{"id":354,"date":"2015-10-07T10:47:47","date_gmt":"2015-10-07T08:47:47","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=354"},"modified":"2026-01-24T02:47:27","modified_gmt":"2026-01-24T01:47:27","slug":"das-maerchen-vom-falschen-prinzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-maerchen-vom-falschen-prinzen\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen vom falschen Prinzen"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Wilhelm Hauff<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Das M\u00e4rchen vom falschen Prinzen von Wilhelm Hauff (H\u00f6rbuch zum Einschlafen)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/TOzxnSWq0Tg?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein ehrsamer Schneidergeselle, namens Labakan, der bei einem geschickten Meister in Alessandria sein Handwerk lernte. Man konnte nicht sagen, dass Labakan ungeschickt mit der Nadel war, im Gegenteil, er konnte recht feine Arbeit machen. Auch tat man ihm unrecht, wenn man ihn geradezu faul schalt; aber ganz richtig war es doch nicht mit dem Gesellen, denn er konnte oft stundenweis in einem fort n\u00e4hen, dass ihm die Nadel in der Hand gl\u00fchend ward und der Faden rauchte, da gab es ihm dann ein St\u00fcck wie keinem anderen; ein andermal aber, und dies geschah leider \u00f6fters, sa\u00df er in tiefen Gedanken, sah mit starren Augen vor sich hin und hatte dabei in Gesicht und Wesen etwas so Eigenes, dass sein Meister und die \u00fcbrigen Gesellen von diesem Zustand nie anders sprachen als: &#8222;Labakan hat wieder sein vornehmes Gesicht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Freitag aber, wenn andere Leute vom Gebet ruhig nach Haus an ihre Arbeit gingen, trat Labakan in einem sch\u00f6nen Kleid, das er sich mit vieler M\u00fche zusammengespart hatte, aus der Moschee, ging langsam und stolzen Schrittes durch die Pl\u00e4tze und Stra\u00dfen der Stadt, und wenn ihm einer seiner Kameraden ein &#8222;Friede sei mit dir&#8220;, oder &#8222;Wie geht es, Freund Labakan?&#8220; bot, so winkte er gn\u00e4dig mit der Hand oder nickte, wenn es hoch kam, vornehm mit dem Kopf. Wenn dann sein Meister im Spa\u00df zu ihm sagte: &#8222;An dir ist ein Prinz verlorengegangen, Labakan&#8220;, so freute er sich dar\u00fcber und antwortete: &#8222;Habt Ihr das auch bemerkt?&#8220; oder: &#8222;Ich habe es schon lange gedacht!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So trieb es der ehrsame Schneidergeselle Labakan schon eine geraume Zeit, sein Meister aber duldete seine Narrheit, weil er sonst ein guter Mensch und geschickter Arbeiter war. Aber eines Tages schickte Selim, der Bruder des Sultans, der gerade durch Alessandria reiste, ein Festkleid zu dem Meister, um einiges daran ver\u00e4ndern zu lassen, und der Meister gab es Labakan, weil dieser die feinste Arbeit machte. Als abends der Meister und die Gesellen sich hinwegbegeben hatten, um nach des Tages Last sich zu erholen, trieb eine unwiderstehliche Sehnsucht Labakan wieder in die Werkstatt zur\u00fcck, wo das Kleid des kaiserlichen Bruders hing. Er stand lange sinnend davor, bald den Glanz der Stickerei, bald die schillernden Farben des Samts und der Seide an dem Kleide bewundernd. Er konnte nicht anders, er musste es anziehen, und siehe da, es passte ihm so trefflich, wie wenn es f\u00fcr ihn w\u00e4re gemacht worden. &#8222;Bin ich nicht so gut ein Prinz als einer?&#8220; fragte er sich, indem er im Zimmer auf und ab schritt. &#8222;Hat nicht der Meister selbst schon gesagt, dass ich zum Prinzen geboren sei?&#8220; Mit den Kleidern schien der Geselle eine ganz k\u00f6nigliche Gesinnung angezogen zu haben; er konnte sich nicht anders denken, als er sei ein unbekannter K\u00f6nigssohn, und als solcher beschloss er, in die Welt zu reisen und einen Ort zu verlassen, wo die Leute bisher so t\u00f6richt gewesen waren, unter der H\u00fclle seines niederen Standes nicht seine angebotene W\u00fcrde zu erkennen. Das prachtvolle Kleid schien ihm von einer g\u00fctigen Fee geschickt, er h\u00fctete sich daher wohl, ein so teures Geschenk zu verschm\u00e4hen, steckte seine geringe Barschaft zu sich und wanderte, beg\u00fcnstigt von dem Dunkel der Nacht, aus Alessandrias Toren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der neue Prinz erregte \u00fcberall auf seiner Wanderschaft Verwunderung, denn das prachtvolle Kleid und sein ernstes, majest\u00e4tisches Wesen wollten gar nicht passen f\u00fcr einen Fu\u00dfg\u00e4nger. Wenn man ihn dar\u00fcber befragte, pflegte er mit geheimnisvoller Miene zu antworten, dass das seine eigenen Ursachen habe. Als er aber merkte, dass er sich durch seine Fu\u00dfwanderungen l\u00e4cherlich machte, kaufte er um geringen Preis ein altes Ross, welches sehr f\u00fcr ihn passte, da es ihn mit seiner gesetzten Ruhe und Sanftmut nie in die Verlegenheit brachte, sich als geschickter Reiter zeigen zu m\u00fcssen, was gar nicht seine Sache war.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages, als er Schritt vor Schritt auf seinem Murva, so hatte er sein Ross genannt, seine Stra\u00dfe zog, schloss sich ein Reiter an ihn an und bat ihn, in seiner Gesellschaft reiten zu d\u00fcrfen, weil ihm der Weg viel k\u00fcrzer werde im Gespr\u00e4ch mit einem anderen. Der Reiter war ein fr\u00f6hlicher, junger Mann, sch\u00f6n und angenehm im Umgang. Er hatte mit Labakan bald ein Gespr\u00e4ch angekn\u00fcpft \u00fcber Woher und Wohin, und es traf sich, dass auch er, wie der Schneidergeselle, ohne Plan in die Welt hinauszog. Er sagte, er hei\u00dfe Omar, sei der Neffe Elfi Beys, des ungl\u00fccklichen Bassas von Kairo, und reise nun umher, um einen Auftrag, den ihm sein Oheim auf dem Sterbebette erteilt habe, auszurichten. Labakan lie\u00df sich nicht so offenherzig \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse aus, er gab ihm zu verstehen, dass er von hoher Abkunft sei und zu seinem Vergn\u00fcgen reise.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden jungen Herren fanden Gefallen aneinander und zogen fort. Am zweiten Tage ihrer gemeinschaftlichen Reise fragte Labakan seinen Gef\u00e4hrten Omar nach den Auftr\u00e4gen, die er zu besorgen habe, und erfuhr zu seinem Erstaunen folgendes: Elfi Bey, der Bassa von Kairo, hatte den Omar seit seiner fr\u00fchesten Kindheit erzogen, und dieser hatte seine Eltern nie gekannt. Als nun Elfi Bey von seinen Feinden \u00fcberfallen worden war und nach drei ungl\u00fccklichen Schlachten, t\u00f6dlich verwundet, fliehen musste, entdeckte er seinem Z\u00f6gling, dass er nicht sein Neffe sei, sondern der Sohn eines m\u00e4chtigen Herrschers, welcher aus Furcht vor den Prophezeiungen seiner Sterndeuter den jungen Prinzen von seinem Hofe entfernt habe, mit dem Schwur, ihn erst an seinem zweiundzwanzigsten Geburtstage wiedersehen zu wollen. Elfi Bey habe ihm den Namen seines Vaters nicht genannt, sondern ihm nur aufs bestimmteste aufgetragen, am f\u00fcnften Tage des kommenden Monats Ramadan, an welchem Tage er zweiundzwanzig Jahre alt werde, sich an der ber\u00fchmten S\u00e4ule El-Serujah, vier Tagreisen \u00f6stlich von Alessandria, einzufinden; dort soll er den M\u00e4nnern, die an der S\u00e4ule stehen w\u00fcrden, einen Dolch, den er ihm gab, \u00fcberreichen mit den Worten: &#8222;Hier bin ich, den ihr suchet&#8220;; wenn sie antworteten: &#8222;Gelobt sei der Prophet, der dich erhielt!&#8220;, so solle er ihnen folgen, sie w\u00fcrden ihn zu seinem Vater f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schneidergeselle Labakan war sehr erstaunt \u00fcber diese Mitteilung, er betrachtete von jetzt an den Prinzen Omar mit neidischen Augen, erz\u00fcrnt dar\u00fcber, dass das Schicksal jenem, obgleich er schon f\u00fcr den Neffen eines m\u00e4chtigen Bassa galt, noch die W\u00fcrde eines F\u00fcrstensohnes verliehen, ihm aber, den es mit allem, was einem Prinzen nottut, ausger\u00fcstet, gleichsam zum Hohn eine dunkle Geburt und einen gew\u00f6hnlichen Lebensweg verliehen habe. Er stellte Vergleichungen zwischen sich und dem Prinzen an. Er musste sich gestehen, es sei jener ein Mann von sehr vorteilhafter Gesichtsbildung; sch\u00f6ne, lebhafte Augen, eine k\u00fchn gebogene Nase, ein sanftes, zuvorkommendes Benehmen, kurz, so viele Vorz\u00fcge des \u00c4u\u00dferen, die jemand empfehlen k\u00f6nnen, waren jenem eigen. Aber so viele Vorz\u00fcge er auch an seinem Begleiter fand, so gestand er sich doch bei diesen Beobachtungen, dass ein Labakan dem f\u00fcrstlichen Vater wohl noch willkommener sein d\u00fcrfte als der wirkliche Prinz.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Betrachtungen verfolgten Labakan den ganzen Tag, mit ihnen schlief er im n\u00e4chsten Nachtlager ein, aber als er morgens aufwachte und sein Blick auf den neben ihm schlafenden Omar fiel, der so ruhig schlafen und von seinem gewissen Gl\u00fcck tr\u00e4umen konnte, da erwachte in ihm der Gedanke, sich durch List oder Gewalt zu erstreben, was ihm das ung\u00fcnstige Schicksal versagt hatte. Der Dolch, das Erkennungszeichen des heimkehrenden Prinzen, sah aus dem G\u00fcrtel des Schlafenden hervor, leise zog er ihn hervor, um ihn in die Brust des Eigent\u00fcmers zu sto\u00dfen. Doch vor dem Gedanken des Mordes entsetzte sich die friedfertige Seele des Gesellen; er begn\u00fcgte sich, den Dolch zu sich zu stecken, das schnellere Pferd des Prinzen f\u00fcr sich aufz\u00e4umen zu lassen, und ehe Omar aufwachte und sich aller seiner Hoffnungen beraubt sah, hatte sein treuloser Gef\u00e4hrte schon einen Vorsprung von mehreren Meilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war gerade der erste Tag des heiligen Monats Ramadan, an welchem Labakan den Raub an dem Prinzen begangen hatte, und er hatte also noch vier Tage, um zu der S\u00e4ule El-Serujah, welche ihm wohlbekannt war, zu gelangen. Obgleich die Gegend, worin sich diese S\u00e4ule befand, h\u00f6chstens noch zwei Tagreisen entfernt sein konnte, so beeilte er sich doch hinzukommen, weil er immer f\u00fcrchtete, von dem wahren Prinzen eingeholt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des zweiten Tages erblickte Labakan die S\u00e4ule El-Serujah. Sie stand auf einer kleinen Anh\u00f6he in einer weiten Ebene und konnte auf zwei bis drei Stunden gesehen werden. Labakans Herz pochte lauter bei diesem Anblick; obgleich er die letzten zwei Tage hindurch Zeit genug gehabt, \u00fcber die Rolle, die er zu spielen hatte, nachzudenken, so machte ihn doch das b\u00f6se Gewissen etwas \u00e4ngstlich, aber der Gedanke, dass er zum Prinzen geboren sei, st\u00e4rkte ihn wieder, so dass er getr\u00f6steter seinem Ziele entgegenging.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gegend um die S\u00e4ule El-Serujah war unbewohnt und \u00f6de, und der neue Prinz w\u00e4re wegen seines Unterhalts etwas in Verlegenheit gekommen, wenn er sich nicht auf mehrere Tage versehen h\u00e4tte. Er lagerte sich also neben seinem Pferd unter einigen Palmen und erwartete dort sein ferneres Schicksal.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen die Mitte des anderen Tages sah er einen gro\u00dfen Zug von Pferden und Kamelen \u00fcber die Ebene her auf die S\u00e4ule El-Serujah zuziehen. Der Zug hielt am Fu\u00dfe des H\u00fcgels, auf welchem die S\u00e4ule stand, man schlug pr\u00e4chtige Zelte auf, und das Ganze sah aus wie der Reisezug eines reichen Bassa oder Scheik. Labakan ahnte, dass die vielen Leute, welche er sah, sich seinetwegen hierher bem\u00fcht hatten, und h\u00e4tte ihnen gerne schon heute ihren k\u00fcnftigen Gebieter gezeigt; aber er m\u00e4\u00dfigte seine Begierde, als Prinz aufzutreten, da ja doch der n\u00e4chste Morgen seine k\u00fchnsten W\u00fcnsche vollkommen befriedigen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Morgensonne weckte den \u00fcbergl\u00fccklichen Schneider zu dem wichtigsten Augenblick seines Lebens, welcher ihn aus einem niederen, unbekannten Sterblichen an die Seite eines f\u00fcrstlichen Vaters erheben sollte; zwar fiel ihm, als er sein Pferd aufz\u00e4umte, um zu der S\u00e4ule hin zureiten, wohl auch das Unrechtm\u00e4\u00dfige seines Schrittes ein; zwar f\u00fchrten ihm seine Gedanken den Schmerz des in seinen sch\u00f6nen Hoffnungen betrogenen F\u00fcrstensohnes vor, aber &#8211; der W\u00fcrfel war geworfen, er konnte nicht mehr ungeschehen machen, was geschehen war, und seine Eigenliebe fl\u00fcsterte ihm zu, dass er stattlich genug aussehe, um dem m\u00e4chtigsten K\u00f6nig sich als Sohn vorzustellen; ermutigt durch diesen Gedanken, schwang er sich auf sein Ross, nahm alle seine Tapferkeit zusammen, um es in einen ordentlichen Galopp zu bringen, und in weniger als einer Viertelstunde war er am Fu\u00dfe des H\u00fcgels angelangt. Er stieg ab von seinem Pferd und band es an eine Staude, deren mehrere an dem H\u00fcgel wuchsen; hierauf zog er den Dolch des Prinzen Omar hervor und stieg den H\u00fcgel hinan. Am Fu\u00df der S\u00e4ule standen sechs M\u00e4nner um einen Greis von hohem, k\u00f6niglichem Ansehen; ein prachtvoller Kaftan von Goldstoff, mit einem wei\u00dfen Kaschmirschal umg\u00fcrtet, der wei\u00dfe, mit blitzenden Edelsteinen geschm\u00fcckte Turban bezeichneten ihn als einen Mann von Reichtum und W\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf ihn ging Labakan zu, neigte sich tief vor ihm und sprach, indem er den Dolch darreichte: &#8222;Hier bin ich, den Ihr suchet. &#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gelobt sei der Prophet, der dich erhielt!&#8220; antwortete der Greis mit Freudentr\u00e4nen. &#8222;Umarme deinen alten Vater, mein geliebter Sohn Omar!&#8220; Der gute Schneider war sehr ger\u00fchrt durch diese feierlichen Worte und sank mit einem Gemisch von Freude und Scham in die Arme des alten F\u00fcrsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nur einen Augenblick sollte er ungetr\u00fcbt die Wonne seines neuen Standes genie\u00dfen; als er sich aus den Armen des f\u00fcrstlichen Greises aufrichtete, sah er einen Reiter \u00fcber die Ebene her auf den H\u00fcgel zueilen. Der Reiter und sein Ross gew\u00e4hrten einen sonderbaren Anblick; das Ross schien aus Eigensinn oder M\u00fcdigkeit nicht vorw\u00e4rts zu wollen, in einem stolpernden Gang, der weder Schritt noch Trab war, zog es daher, der Reiter aber trieb es mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen zu schnellerem Laufe an. Nur zu bald erkannte Labakan sein Ross Murva und den echten Prinzen Omar, aber der b\u00f6se Geist der L\u00fcge war einmal in ihn gefahren, und er beschloss, wie es auch kommen m\u00f6ge, mit eiserner Stirne seine angema\u00dften Rechte zu behaupten.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon aus der Ferne hatte man den Reiter winken gesehen; jetzt war er trotz des schlechten Trabes des Rosses Murva am Fu\u00dfe des H\u00fcgels angekommen, warf sich vom Pferd und st\u00fcrzte den H\u00fcgel hinan. &#8222;Haltet ein!&#8220; rief er. &#8222;Wer ihr auch sein m\u00f6get, haltet ein und lasst euch nicht von dem sch\u00e4ndlichsten Betr\u00fcger t\u00e4uschen; ich hei\u00dfe Omar, und kein Sterblicher wage es, meinen Namen zu missbrauchen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Gesichtern der Umstehenden malte sich tiefes Erstaunen \u00fcber diese Wendung der Dinge; besonders schien der Greis sehr betroffen, indem er bald den einen, bald den anderen fragend ansah; Labakan aber sprach mit m\u00fchsam errungener Ruhe: &#8222;Gn\u00e4digster Herr und Vater, lasst Euch nicht irremachen durch diesen Menschen da! Es ist, soviel ich wei\u00df, ein wahnsinniger Schneidergeselle aus Alessandria, Labakan gehei\u00dfen, der mehr unser Mitleid als unseren Zorn verdient.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zur Raserei aber brachten diese Worte den Prinzen; sch\u00e4umend vor Wut wollte er auf Labakan eindringen, aber die Umstehenden warfen sich dazwischen und hielten ihn fest, und der F\u00fcrst sprach: &#8222;Wahrhaftig, mein lieber Sohn, der arme Mensch ist verr\u00fcckt; man binde ihn und setze ihn auf eines unserer Dromedare, vielleicht, dass wir dem Ungl\u00fccklichen Hilfe schaffen k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wut des Prinzen hatte sich gelegt, weinend rief er dem F\u00fcrsten zu: &#8222;Mein Herz sagt mir, dass Ihr mein Vater seid; bei dem Andenken meiner Mutter beschw\u00f6re ich Euch, h\u00f6rt mich an!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ei, Gott bewahre uns!&#8220; antwortete dieser, &#8222;er f\u00e4ngt schon wieder an, irre zu reden, wie doch der Mensch auf so tolle Gedanken kommen kann!&#8220; Damit ergriff er Labakans Arm und lie\u00df sich von ihm den H\u00fcgel hinunter geleiten; sie setzten sich beide auf sch\u00f6ne, mit reichen Decken beh\u00e4ngte Pferde und ritten an der Spitze des Zuges \u00fcber die Ebene hin. Dem ungl\u00fccklichen Prinzen aber fesselte man die H\u00e4nde und band ihn auf einem Dromedar fest, und zwei Reiter waren ihm immer zur Seite, die ein wachsames Auge auf jede seiner Bewegungen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der f\u00fcrstliche Greis war Saaud, der Sultan der Wechabiten. Er hatte lange ohne Kinder gelebt, endlich wurde ihm ein Prinz geboren, nach dem er sich so lange gesehnt hatte; aber die Sterndeuter, welche er um die Vorbedeutungen des Knaben befragte, taten den Ausspruch, &#8222;dass er bis ins zweiundzwanzigste Jahr in Gefahr stehe, von einem Feinde verdr\u00e4ngt zu werden&#8220;, deswegen, um recht sicherzugehen, hatte der Sultan den Prinzen seinem alten, erprobten Freunde Elfi-Bey zum Erziehen gegeben und zweiundzwanzig schmerzliche Jahre auf seinen Anblick geharrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses hatte der Sultan seinem (vermeintlichen) Sohne erz\u00e4hlt und sich ihm au\u00dferordentlich zufrieden mit seiner Gestalt und seinem w\u00fcrdevollen Benehmen gezeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie in das Land des Sultans kamen, wurden sie \u00fcberall von den Einwohnern mit Freudengeschrei empfangen; denn das Ger\u00fccht von der Ankunft des Prinzen hatte sich wie ein Lauffeuer durch alle St\u00e4dte und D\u00f6rfer verbreitet. Auf den Stra\u00dfen, durch welche sie zogen, waren B\u00f6gen von Blumen und Zweigen errichtet, gl\u00e4nzende Teppiche von allen Farben schm\u00fcckten die H\u00e4user, und das Volk pries laut Gott und seinen Propheten, der ihnen einen so sch\u00f6nen Prinzen gesandt habe. Alles dies erf\u00fcllte das stolze Herz des Schneiders mit Wonne; desto ungl\u00fccklicher musste sich aber der echte Omar f\u00fchlen, der, noch immer gefesselt, in stiller Verzweiflung dem Zuge folgte. Niemand k\u00fcmmerte sich um ihn bei dem allgemeinen Jubel, der doch ihm galt; den Namen Omar riefen tausend und wieder tausend Stimmen, aber ihn, der diesen Namen mit Recht trug, ihn beachtete keiner; h\u00f6chstens fragte einer oder der andere, wen man denn so fest gebunden mit fortfahre, und schrecklich t\u00f6nte in das Ohr des Prinzen die Antwort seiner Begleiter, es sei ein wahnsinniger Schneider.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zug war endlich in die Hauptstadt des Sultans gekommen, wo alles noch gl\u00e4nzender zu ihrem Empfang bereitet war als in den \u00fcbrigen St\u00e4dten. Die Sultanin, eine \u00e4ltliche, ehrw\u00fcrdige Frau, erwartete sie mit ihrem ganzen Hofstaat in dem prachtvollsten Saal des Schlosses. Der Boden dieses Saales war mit einem ungeheuren Teppich bedeckt, die W\u00e4nde waren mit hellblauem Tuch geschm\u00fcckt, das in goldenen Quasten und Schn\u00fcren an gro\u00dfen, silbernen Haken hing.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war schon dunkel, als der Zug anlangte, daher waren im Saale viele kugelrunde, farbige Lampen angez\u00fcndet, welche die Nacht zum Tag erhellten. Am klarsten und vielfarbigsten strahlten sie aber im Hintergrund des Saales, wo die Sultanin auf einem Throne sa\u00df. Der Thron stand auf vier Stufen und war von lauterem Golde und mit gro\u00dfen Amethysten ausgelegt. Die vier vornehmsten Emire hielten einen Baldachin von roter Seide \u00fcber dem Haupte der Sultanin, und der Scheik von Medina f\u00e4chelte ihr mit einer Windfuchtel von wei\u00dfen Pfauenfedern K\u00fchlung zu.<\/p>\n\n\n\n<p>So erwartete die Sultanin ihren Gemahl und ihren Sohn, auch sie hatte ihn seit seiner Geburt nicht mehr gesehen, aber bedeutsame Tr\u00e4ume hatten ihr den Ersehnten gezeigt, dass sie ihn aus Tausenden erkennen wollte. Jetzt h\u00f6rte man das Ger\u00e4usch des nahenden Zuges, Trompeten und Trommeln mischten sich in das Zujauchzen der Menge, der Hufschlag der Rosse t\u00f6nte im Hof des Palastes, n\u00e4her und n\u00e4her rauschten die Tritte der Kommenden, die T\u00fcren des Saales flogen auf, und durch die Reihen der niederfallenden Diener eilte der Sultan an der Hand seines Sohnes vor den Thron der Mutter.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hier&#8220;, sprach er, &#8222;bringe ich dir den, nach welchem du dich so lange gesehnt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sultanin aber fiel ihm in die Rede: &#8222;Das ist mein Sohn nicht!&#8220; rief sie aus, &#8222;das sind nicht die Z\u00fcge, die mir der Prophet im Traume gezeigt hat!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade, als ihr der Sultan ihren Aberglauben verweisen wollte, sprang die T\u00fcre des Saales auf. Prinz Omar st\u00fcrzte herein, verfolgt von seinen W\u00e4chtern, denen er sich mit Anstrengung aller seiner Kraft entrissen hatte, er warf sich atemlos vor dem Throne nieder: &#8222;Hier will ich sterben, lasst mich t\u00f6ten, grausamer Vater; denn diese Schmach dulde ich nicht l\u00e4nger!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Alles war best\u00fcrzt \u00fcber diese Reden; man dr\u00e4ngte sich um den Ungl\u00fccklichen her, und schon wollten ihn die herbeieilenden Wachen ergreifen und ihm wieder seine Bande anlegen, als die Sultanin, die in sprachlosem Erstaunen dieses alles mit angesehen hatte, von dem Throne aufsprang. &#8222;Haltet ein!&#8220; rief sie, &#8222;dieser und kein anderer ist der Rechte, dieser ist&#8217;s, den meine Augen nie gesehen und den mein Herz doch gekannt hat!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die W\u00e4chter hatten unwillk\u00fcrlich von Omar abgelassen, aber der Sultan, entflammt von w\u00fctendem Zorn, rief ihnen zu, den Wahnsinnigen zu binden: &#8222;Ich habe hier zu entscheiden&#8220;, sprach er mit gebietender Stimme, &#8222;und hier richtet man nicht nach den Tr\u00e4umen der Weiber, sondern nach gewissen, untr\u00fcglichen Zeichen. Dieser hier (indem er auf Labakan zeigte) ist mein Sohn; denn er hat mir das Wahrzeichen meines Freundes Elfi, den Dolch, gebracht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gestohlen hat er ihn&#8220;, schrie Omar, &#8222;mein argloses Vertrauen hat er zum Verrat missbraucht!&#8220; Der Sultan aber h\u00f6rte nicht auf die Stimme seines Sohnes; denn er war in allen Dingen gewohnt, eigensinnig nur seinem Urteil zu folgen; daher lie\u00df er den ungl\u00fccklichen Omar mit Gewalt aus dem Saal schleppen. Er selbst aber begab sich mit Labakan in sein Gemach, voll Wut \u00fcber die Sultanin, seine Gemahlin, mit der er doch seit f\u00fcnfundzwanzig Jahren in Frieden gelebt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sultanin aber war voll Kummer \u00fcber diese Begebenheiten; sie war vollkommen \u00fcberzeugt, dass ein Betr\u00fcger sich des Herzens des Sultans bem\u00e4chtigt hatte, denn jenen Ungl\u00fccklichen hatten ihr so viele bedeutsame Tr\u00e4ume als ihren Sohn gezeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sich ihr Schmerz ein wenig gelegt hatte, sann sie auf Mittel, um ihren Gemahl von seinem Unrecht zu \u00fcberzeugen. Es war dies allerdings schwierig; denn jener, der sich f\u00fcr ihren Sohn ausgab, hatte das Erkennungszeichen, den Dolch, \u00fcberreicht und hatte auch, wie sie erfuhr, so viel von Omars fr\u00fcherem Leben von diesem selbst sich erz\u00e4hlen lassen, dass er seine Rolle, ohne sich zu verraten, spielte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie berief die M\u00e4nner zu sich, die den Sultan zu der S\u00e4ule El-Serujah begleitet hatten, um sich alles genau erz\u00e4hlen zu lassen, und hielt dann mit ihren vertrautesten Sklavinnen Rat. Sie w\u00e4hlten und verwarfen dies und jenes Mittel; endlich sprach Melechsalah, eine alte, kluge Zierkassierin: &#8222;Wenn ich recht geh\u00f6rt habe, verehrte Gebieterin, so nannte der \u00dcberbringer des Dolches den, welchen du f\u00fcr deinen Sohn h\u00e4ltst, Labakan, einen verwirrten Schneider?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, so ist es&#8220;, antwortete die Sultanin, &#8222;aber was willst du damit?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was meint Ihr&#8220;, fuhr jene fort, &#8222;wenn dieser Betr\u00fcger Eurem Sohn seinen eigenen Namen aufgeheftet h\u00e4tte? &#8211; Und wenn dies ist, so gibt es ein herrliches Mittel, den Betr\u00fcger zu fangen, das ich Euch ganz im geheimen sagen will.&#8220; Die Sultanin bot ihrer Sklavin das Ohr, und diese fl\u00fcsterte ihr einen Rat zu, der ihr zu behagen schien, denn sie schickte sich an, sogleich zum Sultan zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sultanin war eine kluge Frau, welche wohl die schwachen Seiten des Sultans kannte und sie zu ben\u00fctzen verstand. Sie schien daher, ihm nachgeben und den Sohn anerkennen zu wollen, und bat sich nur eine Bedingung aus; der Sultan, dem sein Aufbrausen gegen seine Frau leid tat, gestand die Bedingung zu, und sie sprach: &#8222;Ich m\u00f6chte gerne den beiden eine Probe ihrer Geschicklichkeit auferlegen; eine andere w\u00fcrde sie vielleicht reiten, fechten oder Speere werfen lassen, aber das sind Sachen, die ein jeder kann; nein, ich will ihnen etwas geben, wozu Scharfsinn geh\u00f6rt! Es soll n\u00e4mlich jeder von ihnen einen Kaftan und ein Paar Beinkleider verfertigen, und da wollen wir einmal sehen, wer die sch\u00f6nsten macht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sultan lachte und sprach: &#8222;Ei, da hast du ja etwas recht Kluges ausgesonnen. Mein Sohn sollte mit deinem wahnsinnigen Schneider wetteifern, wer den besten Kaftan macht? Nein, das ist nichts.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sultanin aber berief sich darauf, dass er ihr die Bedingung zum Voraus zugesagt habe, und der Sultan, welcher ein Mann von Wort war, gab endlich nach, obgleich er schwor, wenn der wahnsinnige Schneider seinen Kaftan auch noch so sch\u00f6n mache, k\u00f6nne er ihn doch nicht f\u00fcr seinen Sohn erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sultan ging selbst zu seinem Sohn und bat ihn, sich in die Grillen seiner Mutter zu schicken, die nun einmal durchaus einen Kaftan von seiner Hand zu sehen w\u00fcnsche. Dem guten Labakan lachte das Herz vor Freude; wenn es nur an dem fehlt, dachte er bei sich, da soll die Frau Sultanin bald Freude an mir erleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Man hatte zwei Zimmer eingerichtet, eines f\u00fcr den Prinzen, das andere f\u00fcr den Schneider; dort sollten sie ihre Kunst erproben, und man hatte jedem nur ein hinl\u00e4ngliches St\u00fcck Seidenzeug, Schere, Nadel und Faden gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sultan war sehr begierig, was f\u00fcr ein Ding von Kaftan wohl sein Sohn zutage f\u00f6rdern werde, aber auch der Sultanin pochte unruhig das Herz, ob ihre List wohl gelingen werde oder nicht. Man hatte den beiden zwei Tage zu ihrem Gesch\u00e4ft ausgesetzt, am dritten lie\u00df der Sultan seine Gemahlin rufen, und als sie erschienen war, schickte er in jene zwei Zimmer, um die beiden Kaftane und ihre Verfertiger holen zu lassen. Triumphierend trat Labakan ein und breitete seinen Kaftan vor den erstaunten Blicken des Sultans aus. &#8222;Siehe her, Vater&#8220;, sprach er, &#8222;siehe her, verehrte Mutter, ob dies nicht ein Meisterst\u00fcck von einem Kaftan ist? Da lass ich es mit dem geschicktesten Hofschneider auf eine Wette ankommen, ob er einen solchen herausbringt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sultanin l\u00e4chelte und wandte sich zu Omar: &#8222;Und was hast du herausgebracht, mein Sohn?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Unwillig warf dieser den Seidenstoff und die Schere auf den Boden: &#8222;Man hat mich gelehrt, ein Ross zu b\u00e4ndigen und einen S\u00e4bel zu schwingen, und meine Lanze trifft auf sechzig G\u00e4nge ihr Ziel &#8211; aber die K\u00fcnste der Nadel sind mir fremd, sie w\u00e4ren auch unw\u00fcrdig f\u00fcr einen Z\u00f6gling Elfi Beys, des Herrschers von Kairo.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Oh, du echter Sohn meines Herrn&#8220;, rief die Sultanin, &#8222;ach, dass ich dich umarmen, dich Sohn nennen d\u00fcrfte! Verzeihet, mein Gemahl und Gebieter&#8220;, sprach sie dann, indem sie sich zum Sultan wandte, &#8222;dass ich diese List gegen Euch gebraucht habe; sehet Ihr jetzt noch nicht ein, wer Prinz und wer Schneider ist; f\u00fcrwahr, der Kaftan ist k\u00f6stlich, den Euer Herr Sohn gemacht hat, und ich m\u00f6chte ihn gerne fragen, bei welchem Meister er gelernt habe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sultan sa\u00df in tiefen Gedanken, misstrauisch bald seine Frau, bald Labakan anschauend, der umsonst sein Err\u00f6ten und seine Best\u00fcrzung, dass er sich so dumm verraten habe, zu bek\u00e4mpfen suchte. &#8222;Auch dieser Beweis gen\u00fcgt nicht&#8220;, sprach er, &#8222;aber ich wei\u00df, Allah sei es gedankt, ein Mittel, zu erfahren, ob ich betrogen bin oder nicht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er befahl, sein schnellstes Pferd vorzufahren, schwang sich auf und ritt in einen Wald, der nicht weit von der Stadt begann. Dort wohnte nach einer alten Sage eine g\u00fctige Fee, Adolzaide gehei\u00dfen, welche oft schon den K\u00f6nigen seines Stammes in der Stunde der Not mit ihrem Rat beigestanden war; dorthin eilte der Sultan.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Mitte des Waldes war ein freier Platz, von hohen Zedern umgeben. Dort wohnte nach der Sage die Fee, und selten betrat ein Sterblicher diesen Platz, denn eine gewisse Scheu davor hatte sich aus alten Zeiten vom Vater auf den Sohn vererbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Sultan dort angekommen war, stieg er ab, band sein Pferd an einen Baum, stellte sich in die Mitte des Platzes und sprach mit lauter Stimme: &#8222;Wenn es wahr ist, dass du meinen V\u00e4tern g\u00fctigen Rat erteiltest in der Stunde der Not, so verschm\u00e4he nicht die Bitte ihres Enkels und rate mir, wo menschlicher Verstand zu kurzsichtig ist!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte kaum die letzten Worte gesprochen, als sich eine der Zedern \u00f6ffnete und eine verschleierte Frau in langen, wei\u00dfen Gew\u00e4ndern hervortrat. &#8222;Ich wei\u00df, warum du zu mir kommst, Sultan Saaud, dein Wille ist redlich; darum soll dir auch meine Hilfe werden. Nimm diese zwei Kistchen! Lass jene beiden, welche deine S\u00f6hne sein wollen, w\u00e4hlen! Ich wei\u00df, dass der, welcher der echte ist, das rechte nicht verfehlen wird.&#8220; So sprach die Verschleierte und reichte ihm zwei kleine Kistchen von Elfenbein, reich mit Gold und Perlen verziert; auf den Deckeln, die der Sultan vergebens zu \u00f6ffnen versuchte, standen Inschriften von eingesetzten Diamanten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sultan besann sich, als er nach Hause ritt, hin und her, was wohl in den Kistchen sein k\u00f6nnte, welche er mit aller M\u00fche nicht zu \u00f6ffnen vermochte. Auch die Aufschrift gab ihm kein Licht in der Sache; denn auf dem einen stand: &#8222;Ehre und Ruhm&#8220;, auf dem anderen: &#8222;Gl\u00fcck und Reichtum&#8220;. Der Sultan dachte bei sich, da w\u00fcrde auch ihm die Wahl schwer werden unter diesen beiden Dingen, die gleich anziehend, gleich lockend seien.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er in seinen Palast zur\u00fcckgekommen war, lie\u00df er die Sultanin rufen und sagte ihr den Ausspruch der Fee, und eine wunderbare Hoffnung erf\u00fcllte sie, dass jener, zu dem ihr Herz sie hinzog, das Kistchen w\u00e4hlen w\u00fcrde, welches seine k\u00f6nigliche Abkunft beweisen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Throne des Sultans wurden zwei Tische aufgestellt; auf sie setzte der Sultan mit eigener Hand die beiden Kistchen, bestieg dann den Thron und winkte einem seiner Sklaven, die Pforte des Saales zu \u00f6ffnen. Eine gl\u00e4nzende Versammlung von Bassas und Emiren des Reiches, die der Sultan berufen hatte, str\u00f6mte durch die ge\u00f6ffnete Pforte. Sie lie\u00dfen sich auf prachtvollen Polstern nieder, welche die W\u00e4nde entlang aufgestellt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie sich alle niedergelassen hatten, winkte der K\u00f6nig zum zweiten Mal, und Labakan wurde hereingef\u00fchrt. Mit stolzem Schritte ging er durch den Saal, warf sich vor dem Throne nieder und sprach: &#8222;Was befiehlt mein Herr und Vater?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sultan erhob sich auf seinem Thron und sprach: &#8222;Mein Sohn! Es sind Zweifel an der Echtheit deiner Anspr\u00fcche auf diesen Namen erhoben worden; eines jener Kistchen enth\u00e4lt die Best\u00e4tigung deiner echten Geburt, w\u00e4hle! Ich zweifle nicht, du wirst das rechte w\u00e4hlen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Labakan erhob sich und trat vor die Kistchen, er erwog lange, was er w\u00e4hlen sollte, endlich sprach er: &#8222;Verehrter Vater! Was kann es H\u00f6heres geben als das Gl\u00fcck, dein Sohn zu sein, was Edleres als den Reichtum deiner Gnade? Ich w\u00e4hle das Kistchen, das die Aufschrift &#8222;Gl\u00fcck und Reichtum&#8220; zeigt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wir werden nachher erfahren, ob du recht gew\u00e4hlt hast; einstweilen setze dich dort auf das Polster zum Bassa von Medina&#8220;, sagte der Sultan und winkte seinen Sklaven.<\/p>\n\n\n\n<p>Omar wurde hereingef\u00fchrt; sein Blick war d\u00fcster, seine Miene traurig, und sein Anblick erregte allgemeine Teilnahme unter den Anwesenden. Er warf sich vor dem Throne nieder und fragte nach dem Willen des Sultans.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sultan deutete ihm an, dass er eines der Kistchen zu w\u00e4hlen habe, er stand auf und trat vor den Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Er las aufmerksam beide Inschriften und sprach: &#8222;Die letzten Tage haben mich gelehrt, wie unsicher das Gl\u00fcck, wie verg\u00e4nglich der Reichtum ist; sie haben mich aber auch gelehrt, dass ein unzerst\u00f6rbares Gut in der Brust des Tapferen wohnt, die Ehre, und dass der leuchtende Stern des Ruhmes nicht mit dem Gl\u00fcck zugleich vergeht. Und sollte ich einer Krone entsagen, der W\u00fcrfel liegt &#8211; Ehre und Ruhm, ich w\u00e4hle euch!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er setzte seine Hand auf das Kistchen, das er erw\u00e4hlt hatte; aber der Sultan befahl ihm, einzuhalten; er winkte Labakan, gleichfalls vor seinen Tisch zu treten, und auch dieser legte seine Hand auf sein Kistchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sultan aber lie\u00df sich ein Becken mit Wasser von dem heiligen Brunnen Zemzem in Mekka bringen, wusch seine H\u00e4nde zum Gebet, wandte sein Gesicht nach Osten, warf sich nieder und betete: &#8222;Gott meiner V\u00e4ter! Der du seit Jahrhunderten unsern Stamm rein und unverf\u00e4lscht bewahrtest, gib nicht zu, dass ein Unw\u00fcrdiger den Namen der Abassiden sch\u00e4nde, sei mit deinem Schutze meinem echten Sohne nahe in dieser Stunde der Pr\u00fcfung!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sultan erhob sich und bestieg seinen Thron wieder; allgemeine Erwartung fesselte die Anwesenden, man wagte kaum zu atmen, man h\u00e4tte ein M\u00e4uschen \u00fcber den Saal gehen h\u00f6ren k\u00f6nnen, so still und gespannt waren alle, die hintersten machten lange H\u00e4lse, um \u00fcber die vorderen nach den Kistchen sehen zu k\u00f6nnen. Jetzt sprach der Sultan: &#8222;\u00d6ffnet die Kistchen&#8220;, und diese, die vorher keine Gewalt zu \u00f6ffnen vermochte, sprangen von selbst auf.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Kistchen, das Omar gew\u00e4hlt hatte, lagen auf einem samtenen Kissen eine kleine goldene Krone und ein Zepter; in Labakans Kistchen &#8211; eine gro\u00dfe Nadel und ein wenig Zwirn! Der Sultan befahl den beiden, ihre Kistchen vor ihn zu bringen. Er nahm das Kr\u00f6nchen von dem Kissen in seine Hand, und wunderbar war es anzusehen, wie er es nahm, wurde es gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer, bis es die Gr\u00f6\u00dfe einer rechten Krone erreicht hatte. Er setzte die Krone seinem Sohn Omar, der vor ihm kniete, auf das Haupt, k\u00fcsste ihn auf die Stirne und hie\u00df ihn zu seiner Rechten sich niedersetzen. Zu Labakan aber wandte er sich und sprach: &#8222;Es ist ein altes Sprichwort: Der Schuster bleibe bei seinem Leisten! Es scheint, als solltest du bei der Nadel bleiben. Zwar hast du meine Gnade nicht verdient, aber es hat jemand f\u00fcr dich gebeten, dem ich heute nichts abschlagen kann; drum schenke ich dir dein armseliges Leben, aber wenn ich dir guten Rates bin, so beeile dich, dass du aus meinem Lande kommst!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Besch\u00e4mt, vernichtet, wie er war, vermochte der arme Schneidergeselle nichts zu erwidern; er warf sich vor dem Prinzen nieder, und Tr\u00e4nen drangen ihm aus den Augen: &#8222;K\u00f6nnt Ihr mir vergeben, Prinz?&#8220; sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Treue gegen den Freund, Gro\u00dfmut gegen den Feind ist des Abassiden Stolz&#8220;, antwortete der Prinz, indem er ihn aufhob, &#8222;gehe hin in Frieden!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;O du mein echter Sohn!&#8220; rief ger\u00fchrt der alte Sultan und sank an die Brust des Sohnes; die Emire und Bassa und alle Gro\u00dfen des Reiches standen auf von ihren Sitzen und riefen: &#8222;Heil dem neuen K\u00f6nigssohn!&#8220; Und unter dem allgemeinen Jubel schlich sich Labakan, sein Kistchen unter dem Arm, aus dem Saal.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ging hinunter in die St\u00e4lle des Sultans, z\u00e4umte sein Ross Murva auf und ritt zum Tore hinaus, Alessandria zu. Sein ganzes Prinzenleben kam ihm wie ein Traum vor, und nur das prachtvolle Kistchen, reich mit Perlen und Diamanten geschm\u00fcckt, erinnerte ihn, dass er doch nicht getr\u00e4umt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er endlich wieder nach Alessandria kam, ritt er vor das Haus seines alten Meisters, stieg ab, band sein R\u00f6slein an die T\u00fcre und trat in die Werkstatt. Der Meister, der ihn nicht gleich kannte, machte ein gro\u00dfes Wesen und fragte, was ihm zu Dienst stehe; als er aber den Gast n\u00e4her ansah und seinen alten Labakan erkannte, rief er seine Gesellen und Lehrlinge herbei, und alle st\u00fcrzten sich wie w\u00fctend auf den armen Labakan, der keines solchen Empfangs gew\u00e4rtig war, stie\u00dfen und schlugen ihn mit B\u00fcgeleisen und Ellenma\u00df, stachen ihn mit Nadeln und zwickten ihn mit scharfen Scheren, bis er ersch\u00f6pft auf einen Haufen alter Kleider niedersank.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er nun so dalag, hielt ihm der Meister eine Strafrede \u00fcber das gestohlene Kleid; vergebens versicherte Labakan, dass er nur deswegen wiedergekommen sei, um ihm alles zu ersetzen, vergebens bot er ihm den dreifachen Schadenersatz, der Meister und seine Gesellen fielen wieder \u00fcber ihn her, schlugen ihn weidlich und warfen ihn zur T\u00fcre hinaus; zerschlagen und zerfetzt stieg er auf das Ross Murva und ritt in eine Karawanserei. Dort legte er sein m\u00fcdes, zerschlagenes Haupt nieder und stellte Betrachtungen an \u00fcber die Leiden der Erde, \u00fcber das so oft verkannte Verdienst und \u00fcber die Nichtigkeit und Fl\u00fcchtigkeit aller G\u00fcter. Er schlief mit dem Entschluss ein, aller Gr\u00f6\u00dfe zu entsagen und ein ehrsamer B\u00fcrger zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und den anderen Tag gereute ihn sein Entschluss nicht; denn die schweren H\u00e4nde des Meisters und seiner Gesellen schienen alle Hoheit aus ihm heraus gepr\u00fcgelt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Er verkaufte um einen hohen Preis sein Kistchen an einen Juwelenh\u00e4ndler, kaufte sich ein Haus und richtete sich eine Werkstatt zu seinem Gewerbe ein. Als er alles eingerichtet und auch ein Schild mit der Aufschrift Labakan, Kleidermacher vor sein Fenster geh\u00e4ngt hatte, setzte er sich und begann mit jener Nadel und dem Zwirn, die er in dem Kistchen gefunden, den Rock zu flicken, welchen ihm sein Meister so grausam zerfetzt hatte. Er wurde von seinem Gesch\u00e4ft abgerufen, und als er sich wieder an die Arbeit setzen wollte, welch sonderbarer Anblick bot sich ihm dar! Die Nadel n\u00e4hte emsig fort, ohne von jemand gef\u00fchrt zu werden; sie machte feine, zierliche Stiche, wie sie selbst Labakan in seinen kunstreichsten Augenblicken nicht gemacht hatte!<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrlich, auch das geringste Geschenk einer g\u00fctigen Fee ist n\u00fctzlich und von gro\u00dfem Wert! Noch einen anderen Wert hatte aber dies Geschenk, n\u00e4mlich: Das St\u00fcckchen Zwirn ging nie aus, die Nadel mochte so flei\u00dfig sein, als sie wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Labakan bekam viele Kunden und war bald der ber\u00fchmteste Schneider weit und breit; er schnitt die Gew\u00e4nder zu und machte den ersten Stich mit der Nadel daran, und flugs arbeitete diese weiter ohne Unterlass, bis das Gewand fertig war. Meister Labakan hatte bald die ganze Stadt zu Kunden; denn er arbeitete sch\u00f6n und au\u00dferordentlich billig, und nur \u00fcber eines sch\u00fcttelten die Leute von Alessandria den Kopf, n\u00e4mlich: dass er ganz ohne Gesellen und bei verschlossenen T\u00fcren arbeitete.<\/p>\n\n\n\n<p>So war der Spruch des Kistchens, Gl\u00fcck und Reichtum verhei\u00dfend, in Erf\u00fcllung gegangen; Gl\u00fcck und Reichtum begleiteten, wenn auch in bescheidenem Ma\u00dfe, die Schritte des guten Schneiders, und wenn er von dem Ruhm des jungen Sultans Omar, der in aller Munde lebte, h\u00f6rte, wenn er h\u00f6rte, dass dieser Tapfere der Stolz und die Liebe seines Volkes und der Schrecken seiner Feinde sei, da dachte der ehemalige Prinz bei sich: &#8222;Es ist doch besser, dass ich ein Schneider geblieben bin; denn um die Ehre und den Ruhm ist es eine gar gef\u00e4hrliche Sache.&#8220; So lebte Labakan, zufrieden mit sich, geachtet von seinen Mitb\u00fcrgern, und wenn die Nadel indes nicht ihre Kraft verloren, so n\u00e4ht sie noch jetzt mit dem ewigen Zwirn der g\u00fctigen Fee Adolzaide.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,96],"tags":[],"class_list":["post-354","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-wilhelm-hauff"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/354","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=354"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/354\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2877,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/354\/revisions\/2877"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=354"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=354"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=354"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}