{"id":329,"date":"2015-10-07T00:10:26","date_gmt":"2015-10-06T22:10:26","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=329"},"modified":"2025-12-27T23:02:34","modified_gmt":"2025-12-27T22:02:34","slug":"der-engel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-engel\/","title":{"rendered":"Der Engel"},"content":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Jedes Mal, wenn ein gutes Kind stirbt, kommt ein Engel Gottes zur Erde hernieder, nimmt das tote Kind auf seine Arme, breitet die gro\u00dfen, wei\u00dfen Fl\u00fcgel aus und pfl\u00fcckt eine ganze Hand voll Blumen, welche er zu Gott hinaufbringt, damit sie dort noch sch\u00f6ner als auf der Erde bl\u00fchen. Der liebe Gott dr\u00fcckt alle Blumen an sein Herz, aber der Blume, welche ihm die liebste ist, gibt er einen Kuss, und dann bekommt sie Stimme und kann in der gro\u00dfen Gl\u00fcckseligkeit mitsingen!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Sieh, Alles dieses erz\u00e4hlte ein Engel Gottes, indem er ein totes Kind zum Himmel fort trug, und das Kind h\u00f6rte wie im Traume; sie flogen \u00fcber die St\u00e4tten in der Heimat, wo der Kleine gespielt hatte und kamen durch G\u00e4rten mit herrlichen Blumen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWelche wollen wir nun mitnehmen und in dem Himmel pflanzen? \u201e fragte der Engel.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Da stand ein schlanker, herrlicher Rosenstock, aber eine b\u00f6se Hand hatte den Stamm abgebrochen, so dass alle Zweige, voll von gro\u00dfen, halbaufgebrochenen Knospen, rundherum vertrocknet hingen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eDer arme Rosenstock! \u201e sagte das Kind. \u201eNimm ihn, damit er oben bei Gott zum Bl\u00fchen kommen kann!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und der Engel nahm ihn, k\u00fcsste das Kind daf\u00fcr, und der Kleine \u00f6ffnete seine Augen zur H\u00e4lfte. Sie pfl\u00fcckten von den reichen Prachtblumen, nahmen aber auch die verachtete Butterblume und das wilde Stiefm\u00fctterchen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eNun haben wir Blumen! \u201e sagte das Kind und der Engel nickte, aber er flog noch nicht zu Gott empor. Es war Nacht und ganz still; sie blieben in der gro\u00dfen Stadt und schwebten in einer der schmalen Gasse umher, wo Haufen Stroh und Asche lagen; es war Umzug gewesen. Da lagen Scherben von Tellern, Gipsst\u00fccke, Lumpen und alte Hutkn\u00f6pfe, was Alles nicht gut aussah.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Der Engel zeigte in allen diesen Wirrwarr hinunter auf einige Scherben eines Blumentopfes und auf einen Klumpen Erde, der da herausgefallen war, und von den Wurzeln einer gro\u00dfen, vertrockneten Feldblume, welche nichts taugte und die man deshalb auf die Gasse geworfen hatte, zusammengehalten wurde.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eDiese nehmen wir mit! \u201e sagte der Engel. \u201eIch werde Dir erz\u00e4hlen, w\u00e4hrend wir fliegen!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie flogen und der Engel erz\u00e4hlte:<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eDort unten in der schmalen Gasse, in dem niedrigen Keller, wohnte ein armer, kranker Knabe. Von seiner Geburt an war er immer bettl\u00e4gerig gewesen; wenn es ihm am besten ging, konnte er auf Kr\u00fccken die kleine Stube ein paar Mal auf und nieder gehen, das war Alles. An einigen Tagen im Sommer fielen die Sonnenstrahlen w\u00e4hrend einer halben Stunde bis in den Keller hinab, und wenn der Knabe dasa\u00df und sich von der warmen Sonne bescheinen lie\u00df und das rote Blut durch seine feinen Finger sah, die er vor das Gesicht hielt, dann hie\u00df es: \u203aHeute ist er aus gewesen!\u2039 Er kannte den Wald in seinem herrlichen Fr\u00fchjahrsgr\u00fcn nur dadurch, dass ihm des Nachbars Sohn den ersten Buchenzweig brachte, den hielt er \u00fcber seinem Haupte und tr\u00e4umte dann unter Buchen zu sein, wo die Sonne scheint und die V\u00f6gel singen. An einem Fr\u00fchlingstage brachte ihm des Nachbars Knabe auch Feldblumen, und unter diesen war zuf\u00e4llig eine mit der Wurzel, deshalb wurde sie in einen Blumentopf gepflanzt und am Bette neben das Fenster gestellt. Die Blume war mit einer gl\u00fccklichen Hand gepflanzt, sie wuchs, trieb neue Zweige und trug jedes Jahr ihre Blumen; sie wurde des kranken Knaben herrlichster Blumengarten, sein kleiner Schatz hier auf Erden; er begoss und pflegte sie, und sorgte daf\u00fcr, dass sie jeden Sonnenstrahl, bis zum letzten, welcher durch das niedrige Fenster hinunter glitt, erhielt; die Blume selbst verwuchs mit seinen Tr\u00e4nen, denn f\u00fcr ihn bl\u00fchte sie, verbreitete sie ihren Duft und erfreute das Auge; gegen sie wendete er sich im Tode, da der Herr ihn rief. Ein Jahr ist er nun bei Gott gewesen, ein Jahr hat die Blume vergessen im Fenster gestanden und ist verdorrt und wurde deshalb beim Umziehen im Kehricht hinaus auf die Stra\u00dfe geworfen. Und dies ist die Blume, die arme vertrocknete Blume, welche wir mit in unsern Blumenstrau\u00df genommen haben, denn diese Blume hat mehr erfreut, als die reichste Blume im Garten einer K\u00f6nigin! \u201e<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eAber woher wei\u00dft Du das Alles? \u201e fragte das Kind, welches der Engel gen Himmel trug.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eIch wei\u00df es\u201c, sagte der Engel, \u201edenn ich war selbst der kleine, kranke Knabe, welcher auf Kr\u00fccken ging; meine Blume kenne ich wohl!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Das Kind \u00f6ffnete seine Augen ganz und sah in des Engels herrliches, frohes Antlitz hinein, und im selben Augenblick befanden sie sich in Gottes Himmel, wo Freude und Gl\u00fcckseligkeit war. Gott dr\u00fcckte das tote Kind an sein Herz und da bekam es Schwingen, wie der andere Engel und flog Hand in Hand mit ihm. Gott dr\u00fcckte alle Blumen an sein Herz, aber die arme verdorrte Feldblume k\u00fcsste er, und sie erhielt Stimme und sang mit allen Engeln, welche Gott umschwebten, einige ganz nahe, andere um diese herum in gro\u00dfen Kreisen und immer weiter fort, in das Unendliche, aber alle gleich gl\u00fccklich. Und alle sangen sie, klein und gro\u00df, samt dem guten, gesegneten Kinde und der armen Feldblume, welche verdorrt dagelegen, hingeworfen in den Kehricht des Umziehtages, in der schmalen, dunkeln Gasse.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-329","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/329","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=329"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/329\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":330,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/329\/revisions\/330"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=329"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=329"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=329"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}