{"id":349,"date":"2015-10-07T00:22:40","date_gmt":"2015-10-06T22:22:40","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=349"},"modified":"2026-01-24T02:44:46","modified_gmt":"2026-01-24T01:44:46","slug":"die-eule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-eule\/","title":{"rendered":"Die Eule"},"content":{"rendered":"<p>Gebr\u00fcder Grimm<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Vor ein paar hundert Jahren, als die Leute noch lange nicht so klug und verschmitzt waren, als sie heutzutage sind, hat sich in einer kleinen Stadt eine seltsame Geschichte zugetragen. Von ungef\u00e4hr war eine von den gro\u00dfen Eulen, die man Schuhu nennt, aus dem benachbarten Walde bei n\u00e4chtlicher Weile in die Scheuer eines B\u00fcrgers geraten und wagte sich, als der Tag anbrach, aus Furcht vor den andern V\u00f6geln, die, wenn sie sich blicken l\u00e4sst, ein furchtbares Geschrei erheben, nicht wieder aus ihrem Schlupfwinkel heraus. Als nun der Hausknecht morgens in die Scheuer kam, um Stroh zu holen, erschrak er bei dem Anblick der Eule, die da in einer Ecke sa\u00df, so gewaltig, dass er fortlief und seinem Herrn ank\u00fcndigte, ein Ungeheuer, wie er zeit seines Lebens keins erblickt h\u00e4tte, s\u00e4\u00dfe in der Scheuer, drehte die Augen im Kopf herum und k\u00f6nnte einen ohne Umst\u00e4nde verschlingen. &#8218;Ich kenne dich schon,&#8216; sagte der Herr, &#8218;einer Amsel im Felde nachzujagen, dazu hast du Mut genug, aber wenn du ein totes Huhn liegen siehst, so holst du dir erst einen Stock, ehe du ihm nahe kommst. Ich muss nur selbst einmal nachsehen, was das f\u00fcr ein Ungeheuer ist\u2019, setzte der Herr hinzu, ging ganz tapfer zur Scheuer hinein und blickte umher. Als er aber das seltsame und greuliche Tier mit eigenen Augen sah, so geriet er in nicht geringere Angst als der Knecht. Mit ein paar S\u00e4tzen sprang er hinaus, lief zu seinen Nachbarn und bat sie flehentlich, ihm gegen ein unbekanntes und gef\u00e4hrliches Tier Beistand zu leisten; ohnehin k\u00f6nnte die ganze Stadt in Gefahr kommen, wenn es aus der Scheuer, wo es s\u00e4\u00dfe, heraus br\u00e4che. Es entstand gro\u00dfer L\u00e4rm und Geschrei in allen Stra\u00dfen: die B\u00fcrger kamen mit Spie\u00dfen, Heugabeln, Sensen und \u00c4xten bewaffnet herbei, als wollten sie gegen den Feind ausziehen: zuletzt erschienen auch die Herren des Rats mit dem B\u00fcrgermeister an der Spitze. Als sie sich auf dem Markt geordnet hatten, zogen sie zu der Scheuer und umringten sie von allen Seiten. Hierauf trat einer der beherztesten hervor und ging mit gef\u00e4lltem Spie\u00df hinein, kam aber gleich darauf mit einem Schrei und totenbleich wieder herausgelaufen, und konnte kein Wort hervorbringen. Noch zwei andere wagten sich hinein, es erging ihnen aber nicht besser. Endlich trat einer hervor, ein gro\u00dfer starker Mann, der wegen seiner Kriegstaten ber\u00fchmt war, und sprach &#8218;mit blo\u00dfem Ansehen werdet ihr das Unget\u00fcm nicht vertreiben, hier muss Ernst gebraucht werden, aber ich sehe, dass ihr alle zu Weibern geworden seid und keiner den Fuchs bei\u00dfen will.&#8216; Er lie\u00df sich Harnisch, Schwert und Spie\u00df bringen und r\u00fcstete sich. Alle r\u00fchmten seinen Mut, obgleich viele um sein Leben besorgt waren. Die beiden Scheuertore wurden aufgetan, und man erblickte die Eule, die sich indessen in die Mitte auf einen gro\u00dfen Querbalken gesetzt hatte. Er lie\u00df eine Leiter herbeibringen, und als er sie anlegte und sich bereitete hinaufzusteigen, so riefen ihm alle zu, er solle sich m\u00e4nnlich halten, und empfahlen ihn dem heiligen Georg, der den Drachen get\u00f6tet hatte. Als er bald oben war, und die Eule sah, dass er an sie wollte, auch von der Menge und dem Geschrei des Volks verwirrt war und nicht wusste, wohinaus, so verdrehte sie die Augen, str\u00e4ubte die Federn, sperrte die Fl\u00fcgel auf, geschnappte mit dem Schnabel und lie\u00df ihr schuhu, schuhu mit rauer Stimme h\u00f6ren. &#8218;Sto\u00df zu, Stoss zu!&#8216; rief die Menge drau\u00dfen dem tapfern Helden zu. &#8218;Wer hier st\u00e4nde, wo ich stehe\u2019, antwortete er, &#8218;der w\u00fcrde nicht Stoss zu rufen.&#8216; Er setzte zwar den Fu\u00df noch eine Staffel h\u00f6her, dann aber fing er an zu zittern und machte sich halb ohnm\u00e4chtig auf den R\u00fcckweg.<\/span><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Nun war keiner mehr \u00fcbrig, der sich in die Gefahr h\u00e4tte begeben wollen. &#8218;Das Ungeheuer,&#8216; sagten sie, &#8218;hat den st\u00e4rksten Mann, der unter uns zu finden war, durch sein Geschnappen und Anhauchen allein vergiftet und t\u00f6dlich verwundet, sollen wir andern auch unser Leben in die Schanze schlagen?&#8216; Sie ratschlagten, was zu tun w\u00e4re, wenn die ganze Stadt nicht sollte zugrunde gehen. Lange Zeit schien alles vergeblich, bis endlich der B\u00fcrgermeister einen Ausweg fand. &#8218;Meine Meinung geht dahin,&#8216; sprach er, &#8218;dass wir aus gemeinem S\u00e4ckel diese Scheuer samt allem, was darin liegt, Getreide, Stroh und Heu, dem Eigent\u00fcmer bezahlen und ihn schadlos halten, dann aber das ganze Geb\u00e4ude und mit ihm das f\u00fcrchterliche Tier abbrennen, so braucht doch niemand sein Leben daran zu setzen. Hier ist keine Gelegenheit zu sparen, und Knauserei w\u00e4re \u00fcbel angewendet.&#8216; Alle stimmten ihm bei. Also ward die Scheuer an vier Ecken angez\u00fcndet, und mit ihr die Eule j\u00e4mmerlich verbrannt. Wer&#8217;s nicht glauben will, der gehe hin und frage selbst nach.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebr\u00fcder Grimm<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[87,85],"tags":[],"class_list":["post-349","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gebr-grimm","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/349","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=349"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/349\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":350,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/349\/revisions\/350"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=349"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=349"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}