{"id":374,"date":"2015-10-07T11:01:57","date_gmt":"2015-10-07T09:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=374"},"modified":"2026-01-24T02:57:19","modified_gmt":"2026-01-24T01:57:19","slug":"der-fink-mit-der-goldenen-stimme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-fink-mit-der-goldenen-stimme\/","title":{"rendered":"Der Fink mit der goldenen Stimme"},"content":{"rendered":"<p>M\u00e4rchen aus Ungarn<br \/>\n<!--more--><br \/>\nWo war&#8217;s, wo war&#8217;s nicht, siebenmal sieben K\u00f6nigreiche weit, auch jenseits des Operenzmeeres, aber auch noch jenseits meiner Gro\u00dfmutter Haus, da lebte auf der Welt ein K\u00f6nig. Der hatte drei S\u00f6hne.<\/p>\n<p>Er war schon sehr alt, man musste seine Augen mit Eisenst\u00e4ben st\u00fctzen; einstmals sprach er zu seinen S\u00f6hnen also:<\/p>\n<p>\u00bbMeine S\u00f6hne, wenn ihr mir vom Wasser der Jugend und des Todes br\u00e4chtet und auch den Finken mit der goldenen Stimme herbeischafftet, so g\u00e4be ich euch mein ganzes Reich.\u00ab<\/p>\n<p>Mehr bedurfte es f\u00fcr die drei Prinzen nicht; sie gingen und sattelten alle drei sogleich. Die beiden \u00e4lteren auf sch\u00f6nen Rossen, der j\u00fcngste nur auf einem garstigen Schimmel. Als sie ihn erblickten, begannen sie zu spotten, dass er sich unterfange, also, auf so einem Rechen auszuziehen. Doch der kleine K\u00f6nigssohn auszuschie\u00dfender sich nicht irre machen, ritt immer der Nase lang.<\/p>\n<p>Er ritt und ritt, zog durch siebenmal sieben K\u00f6nigreiche. Seine Br\u00fcder wollten ihn verlocken, er sollte mit ihnen ziehen, doch da sie, kaum erst ausgezogen, ihn auch schon verspottet hatten, so zog er allein. Unterwegs fand er eine schlechte H\u00fctte, darin wohnte eine alte Frau.<\/p>\n<p>\u00bbGott zum Gru\u00df, guten Morgen, Gro\u00dfmutter,\u00ab gr\u00fc\u00dfte der K\u00f6nigssohn.<\/p>\n<p>\u00bbSch\u00f6nen Dank, lieber Sohn! Was f\u00fchrt dich her?\u00ab<\/p>\n<p>Und da erz\u00e4hlte er der Reihe nach, weshalb er in die Welt gezogen.<\/p>\n<p>Sprach die alte Frau:<\/p>\n<p>\u00bbIch wei\u00df nichts davon; doch mache dich auf, jenseits des Waldes wohnt eine andere alte Frau, die kann dir vielleicht etwas sagen.\u00ab<\/p>\n<p>Damit holte sie einen Krug vor, dr\u00fcckte ihn dem K\u00f6nigssohn in die Hand.<\/p>\n<p>\u00bbMein lieber Sohn, wenn du zur\u00fcckkommst, f\u00fclle mir diesen Krug mit dem Wasser des Lebens und bringe ihn mir; f\u00fcr deine gute Tat erwarte Gutes!\u00ab<\/p>\n<p>Der K\u00f6nigssohn zog f\u00fcrbass. Jenseits des Waldes fand er wirklich die andere Alte, doch auch die verstand von seiner Sache gerade so viel wie die Henne vom Abc, sie dr\u00fcckte ihm nur den Krug in die Hand. Aber sie erz\u00e4hlte, dass nicht weit von dort eine Frau wohne, die sei noch \u00e4lter als sie, zu der solle er gehen, dann wird&#8217;s schon gut gehen.<\/p>\n<p>Er zog weiter, fand auch die uralte Frau, sie war noch \u00e4lter als die Milchstra\u00dfe, des Lahmen M\u00e4dchens Bein war damals noch heil, als sie geboren wurde. Der K\u00f6nigssohn gr\u00fc\u00dfte sie:<\/p>\n<p>\u00bbGott zum Gru\u00dfe, guten Tag, Gro\u00dfmutter!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSch\u00f6nen Dank, mein lieber Sohn,\u00ab h\u00e4tte die Alte gesagt, wenn sie gekonnt h\u00e4tte, aber sie stammelte nur. \u00bbUnd was f\u00fchrt dich her?\u00ab<\/p>\n<p>Der K\u00f6nigssohn erz\u00e4hlte nun von Anfang bis zu Ende, dass er vom Wasser der Jugend und des Todes holen wolle und auch den Finken mit der goldenen Stimme entwenden, wenn das m\u00f6glich w\u00e4re, denn sein Vater w\u00fcnsche das. Doch allein w\u00fcrde er nicht weit kommen, also bitte er sie um Rat. Sprach zu ihm die Alte:<\/p>\n<p>\u00bbIn einen gro\u00dfen Baum hast du deine Axt geschlagen, mein lieber Sohn! Doch versuche es nur, vielleicht gelingt es dir. Wenn du von hier fortziehst, gelangst du in einen gro\u00dfen Wald. Mitten darin findest du eine Goldburg; ein Fenster ist immer offen. Dann binde deines Pferdes Schweif auf, dass auch nicht ein Haar stehen bleibt, und springe durchs Fenster hinein. Gleich dort wirst du die Zaubersch\u00f6ne Ilona finden, doch k\u00fcsse sie nicht, denn dann w\u00e4r&#8217;s aus mit dir, sondern rei\u00df ihr ein Haar aus, damit binde des goldstimmigen Finken Schnabel zu, der dort gleich neben der Zaubersch\u00f6nen Ilona in einem K\u00e4fig steht. Zur Linken flie\u00dft das Wasser der Jugend, zur Rechten das des Todes, f\u00fclle deine Kr\u00fcge; und dann mache dich auf; doch gib Acht, dass deines Pferdes Schweif aufgebunden ist, denn sonst merken sie etwas, und du wei\u00dft schon, was danach kommt. Sieh hier diese B\u00fcrste und dieses Ei und dieses Handtuch; wenn du in Not kommst, kannst du dir mit diesen noch helfen.\u00ab<\/p>\n<p>Damit holte auch die dritte Alte einen Krug, gab ihn dem K\u00f6nigssohn zusammen mit der B\u00fcrste, dem Ei und dem Handtuch. Jener indessen machte sich auf; bald war er auch in der Waldesmitte angelangt, bei der Goldburg.<\/p>\n<p>Just Mittag war&#8217;s; die Sonne brannte, dass der K\u00f6nigssohn schier geblendet wurde von dem Glanz, den er erblickte. Auf die Goldburg strahlte die Sonne, das war dieser strahlende Glanz. Er sprang vom Pferd herunter; sein erstes war, den Schwanz aufzubinden. Dann schwang er sich auf und sprang durch das offene Fenster hinein. Dort sperrte er wirklich Mund und Augen auf, denn so etwas hatte er sein Lebtag noch nicht gesehen. In einem Sessel sa\u00df die Zaubersch\u00f6ne Ilona, noch sch\u00f6ner wohl als man sie h\u00e4tte malen k\u00f6nnen, neben ihr in einem K\u00e4fig der Fink mit der goldenen Stimme. Schon neigte er sich \u00fcber der Zaubersch\u00f6nen Ilona Antlitz, es zu k\u00fcssen, doch gerade fiel ihm noch der Alten Rede ein. Er zog ein Goldhaar aus ihrem Haupt, band damit des goldstimmigen Finken Schnabel. Dann sch\u00f6pfte er vom Wasser der Jugend und des Todes; soviel Kr\u00fcge er gebracht, alle tauchte er ein, nahm den K\u00e4fig mitsamt dem Finken mit der goldenen Stimme auf den Sattel, und damit heidi! ging&#8217;s zum Fenster hinaus.<\/p>\n<p>Ja, aber er hatte vergessen des Pferdes Schweif nochmals zu binden, ein Haar hing heraus, r\u00fchrte au die Burg, die erscholl aber so, dass die Feen alle von dem Schall erwachten. Sogleich wussten sie, dass dort jemand gewesen war. So viele ihrer waren, allesamt hinter dem K\u00f6nigssohn her! Fast hatten sie ihn schon erreicht, da schleuderte der K\u00f6nigssohn die B\u00fcrste fort, die ihm die Alte gegeben hatte. Auf der Stelle wurde ein gro\u00dfer Wald aus ihr.<\/p>\n<p>Na, da waren die Feen geleimt; denn wenn man ihnen ein Hindernis in den Weg legt, k\u00f6nnen sie nicht dr\u00fcber weg fliegen; sie mussten sich durch den Wald durchschlagen. Unterdessen war der K\u00f6nigssohn weit fortgeeilt. Doch die Feen brauchen nicht viel, wenn sie erst einmal ihre Fl\u00fcgel benutzen k\u00f6nnen; wie sie aus dem Wald heraus waren, da waren sie sogleich dem Finken mit der goldenen Stimme auf der Spur. Schon brannte der Boden unter des Pferdes Hufen, als der K\u00f6nigssohn das Ei hinschleuderte. Draus wurde pl\u00f6tzlich ein gro\u00dfer Berg, den mussten die Feen zu Fu\u00df \u00fcberschreiten, wenn sie den Finken mit der goldenen Stimme noch einmal sehen wollten. Doch der K\u00f6nigssohn warf, als er sie zum andern male dicht hinter sich sah, das Handtuch von sich; daraus wurde ein Meer, so dass nicht einmal die Feen es durchwaten konnten.<\/p>\n<p>Bald darauf traf er auf seinem Weg die H\u00fctte der Alten, von der er den Rat bekommen hatte. Er brachte ihr einen Krug mit dem Wasser der Jugend. Dann ging er der Reihe nach mit den Kr\u00fcgen zu den alten Frauen.<\/p>\n<p>Jetzt w\u00e4re schon alles gut gewesen, da war der Fink mit der goldenen Stimme und auch das Wasser der Jugend und des Todes, nur eins war schlimm. Auf dem Heimwege traf er mit seinen Br\u00fcdern zusammen, die ganz umsonst ausgezogen waren; und sie sahen dort an seinem Halse die beiden Kr\u00fcge und in seinen H\u00e4nden den K\u00e4fig mit dem goldstimmigen Finken. Kurz entschlossen nahmen sie ihm alles fort und befahlen ihm, dass er sich als Knecht ankleide, bei seinem Vater als Kutscher verdinge und von all dem niemandem etwas sage, denn sonst w\u00fcrden sie ihn t\u00f6ten. Was blieb dem K\u00f6nigssohn anderes \u00fcbrig? Er tat, wie seine Br\u00fcder ihn hie\u00dfen, und versprach, nichts zu sagen. Damit zogen sie heimw\u00e4rts.<\/p>\n<p>Zu Hause freute sich der alte K\u00f6nig, dass seine beiden \u00e4ltesten S\u00f6hne solch wackere M\u00e4nner waren, \u00fcbergab ihnen sogleich ein Drittel seines Reiches. Und seinen j\u00fcngsten Sohn, der als Knecht gekleidet war, nahm er als Kutscher an.<\/p>\n<p>Sie lebten gl\u00fccklich. Die beiden K\u00f6nigss\u00f6hne spielten die Herren und waren gut dran; der j\u00fcngste striegelte Pferde und ackerte.<\/p>\n<p>Einstmals wie sie erwachen, sehen sie, dass vor dem Palast eine goldene Br\u00fccke steht, eine sch\u00f6ne, herrliche Goldbr\u00fccke; auf der Mitte steht die Zaubersch\u00f6ne Ilona und ruft:<\/p>\n<p>\u00bbK\u00f6nig, K\u00f6nig, alter K\u00f6nig! Schicke den von deinen S\u00f6hnen heraus, der mich in meiner Burg beraubt hat!\u00ab<\/p>\n<p>Zuerst staunten sie, wer das sein mag, was sie wohl herf\u00fchre, doch dann fiel ihnen ein, wer es sei und warum sie gekommen. Geht der \u00e4lteste hinaus, sitzt auch zu Pferde, so wie die Zaubersch\u00f6ne Ilona gekommen war, und tritt vor auf die Br\u00fccke. Fragt ihn die Zaubersch\u00f6ne Ilona:<\/p>\n<p>\u00bbK\u00f6nigssohn, sag mir an, auszuschn\u00e4uzenden das Wasser des Todes mir zur Rechten oder zur Linken?\u00ab Da konnte jener nicht mucksen.<\/p>\n<p>\u00bbWenn du&#8217;s nicht wei\u00dft, schicke deinen j\u00fcngeren Bruder heraus, vielleicht wei\u00df der&#8217;s zu sagen.\u00ab<\/p>\n<p>Geht der zweite K\u00f6nigssohn hinaus; die Zaubersch\u00f6ne Ilona fragt auch ihn nach dem Wasser des Todes; aber auch dessen Antwort war keinen Groschen wert.<\/p>\n<p>Jetzt sprach die Zaubersch\u00f6ne Ilona also:<\/p>\n<p>\u00bbK\u00f6nig, K\u00f6nig, alter K\u00f6nig! Wenn niemand aus deinem Hause sagen kann, was ich frage, ziehe ich zum Kampf gegen dich!\u00ab<\/p>\n<p>Da ging der Kutscher hinein zum K\u00f6nig, sprach zu ihm:<\/p>\n<p>\u00bbErlauchter K\u00f6nig, Gnade meinem Haupt, erlaube, dass ich auf die Goldbr\u00fccke hinausgehen darf; vielleicht kann ich dich vor dem Krieg bewahren!\u00ab<\/p>\n<p>Der K\u00f6nig griff zu.<\/p>\n<p>\u00bbGeh nur, doch sprich klug!\u00ab<\/p>\n<p>Schwang sich der K\u00f6nigssohn auf ein Pferd, sprengte geradewegs auf die Br\u00fccke vor die Zaubersch\u00f6ne Ilona.<\/p>\n<p>\u00bbSag mir an, K\u00f6nigssohn, auszuschn\u00e4uzenden das Wasser des Todes mir zur Rechten oder zur Linken?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbZur Linken das Wasser der Jugend, zur Rechten das des Todes!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDas ist richtig,\u00ab sagte die Zaubersch\u00f6ne Ilona. \u00bbUnd was geschah dem Finken mit der goldenen Stimme?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch nahm ein Goldhaar von deinem Haupt, damit band ich seinen Schnabel, und so trug ich ihn fort mitsamt dem K\u00e4fig.\u00ab<\/p>\n<p>Der alte K\u00f6nig und seine beiden S\u00f6hne machten da drinnen gro\u00dfe Augen, doch besonders die beiden K\u00f6nigss\u00f6hne. Sie wussten, dass es jetzt ein Ende hatte mit ihrem Pfingst-K\u00f6nigreich.<\/p>\n<p>Nun fragte die Zaubersch\u00f6ne Ilona den j\u00fcngsten noch:<\/p>\n<p>\u00bbUnd ich, wer bin ich?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDu bist die Zaubersch\u00f6ne Ilona! Aus deiner Burg holte ich das Wasser der Jugend und des Todes und den kleinen Finken mit der goldenen Stimme!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbNun, wenn ich das bin, so bist du mein sch\u00f6nes Herzlieb, Grabscheit und Hacke scheide uns nur!\u00ab<\/p>\n<p>Sie umarmten sich, k\u00fcssten sich, gingen hinein in den k\u00f6niglichen Palast. Von den beiden \u00e4ltesten K\u00f6nigss\u00f6hnen war nur noch die leere St\u00e4tte da; sie waren von dannen gezogen, wer wei\u00df wohin! Der alte K\u00f6nig gab dem jungen Paar das ganze Reich, und sie wurden getraut, hielten eine Hochzeit, von der man siebenmal sieben K\u00f6nigreiche weit h\u00f6rte, und sie leben jetzt noch, wenn sie nicht gestorben sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00e4rchen aus Ungarn<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,149,133],"tags":[],"class_list":["post-374","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-ungarn","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/374","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=374"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/374\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":375,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/374\/revisions\/375"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=374"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=374"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=374"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}