{"id":208,"date":"2015-10-06T20:46:40","date_gmt":"2015-10-06T18:46:40","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=208"},"modified":"2025-12-27T21:57:42","modified_gmt":"2025-12-27T20:57:42","slug":"die-bockreiter-wueteten-in-pannesheide","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-bockreiter-wueteten-in-pannesheide\/","title":{"rendered":"Die Bockreiter w\u00fcteten in Pannesheide"},"content":{"rendered":"<p>M\u00e4rchen \u2013 Geschichte \u2013 Sage aus Herzogenrath<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<b> Raub\u00fcberfall auf altes Brauhaus vor 260 Jahren<\/b><\/p>\n<p>Es war Ende Oktober 1741. Ein kurzer, regenschwerer Tag ging fr\u00fch zur Ruhe. Kalter, rauer Wind tobte drau\u00dfen, riss die Bl\u00e4tter von den B\u00e4umen, streifte pfeifend die Fensterscheiben, dass sie klirrten und warf hier und da Dachziegel von H\u00e4usern und Stallungen. Alles in allem schien sich ein fr\u00fcher Winter anzuk\u00fcndigen. Aber wie ungem\u00fctlich und unheimlich es auch drau\u00dfen war &#8211; in dem behaglichen gro\u00dfen Wohnraum des alten Brauhauses in Pannesheide merkte man nichts davon.<\/p>\n<p>In dem freundlich erleuchteten Zimmer sa\u00df die B\u00e4uerin mit mehreren M\u00e4gden \u00fcber den Spinnrocken gebeugt, der Altbauer rauchte behaglich die lange Pfeife, w\u00e4hrend sich die Knechte laut scherzend beim Kartenspiel vergn\u00fcgten. Nach geraumer Zeit holte die gro\u00dfe Standuhr in der Ecke zum zehnten Schlag aus, und die Bewohner schickten sich an, sich zur Ruhe zu begeben. Bald lag das gro\u00dfe, ger\u00e4umige Brauhaus in tiefes Dunkel geh\u00fcllt, da der Hofherr, der Jungbauer Matthias Kockelkorn sich auf einer Gesch\u00e4ftsreise im J\u00fclicher Land befand und f\u00fcr heute nicht mehr zur\u00fcckerwartet wurde.<\/p>\n<p><b> Die gef\u00fcrchteten Bockreiter<\/b><\/p>\n<p>Kockelkorn galt als ein verm\u00f6gender Mann, der nicht nur die umliegenden D\u00f6rfer wie Kohlscheid, Richterich, Bardenberg und Kerkrade mit Gerstensaft versorgte, sondern daneben auch noch seine landwirtschaftlichen Erzeugnisse weit ins J\u00fclicher und limburgische Land hinein verkaufte. Gegen Mitternacht &#8211; drau\u00dfen herrschte tiefe Dunkelheit &#8211; erwachte der Gro\u00dfknecht pl\u00f6tzlich durch ein klirrendes Ger\u00e4usch, w\u00e4hrend drau\u00dfen der Kettenhund Nero Alarm schlug. In der Annahme, der starke Sturm habe in seiner Dachkammer, durch die ein kalter Luftzug streifte, eine Fensterscheibe eingedr\u00fcckt, erhob er sich -von seiner Lagerstatt und fand sich urpl\u00f6tzlich mehreren vermummten Gestalten gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Ein blitzschnelles Ringen entspann sich; denn dass es sich um Einbrecher handelte, war dem Gro\u00dfknecht sofort klar. Nach kurzem, hartem Kampfe unterlag er der \u00dcbermacht. Man knebelte und fesselte ihn. Inzwischen war es auch in den Schlafkammern nebenan lebendig geworden. M\u00f6belst\u00fccke zerbrachen und fielen polternd zur Erde. \u00dcberall spielten sich blitzschnelle K\u00e4mpfe zwischen den Eindringlingen und den Hofknechten ab, die aber schlie\u00dflich der \u00dcbermacht erlagen. Eins war den Hofbewohnern klar geworden: Sie befanden sich einer gewaltigen Bande gegen\u00fcber, die die Abwesenheit des Hofherrn benutzt hatte, um ihr dunkles Gewerbe im Brauhaus in Pannesheide auszu\u00fcben. Kein Zweifel: Es waren die gef\u00fcrchteten Bockreiter, die das Pannhaus in dieser stockdunklen Nacht mit ihrem Besuch beehrten.<\/p>\n<p>Die gefesselten Knechte, die auf einen derartigen blitzschnellen und mit gro\u00dfer \u00dcbermacht gef\u00fchrten \u00dcberfall nicht gefasst waren, wurden auf die Hauswiese geschleppt und in Abst\u00e4nden auf den Boden gelegt, damit sie keine Gelegenheit fanden, sich gegenseitig zu helfen und zu befreien. Unter wuchtigen Rammst\u00f6\u00dfen krachte die Haust\u00fcr zusammen. Ein Jungknecht, der sich den Einbrechern hier entgegenwarf und einen von ihnen an der Gurgel fasste, wurde von zehn, zw\u00f6lf F\u00e4usten zur\u00fcckgerissen und halbtot gepr\u00fcgelt, so dass er regungslos zusammensank. Man band ihm H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe, und die beiden Bockreiter Pierre Myters und Andreas Contzen warfen den Ohnm\u00e4chtigen in den Bierkeller, wohin man auch die im Hause anwesenden M\u00e4gde geschleift hatte, die vor K\u00e4lte, Schreck und Aufregung zitternd geduckt in einer Ecke kauerten.<\/p>\n<p><b>Gausame Misshandlungen<\/b><\/p>\n<p>Der Bockreiter Peter D. aus Ch\u00e4vremont versetzte dem w\u00fctend bellenden Nero einen Flankentritt, dass das Tier sich winselnd in eine Ecke seiner Hofh\u00fctte verkroch. Inzwischen waren die Bockreiter in die Schlafkammer des Altbauern gedrungen, den sie mit vorgehaltenen Pistolen aufforderten, das Geldversteck zu verraten. Doch der Alte weigerte sich standhaft und blieb stumm. &#8222;Wir werden den alten Hahn schon munter machen und ihn zum Kr\u00e4hen bringen, er schl\u00e4ft noch!&#8220; zischelte das &#8222;Mannweib&#8220; Fey Dovermans ihren Genossinnen Marie Schruff, Marie Katrin Groenewald und Marie Nottermanns, der Frau des \u00e4lteren Bruders des Chirurgen Kirchhoff aus Merkstein zu. &#8222;Schnell das Talglicht herbei, es ist eine wunderbare Medizin f\u00fcr Geizs\u00e4cke, die sich taubstumm stellen!&#8220;<\/p>\n<p>Der Altbauer wurde nun von einigen Verbrechern gefesselt, ein Talglicht angez\u00fcndet, mit dem die entmenschten Weiber Fey Dobermanns und Marie Schruff dem alten Mann unter die entbl\u00f6\u00dftem F\u00fc\u00dfe fuchtelten. Der Bauer verzog das Gesicht vor Schmerzen, aber trotz dieser grausamen Misshandlungen blieben seine Lippen stumm, wor\u00fcber sich selbst die abgefeimten Frauennaturen wunderten. &#8222;Das Mittel ist zu schwach&#8220;, keifte die Schruff, &#8222;gebt die Strohfackel her! Der Affe wird schon bekennen!&#8220; Im Nu hatten die Nottermanns und Groenewald eine Strohfackel entz\u00fcndet, die sie dem entsetzten Bauern an den entbl\u00f6\u00dftem Leib hielten, um ein Gest\u00e4ndnis von ihm zu erpressen! Der Gefolterte \u00e4chzte und st\u00f6hnte vor Schmerzen, bekannte aber nichts.<\/p>\n<p>Als die Bockreiter sahen, dass sie bei dem Altbauern nicht zum Ziele kamen, warfen sie ihn in den Bierkeller, an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gebunden. Jetzt drangen sie in die Schlafkammer der jungen B\u00e4uerin, der Ehefrau des Matthias Kockelkorn ein, die entsetzt ihr kaum sechs Wochen altes Kind an ihr Herz dr\u00fcckte. &#8222;Du hast die Wahl, entweder das Kind oder das Geld!&#8220; herrschte die Nottermanns sie an. Dabei griff sie nach dem S\u00e4ugling und wollte ihn den Armen der Mutter entrei\u00dfen. In ihrer Not verriet die B\u00e4uerin das Geldversteck. Fast 500 harte Taler fielen den Raubgesellen in die H\u00e4nde. Was man an Kleidern, Bettw\u00e4sche, Leinwand, Silbersachen, Schuhen erbeuten konnte, wurde in gro\u00dfe B\u00fcndel geschn\u00fcrt und weggeschafft. Au\u00dferdem nahm jeder Bockreiter einen zentnerschweren Weizensack mit.<\/p>\n<p>Doch noch nicht genug damit! Jetzt musste der Sieg geb\u00fchrend gefeiert werden! Ein gro\u00dfes Saufgelage hub an, das sich mehrere Stunden hinzog! Zum Schluss zerschlugen die Einbrecher die gro\u00dfen Lagerf\u00e4sser, in denen das Bier lagerte, so dass das Bier in den Keller str\u00f6mte und die dort gefesselt Liegenden ihre liebe Not hatten, nicht den Tod des Ertrinkens zu sterben. &#8222;Sauft doch, sauft doch! Es ist Euch verg\u00f6nnt!&#8220; riefen die betrunkenen Bockreiter den entsetzten Hausbewohnern zu. Als die Morgenr\u00f6te sich im Osten zeigte und zum Aufbruch mahnte, hatten die Bockreiter es pl\u00f6tzlich eilig. Sie verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren!<\/p>\n<p><strong>Der Aachener Henker<\/strong><\/p>\n<p>Erst zwei Jahre sp\u00e4ter gelang es, den R\u00e4delsf\u00fchrer zu fassen, und das scharfe Examen des Meisters Tyliburg, wie der oft beanspruchte Aachener Henker genannt wurde, brachte es mit sich, dass der gefolterte Muyters die Namen seiner Komplicen bekannte, die dann der strafenden Gerechtigkeit zugef\u00fchrt wurden. Jetzt erst stellte sich heraus, dass an dem \u00dcberfall auf das Brauhaus in Pannesheide eine gro\u00dfe Anzahl Spie\u00dfgesellen beteiligt gewesen war, die in Herzogenrath, in Kerkrade, in Chevremont, in Merkstein, in Valkenburg und in Bardenberg beheimatet waren.<\/p>\n<p>Als der Hofbesitzer Matthias Kockelkorn am n\u00e4chsten Tag in sein einsam gelegenes Gut zur\u00fcckkehrte, bot sich ihm ein Bild des Grauens. Sein Vater, der alte Kockelkorn, starb kurze Zeit sp\u00e4ter an den erlittenen Misshandlungen, seine Frau hatte einen Nervenschock erlitten, an dem sie zeitlebens zu leiden hatte. Die anderen geschundenen und \u00fcbel zugerichteten Hausbewohner genasen erst nach langem Krankenlager. Da die \u00dcberf\u00e4lle der Bockreiterbande auch in den folgenden Jahren auf einsam gelegene Geh\u00f6fte nicht aufh\u00f6rten, entschloss sich Kockelkorn, sein Gut zu verkaufen und sich eine neue Existenz in J\u00fclich zu suchen.<\/p>\n<p>Das alte Brauhaus in Pannesheide steht aber heute noch fast unver\u00e4ndert wie vor 200 Jahren hart an der holl\u00e4ndisch-deutschen Grenze. Es ist ein steinerner Zeuge daf\u00fcr, wie schnell Menschengl\u00fcck und Wohlstand durch rohe Gewalt zerst\u00f6rt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00e4rchen \u2013 Geschichte \u2013 Sage aus Herzogenrath<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[95],"tags":[],"class_list":["post-208","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-legende"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/208","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=208"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/208\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":209,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/208\/revisions\/209"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=208"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=208"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=208"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}