{"id":414,"date":"2015-10-07T20:45:26","date_gmt":"2015-10-07T18:45:26","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=414"},"modified":"2025-12-15T13:30:10","modified_gmt":"2025-12-15T12:30:10","slug":"die-fuenf-fragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-fuenf-fragen\/","title":{"rendered":"Die f\u00fcnf Fragen"},"content":{"rendered":"<p>Johann Wilhelm Wolf<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\">Ein armer Hirte hatte einen einzigen Sohn und kein Kind au\u00dfer ihm, da war es kein Wunder, dass der Knabe verzogen wurde. Alles was er nur wollte, geschah und so wuchs er ganz ins Wilde hinein, tat nichts und lernte nichts. Als er zw\u00f6lf Jahre alt war, wurde ihm das einsame Leben auf dem Felde zu langweilig und er sprach: \u201eIch gehe betteln, da verdiene ich auch mein Brod und komme zugleich in der Welt herum.\u201c Was wollten die \u00c4ltern da machen? Sie mussten ihn eben gehen lassen. Er bettelte sich durch bis in eine gro\u00dfe Stadt, da setzte er sich vor der T\u00fcr eines reichen Kaufmannes nieder, zog ein St\u00fcck Brod aus dem Sack und biss so lustig hinein, als ob die ganze Stadt sein w\u00e4re und er vorm besten Braten von der Welt s\u00e4\u00dfe. Zuf\u00e4llig kam der Kaufmann eben nach Hause und der Knabe gefiel ihm so wohl, dass er ihn zu sich nahm und ihn in die Schule schickte. Das Lernen schlug bei dem Hirtenknaben sehr wohl an, er war immer der Erste. Als er ausgelernt hatte, musste er auch noch die Kaufmannschaft erlernen und auch darin machte er so gro\u00dfe Fortschritte, dass sein Pflegevater ihn nicht genug r\u00fchmen konnte. Soweit war wohl Alles gut, aber was dem Kaufmann nicht behagte, war, dass sein Pflegesohn, der unterdessen ein sch\u00f6ner J\u00fcngling geworden war, sich allzu gut mit seiner Tochter stand, so dass er f\u00fcrchtete, die Beiden m\u00f6chten sich heiraten wollen. Darum beschloss er, ihn wegzuschicken, dass er die Welt s\u00e4he, denn er dachte, dann w\u00fcrden sie leicht einander vergessen. Dar\u00fcber freute sich der J\u00fcngling sehr, aber bevor er abreiste, ging er heimlich zu Emma (so hie\u00df des Kaufmanns Tochter) und sprach: \u201eDu bist mein und ich bin dein und wir lassen nicht von einander.\u201c Da gelobte sie ihm treu zu bleiben, schenkte ihm einen sch\u00f6nen Ring und sie nahmen unter vielen Tr\u00e4nen Abschied von einander.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der J\u00fcngling zog weg und kam an die See; da nahm er ein Schiff und fuhr \u00fcber in ein gro\u00dfes K\u00f6nigreich, welches auf einer Insel lag. Als er in die Hauptstadt kam, wurde er vor den K\u00f6nig gef\u00fchrt, welcher ihn frug&#8216;, wohin er gehe und was er suche? \u2013 \u201eIch suche mein Gl\u00fcck, wei\u00df aber noch nicht, wo ich es finden soll\u201c, sprach der J\u00fcngling. \u201eWenn du es findest, dann bringe mir auch das meine mit\u201c, sprach der K\u00f6nig. \u201eWas ist das denn?\u201c frug&#8216; der J\u00fcngling und der K\u00f6nig antwortete: \u201eMein Gl\u00fcck ist ein Baum, welcher goldene Fr\u00fcchte trug, aber jetzt keine mehr tr\u00e4gt. Wenn du mir schaffst, dass er wieder fruchtbar wird, schenke ich dir eine Last Goldes aus meiner Schatzkammer.\u201c Der J\u00fcngling versprach, er wolle sich alle M\u00fche darum geben und bestieg wieder sein Schiff, denn er merkte wohl, dass sein Gl\u00fcck nicht auf der Insel war.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nachdem er sechs Tage und sechs N\u00e4chte gefahren war, kam er an ein anderes Land, stieg aus und wanderte auf die Hauptstadt zu. Als er am Thore seinen Pass zeigte, f\u00fchrte ihn die Schildwache zum K\u00f6nig, welcher in tiefer Trauer war. \u201eWohin gehst du?\u201c frug&#8216; der K\u00f6nig. \u201eIch suche mein Gl\u00fcck\u201c, sprach der J\u00fcngling. \u201eDann bringe mir auch meines mit, wenn du deines findest\u201c, sprach der K\u00f6nig. \u201eWas ist denn das?\u201c \u201eMein Gl\u00fcck ist ein Brunnen, daraus sprangen ehedem goldne Perlen und jetzt springen keine mehr daraus und er ist ganz versiegt. Wenn du mir schaffen kannst, dass er wieder springt, dann schenke ich dir eine Last Goldes aus meiner Schatzkammer.\u201c Der J\u00fcngling versprach sein m\u00f6glichstes zu tun und zog weiter, denn er sah ein, dass ihm hier sein Gl\u00fcck nicht bl\u00fche.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zwei Monate fuhr er im Lande umher, da kam er an die See, dort setzte er sich zu Schiffe und fuhr noch zwei Monate, da legte das Schiff an, denn sie hielten vor einer gro\u00dfen Insel. Er stieg ans Land und kam in die Hauptstadt, wo Alles in tiefer Trauer war. Es war ein Gebot vom K\u00f6nig ausgegangen, dass jeder Fremde gleich zu ihm gef\u00fchrt werde und so geschah es auch dem J\u00fcngling. Als er in das Schloss kam, frug&#8216; der K\u00f6nig ihn: \u201eWohin gehst du?\u201c \u201eIch suche mein Gl\u00fcck.\u201c \u201eDann bringe mir auch das meine mit, wenn du deines findest.\u201c \u201eWas ist denn das?\u201c frug&#8216; der J\u00fcngling und der K\u00f6nig antwortete: \u201eIch hatte drei T\u00f6chter und vor Jahren ist mir die j\u00fcngste gestohlen worden. Wenn du sie mir wiederbeschaffst, schenke ich dir mein halbes K\u00f6nigreich.\u201c Der J\u00fcngling versprach Alles zu tun, was in seinen Kr\u00e4ften st\u00fcnde und zog seines Weges weiter, denn wo solche Trauer war, da konnte sein Gl\u00fcck nicht sein.<\/p>\n<p align=\"justify\">Er hatte wiederum ein gutes St\u00fcck Weges hinter sich, als er eines Tages ein altes Schloss vor sich liegen sah. Ein ungeheurer Riese hielt daran Wache, der trug eine der schwersten Kanonen, die es gibt auf der Schulter. Als er den J\u00fcngling sah, schrie er: \u201eEi du Erdwurm, wo willst du denn hin?\u201c \u201eIch suche mein Gl\u00fcck.\u201c \u201eDann bringe mir auch meines mit, h\u00f6rst du?\u201c \u201eWenn du mir sagen willst, was das ist, will ich es wohl tun\u201c, sprach der J\u00fcngling. \u201eIch stehe hier schon tausend Jahre Schildwache\u201c, sagte der Riese, \u201eund wei\u00df nicht wie ich abgel\u00f6st werden kann.\u201c \u201eGut ich will sehen\u201c, sprach der J\u00fcngling und zog weiter und immer weiter, bis er an einen gro\u00dfen Fluss kam. Da sa\u00df eine steinalte Frau in einem Nachen, die frug&#8216; ihn, ob er nicht \u00fcberfahren wolle? \u201eJawohl, das m\u00f6chte ich gern.\u201c \u201eWo gehst du denn hin?\u201c frug&#8216; die Frau weiter und er antwortete: \u201eIch suche mein Gl\u00fcck.\u201c \u201eDann bringe mir doch auch meines mit.\u201c \u201eWas ist denn das?\u201c \u201eIch fahre schon an tausend Jahre die Leute \u00fcber und Niemand kommt, um mich abzul\u00f6sen\u201c, antwortete die Frau. Der J\u00fcngling versprach es ihr bereitwillig, sprang am andern Ufer ans Land und marschierte r\u00fcstig weiter, bis er an einen gro\u00dfen Wald kam.<\/p>\n<p align=\"justify\">Da irrte er den ganzen Tag umher; gegen Abend traf er auf ein Waldhaus, da klopfte er an. Eine sch\u00f6ne junge Frau \u00f6ffnete ihm die T\u00fcre, aber sie erschrak offenbar, als sie ihn erblickte. \u201eK\u00f6nnte ich die Nacht wohl hier bleiben?\u201c frug&#8216; der J\u00fcngling. \u201eAch, ihr seid zu eurem Ungl\u00fcck hierher gekommen\u201c, sprach sie \u201eund hier d\u00fcrft ihr nicht bleiben, denn ihr seid eures Lebens nicht sicher. Hier wohnt ein Menschenfresser, der verschont keines und wenn er euch findet, dann ist es um euch geschehen.\u201c \u201eIch bin aber so m\u00fcde, dass ich nicht weiter kann\u201c, sprach der J\u00fcngling, \u201ewolltet ihr mich nicht irgendwo verstecken?\u201c \u201eDas kann ich nicht\u201c, antwortete sie, \u201edenn er riecht euch und zudem ist er allwissend und sieht Alles, was auf der Erde vorgeht.\u201c Aber der J\u00fcngling bat so lange, bis sie endlich doch einwilligte. Die sch\u00f6ne Frau brachte das Abendbrot und sie setzten sich zusammen zu Tische. W\u00e4hrend sie a\u00dfen, erz\u00e4hlte er ihr von seiner Reise und den F\u00fcnfen, denen er ihr Gl\u00fcck mitbringen solle, wodurch eigentlich sein Gl\u00fcck gemacht w\u00e4re, denn wenn er so viel Gold von den K\u00f6nigen bek\u00e4me, dann w\u00e4re er geborgen auf Lebenszeit. Die Frau war von Herzen sehr gut und sie versprach ihm, den Menschenfresser auszuforschen, der werde schon Alles wissen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Pl\u00f6tzlich rauschte und brauste es im Walde, als ob alle B\u00e4ume brechen wollten. \u201eDa kommt er!\u201c schrie die Frau und schnell kroch der J\u00fcngling unter das Bett. Kaum lag er da, als die T\u00fcr aufflog und der Menschenfresser herein trat.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eMenschenfleisch riech ich!<br \/>\nMenschenblut genie\u00df ich!<br \/>\nWen hast du heim?\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">schrie er. \u201eEi Narr\u201c, sprach die Frau, \u201ewirst du dich denn nie an mich gew\u00f6hnen, mich hast du heim und hier steht dein Essen das lass dir schmecken und damit holla.\u201c Er wollte ihr antworten und machte gar Miene, unters Bett zu greifen, da dr\u00fcckte sie ihn auf seinen Stuhl nieder und schob ihm einen L\u00f6ffel voll \u00fcber den andern in den Mund. Als sie ihn recht voll gestopft hatte, so dass er sich kaum mehr regen konnte, packte sie ihn am Kragen und rief: \u201eNun steh auf und mache, dass du in dein Bett kommst, ich kann dich nicht hinein tragen. Nur nicht lange dagesessen, rasch, sonst schl\u00e4fst du mir noch ein.\u201c Da raffte er sich langsam auf und wankte nach dem Bette zu; plumps fiel er hinein, sie schob die Beine nach und es dauerte keine zwei Minuten, da blies er schon, wie ein Blasbalg und bald schnarchte er, dass man&#8217;s weit im Walde h\u00f6rte.<\/p>\n<p align=\"justify\">Da rief die sch\u00f6ne Frau dem J\u00fcngling zu: \u201eNun merke wohl auf, was er sagt, wenn ich ihn frage;\u201c sie legte sich zu dem Menschenfresser und stie\u00df ihn derb in die Seite. Er fuhr auf und brummte unwirsch: \u201eWas f\u00e4llt dir ein, du N\u00e4rrin?\u201c Sie sprach: \u201eMir tr\u00e4umte, ein K\u00f6nig habe einen Baum mit goldnen Fr\u00fcchten gehabt, jetzt trage er aber keine mehr, was mag die Ursache davon sein?\u201c \u201eDas wei\u00df ich\u201c, knurrte der Menschenfresser; \u201eeine von den Kammerjungfern der Prinzessin hat heimlich ein Kind geboren; sie hat es get\u00f6tet und an der Wurzel des Baumes begraben. So lange das unschuldige Blut um Rache schreit, kann der Baum keine goldnen Fr\u00fcchte tragen; wird es aber hinweggenommen und sie bestraft, dann tr\u00e4gt er noch reichlicher als vorher.\u201c Und nachdem er dies gesagt hatte, legte er sich aufs andere Ohr und schlief wieder ein.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u00dcber eine Weile gab sie ihm abermals einen Rippensto\u00df, so dass er auffuhr und brummte: \u201eWas willst du denn schon wieder?\u201c \u201eMir tr\u00e4umte\u201c, sprach sie, \u201eein K\u00f6nig habe einen Brunnen, woraus goldne Perlen spr\u00e4ngen und der sei ihm versiegt. Woher mag das wohl kommen?\u201c \u201eDas wei\u00df ich\u201c, knurrte der Menschenfresser, \u201ees sitzt eine gro\u00dfe Kr\u00f6te im Brunnen vor der Quelle; wenn man die herausholt, dann springt der Brunnen noch reicher als vorher. Jetzt lass mich ruhig schlafen.\u201c Und er legte sich auf die Seite und schnarchte sein St\u00fcckchen weiter.<\/p>\n<p align=\"justify\">Er hatte aber noch nicht manche Note geschnarcht, da gab ihm die Frau einen Schlag hinter das Ohr, so dass er in die H\u00f6he fuhr und schrie: \u201eBist du toll geworden, oder was fehlt dir?\u201c \u201eAch ich tr\u00e4ume die Nacht so schwer\u201c, sprach sie. \u201eMir tr\u00e4umte, ein K\u00f6nig habe drei T\u00f6chter gehabt, davon sei eine ihm gestohlen worden und kein Mensch wisse, wo sie geblieben sei. Das musst du doch jedenfalls wissen.\u201c \u201eDas wei\u00df ich auch\u201c, antwortete er und grinste sie freundlich an, \u201edas bist du ja selbst und ich habe dich ihm gestohlen. Aber jetzt rate ich dir, lass mich schlafen.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Der sch\u00f6nen Frau ging durch diese Antwort ein Licht auf, ihr fiel ein, wie sie in dem Palast ihres Vaters so sch\u00f6ne Zimmer gesehen und so liebe gute Schwestern gehabt hatte, wie sie von ihrer Mutter geh\u00e4tschelt und get\u00e4tschelt worden war und Alles, Alles sah sie wieder vor sich. Da \u00fcberkam sie ein gro\u00dfes Heimweh und sie dachte in ihrem Herzen: Ach wenn er mich doch mitn\u00e4hme und meinen lieben \u00c4ltern ihr Gl\u00fcck br\u00e4chte und mir das meine schenkte! Sie stand vorsichtig auf und rief leise, ganz leise dem J\u00fcngling zu, der unter dem Bette steckte: \u201eWillst du mich denn hier bei dem Menschenfresser lassen oder willst du mich mitnehmen? Ach nimm mich doch mit dir!\u201c \u201eOhne dich gehe ich nicht\u201c, sprach der J\u00fcngling \u201eund wenn es mein Leben kostete.\u201c Da fasste sie frischen Muth und schlug den Menschenfresser noch einmal hinters Ohr, dass es patschte. Der fuhr sehr zornig empor und schrie sie an: \u201eJetzt wird es mir zu bunt. Willst du mich in Ruhe lassen oder nicht?\u201c \u201eAch es ist so hei\u00df und ich glaube ich habe ein Fieber\u201c, sprach sie, \u201edenn so habe ich noch nie getr\u00e4umt.\u201c \u201eWas hast du denn wieder getr\u00e4umt?\u201c schn\u00e4uzte er und sie sprach: \u201eAch mir tr\u00e4umte ein Riese st\u00fcnde tausend Jahre Schildwache und habe eine schwere Kanone auf der Schulter, wisse aber nicht, wie er abgel\u00f6st werden k\u00f6nne.\u201c \u201eEi der Narr\u201c, brummte der Menschenfresser und legte sich wieder hin, \u201ewarum gibt er die Kanone nicht dem Ersten Besten, der vorbeikommt, dann ist er abgel\u00f6st. Jetzt lass mich aber mit deinen Tr\u00e4umen in Ruhe, oder du sollst sehn, dass ich keinen Spa\u00df verstehe.\u201c Und \u00fcber eine Weile schnarchte er wieder, dass das H\u00e4uschen zitterte.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es blieb aber noch eine Frage \u00fcbrig und so wagte es die Frau denn auf gut Gl\u00fcck und patschte ihn zum Schluss noch einmal, dass es schallte. Im selben Augenblick aber richtete sich das Ungeheuer auf, bleckte seine Z\u00e4hne vor Wut und griff nach ihr. W\u00e4re sie nicht so flink aus dem Bette gesprungen, er h\u00e4tte sie wahrlich gefressen; sie war aber in einem Satz an der T\u00fcr und rief: \u201eTue mir doch nichts, was kann ich denn daf\u00fcr, dass mir so schwer tr\u00e4umt, und dass ich ein Fieber habe?\u201c \u201eDas ist das Letzte Mal, wo ich es dir hingehen lasse\u201c, sprach der Menschenfresser, \u201ekommst du mir aber noch einmal, dann fresse ich dich mit samt deinen Tr\u00e4umen.\u201c \u201eEs soll ja auch gewiss nie wieder geschehen, beruhige dich nur\u201c, sagte die Frau. \u201eMir tr\u00e4umte, eine alte Frau fahre schon an tausend Jahre die Leute in einem Nachen \u00fcber ein Wasser und k\u00f6nne nicht abgel\u00f6st werden. Wie kommt das wohl?\u201c \u201eEi die N\u00e4rrin, lass sie ihr Ruder dem Ersten Besten geben, den sie \u00fcberf\u00e4hrt und zuerst ans Land springen, dann ist sie abgel\u00f6st. Und nun nimm dich in Acht und st\u00f6re mich nicht wieder in meiner Nachtruhe, sonst schaff ich mir Ruhe und dir mit.\u201c \u201eNun gib dich nur zufrieden, alter Narr\u201c, sprach die Frau und kraute ihm den Kopf; da knurrte er noch ein wenig und dann schlief er wieder ein und schnarchte so brav, wie vorher.<\/p>\n<p align=\"justify\">Da stand die Frau leise auf und der J\u00fcngling kroch unterm Bett hervor. Sie \u00f6ffneten vorsichtig die T\u00fcre und flohen so schnell, wie sie konnten, und ehe der Morgen anbrach, standen sie schon an dem Wasser. Die alte Frau rief dem J\u00fcngling schon von weitem entgegen: \u201eNun, hast du mein Gl\u00fcck?\u201c \u201eIch habe es und wenn du uns rasch \u00fcberf\u00e4hrst, sage ich es dir am andern Ufer.\u201c In einem Nu waren sie jenseits des Wassers, da sprangen die Beiden ans Land und der J\u00fcngling sprach: \u201eWenn du abermals jemand \u00fcberf\u00e4hrst und du bist am Lande, dann gib ihm das Ruder und springe zuerst aus dem Nachen, dann bist du abgel\u00f6st.\u201c \u201eSo zeige mit doch wie ich das machen muss\u201c, sprach die Frau, aber die Beiden waren ihr zu klug und eilten ihres Weges weiter. Als der Riese den J\u00fcngling sah rief er ihm entgegen: \u201eNun Erdw\u00fcrmchen hast du mein Gl\u00fcck?\u201c \u201eIch habe es, aber warte bis ich an dem Schlosse vor\u00fcber bin.\u201c Jenseits des Schlosses sagte der J\u00fcngling ihm sein Gl\u00fcck und der Riese bedankte sich und war von Herzen froh.<\/p>\n<p align=\"justify\">In dem K\u00f6nigreich, wohin sie nun kamen, nahmen sie sich einen sch\u00f6nen Wagen und putzten ihn mit gr\u00fcnen Reisern und der J\u00fcngling sagte jedem der es h\u00f6ren wollte: \u201eIch bringe dem K\u00f6nig seine verlorne Tochter zur\u00fcck.\u201c Da lief alles Volk mit dem Wagen und es war ein Jubel ohne Ende. In der Hauptstadt aber ging der Jubel erst recht los; der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin und die Schwestern der Prinzessin waren au\u00dfer sich vor Freude und drei Monate lang gab es Feste auf Feste, eins pr\u00e4chtiger wie das andere. Da dr\u00e4ngte es den J\u00fcngling doch nach Hause und sogleich lie\u00df der K\u00f6nig ihm sechs Maultiere mit Gold beladen vorf\u00fchren und sprach: \u201eNun w\u00e4hle dir, was du willst, hast du lieber die sechs Lasten Gold oder willst du lieber eine meiner T\u00f6chter zur Frau?\u201c \u201eW\u00e4re ich nicht versprochen\u201c, antwortete der J\u00fcngling, \u201edann w\u00e4hlte ich eine der drei sch\u00f6nen Prinzessinnen zu meiner Frau, nun aber darf ich meinem Schatz die Treue nicht brechen, denn das w\u00e4re gro\u00dfe S\u00fcnde und w\u00e4hle die sechs Lasten Gold.\u201c \u201eWie du willst\u201c sprach der K\u00f6nig und am andern Tage nahm der J\u00fcngling Abschied und fuhr zur See in das andere K\u00f6nigreich. Er ging geraden Weges auf die Hauptstadt und das Schloss des K\u00f6nigs zu und lie\u00df sich bei ihm melden. Der K\u00f6nig war sehr erfreut ihn wiederzusehen und frug&#8216; sogleich: \u201eHast du mein Gl\u00fcck?\u201c \u201eIch habe es\u201c sprach der J\u00fcngling und offenbarte ihm, dass die gro\u00dfe Kr\u00f6te den Brunnen verstopfe. Da wurden die Brunnenmeister geholt und mussten in den Brunnen hinabsteigen und wie der J\u00fcngling gesagt hatte, so war es. Sobald die Kr\u00f6te von dem Quell weggenommen war, sprang er so reichlich, dass die Brunnenmeister sich kaum vor dem Wasser mit den goldnen Perlen zu retten wussten; es fehlte wenig, so w\u00e4ren sie alle ertrunken. Der K\u00f6nig freute sich aber so sehr dar\u00fcber, dass er dem J\u00fcngling statt einer zwei Lasten Goldes geben lie\u00df und ihm auch noch ein Schiff ausr\u00fcsten lie\u00df, womit er seine Fahrt zur See fortsetzen konnte. Es dauerte nicht lange, so landete der J\u00fcngling in dem ersten K\u00f6nigreich, wo er sich sogleich zum K\u00f6nig f\u00fchren lie\u00df. \u201eHast du mein Gl\u00fcck?\u201c frug&#8216; der K\u00f6nig. \u201eIch habe es\u201c sprach er und offenbarte ihm, warum der Baum keine goldnen Fr\u00fcchte mehr trage. Sogleich mussten die G\u00e4rtner herbei und an dem Baume nachgaben; da kamen die wei\u00dfen Kn\u00f6chelchen zu Tage und die Kammerjungfer wurde noch am selben Morgen hingerichtet. Noch vor Abend trieb der Baum Bl\u00fcten und so viel goldne Fr\u00fcchte, als wollte er alle die Jahre nachholen, in welchen er unfruchtbar dagestanden hatte. Der K\u00f6nig aber schenkte dem J\u00fcngling in seiner Dankbarkeit statt einer Last Goldes zwei und dazu Wagen, Pferde und pr\u00e4chtig gekleidete Diener.<\/p>\n<p align=\"justify\">Fr\u00f6hlich und wohlgelaunt ging der J\u00fcngling zur See und konnte es kaum erwarten, seine Emma wiederzusehen. Als das Schiff am Strande vor Anker gegangen war, setzte er sich in seinen Wagen und fuhr in die Stadt, wo der Kaufmann wohnte; dort kehrte er dem Hause gegen\u00fcber in einen Gasthof ein. Wie wunderte er sich aber, als er in des Kaufmanns Haus alle Fenster erleuchtet sah und rauschende Musik schallen h\u00f6rte! Er frug&#8216; den Wirth, was das bedeute? und der Wirth antwortete: \u201eDie Tochter des Hauses h\u00e4lt Verspruch, aber es geschieht gegen ihren Willen. Du lieber Gott, das arme Blut t\u00e4te lieber Gott wei\u00df was, als mit ihrem Br\u00e4utigam tanzen, aber ihr Vater zwingt sie dazu.\u201c \u201eDabei m\u00f6cht ich auch sein\u201c, sprach der J\u00fcngling, zog pr\u00e4chtige Kleider an und ging in das Haus.<\/p>\n<p align=\"justify\">Da er schon so viele Jahre weggewesen war, hatte er sich so sehr ver\u00e4ndert, dass ihn Niemand wieder erkannte, selbst Emma nicht. Wer h\u00e4tte aber auch denken sollen, dass dieser stolze Herr der J\u00fcngling gewesen sei. Er ging sogleich auf Emma zu und sprach sie um einen Tanz an. \u201eVon Herzen gern\u201c sagte sie, denn jetzt brauchte sie doch nicht mit ihrem verhassten Br\u00e4utigam zu tanzen. W\u00e4hrend sie nun so herum walzten, hielt er die Hand so, dass der Ring ihr recht in die Augen blitzte. Sie sah den J\u00fcngling mit gro\u00dfen Augen an und wurde toten bla\u00df; er aber f\u00fchrte sie in ein anderes Zimmer und sprach: \u201eEmma, kennst du mich nicht mehr?\u201c Da fiel sie vor lauter Freude in Ohnmacht und als sie wieder erwachte, da lag sie in seinen Armen. Ihr Vater und ihre Mutter kamen hinzu und auch der Br\u00e4utigam und Alle waren nicht wenig erstaunt, dass Emma so freundlich gegen den fremden stolzen Herrn tat. Da gab sich der J\u00fcngling zu erkennen und erz\u00e4hlte, woher er sein Gold habe, und dass er reicher sei als der K\u00f6nig. Die G\u00e4ste horchten mit Erstaunen zu, nur nicht der Br\u00e4utigam, der schlich sich leise hinweg und Niemand hat ihn mehr gesehen.<\/p>\n<p align=\"justify\">In dem Herzen des Kaufmannes war aber die Habgier erwacht; als er am folgenden Tage das viele Gold sah, welches der J\u00fcngling mitgebracht hatte, da lie\u00df es ihm erst recht keine Ruhe und er sprach zu seiner Frau: \u201eKomm lass uns auch unser Gl\u00fcck versuchen, hat der Gelbschnabel es so leicht gefunden, dann werden wir es auch finden und noch viel besser wie er.\u201c Da packten sie ihre Koffer und gingen zur See. Als sie in das erste K\u00f6nigreich kamen und nach dem K\u00f6nig frugen, wurden sie gar nicht einmal vorgelassen. In dem zweiten K\u00f6nigreich lie\u00df der K\u00f6nig ihnen sagen, als sie sich meldeten, sie h\u00e4tten nichts bei ihm verloren. In dem dritten wurden sie wohl vorgelassen, als sie aber sagten, sie wollten dem K\u00f6nig sein Gl\u00fcck mitbringen, frug&#8216; der K\u00f6nig ob sie n\u00e4rrisch seien und sprach: \u201eIch habe kein Gl\u00fcck mehr n\u00f6tig, seitdem ich meine Tochter wiedergefunden habe.\u201c Die beiden Alten verloren trotzdem den Muth nicht und gingen weiter. Als der Riese sie sah, rief er dem Kaufmann zu: \u201eHalt da, du Erdwurm, nimm mir mein Gewehr einmal ab, du kannst f\u00fcr mich Wache halten\u201c, und er legte ihm die Kanone auf die Schultern; aber sie war so schwer, dass der Mann zusammenbrach. Die Frau war beim Anblick des Riesen vor Schrecken geflohen ohne sich nach ihrem Manne umzusehen und kam an das Wasser. Da nahm das alte Weib sie hurtig in ihren Kahn auf. Als dieser am andern Ufer hielt, sprach die Alte: \u201eHaltet mir einen Augenblick das Ruder fest.\u201c Die Frau tat es und in einem Satz war die Alte am Ufer und die Frau verw\u00fcnscht, die Leute \u00fcberzufahren. Wenn keiner unterdessen dem Kaufmann die Wache und ihr das Ruder abgenommen hat. dann findest du sie wohl noch heut auf ihrem Posten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johann Wilhelm Wolf<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[92,85],"tags":[],"class_list":["post-414","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-johann-wilhelm-wolf","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/414","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=414"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/414\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":415,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/414\/revisions\/415"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=414"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=414"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=414"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}