{"id":347,"date":"2015-10-07T00:21:35","date_gmt":"2015-10-06T22:21:35","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=347"},"modified":"2025-12-27T22:58:17","modified_gmt":"2025-12-27T21:58:17","slug":"etwas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/etwas\/","title":{"rendered":"Etwas"},"content":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich will etwas sein&#8220;, sagte der \u00e4lteste von f\u00fcnf Br\u00fcdern, &#8222;ich will etwas n\u00fctzen in de Welt; mag es eine noch so geringe Stellung sein, wenn nur das, was ich ausrichte, etwas Gutes ist, dann ist es in der Tat etwas. Ich will Ziegelsteine machen, die sind nicht zu entbehren, und ich habe wirklich etwas gemacht!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Aber etwas gar zuwenig!&#8220; sprach der zweite Bruder. &#8222;Das, was du tun willst, ist so gut wie gar nichts, das ist Handlangerarbeit und kann durch eine Maschine ausgef\u00fchrt werden. Nein, dann lieber Maurer sein, das ist doch etwas, das will ich sein. Das ist ein Stand! Durch den wird man in die Zunft aufgenommen, wird B\u00fcrger, bekommt seine eigene Fahne, seine Herberge; ja, wenn alles gut geht, kann ich Gesellen halten, werde ich Meister, und meine Frau wird Frau Meisterin hei\u00dfen; das ist doch etwas!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das ist gar nichts&#8220;, sagte der dritte, &#8222;das ist doch au\u00dferhalb der eigentlichen St\u00e4nde, und es gibt viele in einer Stadt, die weit \u00fcber einen Handwerksmeister stehen. Du kannst ein braver Mann sein, allein du geh\u00f6rst als &#8222;Meister&#8220; doch nur zu denen, die man den &#8222;gemeinen&#8220; Mann nennt, nein, da wei\u00df ich etwas Besseres! Ich will Baumeister erden, will mich auf das Gebiet der Kunst, auf das des Denkens begeben, will zu den H\u00f6herstehenden im Reiche des Geistes z\u00e4hlen. Zwar muss ich von der Pike auf dienen, je, dass ich es geradeheraus sage: ich muss als Zimmerlehrling anfangen, muss als Bursche mit der M\u00fctze einhergehen, obgleich ich daran gew\u00f6hnt bin, einen seidenen Hut zu tragen, muss den gew\u00f6hnlichen Gesellen Schnaps und Bier holen, und diese werden mich &#8222;du&#8220; nennen, das ist beleidigend! Aber ich werde mir einbilden, dass das Ganze ein Mummenschanz, dass es Narrenfreiheit ist! Morgen &#8211; das hei\u00dft, wenn ich Geselle bin, gehe ich meinen eigenen Weg, die andern gehen mich nichts an! Ich gehe auf die Akademie, bekomme Zeichenunterricht und hei\u00dfe Architekt! Das ist etwas, das ist viel! Ich kann Wohl-, ja Hochwohlgeboren werden, ja, gar noch etwas mehr bekommen vorn und hinten, und ich baue und baue, ganz wie die andern vor mir gebaut. Das ist immer etwas, worauf man eben bauen kann! Das Ganze ist etwas!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich aber mache mir aus diesem Etwas gar nichts&#8220;, sprach der vierte, &#8222;ich will nicht im Kielwasser anderer segeln, nicht eine Kopie werden; ich will ein Genie werden, will t\u00fcchtiger dastehen als ihr alle miteinander! Ich werde der Sch\u00f6pfer eines neuen Stils, ich gebe die Idee zu einem Geb\u00e4ude, passend f\u00fcr das Klima und das Material des Landes, f\u00fcr die Nationalit\u00e4t des Volkes, f\u00fcr die Entwicklung des Zeitalters, und gebe au\u00dferdem noch ein Stockwerk zu f\u00fcr mein eigenes Genie!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Wenn nun aber das Klima und das Material nichts taugen&#8220;, sagte der f\u00fcnfte, &#8222;das w\u00e4re unangenehmem, denn die \u00fcben ihren Einfluss aus! Die Nationalit\u00e4t kann auch derma\u00dfen \u00fcbertrieben werden, dass sie affektiert wird, die Entwicklung des Zeitalters kann mit dir durchgehen. Ich sehe es schon kommen, dass keiner von euch eigentlich etwas werden wird, wie sehr ihr es auch selber glaubt! Aber tut, was ihr wollt, ich werde euch nicht \u00e4hnlich sein, ich stelle mich au\u00dferhalb der Dinge, ich will \u00fcber das r\u00e4sonieren, was ihr ausrichtet! An jeder Sache klebt etwas, das nicht richtig ist, etwas Verkehrtes, das werde ich heraust\u00fcfteln und besprechen, das ist etwas!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und das tat er dann auch, und die Leute sagten von dem f\u00fcnften: &#8222;An dem ist bestimmt etwas! Er ist ein kluger Kopf! Aber er tut nichts!&#8220; Doch gerade dadurch war er etwas!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Seht, das ist nur eine kleine Geschichte, und doch hat sie kein Ende, solange die Welt steht!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber wurde denn weiter nichts aus den f\u00fcnf Br\u00fcdern? Das war ja nichts und nicht etwas!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">H\u00f6ren wir weiter, es ist ein ganzes M\u00e4rchen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der \u00e4lteste Bruder, der Ziegelsteine fabrizierte, wurde bald inne, dass von jedem Ziegel, wenn er fertig war, eine kleine M\u00fcnze, wenn auch nur von Kupfer, abfiel; doch viele Kupferpfennige, aufeinandergelegt, machen einen blanken Taler, und wo man mit so einem anklopft, sei es beim B\u00e4cker, beim Schlachter, Schneider, ja bei allen, dort fliegt die T\u00fcr auf, und man bekommt, was man braucht; seht, das werfen die Ziegel ab; einige zerbr\u00f6ckelten zwar oder sprangen entzwei, aber selbst die konnte man brauchen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Auf dem hohen Erdwall, dem sch\u00fctzenden Deich an der Meeresk\u00fcste, wollte Margarethe, die arme Frau, sich ein H\u00e4uschen bauen; sie bekam all die zerbr\u00f6ckelten Ziegel und dazu noch einige ganz denn ein gutes Herz hatte der \u00e4lteste Bruder, wenn er es auch in der Tat nicht weiterbrachte, als Ziegelsteine anzufertigen. Die arme Frau baute selbst ihr H\u00e4uschen; es war schmal und eng, das eine Fenster sa\u00df ganz schief, die T\u00fcr war zu niedrig, und das Strohdach h\u00e4tte besser gelegt werden k\u00f6nnen, aber Schutz bot es immerhin, und weit \u00fcber das Meer, das sich mit Gewalt am Wall brach, konnte man von dem H\u00e4uschen hinausschauen; die salzigen Wogen spritzten ihren Schaum \u00fcber das ganze Haus, das noch dastand, als der, der die Mauersteine dazu fabriziert hatte, schon tot und begraben war.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der zweite Bruder, ja der verstand nun das Mauern besser, war er doch auch dazu angelernt. Als er die Gesellenpr\u00fcfung bestanden hatte, schn\u00fcrte er seinen Ranzen und stimmte das Lied des Handwerkers an:<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Weil ich jung bin, will ich wandern,<br \/>\ndrau\u00dfen will ich H\u00e4user bauen,<br \/>\nziehe von einem Ort zum andern;<br \/>\nJugendsinn gibt mir Vertrauen.<br \/>\nUnd kehr ich heim ins Vaterland,<br \/>\nwo mein die Liebst harrt!<br \/>\nHurra, der brave Handwerksstand!<br \/>\nWie bald ich Meister ward!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und das war er dann auch. Als er zur\u00fcckgekehrt und Meister geworden war, baute er in der Stadt ein Haus neben dem andern, eine ganze Stra\u00dfe, und als die Stra\u00dfe vollendet war, sich gut ausnahm und der Stadt zur Zierde gereichte, bauten die H\u00e4uschen ihm wieder ein Haus, das sein Eigentum sein sollte. Doch wie k\u00f6nnen die H\u00e4user wohl bauen? Frage sie, und sie werden dir die Antwort schuldig bleiben; aber die Leute antworten und sagen: &#8222;Allerdings hat ihm die Stra\u00dfe sein Haus gebaut!&#8220; Klein war es und der Fu\u00dfboden war mit Lehm belegt, aber als er mit seiner Braut \u00fcber den Lehmboden dahintanzte, da wurde dieser blank wie poliert, und aus jedem Stein in der Wand sprang eine Blume hervor und schm\u00fcckte das Zimmer wie die kostbarste Tapete. Es war ein h\u00fcbsches Haus und ein gl\u00fcckliches Ehepaar. Die Fahne der Innung flatterte vor dem Hause, Gesellen und Lehrburschen schrien: &#8222;Hurra!&#8220; Ja, war der etwas! Und dann starb er, das war auch etwas!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Nun kam der Architekt, der dritte Bruder, der erst Zimmermannslehrling gewesen und mit der M\u00fctze gegangen war und den Laufburschen gemacht hatte, aber von der Akademie bis zum Baumeister aufgestiegen war, &#8222;Hoch- und Wohlgeborner Herr!&#8220; Ja, hatten die H\u00e4user der Stra\u00dfe den Bruder, der Maurermeister gewesen war, ein Haus gebaut, so erhielt nun die Stra\u00dfe seinen, des Architekten Namen, und das sch\u00f6nste Haus der Stra\u00dfe wurde sein Eigentum; das war etwas, und er war etwas &#8211; und das mit einem langen Titel vorn und hinten. Seine Kinder hie\u00df man &#8222;vornehme&#8220; Kinder, und als er starb, war seine Witwe eine &#8222;Witwe von Stand&#8220; &#8211; das ist etwas! Und sein Name blieb f\u00fcr immer an der Stra\u00dfenecke geschrieben und lebte in aller Munde als Stra\u00dfenname &#8211; ja, das ist etwas!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Darauf kam das Genie, der vierte Bruder, der etwas Neues, etwas Apartes und noch ein Stockwerk dar\u00fcber erfinden wollte, aber das fiel herunter, und er selbst fiel auch herunter und brach sich das Genick &#8211; allein er bekam ein sch\u00f6nes Begr\u00e4bnis mit Zunftfahnen und Musik, Blumen in der Zeitung und auf der Stra\u00dfe \u00fcber das Pflaster hin, und man hielt ihm drei Leichenreden, eine l\u00e4nger als die andere, und das h\u00e4tte ihn sehr erfreut, denn er hatte es sehr gern, wenn von ihm geredet wurde; auch ein Monument wurde ihm auf seinem Grab errichtet, zwar nur ein Stockwerk hoch, aber das ist immerhin etwas!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Er war nun gestorben wie die drei anderen Br\u00fcder; der letzte aber, der, welcher r\u00e4sonierte, \u00fcberlebte sie alle, und das war ja eben richtig so, wie es sein sollte, denn dadurch hatte er ja das letzte Wort, und ihm war es von gro\u00dfer Wichtigkeit, das letzte Wort zu haben. War er doch ein kluger Kopf, wie die Leute sagten. Endlich schlug aber auch seine Stunde, er starb und kam an die Pforten des Himmels. Dort treten stets je zwei heran; er stand da mit einer anderen Seele, die auch gern hineinwollte, und das war gerade die alte Frau Margarethe aus dem Haus auf dem Deich.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das geschieht wohl des Kontrastes halber, dass ich und diese elende Seele hier zu gleicher Zeit antreten m\u00fcssen!&#8220; sprach der R\u00e4soneur. &#8222;Nur, wer ist Sie, Frauchen? Will Sie auch hier hinein?&#8220; fragte er.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und die alte Frau verneigte sich, so gut sie es vermochte, sie glaubte, es sei Sankt Petrus selber, der zu ihr sprach. &#8222;Ich bin eine alte, arme Frau ohne alle Familie, bin die alte Margarethe aus dem Haus auf dem Deich.&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Nun, was hat Sie getan, was hat Sie ausgerichtet dort unten?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ich habe wahrscheinlich gar nichts in dieser Welt ausgerichtet! Nichts, wodurch mir k\u00f6nnte aufgeschlossen werden! Es ist wahre Gnade, wenn man erlaubt, dass ich durchs Tor hineinschl\u00fcpfe!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Auf welche Weise hat Sie diese Welt verlassen?&#8220; fragte er weiter, um doch von etwas zu reden, da es ihm Langeweile machte, dort zu stehen und zu warten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Ja, wie ich sie verlassen habe, das wei\u00df ich nicht! Krank und elend war ich ja w\u00e4hrend der letzten Jahre, und ich habe es wohl nicht verragen k\u00f6nnen, aus dem Bett zu kriechen und in Frost und K\u00e4lte so pl\u00f6tzlich hinauszukommen. Es war ein harter Winter, doch jetzt habe ich ihn ja \u00fcberstanden. Es war einige Tage ganz stilles Wetter, aber sehr kalt, wie Euer Ehrw\u00fcrden ja selbst wissen, die Eisdecke ging so weit ins Meer hinaus, als man nur schauen konnte; alle Leute aus der Stadt spazierten aufs Eis hinaus, dort war, wie sie sagten, Schlittschuhlaufen und Tanz, glaube ich, gro\u00dfe Musik und Bewirtung war auch da; die Musik schallte in mein \u00e4rmliches St\u00fcbchen hinein, wo ich lag. Und dann war es so gegen Abend, der Mond war sch\u00f6n aufgegangen, aber noch nicht in seinem vollen Glanze, ich blickte von meinem Bett \u00fcber das ganze weite Meer hinaus, und dort drau\u00dfen, grade am Rande zwischen Himmel und Meer, tauchte eine wunderliche Wolke empor; ich lag da und sah die Wolke an, ich sah auch das schwarze P\u00fcnktchen inmitten der Wolke, das immer gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer wurde, und da wusste ich, was das zu bedeuten hatte; ich bin alt und erfahren, obwohl man das Zeichen nicht oft sieht. Ich kannte es, und ein Grausen \u00fcberkam mich. Habe ich doch zweimal fr\u00fcher bei Lebzeiten das Ding kommen sehen, und wusste ich doch, dass es einen entsetzlichen Sturm mit Springflut geben w\u00fcrde, die \u00fcber die armen Menschen drau\u00dfen k\u00e4me, die jetzt tranken, umher sprangen und jubilierten; jung und alt, die ganze Stadt war ja drau\u00dfen; wer sollte sie warnen, wenn niemand dort das sah und zu deuten wusste, was ich wohl kannte. Mir wurde ganz angst, ich wurde so lebendig wie seit langer Zeit nicht mehr. Aus dem Bett heraus kam ich zum Fenster hin, weiter konnte ich mich vor Mattigkeit nicht schleppen. Es gelang mir aber doch, das Fenster zu \u00f6ffnen; ich sah die Menschen drau\u00dfen auf dem Eis laufen und springen, ich sah auch die sch\u00f6nen Flaggen, die im Winde wehten, ich h\u00f6rte die Knaben Hurra schreien, Knechte und M\u00e4gde sangen, es ging fr\u00f6hlich her, aber &#8211; die wei\u00dfe Wolke mit dem schwarzen Punkt! Ich rief, so laut ich konnte, aber niemand h\u00f6rte mich; ich war zu weit weg von den Leuten entfernt. Bald musste das Unwetter losbrechen, das Eis platzen und alles, was drau\u00dfen war, ohne Rettung verloren sein. Mich h\u00f6ren konnten sie nicht, zu ihnen hinauskommen konnte ich nicht; oh, k\u00f6nnte ich sie doch an Land f\u00fchren! Da gab der gute Gott mir den Gedanken, mein Bett anzuz\u00fcnden, lieber das Haus niederzubrennen, als dass die Vielen so j\u00e4mmerlich umkommen sollten. Es gelang mir, ein Licht anzuz\u00fcnden; die rote Flamme loderte hoch empor &#8211; ja, ich entkam gl\u00fccklich durch die T\u00fcr, aber davor blieb ich liegen, ich konnte nicht weiter; die Flamme leckte nach mir heraus, flackerte aus den Fenstern, loderte hoch aus dem Dach empor; die Menschen alle drau\u00dfen auf dem Eis wurden sie gewahr, und alle liefen sie, was sie konnten, um einer Armen zu Hilfe zu eilen, die sie lebendig verbrennen w\u00e4hnten; nicht einer war da, der nicht lief; ich h\u00f6rte sie kommen, aber ich vernahm auch, wie es mit einemmal in der Luft brauste, ich h\u00f6rte es dr\u00f6hnen wie schwere Kanonensch\u00fcsse; die Springflut hob die Eisdecke, die in tausend St\u00fccke zerschellte; aber die Leute erreichten den Damm, wo die Funken \u00fcber mir dahinflogen; ich rettete sie alle! Doch ich habe wohl die K\u00e4lte nicht vertragen k\u00f6nnen und auch nicht den Schrecken, und so bin ich nun hier herauf an das Tor des Himmels gekommen; man sagt ja, es wird auch so einem armen Menschen, wie ich es bin, aufgetan, und jetzt habe ich ja kein Haus mehr auf dem Deich, doch das gibt mir wohl noch keinen Eintritt hier!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Da \u00f6ffnete sich des Himmels Pforte, und der Engel f\u00fchrte die alte Frau hinein; sie verlor einen Strohalm drau\u00dfen, einen der Strohhalme, die in ihrem Lager gewesen waren, als sie es anz\u00fcndete, um die vielen zu retten, und das hatte sich in das reinste Gold verwandelt, und zwar in Gold, das wuchs und sich in den sch\u00f6nsten Blumen und Bl\u00e4ttern empor rankte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Sieh, das brachte die arme Frau!&#8220; sagte der Engel. &#8222;Was bringst du? Ja, ich wei\u00df es wohl, dass du nichts ausgerichtet hast, nicht einmal einen Ziegelstein hast du gemacht; wenn du nur wieder zur\u00fcckgehen und es wenigstens so weit bringen k\u00f6nntest; wahrscheinlich w\u00fcrde der Stein, wenn du ihn gemacht h\u00e4ttest, nicht viel wert sein, doch mit gutem Willen gemacht, w\u00e4re es doch immerhin etwas; aber du kannst nicht zur\u00fcck, und ich kann nichts f\u00fcr dich tun!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Da legte die arme Seele, das M\u00fctterchen aus dem Haus auf dem Deich, ein gutes Wort f\u00fcr ihn ein: &#8222;Sein Bruder hat mir die Ziegelsteine und Brocken geschenkt, aus denen ich mein armseliges Haus zusammengebaut habe, und das war sehr viel f\u00fcr mich Arme! K\u00f6nnten nun nicht all die Brocken und ganzen Ziegelsteine als ein Ziegelstein f\u00fcr ihn gelten? Es ist ein Akt der Gnade gewesen. Er ist ihrer jetzt bed\u00fcrftig, und hier ist ja der Urquell der Gnade!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Dein Bruder, der, den du den Geringsten nanntest&#8220;, sagte der Engel, &#8222;der, dessen ehrliches Tun dir am niedrigsten erschien, schenkt dir seine Himmelsgabe. Du sollst nicht abgewiesen werden, es soll dir erlaubt sein, hier drau\u00dfen zu stehen und nachzusinnen und deinem Leben dort unten aufzuhelfen, aber hinein gelangst du nicht, bevor du nicht in guter Tat &#8211; etwas ausgerichtet hast!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das h\u00e4tte ich besser sagen k\u00f6nnen&#8220;, dachte der R\u00e4soneur, aber er sprach es nicht laut aus, und das war wohl schon &#8222;Etwas&#8220;.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-347","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/347","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=347"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/347\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":348,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/347\/revisions\/348"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=347"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=347"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=347"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}