{"id":394,"date":"2015-10-07T20:26:10","date_gmt":"2015-10-07T18:26:10","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=394"},"modified":"2026-01-24T03:03:27","modified_gmt":"2026-01-24T02:03:27","slug":"der-fliegende-hollaender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-fliegende-hollaender\/","title":{"rendered":"Der fliegende Holl\u00e4nder"},"content":{"rendered":"\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Heinrich Smidt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hoch auf den Wellen bewegte sich still und unheimlich der m\u00e4chtige Rumpf eines Ostindien-Fahrers, der sich der Tafelbai gegen\u00fcber befand.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit drei Tagen k\u00e4mpfte er vergebens mit einer Windstille. Die kaum gef\u00fcllten Obersegel brachten ihn nur wenig von der Stelle, und die heftige Str\u00f6mung des Meeres trieb ihn unwiderstehlich seitw\u00e4rts.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-handler-einbetten wp-block-embed-handler-einbetten wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Der fliegende Holl\u00e4nder: Seemannsm\u00e4rchen | H\u00f6rbuch zum Einschlafen (H. Smidt)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Bf537a-a9kk?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Hundert Augen hingen an der blauen Himmelsdecke, ob nicht irgendwo ein W\u00f6lkchen zu ersp\u00e4hen sei, von dem man die Rettung aus der stets wachsenden Gefahr erhoffen k\u00f6nne; aber die war klar und durchsichtig und spiegelte sich in dem glatten Meer wider.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein tr\u00fcber Geist des Unmuts, der noch eine verborgenere Ursache als den der Windstille hatte, beherrschte das Schiff, das den stolzen Namen \u203aGelderland\u2039 f\u00fchrte und der Stolz der holl\u00e4ndisch-ostindischen Handelsflotte war. Der b\u00f6se Geist, der den Frieden aus seinen Kaj\u00fcten und von seinem Verdeck verjagt hatte, war der Kapit\u00e4n desselben, Mynheer Claas van Belem, ein stolzer, herrschs\u00fcchtiger Mann mit einem versteinerten Herzen und einem belasteten Gewissen. Die Offiziere gingen lautlos auf und ab und warfen verstohlene Blicke nach dem Eingang der Kaj\u00fcte, f\u00fcrchtend, dass ihr Oberhaupt erscheinen werde. Die Matrosen lie\u00dfen sich gar nicht sehen; sie hockten hinter den Booten, dem Spill und den Wasserf\u00e4ssern und fl\u00fcsterten sich scheu und verstohlen ihre Bemerkungen und Bef\u00fcrchtungen zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein alter, b\u00e4rtiger Matrose, der dreimal sieben Jahre auf Ostindien gefahren war, lag auf dem Bugspriet in dem Netz des Stagsegels und schaute auf einen j\u00fcngeren Genossen, der dicht unter ihm auf der blinden Rah sa\u00df. \u00bbWir gehen hier vielem Ungl\u00fcck aus dem Wege\u00ab, sprach der junge Seemann von unten herauf. \u00bbDer Dienst auf dem Bugspriet hat sein Gutes. Das auswehende Jacksegel macht, dass wir vom Deck aus nicht gesehen werden k\u00f6nnen, und das Rauschen vor dem Bug \u00fcbert\u00f6nt unsere Worte. Wir k\u00f6nnen ohne Scheu miteinander reden.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBis uns einer \u00fcber den Hals kommt, der stark genug ist, uns das Maul zu stopfen: uns hier vorne und denen auf dem Quarterdeck. Hier in der Tafelbai ist nimmer etwas Gutes f\u00fcr einen Seemann zu hoffen und der soll seinen Gott preisen, der sie mit leicht gerefften Segeln rasch durchschneidet. Wir liegen nun schon drei Tage darin, ohne von der Stelle zu kommen, und wenn der erscheint, dessen Namen ein frommer Seemann nicht aussprechen soll, ohne ein Gebet herzusagen \u2013\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch wei\u00df schon\u00ab, unterbrach ihn jener. \u00bbIhr meint Vanderdecken, den Fliegenden Holl\u00e4nder.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbStill, du Ungl\u00fccksbursche!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNun? Ich werde doch wohl von ihm reden k\u00f6nnen? Ist sein Name so gef\u00e4hrlich, dass er Euch vergiftet, wenn Ihr ihn in den Mund nehmt? Alles Gl\u00fcck mit Hollands Flagge! Sie wird ebenso ungest\u00f6rt von unserer Gaffel wehen, wenn Kapit\u00e4n Vanderdecken sich tausend Meilen von uns befindet, als wenn er auf Kanonen-Schussweite in unser Kielwasser steuert; denn, mein guter Schiffsmaat, ich muss Euch nur sagen, dass ich von der Geschichte nicht sonderlich viel glaube und sie eher f\u00fcr altes Weibergeklatsche als f\u00fcr Wahrheit halte.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der b\u00e4rtige Matrose ward blutrot vor Zorn und richtete sich halb auf: \u00bbDie Pest auf deinen Leib, du Hund! Noch einmal sto\u00dfe solche L\u00e4sterung aus, und ich gebe dir einen Fu\u00dftritt, dass du r\u00fccklings in die See f\u00e4llst!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Seemann eilte mit gro\u00dfer Schnelle nach dem Au\u00dfenende der Rah und rief: \u00bbSeht zu, ob Ihr mich hier mit Eurem Fu\u00df zu erreichen verm\u00f6gt!\u00ab Er hielt einige Augenblicke in seiner gef\u00e4hrlichen Stellung aus, dann aber schwang er sich wieder einw\u00e4rts und sagte: \u00bbMeine Ration Genever sollt Ihr zwei Tage hintereinander haben, wenn Ihr mir sagt, ob etwas an dieser Geschichte mit dem Fliegenden Holl\u00e4nder ist, und was Ihr von der Geschichte eigentlich wisst. Denkt nur, zwei Rationen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Versuchung konnte jener nicht widerstehen; er \u00fcberwand seine Furcht vor dem Gespensterschiff und begann: \u00bbWar der Kapit\u00e4n eins gro\u00dfen und m\u00e4chtigen Schiffs, dieser Vanderdecken; reiches Gut im Raum und b\u00f6ses Volk in seinen Kojen. Er selbst war der \u00c4rgste an Bord und raste und tobte w\u00e4hrend einer ganzen Reise mit und ohne Ursache. Wenn er aber in seine Kaj\u00fcte hinabstieg, schloss er sich ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Mensch durfte versuchen, hereinzukommen, wenn ihm sein Leben lieb war, und dann gingen die Gr\u00e4uel erst recht an. Er l\u00e4rmte und tobte, stampfte mit den F\u00fc\u00dfen und sprach laut vor sich hin, doch so undeutlich, dass man nicht eine Silbe verstehen konnte. Oft erhielt er auch Antwort von einem Dritten, dessen Gegenwart niemand bemerkte, und wenn dieser sprach, war es ein L\u00e4rmen, als ob alle Geister der H\u00f6lle zugleich losgelassen w\u00fcrden. Manche wollen sogar gesp\u00fcrt haben, dass es nach h\u00f6llischem Feuer roch. Gewiss ist es, dass nach einem solchen Versuch jedes Mal ein heftiger Sturm folgte, der das Schiff in die gr\u00f6\u00dfte Gefahr brachte. Ging nun Kapit\u00e4n Vanderdecken nach einer solchen, vom Teufel unterst\u00fctzten, Reise vor Anker, dann begab er sich sogleich ans Land und brachte dort alle Teufeleien an, die er unterwegs von dem alten H\u00f6llenburschen gelernt hatte.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSo trieb er es wohl nicht besonders in Zucht und Ehren\u00ab, fragte der junge Matrose, \u00bbund es ist am Ende wahr, dass er dem Weibsvolk absonderlich mitgespielt haben soll?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer Teufel lasse ihm seine Niedertr\u00e4chtigkeiten wohl bekommen\u00ab, brummte jener. \u00bbEr b\u00fc\u00dft sie jetzt ab und wird b\u00fc\u00dfen m\u00fcssen bis an das Ende aller Tage. Hoch auf den D\u00fcnen der Nordsee und fern von jedem bewohnten Ort hatte er ein gro\u00dfes Haus zum Eigentum, darin trieb er sein Unwesen. Innerhalb der wohlverschlossenen Pforte sa\u00df ein altes Hexenweib als W\u00e4chterin, die war ihm treu ergeben und mit allen boshaften Ratschl\u00e4gen schnell bei der Hand. Brachte ihm sein Gevatter Pferdefu\u00df aus den T\u00f6chtern des Landes einen fetten Bissen zur B\u00fc\u00dfung seiner b\u00f6sen Lust, dann nahm die Alte sie erst vor und richtete sie geh\u00f6rig ab, damit der gestrenge Gebieter keinen Anlass zur Klage haben sollte. Daf\u00fcr soll der Teufel dieser Alten besonders geneigt gewesen sein und hat versprochen, ihr den ganzen reichen Nachlass des Gebieters zuzuwenden, wenn er diesem eines Tages den Hals umdrehen werde.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbUnd hat die Hexe diese Erbschaft bekommen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNichts hat sie bekommen. Der Teufel sagte, sie solle erben, sobald er dem Vanderdecken den Hals umgedreht habe; aber dieser lebt gewisserma\u00dfen heute noch, und das ist ja eben die Teufelei, dass der Teufel seine eigene Base bei dieser Gelegenheit betrogen hat. Sie ging leer aus und er braucht das erbeutete Gold nun dazu, um unschuldiges Blut in seinen Schlingen zu fangen. Alle Goldst\u00fccke, welche die ostindische Compagnie uns zeigt, sind solche Teufels-Lockspeise, und das ehrliche Seemannsblut geht richtig in die Falle. Ich f\u00fcr mein Teil bin nun schon viermal hineingeplumst, denn eine Reise nach Batavia ist nichts anderes als ein Kreuzzug nach der H\u00f6lle, von dem Ihr mit leeren Taschen heimkehrt, und der \u00e4rgste Streich, den Euch der Teufel spielt, ist der, dass bei der Abrechnung jedes Mal Null mit Null aufgeht und Ihr von Gl\u00fcck sagen k\u00f6nnt, wenn Ihr eine Handvoll Silbergulden kriegt. Aber um wieder auf den Vanderdecken zu kommen und damit ich meinen Genever ehrlich verdiene: Es wurden in dem alten Hause arge Dinge angestellt und die M\u00e4del waren dir so gelehrig, dass sie das tollste Zeug trieben, was nur von ihnen verlangt wurde. Nun dauerte aber eine solche Freude nicht lange, und wenn er einer Dirne satt war, gab er ihr nicht etwa eine Handvoll Gold und schickte sie fort; nein, er drehte ihr den Hals um, damit sie nicht ausplaudern sollte, wie es bei ihm zugehe. Brach dann die Nacht herein, so steckte er, mit Hilfe seiner Hexe, die Leiche in einen gro\u00dfen Sack; sie schleppten diesen an den Strand und warfen ihn in die See. Wenn nun der Sack hineinplumpste, und die See dar\u00fcber zusammenschlug, lachten die beiden B\u00f6sewichter laut auf, und der Teufel antwortete ihnen von ferne.<\/p>\n\n\n\n<p>Einstmals aber nahm das Ding ein unerwartetes Ende. Der Teufel hatte wieder ein kostbares St\u00fcck f\u00fcr seinen Freund ausgesucht und brachte es ihm. Es war ein M\u00e4dchen wie Milch und Blut und das Sch\u00f6nste, was Vanderdecken bisher gesehen hatte. Der Teufel hatte sie geraubt, als sie aus der heiligen Messe kam, in demselben Augenblick, als sie dem harrenden Diener das Messbuch zu tragen gab, denn vorher hatte er keine Macht \u00fcber sie. Man sagt, die Jungfrau habe in jenem Augenblick an ein gro\u00dfes Kirmesfest gedacht, wo sie ihren Herzallerliebsten treffen sollte; dar\u00fcber sei ihr Gem\u00fct in weltliche Dinge versenkt und die Messe vergessen worden. Dies benutzte der Teufel und f\u00fchrte sie ungesehen nach dem Hause Vanderdeckens. Die alte Hexe gab sich mit dem sch\u00f6nen Kind die allererdenklichste M\u00fche, aber es wollte ihr nicht gelingen. Alles war vergebens, und wenn die Alte ihr das S\u00fcndenleben in den sch\u00f6nsten Farben malte, fiel die Jungfrau auf die Knie und betete um Erl\u00f6sung aus diesem Elend. Da erwachte der Zorn der Alten und brach ma\u00dflos \u00fcber das arme Kind herein. Sie schlug es und eilte zu Vanderdecken, die widerspenstige Dirne bei ihm zu verklagen. Dieser geriet ebenfalls in Wut und rannte nach dem Flur, wo sich das fromme M\u00e4gdelein befand, um sie auch zu z\u00fcchtigen. Als er ihrer jedoch ansichtig ward und den Heiligenschein bemerkte, der von ihr ausging, bem\u00e4chtigte sich seiner ein sanfteres Gef\u00fchl, und er suchte sie durch freundliche Worte zu kirren. Aber welche K\u00fcnste er auch versuchen mochte, alles blieb fruchtlos, denn lieber wollte sie ihren Leib mit ihren N\u00e4geln zerfleischen als zugeben, dass er ihn mit seinen unheiligen H\u00e4nden ber\u00fchre. Da wurde Vanderdecken noch dreimal zorniger und au\u00dfer sich rief er: \u203aWenn du der Bitte eines Mannes widerstehst, der sich zum ersten Male zu solcher Feigheit erniedrigte, so wollen wir sehen, was die Gewalt \u00fcber dich vermag. Steh mir bei, Hexenweib! Wir wollen ihr zeigen, wie dem geschieht, der sich dem Willen Vanderdeckens widersetzt!\u2039 Und kaum hatte er diese Worte gesprochen, als beide \u00fcber das arme Gesch\u00f6pf herfielen und sie j\u00e4mmerlich schlugen. Lange ertrug sie diese barbarische Behandlung nicht, sondern sank tot zu den F\u00fc\u00dfen ihrer Peiniger nieder. Dar\u00fcber verzehrte sich Vanderdecken fast vor Zorn und goss all seine Wut auf den Nacken seiner Hexe aus; dann aber n\u00e4hten sie auch dies M\u00e4gdelein in einen Sack und trugen es zum Meer.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist eine grauenhafte Geschichte, Schiffsmaat\u00ab, sprach der junge Matrose, sich sch\u00fcttelnd; \u00bbwie ward es denn weiter?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der B\u00e4rtige fuhr fort: \u00bbIch will es zu Ende bringen. Sie schleppten also den Leichnam nach dem Strand und st\u00fcrzten ihn in die See. Diesmal lachten sie nicht dabei, aber desto lauter lachte der Teufel: denn das ist ein feiner Bursche und er mochte wohl merken, dass er seinen Freund Vanderdecken jetzt beim Schopf habe. Kaum aber war das Gel\u00e4chter des Teufels verhallt, als man ein helles Klingen vernahm, und obgleich der Himmel von d\u00fcsteren Wolken eingeh\u00fcllt war, verbreitete sich doch ein so heller Schein auf dem Meer, als ob es vom Mond beschienen w\u00fcrde. Und in diesem Augenblick tauchte auch die Leiche der frommen Jungfrau aus den Wellen auf, das bleiche Antlitz zu Vanderdecken gewendet und ihm unaufh\u00f6rlich die Worte zurufend: \u203aFolge mir! Folge mir!\u2039 Das brachte ihn so sehr au\u00dfer sich, dass er sich kopf\u00fcber in die See gest\u00fcrzt h\u00e4tte, wenn ihn die Hexe nicht mit Gewalt zur\u00fcckgehalten h\u00e4tte, wobei sie vom Teufel t\u00fcchtig unterst\u00fctzt wurde, denn der hatte ihm ein weit schlimmeres Ende zugedacht. Darum fl\u00fcsterte er dem halb besinnungslosen Kapit\u00e4n zu, die Jungfrau sei gar nicht tot, und er k\u00f6nne sie f\u00fcr seine Lust retten, wenn er nur wolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hatte der Teufel das gesagt, als auch ein gro\u00dfes Schiff sichtbar wurde, das Vanderdecken bis dahin nicht gesehen hatte, und als er genauer hinsah, entdeckte er, dass es sein eigenes war. Jetzt trieb es ihn an Bord und kaum war er \u00fcber das Fallreep, so stiegen alle Segel am Mast wie von selbst in die H\u00f6he. Er aber befahl, dem hellen Schein nachzusteuern, der um das Haupt des jungen M\u00e4dchens strahle, und den nur er ganz allein erblickte. So trieb er durch die Nordsee, durch den Kanal, am Pic von Teneriffa vor\u00fcber, durch den weiten Atlantischen Ozean. Die Mannschaft war nicht wenig \u00fcber eine so schnelle Abreise verwundert gewesen, und die Offiziere wagten es, bescheiden darum zu fragen. Sie aber erhielten keine andere Antwort als Verw\u00fcnschungen und dass ein M\u00e4dchenhaupt vor ihnen auf der See herumtanze, das von einem Heiligenschein umgeben sei und das er haben m\u00fcsse. Wenn die M\u00e4nner solche \u00c4u\u00dferungen vernahmen, zuckten sie die Achseln und gingen auf die Seite, denn sie konnten nicht anders glauben, als dass ihr Kapit\u00e4n um seinen Verstand gekommen sei, und dachten schon daran, ihn abzusetzen. So erreichten sie nun die Tafelbai, eben den Punkt, wo wir uns befinden und wo \u2013\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Furcht \u00fcbermannte den Erz\u00e4hler abermals; er hielt inne und blickte nach allen Seiten um sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Sonne sinkt immer tiefer und bald wird es stockfinster sein; dann ist die Zeit, wo der b\u00f6se Vanderdecken sich sehen l\u00e4sst, darum la\u00df uns rasch enden. Er erreichte nun die Tafelbai und hier ging das Ungemach erst recht an; der Wind blies ihm heftig entgegen. Wochen und Monate vergingen, ohne dass er die Bai zu durchschneiden vermochte; bald lag das Schiff \u00fcber Steuerbords-, bald \u00fcber Backbords-Halsen, aber immer trieb es w\u00e4hrend des einen Ganges ebenso viel r\u00fcckw\u00e4rts, wie es im vorigen gewonnen hatte, und alle M\u00fche und Arbeit war vergebens gewesen. Da ergriff den Vanderdecken eine ungeheure Wut. Er l\u00e4sterte den Namen Gottes und rief: \u203aNun will ich hier segeln bis an das Ende aller Tage! Soll ich mir selbst ein Schrecken und Grauen sein, will ich es auch f\u00fcr alle diejenigen werden, die in mein Kielwasser steuern, solange der Wind weht und der Hahn kr\u00e4ht!\u2039 Und kaum hatte er diese Worte gesprochen, als der Hahn, der sich in den H\u00fchnerhocken befand, \u00fcberlaut zu kr\u00e4hen anfing. In demselben Augenblick brach ein heftiger Sturm aus und das Schiff raste, fast auf die Seite geworfen, mit einer solchen Schnelligkeit dahin, wie es noch jetzt die Ungl\u00fcckskinder sehen, die das Schicksal haben, sein Kielwasser zu schneiden.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Seemann, der ein sehr aufmerksamer Zuh\u00f6rer gewesen war, sch\u00fcttelte sich vor Furcht, denn er hatte schon anderswo geh\u00f6rt, dass derjenige, der des Fliegenden Holl\u00e4nders Kielwasser kreuzt, sich selbst den Lebensfaden durchschneidet und leise wiederholte er sich die Worte Vanderdeckens:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSolange der Wind weht,<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Hahn kr\u00e4ht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pfeife des Bootsmanns unterbrach das Gespr\u00e4ch der beiden Maaten. Der Wind hatte etwas geraumt, und die Rahen wurden aufgebra\u00dft. Kaum war die Ordnung wieder hergestellt, als Kapit\u00e4n Claas van Belem das Deck der \u203aGelderland\u2039 betrat. Er gr\u00fc\u00dfte seine Offiziere mit einem m\u00fcrrischen Kopfnicken und begann dann nach seiner Gewohnheit das Quarterdeck auf- und abzuschreiten. \u00dcberall war sein Auge und \u00fcberall fand er etwas zu tadeln. Die Offiziere erhielten entweder offene Verweise oder ironische Lobspr\u00fcche, und die Matrosen wurden bis in die h\u00f6chsten Toppe geschickt, um die Launen des Kapit\u00e4ns auszuf\u00fchren. Die rascheste Befolgung der Befehle reichte nicht aus, den Unmut des Gebieters zu besiegen, sondern dieser wuchs, und wer in seine N\u00e4he kam, war gewiss, die nachdr\u00fccklichsten Beweise seiner Unzufriedenheit zu empfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Bramsahling des Fockmastes trafen zwei junge Toppgasten zusammen, die hierher auf den Udkiek geschickt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbH\u00f6rst das Donnerwetter unter uns, Jantje?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbH\u00f6re es. Ist gerade so, als ob du auf einem Berg stehst; da blitzt und donnert es auch unter dir.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMag sein. Bin niemals auf einem Berg gewesen, au\u00dfer auf dem Hamburger, da hat es aber nicht gedonnert und geblitzt, wohl aber gepaukt und trompetet. Was, zum Teufel, ist denn wieder los?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWei\u00dft es nicht? Der Kapit\u00e4n tr\u00e4gt in seiner Brust eine Art Ding, das man Gewissen nennt. So gro\u00df er auch ist, so ist das kleine Ding doch gr\u00f6\u00dfer und will subtil behandelt sein, darum hat er es am liebsten, wenn es ruhig schl\u00e4ft. Nun aber wacht das unversch\u00e4mte Ding mitunter auf und dann soll es ihn unbarmherzig zwicken und zwacken. Sage mir doch, was tat deine Mutter, als du ein kleines Kind warst, und sie dich in den Schlaf bringen wollte?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie sang mir etwas vor vom wei\u00dfen G\u00e4nschen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSo macht&#8217;s der da unten auch. Er singt seinen Leuten so viel vom Teufelholen und vom Donnerwetter vor, bis das Gewissen die Kneifzange ruhen l\u00e4sst.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas hat es denn mit dem b\u00f6sen Gewissen auf sich? Ist es wahr, dass er eine h\u00fcbsche Frau hatte?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSo ist es, Backsmaat! Sie war so sch\u00f6n, dass man sie das Auge von Brabant nannte, denn sie war in Brabant geboren. Sie trug auch ihren Mann auf H\u00e4nden, aber der hat sich nicht sonderlich um sie gek\u00fcmmert und sie stets rau und kurz behandelt. Dar\u00fcber hat sich das arme Weib gegr\u00e4mt und ist ihm aus dem Wege gegangen. Eines Tages, als der Kapit\u00e4n unverhofft in den Garten tritt, sieht er seine Frau in einer Laube sitzen und ihr zur Seite einen Mann, der sein Angesicht an der Brust des sch\u00f6nen Weibchens verbirgt. Er soll sehr aufgebracht gewesen sein von Galle und Wein, sonst h\u00e4tte er doch wohl erst ein wenig n\u00e4her hingesehen, aber der Teufel hatte ihn schon in den Krallen, darum zog er den Degen und stach beide durch und durch.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAlle Wetter!\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDurch und durch, sage ich dir! Und die Folge davon war, dass er ein paar Tage darauf seine Frau samt ihrem Vater begraben musste.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHalt ein mit deiner Geschichte, mich packt der Schwindel!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSei kein Narr, Bursche! Es ist auch schon aus. Wei\u00dft du nun, warum ihn sein Gewissen wie das h\u00f6llische Feuer brennt? Das ist kein Brand, den man so leicht l\u00f6schen kann.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHaben sie ihn denn nicht f\u00fcr seine Untat gestraft?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHat sich was! Mynheer Claas van Belem ist ein reicher, angesehener Mann, und reiche, angesehene Leute haben immer recht. Er wurde zwar in Gewahrsam gebracht, aber die Doktoren steckten sich dazwischen und sagten \u2013 gib acht, Junge, du sollst h\u00f6ren, dass ich durch die hohe Schule gelaufen bin, und sollst Respekt vor mir kriegen! \u2013 sie sagten, er leide an momentanem Wahnsinn und da k\u00f6nne ihm keiner etwas anhaben.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEin Segel! Ein Segel!\u00ab rief der Udkiekmann vom gro\u00dfen Topp.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Vortopp-M\u00e4nner fuhren bei diesem Ruf erschrocken von ihrer Sahling auf; ihr Blick schweifte \u00fcber den Horizont hin und gleich darauf schrien auch sie: \u00bbEin Segel!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Es d\u00e4mmerte schon. Die Nebel brauten auf dem Meere und machten den Blick in die Ferne unsicher. Man sah hoch im Luv etwas Wei\u00dfes auf den Wellen zittern, es konnte ein Segel, aber auch irgendeine Luftspiegelung sein. In wenigen Minuten war es ganz und gar verschwunden. Die Mannschaft war in Aufruhr. Der Ruf: \u00bbEin Segel!\u00ab war den Matrosen durch Mark und Bein gedrungen, sie sahen schon den verdammten Vanderdecken sich ihnen n\u00e4hern und sie in den Abgrund ziehen. \u00dcberall steckte man die K\u00f6pfe zusammen, \u00fcberall war ein unheimliches Fl\u00fcstern: \u00bbWenn er es ist, haben wir ihn in einer Stunde l\u00e4ngsseits.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbUnd dann setzt er ein Boot aus.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas tut er immer. Und Gnade uns Gott, wenn er an Bord kommt; dann bringt er Briefe, \u00fcber deren Bestellung uns der Atem ausgehen kann.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVerdammt sei mein Eifer, an Bord dieses heillosen Schiffes zu gehen! Nun muss ich doch in den Rachen dieses Teufels fahren und kann nicht mit meiner Gesche Hochzeit machen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Auch auf dem Halbdeck herrschte einige Aufregung; die Offiziere warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu. Der Kapit\u00e4n trat zu ihnen: \u00bbWollen die Offiziere den Matrosen nach\u00e4ffen, die schon alle den Verstand verloren haben und nach einem Gespenst Ausschau halten, das nirgends als in ihrem Gehirn spukt?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDoch, Kapit\u00e4n!\u00ab entgegnete der erste Offizier, ein alter, sturmfester Seemann. \u00bbDer Mord hat den Fliegenden Holl\u00e4nder auf das fl\u00fcchtige Element gebannt, und leicht wittert er Blut. Ich geh\u00f6re nicht zu den starken Geistern, die alles hinwegleugnen wollen, was \u00fcber ihren Horizont geht, und nie werde ich es mir einfallen lassen, das Dasein jenes unheilvollen Schiffes zu leugnen. Mag er immerhin kommen; fest und ruhig will ich ihm entgegensehen, denn ich habe ein unbelastetes Gewissen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kapit\u00e4n biss sich auf die Lippen und ging hastig auf und nieder; die Offiziere erwarteten mit kalter Resignation den Zornesausbruch ihres Gebieters.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEin Segel! Ein Segel!\u00ab schrie es wieder, und derselbe gespenstische wei\u00dfe Streifen flog in Luv hin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBootsmann!\u00ab rief der Kapit\u00e4n \u00fcberlaut. \u00bbAchtet auf die Leute! Der erste, der wieder ruft: Ein Segel! soll an den Mast gebunden und gepeitscht werden, bis ihm der Atem ausgeht. Ruhe \u00fcberall! \u2013 F\u00fcr jedes Wort, das aus dem ungewaschenen Maul eines Matrosen geht, ein Dutzend Hiebe mit der Katze.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Grabesstille herrschte an Bord des Ostindien-Fahrers; stumm und scheuen Blickes schlichen die Leute aneinander vor\u00fcber. D\u00fcstere Nebel schaukelten sich auf den Wellen, die Nacht brach unheilverk\u00fcndend herein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein junger Offizier, ein Verwandter des Kapit\u00e4ns, wagte es endlich, diesen anzureden. Er erhielt eine kurze, beleidigende Antwort. Jener erwiderte lebhaft. Der Wortwechsel wurde heftiger und au\u00dfer sich schrie der Kapit\u00e4n: \u00bbSchlagt den Rebellen in Ketten.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Offizier trat ganz nahe an ihn heran: \u00bbMich wunderts, dass ihr das Richteramt nicht stehenden Fu\u00dfes aus\u00fcbt, und mich dahin sendet, wohin Ihr meinen Oheim und Euer Weib gesendet habt, sollte es auch abermals in momentanem Wahnsinn geschehen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da wich alles Blut aus dem Gesicht des Kapit\u00e4ns, seine H\u00e4nde ballten sich krampfhaft, und der Schaum trat ihm vor den Mund. Er griff nach dem Dolch, ein Sto\u00df, und der junge Mann lag r\u00f6chelnd am Boden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Schrei des Entsetzens entfuhr den Offizieren, die ihrem sterbenden Kameraden zu Hilfe eilten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJesus Maria und Joseph!\u00ab schrie ein junger Portugiese, der hoch auf dem Spill stand und deutete mit der Hand vor sich hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Finsternis wurde die unf\u00f6rmige Gestalt eines riesenhaften Schiffes sichtbar und schwankte ger\u00e4uschlos vor dem Bug der \u203aGelderland\u2039 vor\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war der Fliegende Holl\u00e4nder!<\/p>\n\n\n\n<p>Mit stillem Grauen starrten die Matrosen die unheilvolle Erscheinung an, die sich langsam fortbewegte und endlich im Nebel verschwand.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kapit\u00e4n zog sich in seine Kaj\u00fcte zur\u00fcck. Die Offiziere standen auf einem Haufen zusammengedr\u00e4ngt und berieten miteinander, w\u00e4hrend einige unerschrockene Toppm\u00e4nner, unter Anleitung des Bootsmanns, die Leiche des jungen Mannes unter Deck trugen. Die Leute rannten in gro\u00dfer Unordnung durcheinander. Keine Ermahnung, kein Befehl der Backsoffiziere vermochte sie zur Ruhe zu verweisen; sie verweigerten den Gehorsam und schickten sich an, Gewalt mit Gewalt zu beantworten.<\/p>\n\n\n\n<p>So ging die Nacht vor\u00fcber und der anbrechende Morgen fand den Aufruhr im vollen Gange. Aber als der erste Strahl des Tages \u00fcber das Deck hinflog, wich der Zorn von den erbleichenden Gesichtern, denn das gespenstische Schiff des entsetzlichen Vanderdecken dehnte sich vor ihnen auf den Wogen und seine Schaluppe stie\u00df von Bord.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Entsetzen sahen Offiziere und Matrosen diesem Schauspiel regungslos zu. Nur der Kapit\u00e4n blickte trotzig um sich; auf seinem Gesicht sah man keine Furcht und halb drohend, halb spottend rief er \u00fcber das Deck hin: \u00bbHaltet ein starkes Tauende bereit, um es diesem Burschen zuzuwerfen. Wir wollen h\u00f6ren, was er uns zu sagen hat.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Befehl ward nicht befolgt, denn alle starrten nach der Schaluppe, die ohne Ruder \u00fcber die Wellen glitt und gerade auf die \u203aGelderland\u2039 zuhielt. Nur ein Mann befand sich darin und starrte das Schiff unverwandten Blickes an.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal beschlich jetzt ein Gef\u00fchl der Furcht das Herz des Kapit\u00e4ns und er unterlie\u00df es, seinem Befehl den geh\u00f6rigen Nachdruck zu geben. Auch sein Auge haftete auf der Schaluppe, die jetzt den Bug streifte und darauf am Fallreep des Steuerbords wie gefesselt lag. Der Seemann, der sich darin befand, stieg das Deck hinan, ging gerade auf den Kapit\u00e4n zu, der sich an die Spitze seiner Offiziere gestellt hatte und fragte mit einer hohlen Grabesstimme: \u00bbWer seid Ihr und woher kommt Ihr?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWir kommen von Amsterdam. Dies ist das Schiff \u203aGelderland\u2039, und ich bin Claas van Belem, der Befehlshaber desselben.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbClaas van Belem, Ihr wollt so gut sein, diese Briefe, die Euch mein Kapit\u00e4n, Mynheer Vanderdecken sendet, mit nach Holland zu nehmen und sie gewissenhaft zu besorgen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas f\u00e4llt Euch ein? Wann soll ich diese Briefe besorgen? Jetzt segle ich nach Batavia und erst in sieben Jahren kehre ich nach Amsterdam zur\u00fcck.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEine kurze Frist! Ihr kehrt immer noch fr\u00fcher zur\u00fcck als wir, denn wir kreuzen hier in der Tafelbai und finden nimmer das Ende. Nehmt die Briefe!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ton des gespenstischen Seemannes war so dringend, so Mitleid erregend und furchtbar zugleich; der Blick, den er auf den Kapit\u00e4n warf, verwirrte diesen so sehr, dass er die Hand ausstreckte und zum gro\u00dfen Entsetzen aller die Briefe annahm.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Augenblick hob sich eine hohe Gestalt \u00fcber die Galerie des Gespensterschiffes empor; sie breitete die Arme aus, wie zum Gru\u00dfe, dann brachte sie das Sprachrohr an den Mund und rief \u00fcber das Meer hin: \u00bbGr\u00fc\u00dft die Heimat!\u00ab Und gleich darauf war sie wieder verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist Vanderdecken!\u00ab sprach der gespenstische Seemann. \u00bbEr sendet nur dem einen Gru\u00df, den er dieser Ehre besonders wert h\u00e4lt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und als er das gesagt hatte, war er vom Deck und seine Schaluppe vom Fallreep verschwunden, das Gespensterschiff aber schien vor den Augen der ganzen Mannschaft in den Abgrund zu sinken.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kapit\u00e4n hielt noch immer die Briefe vor sich hin und las:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAn den ehrenwerten Kaufmann, Mynheer Berend van den Stagen, wohnhaft Stubenhuik 3.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Offizier unterbrach ihn: \u00bbDas Haus Berend van Stagen ist bereits verschollen und Stubenhuik seit l\u00e4nger als hundert Jahren niedergerissen, um an dieser Stelle eine neue Kirche zu bauen. Ihr seht, der Fliegende Holl\u00e4nder ist nun doch bei uns an Bord gewesen und wir sind verloren.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der ausbrechende Sturm verschlang seine Worte und brachte die Tafelbai in solche Aufregung, dass das Schiff binnen wenigen Minuten in die \u00e4u\u00dferste Gefahr geriet. Schwere Gewitterwolken senkten sich immer tiefer herab und umleuchteten es mit ihren Blitzen. Der Notschrei der Mannschaft verhallte ungeh\u00f6rt im Brausen des Sturmes.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schiff \u203aGelderland\u2039 ist nie in Batavia angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heinrich Smidt Hoch auf den Wellen bewegte sich still und unheimlich der m\u00e4chtige Rumpf eines Ostindien-Fahrers, der sich der Tafelbai gegen\u00fcber befand. Seit drei Tagen k\u00e4mpfte er vergebens mit einer Windstille. Die kaum gef\u00fcllten Obersegel brachten ihn nur wenig von der Stelle, und die heftige Str\u00f6mung des Meeres trieb ihn unwiderstehlich seitw\u00e4rts. 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