{"id":198,"date":"2015-10-06T20:33:03","date_gmt":"2015-10-06T18:33:03","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=198"},"modified":"2025-12-27T21:59:21","modified_gmt":"2025-12-27T20:59:21","slug":"die-blumen-der-kleinen-ida","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-blumen-der-kleinen-ida\/","title":{"rendered":"Die Blumen der kleinen Ida"},"content":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eMeine armen Blumen sind ganz tot!\u201c sagte die kleine Ida.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWie sch\u00f6n waren sie gestern Abend, und nun h\u00e4ngen alle Bl\u00e4tter welk herab! Warum tun sie das?\u201c fragte sie den Studenten, der auf dem Sofa sa\u00df, denn sie mochte ihn sehr gern. Er wusste die allersch\u00f6nsten Geschichten und schnitt so lustige Bilder aus, Herzen mit kleinen, tanzenden Damen darin, Blumen und gro\u00dfe Schl\u00f6sser, in denen man die T\u00fcren \u00f6ffnen konnte; er war ein lustiger Student. \u201eWarum sehen die Blumen heute so krank aus?\u201c fragte sie wieder und zeigte ihm einen Strau\u00df, der ganz welk war.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWei\u00dft du, was ihnen fehlt?\u201c sagte der Student. \u201eDie Blumen sind diese Nacht auf dem Ball gewesen, und darum lassen sie die K\u00f6pfe h\u00e4ngen.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eAber die Blumen k\u00f6nnen ja nicht tanzen!\u201c sagte die kleine Ida.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eDoch\u201c, sagte der Student, \u201ewenn es dunkel wird und wir anderen schlafen, dann springen sie lustig herum; fast jede Nacht halten sie Ball.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eK\u00f6nnen Kinder nicht mit auf diesen Ball gehen?\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eJa\u201c, sagte der Student, \u201eganz kleine G\u00e4nsebl\u00fcmchen und Maigl\u00f6ckchen.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWo tanzen die sch\u00f6nsten Blumen?\u201c fragte die kleine Ida.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eBist du nicht oft drau\u00dfen vor dem Tor bei dem gro\u00dfen Schloss gewesen, wo der K\u00f6nig im Sommer wohnt, wo der herrliche Garten mit den vielen Blumen ist? Du hast doch die Schw\u00e4ne gesehen, die zu dir hinschwimmen, wenn du ihnen Brotkrumen geben willst. Da drau\u00dfen ist richtiger Ball, das kannst du mir glauben!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eIch war gestern mit meiner Mutter drau\u00dfen im Garten\u201c, sagte Ida, \u201eaber die B\u00e4ume hatten alle Bl\u00e4tter verloren, und es waren gar keine Blumen mehr da. Wo sind sie? Im Sommer sah ich so viele!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eSie sind drinnen im Schloss\u201c, sagte der Student. \u201eWei\u00dft du, sobald der K\u00f6nig und alle Hofleute in die Stadt ziehen, laufen die Blumen sogleich aus dem Garten auf das Schloss und sind lustig. Das solltest du sehen! Die beiden allersch\u00f6nsten Rosen setzen sich auf den Thron, und dann sind sie K\u00f6nig und K\u00f6nigin. Alle roten Hahnenk\u00e4mme stellen sich zu beiden Seiten auf und verbeugen sich, das sind die Kammerjunker. \u2013 Dann kommen alle niedlichen Blumen, und es ist gro\u00dfer Ball. Die blauen Veilchen stellen kleine Seekadetten vor, sie tanzen mit Hyazinthen und Krokus, die sie Fr\u00e4ulein nennen. Die Tulpen und die gro\u00dfen gelben Lilien sind alte Damen, die passen auf, dass sch\u00f6n getanzt wird und dass es fein zugeht.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eAber\u201c, fragte die kleine Ida, \u201eist denn niemand da, der den Blumen etwas zuleide tut, weil sie im Schloss des K\u00f6nigs tanzen?\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eEs gibt niemand, der richtig etwas davon wei\u00df\u201c, sagte der Student. \u201eZuweilen kommt freilich in der Nacht der alte Schlossverwalter, der dort drau\u00dfen aufpassen soll; er hat ein gro\u00dfes Schl\u00fcsselbund bei sich, aber sobald die Blumen die Schl\u00fcssel rasseln h\u00f6ren, sind sie ganz still, verstecken sich hinter die Gardinen und recken die K\u00f6pfe hervor. \u203aIch rieche, dass Blumen hier sind\u2039, sagt der alte Schlossverwalter, aber er kann sie nicht sehen.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eDas ist lustig!\u201c sagte die kleine Ida und klatschte in die H\u00e4nde. \u201eAber k\u00f6nnte ich die Blumen auch nicht sehen?\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eDoch\u201c, sagte der Student, \u201edenk nur daran, dass du durch das Fenster siehst, wenn du wieder hinauskommst, so wirst du sie schon bemerken. Das tat ich heute; da lag eine lange gelbe Osterglocke auf dem Sofa und streckte sich, das war eine Hofdame.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eK\u00f6nnen auch die Blumen aus dem Botanischen Garten dahin kommen? K\u00f6nnen sie den weiten Weg gehen?\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eJa gewiss\u201c, sagte der Student; \u201ewenn sie wollen, dann k\u00f6nnen sie fliegen. Hast du nicht die sch\u00f6nen Schmetterlinge gesehen, die roten, gelben und wei\u00dfen? Sie sehen fast aus wie Blumen, und das sind sie auch gewesen. Sie sind vom Stiel hoch in die Luft gesprungen und haben da mit den Bl\u00e4ttern geschlagen, als w\u00e4ren es kleine Fl\u00fcgel, und dann flogen sie davon. Und weil sie sich gut auff\u00fchrten, bekamen sie die Erlaubnis, auch bei Tage herumzufliegen, und brauchten nicht wieder zu Hause still auf dem Stiel zu sitzen; und so wurden die Bl\u00e4tter am Ende zu wirklichen Fl\u00fcgeln. Das hast du ja selbst gesehen. Es kann \u00fcbrigens sein, dass die Blumen im Botanischen Garten niemals im Schloss des K\u00f6nigs gewesen sind oder nicht wissen, dass es dort des Nachts so lustig ist. Darum will ich dir etwas sagen: Er wird recht staunen, der Professor der Botanik, der hier nebenan wohnt; du kennst ihn doch wohl? Wenn du in seinen Garten kommst, musst du einer der Blumen erz\u00e4hlen, dass drau\u00dfen auf dem Schloss gro\u00dfer Ball ist. Sie sagt es allen anderen weiter, und dann fliegen sie fort. Kommt nun der Professor in den Garten hinaus, so ist nicht eine einzige Blume da, und er kann gar nicht verstehen, wo sie geblieben sind.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eAber wie kann denn die eine Blume es den anderen erz\u00e4hlen? Die Blumen k\u00f6nnen ja nicht sprechen!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eDas k\u00f6nnen sie freilich nicht\u201c, antwortete der Student, \u201eaber dann machen sie Pantomimen. Hast du nicht oft gesehen, dass die Blumen, wenn es ein wenig weht, sich zunicken und alle ihre gr\u00fcnen Bl\u00e4tter bewegen? Das ist f\u00fcr sie ebenso verst\u00e4ndlich wie gesprochene Worte.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eKann der Professor denn die Pantomimen verstehen?\u201c fragte Ida.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eJa, sicherlich. Er kam eines Morgens in seinen Garten und sah eine gro\u00dfe Brennnessel stehen, die mit ihren Bl\u00e4ttern einer sch\u00f6nen, roten Nelke Pantomimen machte. Sie sagte: \u203aDu bist gar so niedlich, und ich bin dir von Herzen gut! \u2039 Aber so etwas kann der Professor nun gar nicht leiden, er schlug sogleich der Brennnessel auf die Bl\u00e4tter, denn das sind ihre Finger. Aber da brannte er sich, und seit der Zeit wagt er es nicht, eine Brennnessel anzur\u00fchren.\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eDas ist lustig!\u201c sagte die kleine Ida und lachte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWie kann man einem Kind so etwas in den Kopf setzen!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">sagte der langweilige Kanzleirat, der zu Besuch gekommen war und auf dem Sofa sa\u00df. Er konnte den Studenten nicht leiden und brummte immer, wenn er ihn die possierlichen, munteren Bilder ausschneiden sah, bald war es ein Mann, der an einem Galgen hing und ein Herz in der Hand hielt, denn es war ein Herzensdieb, bald eine alte Hexe, die auf einem Besen ritt und ihren Mann auf der Nase hatte. Das konnte der alte Kanzleirat nicht leiden, und dann sagte er, gerade wie jetzt: \u201eWie kann man einem Kind so etwas in den Kopf setzen! Das ist dumme Phantasie!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber der kleinen Ida kam es doch recht lustig vor, was der Student von ihren Blumen erz\u00e4hlte, und sie dachte viel daran. Die Blumen lie\u00dfen die K\u00f6pfe h\u00e4ngen, denn sie waren m\u00fcde, da sie die ganze Nacht getanzt hatten; sie waren sicher krank. Da trug sie die Blumen zu ihrem anderen Spielzeug, das auf einem niedlichen, kleinen Tisch stand, und der ganze Schubkasten war voll sch\u00f6ner Sachen. Im Puppenbett lag ihre Puppe Sophie und schlief, aber die kleine Ida sagte zu ihr: \u201eDu musst wirklich aufstehen, Sophie, und heute Nacht mit dem Schubkasten vorliebnehmen. Die armen Blumen sind krank, und da m\u00fcssen sie in deinem Bett liegen; vielleicht werden sie dann wieder gesund!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und sogleich nahm sie die Puppe heraus, aber die sah verdrie\u00dflich aus und sagte nicht ein einziges Wort, denn sie war \u00e4rgerlich, dass sie nicht ihr Bett behalten konnte. Dann legte Ida die Blumen in das Puppenbett, zog die kleine Decke ganz \u00fcber sie und sagte, nun sollten sie h\u00fcbsch stilliegen, dann wolle sie ihnen Tee kochen, damit sie wieder gesund w\u00fcrden und morgen aufstehen k\u00f6nnten. Sie zog die Gardinen dicht um das kleine Bett zusammen, damit die Sonne ihnen nicht in die Augen scheine.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Den ganzen Abend lang musste sie immer daran denken, was ihr der Student erz\u00e4hlt hatte. Als sie nun selbst zu Bett gehen sollte, musste sie zuerst hinter die Gardinen sehen, die vor den Fenstern hingen, wo die herrlichen Blumen ihrer Mutter standen, Hyazinthen und Tulpen, und da fl\u00fcsterte sie ganz leise: \u201eIch wei\u00df wohl, ihr geht diese Nacht auf den Ball!\u201c Aber die Blumen taten, als ob sie nichts verst\u00fcnden, und r\u00fchrten nicht ein Blatt, aber die kleine Ida wusste doch, was sie wusste.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Als sie ins Bett gegangen war, lag sie lange wach und dachte daran, wie h\u00fcbsch es sein m\u00fcsse, die sch\u00f6nen Blumen drau\u00dfen im Schloss des K\u00f6nigs tanzen zu sehen. \u203aOb meine Blumen wirklich dabei gewesen sind? \u2039 Aber dann schlief sie ein. In der Nacht erwachte sie wieder: sie hatte von den Blumen und dem Studenten getr\u00e4umt, der Kanzleirat hatte ihn gescholten und ihm dann gesagt, er solle ihr nichts in den Kopf setzen. Es war still in der Schlafstube, wo Ida lag. Die Nachtlampe brannte auf dem Tisch, und Vater und Mutter schliefen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eOb meine Blumen wohl noch in Sophies Bett liegen?\u201c sagte sie zu sich selbst. \u201eWie gern m\u00f6chte ich es doch wissen!\u201c Sie erhob sich ein bisschen und blickte zur T\u00fcr, die angelehnt war: drinnen lagen die Blumen und all ihr Spielzeug. Sie lauschte, und es war ihr, als w\u00fcrde in der Stube auf dem Klavier gespielt, aber ganz leise und so h\u00fcbsch, wie sie es nie zuvor geh\u00f6rt hatte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u203aNun tanzen gewiss alle Blumen drinnen! \u2039 dachte sie. \u203aO Gott, wie gern m\u00f6chte ich es doch sehen! \u2039 Aber sie wagte nicht aufzustehen, denn sonst weckte sie Vater und Mutter.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u203aWenn sie doch nur hereinkommen wollten\u2039, dachte sie. Aber die Blumen kamen nicht, und die Musik spielte weiter so h\u00fcbsch. Da konnte sie es nicht mehr aushalten, denn es war gar zu sch\u00f6n. Sie kroch aus ihrem kleinen Bett heraus, ging ganz leise zur T\u00fcr und guckte in die Stube. Nein, wie lustig war das, was sie da zu sehen bekam!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es brannte keine Nachtlampe drinnen, aber es war dennoch ganz hell. Der Mond schien durch das Fenster mitten auf den Fu\u00dfboden; es war fast wie am Tage. Alle Hyazinthen und Tulpen standen in zwei langen Reihen im Zimmer; es waren gar keine mehr am Fenster, dort standen nur die leeren T\u00f6pfe. Auf dem Fu\u00dfboden tanzten alle Blumen zierlich umeinander herum, bildeten eine richtige Kette und hielten einander bei den langen gr\u00fcnen Bl\u00e4ttern, wenn sie sich herumschwenkten. Aber am Klavier sa\u00df eine gro\u00dfe gelbe Linie, die die kleine Ida im Sommer bestimmt gesehen hatte, denn sie erinnerte sich deutlich, dass der Student gesagt hatte: \u203aNein, wie gleicht sie Fr\u00e4ulein Line!\u2039 Aber damals wurde er von allen ausgelacht, doch nun schien es der kleinen Ida wirklich auch, als ob die lange gelbe Blume dem Fr\u00e4ulein gliche, und sie hatte auch dieselben Geb\u00e4rden beim Spielen. Bald legte sie ihr l\u00e4ngliches gelbes Gesicht auf die eine Seite, bald auf die andere und nickte im Takt zur herrlichen Musik. Niemand bemerkte die kleine Ida. Dann sah sie einen gro\u00dfen blauen Krokus mitten auf den Tisch h\u00fcpfen, wo das Spielzeug stand, gerade auf das Puppenbett zugehen und die Gardinen beiseite ziehen. Da lagen die kranken Blumen, aber sie erhoben sich sogleich und nickten den anderen zu, dass sie auch mittanzen wollten. Das alte R\u00e4ucherm\u00e4nnchen, dem die Unterlippe abgebrochen war, stand auf und verneigte sich vor den h\u00fcbschen Blumen, die durchaus nicht krank aussahen; sie sprangen hinunter zu den anderen und waren sehr vergn\u00fcgt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Da schien etwas vom Tisch zu fallen. Ida sah dorthin: es war die Fastnachtsrute, die herunter sprang, auch sie schien mit zu den Blumen zu geh\u00f6ren. Sie war ebenfalls sehr niedlich, und obendrauf sa\u00df eine kleine Wachspuppe, die gerade einen solchen breiten Hut auf dem Kopf hatte, wie ihn der Kanzleirat trug. Die Fastnachtsrute h\u00fcpfte auf ihren drei roten Stelzf\u00fc\u00dfen mitten unter die Blumen und stampfte ganz laut, denn sie tanzte Mazurka, und den Tanz konnten die anderen Blumen nicht, weil sie zu leicht waren und nicht so zu stampfen vermochten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Auf einmal wurde die Wachspuppe auf der Fastnachtsrute gro\u00df und lang, wirbelte \u00fcber die Papierblumen hinweg und rief ganz laut: \u201eWie kann man dem Kind so etwas in den Kopf setzen? Das ist dumme Phantasie!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und da glich die Wachspuppe ganz genau dem Kanzleirat mit dem breiten Hut, sah ebenso gelb und verdrie\u00dflich aus. Aber die Papierblumen schlugen ihn an die d\u00fcnnen Beine, und da schrumpfte er wieder zusammen und wurde eine winzig kleine Wachspuppe. Das war so lustig anzusehen, dass die kleine Ida das Lachen nicht unterdr\u00fccken konnte. Die Fastnachtsrute tanzte weiter, und der Kanzleirat musste mittanzen. Es half ihm nichts, er mochte sich nun gro\u00df und lang machen oder die kleine gelbe Wachspuppe mit dem gro\u00dfen schwarzen Hut bleiben. Da baten die anderen Blumen f\u00fcr ihn, besonders diejenigen, die im Puppenbett gelegen hatten, und dann lie\u00df die Fastnachtsrute es sein. Im selben Augenblick klopfte es ganz laut drinnen im Schubkasten, wo Idas Puppe Sophie bei vielem anderem Spielzeug lag; der R\u00e4uchermann lief zur Tischkante, legte sich lang auf den Bauch und zog den Schubk\u00e4sten ein wenig heraus. Da erhob sich Sophie und sah erstaunt ringsumher. \u201eHier ist wohl Ball?\u201c sagte sie. \u201eWarum hat mir das niemand gesagt?\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWillst du mit mir tanzen?\u201c fragte der R\u00e4uchermann.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eJa, du bist mir der Rechte zum Tanzen!\u201c sagte sie und kehrte ihm den R\u00fccken zu. Dann setzte sie sich auf den Schubkasten und dachte, dass wohl eine der Blumen kommen und sie auffordern w\u00fcrde, aber es kam keine. Dann r\u00e4usperte sie sich: \u201eHm, hm, hm!\u201c Aber trotzdem kam keine. Der R\u00e4uchermann tanzte nun ganz allein, und das war gar nicht so schlecht.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Da nun keine der Blumen Sophie zu sehen schien, lie\u00df sie sich vom Schubkasten auf den Fu\u00dfboden herunterfallen, so dass es gro\u00dfen L\u00e4rm gab. Alle Blumen kamen zu ihr gelaufen und fragten, ob sie sich nicht weh getan habe, und sie waren alle sehr artig zu ihr, besonders die Blumen, die in ihrem Bett gelegen hatten. Aber sie hatte sich nicht weh getan, und Idas Blumen bedankten sich alle f\u00fcr das sch\u00f6ne Bett und waren ihr gut, nahmen sie in die Mitte, wo der Mond schien, und tanzten mit ihr, und alle andern Blumen bildeten einen Kreis um sie herum. Nun war Sophie vergn\u00fcgt und sagte, sie k\u00f6nnten ihr Bett behalten, es mache ihr gar nichts aus, im Schubkasten zu liegen. Aber die Blumen sagten: \u201eWir danken dir herzlich, doch wir k\u00f6nnen nicht so lange leben! Morgen sind wir ganz tot. Aber sage der kleinen Ida, dass sie uns drau\u00dfen im Garten, wo der Kanarienvogel liegt, begraben soll, dann wachsen wir im Sommer wieder empor und werden viel sch\u00f6ner!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eNein, ihr d\u00fcrft nicht sterben!\u201c sagte Sophie und k\u00fcsste die Blumen. Da ging die Saalt\u00fcr auf, und eine Menge herrlicher Blumen kam hereingetanzt. Ida konnte gar nicht begreifen, woher sie gekommen waren; das waren sicher alle Blumen vom Schloss des K\u00f6nigs. Voran gingen zwei herrliche Rosen, die hatten kleine Goldkronen auf, sie waren K\u00f6nig und K\u00f6nigin. Dann kamen die niedlichsten Levkojen und Nelken, und die gr\u00fc\u00dften nach allen Seiten. Sie hatten Musik bei sich, gro\u00dfe Mohnblumen und P\u00e4onien bliesen auf Erbsenschoten, so dass sie ganz rot im Gesicht wurden. Die blauen Glockenblumen und die kleinen wei\u00dfen Schneegl\u00f6ckchen klingelten, als ob sie Schellen h\u00e4tten. Das war eine lustige Musik! Dann kamen viele andere Blumen und tanzten allesamt, die blauen Veilchen und die roten Tausendsch\u00f6nchen, die G\u00e4nsebl\u00fcmchen und die Maigl\u00f6ckchen. Alle Blumen k\u00fcssten einander, es war allerliebst&#8216; anzusehen! Zuletzt sagten die Blumen einander gute Nacht. Dann schlich sich auch die kleine Ida in ihr Bett, wo sie von allem tr\u00e4umte, was sie gesehen hatte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Als sie am n\u00e4chsten Morgen aufstand, ging sie geschwind zum kleinen Tisch, um zu sehen, ob die Blumen noch da seien. Sie zog die Gardine von dem kleinen Bett zur Seite, ja, da lagen sie, aber sie waren ganz verwelkt, viel mehr als gestern. Sophie lag im Schubkasten, wo sie sie hingelegt hatte, sie war noch sehr verschlafen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eEntsinnst du dich, was du mir sagen solltest?\u201c fragte die kleine Ida. Aber Sophie sah ganz dumm aus und sagte nicht ein einziges Wort.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eDu bist gar nicht gut!\u201c sagte Ida. \u201eUnd sie haben doch alle mit dir getanzt.\u201c Dann nahm sie eine kleine Papierschachtel, auf die niedliche V\u00f6gel gezeichnet waren, machte sie auf und legte die toten Blumen hinein. \u201eDas soll euer sch\u00f6ner Sarg sein\u201c, sagte sie, \u201eund wenn sp\u00e4ter die norwegischen Vettern hierherkommen, so sollen sie mir helfen, euch drau\u00dfen im Garten zu begraben, damit ihr zum Sommer wieder wachsen und noch viel sch\u00f6ner werden k\u00f6nnt!\u201c<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die norwegischen Vettern waren zwei muntere Knaben, sie hie\u00dfen Jonas und Adolph. Ihr Vater hatte ihnen zwei neue Flitzbogen geschenkt, und die hatten sie bei sich, um sie Ida zu zeigen. Diese erz\u00e4hlte ihnen von den armen Blumen, die gestorben waren, und dann bekamen sie Erlaubnis, sie zu begraben. Beide Knaben gingen mit den Flitzbogen auf der Schulter voran, und die kleine Ida folgte mit den toten Blumen in der niedlichen Schachtel. Drau\u00dfen im Garten wurde ein kleines Grab gegraben. Ida k\u00fcsste zuerst die Blumen und legte sie dann mit der Schachtel in die Erde, und Adolph und Jonas schossen mit den Flitzbogen \u00fcber das Grab, denn sie hatten weder Gewehre noch Kanonen.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-198","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/198","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=198"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/198\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":202,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/198\/revisions\/202"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=198"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=198"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=198"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}