{"id":315,"date":"2015-10-06T23:59:22","date_gmt":"2015-10-06T21:59:22","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=315"},"modified":"2025-12-27T23:06:58","modified_gmt":"2025-12-27T22:06:58","slug":"einaeuglein-zweiaeuglein-und-dreiaeuglein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/einaeuglein-zweiaeuglein-und-dreiaeuglein\/","title":{"rendered":"Ein\u00e4uglein, Zwei\u00e4uglein und Drei\u00e4uglein"},"content":{"rendered":"<p>Gebr. Grimm<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Es war eine Frau, die hatte drei T\u00f6chter, davon hie\u00df die \u00e4lteste Ein\u00e4uglein, weil sie nur ein einziges Auge mitten auf der Stirn hatte, und die mittelste Zwei\u00e4uglein, weil sie zwei Augen hatte wie andere Menschen, und die j\u00fcngste Drei\u00e4uglein, weil sie drei Augen hatte, und das dritte stand bei ihr gleichfalls mitten auf der Stirn. Darum aber, dass Zwei\u00e4uglein nicht anders aussah als andere Menschenkinder, konnten es die Schwestern und die Mutter nicht leiden. Sie sprachen zu ihm: &#8222;Du mit deinen zwei Augen bist nicht besser als das gemeine Volk, du geh\u00f6rst nicht zu uns.&#8220; Sie stie\u00dfen es herum und warfen ihm schlechte Kleider hin und gaben ihm nicht mehr zu essen, als was sie \u00fcbrig lie\u00dfen, und taten ihm Herzeleid an, wo sie nur konnten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Es trug sich zu, dass Zwei\u00e4uglein hinaus ins Feld gehen und die Ziege h\u00fcten musste, aber noch ganz hungrig war, weil ihm seine Schwestern so wenig zu essen gegeben hatten. Da setzte es sich auf einen Rain und fing an zu weinen und so zu weinen, dass zwei B\u00e4chlein aus seinen Augen herabflossen. Und wie es in seinem Jammer einmal aufblickte, stand eine Frau neben ihm, die fragte: &#8222;Zwei\u00e4uglein, was weinst du?&#8220; Zwei\u00e4uglein antwortete: &#8222;Soll ich nicht weinen? Weil ich zwei Augen habe wie andere Menschen, k\u00f6nnen mich meine Schwestern und meine Mutter nicht leiden, sto\u00dfen mich aus einer Ecke in die andere, werfen mir alte Kleider hin und geben mir nichts zu essen, als was sie \u00fcbriglassen. Heute haben sie mir so wenig gegeben, dass ich noch ganz hungrig bin.&#8220; Sprach die weise Frau: &#8222;Zwei\u00e4uglein, trockne dir dein Angesicht, ich will dir etwas sagen, dass du nicht mehr hungern sollst. Sprich nur zu deiner Ziege:<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">,Zicklein, meck,<br \/>\nTischlein, deck&#8216;,<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">so wird ein sauber gedecktes Tischlein vor dir stehen und das sch\u00f6nste Essen darauf, dass du essen kannst, soviel du Lust hast. Und wenn du satt bist und das Tischlein nicht mehr brauchst, so sprich nur:<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">,Zicklein, meck,<br \/>\nTischlein, weg&#8216;,<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">so wird&#8217;s vor deinen Augen verschwinden.&#8220; Darauf ging die weise Frau fort. Zwei\u00e4uglein aber dachte: &#8222;Ich muss gleich einmal versuchen, ob es wahr ist, was sie gesagt hat, denn mich hungert gar zu sehr&#8220;, und sprach:<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">&#8222;Zicklein, meck,<br \/>\nTischlein, deck&#8220;,<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">und kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, so stand da ein Tischlein mit einem wei\u00dfen T\u00fcchlein gedeckt, darauf ein Teller mit Messer und Gabel und silbernem L\u00f6ffel, die sch\u00f6nsten Speisen standen rundherum, rauchten und waren noch warm, als w\u00e4ren sie eben aus der K\u00fcche gekommen. Da sagte Zwei\u00e4uglein das k\u00fcrzeste Gebet her, das es wusste: &#8222;Herr Gott, sei unser Gast zu aller Zeit, Amen&#8220;, langte zu und lie\u00df sich&#8217;s wohl schmecken. Und als es satt war, sprach es, wie die weise Frau gelehrt hatte: <\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">&#8222;Zicklein, meck,<br \/>\nTischlein, weg.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Alsbald war das Tischlein und alles, was darauf stand, wieder verschwunden. &#8222;Das ist ein sch\u00f6ner Haushalt&#8220;, dachte Zwei\u00e4uglein und war ganz vergn\u00fcgt und guter Dinge. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Abends als es mit seiner Ziege heimkam, fand es ein irdenes Sch\u00fcsselchen mit Essen, das ihm die Schwestern hingestellt hatten, aber es r\u00fchrte nichts an. Am andern Tag zog es mit seiner Ziege wieder hinaus und lie\u00df die paar Brocken, die ihm gereicht wurden, liegen. Das erste Mal und das zweite Mal beachteten es die Schwestern gar nicht; wie es aber jedes Mal geschah, merkten sie auf und sprachen: &#8222;Es ist nicht richtig mit dem Zwei\u00e4uglein, das l\u00e4sst jedes Mal das Essen stehen und hat doch sonst alles aufgezehrt, was ihm gereicht wurde; das muss andere Wege gefunden haben.&#8220; Damit sie aber hinter die Wahrheit k\u00e4men, sollte Ein\u00e4uglein mitgehen, wenn Zwei\u00e4uglein die Ziege auf die Weide trieb, und sollte achten, was es da vorh\u00e4tte, und ob ihm jemand etwas Essen und Trinken br\u00e4chte. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Als sich nun Zwei\u00e4uglein wieder aufmachte, trat Ein\u00e4uglein zu ihm und sprach: &#8222;Ich will mit ins Feld und sehen, dass die Ziege auch recht geh\u00fctet und ins Futter getrieben wird.&#8220; Aber Zwei\u00e4uglein merkte, was Ein\u00e4uglein im Sinne hatte, und trieb die Ziege hinaus ins hohe Gras und sprach: &#8222;Komm, Ein\u00e4uglein, wir wollen uns hinsetzen, ich will dir was vorsingen.&#8220; Ein\u00e4uglein setzte sich hin und war von dem ungewohnten Weg und von der Sonnenhitze m\u00fcde, und Zwei\u00e4uglein sang immer:<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">&#8222;Ein\u00e4uglein, wachst du?<br \/>\nEin\u00e4uglein, schl\u00e4fst du?&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Da tat Ein\u00e4uglein das eine Auge zu und schlief ein. Und als Zwei\u00e4uglein sah, dass Ein\u00e4uglein fest schlief und nichts verraten konnte, sprach es:<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">&#8222;Zicklein, meck,<br \/>\nTischlein, deck&#8220;,<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">und setzte sich an sein Tischlein und a\u00df und trank, bis es satt war, dann rief es wieder:<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Zicklein, meck,<br \/>\nTischlein, weg&#8220;,<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">und alles war augenblicklich verschwunden. Zwei\u00e4uglein weckte nun Ein\u00e4uglein und sprach: &#8222;Ein\u00e4uglein, du willst h\u00fcten und schl\u00e4fst dabei ein, derweil h\u00e4tte die Ziege in alle Welt laufen k\u00f6nnen; komm, wir wollen nach Hause gehen.&#8220; Da gingen sie nach Hause und Zwei\u00e4uglein lie\u00df wieder sein Sch\u00fcsselchen unanger\u00fchrt stehen, und Ein\u00e4uglein konnte der Mutter nicht verraten, warum es nicht essen wollte, und sagte zu seiner Entschuldigung: &#8222;Ich war drau\u00dfen eingeschlafen.&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Am andern Tag sprach die Mutter zu Drei\u00e4uglein: &#8222;Diesmal sollst du mitgehen und achthaben, ob Zwei\u00e4uglein drau\u00dfen isst und ob ihm jemand Essen und Trinken bringt, denn essen und trinken muss es heimlich.&#8220; Da trat Drei\u00e4uglein zum Zwei\u00e4uglein und sprach: &#8222;Ich will mitgehen und sehen, ob auch die Ziege recht geh\u00fctet und ins Futter getrieben wird.&#8220; Aber Zwei\u00e4uglein merkte, was Drei\u00e4uglein im Sinne hatte, und trieb die Ziege hinaus ins hohe Gras und sprach: &#8222;Wir wollen uns dahin setzen, Drei\u00e4uglein&#8216; ich will dir was vorsingen.&#8220; Drei\u00e4uglein setzte sich und war m\u00fcde von dem Weg und der Sonnenhitze, und Zwei\u00e4uglein hob wieder das vorige Liedlein an und sang: &#8222;Drei\u00e4uglein, wachst du?&#8220; Aber, statt dass es nun singen musste: &#8222;Drei\u00e4uglein, schl\u00e4fst du?&#8220; sang es aus Unbedachtsamkeit: &#8222;Zwei\u00e4uglein, schl\u00e4fst du?&#8220; und sang immer:<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">&#8222;Drei\u00e4uglein, wachst du?<br \/>\nZwei\u00e4uglein, schl\u00e4fst du?&#8220; <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Da fielen dem Drei\u00e4uglein seine zwei Augen zu und schliefen, aber das dritte, weil es von dem Spr\u00fcchlein nicht angeredet war, schlief nicht ein. Zwar tat es Drei\u00e4uglein zu, aber nur aus List, gleich als schliefe es auch damit, doch blinzelte es und konnte alles gar wohl sehen. Und als Zwei\u00e4uglein meinte, Drei\u00e4uglein schliefe fest, sagte es sein Spr\u00fcchlein: <\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">&#8222;Zicklein, meck,<br \/>\nTischlein, deck&#8220;,<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">a\u00df und trank nach Herzenslust und hie\u00df dann das Tischlein wieder fortgehen:<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">&#8222;Zicklein, meck,<br \/>\nTischlein, weg&#8220;,<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">und Drei\u00e4uglein hatte alles mit angesehen. Da kam Zwei\u00e4uglein zu ihm, weckte es und sprach: &#8222;Ei, Drei\u00e4uglein, bist du eingeschlafen? Du kannst gut h\u00fcten! Komm, wir wollen heimgehen.&#8220; Und als sie nach Hause kamen, a\u00df Zwei\u00e4uglein wieder nicht, und Drei\u00e4uglein sprach zur Mutter: &#8222;Ich wei\u00df nun, warum das hochm\u00fctige Ding nicht isst. Wenn sie drau\u00dfen zur Ziege spricht:<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">,Zicklein, meck,<br \/>\nTischlein, deck&#8216;,<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">so steht ein Tischlein vor ihr, das ist mit dem besten Essen besetzt, viel besser, als wir&#8217;s hier haben; und wenn sie satt ist, so spricht sie:<\/span><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">,Zicklein, meck,<br \/>\nTischlein, weg&#8216;,<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">und alles ist wieder verschwunden. Ich habe alles genau mit angesehen. Zwei Augen hatte sie mir mit einem Spr\u00fcchlein eingeschl\u00e4fert, aber das eine auf der Stirn, das war zum Gl\u00fcck wachgeblieben.&#8220; Da rief die neidische Mutter: &#8222;Willst du&#8217;s besser haben als wir? Die Lust soll dir vergehen!&#8220; Sie holte ein Schlachtmesser und stie\u00df es der Ziege ins Herz, dass sie tot hinfiel. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Als Zwei\u00e4uglein das sah, ging es voll Trauer hinaus, setzte sich auf den Feldrain und weinte seine bitteren Tr\u00e4nen. Da stand auf einmal die weise Frau wieder neben ihm und sprach: &#8222;Zwei\u00e4uglein, was weinst du?&#8220; &#8211; &#8222;Soll ich nicht weinen?&#8220; antwortete es. &#8222;Die Ziege, die mir jeden Tag, wenn ich Euer Spruchlein hersagte, den Tisch so sch\u00f6n deckte, ist von meiner Mutter totgestochen; nun muss ich wieder Hunger und Kummer leiden.&#8220; Die weise Frau sprach: &#8222;Zwei\u00e4uglein, ich will dir einen guten Rat erteilen, bitt&#8216; deine Schwestern, dass sie dir das Eingeweide von der geschlachteten Ziege geben und vergrab es vor der Haust\u00fcr in die Erde, so wird&#8217;s dein Gl\u00fcck sein.&#8220; Da verschwand sie, und Zwei\u00e4uglein ging heim und sprach zu den Schwestern: &#8222;Liebe Schwestern, gebt mir doch etwas von meiner Ziege, ich verlange nichts Gutes, gebt mir nur das Eingeweide.&#8220; Da lachten sie und sprachen: &#8222;Kannst du haben, wenn du weiter nichts willst.&#8220; Und Zwei\u00e4uglein nahm das Eingeweide und vergrub&#8217;s abends in aller Stille nach dem Rate der weisen Frau vor der Haust\u00fcr. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Am andern Morgen, als sie insgesamt erwachten und vor die Haust\u00fcr traten, stand da ein wunderbarer, pr\u00e4chtiger Baum, der hatte Bl\u00e4tter von Silber, und Fr\u00fcchte von Gold hingen dazwischen, dass wohl nichts Sch\u00f6neres und K\u00f6stlicheres auf der weiten Welt war. Sie wussten aber nicht, wie der Baum in der Nacht dahingekommen war, nur Zwei\u00e4uglein merkte, dass er aus dem Eingeweide der Ziege aufgewachsen war, denn er stand gerade da, wo sie es in die Erde begraben hatte. Da sprach die Mutter zu Ein\u00e4uglein: &#8222;Steig hinauf, mein Kind, und brich uns die Fr\u00fcchte von dem Baume ab.&#8220; Ein\u00e4uglein stieg hinauf, aber wie es einen von den goldenen \u00e4pfeln greifen wollte, fuhr ihm der Zweig aus den H\u00e4nden; und das geschah jedes Mal, so dass es keinen einzigen Apfel brechen konnte, es mochte sich anstellen, wie es wollte. Da sprach die Mutter: &#8222;Drei\u00e4uglein&#8216; steig du hinauf, du kannst mit deinen drei Augen besser um dich schauen als Ein\u00e4uglein.&#8220; Ein\u00e4uglein rutschte herunter, und Drei\u00e4uglein stieg hinauf. Aber Drei\u00e4uglein war nicht geschickter und mochte schauen, wie es wollte, die goldenen \u00e4pfel wichen immer zur\u00fcck. Endlich war die Mutter ungeduldig und stieg selbst hinauf, konnte aber so wenig wie Ein\u00e4uglein und Drei\u00e4uglein die Frucht fassen und griff immer in die leere Luft. Da sprach Zwei\u00e4uglein: &#8222;Ich will mich einmal hinaufmachen, vielleicht gelingt mir&#8217;s eher.&#8220; Die Schwestern riefen zwar: &#8222;Du mit deinen zwei Augen, was willst du wohl!&#8220; Aber Zwei\u00e4uglein stieg hinauf, und die goldenen \u00e4pfel zogen sich nicht vor ihm zur\u00fcck, sondern lie\u00dfen sich von selbst in seine Hand herab, also dass es einen nach dem andern abpfl\u00fccken konnte und ein ganzes Sch\u00fcrzchen voll mit herunterbrachte. Die Mutter nahm sie ihm ab, und statt dass sie, Ein\u00e4uglein und Drei\u00e4uglein, daf\u00fcr das arme Zwei\u00e4uglein h\u00e4tten besser behandeln sollen, wurden sie nur neidisch, dass es allein die Fr\u00fcchte holen konnte, und gingen noch h\u00e4rter mit ihm um. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Es trug sich zu, als sie einmal beisammen an dem Baume standen, dass ein junger Ritter daherkam. &#8222;Geschwind, Zwei\u00e4uglein&#8220;, riefen die zwei Schwestern, &#8222;kriech unter, dass wir uns deiner nicht sch\u00e4men m\u00fcssen&#8220;, und st\u00fcrzten \u00fcber das arme Zwei\u00e4uglein in aller Eile ein leeres Fass, das gerade neben dem Baume stand, und schoben die goldenen \u00e4pfel, die es abgebrochen hatte, auch darunter. Als nun der Ritter n\u00e4herkam, war es ein sch\u00f6ner Herr; der hielt still, bewunderte den pr\u00e4chtigen Baum von Gold und Silber und sprach zu den beiden Schwestern: &#8222;Wem geh\u00f6rt dieser sch\u00f6ne Baum? Wer mir einen Zweig davon g\u00e4be, k\u00f6nnte daf\u00fcr verlangen, was er wollte.&#8220; Da antworteten Ein\u00e4uglein und Drei\u00e4uglein, der Baum geh\u00f6rte ihnen zu, und sie wollten ihm einen Zweig wohl abbrechen. Sie gaben sich auch beide gro\u00dfe M\u00fche; aber sie waren dazu nicht imstande, denn die Zweige und Fr\u00fcchte wichen jedes Mal vor ihnen zur\u00fcck. Da sprach der Ritter: &#8222;Das ist ja wunderlich, dass der Baum euch zugeh\u00f6rt und ihr doch nicht Macht habt, etwas davon abzubrechen.&#8220; Sie blieben dabei, der Baum w\u00e4re ihr Eigentum. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">W\u00e4hrend sie aber so sprachen, rollte Zwei\u00e4uglein unter dem Fasse ein paar goldene \u00e4pfel heraus, so dass sie zu den F\u00fc\u00dfen des Ritters liefen; denn Zwei\u00e4uglein war b\u00f6se, dass Ein\u00e4uglein und Drei\u00e4uglein nicht die Wahrheit sagten. Wie der Ritter die \u00e4pfel sah, erstaunte er und fragte, wo sie herk\u00e4men. Ein\u00e4uglein und Drei\u00e4uglein antworteten, sie h\u00e4tten noch eine Schwester; die d\u00fcrfte sich aber nicht sehen lassen, weil sie nur zwei Augen h\u00e4tte wie andere gemeine Menschen. Der Ritter aber verlangte sie zu sehen und rief: &#8222;Zwei\u00e4uglein&#8216; komm hervor!&#8220; Da kam Zwei\u00e4uglein ganz getrost unter dem Fasse hervor, und der Ritter war verwundert \u00fcber seine gro\u00dfe Sch\u00f6nheit und sprach: &#8222;Du, Zwei\u00e4uglein&#8216; kannst mir gewiss einen Zweig von dem Baum abbrechen.&#8220; &#8211; &#8222;Ja&#8220;, antwortete Zwei\u00e4uglein&#8216; &#8222;das will ich wohl k\u00f6nnen, denn der Baum geh\u00f6rt mir.&#8220; Und stieg hinauf und brach mit leichter M\u00fche einen Zweig mit feinen silbernen Bl\u00e4ttern und goldenen Fr\u00fcchten ab und reichte ihn dem Ritter hin. Da sprach der Ritter: &#8222;Zwei\u00e4uglein&#8216; was soll ich daf\u00fcr geben?&#8220; &#8211; &#8222;Ach&#8220;, antwortete Zwei\u00e4uglein, &#8222;ich leide Hunger und Durst, Kummer und Not vom fr\u00fchen Morgen bis zum sp\u00e4ten Abend; wenn Ihr mich mitnehmen und erl\u00f6sen wollt, so w\u00e4re ich gl\u00fccklich.&#8220; Da hob der Ritter das Zwei\u00e4uglein auf sein Pferd und brachte es heim auf sein v\u00e4terliches Schloss. Dort gab er ihm sch\u00f6ne Kleider, Essen und Trinken nach Herzenslust, und weil er es so liebhatte, lie\u00df er sich mit ihm einsegnen, und die Hochzeit war in gro\u00dfer Freude gehalten. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Wie nun Zwei\u00e4uglein so von dem sch\u00f6nen Rittersrnann fortgef\u00fchrt ward, da beneideten ihm die zwei Schwestern erst recht sein Gl\u00fcck. &#8222;Der wunderbare Baum bleibt doch uns&#8220;, dachten sie; &#8222;k\u00f6nnen wir auch keine Fr\u00fcchte davon brechen, so wird doch jedermann davor stehenbleiben, zu uns kommen und ihn r\u00fchmen. Wer wei\u00df, wo unser Weizen noch bl\u00fcht!&#8220; Aber am andern Morgen war ihr Baum verschwunden und ihre Hoffnung dahin. Und wie Zwei\u00e4uglein zu seinem K\u00e4mmerlein hinaussah, stand er zu seiner gro\u00dfen Freude davor und war ihm also nachgefolgt. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Zwei\u00e4uglein lebte lange Zeit vergn\u00fcgt. Einmal kamen zwei arme Frauen zu ihm auf das Schloss und baten um ein Almosen. Da sah ihnen Zwei\u00e4uglein ins Gesicht und erkannte ihre Schwestern Ein\u00e4uglem und Drei\u00e4uglein, die so in Armut geraten waren, dass sie umherziehen und vor den T\u00fcren ihr Brot suchen mussten. Zwei\u00e4uglein aber hie\u00df sie willkommen und tat ihnen Gutes und pflegte sie, also dass die beiden von Herzen bereuten, was sie ihrer Schwester in der Jugend B\u00f6ses angetan hatten.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebr. 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