{"id":263,"date":"2015-10-06T21:42:01","date_gmt":"2015-10-06T19:42:01","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=263"},"modified":"2026-01-24T02:10:17","modified_gmt":"2026-01-24T01:10:17","slug":"der-dreiaeugige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-dreiaeugige\/","title":{"rendered":"Der Drei\u00e4ugige"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es war einmal ein armer Holzhauer, der hatte drei T\u00f6chter. Eine von ihnen blickte eines Tages aus dem Fenster, und da sah sie ein vor\u00fcbergehender Landmann. Das M\u00e4dchen gefiel ihm so, dass er sich bei den Nachbarinnen erkundigte, ob sie noch unverheiratet w\u00e4re, und als er h\u00f6rte, dass dem so sei, bat er sie, f\u00fcr ihn um das M\u00e4dchen zu werben. Der Vater war mit dem Antrag zufrieden und gab sie ihm. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Als nun das M\u00e4dchen in das Haus ihres Mannes kam, wie war da dieser gl\u00fccklich! Er \u00fcbergab ihr einen Schl\u00fcsselbund mit hundertundeinem Schl\u00fcssel und sagte zu ihr, sie k\u00f6nne hundert Zimmer \u00f6ffnen, das hunderteinte aber d\u00fcrfe sie nicht aufmachen; das sei auch nicht n\u00f6tig, denn es w\u00e4re ganz leer. \u00bbKurzum\u00ab, sprach er, \u00bbda der Schl\u00fcssel dir doch zu nichts n\u00fctze ist, so gib ihn mir lieber zur\u00fcck!\u00ab Die junge Frau \u00f6ffnete die hundert Zimmer und fand darin gro\u00dfe Sch\u00e4tze. Als sie diese gen\u00fcgend angestaunt hatte, fragte sie sich, warum ihr wohl so gro\u00dfe Reicht\u00fcmer anvertraut worden w\u00e4ren, das eine Zimmer jedoch nicht. Sie gab nun acht, wo ihr Mann den Schl\u00fcssel f\u00fcr dieses Zimmer hinlegte, nahm ihn dann und \u00f6ffnete das Zimmer. Sie sah sich darin um und sah nichts als vier leere W\u00e4nde und ein Fenster, das auf die Stra\u00dfe ging. \u00bbDa seh&#8216; einer einmal meinen Mann!\u00ab sprach sie. \u00bbWozu hat er wohl das Fenster auf die Stra\u00dfe hinaus? Damit ich aber nicht hinaussehe, h\u00e4lt er das Zimmer verschlossen.\u00ab Sie setzte sich also an das Fenster, hatte aber nicht lange gesessen, so sah sie eine Leiche vor\u00fcberkommen. Dieser folgten jedoch keine weinenden Anverwandten oder Freunde, so dass die junge Frau selbst zu weinen anfing bei dem Gedanken, dass es ihr auch so gehen k\u00f6nnte, wenn ihr Mann niemand von ihrer Familie zulassen w\u00fcrde. Als nun die Leiche beerdigt und die Leute fort waren, sah sie, wie ihr Mann auf den Begr\u00e4bnisplatz kam und dort sein Kopf so gro\u00df wurde wie ein Scheffel, und in dem Kopf hatte er drei Augen, seine H\u00e4nde wurden so lang, dass sie die ganze Welt zu umfassen schienen, mit ellenlangen N\u00e4geln an den Fingern, und dann fing er an, den Leichnam auszugraben und zu verzehren. Bei diesem Anblick tat sie sich Gewalt an, bis sie die volle Gewissheit hatte, dass er ihn wirklich verzehrte; dann aber wurde sie von einem heftigen Fieberschauer ergriffen und musste sich zu Bett legen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Nach l\u00e4ngerer Zeit kehrte der Mann nach Hause zur\u00fcck, ging seiner Gewohnheit nach in das verschlossene Zimmer, schaute sich um und bemerkte die Spur von Schritten und das ge\u00f6ffnete Fenster. Sogleich eilte er in das Zimmer seiner Frau und rief: \u00bb0 du Bestie! Du hast also wirklich das Zimmer ge\u00f6ffnet und erkannt, dass ich der Dreiauge bin! Nun kommst du mir nicht mehr lebendig aus meinen H\u00e4nden, denn ich werde dich fressen. \u00ab Als die junge Frau sah, wie die Sache stand, verlie\u00df sie ihr Bett und machte sich zur Flucht bereit. Inzwischen ging Dreiauge in die K\u00fcche, machte ein gro\u00dfes Feuer an, nahm einen gro\u00dfen Bratspie\u00df und rief seiner Frau zu: \u00bbSei so gut und komm, denn der Bratspie\u00df erwartet dich! Was soll ich tun, da ich nun einmal geschworen habe, dich auf diese Weise zu t\u00f6ten und zu verspeisen? Sonst h\u00e4tte ich dich gleich so verschlungen.\u00ab &#8211; \u00bbVergib mir, Herr\u00ab, antwortete sie, \u00bbich geh\u00f6re dir ja noch zu jeder Zeit. Darum flehe ich dich an, lass mich noch zwei Stunden am Leben, bis ich Bu\u00dfe getan und gebetet habe; dann magst du mich verzehren.\u00ab Der Dreiauge genehmigte ihr die Bitte, und die junge Frau schlich sich leise weg, nahm den Schl\u00fcssel f\u00fcr jenes Zimmer, und nachdem sie es ge\u00f6ffnet hatte, sprang sie durch das Fenster auf die Stra\u00dfe hinunter. Dort lief sie immerfort, um jemand zu treffen, der sie rette, und so traf sie endlich einen Mann, der einen Karren schob, den flehte sie an, sich doch ihrer zu erbarmen und sie aus den H\u00e4nden eines Drei\u00e4ugigen, der sie verfolgte, zu retten. \u00bbWohin soll ich dich stecken, um dich zu retten, liebes Frauchen?\u00ab sagte der Karrenschieber. \u00bbDer Drei\u00e4ugige wird dich bei mir entdecken und mich mitsamt meinem Pferde auffressen. Aber laufe weiter, so wirst du einen Kameltreiber des K\u00f6nigs finden, der kann dich vielleicht retten.\u00ab Da lief sie denn aus Leibeskr\u00e4ften weiter, bis sie den Kameltreiber einholte, den sie ebenfalls um Rettung vor dem Dreiauge anflehte. Wirklich erbarmte er sich ihrer, nahm einen Ballen Baumwolle vom Kamel herab und versteckte sie darin. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Inzwischen hatte der Drei\u00e4ugige den Bratspie\u00df geh\u00f6rig gl\u00fchend gemacht und rief: \u00bbHe da, wo bist du? Komm her, es ist Zeit! \u00ab Da aber die Frau nicht kam, so suchte er sie \u00fcberall, fand sie jedoch nirgends. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Endlich sah er das offene Fenster in dem bewussten Zimmer, da sprang er hinaus, wie er gerade stand und ging, und nachdem er sich rechts und links umgesehen hatte, lief er die Stra\u00dfe entlang. Als er den Karrenschieber erblickte, schrie er ihn an: \u00bbHe da! Warte ein bisschen, ich will dich und dein Pferd auffressen.\u00ab Alle, die ihn unterwegs auf der Stra\u00dfe sahen, starben entweder vor Angst oder fielen in Ohnmacht. Der Karrenschieber aber hielt an, als er den Anruf des Drei\u00e4ugigen h\u00f6rte. Dieser sagte dann zu ihm: \u00bbHast du nicht eine junge Frau vorbeilaufen sehen?\u00ab &#8211; \u00bbSo wahr Gott lebt, ich habe nichts gesehen, Herr\u00ab, antwortete jener. \u00bb Aber laufe weiter, so wirst du einen Kameltreiber treffen; vielleicht hat der sie gesehen.\u00ab Der Drei\u00e4ugige lief weiter, rief den Kameltreiber an und richtete an ihn die n\u00e4mliche Frage. \u00bbIch wei\u00df nichts, ich habe nichts gesehen\u00ab, antwortete der Treiber. Da kehrte der Drei\u00e4ugige wieder um und sagte: \u00bbIch will doch noch einmal zu Hause ordentlich suchen.\u00ab Als er dort angelangt war und sie wieder nicht fand, \u00fcberlegte er bei sich und sprach: \u00bbIch will den gl\u00fchenden Bratspie\u00df mitnehmen und bei dem Kameltreiber noch einmal genaue Nachsuchung halten.\u00ab Er nahm daher den Bratspie\u00df auf die Schulter, sprang wieder zum Fenster hinaus und rannte dem Kameltreiber nach. Dieser und die junge Frau waren vor Angst dem Tode nahe, aber sie lie\u00dfen sich nichts anmerken. \u00bbRasch\u00ab, befahl der Dreiauge dem Treiber, \u00bblade unverz\u00fcglich alle Ballen ab!\u00ab Und der Mann musste gehorchen. Dann stie\u00df der Drei\u00e4ugige den Bratspie\u00df in einen Ballen nach dem andern, wobei er auch zu dem kam, in welchem seine Frau versteckt war. \u00bbJetzt ist&#8217;s gut\u00ab, sprach er endlich, \u00bbnun kannst du weiterziehen.\u00ab Sobald er sich entfernt hatte, fragte der Kameltreiber die junge Frau, wie es ihr ergangen w\u00e4re und ob der Drei\u00e4ugige sie mit seinem Bratspie\u00df getroffen h\u00e4tte. \u00bbFreilich\u00ab, entgegnete sie, \u00bber hat mich am Fu\u00df ganz ordentlich verwundet, aber ich habe den Spie\u00df mit Baumwolle abgewischt, so dass keine Blutspuren daran sichtbar waren.\u00ab &#8211; \u00bbSorge dich nicht!\u00ab sagte der Treiber. \u00bbDer K\u00f6nig ist ein guter Mann, und wenn ich dich zu ihm bringe, so wird er dich heilen lassen.\u00ab <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Als der K\u00f6nig von der Geschichte erfahren hatte, sprach er zu der jungen Frau. \u00bbWas f\u00fcrchtest du, meine Liebe? In meinem Palast kann dir der Drei\u00e4ugige kein Leid zuf\u00fcgen.\u00ab Hierauf lie\u00df er einen Arzt holen, der sie verband. Sobald sie wiederhergestellt war, bat sie, man m\u00f6chte ihr eine Arbeit zuweisen, damit sie nicht m\u00fc\u00dfig gehe. Auf die Frage, was sie denn verst\u00fcnde, erwiderte sie, sie k\u00f6nne sticken. Man gab ihr ein St\u00fcck wei\u00dfen Samt, Seide, Perlen und Goldf\u00e4den, und sie stickte ein herrliches Tuch, das den K\u00f6nig auf seinem Throne und mit der Krone auf dem Haupte zeigte. Als sie mit der Arbeit fertig war und ihr Werk dem K\u00f6nig zeigte, geriet er au\u00dfer sich \u00fcber die Kunst, mit der die Stickerei ausgef\u00fchrt war. Nachdem die junge Frau noch mehrere Proben ihres au\u00dferordentlichen K\u00f6nnens abgegeben hatte, sprach der K\u00f6nig eines Tages zur K\u00f6nigin: \u00bbEine bessere Schwiegertochter als diese junge Frau k\u00f6nnten wir schwerlich finden. Was macht es aus, dass sie nicht aus k\u00f6niglichem Gebl\u00fct ist? ist sie sonst doch so geschickt und verst\u00e4ndig und so h\u00fcbsch, dass sie auch unserm Sohn gefallen wird.\u00ab Die K\u00f6nigin war mit diesem Vorschlag einverstanden, und man lie\u00df die junge Frau kommen, um ihr den Plan zu er\u00f6ffnen. Sie jedoch fing an zu weinen und sprach: \u00bbWie k\u00f6nnt ihr an so etwas denken? Mein Gl\u00fcck w\u00e4re zwar gro\u00df, aber wenn der Drei\u00e4ugige das h\u00f6rt, dann frisst er mich und euren Sohn auf. Wollt ihr aber trotzdem eure Absicht ausf\u00fchren, so lasst einen sieben Treppen hohen Oberstock bauen, am Fu\u00dfe eine Grube machen und diese dann mit einer Matte zudecken, auch alle Treppen mit Talg einschmieren. Endlich w\u00e4re es noch gut, wenn die Hochzeit ganz heimlich des Nachts gehalten w\u00fcrde, so dass niemand davon erf\u00fchre. \u00ab Der K\u00f6nig befahl, alles so zu richten. Obwohl sich die Vorbereitungen f\u00fcr die Hochzeit im geheimen vollzogen, erfuhr dennoch der Drei\u00e4ugige davon und beschloss, sich zu r\u00e4chen. Als am Abend nach der Trauung alle zur Ruhe gingen, schlich er sich ins Zimmer der Braut, um sie zu holen und zu verschlingen. Er streute etwas Erde von einem Grabe auf das Bett des Prinzen, der der Gemahl der jungen Frau geworden war; nun konnte dieser nicht erwachen. Als die Frau den Drei\u00e4ugigen an ihrem Bette sah, stie\u00df sie vergeblich ihren Gemahl an; der Drei\u00e4ugige aber packte sie und sagte: \u00bbSei doch so gut und stehe auf, liebe Frau, der Bratspie\u00df erwartet dich. Was soll ich machen, da ich einmal geschworen habe, dich gebraten zu verzehren? Sonst w\u00fcrde ich dich gleich hier auf der Stelle auffressen.\u00ab Hierauf nahm er sie bei der Hand und fing an, mit ihr die Treppen hinunterzusteigen. Als sie die ersten drei hinter sich hatten, sprach sie zu ihm: \u00bbIch bitte dich, gehe voran, denn ich habe Furcht.\u00ab Er gab nach, damit sie kein Ger\u00e4usch mache und die andern wecke, sonst h\u00e4tte er sie gepackt. Als sie sich aber auf der untersten Treppe befanden, hielt sich die junge Frau mit der einen Hand an dem Gel\u00e4nder fest und gab zugleich mit der andern Hand dem Drei\u00e4ugigen einen solchen Sto\u00df, dass er auf dem Talg ausglitt und in die Grube fiel, wo sich ein L\u00f6we und ein Tiger befanden, die ihn auf der Stelle zerrissen. Die Furcht aber, welche die junge Frau in dem Augenblick empfand, wo sie ihm den Sto\u00df versetzte &#8211; denn sie sprach zu sich selbst: \u00bbWenn er nicht in die Grube gefallen ist, wird er gleich wieder heraufkommen und mich fressen!\u00ab -, hatte so auf sie gewirkt, dass sie ohnm\u00e4chtig umsank. Als es nun Tag wurde und der K\u00f6nig aufgestanden war, so wartete er, dass das junge Paar gleichfalls auf st\u00fcnde; allein dies geschah nicht. Da sprach er zur K\u00f6nigin: \u00bbIch will doch einmal nachsehen, was sie machen.\u00ab Er kam in das Schlafgemach und fand seinen Sohn scheinbar tot, die junge Frau ohnm\u00e4chtig auf der Treppe. Der sogleich herbeigerufene Arzt brachte jedoch beide rasch wieder zur Besinnung. Nun erz\u00e4hlte die junge Frau, was sich in der Nacht zugetragen hatte. Da lie\u00df der K\u00f6nig gleich in der Grube nachsehen, was aus dem Drei\u00e4ugigen geworden sei, aber der war von den wilden Tieren restlos auf gefressen. Nun erst wurde eine fr\u00f6hliche Hochzeit gehalten, welche unter lautem Jubel vierzig Tage und ebenso viele N\u00e4chte dauerte und wo wir die G\u00e4ste gelassen haben, als wir hierherkamen. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,133],"tags":[],"class_list":["post-263","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/263","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=263"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/263\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":264,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/263\/revisions\/264"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=263"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=263"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=263"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}