{"id":319,"date":"2015-10-07T00:02:44","date_gmt":"2015-10-06T22:02:44","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=319"},"modified":"2026-01-16T15:26:33","modified_gmt":"2026-01-16T14:26:33","slug":"eisenbahnmaerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/eisenbahnmaerchen\/","title":{"rendered":"Eisenbahnm\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Eisenbahnm\u00e4rchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Heinrich Pr\u00f6hle<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNun, das ist doch nur gut\u201c, &#8211; hatte eine alte dicke H\u00e4sin gesagt, als die Eisenbahn von Braunschweig nach Harzburg er\u00f6ffnet werden sollte, &#8211; \u201enun, das ist doch nur gut, dass man jetzt rascher zur Stadt kommen kann als fr\u00fcher. Mit dem Laufen will es bei meinen Jahren nicht mehr so recht fort und man hat so mancherlei Eink\u00e4ufe zu besorgen, denn die T\u00f6chter wachsen nachgerade heran und man muss an die Ausstattung denken. Und was man hier in Feld und Wald haben kann, ist doch nicht mehr so recht in der Mode, und ich kann es keinem h\u00fcbschen jungen Hasen verdenken, wenn er in dieser Zeit von seiner Allersch\u00f6nsten eine etwas bessere Mitgift verlangt. Kauft man doch auf der Braunschweiger Messe so billig ein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So hatte die Alte gesprochen, und \u00e4hnlich dachten die andern Tiere des Harzwaldes. Als nun die Eisenbahn er\u00f6ffnet war, welche so recht dicht an die Harzberge dran st\u00f6\u00dft, da waren gar viele Tiere gekommen und hatten wollen ein Billet l\u00f6sen f\u00fcr die Fahrt zur Braunschweiger Messe. Aber der Einnehmer sagte: \u201eHabt ihr H\u00e4schen, ihr Kaninchen, ihr Hirsche und Rehe, auch wohl einen Herrn? He? Habt ihr wohl auch einen Herrn?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Da mussten sie traurig die Augen niederschlagen, denn sie hatten keinen Herrn, und nach den Eisenbahngesetzen durften nur auf den Namen von Menschen Tierbillets ausgegeben werden. Sie gingen dann immer missmutig hinweg und blickten von ihren W\u00e4ldern und Feldern aus neidisch auf die Ochsen, die von den Fleischern br\u00fcllend daher gef\u00fchrt und so recht bequem in den Tierwagen gebracht wurden, und auf die Hunde, welche mit ihren Herren kamen und ebenda bereitwillige Aufnahme fanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tiere im Harz hatten es sich aber nun einmal in den Kopf gesetzt, dass sie die Residenzstadt Braunschweig sehen wollten, und sie waren so neugierig geworden, dass sie ihren Plan so bald nicht aufgaben. Sogar die V\u00f6gel vom Harz, welche alle Jahre nach Braunschweig zur Messe gereist waren, wollten nun diese Reisegelegenheit benutzen: denn sie meinten, sowie kein Mensch mehr von Harzburg nach Braunschweig mit Extrapost f\u00fchre, sondern Alles auf der Eisenbahn, so m\u00fcssten auch die Braunschweiger meinen, dem V\u00f6gelchen, das jetzt noch auf seinen Fittigen nach Braunschweig fl\u00f6ge, sei das K\u00f6pfchen verdreht. Ein munterer Finke, der immer an der Bahn herumspionierte, schnappte eines Tages von einem armen Arbeitsmann, der eben ein Billet gel\u00f6st hatte, die Worte auf: man rei\u00dft ja mehr am Schuhwerk ab, wenn man zu Fu\u00dfe geht, als das Fahrgeld betr\u00e4gt; und da er nun auf einem Baume, wo viele seiner Kameraden im Laube beisammen sa\u00dfen, ganz keck mit der Behauptung hervortrat: man reisse ja mehr an den Federn ab, als ein Billet f\u00fcr den Tierwagen koste, so wollte von da an auch kein Vogel mehr auf dem ganzen Harz nach Braunschweig zur Messe fliegen. Auch behaupteten die Weibchen, es schicke sich gar nicht mehr jetzt nach Braunschweig zur Messe zu fliegen, was denn die Menschen dazu sagen sollten? Genug, es musste Rat geschafft werden, und dazu bot sich wohl Gelegenheit. Der Lokomotivf\u00fchrer n\u00e4mlich kam mit seinem Zuge jeden Morgen gegen elf Uhr, und blieb in Harzburg bis den Nachmittag, wo er zur\u00fcckfuhr. Gew\u00f6hnlich setzte er sich dann mit seinem Glase in die Laube im Garten eines Wirtshauses, welches dicht am Fu\u00dfe hoher bewaldeter Berge liegt. Hier trank er t\u00fcchtig und hatte seine Freude an den bunten V\u00f6geln auf den B\u00e4umen, und an den H\u00e4schen, die hin und wieder durch den Zaun in den Kohl des Wirths schl\u00fcpften.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies benutzten die klugen Gesch\u00f6pfe und brachten ihn durch ihr einschmeichelndes Wesen endlich zu dem Versprechen, dass er einmal einen Extrazug f\u00fcr die Tiere aus dem Harzwalde zur Braunschweiger Messe veranstalten wolle.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Sonntagmorgen stand er sehr zeitig auf in Braunschweig, schob die Lokomotive aus dem Schuppen und hing eine Reihe von Tierwagen daran. In aller Fr\u00fche fuhr er ab, sodass er hoffen konnte, schon zu rechter Zeit wieder zur\u00fcck in Braunschweig zu sein, wenn der erste Zug f\u00fcr die Menschen abgehen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Wiesen und an den B\u00e4umen glitzerte der Tau, und der erste Sonnenstrahl drang eben durchs Geb\u00fcsch, als die Lokomotive im Felde am Fu\u00dfe des Harzwaldes hielt. Das Wild und die V\u00f6gel waren noch nicht einmal alle wach, sie sprangen aber nun rasch auf aus Klee und Geb\u00fcsch und freuten sich \u00fcber den sch\u00f6nen Sonntag-Morgen, auf den ihre Reise nach Braunschweig fiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun h\u00e4ttet ihr sehen sollen, wie die Hirsche und Rehe und alle die verschiedenen V\u00f6gel auf dem Dampfwagen Platz nahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Walde und aus den Feldern kamen sie herbei, die Hirsche sprangen, die H\u00e4schen kletterten, die V\u00f6gel flatterten herein. Die Lokomotive pfiff, und es dauerte nicht lange, so waren sie Alle in Braunschweig.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Bahnhofe in Braunschweig aber erging es ihnen schlecht, denn dort stand die Polizei und fragte: \u201eHabt ihr auch wohl einen Pass? he? he? Ihr Hirsche, ihr Rehe, ihr H\u00e4schen, ihr Kaninchen, ihr Finken, ihr Drosseln, habt ihr auch wohl einen Pass? he? he?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Da erschraken die Tiere alle, denn keines von ihnen hatte einen Pass. Die Polizei aber wurde sehr b\u00f6se und sagte: die Tiere, welche sich nicht legitimieren k\u00f6nnten, sollen Alle geschlachtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Da fingen die Tiere alle an zu weinen. Die V\u00f6gel aber sagten: sie seien hier schon so viele Jahre zur Messe hergekommen und h\u00e4tten niemals einen Pass gebraucht. Das sei eine neue Manier, dass ein Vogel einen Pass haben solle, rief ein alter Reiher aus, und die Rohrsperlinge fingen an furchtbar auf die Polizei zu schimpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil nun die V\u00f6gel sich darauf berufen konnten, dass sie schon sehr oft in Braunschweig gewesen waren und niemals einen Pass gebraucht hatten, so lie\u00df man sie auch wieder fliegen, und sie machten, dass sie so schnell als m\u00f6glich wieder nach dem Harzgebirge kamen. Die andern Tiere aber wurden unerbittlich geschlachtet, und die Kinder, welche in diesen Tagen \u00fcber den Wildmarkt in Braunschweig gingen, freuten sich \u00fcber das viele sch\u00f6ne Wild, das dort zum Verkaufe aushing; noch mehr aber freuten sie sich, wenn sie es des Mittags bei Tische gebraten vor sich sahen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eNun, das ist doch nur gut\u201c, &#8211; hatte eine alte dicke H\u00e4sin gesagt, als die Eisenbahn von Braunschweig nach Harzburg er\u00f6ffnet werden sollte, &#8211; \u201enun, das ist doch nur gut, dass man jetzt rascher zur Stadt kommen kann als fr\u00fcher. 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