fcsse er uns Lebewohl sagen; meiner Mutter brachte er einen gro\u00dfen Fisch mit. Er wusste soviel zu erz\u00e4hlen, nicht nur von den Fischern unten am Golf von Lepanto, sondern auch von K\u00f6nigen und Helden, die einst in Griechenland geherrscht hatten wie jetzt die T\u00fcrken.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ich habe den Rosenstrauch eine Knospe ansetzen und sie sich in Tagen und Wochen zu einer Blume entfalten sehen; sie wurde es, ehe ich daran dachte, wie gro\u00df, sch\u00f6n und rot sie sei; so erging es mir auch mit Anastasia. Sie war ein sch\u00f6nes, erwachsenes M\u00e4dchen, ich ein kr\u00e4ftiger Bursche. Die Wolfsfelle auf meiner Mutter und Anastasias Lager hatte ich selbst den Tieren abgezogen, die von meinem Scho\u00df gefallen waren. Jahre waren dahingegangen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Da kam eines Abends Aphtanides, schlank wie ein Rohr, stark und braun; er k\u00fcsste uns alle und wusste von dem gro\u00dfen Meer, von Maltas Festungswerken und \u00c4gyptens seltsamen Grabst\u00e4tten zu erz\u00e4hlen; es klang wunderbar wie eine Legende der Priester ich sah mit einer Art Ehrfurcht zu ihm auf.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWie viel du wei\u00dft!\u201c sagte ich, \u201cwie du erz\u00e4hlen kannst!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eDu hast mir einmal das Sch\u00f6nste erz\u00e4hlt!\u201c sagte er. \u201eDu hast mir erz\u00e4hlt, was mir niemals aus dem Sinn gekommen ist, von dem sch\u00f6nen, alten Brauch des Freundschaftsbundes, dem Brauch, dem zu folgen ich Lust h\u00e4tte! Bruder, lass uns beide auch, wie dein und Anastasias Vater taten, zur Kirche gehen; das sch\u00f6nste und unschuldigste M\u00e4dchen ist Anastasia, deine Schwester, sie soll uns weihen! Kein Volk hat doch einen sch\u00f6neren Brauch als wir Griechen!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Anastasia err\u00f6tete wie das frische Rosenblatt, meine Mutter k\u00fcsste Aphtanides.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Eine Stunde Wegs von unserer H\u00fctte entfernt, dort, wo die Felsen lockere Erde tragen und einzelne B\u00e4ume Schatten geben, lag die kleine Kirche; eine silberne Lampe hing vor dem Altar.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ich hatte meine beste Kleidung angelegt, die wei\u00dfe Fustanella fiel in reichen Falten \u00fcber die H\u00fcften herab, das rote Wams sa\u00df eng und stramm, die Quaste auf meinem Fes war mit Silber durchwirkt, in meinem G\u00fcrtel steckten Messer und Pistolen. Aphtanides hatte seine blaue Kleidung an, wie griechische Seeleute sie tragen, eine silberne Platte mit der Mutter Gottes hing an seiner Brust, seine Sch\u00e4rpe war kostbar, wie nur die reichen Herren sie tragen k\u00f6nnen. Jeder sah wohl, dass wir zu einer Feier wollten. Wir gingen in die kleine, einsame Kirche, wo die Abendsonne durch die T\u00fcr auf die brennende Lampe und die bunten Bilder auf goldenem Grund schien. Wir knieten auf den Stufen des Altars nieder, und Anastasia trat vor uns hin; ein langes wei\u00dfes Gewand hing lose und leicht um ihre sch\u00f6nen Glieder; ihr wei\u00dfer Hals und ihre Brust waren mit einer Kette alter und neuer M\u00fcnzen bedeckt, die einen vollen, gro\u00dfen Kragen bildeten. Ihr schwarzes Haar war zu einem einzigen Knoten geschlungen, er wurde durch eine kleine Haube aus Silber- und Goldm\u00fcnzen gehalten, die in den alten Tempeln gefunden worden waren. Einen sch\u00f6neren Schmuck hatte kein griechisches M\u00e4dchen. Ihr Gesicht leuchtete, ihre Augen waren wie zwei Sterne.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Still beteten wir alle drei, und sie fragte uns: \u201cWollt ihr Freunde sein in Leben und Tod?\u201c &#8211;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eJa!\u201c antworteten wir.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWollt ihr, was auch geschehen mag, daran denken: mein Bruder ist von mir ein Teil; mein Geheimnis, mein Gl\u00fcck ist das seine: Aufopferung, Ausdauer, alles in mir geh\u00f6rt ihm wie mir?\u201c Und wir wiederholten unser Ja.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie legte unsere H\u00e4nde ineinander, k\u00fcsste uns auf die Stirn, und wir beteten wieder leise. Da trat der Priester aus der T\u00fcr des Altarraumes, segnete uns alle drei, und ein Gesang der anderen allerheiligsten Herren ert\u00f6nte hinter der Altarwand. Der Bund ewiger Freundschaft war geschlossen. Als wir uns erhoben, sah ich meine Mutter heftig weinend an der T\u00fcr der Kirche.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wie war es heiter in unserer kleinen H\u00fctte und an Delphis Quellen! Den Abend vor Aphtanides&#8216; Abreise sa\u00dfen er und ich gedankenvoll am Abhang des Felsens, sein Arm war um meinen Leib geschlungen, der meine um seinen Hals; wir sprachen von Griechenlands Not, von den M\u00e4nnern, denen man vertrauen k\u00f6nnte. Jeder Gedanke unserer Seelen lag klar vor uns beiden, da ergriff ich seine Hand.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eEins sollst du noch wissen, eins, was bis zu dieser Stunde nur ich und Gott gewusst! Meine ganze Seele ist Liebe! Eine Liebe, st\u00e4rker als die zu meiner Mutter und zu dir!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eUnd wen liebst du?\u201c fragte Aphtanides, und sein Gesicht und Hals wurden rot.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eIch liebe Anastasia!\u201c sagte ich \u2013 und seine Hand zitterte in meiner, er wurde leichenblass; ich sah es, ich begriff es, und ich glaube, dass auch meine Hand bebte, ich neigte mich zu ihm, k\u00fcsste seine Stirn und fl\u00fcsterte: \u201eIch habe es ihr nie gesagt, sie liebt mich vielleicht nicht! \u2013 Bruder, denk daran, ich habe sie t\u00e4glich gesehen, sie ist an meiner Seite aufgewachsen, in meine Seele hineingewachsen!\u201c &#8211;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eUnd dein soll sie sein! \u201esagte er, \u201cdein! &#8211; Ich kann dich nicht bel\u00fcgen und will es auch nicht. Auch ich liebe sie! \u2013 Aber morgen ziehe ich fort! In einem Jahr sehen wir uns wieder, dann seid ihr verheiratet, nicht wahr? \u2013 Ich habe etwas Geld, es sei dein, du musst es nehmen, du sollst es nehmen!\u201c Still wanderten wir \u00fcber die Felsen; es war sp\u00e4ter Abend, als wir an der H\u00fctte meiner Mutter standen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Anastasia hielt uns die Lampe entgegen, als wir hereintraten, meine Mutter war nicht dort. Sie blickte wunderbar wehm\u00fctig auf Aphtanides.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eMorgen gehst du von uns!\u201c sagte sie, \u201cwie mich das betr\u00fcbt!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eDich betr\u00fcbt!\u201c sagte er, und mir schien ein Schmerz darin zu liegen, gro\u00df wie mein eigener. Ich konnte nicht reden, er aber fasste ihre Hand und sagte: \u201cUnser Bruder dort liebt dich, hast du ihn lieb? In seinem Schweigen liegt gerade seine Liebe.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Anastasia zitterte und brach in Tr\u00e4nen aus; da sah ich nur sie, dachte nur an sie, schlang meinen Arm um ihren Leib und sagte: \u201cJa, ich liebe dich!\u201c Sie dr\u00fcckte ihren Mund auf meinen, legte ihre H\u00e4nde um meinen Hals; aber die Lampe war auf den Fu\u00dfboden gefallen, es war dunkel um uns her, wie in dem Herzen des lieben, armen Aphtanides.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Vor Tagesanbruch stand er auf, k\u00fcsste uns alle zum Abschied und zog fort. Meiner Mutter hatte er all sein Geld f\u00fcr uns gegeben. Anastasia war meine Braut und nach wenigen Tagen meine Frau.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-420","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/420","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=420"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/420\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":421,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/420\/revisions\/421"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=420"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=420"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=420"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}