{"id":230,"date":"2015-10-06T21:09:05","date_gmt":"2015-10-06T19:09:05","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=230"},"modified":"2025-12-27T21:51:56","modified_gmt":"2025-12-27T20:51:56","slug":"das-buerle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-buerle\/","title":{"rendered":"Das B\u00fcrle"},"content":{"rendered":"\n<p>Br\u00fcder Grimm<br><br>Es war ein Dorf, darin sa\u00dfen lauter reiche Bauern und nur ein armer, den nannten sie das B\u00fcrle (B\u00e4uerlein). Er hatte nicht einmal eine Kuh und noch weniger Geld, eine zu kaufen; und er und seine Frau h\u00e4tten so gern eine gehabt. Einmal sprach er zu ihr: &#8222;H\u00f6r, ich habe einen guten Gedanken, da ist unser Gevatter Schreiner, der soll uns ein Kalb aus Holz machen und braun anstreichen, dass es wie ein anderes aussieht, mit der Zeit wird&#8217;s wohl gro\u00df und gibt eine Kuh.&#8220; Der Frau gefiel das auch, und der Gevatter Schreiner zimmerte und hobelte das Kalb zurecht, strich es an, wie sich&#8217;s geh\u00f6rte, und machte es so, dass es den Kopf herabsenkte, als fr\u00e4\u00dfe es.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Das B\u00fcrle von den Br\u00fcdern Grimm: M\u00e4rchen zum Tr\u00e4umen und Einschlafen (H\u00f6rbuch)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/acK5rpJPlFY?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Wie die K\u00fche des andern Morgens ausgetrieben wurden, rief das B\u00fcrle den Hirt herein und sprach: &#8222;Seht, da hab ich ein K\u00e4lbchen, aber es ist noch klein und muss noch getragen werden.&#8220; Der Hirt sagte: &#8222;Schon gut&#8220;, nahm&#8217;s in seinen Arm, trug&#8217;s hinaus auf die Weide und stellte es ins Gras. Das K\u00e4lblein blieb da immer stehen wie eins, das frisst, und der Hirt sprach: &#8222;Das wird bald selber laufen, guck einer, was es schon frisst!&#8220; Abends, als er die Herde wieder heimtreiben wollte, sprach er zu dem Kalb: &#8222;Kannst du da stehen und dich satt fressen, so kannst du auch auf deinen vier Beinen gehen, ich mag dich nicht wieder auf dem Arm heimschleppen.&#8220; Das B\u00fcrle stand aber vor der Haust\u00fcre und wartete auf sein K\u00e4lbchen; als nun der Kuhhirt durchs Dorf trieb und das K\u00e4lbchen fehlte, fragte er danach. Der Hirt antwortete: &#8222;Das steht noch immer drau\u00dfen und frisst: es wollte nicht aufh\u00f6ren und nicht mitgehen.&#8220; B\u00fcrle aber sprach: &#8222;Ei was, ich muss mein Vieh wiederhaben.&#8220; Da gingen sie zusammen nach der Wiese zur\u00fcck, aber einer hatte das Kalb gestohlen, und es war fort. Sprach der Hirt: &#8222;Es wird sich wohl verlaufen haben.&#8220; Das B\u00fcrle aber sagte: &#8222;Mir nicht so!&#8220; und f\u00fchrte den Hirten vor den Schulthei\u00df, der verdammte ihn f\u00fcr seine Nachl\u00e4ssigkeit, dass er dem B\u00fcrle f\u00fcr das entkommene Kalb musste eine Kuh geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun hatte das B\u00fcrle und seine Frau die lang gew\u00fcnschte Kuh; sie freuten sich von Herzen, hatten aber kein Futter, und konnten ihr nichts zu fressen geben, also musste sie bald geschlachtet werden. Das Fleisch salzten sie ein, und das B\u00fcrle ging in die Stadt und wollte das Fell dort verkaufen, um f\u00fcr den Erl\u00f6s ein neues K\u00e4lbchen zu bestellen. Unterwegs kam er an eine M\u00fchle, da sa\u00df ein Rabe mit gebrochenen Fl\u00fcgeln, den nahm er aus Erbarmen auf und wickelte ihn in das Fell. Weil aber das Wetter so schlecht ward und Wind und Regen st\u00fcrmte, konnte er nicht weiter, kehrte in die M\u00fchle ein und bat um Herberge. Die M\u00fcllerin war allein zu Haus und sprach zu dem B\u00fcrle: &#8222;Da leg dich auf die Streu&#8220;, und gab ihm ein K\u00e4sebrot. Das B\u00fcrle a\u00df und legte sich nieder, sein Fell neben sich, und die Frau dachte: &#8222;Der ist m\u00fcde und schl\u00e4ft.&#8220; Indem kam der Pfaff, die Frau M\u00fcllerin empfing ihn wohl und sprach: &#8222;Mein Mann ist aus, da wollen wir uns traktieren.&#8220; B\u00fcrle horchte auf, und wie&#8217;s von traktieren h\u00f6rte, \u00e4rgerte es sich, dass es mit K\u00e4sebrot h\u00e4tte vorliebnehmen m\u00fcssen. Da trug die Frau herbei und trug viererlei auf, Braten, Salat, Kuchen und Wein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sie sich nun setzten und essen wollten, klopfte es drau\u00dfen. Sprach die Frau: &#8222;Ach Gott, das ist mein Mann!&#8220; Geschwind versteckte sie den Braten in die Ofenkachel, den Wein unters Kopfkissen, den Salat aufs Bett, den Kuchen unters Bett und den Pfaff in den Schrank auf dem Hausern. Danach machte sie dem Mann auf und sprach: &#8222;Gottlob, dass du wieder hier bist! Das ist ein Wetter, als wenn die Welt untergehen sollte!&#8220; Der M\u00fcller sah&#8217;s B\u00fcrle auf dem Streu liegen und fragte: &#8222;Was will der Kerl da?&#8220; &#8222;Ach&#8220;, sagte die Frau, &#8222;der arme Schelm kam in dem Sturm und Regen und bat um ein Obdach, da hab ich ihm ein K\u00e4sebrot gegeben und ihm die Streu angewiesen.&#8220; Sprach der Mann: &#8222;Ich habe nichts dagegen, aber schaff mir bald etwas zu essen.&#8220; Die Frau sagte: &#8222;Ich habe aber nichts als K\u00e4sebrot.&#8220; &#8222;Ich bin mit allem zufrieden&#8220;, antwortete der Mann, &#8222;meinetwegen mit K\u00e4sebrot&#8220;, sah das B\u00fcrle an und rief: &#8222;Komm und iss noch einmal mit.&#8220; B\u00fcrle lie\u00df sich das nicht zweimal sagen, stand auf und a\u00df mit. Danach sah der M\u00fcller das Fell auf der Erde liegen, in dem der Rabe steckte, und fragte: &#8222;Was hast du da?&#8220; Antwortete das B\u00fcrle &#8222;Da hab ich einen Wahrsager drin.&#8220; &#8222;Kann der mir auch wahrsagen?&#8220; sprach der M\u00fcller. &#8222;Warum nicht?&#8220; antwortete das B\u00fcrle. &#8222;Er sagt aber nur vier Dinge, und das f\u00fcnfte beh\u00e4lt er bei sich.&#8220; Der M\u00fcller war neugierig und sprach: &#8222;Lass ihn einmal wahrsagen.&#8220; Da dr\u00fcckte B\u00fcrle dem Raben auf den Kopf, dass er quakte und &#8222;krr krr&#8220; machte. Sprach der M\u00fcller: &#8222;Was hat er gesagt?&#8220; B\u00fcrle antwortete: &#8222;Erstens hat er gesagt, es steckte Wein unterm Kopfkissen.&#8220; &#8222;Das w\u00e4re des Guckgucks!&#8220; rief der M\u00fcller, ging hin und fand den Wein. &#8222;Nun weiter&#8220;, sprach der M\u00fcller. Das B\u00fcrle lie\u00df den Raben wieder quaksen und sprach: &#8222;Zweitens, hat er gesagt, w\u00e4re Braten in der Ofenkachel.&#8220; &#8222;Das w\u00e4re des Guckgucks!&#8220; rief der M\u00fcller, ging hin und fand den Braten. B\u00fcrle lie\u00df den Raben noch mehr weissagen und sprach: &#8222;Drittens, hat er gesagt, w\u00e4re Salat auf dem Bett.&#8220; &#8222;Das w\u00e4re des Guckgucks!&#8220; rief der M\u00fcller, ging hin und fand den Salat. Endlich dr\u00fcckte das B\u00fcrle den Raben noch einmal, dass er knurrte, und sprach: &#8222;Viertens, hat er gesagt, w\u00e4re Kuchen unterm Bett.&#8220; &#8222;Das w\u00e4re des Guckgucks!&#8220; rief der M\u00fcller, ging hin und fand den Kuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun setzten sich die zwei zusammen an den Tisch, die M\u00fcllerin aber kriegte Todes\u00e4ngste, legte sich ins Bett und nahm alle Schl\u00fcssel zu sich. Der M\u00fcller h\u00e4tte auch gern das f\u00fcnfte gewusst, aber B\u00fcrle sprach: &#8222;Erst wollen wir die vier andern Dinge ruhig essen, denn das f\u00fcnfte ist etwas Schlimmes.&#8220; So a\u00dfen sie, und danach ward gehandelt, wie viel der M\u00fcller f\u00fcr die f\u00fcnfte Wahrsagung geben sollte, bis sie um dreihundert Taler einig wurden. Da dr\u00fcckte das B\u00fcrle dem Raben noch einmal an den Kopf, dass er laut quackte. Fragte der M\u00fcller: &#8222;Was hat er gesagt?&#8220; Antwortete das B\u00fcrle: &#8222;Er hat gesagt, drau\u00dfen im Schrank auf dem Hausern, da steckte der Teufel.&#8220; Sprach der M\u00fcller: &#8222;Der Teufel muss hinaus&#8220;, und sperrte die Haust\u00fcr auf, die Frau aber musste den Schl\u00fcssel hergeben, und B\u00fcrle schloss den Schrank auf. Da lief der Pfaff, was er konnte, hinaus, und der M\u00fcller sprach: &#8222;Ich habe den schwarzen Kerl mit meinen Augen gesehen: es war richtig.&#8220; B\u00fcrle aber machte sich am andern Morgen in der D\u00e4mmerung mit den dreihundert Talern aus dem Staub.<\/p>\n\n\n\n<p>Daheim tat sich das B\u00fcrle allgemach auf, baute ein h\u00fcbsches Haus, und die Bauern sprachen: &#8222;Das B\u00fcrle ist gewiss gewesen, wo der goldene Schnee f\u00e4llt und man das Geld mit Scheffeln heimtr\u00e4gt.&#8220; Da ward B\u00fcrle vor den Schulthei\u00df gefordert, es sollte sagen, woher sein Reichtum k\u00e4me. Antwortete es: &#8222;Ich habe mein Kuhfell in der Stadt f\u00fcr dreihundert Taler verkauft.&#8220; Als die Bauern das h\u00f6rten, wollten sie auch den gro\u00dfen Vorteil genie\u00dfen, liefen heim, schlugen all ihre K\u00fche tot und zogen die Felle ab, um sie in der Stadt mit dem gro\u00dfen Gewinn zu verkaufen. Der Schulthei\u00df sprach: &#8222;Meine Magd muss aber vorangehen.&#8220; Als diese zum Kaufmann in die Stadt kam, gab er ihr nicht mehr als drei Taler f\u00fcr ein Fell; und als die \u00fcbrigen kamen, gab er ihnen nicht einmal so viel und sprach: &#8222;Was soll ich mit all den H\u00e4uten anfangen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun \u00e4rgerten sich die Bauern, dass sie vom B\u00fcrle hinters Licht gef\u00fchrt waren, wollten Rache an ihm nehmen und verklagten es wegen des Betrugs bei dem Schulthei\u00df. Das unschuldige B\u00fcrle ward einstimmig zum Tod verurteilt, und sollte in einem durchl\u00f6cherten Fass ins Wasser gerollt werden. B\u00fcrle ward hinausgef\u00fchrt und ein Geistlicher gebracht, der ihm eine Seelenmesse lesen sollte. Die andern mussten sich alle entfernen, und wie das B\u00fcrle den Geistlichen anblickte, so erkannte es den Pfaffen, der bei der Frau M\u00fcllerin gewesen war. Sprach es zu ihm: &#8222;Ich hab Euch aus dem Schrank befreit, befreit mich aus dem Fass.&#8220; Nun trieb gerade der Sch\u00e4fer mit einer Herde Schafe daher, von dem das B\u00fcrle wusste, dass er l\u00e4ngst gerne Schulthei\u00df geworden w\u00e4re, da schrie es aus allen Kr\u00e4ften: &#8222;Nein, ich tu&#8217;s nicht! Und wenn&#8217;s die ganze Welt haben wollte, nein, ich tu&#8217;s nicht!&#8220; Der Sch\u00e4fer, der das h\u00f6rte, kam herbei und fragte: &#8222;Was hast du vor? Was willst du nicht tun?&#8220; B\u00fcrle sprach: &#8222;Da wollen sie mich zum Schulthei\u00df machen, wenn ich mich in das Fass setze, aber ich tu&#8217;s nicht.&#8220; Der Sch\u00e4fer sagte: &#8222;Wenn&#8217;s weiter nichts ist, um Schulthei\u00df zu werden, wollte ich mich gleich in das Fass setzen.&#8220; B\u00fcrle sprach: &#8222;Willst du dich hineinsetzen, so wirst du auch Schulthei\u00df.&#8220; Der Sch\u00e4fer war&#8217;s zufrieden, setzte sich hinein, und das B\u00fcrle schlug den Deckel drauf; dann nahm es die Herde des Sch\u00e4fers f\u00fcr sich und trieb sie fort. Der Pfaff aber ging zur Gemeinde und sagte, die Seelenmesse w\u00e4re gelesen. Da kamen sie und rollten das Fass nach dem Wasser hin. Als das Fass zu rollen anfing, rief der Sch\u00e4fer: &#8222;Ich will ja gerne Schulthei\u00df werden.&#8220; Sie glaubten nicht anders, als das B\u00fcrle schrie so, und sprachen: &#8222;Das meinen wir auch, aber erst sollst du dich da unten umsehen&#8220;, und rollten das Fass ins Wasser hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf gingen die Bauern heim, und wie sie ins Dorf kamen, so kam auch das B\u00fcrle daher, trieb eine Herde Schafe ruhig ein und war ganz zufrieden. Da erstaunten die Bauern und sprachen: &#8222;B\u00fcrle, wo kommst du her? Kommst du aus dem Wasser?&#8220; &#8222;Freilich&#8220;, antwortete das B\u00fcrle, &#8222;ich bin versunken tief, tief, bis ich endlich auf den Grund kam: ich stie\u00df dem Fass den Boden aus und kroch hervor, da waren sch\u00f6ne Wiesen, auf denen viele L\u00e4mmer weideten, davon bracht ich mir die Herde mit.&#8220; Sprachen die Bauern: &#8222;Sind noch mehr da?&#8220; &#8222;O ja&#8220;, sagte das B\u00fcrle, &#8222;mehr, als ihr brauchen k\u00f6nnt.&#8220; Da verabredeten sich die Bauern, dass sie sich auch Schafe holen wollten, jeder eine Herde; der Schulthei\u00df aber sagte: &#8222;Ich komme zuerst.&#8220; Nun gingen sie zusammen zum Wasser, da standen gerade am blauen Himmel kleine Flockwolken, die man L\u00e4mmerchen nennt, die spiegelten sich im Wasser ab, da riefen die Bauern: &#8222;Wir sehen schon die Schafe unten auf dem Grund.&#8220; Der Schulz dr\u00e4ngte sich hervor und sagte: &#8222;Nun will ich zuerst hinunter und mich umsehen; wenn&#8217;s gut ist, will ich euch rufen.&#8220; Da sprang er hinein, &#8222;plump&#8220; klang es im Wasser. Sie meinten nicht anders, als er riefe ihnen zu: &#8222;Kommt!&#8220;, und der ganze Haufe st\u00fcrzte in einer Hast hinter ihm drein. Da war das Dorf ausgestorben, und B\u00fcrle als der einzige Erbe ward ein reicher Mann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Br\u00fcder Grimm Es war ein Dorf, darin sa\u00dfen lauter reiche Bauern und nur ein armer, den nannten sie das B\u00fcrle (B\u00e4uerlein). Er hatte nicht einmal eine Kuh und noch weniger Geld, eine zu kaufen; und er und seine Frau h\u00e4tten so gern eine gehabt. 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