{"id":1410,"date":"2022-01-27T21:24:38","date_gmt":"2022-01-27T20:24:38","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1410"},"modified":"2026-01-11T01:56:43","modified_gmt":"2026-01-11T00:56:43","slug":"das-maerchen-von-dem-witzenspitzel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-maerchen-von-dem-witzenspitzel\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen von dem Witzenspitzel"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>M\u00e4rchen aus Italien &#8211; Clemens von Brentano<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein K\u00f6nig von Rundumherum, der hatte unter seinen vielen andern Dienern einen Edelknaben, der hie\u00df Witzenspitzel, und er liebte ihn \u00fcber alles und \u00fcberh\u00e4ufte ihn mit tausend Gnaden und Geschenken; weil Witzenspitzel ungemein klug und artig war und alles, was ihm der K\u00f6nig zu verrichten gab, mit au\u00dferordentlicher Geschicklichkeit ausrichtete. Wegen dieser gro\u00dfen Gunst des K\u00f6nigs waren alle die andern Hofdiener sehr neidisch und b\u00f6s auf Witzenspitzel;<\/p>\n\n\n\n<p>Denn wurde seine Klugheit belohnt mit Gelde,<br>So wurde ihre Dummheit bestraft mit Schelte;<br>Und erhielt Witzenspitzel vom K\u00f6nig gro\u00dfen Dank,<br>So erhielten sie von ihm gro\u00dfen Zank;<br>Kriegte Witzenspitzel einen neuen Rock,<br>So zerschlug er auf ihnen einen neuen Stock;<br>Durfte Witzenspitzel des K\u00f6nigs Hand k\u00fcssen,<br>So traktierte der K\u00f6nig sie mit Kopfn\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber wurden sie nun gewaltig zornig auf Witzenspitzel und brummten und zischelten den ganzen Tag und steckten \u00fcberall die K\u00f6pfe zusammen und \u00fcberlegten, wie sie den Witzenspitzel sollten um die Liebe des K\u00f6nigs bringen. Der eine streute Erbsen auf den Thron, damit Witzenspitzel stolpern und den gl\u00e4sernen Szepter zerbrechen sollte, den er dem K\u00f6nig immer reichen musste; der andere nagelte ihm Melonenschalen unter die Schuhe, damit er ausgleiten sollte und dem K\u00f6nig den Rock begie\u00dfen, wenn er ihm die Suppe brachte; der dritte setzte allerlei garstige M\u00fccken in einen Strohhalm und blies sie dem K\u00f6nig in die Per\u00fccke, wenn Witzenspitzel sie frisierte; der vierte tat wieder etwas anderes, und so versuchte jeder etwas, den Witzenspitzel um die Liebe des K\u00f6nigs zu bringen. Witzenspitzel aber war so klug und behutsam und vorsichtig, dass alles umsonst war und er alle Befehle des K\u00f6nigs gl\u00fccklich zu Ende brachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da nun alle ihre Anschl\u00e4ge nichts fruchten wollten, versuchten sie etwas anderes. Der K\u00f6nig hatte einen Feind, mit dem er nie fertigwerden konnte und der ihm alles zum Possen tat. Das war ein Riese, der hie\u00df Labelang und wohnte auf einem ungeheuren Berg, wo er in einem dicken dunkeln Walde in einem pr\u00e4chtigen Schlosse hauste, und hatte au\u00dfer seiner Frau, die Dickedull hie\u00df, niemand bei sich als einen L\u00f6wen Hahnebang und einen B\u00e4ren Honigbart und einen Wolf L\u00e4mmerfra\u00df und einen erschrecklichen Hund Hasenschreck, das waren seine Diener. Au\u00dferdem hatte er auch ein Pferd im Stall, Fl\u00fcgelbein genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun wohnte in der Gegend von Rundumherum eine sehr sch\u00f6ne K\u00f6nigin, Frau Flugs, die hatte eine Tochter, Fr\u00e4ulein Flink; und der K\u00f6nig Rundumherum, der gern alle andern L\u00e4nder um sein Land herum auch gehabt h\u00e4tte, h\u00e4tte die K\u00f6nigin Frau Flugs gar gerne zu seiner Gemahlin gehabt. Sie lie\u00df ihm aber sagen, dass noch viele andere K\u00f6nige sie auch gerne zur Gemahlin h\u00e4tten, dass sie aber keinen nehmen wolle als den allergeschwindesten, und dass der, welcher am n\u00e4chsten Montag, morgens um halb zehn Uhr, wenn sie in die Kirche gehe, zuerst bei ihr w\u00e4re, sie zur Gemahlin und mit ihr das ganze Land haben sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun lie\u00df der K\u00f6nig Rundumherum alle seine Diener zusammenkommen und fragte sie: \u00bbWie soll ich es doch anfangen, dass ich am Montag zuerst in der Kirche bin und die K\u00f6nigin Flugs zur Gemahlin bekomme?\u00ab Da antworteten ihm seine Diener: \u00bbIhr m\u00fcsst machen, dass Ihr dem Riesen Labelang sein Pferd Fl\u00fcgelbein bekommt; wenn Ihr darauf reitet, k\u00f6mmt Euch niemand zuvor; und um dieses Pferd zu holen, wird niemand geschickter sein als der Edelknabe Witzenspitzel, der ja alles zustande bringt.\u00ab So sagten die b\u00f6sen Diener und hofften schon, der Riese Labelang werde den Witzenspitzel gewiss umbringen. Der K\u00f6nig befahl also dem Witzenspitzel, er solle das Pferd Fl\u00fcgelbein bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Witzenspitzel erkundigte sich um alles recht genau, wie es bei dem Riesen Labelang beschaffen sei, und dann nahm er sich einen Schiebekarren und stellte sich einen Bienenkorb darauf und nahm einen Sack, da steckte er einen Gockelhahn hinein und einen Hasen und ein Lamm, und legte ihn auch auf den Karren; weiter nahm er einen Strick mit und eine gro\u00dfe Schachtel voll Schnupftabak, h\u00e4ngte eine Kurierpeitsche um, machte sich ein paar t\u00fcchtige Sporen an die Stiefel und marschierte mit seinem Schiebekarren ruhig fort.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Abend war er endlich den hohen Berg hinauf, und als er durch den dicken Wald kam, sah er das Schloss des Riesen Labelang vor sich. Und es ward Nacht, und er h\u00f6rte, wie der Riese Labelang und seine Frau Dickedull und sein L\u00f6we Hahnebang und sein B\u00e4r Honigbart und sein Wolf L\u00e4mmerfra\u00df und sein Hund Hasenschreck gewaltig schnarchten; nur das Pferd Fl\u00fcgelbein war noch munter und scharrte mit den F\u00fc\u00dfen im Stall.<\/p>\n\n\n\n<p>Da nahm Witzenspitzel leise, leise seinen langen Strick und spannte ihn vor die Schlo\u00dft\u00fcre von einem Baum zum andern und stellte die Schachtel mit Schnupftabak dazwischen; dann nahm er den Bienenkorb und setzte ihn an einen Baum in den Weg, und ging in den Stall und band das Pferd Fl\u00fcgelbein los und setzte sich mit dem Sack, worin er den Hahn, das Lamm und den Hasen hatte, drauf und gab ihm die Sporen und trieb es hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Pferd Fl\u00fcgelbein aber konnte sprechen und schrie ganz laut:<\/p>\n\n\n\n<p>Dickedull und Labelang!<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4mmerfra\u00df und Hasenschreck!<\/p>\n\n\n\n<p>Witzenspitzel reitet Fl\u00fcgelbein weg!<\/p>\n\n\n\n<p>und dann galoppierte es fort, was gibst du, was hast du!<\/p>\n\n\n\n<p>Da wachte der Labelang und die Dickedull auf und h\u00f6rten das Geschrei des Pferdes Fl\u00fcgelbein; geschwind weckten sie den B\u00e4ren Honigbart und den L\u00f6wen Hahnebang, den Wolf L\u00e4mmerfra\u00df und den Hund Hasenschreck auf, und alle st\u00fcrzten zugleich aus dem Schloss heraus, um den Witzenspitzel mit dem Pferd Fl\u00fcgelbein zu fangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Riese Labelang und seine Frau Dickedull stolperten in der Dunkelheit \u00fcber den Strick, den Witzenspitzel vor der T\u00fcre gespannt hatte, und perdauz \u2013 da fielen sie mit der Nase und den Augen gerade in die Schachtel voll Schnupftabak hinein, die er dahin gestellt hatte, und rieben sich die Augen und niesten einmal \u00fcber das anderemal, und der Labelang sagte: \u00bbZur Gesundheit, Dickedull!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch danke\u00ab, sagte Dickedull; dann sagte sie: \u00bbZur Gesundheit, Labelang!\u00ab und \u00bbIch danke\u00ab, sagte Labelang, und bis sie sich den Tabak aus den Augen geweint und aus der Nase geniest hatten, war Witzenspitzel schier aus dem Wald.<\/p>\n\n\n\n<p>Der B\u00e4r Honigbart war zuerst hinter ihm drein, als er aber an den Bienenkorb kam, kriegte er Lust zum Honig und wollte ihn fressen; da schnurrten die Bienen heraus und zerstachen ihn so, dass er halb blind ins Schloss zur\u00fccklief. Witzenspitzel war schon weit aus dem Wald, da h\u00f6rte er hinter sich den L\u00f6wen Hahnebang kommen; geschwind nahm er den Gockelhahn aus seinem Sack, und als der auf einen Baum flog und zu kr\u00e4hen anfing, ward es dem L\u00f6wen Hahnebang sehr angst und er lief zur\u00fcck. Nun h\u00f6rte Witzenspitzel den Wolf L\u00e4mmerfra\u00df hinter sich. Da lie\u00df er geschwind das Lamm aus seinem Sack laufen, und dem sprang der Wolf nach und lie\u00df ihn reiten. Schon war er nahe der Stadt, da h\u00f6rte er hinter sich ein Gebelle, und wie er sich umschaute, sah er den Hund Hasenschreck angelaufen kommen. Geschwind lie\u00df er nun den Hasen aus dem Sack laufen, und da sprang der Hund dem Hasen nach, und er kam mit Fl\u00fcgelbein gl\u00fccklich in die Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig dankte dem Witzenspitzel sehr f\u00fcr das Pferd; die falschen Hofdiener aber \u00e4rgerten sich, dass er so mit heiler Haut wiedergekommen war. Am n\u00e4chsten Montag setzte sich der K\u00f6nig gleich auf sein Pferd Fl\u00fcgelbein und ritt zur K\u00f6nigin Flugs, und das Pferd lief so geschwind, dass er viel fr\u00fcher da war und schon mehrere T\u00e4nze auf seiner Hochzeit mit der K\u00f6nigin Flugs getanzt hatte, als die andern K\u00f6nige aus der Gegend erst ankamen. Da er nun mit seiner K\u00f6nigin nach Hause ziehen wollte, sagten seine Diener zu ihm: \u00bbIhro Majest\u00e4t haben zwar das Pferd des Riesen Labelang; aber wie herrlich w\u00e4re es, wenn Sie auch dessen pr\u00e4chtige Kleider h\u00e4tten, die alles \u00fcbertreffen, was man bis jetzt gesehen, und der geschickte Witzenspitzel wird dieselben ganz gewiss herbeischaffen, wenn es ihm befohlen wird.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig bekam gleich eine gro\u00dfe Lust nach den sch\u00f6nen Kleidern des Labelang und gab dem Witzenspitzel abermal den Auftrag. Als dieser sich nun auf den Weg machte, dachten die falschen Hofdiener, er w\u00fcrde diesmal dem Riesen Labelang gewiss nicht entgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Witzenspitzel nahm diesmal nichts mit als einige starke S\u00e4cke, und kam abends wieder vor das Schloss des Labelang, wo er sich auf einen Baum setzte und lauerte, bis alles im Schlosse zu Bette sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Als alles still geworden war, stieg er vom Baum herunter, da h\u00f6rte er auf einmal die Frau Dickedull rufen: \u00bbLabelang, ich liege mit dem Kopf so niedrig, hole mir doch drau\u00dfen ein Bund Stroh.\u00ab Da schl\u00fcpfte Witzenspitzel geschwind in das Bund Stroh, und Labelang trug ihn mitsamt dem Bund Stroh in seine Stube, steckte ihn unter das Kopfkissen und legte sich dann auch in das Bett.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie ein wenig eingeschlafen waren, streckte Witzenspitzel die Hand aus dem Stroh und raufte den Labelang t\u00fcchtig in den Haaren und dann die Frau Dickedull auch, wor\u00fcber beide erwachten und, weil eines glaubte, das andere habe es gerauft, sich einander gewaltig im Bette zerpr\u00fcgelten, w\u00e4hrend welchem Streit Witzenspitzel aus dem Stroh herauskroch und sich hinter das Bett setzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sie wieder ruhig eingeschlafen waren, packte Witzenspitzel alle Kleider des Labelang und der Dickedull in seinen Sack und band diesen leise, leise dem schlafenden L\u00f6wen Hahnebang an den Schwanz; dann band er den Wolf L\u00e4mmerfra\u00df und den B\u00e4ren Honigbart und den Hund Hasenschreck, welche alle da herum schliefen, an die Bettlade des Riesen fest und machte die T\u00fcre weit, weit auf. Er hatte alles so in der Ordnung, da wollte er aber auch dem Riesen seine sch\u00f6ne Bettdecke noch mitnehmen und zupfte ganz sachte, sachte an dem Zipfel, bis er sie heruntergezogen, wickelte sich hinein und setzte sich auf den Sack voll Kleider, den er dem L\u00f6wen an den Schwanz gebunden hatte. Nun wehte die kalte Nachtluft durch die offene T\u00fcre der Frau Dickedull an die Beine, sie wachte auf und rief: \u00bbLabelang! du nimmst mir die Decke weg, ich liege ganz blo\u00df.\u00ab Da wachte Labelang auf und rief: \u00bbNein, ich liege ganz blo\u00df, Dickedull, du hast mir die Bettdecke genommen.\u00ab Dar\u00fcber fingen sie sich wieder an zu schlagen und zu zanken, und Witzenspitzel fing laut an zu lachen. Nun merkten sie etwas und riefen: \u00bbDieb da! Dieb da! Auf, Hahnebang! Auf, L\u00e4mmerfra\u00df! Honigbart und Hasenschreck! Dieb da! Dieb da!\u00ab \u2013 Da wachten die Tiere auf, und der L\u00f6we Hahnebang sprang fort; weil er aber den B\u00fcndel angebunden hatte, worauf der Witzenspitzel in die Bettdecke gewickelt sa\u00df, fuhr der wie in einem Wagen hinter ihm her und fing einige Male an, wie ein Hahn kikriki, kikriki zu schreien; da kriegte der L\u00f6we eine solche Angst, dass er immer, immer zulief, bis an das Stadttor, wo Witzenspitzel ein Messer herauszog und hinten den Strick abschnitt, so dass der L\u00f6we, der im besten Ziehen war, auf einmal ausfuhr und so mit dem Kopf wider das Tor rannte, dass er tot an die Erde fiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die andern Tiere, welche Witzenspitzel an die Bettstelle des Riesen gebunden hatte, konnten diese nicht zum Tor hinausbringen, weil sie zu breit war, und zerrten die Bettlade so in der Stube herum, dass Labelang und Dickedull herausfielen und aus gro\u00dfem Zorn den Wolf und den B\u00e4ren und den Hund totschlugen, welche doch gar nichts daf\u00fcr konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Wache in der Stadt den gro\u00dfen Sto\u00df, den der L\u00f6we gegen das Stadttor getan hatte, h\u00f6rte, \u00f6ffnete sie das Tor, und Witzenspitzel brachte dem K\u00f6nig die Kleider des Labelang und der Dickedull, wor\u00fcber dieser vor Freuden aus der Haut fahren wollte, denn niemals waren noch solche Kleider gesehen worden. Es war dabei ein Jagdrock, von den Pelzen aller vierf\u00fc\u00dfigen Tiere so sch\u00f6n zusammengen\u00e4ht, dass daran die ganze Geschichte des Reineke Fuchs zu sehen war. Weiter ein Vogelstellerrock, von den Federn aller V\u00f6gel der Welt: vorn ein Adler, hinten eine Eule und in der Tasche eine Drehorgel und ein Glockenspiel, welche wie alle V\u00f6gel durcheinandersangen. Dann ein Bade- und Fischf\u00e4ngerkleid, aus allen Fischh\u00e4uten der Welt so zusammengen\u00e4ht, dass man einen ganzen Walfisch- und H\u00e4ringsfang darauf sah. Dann ein Gartenkleid der Frau Dickedull, worauf alle Arten von Blumen und Kr\u00e4utern, Salat und Gem\u00fcs abgebildet war. Was aber alles \u00fcbertraf, war die Bettdecke; sie war von lauter Fledermauspelzen zusammengen\u00e4ht, und alle Sterne des Himmels mit Brillanten darauf gestickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die k\u00f6nigliche Familie wurde ganz dumm von lauter Betrachten und Bewundern. Witzenspitzel wurde gek\u00fcsst und gedr\u00fcckt, und seine Feinde platzten bald vor Zorn, dass er wieder so gl\u00fccklich dem Riesen Labelang entgangen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch lie\u00dfen sie den Mut nicht sinken und setzten dem K\u00f6nig in den Kopf, jetzt fehle ihm nichts mehr als das Schloss des Labelang selber, dann h\u00e4tte er alles, was ihm zu w\u00fcnschen \u00fcbrig sei, und der K\u00f6nig, der ein rechter Kindskopf war und alles haben wollte, was ihm einfiel, sagte gleich zu Witzenspitzel, er solle ihm das Schloss des Labelang schaffen, dann wolle er ihn belohnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Witzenspitzel besann sich nicht lange und lief zum dritten Mal nach dem Schloss des Labelang. Da er dahin kam, war der Riese nicht zu Hause, und in der Stube h\u00f6rte er etwas schreien wie ein Kalb. Da guckte er durchs Fenster und sah, dass die Riesin Dickedull einen kleinen Riesen auf dem Arm hatte, der bleckte die Z\u00e4hne und schrie wie ein Kalb, w\u00e4hrend sie dabei Holz hackte.<\/p>\n\n\n\n<p>Witzenspitzel ging hinein und sagte: \u00bbGuten Tag, gro\u00dfe, sch\u00f6ne, breite, dicke Frau! Wie m\u00f6gt Ihr Euch nur bei dem allerliebsten Kinde so viele Arbeit machen, habt Ihr denn keine Knechte oder M\u00e4gde? Wo ist denn Euer lieber Herr Gemahl?\u00ab \u2013 \u00bbAch!\u00ab sagte die Dickedull, \u00bbmein Mann Labelang ist ausgegangen, die Herrn Gevatter einzuladen, wir wollen einen Schmaus halten; und nun soll ich alles allein kochen und braten, denn mein Mann hat den Wolf und B\u00e4ren und Hund, die uns sonst geholfen, totgeschlagen, und der L\u00f6we ist auch fort.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist freilich sehr beschwerlich f\u00fcr Euch\u00ab, sagte Witzenspitzel; \u00bbwenn ich Euch helfen kann, soll es mir lieb sein.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da bat ihn die Dickedull, er solle ihr nur vier St\u00fccke Holz kleinmachen, und Witzenspitzel nahm die Axt und sagte zu der Riesin: \u00bbHaltet mir das Holz ein wenig!\u00ab \u2013 Die Riesin b\u00fcckte sich und hielt das Holz: da hob Witzenspitzel die Axt auf, und ratsch hieb er der Dickedull den Kopf ab, und ritsch dem kleinen Riesen Mollakopp auch, und da lagen sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun machte er ein gro\u00dfes tiefes Loch gerade vor die T\u00fcre des Schlosses, und warf die Dickedull und Mollakopp hinein und deckte das Loch oben ganz d\u00fcnne mit Zweigen und Bl\u00e4ttern zu; dann steckte er in allen Stuben des Schlosses eine Menge Lichter an und nahm einen gro\u00dfen kupfernen Kessel, da paukte er mit Kochl\u00f6ffeln darauf, und nahm einen blechernen Trichter, darauf blies er die Trompete und schrie immer dazwischen: \u00bbVivat! es lebe Ihro Majest\u00e4t, der K\u00f6nig Rundumherum!\u00ab \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Als Labelang abends nach Hause kam und die vielen Lichter in seinem Schloss sah und das Vivatgeschrei h\u00f6rte, ward er ganz rasend vor Zorn und rannte mit solcher Wut gegen die T\u00fcre, dass er, da er \u00fcber das mit Zweigen bedeckte Loch laufen wollte, durchfiel und mit gro\u00dfem Geschrei in der Grube gefangen lag, welche Witzenspitzel dann mit Erde und Steinen \u00fcber ihm zuf\u00fcllte.<\/p>\n\n\n\n<p>Hierauf nahm Witzenspitzel den Schl\u00fcssel des Riesenschlosses und brachte ihn dem K\u00f6nig Rundumherum, der sich sogleich mit der K\u00f6nigin Flugs und ihrer Tochter, der Prinzessin Flink, und dem Witzenspitzel nach dem Schloss begab und alles betrachtete. Nachdem sie vierzehn Tage an allen den vielen Stuben, Kammern, Kellerl\u00f6chern, Dachluken, Ofenl\u00f6chern, Feueressen, K\u00fcchenherden, Holzst\u00e4llen, Speisekammern, Rauchkammern und Waschk\u00fcchen und dergleichen betrachtet hatten und fertig waren, fragte der K\u00f6nig den Witzenspitzel, was er zur Belohnung f\u00fcr seine treuen Dienste haben wollte: da sagte er, die Prinzessin Flink, und die war es auch zufrieden; da wurde Hochzeit gehalten, und Witzenspitzel und die Prinzessin Flink blieben auf dem Riesenschlo\u00df wohnen, wo sie bis auf diesen Tag zu suchen sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00e4rchen aus Italien &#8211; Clemens von Brentano Es war einmal ein K\u00f6nig von Rundumherum, der hatte unter seinen vielen andern Dienern einen Edelknaben, der hie\u00df Witzenspitzel, und er liebte ihn \u00fcber alles und \u00fcberh\u00e4ufte ihn mit tausend Gnaden und Geschenken; weil Witzenspitzel ungemein klug und artig war und alles, was ihm der K\u00f6nig zu verrichten [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[131,85],"tags":[],"class_list":["post-1410","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-clemens-von-brentano","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1410","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1410"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1410\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1412,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1410\/revisions\/1412"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1410"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1410"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1410"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}