{"id":2617,"date":"2025-12-08T01:34:01","date_gmt":"2025-12-08T00:34:01","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=2617"},"modified":"2026-04-24T18:14:37","modified_gmt":"2026-04-24T16:14:37","slug":"die-geschichte-vom-weihnachtsmarkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-geschichte-vom-weihnachtsmarkt\/","title":{"rendered":"Die Geschichte vom Weihnachtsmarkt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\">Die Geschichte vom Weihnachtsmarkt<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Weihnachtsgeschichte von Luise B\u00fcchner<\/p>\n\n\n\n<p>Am Tage vor Weihnachten war das Wetter hell und klar, und der Schnee war festgefroren. Da sagte die Tante zu den Kindern: \u00bbHeute f\u00fchre ich euch auf den Weihnachtsmarkt, lasst euch nur schnell die M\u00e4ntelchen anziehen und die H\u00fctchen aufsetzen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das brauchte sie nicht zweimal zu sagen; in einem Augenblick waren die Kinder fertig, und nun ging es hinaus in den frischen, klaren Morgen. Man dachte aber gar nicht an die K\u00e4lte, denn in den Stra\u00dfen war ein so gesch\u00e4ftiges Hin- und Herrennen, ein so hastiges Treiben, als ob der sch\u00f6nste Fr\u00fchlingstag angebrochen w\u00e4re. Und fast ein Fr\u00fchlingsanblick war es auch, als die Tante nun mit den Kindern in die Stra\u00dfe einbog, welche zum Markte f\u00fchrt. Sie hielt Georg und Mathildchen an beiden H\u00e4nden und so gingen sie durch zwei lange dichte Reihen von Fichten- und Tannenb\u00e4umen aller Art, gro\u00df und klein, hell- und dunkelgr\u00fcn, die sich pr\u00e4chtig ausnahmen auf dem wei\u00dfen, funkelnden Schnee. Um die B\u00e4ume herum war ein Dr\u00e4ngen und Schieben der Menschen, dass man kaum vorbeikonnte, und \u00fcberall begegnete man Leuten, die ihre B\u00e4ume nach Hause trugen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAber, Tante, sagte Mathildchen, \u00bbich dachte, das Christkindchen bringt alles, und nun holen sich doch da die Menschen ihre Christb\u00e4ume selbst nach Hause.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist wahr,\u00absagte die Tante, \u00bbaber du vergissest, dass sie das Christkind alle hierhergeschickt, und unsichtbar geht es jetzt mit dem Nikolaus umher und sieht und h\u00f6rt alles, was hier vorgeht. Es gibt jetzt so sehr viele Menschen auf der Welt, dass die beiden mit dem besten Willen nicht mehr alle Gesch\u00e4fte allein fertigbringen k\u00f6nnen, und da m\u00fcssen sie sich schon von den gro\u00dfen Leuten ein wenig helfen lassen. Verstehst du das?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, Tante, ganz gut\u00ab, antwortete Mathildchen, und befriedigt gingen sie weiter nach dem Markte, wo eine Bude neben der andern stand, angef\u00fcllt mit begehrenswerten Herrlichkeiten. Auch da ging es munter zu, und namentlich vor den Puppenladen standen ganze Reihen von Kindern, die zusahen, wie die Puppen sich an langen F\u00e4den hin und her schaukelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Georg und Mathildchen sperrten Mund und Nase auf, die Tante aber ging bald da, bald dort an eine Bude, sprach leise einige Worte und lie\u00df dann geheimnisvoll etwas in ihre gro\u00dfe Markttasche gleiten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbTante, kaufe mir auch etwas,\u00abbat Mathildchen, \u00bbdie Puppe mit dem rosa Kleid m\u00f6chte ich gerne haben, die gef\u00e4llt mir!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMir auch kaufen, eine Peitsche!\u00abrief Georg.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIhr seid klug,\u00absagte die Tante, \u00bbihr wollt also schon heute und morgen noch einmal beschert haben?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, Tante, recht gern!\u00abrief das kleine, mutwillige Volk und \u2013 was wollte die gute Tante machen? Sie kaufte die Puppe und die Peitsche, und als sie erstere gerade dem Mathildchen hinreichen und in die ausgestreckte Hand geben wollte, h\u00f6rte sie hinter sich sagen: \u00bbAch, wenn doch die sch\u00f6ne Puppe mein w\u00e4re!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sahen sich alle um, da stand ein H\u00e4uflein Kinder beieinander, vier oder f\u00fcnf, die waren ganz blau und rot gefroren, denn sie hatten nur schlechte d\u00fcnne Kleider an, und der Wind zerzauste ihre gelben unbedeckten Haare. Das Kind, welches gesprochen, war ein wenig kleiner als Mathildchen und streckte immer noch die Hand nach der Puppe aus, obgleich die gr\u00f6\u00dferen es am Rocke zupften und ihm wehrten. Ach, es h\u00e4tte doch gar zu gern auch einmal in seinem Leben eine sch\u00f6ne neue Puppe gehabt, aber es waren arme Kinder, f\u00fcr die niemand den Christbaum schm\u00fcckte, und die sich mit dem blo\u00dfen Ansehen und W\u00fcnschen begn\u00fcgen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbM\u00f6chtest du die Puppe haben?\u00absagte die Tante freundlich zu dem kleinen M\u00e4dchen, und Mathildchen zog sie am Kleid und fl\u00fcsterte: \u00bbLiebste Tante, kaufe dem Kinde doch auch eine!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tante aber sch\u00fcttelte den Kopf, und da das kleine M\u00e4dchen nicht antwortete, sondern versch\u00e4mt wegsah, fragte sie den gr\u00f6\u00dften Knaben, ob sie Geschwister seien, wie sie hie\u00dfen und wo sie wohnten? Er gab auf alles ordentlich Antwort, die Tante schrieb es in ihr Notizbuch, dann nickte sie den Kindern freundlich zu und ging weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAber Tante \u2013\u00absagte Mathildchen ganz erstaunt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKomm nur schnell,\u00ablautete die Antwort, \u00bbes ist viel zu kalt, um lange stillzustehen, und wir haben noch eine Menge Gesch\u00e4fte. Nicht wahr, Mathildchen, die Puppe mit dem rosa Kleid gibst du gern dem kleinen M\u00e4dchen, und Georg \u00fcberl\u00e4sst seine Peitsche dem dicken Jungen mit der Schmutznase, der gerade so gro\u00df ist wie er?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, Tante, sehr gern!\u00abriefen die Kinder, \u00bbaber sie sind ja nicht mehr da, wir haben sie im Gedr\u00e4nge verloren!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNur Geduld, sie werden sich schon wiederfinden. Da hat uns das unsichtbare Christkind einen Teil seiner Arbeit \u00fcbertragen, und wir m\u00fcssen uns eilen, dass wir unsere Sache gut machen. Ihr werdet schon sehen, wie das ist.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kaufte die Tante noch allerlei h\u00fcbsche Spielsachen ein, auch einige warme Kleidungsst\u00fccke, dann verschiedenes Gebackene, Glaskugeln, Wachskerzen und zuletzt ein kleines B\u00e4umchen, das Mathildchen zu ihrer h\u00f6chsten Freude eigenh\u00e4ndig nach Hause tragen durfte. Das kleine Volk verging fast vor Neugierde, was es mit all den Dingen geben sollte, die Tante sagte aber nur: \u00bbWartet bis heute Abend!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Abend kam und mit ihm die trauliche Erz\u00e4hlerstunde. Die Kinder sa\u00dfen eng an die Tante gedr\u00fcckt, und Georg seufzte so recht aus Herzensgrund: \u00bbAch, jetzt brauchen wir nur noch einmal zu schlafen\u00ab\u2013 \u00bbund dann ist das liebe Christkindchen da!\u00abfuhr Mathildchen fort und klatschte dabei jubelnd in die H\u00e4nde. \u00bbAber Tante, was erz\u00e4hlst du uns denn heute?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHeute erz\u00e4hle ich euch eine Geschichte vom Weihnachtsmarkt, die ist noch viel sch\u00f6ner, als die unsrige werden wird; h\u00f6rt mir recht aufmerksam zu:<\/p>\n\n\n\n<p>Vor vielen, vielen Jahren, als ihr noch lange nicht auf der Welt waret, ist der Weihnachtsmarkt schon ebenso sch\u00f6n gewesen wie heute, und alle Kinder der Stadt, die armen wie die reichen, gingen hin, sich die Herrlichkeiten zu betrachten. Das Christkind hatte schon damals die Gewohnheit, sich unbemerkt unter die Menge zu mischen; \u00fcber sein wei\u00dfes Kleid hatte es einen langen dunklen Mantel gezogen, und sein Blondk\u00f6pfchen hielt es unter einer Kapuze versteckt. Niemand konnte es erkennen, und so h\u00f6rte es, was die Leute miteinander redeten und was sie sich w\u00fcnschten. Vornehmlich aber merkte es auf die Kinder, ob sie sich bescheiden oder habgierig und unartig auf dem Weihnachtsmarkt benahmen. Gegen Abend kam es an eine Bude, in welcher die sch\u00f6nsten Kinderspielsachen des ganzen Marktes zu finden waren; und sie war ganz umdr\u00e4ngt von Kindern, die voll Sehnsucht und Bewunderung die wundervollen Puppen, die Kochherde, die zierlichen Porzellangeschirre, die Puppenm\u00f6bel, sowie die bunt aufgez\u00e4umten Pferdchen, die Flinten, Trommeln und Trompeten betrachteten. Eines machte das andere auf immer neue Wunder aufmerksam, und Christkind freute sich an ihrer Freude und lachte fr\u00f6hlich mit ihnen. Auf einmal sah es ganz am Ende der Bude ein kleines M\u00e4dchen von etwa zehn Jahren stehen, das einen schweren zappelnden Buben auf dem Arm hielt, der fortw\u00e4hrend in die H\u00f6he reichte, so dass die Kleine gro\u00dfe M\u00fche hatte, ihn festzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie musste sehr arm sein, denn sie hatte ein ganz d\u00fcnnes R\u00f6ckchen an, und ihre Arme waren halb entbl\u00f6\u00dft, aber das Haar war ordentlich gek\u00e4mmt und in zwei feste Z\u00f6pfe geflochten, unter denen ein Paar dunkelblaue Augen gar gutm\u00fctig und freundlich hervorschauten. Sie l\u00e4chelte bald dem Br\u00fcderchen zu, bald betrachtete sie die sch\u00f6nen Dinge mit einer Freude, dass man sich selber dar\u00fcber freuen musste. Christkindchen ging zu dem M\u00e4dchen, legte ihm leise die Hand auf die Schulter und sagte mit seiner s\u00fc\u00dfen Stimme: \u203aLiebes Kind, die Sachen da gefallen dir wohl sehr gut, w\u00e4hle dir etwas davon aus, was du am liebsten haben m\u00f6chtest, ich will es dir zum Weihnachtsgeschenke geben.\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kind ward dunkelrot vor Freude, seine Augen leuchteten, und sein Blick durchlief die bunte Reihe, die vor ihm prangte. Da reichte das Br\u00fcderchen wieder jauchzend mit dem H\u00e4ndchen empor. Das M\u00e4dchen dr\u00fcckte das Kind an sich, folgte seinem verlangenden Blick und sagte dann sch\u00fcchtern, indem es die Augen niederschlug: \u203aWenn Sie mir wirklich eine Freude machen wollen, so geben Sie meinem Br\u00fcderchen die goldgl\u00e4nzende Trompete, die da oben h\u00e4ngt, es m\u00f6chte sie gar zu gern haben.\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Dem guten Christkind kamen die Tr\u00e4nen in die Augen, als es das h\u00f6rte. Das war ein Kind nach seinem Sinn. Es g\u00f6nnte dem Br\u00fcderchen lieber eine Freude als sich selbst. Schnell nahm Christkind die Trompete herunter, reichte sie dem Br\u00fcderchen hin, das hellauf lachte, und ging weiter.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDa h\u00e4tte doch das Christkind dem guten M\u00e4dchen auch etwas geben k\u00f6nnen!\u00abrief Mathildchen eifrig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSei nur ruhig und h\u00f6re weiter zu: Christkind machte es noch viel besser. Da es alle Menschen kennt, so wusste es, dass das brave Schwesterchen, welches seinen Bruder so liebhatte, Mariechen hie\u00df, dass seine Eltern sehr arm waren, und dass sie ganz am Ende der Stadt in einem alten kleinen H\u00e4uschen wohnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Abend war Weihnacht. Schon flammten \u00fcberall die Christb\u00e4ume, es jauchzten und l\u00e4rmten die Kinder, in dem kleinen H\u00e4uschen aber war es dunkel und still.<\/p>\n\n\n\n<p>\u203aWir sind zu arm, wir k\u00f6nnen das Christkind nicht bestellen\u2039, sagte die Mutter zu ihren f\u00fcnf Kindern, als sie beieinander sa\u00dfen und eines derselben fragte, ob denn das Christkind nicht auch zu ihnen k\u00e4me? Dabei weinte sie, und die Kinder taten es auch. Nur der kleine Bruder war vergn\u00fcgt, der schmetterte laut auf seiner Trompete, und das gute Mariechen, welches das \u00e4lteste der Geschwister war, weinte auch nicht und sagte: \u203aAch, wir sind doch vergn\u00fcgt, wir haben einander ja so lieb.\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einmal aber ward es lebendig vor dem kleinen Hause; es klingelte so sonderbar und leise durch die dunkle Nacht, und da kam ja wahrhaftig ein Eselein einher getrabt, neben dem ging ein dunkler Mann mit einem langen wei\u00dfen Bart, und auf dem Esel sa\u00df ein wundersch\u00f6ner Engel mit wei\u00dfen gl\u00e4nzenden Fl\u00fcgeln und einem lichtblauen Gewande, das war wie der Winterhimmel mit flimmernden Sternen ganz \u00fcbers\u00e4t. Das konnte ja wohl niemand anders sein als unser liebes Christkind mit seinem getreuen Knecht Nikolaus. Der band das Eselchen an die T\u00fcre fest, Christkind stieg ab, machte leise die T\u00fcre auf, und Nikolaus trug die schweren Tragk\u00f6rbe, die er dem Esel abgenommen, in das Haus hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>In der K\u00fcche stellten sie alles nieder, dann schellte Christkind laut und lange, dass sie drinnen in der Stube alle in die H\u00f6he fuhren und nach der T\u00fcre liefen, um zu sehen, was das bedeute. Dass es so kommen w\u00fcrde, hatte sich der Nikolaus schon gedacht; er stand darum vor der Stubent\u00fcre und rief, als sie aufging, mit seiner B\u00e4renstimme hinein: \u203aEs soll niemand herauskommen als das Mariechen! \u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Da flohen alle voll Furcht wieder zur\u00fcck, und nur Mariechen kam unerschrocken heraus und sagte: \u203aDa bin ich, was soll ich tun? \u2039<\/p>\n\n\n\n<p>\u203aKomm in die K\u00fcche! \u2039 brummte der Nikolaus jetzt etwas sanfter, und als sie hineinkam, da war diese ganz erf\u00fcllt von dem wunderbarsten Glanze, und Mariechen sah das Christkind leibhaftig vor sich stehen. Nun erschrak es so sehr, dass es fast umgefallen w\u00e4re. Christkind aber fasste es in die Arme, k\u00fcsste es auf die Stirne und sagte: \u203aKennst du mich noch? \u2039 \u2013 und als Mariechen erstaunt mit dem Kopfe sch\u00fcttelte, fuhr es fort: \u203aAber ich kenne dich, so wie ich alle guten und braven Kinder kenne. Ich war die Frau, die dir gestern auf dem Weihnachtsmarkt die Trompete f\u00fcr den Bruder gab, weil du ihm lieber eine Freude g\u00f6nntest als dir selbst, und darum komme ich, um heute auch dir ein Vergn\u00fcgen zu bereiten. Weil du so gerne gibst, sollst du jetzt deinen lieben Geschwistern und deiner Mutter an meiner Stelle bescheren. Ist dir das recht? \u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Das gute Mariechen schluchzte laut vor Freude: \u203aO Christkind, \u2039 rief es, \u203aso viel verdiene ich ja gar nicht.\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>\u203aWeine jetzt nicht, Mariechen, sondern eile dich, wir m\u00fcssen wieder fort,\u2039 sagte Christkind, \u203agehe hinein in die Stube und schicke sie alle in die Kammer, damit wir anfangen k\u00f6nnen.\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Mariechen wusste nicht, ob es tr\u00e4ume oder wache, aber es lief hinein in die Stube und rief zwischen Weinen und Lachen: \u203aMacht euch schnell alle hinein in die Kammer und guckt ja nicht durchs Schl\u00fcsselloch, es kommt etwas sehr Sch\u00f6nes! \u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mutter wollte fragen, aber Mariechen bat sie so herzlich, mit den Geschwistern hineinzugehen, dass sie sich f\u00fcgte. Dann schloss Mariechen schnell die T\u00fcre hinter ihnen zu, lief in die K\u00fcche, dann wieder herein und holte auf Christkinds Gehei\u00df ein wei\u00dfes Tuch aus dem Schrank, das es \u00fcber den alten schwarzen Tisch breitete. Nun fing der Nikolaus an auszupacken und seine Siebensachen in die Stube zu schleppen. Mitten auf den Tisch stellte er einen Christbaum, der war \u00fcber die Ma\u00dfen sch\u00f6n geschm\u00fcckt und mit Lichtern ganz \u00fcbers\u00e4t. Der Baum stand in einem Moosg\u00e4rtchen, darin weideten wei\u00dfe flockige Schafe mit goldenen Halsb\u00e4ndern und langen roten Beinen, und ein Sch\u00e4fer sa\u00df auf einem Felsen und blies auf seiner Schalmei, man h\u00f6rte es aber nicht. Dann wurden um den Baum herum gro\u00dfe Herzlebkuchen gelegt, f\u00fcr die Mutter und jedes der Kinder einer. Auf jedem schichtete Christkind ein H\u00e4ufchen \u00c4pfel, N\u00fcsse und Anisgebacknes auf und legte die Pakete daneben, die Nikolaus ihm reichte. Da war f\u00fcr die Mutter ein warmes Tuch, f\u00fcr Gretchen ein Kleidchen und eine sch\u00f6ne Puppe, f\u00fcr Hans eine M\u00fctze und ein Lesebuch, f\u00fcr Jakob ein Kittel und eine Flinte und f\u00fcr den kleinen Trompeter, der spa\u00dfiger Weise auch gerade Peterchen hie\u00df, warme Schuhe und Str\u00fcmpfe und ein Paar wundernette Pferdchen mit roten Z\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mariechen half auspacken und auflegen und war ganz au\u00dfer sich vor Freude. Als sie fertig waren, sagte Christkind: \u203aF\u00fcr dich, Mariechen, habe ich nichts, was meinst du dazu? \u2039<\/p>\n\n\n\n<p>\u203aOh, liebes Christkind,\u2039 rief Mariechen und hob die gefalteten H\u00e4nde in die H\u00f6he, \u203aich bin doch die Gl\u00fccklichste von allen; du gibst mir das Sch\u00f6nste und Beste, indem ich den andern bescheren und ihre Freude sehen darf.\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>\u203aRecht so, meine Kleine, \u2039 antwortete Christkind und k\u00fcsste Mariechen wieder auf die Stirne, \u203ableibe so gut und liebevoll, und es wird dir wohlgehen auf der Erde, und alle Menschen werden dich lieben! \u2039<\/p>\n\n\n\n<p>\u203aWir m\u00fcssen fort, \u2039 mahnte Nikolaus, \u203awir sind noch lange nicht fertig.\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>\u203aIch komme schon, alter Brummb\u00e4r\u2039, sagte Christkind, breitete seine Fl\u00fcgel auseinander, l\u00e4chelte Mariechen noch einmal freundlich zu und \u2013 fort waren sie. Nur ganz aus der Ferne h\u00f6rte man noch Eselchens Gl\u00f6cklein erklingen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem engen H\u00e4uschen aber erhob sich jetzt ein Jubeln und Jauchzen, wie es in keinem der reichen stattlichen H\u00e4user froher und herzlicher sein konnte. Auf Mariechens Ruf waren alle aus der dunklen Kammer herausgest\u00fcrzt, standen erst einen Augenblick wie versteinert, und dann brach die helle Freude los.<\/p>\n\n\n\n<p>\u203aAch, was f\u00fcr ein sch\u00f6nes Kleid! \u2013 Wie, eine Flinte f\u00fcr mich? Ich schie\u00dfe euch alle tot: Piff, paff, puff! \u2013 Ein Buch, ein Buch! Daraus lese ich euch vor! \u2013 Zieh, Gaul, zieh! \u2039 So ging es wohl eine Viertelstunde lang ohne Aufh\u00f6ren, man wurde fast taub von dem L\u00e4rmen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u203aAber Mariechen, du hast ja gar nichts\u2039, riefen auf einmal die Geschwister, nachdem sie sich an ihren Geschenken und dem strahlenden Christbaum satt gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mutter, die bis dahin nur bald gelacht, bald geweint hatte, nahm ihr Mariechen in den Arm, k\u00fcsste und dr\u00fcckte es fest an sich und sagte zu den andern: \u203aSeht ihr nicht, dass sie das Beste bekommen hat! Weil sie so gerne gibt, durfte sie uns geben, und das ist immer noch zehnmal seliger als nehmen.\u2039\u00ab\u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Wie nun die Tante schwieg, denn die Geschichte war zu Ende, blieben die Kinder noch ein Weilchen stille sitzen, dann sagte Mathildchen: \u00bbTante, ich m\u00f6chte die rosa Puppe, welche du mir heute gekauft hast, gerne dem kleinen M\u00e4dchen bescheren, das wir heute auf dem Markt gesehen. Wenn wir nur w\u00fcssten, wie es hei\u00dft und wo es wohnt!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbUnd ich will die Peitsche bescheren!\u00abrief Georg.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWollt ihr gerne?\u00absagte die Tante; \u00bbnun, das ist sch\u00f6n, da haben wir ja alle drei den n\u00e4mlichen Gedanken, und ich wei\u00df auch, wie die Kinder hei\u00dfen und wo sie wohnen. Heute Abend erlaubt euch die Mama, ein St\u00fcndchen l\u00e4nger aufzubleiben; da sollt ihr mir eine ganze Weihnachtsbescherung f\u00fcr sie r\u00fcsten helfen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Georg und Mathildchen klatschten vor Freude in die H\u00e4nde und liefen gesch\u00e4ftig hin und her, der Tante zu helfen. Erst wurde das Tannenb\u00e4umchen hereingebracht, welches sie auf dem Markte gekauft hatten, wurde in ein Moosg\u00e4rtchen gesteckt, in dem gleichfalls rotbeinige Schafe weideten, und hernach wurde feierlichst die gro\u00dfe Tasche herbeigeschleppt, die so viele Sch\u00e4tze verschlungen hatte und die sie nun alle wieder herausgeben musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder bekamen Nadeln und Faden, damit f\u00e4delten sie die Glasperlen ein, dann wickelten sie feinen Draht um die goldenen und silbernen N\u00fcsse und kn\u00fcpften lange Seidenf\u00e4den an die Konfekt St\u00fccke. Die Tante hing alles auf, befestigte die Kerzchen an dem Baume, und bald stand er fertig geschm\u00fcckt vor ihnen. Dann wurden die Spielsachen und Kleidungsst\u00fccke, welche die Tante besorgt hatte, herbeigeholt, f\u00fcr jedes Kind wurde ein P\u00e4ckchen gemacht und sein Name darauf geschrieben. Dass die rosa Puppe und die Peitsche mit dabei waren, versteht sich von selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie waren kaum fertig, als es anklopfte und eine Frau hereintrat, die gar \u00e4rmlich, aber reinlich gekleidet war. Die Tante begr\u00fc\u00dfte sie freundlich und sagte zu ihr: \u00bbLiebe Frau, da haben wir, mein Mathildchen, mein Georg und ich, eine kleine Christbescherung f\u00fcr Ihre Kinder hergerichtet. Nehmen Sie alles mit sich, verstecken Sie es daheim, und morgen Abend, wenn es f\u00fcnf Uhr schl\u00e4gt, z\u00fcnden Sie den Kinderchen den Christbaum an, da brennt er gerade zur selben Zeit mit dem unsrigen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau war \u00fcbergl\u00fccklich; sie dr\u00fcckte der Tante die Hand, k\u00fcsste Georg und Mathildchen und packte dann mit deren Hilfe alles wohl zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun waren aber die Kinder sehr m\u00fcde sowie die Tante auch. Sie setzte sich mit ihnen noch einen Augenblick auf das Sofa und nahm jedes in einen Arm, da sagte Mathildchen, indem es sein K\u00f6pfchen an die Schulter der Tante legte: \u00bbTantchen, ich bin so vergn\u00fcgt! Ich denke gar nicht mehr daran, dass morgen schon Weihnachten ist, ich meine, es habe mir schon beschert!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch bin auch vergn\u00fcgt, mein Goldkind,\u00abantwortete die Tante, \u00bbdenn das gibt eine Bescherung nach meinem Sinn. Aus den gro\u00dfen allgemeinen Bescherungen, wo die armen Kinder in fremden H\u00e4usern und unter den Augen von fremden Leuten in einen Saal mit einigen Christb\u00e4umen getrieben werden, wo sie sich kaum umzusehen, noch weniger sich laut zu freuen wagen, und dann, wenn sie heimkommen, ihr dunkles St\u00fcbchen noch dunkler finden, mache ich mir im Grunde nicht viel. Wenn ich ein K\u00f6nig w\u00e4re, m\u00fcsste am Weihnachtsabend in jedem H\u00e4uschen, wo Kinder sind, ein Christbaum brennen, und w\u00e4re er auch nicht gr\u00f6\u00dfer als meine Hand!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tante sagte das eigentlich nur f\u00fcr sich, denn die Kinder h\u00e4tten es doch nicht verstanden und waren auch schon halb eingeschlafen. \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Als es aber wieder Abend ward, da brauchte die Tante nichts mehr zu erz\u00e4hlen, denn da war der heilige Christ selber gekommen und hatte alle W\u00fcnsche, Tr\u00e4ume und Hoffnungen in gl\u00fcckselige Wirklichkeit verwandelt. Georg und Mathildchen waren au\u00dfer sich vor Freude, sie wussten kaum, was sie zuerst und am meisten bewundern sollten. Mathildchen stand vor einer herrlichen Puppenk\u00fcche und war bereits in voller T\u00e4tigkeit, einen Kuchen zusammenzur\u00fchren, da rief sie pl\u00f6tzlich aus ihrem Jubel heraus: \u00bbAch Tante, eben denke ich dran! Jetzt ist es auch hell bei den armen Kindern und beschert es bei ihnen. Das ist doch noch das Allersch\u00f6nste!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, das Allersch\u00f6nste! \u00abwiederholte der Georg von seinem neuen Schaukelpferde aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte vom Weihnachtsmarkt Weihnachtsgeschichte von Luise B\u00fcchner Am Tage vor Weihnachten war das Wetter hell und klar, und der Schnee war festgefroren. Da sagte die Tante zu den Kindern: \u00bbHeute f\u00fchre ich euch auf den Weihnachtsmarkt, lasst euch nur schnell die M\u00e4ntelchen anziehen und die H\u00fctchen aufsetzen!\u00ab Das brauchte sie nicht zweimal zu sagen; [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6067,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[54],"tags":[],"class_list":["post-2617","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-weihnachten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2617","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2617"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2617\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2618,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2617\/revisions\/2618"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6067"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2617"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2617"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2617"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}