{"id":245,"date":"2015-10-06T21:22:42","date_gmt":"2015-10-06T19:22:42","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=245"},"modified":"2025-12-27T22:46:11","modified_gmt":"2025-12-27T21:46:11","slug":"das-darlehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-darlehen\/","title":{"rendered":"Das Darlehen"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Ludwig Aurbacher<\/strong><br>Wer recht und wohl tut, ist Gott angenehm unter jedem Volke.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein junger Gelehrter, ein Jude, der sich zum Amte eines Rabbiners anschicken wollte, trat eines Tages vor einen sehr reichen Mann, der sein Glaubensgenosse war, um von ihm ein Darlehen zu erbitten. Er wollte aber keine Gelder haben \u2013 denn deren bedurfte er nicht bei seiner gro\u00dfen Gen\u00fcgsamkeit \u2013 sondern nur einige seltene und kostbare B\u00fccher, welche er zu seinen Studien brauchte, und die, wie er wusste, der reiche Jude nebst andern Sch\u00e4tzen besa\u00df. \u2013 Nachdem der junge Mann seine Bitte in dem\u00fctiger Weise vorgebracht, sprach der Alte: \u00bbWas braucht&#8217;s da viel zu bitten und zu betteln? Ich bin ein Handelsmann und gebe Geld, aber nur f\u00fcr Ware, und mache Darlehen, aber freilich nur gegen gute Prozente.\u00ab Der Bittsteller erwiderte hierauf. \u00bbProzente k\u00f6nne er eben leider nicht geben; denn er sei blutarm, und habe kaum so viel, um seines Leides und Lebens Notdurft zu befriedigen.\u00ab \u2013 \u00bbNun, was macht&#8217;s? versetzte der Alte; ich lasse handeln. Der Herr verschreibt mir das Drittel von Gottes Lohn, der ihm dereinst werden wird f\u00fcr seine Arbeiten in Gottes Dienste.\u00ab Der junge Gelehrte willigte ein, und der Alte f\u00fchrte ihn sofort zu seiner B\u00fccherei, und lie\u00df ihn suchen und w\u00e4hlen nach Gutd\u00fcnken. Es ward hierauf ein genaues Verzeichnis der geliehenen B\u00fccher gefertigt (die Rubriken der Preise blieben offen), sodann vom Empf\u00e4nger mit jener Klausel unterzeichnet, und zuletzt vom Darleiher bei den Schuldbriefen hinterlegt. \u2013 Und hier wird der g\u00fcnstige Leser ohne Zweifel denken: Ein Drittel von Gottes Lohn begehren von dem k\u00fcnftigen Einkommen des jungen Mannes, als Rabbiners, als Gelehrten, als Hausmanns, das sei doch wahrlich mehr als j\u00fcdisch. So hat&#8217;s auch der junge Mann verstanden, und er hat doch den Vertrag eingegangen, weil er sich um jeden Preis t\u00fcchtig machen wollte zu dem Amte, das er zu verdienen und zu erhalten suchte. \u2013 Die Sache ist aber, wie&#8217;s nun eben in der Welt geht, ganz anders gekommen. Der junge Mann starb nach ein paar Jahren, ehe er noch zu Amt und Geld und Weib gelangt war. \u2013 Die kostbaren und seltenen B\u00fccher brachte der Vater des Verstorbenen dem alten reichen Juden alsbald zur\u00fcck mit h\u00f6flichstem Dank. \u00bbEr w\u00fcsste freilich wohl, sagte er mit sch\u00fcchtern z\u00f6gerndem Tone, dass sein Sohn diese B\u00fccher als ein Darlehen erhalten habe um ein Drittel Prozent von Gottes Lohn. Aber er seines Teils verm\u00f6cht&#8216; es nicht, die Zinsen zu bezahlen, und der, welcher sie entlehnt, noch weniger, da er im Leben nichts erworben h\u00e4tte, und durch den Tod vollends verdorben w\u00e4re.\u00ab \u2013 \u00bbWas? sagte der alte Jude, nichts erworben? vollends verdorben? Ich wei\u00df besser, wie es mit ihm gestanden. Hat er nicht gelebt und gestrebt, Gottes Weisheit zu erforschen in den B\u00fcchern der V\u00e4ter, um einst Gottes Weisheit zu lehren in der Gemeinde der Auserw\u00e4hlten? Wahrlich! der Herr wird ihm das lohnen, und mir wird auch der Teil werden, den ich mir ausbedungen; denn Gott rechnet nach Rechten.\u00ab Sofort zerriss er den Brief, und erkl\u00e4rte, dass er sich bezahlt halte f\u00fcr Kapital und Zinsen; und der Vater k\u00f6nne mithin die B\u00fccher als sein Eigentum betrachten und aufs Beste verwehrten nach Gutd\u00fcnken.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Geschichte hat sich vor vielen Jahren in M\u00fcnchen ereignet; und der, welcher es dem Volksfreund erz\u00e4hlt hat, ist ein Enkel desjenigen, der es getan hat. wollt ihr wissen, wie der alte Jude gehei\u00dfen? Gott wei\u00df es!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[109,85],"tags":[],"class_list":["post-245","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ludwig-aurbacher","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=245"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2850,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245\/revisions\/2850"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=245"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=245"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=245"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}