{"id":356,"date":"2015-10-07T10:49:18","date_gmt":"2015-10-07T08:49:18","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=356"},"modified":"2025-12-28T02:20:38","modified_gmt":"2025-12-28T01:20:38","slug":"was-die-ganze-familie-sagte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/was-die-ganze-familie-sagte\/","title":{"rendered":"Was die ganze Familie sagte"},"content":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Was sagte die ganze Familie? Ja, h\u00f6re nun erst, was die kleine Marie sagte. Es war der Geburtstag der kleinen Marie, der sch\u00f6nste von allen Tagen, fand sie. Alle kleinen Freunde und Freundinnen kamen, um mit ihr zu spielen, und ihr feinstes Kleid hatte sie an; das hatte sie von der Gro\u00dfmutter bekommen, die bei dem lieben Gott war; aber die Gro\u00dfmutter hatte es noch selber zugeschnitten und gen\u00e4ht, ehe sie zu dem hellen, sch\u00f6nen Himmel aufflog. Der Tisch in Mariens Stube strahlte von Geschenken; da war die reizendste kleine K\u00fcche mit allem, was zu einer K\u00fcche geh\u00f6rt, und eine Puppe, die die Augen verdrehen und &#8222;Au!&#8220; sagen konnte, wenn man sie auf den Magen dr\u00fcckte. Ja, da war auch ein Bilderbuch, in dem die sch\u00f6nsten Geschichten zu lesen waren, wenn man lesen konnte! Aber sch\u00f6ner als alle Geschichten war es doch, viele Geburtstage zu erleben. <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, es ist sch\u00f6n, zu leben!&#8220; sagte die kleine Marie. Der Pate f\u00fcgte hinzu, dass das das sch\u00f6nste M\u00e4rchen sei. <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Stube nebenan geh\u00f6rte den beiden Br\u00fcdern; es waren gro\u00dfe Knaben; der eine war neun, der andere elf Jahre alt. Sie fanden auch, dass es herrlich war, zu leben, auf ihre Weise zu leben, kein Kinde mehr zu sein wie Marie, sondern flotte Schuljungen, mit einer Eins im Zeugnisbuch, sich mit den Kameraden in aller Freundschaft zu pr\u00fcgeln, im Winter Schlittschuh zu laufen und im Sommer zu radeln, von Ritterburgen, Zugbr\u00fccken und Burgverliesen zu lesen, von Entdeckungen im Innern Afrikas zu h\u00f6ren. Dabei hatte freilich der eine von den Knaben einen Kummer, n\u00e4mlich, dass alles entdeckt werden k\u00f6nnte, ehe er gro\u00df war; dann wollte er auf Abenteuer ausziehen. Das Leben ist das sch\u00f6nste M\u00e4rchen, hatte ja der Pate gesagt, und in diesem M\u00e4rchen spielte man selber eine Rolle. <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Im Erdgescho\u00df lebten und tummelten sich diese Kinder; \u00fcber ihnen wohnte ein anderer Zweig der Familie, auch mit Kindern; aber diese hatten die Kinderschuhe bereits vertreten, so gro\u00df waren sie. Der eine Sohn war siebzehn, der andere zwanzig, aber der dritte war schon sehr alt, wie die kleine Marie sagte; er war f\u00fcnfundzwanzig Jahre und verlobt. Sie waren alle gl\u00fccklich gestellt, hatten gute Eltern, gute Kleider, gute Geistesgaben, und sie wussten, was sie wollten: &#8222;Vorw\u00e4rts! Weg mit all den alten Bretterz\u00e4unen! Aussicht in die ganze Welt hinaus! Das ist das Sch\u00f6nste, was wir kennen. Der Pate hat recht; das Leben ist das sch\u00f6nste M\u00e4rchen!&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Vater und Mutter, beides \u00e4ltere Leute &#8211; nat\u00fcrlich mussten sie \u00e4lter sein als die Kinder -, sagten mit L\u00e4cheln um den Mund, mit L\u00e4cheln im Auge und im Herzen: &#8222;Wie jung sie sind, die jungen Leute! Es geht nicht ganz so zu in der Welt, wie sie glauben; aber es geht. Das Leben ist ein wunderbares, sch\u00f6nes M\u00e4rchen!&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Oben \u00fcber ihnen, dem Himmel ein wenig n\u00e4her, wie man zu sagen pflegt, wenn Leute in der Mansarde wohnen, da wohnte der Pate. Alt war er und doch so jung von Gem\u00fct, immer guter Laune, und dann konnte er Geschichten erz\u00e4hlen, viele und lange. Weit in der Welt herum war er gewesen, und aus allen L\u00e4ndern standen da die reizendsten Sachen in seinem Zimmer. Da waren Bilder von der Decke bis zum Fu\u00dfboden, und mehrere Fensterscheiben waren aus rotem und gelbem Glas; wenn man da hindurchsah, dann lag die ganze Welt in Sonnenschein da, wenn drau\u00dfen auch noch so graues Wetter war. In einem gro\u00dfen Glaskasten wuchsen gr\u00fcne Pflanzen, und in einer Abteilung darin schwammen Goldfische; sie sahen einen so an, als w\u00fcssten sie so vieles, wor\u00fcber sie nicht sprechen wollten. Immer duftete es hier nach Blumen, selbst zur Winterzeit, und dann brannte hier ein gro\u00dfes Feuer im Kamin; es war so am\u00fcsant, davor zu sitzen, hineinzusehen und zu h\u00f6ren, wie es knitterte und knatterte. &#8222;Es liest mir alte Erinnerungen vor!&#8220; sagte der Pate, und auch der kleinen Marie wollte es scheinen, als zeige ihr das Feuer viele Bilder. <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber in dem gro\u00dfen B\u00fccherschrank dicht daneben standen die wirklichen B\u00fccher; in einem derselben las der Pate gar oft, und das nannte er das Buch der B\u00fccher; das war die Bibel. Da stand in Bildern die Geschichte der Welt und aller Menschen, die Sch\u00f6pfung, die S\u00fcndflut, die Geschichte der K\u00f6nige und des K\u00f6nigs der K\u00f6nige. <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Alles, was geschehen ist und geschehen wird, steht in diesem Buch!&#8220; sagte der Pate. &#8222;So unendlich viel in einem einzigen Buch! Denke einmal dar\u00fcber nach! Ja, alles, um war ein Mensch zu bitten hat, ist in den wenigen Worten des Gebets &#8222;Vater unser!&#8220; gesagt; das ist ein Gnadentropfen! Es ist eine Perle des Trostes von Gott. Die wird dem Kind als Geschenk in die Wiege gelegt, die wird ihm als Herz gelegt. Kindchen, bewahre sie wohl. Verliere sie niemals, wie gro\u00df du auch wirst, dann bist du nicht verlassen auf den wechselnden Wegen! Wenn die Worte des Vaterunsers in dich hineinleuchten, bist du nicht verloren!&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Des Paten Augen leuchteten, wenn er so sprach, sie strahlten vor Freude. Einstmals in den jungen Jahren hatten sie geweint. &#8222;Und das war auch gut&#8220;, sagte er, &#8222;Es war die Zeit der Pr\u00fcfung, da sah es tr\u00fcbe aus. Jetzt habe ich Sonnenschein um mich und in mir. Je \u00e4lter man wird, desto deutlicher sieht man in Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck, dass der liebe Gott immer seine Hand \u00fcber uns h\u00e4lt, dass das Leben das sch\u00f6nste M\u00e4rchen ist, und das kann nur Er uns schenken, und seine G\u00fcte w\u00e4hret in alle Ewigkeit!&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Es ist sch\u00f6n, zu leben!&#8220; sagte die kleine Marie. <\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Das sagten auch die kleinen und die gro\u00dfen Knaben; Vater und Mutter und die ganze Familie sagten das, vor allem aber der Pate, und der hatte Erfahrung, er war der \u00e4lteste von ihnen allen, er kannte alle Geschichten, alle M\u00e4rchen, und er sagte, und zwar so recht aus dem Herzen heraus: &#8222;Das Leben ist das sch\u00f6nste M\u00e4rchen!&#8220;<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-356","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/356","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=356"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/356\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":357,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/356\/revisions\/357"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=356"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=356"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=356"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}