{"id":240,"date":"2015-10-06T21:18:19","date_gmt":"2015-10-06T19:18:19","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=240"},"modified":"2026-01-24T02:00:43","modified_gmt":"2026-01-24T01:00:43","slug":"wie-sich-der-christoph-und-das-baerbel-immer-aneinander-vorbeigewuenscht-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wie-sich-der-christoph-und-das-baerbel-immer-aneinander-vorbeigewuenscht-haben\/","title":{"rendered":"Wie sich der Christoph und das B\u00e4rbel immer aneinander vorbeigew\u00fcnscht haben"},"content":{"rendered":"<p>Richard v. Volkmann-Leander<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\">Das mag nun schon geraume Zeit her sein, dass einmal der liebe Gott &#8211; wie er es oft zu tun pflegte &#8211; sagte: \u00bbDu, Gabriel, mach einmal die Luke auf und &#8218;guck runter! Ich glaube, es weint was! \u00ab Der Gabriel tat, wie ihm der liebe Gott befohlen, hielt sich die Hand vor die Augen, weil&#8217;s blendete, sah \u00fcberall umher und sagte endlich: \u00bbDa unten ist eine lange gr\u00fcne Wiese; an dem einen Ende sitzt das B\u00e4rbel und h\u00fctet die G\u00e4nse und am andern der Christoph und h\u00fctet die Schweine, und weinen tun sie alle beide, dass einem das Herz im Leibe weh tut.\u00ab &#8211; \u00bbSo? \u00ab sagte der liebe Gott; \u00bbgeh weg, Langer, damit ich selbst zusehen kann. \u00ab (Dass der Engel Gabriel sehr lang ist, wei\u00df jeder.)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie er nun selbst zugesehen hat, fand er es geradeso, wie es der Engel Gabriel gesagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dass aber der Christoph und das B\u00e4rbel beide so kl\u00e4glich weinten, hat sich so zugetragen: Der Christoph und das B\u00e4rbel hatten sich beide sehr lieb; denn eins h\u00fctete die G\u00e4nse, das andere die Schweine, und sie passten also gut zusammen, weil n\u00e4mlich der Stand kein Hindernis machte. Sie nahmen sich denn vor, sie wollten sich heiraten, und meinten, dazu w\u00e4r&#8217;s gerade genug, dass sie sich so liebh\u00e4tten. Aber die Herrschaft war anderer Meinung. So mussten sie sich denn mit dem Brautstande zufriedengeben. Weil aber Ordnung zu allen Dingen n\u00fctzt und das K\u00fcssen bei Brautleuten eine gar wichtige Sache ist, waren sie \u00fcbereingekommen, dass sieben K\u00fcsse morgens und sieben K\u00fcsse abends eine gute Zahl w\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine Zeitlang ist es denn auch ganz gut gegangen, und immer waren zur rechten Zeit die sieben richtig voll. Am Morgen aber des Tages, wo diese Geschichte sich zugetragen hat, eben da es zum siebenten Kusse kommen sollte, waren dem B\u00e4rbel seine Lieblingsgans und dem Christoph sein Lieblingsferkel wegen des Fr\u00fchst\u00fccks uneinig geworden, also, dass sie sich gar hart anlie\u00dfen und beinahe schon zu T\u00e4tlichkeiten \u00fcbergingen. Da mussten sie es, um den Streit zu schlichten, bei der falschen Zahl lassen. Wie nun beide nachher so einsam und weit voneinander am Wiesenrande sa\u00dfen, fiel ihnen ein, dass es doch sehr schlimm sei, und fingen an zu weinen, und weinten immer noch, als der liebe Gott selbst zusah.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der liebe Gott meinte anfangs, ihr Leid w\u00fcrde sich mit der Zeit wohl von selbst geben; als aber das Weinen immer \u00e4rger wurde und dem Christoph sein Lieblingsferkel und dem B\u00e4rbel seine Lieblingsgans auch schon begannen schier traurig zu werden und ganz sauert\u00f6pfische Gesichter zu machen, sprach er: \u00bbIch will ihnen helfen! Was sie sich am heutigen Tage nur immer w\u00fcnschen m\u00f6gen, soll in Erf\u00fcllung gehen. \u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die zwei hatten aber nur einen Gedanken; denn wie so eins nach dem andern schaute und konnten sich doch nicht sehen, denn die Wies war lang und in der Mitte ein Busch, dachte der Christoph: Wenn ich doch dr\u00fcben bei den G\u00e4nsen w\u00e4re! und das B\u00e4rbel seufzte: Ach, w\u00e4re ich doch bei den Schweinen!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf einmal nun sa\u00df der Christoph wirklich bei den G\u00e4nsen und das B\u00e4rbel bei den Schweinen; und doch waren sie wieder nicht beieinander, und die falsche Zahl konnte immer noch nicht richtig gemacht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Da dachte der Christoph: Das B\u00e4rbel wird mich wohl haben besuchen wollen. Und das B\u00e4rbel dachte: Was gilt&#8217;s, der Christoph ist andersrum zu mir &#8218;r\u00fcbergegangen! &#8211; Ach, w\u00e4r&#8216; ich doch bei meinen G\u00e4nsen! &#8211; Ach, w\u00e4r&#8216; ich doch bei meinen Schweinen!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Da sa\u00df nun wieder das B\u00e4rbel bei den G\u00e4nsen und der Christoph bei den Schweinen, und so ist es den ganzen Tag \u00fcber immer umschichtig fortgegangen, weil sich die beiden stets aneinander vorbeigew\u00fcnscht haben. So fehlt denn der siebente Morgenkuss des Tages heute noch. Der Christoph wollte ihn zwar selbigen Abends, als sie beide, todm\u00fcde gew\u00fcnscht, nach Hause kamen, nachholen, aber das B\u00e4rbel meinte, es helfe nun doch nichts mehr, und die Unordnung sei nimmer wieder gutzumachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als aber der liebe Gott sah, dass sich die beiden immer so aneinander vorbeiw\u00fcnschten, sprach er: \u00bbDa habe ich etwas Gutes angerichtet. Aber, was ich gesagt habe, habe ich gesagt! Dagegen kann nun weiter nichts helfen! \u00ab So hat er sich dann vorgenommen, nie wieder Liebesleuten ihre W\u00fcnsche so ohne weiteres in Erf\u00fcllung gehen zu lassen, sondern sich immer erst zu erkundigen, was sie denn eigentlich haben wollten. Sp\u00e4ter aber soll er einmal im Vertrauen zum Gabriel gesagt haben: es w\u00e4re doch recht schade, dass ihre W\u00fcnsche sogar selten von der Art w\u00e4ren, dass er sie gew\u00e4hren d\u00fcrfe; und als ich mich vor langer, langer Zeit einmal in \u00e4hnlichen Angelegenheiten an ihn wandte, tat er gar nicht, als wenn er es h\u00f6rte. Nachher erz\u00e4hlte mir der Gabriel diese Geschichte; da konnte ich mich freilich nicht mehr wundern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richard v. Volkmann-Leander<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,99],"tags":[],"class_list":["post-240","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-maerchen","category-richard-von-volkmann-leander"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/240","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=240"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/240\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":241,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/240\/revisions\/241"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=240"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=240"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=240"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}