{"id":146,"date":"2015-10-06T11:12:39","date_gmt":"2015-10-06T09:12:39","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=146"},"modified":"2025-12-15T20:14:41","modified_gmt":"2025-12-15T19:14:41","slug":"aufgeschoben-ist-nicht-aufgehoben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/aufgeschoben-ist-nicht-aufgehoben\/","title":{"rendered":"Aufgeschoben ist nicht aufgehoben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\" align=\"CENTER\"><span style=\"font-family: Verdana;\"><span style=\"font-size: small;\">Hans Christian Andersen<\/span><\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es lag einmal ein altes Schloss mit sumpfigen Gr\u00e4ben und einer Zugbr\u00fccke; die war h\u00e4ufiger aufgezogen als herabgelassen; nicht alle G\u00e4ste, die kommen, sind angenehm. Unter dem Dachfirst waren \u00d6ffnungen, durch die man hinausschie\u00dfen und hin und wieder auch kochendes Wasser, ja geschmolznes Blei auf den Feind herabgie\u00dfen konnte, wenn der zu nahe kam. Drinnen waren die R\u00e4ume hoch, und das war gut f\u00fcr den vielen Rauch, der aus dem Kaminfeuer aufstieg, in dem die gro\u00dfen, nassen Holzscheite lagen. An den W\u00e4nden hingen Bilder von geharnischten M\u00e4nnern und von stolzen Frauen in steifen Kleidern; die stolzeste von ihnen allen ging hier drinnen lebendig umher, sie hie\u00df Mette Mogens und war Herrin im Schloss.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Zur Abendzeit kamen R\u00e4uber; sie erschlugen drei von ihren Leuten und auch den Kettenhund, und dann legten sie Frau Mette an die Hundekette in der Hundeh\u00fctte fest; sie selber aber setzten sich oben im Saal hin und tranken den Wein aus ihrem Keller und all das gute Bier.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Frau Mette stand an der Hundekette; sie konnte nicht einmal bellen. Da kam der Bursche der R\u00e4uber; er schlich so leise herbei, niemand sollte es merken, denn sonst h\u00e4tten sie ihn totgeschlagen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Frau Mette Mogens&#8220;, sagte der Bursche; &#8222;wei\u00dft du noch, wie mein Vater auf dem h\u00f6lzernen Pferd ritt, als noch dein Gemahl Herr im Schloss war? Da batest du f\u00fcr ihn, aber es half nicht, er sollte sich zuschanden reiten, du aber schlichst hinunter, so wie ich jetzt hinuntergeschlichen bin, und legtest selber einen kleinen Stein unter seine beiden F\u00fc\u00dfe, damit er Ruhe finden m\u00f6ge. Niemand sah es, oder auch, sie taten, als s\u00e4hen sie es nicht, weil du die junge gn\u00e4dige Frau warst. Das hat mein Vater erz\u00e4hlt, und ich habe es nicht vergessen, der Dank ist aufgeschoben, aber nicht aufgehoben! Und darum l\u00f6se ich jetzt deine Bande, Frau Mette Mogens!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und dann zogen sie ein Paar Pferde aus dem Stall und ritten in Sturm und Regen hinaus, um bei Freunden Hilfe zu suchten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das war eine gute Bezahlung f\u00fcr das kleine Liebeswerk, das ich dem alten Manne getan,&#8220; sagte Frau Mette Mogens.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!&#8220; sagte der Bursche.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die R\u00e4uber aber wurden geh\u00e4ngt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Es lag einmal ein altes Schloss, es liegt noch heute da; es war nicht Frau Mette Mogens&#8216; Besitz, es geh\u00f6rte einer andern hochadeligen Familie.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Geschichte spielt in unsere Zeit. Die Sonne scheint auf die vergoldete Spitze des Turmes, kleine Waldinseln liegen wie Blumenstr\u00e4u\u00dfe auf dem Wasser, und rings um sie herum schwimmen die wilden Schw\u00e4ne. Im Garten wachsen Rosen, die Schlossherrin selber ist das zarteste Rosenblatt, es strahlt vor Freude; die Freude der guten Werke strahlt nicht in die weite Welt hinaus, sie strahlt in die Herzen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Jetzt verl\u00e4sst sie das Schloss und begibt sich nach dem kleinen Ausm\u00e4rkerhaus drau\u00dfen auf dem Felde. Dort wohnt ein armes, gichtbr\u00fcchiges M\u00e4dchen; das Fenster in der kleinen Stube liegt nach Norden, die Sonne kommt nicht dahin; sie kann nur \u00fcber ein St\u00fcck Feld hinaussehen, das der hohe Graben abschlie\u00dft. Aber heute ist hier Sonnenschein, unseres lieben Gottes sch\u00f6ne, warme Sonne scheint hier drinnen; sie kommt aus dem S\u00fcden durch das neue Fenster, wo bisher nur eine Mauer war.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Gichtbr\u00fcchige sitzt in dem warmen Sonnenschein, sieht Wald und Strand, die Welt ist so gro\u00df und so sch\u00f6n geworden und das alles durch ein einziges Wort der freundlichen Schlossherrin.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Das Wort war so leicht, die Tat so gering!&#8220; sagte sie. &#8222;Die Freude, die mir ward, war unendlich gro\u00df und herrlich!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und darum \u00fcbt sie so viele Lebenswerke, denkt an alle in den armen H\u00e4usern und in den reichen H\u00e4usern, wo es auch Betr\u00fcbte gibt. Sie tut es im Stillen und Verborgenen, aber der liebe Gott sieht es und lohnt es ihr einst. &#8222;Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Drinnen in der gro\u00dfen, gesch\u00e4ftigen Stadt lag ein altes Haus. Da waren Zimmer und S\u00e4le, aber in die gehen wir nicht hinein; wir bleiben in der K\u00fcche, da ist es warm und hell, da ist es reinlich und zierlich. Das Kupfergeschirr blitzt, der Tisch ist so blank, als sei er gebohnert, die Abwasche sieht aus wie ein frischgescheuertes Spickbrett; das alles hat das einzige M\u00e4dchen ausgerichtet, und dabei hat sie noch Zeit gehabt, sich so sauber anzuziehen, als wollte sie zur Kirche gehen. Sie tr\u00e4gt eine Schleife an der Haube, eine schwarze Schleife; das bedeutet Trauer. Sie hat ja niemand, um den sie trauern k\u00f6nnte; sie hat ja weder Vater noch Mutter, weder Verwandte noch einen Liebsten; sie ist ein armes M\u00e4dchen. Einmal ist sie verlobt gewesen mit einem armen Burschen; sie hatten sich lieb. Da kam er eines Tages zu ihr. &#8222;Wir haben beide nichts!&#8220; sagte er. &#8222;Die reiche Witwe dr\u00fcben im Keller hat mir warme Worte gesagt; sie will mich zum wohlhabenden Mann machen; aber du lebst in meinem Herzen. Was r\u00e4tst du mir, dass ich tun soll?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Tue das, was du f\u00fcr dein Gl\u00fcck h\u00e4ltst!&#8220; sagte das M\u00e4dchen. &#8222;Sei gut und liebevoll gegen sie, bedenke aber, von dem Augenblick an, wo wir uns trennen, k\u00f6nnen wir einander nicht wiedersehen!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und dann vergingen ein paar Jahre; da begegnete sie auf der Stra\u00dfe Ihrem ehemaligen Freund und Liebsten; er sah krank und elend aus; da konnte sie es nicht lassen, sie musste fragen: &#8222;Wie geht es dir denn?&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Reich und gut \u00fcber alle Ma\u00dfen!&#8220; sagte er. &#8222;Die Frau ist brav und gut, aber du lebst in meinem Herzen. Ich habe meinen Kampf gek\u00e4mpft, bald ist es zu Ende! Wir sehen uns erst beim lieben Gott wieder!&#8220;<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Seitdem ist eine Woche vergangen; heute Morgen hat in der Zeitung gestanden, dass er gestorben ist. Und darum tr\u00e4gt das M\u00e4dchen Trauer. Der Geliebte ist tot, betrauert von seiner Frau und drei Stiefkindern, so steht es in der Zeitung; das klingt, als sei die Glocke gesprungen, und doch ist das Erz rein.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Die schwarze Schleife bedeutet Trauer, das Gesicht des M\u00e4dchens dr\u00fcckt noch mehr Trauer aus; die sitzt im Herzen und wird nie daraus verschwinden. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Das sind drei Geschichten, drei Bl\u00e4tter an einem Stengel. W\u00fcnschest du noch mehr Kleebl\u00e4tter? Da sind viele im Buche des Herzens, und was darin aufgewahrt ist, wird nie vergessen!<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-146","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/146","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=146"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/146\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":147,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/146\/revisions\/147"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=146"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=146"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=146"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}