{"id":396,"date":"2015-10-07T20:27:41","date_gmt":"2015-10-07T18:27:41","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=396"},"modified":"2025-12-28T01:58:49","modified_gmt":"2025-12-28T00:58:49","slug":"fliedermuetterchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/fliedermuetterchen\/","title":{"rendered":"Fliederm\u00fctterchen"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Hans Christian Andersen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war ein kleiner Knabe, der war erk\u00e4ltet. Er war ausgegangen und hatte nasse F\u00fc\u00dfe bekommen. Niemand konnte begreifen wie, denn es war ganz trockenes Wetter. Nun entkleidete ihn seine Mutter, brachte ihn zu Bett und lie\u00df die Teemaschine hereinbringen, um ihm eine gute Tasse Fliedertee zu bereiten, denn der erw\u00e4rmt! Zur gleichen Zeit kam auch der alte freundliche Mann zur T\u00fcre herein, der ganz oben im Hause wohnte und ganz alleine lebte, denn er hatte weder Frau noch Kinder, hielt aber viel auf alle Kinder und wusste so viele M\u00e4rchen und Geschichten zu erz\u00e4hlen, dass es eine Lust war. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Nun trinkst du deinen Tee!&#8220; sagte die Mutter, &#8222;vielleicht bekommst du dann auch ein M\u00e4rchen zu h\u00f6ren.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, wenn man nur eines w\u00fcsste!&#8220; sagte der alte Mann und nickte freundlich. &#8222;Wo hat aber der Kleine die nassen F\u00fc\u00dfe bekommen?&#8220; fragte er. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, wie das geschehen ist&#8220;, sagte die Mutter, &#8222;das kann niemand begreifen.&#8220; &#8222;Bekomme ich ein M\u00e4rchen zu h\u00f6ren?&#8220; fragte der Knabe. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, kannst du mir einigerma\u00dfen genau sagen &#8211; denn das muss ich zuerst wissen &#8211; wie tief der Rinnstein in der kleinen Gasse ist, wo du in die Schule gehst?&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Gerade bis mitten auf die Stiefelsch\u00e4fte&#8220;, sagte der Knabe; &#8222;aber dann muss ich in das tiefe Loch gehen!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Sieh, davon haben wir die nassen F\u00fc\u00dfe&#8220;, sagte der Alte. &#8222;Nun sollte ich eigentlich ein M\u00e4rchen erz\u00e4hlen, aber ich wei\u00df keins mehr!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Sie k\u00f6nnen gleich eins machen&#8220;, sagte der kleine Knabe. &#8222;Mutter sagt, dass alles, was Sie betrachten, zu einem M\u00e4rchen werden kann, und aus allem, was Sie ber\u00fchren, k\u00f6nnen Sie eine Geschichte machen!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, aber die M\u00e4rchen und Geschichten taugen nichts! Nein, die ordentlichen, die kommen von selbst, die klopfen mir an die Stirn und sagen: Hier bin ich!&#8220; &#8222;Klopft es nicht bald?&#8220; fragte der kleine Knabe; und die Mutter lachte, tat Fliedertee in die Kanne und goss kochendes Wasser dar\u00fcber. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Erz\u00e4hle! Erz\u00e4hle!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, wenn ein M\u00e4rchen von selbst kommen m\u00f6chte; aber so eins ist vornehm; es kommt nur, wenn es Lust hat.&#8220; &#8211; &#8222;Warte!&#8220; sagte er auf einmal. &#8222;Da haben wir es! Gib acht, nun ist eins in der Teekanne!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und der kleine Knabe sah zur Teekanne hin, der Deckel hob sich mehr und mehr und die Fliederbl\u00fcten kamen frisch und wei\u00df daraus hervor. Sie schossen zu gro\u00dfen, langen Zweigen empor; selbst aus der Schnauze verbreiteten sie sich nach allen Seiten und wurden gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer. Es war der herrlichste Fliederbusch, ein gro\u00dfer Baum. Er ragte in das Bett hinein und schob die Vorh\u00e4nge zur Seite; nein, wie das bl\u00fchte und duftete! Und mitten im Baum sa\u00df eine alte, freundliche Frau mit einem sonderbaren Kleid; es war ganz gr\u00fcn, so wie die Bl\u00e4tter des Fliederbaumes, und mit gro\u00dfen wei\u00dfen Fliederbl\u00fcten besetzt. Man konnte nicht gleich erkennen, ob es Stoff oder lebendiges Gr\u00fcn und Blumen waren. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wie hei\u00dft die Frau?&#8220; fragte der kleine Knabe. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, die R\u00f6mer und die Griechen&#8220;, sagte der alte Mann, &#8222;die nannten sie eine Dryade, aber das verstehen wir nicht. Drau\u00dfen in der Vorstadt der Matrosen haben wir einen besseren Namen f\u00fcr sie; dort wird sie Fliederm\u00fctterchen genannt, und sie ist es, auf die du acht geben musst. Horch nur und betrachte den herrlichen Fliederbaum. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Gerade ein solcher gro\u00dfer, bl\u00fchender Baum steht da drau\u00dfen. Er wuchs dort in einem Winkel eines kleinen \u00e4rmlichen Hofes. Unter diesem Baum sa\u00dfen eines Nachmittags im sch\u00f6nsten Sonnenschein zwei alte Leute. Es waren ein alter, alter Seemann und seine alte, alte Frau. Sie waren Urgro\u00dfeltern und glaubten bald ihre goldene Hochzeit zu feiern, aber sie konnten sich des Datums nicht recht entsinnen; und die Fliedermutter sa\u00df im Baum und sah so vergn\u00fcgt aus, gerade wie hier. &#8222;Ich wei\u00df wohl, wann die goldene Hochzeit ist!&#8220; sagte sie; aber sie h\u00f6rten es nicht, sie sprachen von alten Zeiten. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, entsinnst du dich&#8220;, sagte der alte Seemann; &#8222;damals, als wir noch ganz klein waren und herumliefen und spielten. Es war gerade in demselben Hof, in dem wir nun sitzen. Wir pflanzten kleine Zweige in den Hof und machten einen Garten.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja&#8220;, sagte die alte Frau, &#8222;daran erinnere ich mich recht gut. Wir begossen die Zweige, und einer davon war ein Fliederzweig, der schlug Wurzeln, schoss gr\u00fcne Zweige und ist ein gro\u00dfer Baum geworden, unter dem wir alten Leute jetzt sitzen.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, sicher!&#8220; sagte er; &#8222;und dort in der Ecke stand ein Wasserk\u00fcbel, darin schwamm mein Fahrzeug; ich hatte es selbst ausgeh\u00f6hlt. Wie das segeln konnte; aber ich kam freilich bald anderswohin zum Segeln.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, aber zuerst gingen wir in die Schule und lernten etwas&#8220;, sagte sie; und dann wurden wir eingesegnet. Wir weinten beide; aber des Nachmittags gingen wir Hand in Hand auf den runden Turm und sahen in die Welt hinaus \u00fcber Kopenhagen und das Wasser. Dann gingen wir nach Frederiksborg, wo der K\u00f6nig und dir K\u00f6nigin in ihrem pr\u00e4chtigen Boot auf den Kan\u00e4len herumfuhren.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich aber musste anderswo umherfahren, und das viele Jahre, weit weg, auf den langen Reisen!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, ich weinte oft deinetwegen&#8220;, sagte sie; &#8222;ich glaubte, du seiest tot und fort und l\u00e4gest dort unten im tiefen Wasser, von den Wellen geschaukelt. Manche Nacht stand ich auf und sah, ob die Wetterfahne sich drehte. Ja, sie drehte sich wohl, aber du kamst nicht! Ich erinnere mich ganz deutlich, wie es eines Tages vom Himmel str\u00f6mte; der Karrenschieber, der den Kehricht holte, kam dorthin, wo ich diente. Ich ging mit dem Kehrichtfa\u00df hinunter und blieb in der T\u00fcre stehen; was war das f\u00fcr ein abscheuliches Wetter! Und gerade als ich dastand, kam der Brieftr\u00e4ger und gab mir einen Brief &#8211; der war von dir! Ja, wie der herumgereist war! Ich riss ihn auf und las; ich lachte und weinte, ich war so froh! Darin stand, dass du in den warmen L\u00e4ndern w\u00e4rst, wo die Kaffeebohnen wachsen. Was muss das f\u00fcr ein herrliches Land sein! Du erz\u00e4hltest so viel, und ich las das alles, w\u00e4hrend der Regen niederstr\u00f6mte und ich mit dem Kehrichtfa\u00df dastand. Da kam einer und fasste mich um den Leib &#8211;&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, aber du gabst ihm einen t\u00fcchtigen Schlag auf die Backe, dass es klatschte.&#8220; &#8222;Ich wusste ja nicht, dass du es warst; du warst ebenso geschwind wie dein Brief gekommen, und du warst so sch\u00f6n. Das bist du ja noch. Du hattest ein langes, gelbes, seidenes Tuch in der Tasche und einen gl\u00e4nzenden Hut auf. Du warst so fein! Gott, was das doch f\u00fchr ein Wetter war, und wie die Stra\u00dfe aussah!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Dann heirateten wir\u201c, sagte er, &#8222;entsinnst du dich? Und dann, als wir den ersten kleinen Knaben und dann Marie und Niels und Peter und Hans Christian bekamen?&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, und wie alle herangewachsen und ordentliche Menschen geworden sind, die ein jeder leiden mag!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Und ihre Kinder haben wieder Kinder bekommen&#8220;, sagte der alte Matrose. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, das sind Kindeskinder! Da ist ein guter Kern darin. Es war, wenn ich nicht irre, in dieser Zeit des Jahres, als wir Hochzeitstag hielten.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, eben heute ist der goldene Hochzeitstag&#8220;, sagte die Fliedermutter und streckte den Kopf gerade zwischen die beiden Alten hinunter; und die glaubten es sei die Nachbarin, die da nickte. Sie sahen einander an und fassten sich bei den H\u00e4nden. Bald darauf kamen die Kinder und Kindeskinder, die wussten wohl, dass heut der goldene Hochzeitstag war. Sie hatten schon am Morgen gratuliert, aber die Alten hatten es wieder vergessen, w\u00e4hrend sie sich so gut an all das erinnerten, war vor vielen Jahren schon geschehen war. Und der Fliederbaum duftete so stark, und die Sonne, die im Untergehen begriffen war, schien den Alten gerade ins Gesicht. Sie sahen beide so rotwangig aus. Und das kleinste der Kindeskinder tanzte um sie herum und rief ganz gl\u00fccklich, dass es diesen Abend pr\u00e4chtig zugehen werde, denn sie sollten warme Kartoffeln bekommen. Und die Fliedermutter nickte im Baum und rief mit allen anderen: &#8222;Hurra!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Aber das war ja kein M\u00e4rchen!&#8220; sagte der kleine Knabe, der es erz\u00e4hlen h\u00f6rte. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, das musst du verstehen!&#8220; sagte der Alte, der erz\u00e4hlte. &#8222;Aber lass uns Fliederm\u00fctterchen danach fragen!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das war kein M\u00e4rchen&#8220;, sagte die Fliedermutter; &#8222;aber nun kommt es! Aus der Wirklichkeit w\u00e4chst gerade das sonderbarste M\u00e4rchen heraus; sonst k\u00f6nnte ja mein sch\u00f6ner Fliederbusch nicht der Teekanne entsprossen sein&#8220;. Und dann nahm sie den kleinen Knaben aus dem Bett und legte ihn an ihre Brust; und die Fliederzweige voller Bl\u00fcten schlugen um sie zusammen. Sie sa\u00dfen wie in der dichtesten Laube, und diese flog mit ihnen durch die Luft. Es war unaussprechlich sch\u00f6n. Fliederm\u00fctterchen war auf einmal ein junges, niedliches M\u00e4dchen geworden, aber das Kleid war noch von demselben gr\u00fcnen, wei\u00dfgebl\u00fcmten Stoff, wie es Fliederm\u00fctterchen getragen hatte. Am Busen hatte sie eine wirkliche Fliederbl\u00fcte und ihr helles, gelocktes Haar einen Kranz von Fliederblumen. Ihre Augen waren so gro\u00df, so blau; oh, sie war herrlich anzuschauen! Sie und der Knabe k\u00fcssten sich, und dann waren sie im gleichen Alter und f\u00fchlten gleiche Freuden. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie gingen Hand in Hand aus der Laube und standen nun in der Heimat sch\u00f6nem Blumengarten. Bei dem frischen Grasplatz war des Vaters Stock an einem Pflock angebunden. F\u00fcr die Kleinen war Leben in dem Stock; sobald sie sich quer \u00fcber ihn setzten, verwandelte sich der blanke Knopf in einen pr\u00e4chtig wiehernden Kopf, die lange schwarze M\u00e4hne flatterte, und vier schlanke starke Beine schossen hervor. Das Tier war stark und mutig, und im Galopp fuhren sie um den Grasplatz herum: hussa! -. &#8222;Nun reiten wir viele Meilen weit fort!&#8220; sagte der Knabe; &#8222;wir reiten zu dem Rittergut, wo wir im vorigen Jahr waren!&#8220; Und sie ritten um den Rasenplatz herum, und immer rief das kleine M\u00e4dchen, das, wie wir wissen, keine andere als die Fliedermutter war: &#8222;Nun sind wir auf dem Land! Siehst du das Bauernhaus mit dem gro\u00dfen Backofen, der wie ein riesengro\u00dfes Ei aus der Mauer nach dem Wege heraussteht? Der Fliederbaum breitete seine Zweige \u00fcber sie hin, und der Hahn geht und kratzt f\u00fcr die H\u00fchner: sieh wie er sich br\u00fcstet! &#8211; Nun sind wir bei der Kirche; die liegt hoch auf dem H\u00fcgel unter den gro\u00dfen Eichenb\u00e4umen, wovon der eine bald abgestorben ist! Nun sind wir bei der Schmiede, wo das Feuer brennt und die halbnackten M\u00e4nner mit den H\u00e4mmern schlagen, dass die Funken weit umher spr\u00fchen. Fort, fort zu dem pr\u00e4chtigen Rittergut!&#8220; Und alles, was das kleine M\u00e4dchen, das hinten auf dem Stock sa\u00df, sagte, das flog auch vorbei. Der Knabe sah es, doch kamen sie nur um den Grasplatz herum. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Dann spielten sie im Seitengang und ritzten in die Erde einen kleinen Garten; und sie nahm Fliederbl\u00fcten aus ihrem Haar und pflanzte sie. Und die wuchsen, gerade wie bei den Alten damals, als diese noch klein waren, wie fr\u00fcher erz\u00e4hlt worden ist. Sie gingen Hand in Hand gerade wie die alten Leute es als Kinder gemacht hatten, aber nicht auf den runden Turm hinaus oder nach dem Garten von Frederiksborg &#8211; nein, das kleine M\u00e4dchen fasste den Knaben um den Leib, und dann flogen wie weit umher im ganzen Land. Und es war Fr\u00fchjahr, und es wurde Sommer, und es war Herbst, und es wurde Winter. Tausende von Bildern spiegelten sich in des Knaben Augen und Herz, und immer sang das kleine M\u00e4dchen im vor: &#8222;Das wirst du nie vergessen!&#8220; Und auf dem ganzen Fluge duftete der Fliederbaum so s\u00fc\u00df und herrlich. Er bemerkte wohl die Rosen und die frischen Buchen, aber der Fliederbaum duftete noch st\u00e4rker, denn seine Bl\u00fcten hingen an des kleinen M\u00e4dchens Herzen, und daran lehnte er oft im Fluge den Kopf. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Hier ist es sch\u00f6n im Fr\u00fchling!&#8220; sage das junge M\u00e4dchen; und sie stand in dem frisch ausgeschlagenen Buchenwald, wo der Waldmeister zu ihren F\u00fc\u00dfen duftete. In dem Gr\u00fcnen sahen die bla\u00dfroten Anemonen so lieblich aus. &#8222;O w\u00e4re es immer Fr\u00fchling in dem duftenden d\u00e4nischen Buchenwald!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Hier ist es herrlich im Sommer!&#8220; sage sie; und sie fuhren an alten Schl\u00f6ssern aus der Ritterzeit vorbei, die sich mit ihren hohen Mauern und Giebeln in den Kan\u00e4len spiegelten, in denen die Schw\u00e4ne schwammen und in die alten k\u00fchlen Alleen hineinsahen. Auf dem Felde wogte das Korn, gleich einem See; in den Gr\u00e4ben standen rote und gelbe Blumen und auf den Gehwegen wilder Hopfen und bl\u00fchende Winden. Abends stieg der Mond rund und gro\u00df empor, und die Heuhaufen auf den Wiesen dufteten so s\u00fc\u00df. &#8222;Das vergisst sich nie!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Hier ist es sch\u00f6n im Winter!&#8220; sagte das kleine M\u00e4dchen, und alle B\u00e4ume waren mit Reif bedeckt, so dass sie wie wei\u00dfe Korallen aussahen. Der Schnee knirschte unter den F\u00fc\u00dfen, als h\u00e4tte man neue Stiefel an; und vom Himmel fiel eine Sternschnuppe nach der anderen. Im Zimmer wurde der Weihnachtsbaum angez\u00fcndet, da gab es Geschenke und Fr\u00f6hlichkeit. Auf dem Lande ert\u00f6nte in der Bauernstube die Violine; es wurde um Apfelschnitze gespielt. Selbst das \u00e4rmste Kind sagte: &#8222;Es ist doch sch\u00f6n im Winter.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Ja, es war sch\u00f6n! Und das kleine M\u00e4dchen zeigte dem Knaben alles; und immer wehte die rote Flagge mit dem wei\u00dfen Kreuz, die Flagge, unter welcher der alte Seemann gesegelt war. Der Knabe wurde zum J\u00fcngling, und er sollte in die weite Welt hinaus, weit fort in die warmen L\u00e4nder, wo der Kaffee w\u00e4chst. Aber beim Abschied nahm das kleine M\u00e4dchen eine Fliederbl\u00fcte von ihrer Brust und gab sie ihm zum Aufbewahren. Sie wurde in das Gesangbuch gelegt, und im fremden Land, wenn er das Buch \u00f6ffnete, war es immer gerade an der Stelle, wo die Erinnerungsblume lag; und je mehr er dieselbe betrachtete, desto frischer wurde sie, so dass er gleichsam einen Duft von den heimischen W\u00e4ldern einatmete; und deutlich erblickte er das kleine M\u00e4dchen, wie es mit seinen klaren Augen zwischen den Blumenbl\u00e4ttern hervorsah; und es fl\u00fcsterte dann: &#8222;Hier ist es sch\u00f6n im Fr\u00fchling, im Sommer, im Herbst und im Winter!&#8220; Und Hunderte von Bildern glitten durch seine Gedanken. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">So verstrichen viele Jahre, und er war nun ein alter Mann und sa\u00df mit seiner alten Frau unter einem bl\u00fchenden Fliederbaum; sie hielten sich einander bei den H\u00e4nden, ebenso wie der Urgro\u00dfvater und die Urgro\u00dfmutter es drau\u00dfen getan hatten, und sie sprachen ebenso wie diese, von den alten Zeiten und der goldenen Hochzeit. Das kleine M\u00e4dchen mit den blauen Augen und mit den Fliederbl\u00fcten im Haar sa\u00df oben im Baum, nickte beiden zu und sagte: &#8222;Heute ist der goldene Hochzeitstag!&#8220; Und dann nahm sie zwei Bl\u00fcten aus ihrem Kranz und k\u00fcsste sie; und sie gl\u00e4nzten zuerst wie Silber, dann wie Gold, und als sie sie auf die H\u00e4upter der beiden Alten legt, wurde jede Bl\u00fcte zu einer Goldkrone. Da sa\u00dfen sie beide, einem K\u00f6nig und einer K\u00f6nigin gleich, unter dem duftenden Baum, der ganz und gar wie ein Fliederbaum aussah. Und er erz\u00e4hlte seiner alten Frau die Geschichte von dem Fliederm\u00fctterchen, wie sie ihm erz\u00e4hlt worden war, als er nach ein kleiner Knabe war; und sie fanden beide so vieles darin, was ihrer eigenen \u00e4hnlich war, und das gefiel ihnen am besten. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, so ist es!&#8220; sagte das kleine M\u00e4dchen im Baum. &#8222;Einige nennen mich Fliederm\u00fctterchen, andere Dryade, aber eigentlich hei\u00dfe ich Erinnerung. Ich bin es, die im Baum sitzt, der w\u00e4chst und w\u00e4chst; ich kann mich zur\u00fcckerinnern, ich kann erz\u00e4hlen! Lass sehen, ob du deine Bl\u00fcte noch hast.&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und der alte Mann \u00f6ffnete sein Gesangbuch. Da lag die Fliederbl\u00fcte so frisch, als sei sie erst k\u00fcrzlich hineingelegt worden. Und die Erinnerung nickte, und die beiden Alten mit den Goldkronen auf dem Kopf sa\u00dfen in der roten Abendsonne; sie schlossen die Augen und &#8211; und &#8211; ? Ja, da war das M\u00e4rchen aus! <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Der kleine Knabe lag in seinem Bett. Er wusste nicht, ob er getr\u00e4umt oder ob er es hatte erz\u00e4hlen h\u00f6ren. Die Teekanne stand auf dem Tisch, aber es wuchs kein Fliederbaum hervor, und der alte Mann, der erz\u00e4hlt hatte, wollte gerade zur T\u00fcr hinausgehen, und das tat er auch. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wie sch\u00f6n war das!&#8220; sagte der kleine Knabe. &#8222;Mutter, ich bin in den warmen L\u00e4ndern gewesen!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, das glaube ich wohl!&#8220; sagte die Mutter; wenn man zwei Tassen warmen Fliedertee getrunken hat, dann kommt man wohl zu den warmen L\u00e4ndern!&#8220; Und sie deckte ihn gut zu, damit er sich nicht erk\u00e4lte. &#8222;Du hast gut geschlafen, w\u00e4hrend ich mich mit ihm dar\u00fcber stritt, ob es eine Geschichte oder ein M\u00e4rchen sei!&#8220; <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Und wo ist die Fliedermutter?&#8220; fragte der Knabe. <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Die ist in der Teekanne&#8220;, sagte die Mutter, &#8222;und da mag sie bleiben.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-396","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/396","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=396"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/396\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2868,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/396\/revisions\/2868"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=396"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=396"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=396"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}