{"id":390,"date":"2015-10-07T20:17:32","date_gmt":"2015-10-07T18:17:32","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=390"},"modified":"2025-12-28T02:02:58","modified_gmt":"2025-12-28T01:02:58","slug":"die-flasche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-flasche\/","title":{"rendered":"Die Flasche"},"content":{"rendered":"<p>Irisches Elfenm\u00e4rchen \u2013 Gebr. Grimm<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">In den guten Tagen, wo das stille Volk sich noch h\u00e4ufiger sehen lie\u00df, als jetzt in dieser ungl\u00e4ubigen Zeit, lebte ein Mann, Michael Purcell, der einige Acker schlechtes und unfruchtbares Land gepachtet hatte, in der Nachbarschaft der ehemals so ber\u00fchmten Pfr\u00fcnde von Mourne, anderthalb Stunden von Mallow und sieben von Cork. Michael hatte Frau und Kinder, sie taten, was in ihren Kr\u00e4ften stand, das war freilich nicht viel, denn es war noch kein Kind so weit herangewachsen, dass es dem armen Manne bei seiner Arbeit helfen konnte, und die gute Frau besorgte die Kinder, melkte die Kuh, kochte Kartoffeln und trug die Eier nach Mallow; doch wie sie auch schafften, es war kaum genug, um die Pacht zu zahlen. Sie schickten sich eine Zeitlang, so gut es gehen wollte, in die Umst\u00e4nde, doch zuletzt kam ein schlechtes Jahr, das bisschen Hafer verdarb, die H\u00fchnchen verk\u00fcmmerten, das Schwein magerte ab und wurde beinahe f\u00fcr nichts zu Mallow verkauft; und der arme Michael fand, dass er nicht genug hatte, um die H\u00e4lfte des Pachtgeldes zu zahlen und zwei Termine war er schon schuldig.<br \/>\n\u201eWas sollen wir nun anfangen, Marie?\u201c fragte er.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWas wir anfangen sollen?\u201c antwortete sie, \u201eTreib unsere Kuh auf den Markt nach Cork und verkaufe sie dort. Montag ist Markttag, da musst du fr\u00fche gehen, damit das arme Tier sich verschnauft, ehe es auf den Markt kommt.\u201c<br \/>\n\u201eUnd was sollen wir anfangen, wenn sie fort ist?\u201c sagte Mick bek\u00fcmmert.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eDas wei\u00df ich nicht, Michael, doch gewisslich wird uns Gott nicht verlassen und du wei\u00dft doch, wie g\u00fctig er gegen uns war, als der kleine Wilhelm krank lag und wir gar nichts f\u00fcr ihn hatten? Der Doktor von Ballydahin, der sanfte, feine Mann kam geritten und verlangte einen Trank Milch; er gab uns zwei Schillinge, schickte die Arzneien f\u00fcr das Kind und was es sonst n\u00f6tig hatte und gab mir jedes Mal etwas zu essen, wenn ich kam, ihn um Rat zu fragen, den er mir niemals versagte; er kam auch und sah nach dem Kind und h\u00f6rte mit seinen Wohltaten nicht auf, bis es ganz gesund war.\u201c<br \/>\n\u201eDu denkst immer so, Marie, und ich glaube, du hast Recht, darum will ich mir auch \u00fcber den Verkauf der Kuh keine Sorgen machen. Ich will morgen gehen, du musst aber Nadel und Zwirn nehmen und meinen Rock flicken, er ist unter dem Arm aufgerissen.\u201c<br \/>\nMarie versicherte, dass sie alles in Ordnung bringen wollte; den folgenden Tag schickte er sich an und sie sch\u00e4rfte ihm beim Abschied ein, die Kuh nicht anders zu verkaufen, als um den h\u00f6chsten Preis. Michael versprach, es nicht zu vergessen und machte sich auf den Weg. Er trieb die Kuh langsam durch den kleinen Fluss, der den Weg durchschneidet und unter den alten Mauern von Mourne hinrinnt. Als er vorbei kam, fielen seine Augen auf die T\u00fcrme und einen von den alten Holunderst\u00e4mmen, die damals wie kleine Gerten aussahen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eJa\u00ab, rief er aus, \u201eh\u00e4tte ich nur die H\u00e4lfte des Geldes, das unter Euch begraben liegt, so brauchte ich die arme Kuh nicht dahin zu treiben! Ist es nicht ein Jammer, dass es unter der Erde ruht, w\u00e4hrend noch andere als ich es entbehren m\u00fcssen! Nun, wenn es Gottes Wille ist, so komme ich mit etwas Geld in der Tasche zur\u00fcck.\u201c<br \/>\nMit diesen Worten trieb er sein Vieh weiter. Es war ein sch\u00f6ner Tag und die Sonne schien gl\u00e4nzend auf die Mauern der alten Abtei, als er daran vorbei kam. Der Weg f\u00fchrte \u00fcber eine Reihe allm\u00e4hlich aufsteigender Berge, bis er nach drei Stunden auf die Spitze der Anh\u00f6he (die jetzt der Flaschenberg hei\u00dft, aber damals den Namen noch nicht f\u00fchrte) gelangte, an welcher Stelle ihn jemand einholte.<br \/>\n\u201eGuten Morgen!\u201c sagte dieser.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eGuten Morgen!\u201c antwortete Michael freundlich, und sah sich nach dem Fremden um; es war ein kleines M\u00e4nnchen, dass man ihn einen Zwerg h\u00e4tte nennen k\u00f6nnen, doch war er nicht ganz so klein. Er hatte ein altes, verschrumpftes, gelbliches Antlitz, das genau wie welker Blumenkohl aussah, dabei eine d\u00fcnne, kleine Nase, rote Augen und wei\u00dfe Haare. Seine Lippen waren nicht rot, sondern sein ganzes Gesicht von einer Farbe, seine Augen ohne Ruhe, \u00fcberall sich umschauend und obgleich sie rot waren, so ward doch Michaels Herz eiskalt, wenn er sie ansah. Er hatte in der Tat wenig Gefallen an der Gesellschaft des Kleinen, und er konnte nicht das mindeste von seinen Beinen oder seinem K\u00f6rper erblicken; das M\u00e4nnchen hatte sich, obgleich der Tag warm war, ganz in einen dicken, weiten Rock eingewickelt.<br \/>\nMichael trieb die Kuh ein wenig schneller, aber der Kleine hielt sich immer neben ihm. Er wusste nicht, auf welche Art er schritt, denn er f\u00fcrchtete sich zu sehr, um sich nach ihm umzuschauen und wollte auch nicht das Kreuz \u00fcber sich schlagen, denn er war bange, der alte Mann m\u00f6chte zornig werden. Doch deuchte ihn, sein Reisegef\u00e4hrte ginge nicht wie ein anderer Mensch und setzte einen Fu\u00df vor den andern, sondern glitte nur \u00fcber den rauen Weg (und rau war er genug) wie ein Schatten dahin, ohne Ger\u00e4usch und ohne Anstrengung. Dem armen Michael zitterte das Herz im Leibe, er sagte ein Gebet f\u00fcr sich und w\u00fcnschte, er w\u00e4re den Tag nicht ausgegangen, oder er w\u00e4re schon auf dem Markt, oder er brauchte die Kuh nicht zu h\u00fcten, damit er vor dem Gespenst fortlaufen k\u00f6nnte.<br \/>\nMitten in diesen \u00c4ngsten ward er von seinem Gef\u00e4hrten angeredet: \u201eWohin wollt ihr mit der Kuh, lieber Mann?\u201c<br \/>\n\u201eNach dem Markt zu Cork\u00ab, antwortete Michael zitternd bei dem schnarrenden und schneidenden Ton der Stimme<br \/>\n\u201eWollt Ihr sie verkaufen?\u201c sagte der Fremde.<br \/>\n\u201eFreilich treibe ich sie dahin, um sie zu verkaufen.\u201c<br \/>\n\u201eWollt Ihr sie mir verkaufen?\u201c<br \/>\nMichael fuhr erschrocken zur\u00fcck, er f\u00fcrchtete sich, mit dem Kleinen etwas zu tun zu haben und f\u00fcrchtete sich noch mehr, nein zu sagen. Endlich sprach er: \u201eWas wollt Ihr mir daf\u00fcr geben?\u201c<br \/>\n\u201eIch will Euch etwas sagen\u00ab, antwortete der Kleine, \u201eich gebe Euch diese Flasche daf\u00fcr\u00ab; indem er eine Flasche unter dem Mantel hervor holte.<br \/>\nMichael schaute erst ihn und die Flasche an, dann musste er, mitten in seiner Angst, in ein lautes Gel\u00e4chter ausbrechen.<br \/>\n\u201eLacht nach Herzenslust\u00ab, sprach der Kleine, \u201eaber ich sage Euch, diese Flasche ist mehr wert f\u00fcr Euch, als alles Geld, das Ihr f\u00fcr die Kuh in Cork bekommt, ja tausendmal mehr.\u201c<br \/>\nMichael lachte wieder: \u201eIhr denkt wohl\u00ab, sagte er, \u201eich w\u00e4re ein solcher Narr, dass ich meine gute Kuh f\u00fcr so eine Flasche hing\u00e4be, die obendrein noch leer ist? Wahrhaftig, daraus wird nichts.\u201c<br \/>\n\u201eIhr tut besser, wenn Ihr mir die Kuh gebt und die Flasche nehmt; Ihr braucht es Euch nicht leid sein zu lassen.\u201c<br \/>\n\u201eAber Marie, was w\u00fcrde die sagen? Das w\u00fcrde kein Ende nehmen! Und wie sollte ich meine Pacht zahlen? Und was sollen wir anfangen ohne einen Heller Geld?\u201c<br \/>\n\u201eIch versichere Euch, die Flasche ist besser, als alles Geld, nehmt sie und gebt mir die Kuh. Jetzt sage ich es Euch zum letzten Mal, Michael Purcell.\u201c<br \/>\nMichael war best\u00fcrzt. \u201eWie hat er meinen Namen erfahren!\u201c dachte er.<br \/>\nDer Fremde fuhr fort: \u201eMichael Purcell, ich kenne Euch und habe Achtung vor Euch, darum folgt meinem Rat, oder Ihr werdet es empfinden. Wisst, Eure Kuh wird Euch hinfallen, ehe Ihr nach Cork kommt.\u201c<br \/>\nMichael wollte eben sagen: \u201eDas verh\u00fcte Gott!\u201c aber der Kleine setzte hinzu (und Michael war zu aufmerksam, um etwas zu sagen, das ihn schweigen gemacht h\u00e4tte und viel zu h\u00f6flich, als jemand in der Rede zu unterbrechen): \u201eDann sollt Ihr wissen, es wird so viel Vieh auf dem Markt sein, dass Ihr zu einem geringen Preis losschlagen m\u00fc\u00dft und vielleicht fallt Ihr, wenn Ihr nach Haus geht, noch R\u00e4ubern in die H\u00e4nde. Doch wozu sage ich Euch das alles, da Ihr doch entschlossen seid, Euer Gl\u00fcck von Euch zu sto\u00dfen!\u201c<br \/>\n\u201eO nein, Herr, mein Gl\u00fcck m\u00f6chte ich nicht von mir sto\u00dfen\u00ab, sagte Michael, \u201eund w\u00e4re ich gewiss, dass die Flasche so gut ist, als Ihr sagt, obgleich ich niemals gro\u00dfen Gefallen an einer leeren Flasche gehabt, wenn ich sie auch selbst ausgetrunken hatte, so wollte ich Euch die Kuh geben im Namen -\u201c<br \/>\n\u201eBek\u00fcmmert Euch nicht um Namen\u00ab, unterbrach ihn der Kleine, \u201esondern gebt mir die Kuh; ich habe Euch keine Unwahrheit gesagt und wenn Ihr damit heim kommt, so tut genau, was ich Euch hei\u00dfen werde.\u201c<br \/>\nMichael z\u00f6gerte.<br \/>\n\u201eWohlan\u00ab, sagte der Fremde, \u201eguten Tag, Michael Purcell, ich kann nicht l\u00e4nger warten. Noch einmal, nehmt sie hin und seid reich; schlagt sie aus und bettelt f\u00fcr Euern Lebensunterhalt, seht Eure Kinder in Armut, Euer Weib sterbend vor Mangel: das wird Euer Schicksal sein, Michael Purcell.\u201c Bei diesen Worten l\u00e4chelte der Kleine boshaft, was seinen Anblick noch grauenhafter machte.<br \/>\n\u201eMag sein! Ist wohl wahr!\u201c sagte Michael immer noch zaudernd und unschl\u00fcssig, was er tun sollte. Er konnte nicht anders, er musste dem alten Manne glauben und endlich in einem Anfall von Verzweiflung griff er nach der Flasche und sagte: \u201eNehmt die Kuh und wenn Ihr mich belogen habt, so wird Euch der Fluch des Armen treffen.\u201c<br \/>\n\u201eIch achte weder auf Euern Fluch noch auf Euern Segen, Michael Purcell, aber ich habe die Wahrheit gesprochen, das werdet Ihr noch heute abend erfahren, wenn Ihr tut, was ich Euch sage.\u201c<br \/>\n\u201eWas soll ich tun?\u201c fragte Michael.<br \/>\n\u201eWenn Ihr heim kommt, so k\u00fcmmert Euch nicht darum, dass Euer Weib \u00e4rgerlich ist, sondern bleibt selbst gelassen und hei\u00dft sie die Flur sauber kehren, setzt den Tisch zurecht und deckt ein reines Tuch dar\u00fcber, dann stellt die Flasche auf den Boden und sprecht die Worte: Flasche tue deine Schuldigkeit! und Ihr werdet den Erfolg sehen.\u201c<br \/>\n\u201eUnd das ist alles?\u201c fragte Mick.<br \/>\n\u201eNichts weiter\u00ab, sagte der Kleine. \u201eGuten Tag, Michael Purcell, Ihr seid ein reicher Mann.\u201c<br \/>\n\u201eDas gebe Gott!\u201c sagte Michael, als der alte Mann die Kuh forttrieb und er wieder auf dem Heimweg war; doch konnte er nicht umhin den Kopf umzudrehen und dem K\u00e4ufer seiner Kuh nachzusehen, bis er ganz verschwunden war.<br \/>\n\u201eGott beh\u00fcte und bewahre uns!\u201c rief Michael, \u201eDer geh\u00f6rt nicht dieser Welt an. Aber wo ist meine Kuh?\u201c Sie war fort und Michael ging heimw\u00e4rts, Gebete f\u00fcr sich hersagend und seine Flasche fest haltend.<br \/>\n\u201eWas wollt&#8216; ich anfangen\u00ab, dachte er, \u201ewenn sie mir zerbr\u00e4che, doch daf\u00fcr will ich tun\u201c und steckte sie vor seine Brust, besorgt \u00fcber den Erfolg und zweifelhaft \u00fcber den Empfang, den er bei seiner Frau zu erwarten hatte. W\u00e4hrend er Sorge und Erwartung, Furcht und Hoffnung gegeneinander abwog, erreichte er abends seine H\u00fctte und \u00fcberraschte seine Frau, die bei dem Torffeuer am Herde sa\u00df.<br \/>\n\u201eEi, Michael, du bist wieder da! Gewiss bist du nicht nach Cork gekommen! Sprich, was ist dir begegnet? Wo ist die Kuh? Hast du sie verkauft? Wie viel hast du daf\u00fcr gel\u00f6st? Was gibt es Neues? Erz\u00e4hl mir davon.\u201c<br \/>\n\u201eWillst du mir Zeit lassen, Marie, so will ich dir alles haarklein erz\u00e4hlen. Wo unsere Kuh ist, m\u00f6chtest du gerne wissen; aber das kann ich dir nicht sagen, denn ich wei\u00df am allerwenigsten, wo sie ist.\u201c<br \/>\n\u201eWas hast du daf\u00fcr gel\u00f6st, Michael? Heraus mit dem Geld!\u201c<br \/>\n\u00abKleine Geduld, Marie, und du sollst alles h\u00f6ren.\u201c<br \/>\n\u00abAber was ist das f\u00fcr eine Flasche unter deiner Weste?\u201c fragte Marie, die den hervorragenden Hals bemerkte.<br \/>\n\u00abNun sei vergn\u00fcgt\u00ab, sagte Michael, \u00abdoch ich muss dir erst erz\u00e4hlen!\u201c und stellte die Flasche auf den Tisch. \u201eDas ist alles, was ich f\u00fcr die Kuh bekommen habe.\u201c<br \/>\nDie arme Frau war wie vom Donner ger\u00fchrt. \u201eAlles was du bekommen hast! Und wozu taugt das, Michael? So h\u00e4tte ich doch mein Lebtag nicht gedacht, dass du ein solcher Narr w\u00e4rest. Wie willst du nun die Pacht bezahlen?\u201c<br \/>\n\u00abWillst du Vernunft annehmen, Marie?\u201c sagte Michael, \u00abso will ich dir erz\u00e4hlen, wie der alte Mann, oder wer es sonst war, mir begegnete, nein, er begegnete mir nicht, sondern er war da bei mir, oben auf dem Berg, und wie er mich dazu bewog, ihm die Kuh zu verkaufen und mir sagte, diese Flasche w\u00e4re etwas f\u00fcr mich.\u201c<br \/>\n\u201eWahrhaftig blo\u00df f\u00fcr dich, du Narr!\u201c sagte Marie und griff nach der Flasche, um sie ihrem armen Mann an den Kopf zu werfen. Aber Michael fasste sie geschwind, machte sie ganz gelassen (denn er erinnerte sich an den Befehl des Kleinen) von den H\u00e4nden seines Weibes los und steckte sie wieder vor seine Brust.<br \/>\nDie arme Marie sa\u00df da und weinte w\u00e4hrend ihr Michael seine Geschichte erz\u00e4hlte und sich dabei oft bekreuzigte und segnete. Indessen konnte sie nicht umhin, ihm Glauben beizumessen, zu mal sie an Geister glaubte. Ohne ein Wort zu sprechen stand sie auf und fing an, die Flur mit einem B\u00fcschel Heidekraut zu kehren. Hierauf ordnete sie alles, setzte den langen Tisch zurecht und deckte ein reines Tuch, das einzige, das sie hatten, dar\u00fcber her und Michael stellte die Flasche auf die Erde und sprach: \u201eFlasche, tue deine Schuldigkeit!\u201c<br \/>\n\u201eDort! dort! Mutter, sieh doch!\u201c rief der \u00e4lteste Knabe, ein pausbackiges Kind von f\u00fcnf Jahren, und sprang an seiner Mutter Seite, als zwei winzige kleine Gestalten, wie Lichtstrahlen, aus der Flasche hervorstiegen und in einem Augenblick den Tisch mit silbernen und goldenen Sch\u00fcsseln und Tellern besetzten, auf welchen die k\u00f6stlichsten Speisen lagen, und so wie alles in Ordnung war, wieder in die Flasche hinabstiegen. Michael und seine Frau betrachteten alles mit h\u00f6chstem Erstaunen, denn sie hatten solche Sch\u00fcssel und Teller ihr Lebtag nicht gesehen und glaubten, dergleichen k\u00f6nnte man nicht genug bewundern, so dass sie von dem blo\u00dfen Anschauen allen Hunger verga\u00dfen. Endlich sagte Marie:<br \/>\n\u201eKomm, Michael, und setz dich nieder, versuch&#8217;s und iss ein wenig, du musst ja hungrig sein nach einem so guten Tagwerk.\u201c<br \/>\n\u201eSiehst du, der Mann hat keine Unwahrheit von der Flasche gesagt.\u201c<br \/>\nMichael setzte sich und gab auch den Kindern ihren Platz an dem Tisch; sie hielten eine herrliche Mahlzeit und doch blieb die H\u00e4lfte der Sch\u00fcsseln unanger\u00fchrt.<br \/>\n\u201eMich soll doch wundern\u00ab, sagte Marie, \u201eob den guten, kleinen Herren diese kostbaren Sachen wieder wegnehmen werden!\u201c Sie warteten, aber niemand kam. Da hob Marie sorgf\u00e4ltig Sch\u00fcssel und Teller auf und sprach: \u201eGewisslich, es war keine Unwahrheit, du bist jetzt ein reicher Mann, Michael Purcell.\u201c<br \/>\nSie gingen alle zu Bett, doch nicht um zu schlafen, sondern um zu verabreden, wie sie diese k\u00f6stlichen Dinge, deren sie nicht bedurften, zu Geld machen wollten, um mehr L\u00e4ndereien zu \u00fcbernehmen. Michael ging nach Cork, verkaufte seine Goldsch\u00fcsseln, erhandelte sich Wagen und Pferd und \u00fcberlegte, wie er viel Geld erwerben k\u00f6nnte. Sie gaben sich alle M\u00fche, die Flasche geheim zu halten, doch vergeblich; der Gutsherr brachte es heraus. Eines Tages kam er zu Michael und fragte ihn, wie er zu all dem Geld gekommen w\u00e4re, das er doch in keinem Falle durch die Pacht gewonnen h\u00e4tte; er qu\u00e4lte ihn so lange, bis Michael ihm endlich von der Flasche sagte. Der Gutsherr bot viel Geld, doch daf\u00fcr wollte sie Michael nicht geben, bis er ihm zuletzt alles, was er jetzt in Pacht hatte, als Eigentum anbot. Da dachte Michael, der reich genug war, nun bed\u00fcrfe er des Geldes weiter nicht mehr und gab die Flasche hin.<br \/>\nMichael hatte sich verrechnet, er und die Seinigen verschleuderten das Geld, als wenn es kein Ende nehmen k\u00f6nnte und um die Geschichte kurz zu machen, sie wurden immer \u00e4rmer und \u00e4rmer, bis sie am Ende nichts mehr \u00fcbrig hatten, als eine Kuh, welche Michael abermals wieder vor sich her trieb, um sie auf dem Markt zu Cork zu verkaufen, nicht ohne Hoffnung, dem kleinen Mann von neuem zu begegnen und eine andere Flasche zu erhalten.<br \/>\nDer Tag brach eben an, als er sich von Haus aufmachte und er ging einen guten Schritt, bis er zu der H\u00f6he kam. Die Nebel schliefen noch in den T\u00e4lern und kr\u00e4uselten sich in duftigen Kr\u00e4nzen auf der braunen Heide rings um ihn her. Die Sonne erhob sich zu seiner Linken und vor seinen F\u00fc\u00dfen sprang eine Lerche aus ihrem Lager im Gras und stieg, ihren fr\u00f6hlichen Morgengesang anstimmend, in den blauen Himmel hinauf.<br \/>\nMichael bekreuzigte sich, horchte auf den s\u00fc\u00dfen Gesang der Lerche und musste best\u00e4ndig an das alte, kleine M\u00e4nnchen denken. Da wurde er, gerade als er den Gipfel des Bergs erreichte und seine Augen auf die weite Aussicht vor und hinter sich warf, von der wohlbekannten Stimme sowohl erschreckt, als erfreut, die ihm zurief: \u201eNicht wahr, Michael Purcell, ich sagte dir, du w\u00fcrdest ein reicher Mann werden?\u201c<br \/>\n\u201eGewiss, es war keine L\u00fcge, Herr! Ich w\u00fcnsche Euch einen guten Morgen, aber dass ich zurzeit ein reicher Mann bin, kann ich nicht sagen. Habt Ihr eine andere Flasche? Ich bedarf ihrer so gut, wie vordem. Habt Ihr sie, Herr, hier ist die Kuh daf\u00fcr.\u201c<br \/>\n\u201eUnd hier ist die Flasche\u00ab, sagte der Kleine und l\u00e4chelte, \u201edu wei\u00dft, was du damit zu tun hast.\u201c<br \/>\n\u201eAch ja\u00ab, antwortete er, \u201eich will es schon recht machen.\u201c<br \/>\n\u201eGuten Tag, Herr\u00ab, rief Michael, als er sich auf den Heimweg begab, \u201egutes Gl\u00fcck Euch und gutes Gl\u00fcck dem hohen Berg, dem Flaschenberg, damit er einen Namen bekommt; guten Tag, Herr, guten Tag!\u201c<br \/>\nDamit eilte er, so schnell er konnte, zur\u00fcck, ohne sich nur einmal nach dem Kleinen mit dem wei\u00dfen Gesicht und der Kuh umzuschauen, nur besorgt, seine Flasche heimzubringen. Wohlbehalten langte er damit an und sobald er Marie erblickte, rief er aus: \u201eJa, ich habe eine andere Flasche!\u201c<br \/>\n\u201eTausend!\u201c rief die Frau, \u201ehast du sie? Du bist ein Gl\u00fcckskind, Michael Purcell, ja das bist du!\u201c<br \/>\nSie brachte alles sogleich in Ordnung und Michael, seine Flasche betrachtend, schrie in seiner Freude: \u201eFlasche, tue deine Schuldigkeit!\u201c In einem Augenblick sprangen zwei gro\u00dfe, gewaltige M\u00e4nner aus der Flasche mit dicken Kn\u00fctteln in den H\u00e4nden, die den armen Michael, seine Frau und seine ganze Familie unbarmherzig bl\u00e4uten, bis alles auf dem Boden lag, worauf sie in die Flasche zur\u00fcckeilten. Michael, sobald er wieder zu Besinnung kam, stand auf und sah sich um. Er sann und sann. Endlich hob er Frau und Kinder in die H\u00f6he, und sprach: \u201eMacht, dass Ihr Euch wieder erholt, so gut es geht\u00ab, nahm die Flasche unter den Mantel und begab sich zu seinem Gutsherrn.<br \/>\nDort war gro\u00dfe Gesellschaft und Michael bat einen Bedienten, dem Herrn zu sagen, dass er ein paar Worte mit ihm zu sprechen w\u00fcnsche. Endlich kam der Herr heraus und fragte: \u201eWas bringt Ihr mir neues, Michael?\u201c<br \/>\n\u201eNichts, Herr, als dass ich eine andere Flasche habe.\u201c<br \/>\n\u201eEi, ei! Ist sie auch so gut, wie die erste?\u201c<br \/>\n\u201eJa wohl, Herr, noch besser. Wenn es Euch beliebt, so will ich sie Euch vor allen Herrn und Damen zeigen.\u201c<br \/>\n\u201eTretet nur herein\u00ab, sprach der Gutsherr und Michael ward in den Saal gef\u00fchrt, wo er seine alte Flasche erblickte, die oben auf dem Gesimse stand. \u201eSieh da!\u201c sagte er sich selbst, \u201eVielleicht habe ich dich in kurzem wieder!\u201c<br \/>\n\u201eWohlan\u00ab, sagte der Gutsherr, \u201ezeigt her Eure Flasche!\u201c<br \/>\nMichael setzte sie auf den Boden und sprach die Zauberworte. In einem Augenblick lag der Gutsherr darnieder, Damen und Herren, Bediente und wer sonst zugegen war, rannten, schrien, w\u00e4lzten sich, stie\u00dfen mit den F\u00fc\u00dfen und heulten. Becher und Teller rollten nach allen Seiten hin, bis der Gutsherr endlich ausrief: \u201eBring diese zwei Teufel zur Ruhe, Michael Purcell, oder ich lasse dich aufh\u00e4ngen!\u201c<br \/>\n\u201eNicht eher sollen sie aufh\u00f6ren\u00ab, sagte Michael, \u201eals bis Ihr mir meine Flasche wiedergebt, die ich dort oben auf dem Gesims sehe.\u201c<br \/>\n\u201eHolt sie ihm herab\u00ab, sagte der Herr, \u201eehe wir alle ermordet sind.\u201c<br \/>\nMichael steckte die alte Flasche vor seine Brust, die M\u00e4nner sprangen wieder in die neue hinein und er trug sie beide heim. Was soll ich noch weiter erz\u00e4hlen, dass Michael reicher ward, als zuvor, dass sein Sohn die Tochter des Gutsherrn heiratete, dass er und sein Weib in hohem Alter starben und bei ihrer Leichenfeier einige Diener in Streit gerieten und die Flaschen zerbrachen! Doch der Berg hat noch immer den Namen und wird wohl Flaschenberg hei\u00dfen, bis ans Ende der Welt.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irisches Elfenm\u00e4rchen \u2013 Gebr. 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